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TRAIL LEGENDEN #4: Benneths alte Schuld

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Clem Cabot ist Cowboy auf der abgelegenen Benneth-Ranch. Er hasst dieses Land. Sein Mädchen Marion aber hängt so sehr an ihrem Stiefvater, dass Clem sie nicht von ihm fortbringen kann. Als Viehdiebe auftauchen, bricht die Hölle los. Aber nicht alle Männer, die kämpfen müssen, erfahren auch, wofür sie bald darauf ihr Leben opfern. Denn der Rancher Benneth hat Schatten aus seiner Vergangenheit auf der Fährte. Und irgendwann begreift auch er, dass man seine Schulden bezahlen muss. Selbst wenn es dabei um das eigene Leben geht!

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Ein Western von Heinz Squarra

Klappentext:

Roman:

TRAIL LEGENDEN

 

Band 4

 

Benneths alte Schuld

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Frank T. Johnson

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Clem Cabot ist Cowboy auf der abgelegenen Benneth-Ranch. Er hasst dieses Land. Sein Mädchen Marion aber hängt so sehr an ihrem Stiefvater, dass Clem sie nicht von ihm fortbringen kann. Als Viehdiebe auftauchen, bricht die Hölle los. Aber nicht alle Männer, die kämpfen müssen, erfahren auch, wofür sie bald darauf ihr Leben opfern. Denn der Rancher Benneth hat Schatten aus seiner Vergangenheit auf der Fährte. Und irgendwann begreift auch er, dass man seine Schulden bezahlen muss. Selbst wenn es dabei um das eigene Leben geht!

 

 

 

 

Roman:

Der Reiter neben Clem Cabot stieß einen kurzen, röchelnden Schrei aus und stürzte aus dem Sattel. Clem sah, dass sich der Mann noch mehrmals überschlug, bis er im wirbelnden Staub reglos liegenblieb.

Clem parierte seinen Falben, blickte immer noch zu dem Mann zurück, und dann zu den Reitern, denen sie über die Hochfläche vor dem Wald gefolgt waren. Die Reiter feuerten noch immer zurück. Manchmal bohrte sich ein Geschoss vor dem Falben in den Boden und ließ ihn erschrocken ausweichen.

Clem fluchte, legte die Winchester 66 wieder an und schoss. Aber das Pferd und er selbst waren zu unruhig, und so traf keine seiner Kugeln. Zwei Minuten später waren die Reiter schon so weit entfernt, dass er sie nur noch wie Schatten hinter dem treibenden Staub sehen konnte. Er feuerte noch einmal mit der Verbissenheit eines Mannes, der treffen wollte, aber es gelang ihm nicht.

Da hörte er hinter sich Hufschlag, blickte über die Schulter und ließ das Gewehr sinken.

Der Mann, der sich näherte, war über fünfzig Jahre alt und saß zusammengesunken im Sattel.

Clem Cabot stieg ab, ging zu dem Gestürzten zurück und wälzte ihn auf den Rücken. Blut rann dem Mann aus dem Mundwinkel. Er öffnete den Mund und bewegte die Lippen, aber er schien nicht sagen zu können, was sich auf seine Zunge drängte.

Da hielt der andere Reiter an. „Owen!“, stieß er hervor. „Verdammt, ist es schlimm?“ Er sprang wie ein viel jüngerer Mann aus dem Sattel und kniete sich in den Staub.

Clem richtete sich gerade auf. Owen Brash hatte einen dunklen Fleck auf dem Hemd, und das sagte Clem, dass sie ihn nicht lebend bis zur Ranch bringen würden, vor allem, wo Brash das Blut schon aus dem Mund lief.

„Owen, alter Junge, sag was!“, rief Dave Cory, der alte, ausgebrannte Cowboy hohl.

Clem lehnte sich gegen seinen Sattel, nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

„Owen, du wirst doch nicht schlapp machen!“, sagte der alte Cowboy zu dem Verletzten. „Wir haben die Rinder wieder, Owen. Jetzt ist doch alles in Ordnung! — Owen! — Clem, komm her!“

Clem Cabot stülpte den Hut auf und wandte sich um. Dave Cory starrte ihn mit offenem Mund an, blickte dann zu Owen Brash hinunter und schüttelte sich, als hätte er Fieber.

Clem sah, wie das Licht in den Augen des Verletzten brach. Dann rutschte Brashs Hand, die auf seinem Gürtel gelegen hatte, in den Sand. „Drück ihm die Augen zu“, sagte er. „Wir nehmen ihn mit zurück. — Ist Sam mit dem Boss bei den Rindern geblieben?“

„Ja.“ Cory stand auf. „Er ist zu schwer für mich, Clem.“

„Du meinst, du hast Angst, Dave.“ Clem hob den Toten auf und trug ihn zu seinem Pferd, das an einem dürren Busch stand und die Blätter abbiss. Er legte den Toten quer über den Sattel und band seinen Hosengurt am Sattelhorn fest. Dann wandte er sich um und blickte in den Staub, der sich bereits wieder lichtete. Die Banditen waren im Wald verschwunden.

„Hast du einen erkannt, Clem?“, fragte der alte Cowboy.

„Nein — keinen.“

„Aber du weißt, wie viele es waren?“

„Ich habe vier gesehen. Sie hätten die vielen Rinder niemals bis an die Bahnlinie bringen können.“ Clem stieg auf den Falben und lenkte ihn herum.

Der alte Mann saß ächzend auf, nahm die Zügel des dritten Pferdes und führte es im Kreis herum. „Ja, sie waren zu wenige“, meinte er. „Aber warum haben sie die Rinder dann gestohlen?“

„Was weiß ich“, gab Clem zurück. Er blickte auf den Toten, dessen Beine mit den Bewegungen des Pferdes wippten. „Komisch“, knurrte Dave Cory.

„Ja, sehr komisch.“

Zehn Minuten später ritten sie über eine sanfte Hügelkuppe und sahen unter sich die Herde; vierhundert Rinder, die zwei Männer nach Westen trieben.

Als sie bemerkt wurden, ließen die Männer von der kleinen Herde ab und kamen den Hügel herauf.

Matt Benneth, der grauhaarige, lederhäutige alte Smallrancher, erreichte Clem Cabot noch vor seinem Cowboy Sam Tanner, der mit fünfzig Jahren so alt wie sein Boss war. Er parierte sein Pferd, blickte erst Clem und dann Cory an.

Dave Cory zuckte die Schultern. „Sie sind alle entkommen“, brummte er. „Warum haben sie nur die Rinder gestohlen? Wegtreiben konnten sie sie zu viert doch nicht.“

„Was weiß ich.“ Der alte Rancher hob den Kopf des Toten hoch und ließ ihn gleich darauf wieder los. „Armer Junge“, murmelte er. „Das hat sich nicht gelohnt.“

Clem schaute in Benneths lederhäutiges, von zahllosen Fahlten zerrissenes Gesicht, sah aber darin keine Antwort auf das, was Cory gefragt hatte.

„Clem, du reitest voraus“, bestimmte der alte Rancher. „Marion ist ganz allein.“

„Ja, Boss.“ Clem nahm die Zügel kurz. „Soll ich ihn mitnehmen?“

„Es ist vielleicht besser“, meinte der Rancher.

 

*

 

Clem Cabot hielt die beiden Pferde vor dem einfachen Haus in dem Tal an, das der Colorado River durchströmte. Das Rauschen des Flusses, der am südlichen Talende etwa zwei Yard tief von einer felsigen Terrasse stürzte, war für einen Moment alles, was im Tal zu hören war. Dann öffnete sich die Tür der befestigten Hütte.

Ein blondes Mädchen, das ein graues Kattunkleid trug, kam aus dem Haus. Es schien seinem Schatten zu folgen, der von der Sonne in den Sand geworden wurde.

Als das Mädchen stehenblieb, glitt Clem aus dem Sattel und ließ die Zügel los.

„Es ist Brash“, sagte er. Seine Stimme klang gepresst und heiser. „Wir hatten die Herde schnell eingeholt. Die Banditen schienen uns erwartet zu haben. Sie schossen sofort. Es waren vier.“ Er schaute das Mädchen an und fragte sich, ob es Verlegenheit war, dass er so viel redete.

„Brash“, murmelte das Mädchen und kam näher. „Sie sind alle zu alt. Mein Vater auch. Die ganzen Jahre war Ruhe, da ging es, und mit den Indianern wurde mein Vater mit seinem Schnaps fertig. — Wieso sind denn auf einmal Banditen hier?“

„Was weiß ich, Marion. — Ich habe mich immer gewundert, dass ihr hier leben könnt. Ich meine, dass niemand etwas dagegen hat; in diesem weiten, unbesiedelten Land. Jetzt ist doch jemand gekommen, der etwas dagegen zu haben scheint.“

„Hast du die Banditen gesehen? — Ich meine, weißt du, wer sie sind?“

„Nein Marion.“

Das Mädchen streckte die Hand aus um den Toten zu berühren, zog sie aber dann hastig zurück, als habe es in Feuer gegriffen.

„Ich werde ihn beerdigen“, sagte er. „Hinter dem Haus, wenn es dir recht ist.“

Das Mädchen nickte. „Es ist ein hartes Leben“, sagte es unvermittelt, ohne ihn anzuschauen, „willst du deswegen irgendwann fort aus diesem wilden, unbesiedelten Land?“

„Es ist sehr einsam hier, Marion. Auch für dich!“

„Hier ist meine Heimat.“

„Hierher seid ihr doch auch erst vor ein paar Jahren gekommen.“

„Vor acht Jahren, Clem. Das ist doch eine lange Zeit. Dad hat alles selbst aufgebaut, was hier steht.“

„Aber er wird hier keinen Reichtum erringen. Er findet keine Leute und wird also auch nie große Herden haben. Die Männer haben Angst vor den Indianern. Vielleicht reicht ihnen der Schnaps deines Vaters eines Tages nicht mehr.“

„Sie waren seit Monaten nicht mehr hier, Clem! Es ist schon die Rede davon, dass sie eine Eisenbahnlinie von Denver nach Süden bauen wollen. Alles wird sich ändern.“

„Sicher, Marion. Aber wann?“ Er nahm das Pferd, auf dem der Tote lag und führte es um das Haus herum.

Als er den Toten abgeladen hatte, kam das Mädchen hinter das Haus. Es hatte einen Spaten in der Hand und blieb neben Clem stehen.

„Vier Mann haben die Rinder gestohlen und ein Stück fortgetrieben“, erklärte er. „Dann haben sie auf uns gewartet und geschossen, als wir kamen. Verstehst du das?“

„Nein.“

Clem nahm dem Mädchen den Spaten aus der Hand und schaute ihm dabei in die Augen. Das Grau darin schien dunkler geworden zu sein.

„Nein, Clem. Aber du verstehst es sicher?“

„Wenn es überhaupt einen Sinn hatte, dann den, uns zu töten. Zuerst hatte ich noch etwas Schlimmeres angenommen.“

„Was?“

Clem stieß den Spaten in den Boden, richtete sich wieder auf und blickte Marion Benneth abermals an. „Ich dachte an dich“, meinte er. „Natürlich viel zu spät, um noch umkehren zu können. Ich dachte, dass sie uns nur von hier weglocken wollen, damit du allein und wehrlos bist.“

„Aber wozu denn?“

„Es war ja nicht so.“ Clem warf die trockene Erde zur Seite und stieß den Spaten wieder in den Boden. Die Erde rutschte nach.

„Ich hole eine Schaufel“, meinte das Mädchen. „Damit geht es sicher besser.“

„Ja.“ Clem Cabot nickte dem Mädchen zu und schaute ihm dann aus spalteng zusammengezogenen Augen nach. Das dumpfe Brüllen der Rinder schallte schon bis ins Tal und wurde allmählich bedeutend lauter als das Rauschen des Powder River.

Marion Benneth kam mit einer Schaufel zurück, die sie Clem gab. Er grub weiter.

„Warum sollte man uns töten wollen?“, fragte Marion. „Wer kann denn etwas gegen uns haben?“

„Das weiß ich nicht.“ Ihm lief der Schweiß über das Gesicht und fiel in großen Tropfen in das Grab.

„Es waren weiße Männer?“

„Ja, ganz sicher. Aber ich würde keinen von ihnen erkennen. Sie waren zu weit von uns weg. Gerade, als wollten sie nicht erkannt werden.“

„Das verstehe ich nicht.“

Clem schwieg und grub verbissen tiefer. Dann sprang er in die Grube und warf die Erde auf den Haufen, der sich allmählich gebildet hatte.

Das Mädchen lehnte an der Hüttenwand im Schatten und schaute ihm mit verschränkten Armen zu.

„Hol eine alte Decke“, sagte er.

„Wozu?“

„Wir wollen ihn einwickeln.“

Das Mädchen verschwand. Clem grub weiter. Die Arme begannen ihm schon zu schmerzen. Dann, als Marion zurückkam, kletterte er aus der Grube und nahm dem Mädchen die dicke Pferdedecke aus der Hand.

„Er hat fünf Jahre hier gearbeitet“, murmelte das Mädchen heiser. „Er war wie ein Freund, Clem.“

„Alle sind hier wie Freunde, Marion. Das ist in der Wildnis so. Die Freundschaft wird größer, um so tiefer man in die Wildnis vorstößt. Aber auch der Hass wird größer.“

„Hass?“

„Ja, Marion.“

„Aber es gibt hier niemanden, der uns hasst. Woher sollte er denn auf einmal kommen? — Jetzt, nach so vielen Jahren?“

Er schaute sie an, blickte dann in das Grab und fragte sich, ob es schon tief genug war. Dann sprang er wieder in die Grube hinunter und hob noch mehr Erde aus.

Eine halbe Stunde später rollte Clem den Toten in die Pferdedecke und winkte dem Mädchen, ihm zu helfen.

Marion bückte sich. Clem sah, dass ihre Hände zitterten, als sie die steifen Beine des Toten packten.

„Du musst die Zähne zusammenbeissen“, sagte er. „Ein Stück zu mir!“

Das Mädchen half mit gerötetem Gesicht.

„So, jetzt vorsichtig in die Grube“, sagte Clem, kniete sich und ließ den Toten, den er an den Schultern festhielt, in das Grab gleiten.

Marion kniete sich ebenfalls. Aber als sie die Beine des Toten ins Grab heben wollte, öffneten sich ihre Finger. Marion stieß einen leisen Schrei aus und schlug die Hände vors Gesicht.

Clem Cabot ließ den Toten los, stand auf, hob das Mädchen hoch und schob es an die Hüttenwand.

„So schwach bin ich doch gar nicht!“, stieß das Mädchen hervor.

„Das sind nur die Nerven, Marion. Die Wildnis frisst an den Nerven. Wenn du es nicht sehen kannst, dann geh vors Haus. Die anderen müssen jede Minute ins Tal kommen.“ Er wandte sich ab, griff nach der Schaufel und schob die trockene Erde in die Grube hinunter.

Als er fertig war und den flachen Grabhügel mit dem Rücken des Spatens festschlug, lehnte Marion Benneth immer noch an der Wand und schaute ihm zu. Dann richtete sich Clem auf und trat zurück. Er hatte nun auch das zweite Grab in seinem Blickfeld.

„Wie lange ist deine Mutter schon tot, Marion?“, fragte er.

„Vier Jahre. — Sie war nicht lange mit Dad verheiratet, Clem. Nur fünf Jahre. Nicht einmal ganz. Und sie hatte gehofft, es würde hier draußen ein ganz neues Leben werden. Überall hatten sie uns herumgestoßen und nicht dulden wollen. Alle lachten meine Mutter aus. Dann kam Matt Benneth und nahm sie mit. Sie und mich auch; ohne Fragen zu stellen.“

Clem kniete sich und schlug den Grabhügel wieder fest, aber er tat es nur, um sich mit etwas beschäftigen zu können und nicht antworten zu müssen.

Auf einmal kniete das Mädchen neben ihm und legte die Hände auf die Erde. „Er stellte keine einzige Frage!“, stieß Marion hervor. „Ich weiß es genau; damals wurde ich gerade zwölf.“

„Ja, Marion.“

„Meine Mutter hat in den Saloons getanzt und gesungen. Und vielleicht wusste sie selbst nicht, wer mein richtiger Vater ist. — Matt Benneth hat nie danach gefragt.“

„Er ist ein sehr guter Mann, Marion.“ Clem stand wieder auf. „Aber warum ging er bis hierher ins nördliche Texas?“

„Er lernte meine Mutter in Nebraska kennen. In einem armseligen Nest, aus dem wir wahrscheinlich nie mehr herausgekommen wären. Er sagte, man würde eine Eisenbahn bis ans andere Meer bauen, und bald würden überall Menschen leben und arbeiten. Auch hier. — Heute ist die Eisenbahn Wirklichkeit.“

„Ja, Marion. Aber wir sind noch weit davon entfernt. Die Eisenbahn ist wie eine Straße durch die Wüste. Auf der Straße ist man sicher und trifft Menschen. Aber rechts und links der Straße trifft man niemanden, und der Tod lauert überall.“

 

*

 

Clem Cabot setzte sich auf die Bank vor dem Haus und rollte sich eine Zigarette, während er zu dem großen Korral hinüberschaute, in dem die Pferde standen. Es waren fünfzig Pferde; ein kleines Vermögen. Clem riss ein Schwefelholz an der Trommel seines Colts an und steckte die Zigarette in Brand. Er musste an die Soldaten denken, die immer wieder gekommen waren und Kaufverträge über die Pferdeherde hatten machen wollen. Bis fünfzigtausend Dollar hätte Benneth aus der Herde herausschlagen können. Aber er wollte nicht verkaufen, weil die Herde der Ausdruck seines Rechtsanspruches auf das Tal und sein Leben in diesem entlegenen Land war. Und das bedeutete ihm mehr als bares Geld.

Marion kam um das Haus herum und setzte sich neben ihn. Clems Blick wanderte zu dem hier sehr schmalen Fluss weiter. Dort wo er von der Felsterrasse in der Mitte des Tales sprang, leuchteten jetzt Sonnenstrahlen und zauberten die Farben eines kleinen Regenbogens in die klare Luft.

„Ist es nicht schön, dieses Land?“, fragte Marion.

„Ja.“

„Du bist noch weiter im Norden gewesen, Clem.“

„Wir waren in den Bergen von Colorado und suchten Gold, Marion. Aber wir wollten nur ein paar Wochen, höchstens für einen Sommer bleiben. Das ist der Unterschied.“

„Und wieso bist du dann hiergeblieben, als du zurückkamst?“

Er schaute sie an und lächelte. „Wegen dir. Und weil wir nichts gefunden hatten. Ich musste irgendwas tun. Aber ich wollte eigentlich nie bleiben.“

„Jetzt bist du schon ein ganzes Jahr hier.“ Das Mädchen stand plötzlich auf und schaute auf die Hügelkuppe im Westen, über die in diesem Moment die ersten Rinder kamen.

Staub wehte über den langgestreckten Hügelrücken und wallte ins Tal herunter.

„Ist es nicht ein herrlicher Anblick — dieses Leben?“

„Manchmal denke ich, ihr seid alle Träumer“, knurrte Clem.

„Wieso denn? — Eines Tages werden es hundert Pferde sein. Dann zweihundert! Die Indianer tun uns doch nichts.“

Clem zog an der Zigarette, blies den Rauch aus dem Mund und schaute ihm nach, wie er zerflatterte. „Dein Vater und die Cowboys sind alte Männer, Marion. Denkst du auch daran? Die jungen Männer, die sich hier sehen lassen, wollen in die Berge.“ Er nickte zu den fernen Hängen im Westen. „Sie wollen ihr Glück machen und dann unter Menschen zurück, Marion!“

Das Mädchen stand abrupt auf und ging zu dem großen Pferdekorral hinüber.

Das Knallen von Peitschen schallte über den Hügel. Immer mehr Rinder wälzten sich in das Tal. Dann tauchte rechts der Herde ein Reiter in der Staubwand auf, und Clem Cabot sah die Peitsche durch die Luft tanzen. Dann schlug das scharfe Knallen an seine Ohren.

Marion lehnte sich gegen einen Pickettpfahl und schaute auf die Pferde, die das Knallen der Peitschen und das Stampfen der Hufe nicht zu beunruhigen schien. Das blonde Haar des Mädchens leuchtete im Sonnenlicht. Clem wusste auf einmal, dass er nicht allein von hier fortgehen würde. Er wollte sie mitnehmen.

Aber da waren die alten Männer noch; Cowboys, die anderswo keinen Job fanden, und Matt Benneth, der mit einer Menge Geld in die Wildnis gegangen war — mit einer Frau, die die Welt verstoßen hatte und mit deren Tochter.

Er stand auf, griff nach seinem Gewehr, das an der Hauswand lehnte, und ging in die große Hütte hinein. Neben der Wasserpumpe am Fenster lehnte er das Gewehr wieder an die Wand und setzte die Pumpe in Bewegung. Er wusch sich im kalten Wasser, trocknete sich ab und ging mit dem Gewehr wieder hinaus. Hier tat man alles mit dem Gewehr in der Hand.

Matt Benneth kam um die Herde geritten und hielt bei seiner Tochter an. „Mach was zu essen, Marion!“, hörte Clem ihn rufen. „Wir sind hungrig.“

Das Mädchen nickte und kam zum Haus.

Benneth stellte sich in die Steigbügel und winkte den beiden Reitern, die die Herde hinter den Korral trieben. „Lasst sie laufen!“, schrie er. „Lasst sie laufen, Männer!“

Vielleicht war auch Benneth längst zu alt, um sich anderswo, wo Menschen waren, behaupten zu können. Vielleicht war er deswegen bis hierher in die Wildnis gegangen.

Marion ging an Clem vorbei und verschwand in der Hütte.

Benneth saß am Korral ab. Die beiden anderen Männer ritten zu ihm.

Benneth sagte etwas zu ihnen, aber Clem verstand ihn nicht. Dann kam der Rancher zum Haus.

Der Mann mit dem lederhäutigen Gesicht blieb vor Clem stehen.

„Ich habe Brash hinter dem Haus beerdigt“, sagte Clem. „Neben Ihrer Frau, Boss. Marion hat mir geholfen. Es scheint ihr ganz schön an die Nieren gegangen zu sein.“

Benneth zog die Augen zusammen. „Ist nicht so einfach, sich an das Land zu gewöhnen“, fuhr Clem fort. „Vor allem für eine Frau.“

Benneth knurrte etwas Unverständliches und ging in die Hütte.

Clem setzte sich wieder auf die Bank und schaute den Männern zu, die am Korral ihre Pferde absattelten. Dann stand er plötzlich auf und ging zu ihnen hinüber.

Dave Cory wuchtete eben seinen schweren McClellanSattel auf die oberste Latte des Korrals, wandte sich dann um und starrte Clem Cabot an. „Ich weiß schon, was du sagen willst“, knurrte er. „Ist doch immer das gleiche. Aber wir können dir nicht helfen, das Mädchen von hier fortzubringen.“

„Ihr könnt selbst nicht fort, was?“

„Stimmt, Clem!“

„Brash glaubte auch, er könnte nicht fort. Nun kann er es wirklich nicht mehr. Er liegt hinter dem Haus, Dave. Dort ist noch Platz für ein paar Gräber.“

Der krummgezogene Mann mit dem faltigen Gesicht und dem grauen Haar, kniff die Augen zusammen.

„Du hast erzählt, du wärst früher in Texas Cowboy gewesen, Dave.“

„Stimmt, hab ich erzählt. Und es ist die Wahrheit. Als wir nach Abilene trailten, wusste ich, dass ich schon zu alt dafür bin.“

„Hattest du Feinde?“

„Feinde? — Wie kommst du denn darauf?“

„Kann es jemanden geben, der dich sucht?“, fragte Clem.

„Nein, bestimmt nicht!“

„Und Sam? Mit ihm warst du doch zusammen. Wie ist es bei ihm?“

„Er hat nie Feinde gehabt, das weiß ich genau. — He, Sam, sag ihm, dass du nie Feinde gehabt hast!“

„Der soll mich mit seinen verdammten Fragen in Ruhe lassen!“, knurrte Sam Tanner.

„Ihr solltet nachdenken, verdammt!“, stieß Clem Cabot hervor. „Man treibt doch nicht einfach Rinder weg und schießt dann einen Cowboy zusammen!“

„Die wollten das Vieh stehlen“, meinte Sam Tanner. „Sie dachten, wir würden es nicht wagen, sie zu verfolgen.“

„Quatsch, sie mussten damit rechnen, verfolgt zu werden. Und sie hatten schon von der Herde abgelassen, als wir kamen. Sie wollten die Rinder nicht.“

„Was denn dann?“, fragte Tanner.

„Unser Leben. Sie haben genau gezielt.“ Clem wandte sich ab und ging zum Haus zurück.

„Verrückt!“, zischte Tanner.

„Verrückt oder nicht, Owen ist tot“, knurrte Dave Cory.

Clem Cabot setzte sich wieder auf die Bank vor dem Haus und blinzelte gegen die im Westen stehende Sonne, die auf den fernen Graten der Berge zu liegen schien.

Benneth kam aus dem Haus, blieb breitbeinig stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Wir werden nachts wachen müssen“, brummte er. „Sonst stiehlt uns die Bande das Vieh doch noch. In Denver zahlen sie in diesem Sommer achtunddreißig Dollar für ein Hereford.“

Clem nickte. Er schaute den Mann neben sich an und hatte die Frage auf der Zunge, die er den anderen gestellt hatte. Aber dann verschluckte er sie. Benneth war ein alter, entgegenkommender, aber dennoch sehr harter Mann, der nur sagte, was er sagen wollte, und kein Wort mehr.

Marion kam aus dem Haus. Als sie stehenblieb, fiel ihr Schatten auf Clem. „Wenn wir wieder angegriffen werden, muss das Mädchen fort“, sagte Cabot. „Es wird dann zu gefährlich für sie.“

„Angegriffen?“

„Ja.“

„Die wollten das Vieh stehlen! — Ich weiß, was du sagen willst. Vier Mann sind genug für vierhundert Rinder, und sie sind nicht zu viele, wenn geteilt werden muss.“

„Dreitausendachthundert für jeden, ich weiß“, entgegnete Clem. „Aber sie sind mit der Herde nach Westen. Die Eisenbahn ist im Norden.“ Er stand auf.

„Ja“, sagte Marion. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht, Dad. Clem hat recht!“

„Ach was. Die Kerle wollten nur ein paar Hügel umgehen. — Wie weit ist das Essen?“

Marion zuckte die Schultern und ging wieder ins Haus.

Benneth schaute Clem Cabot an. „Wenn du Angst hast, ich halte niemanden“, knurrte er.

Clem ging zum Schuppen hinüber und kam mit einem Brett zurück. Er setzte sich auf die Bank, lehnte sein Gewehr an die Wand, zog das Messer aus dem Stiefelschaft und begann Owen Brashs Namen in das Brett zu ritzen.

 

*

 

Clem Cabot kam um die Hütte herum und blieb jäh stehen. Die Dunkelheit hüllte das Tal bereits ein, aber über den Hügeln war es noch hell. Zwei Reiter hoben sich scharf vom Himmel ab.

Clem nahm das Gewehr in die rechte Hand und repetierte es. Das scharfe Geräusch schien bis ins Haus zu schallen, denn dort verlosch schlagartig das Licht.

In der nächsten Sekunde leckten Mündungsflammen vom Hügel im Westen ins Tal herunter. Das Knallen überschallte das Rauschen des Flusses. Pferde wieherten, aber das anhaltende Knattern der Schüsse war lauter.

Die Haustür flog auf.

„Was ist los?“, schrie Benneth.

„Reiter, dort oben!“, rief Clem, riss das Gewehr an die Schulter und feuerte. Er repetierte die Waffe und feuerte wieder. Da warfen die Reiter ihre Pferde herum und verschwanden wie Schemen.

„Zu den Pferden!“, schrie Benneth. „Los, sie dürfen nicht entkommen!“ Er rannte vorwärts und wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Die beiden anderen Männer kamen aus dem Haus gerannt und stürmten hinter ihrem Boss her. Dann tauchte Marion auf, die hilflos auf Clem schaute.

Er sah sie ein paar Herzschläge lang an, dann wandte er sich ab und folgte den anderen.

„Verdammt“, hörte er Dave Cory sagen. „Drei sind tot. Warum haben sie nur auf die Pferde geschossen?“

„Es ist doch sehr einfach, sie zu töten“, sagte Clem. „Sie stehen dicht beisammen.“

„Sattelf die Pferde!“, schrie Benneth wie von Sinnen vor wilder Wut. „Hört ihr nicht!“

„Wir finden jetzt doch keine Spuren“, sagte Clem. „Wir reiten höchstens in eine Falle.“

„Ja“, stimmte Cory sofort zu. „Clem hat vollkommen recht, Boss. Wir haben keine Chance, die Kerle zu finden.“

Wütend fluchend hing der Rancher die Fenz aus und lief in den großen Korral hinein, vorbei an den toten Pferden und den anderen Tieren entgegen die am anderen Ende zusammengedrängt standen und ängstlich schnaubten.

„Können einem richtig leid tun, die Tiere“, knurrte Tanner.

Clem folgte seinem Boss.

„Ein Lasso!“, schrie Benneth. „Los, hol ein Lasso, damit wir die Tiere einfangen können!“

Clem schob Patronen in den Füllschlitz seiner Winchester 66.

„Hörst du nicht?“, stieß Benneth hervor.

„Es hat keinen Sinn, Boss. Wir finden jetzt bestimmt keine Spuren.“ Clem schlenkerte das Gewehr mit dem Kolben über die Schulter. „Und die Kerle wissen das auch. Sonst wären sie nicht gekommen.“

„Was wollen die nur von mir?“

Clem stellte das Gewehr mit der Kolbenplatte auf den Boden und legte die Hände auf dem Lauf übereinander. „Weißt du es nicht?“, fragte er, während er den alten Mann scharf beobachtete. „Ich? — Woher sollte ich es wissen?“

„Ich dachte, du wüsstest es.“ Clem wandte sich ab und zog das Gewehr hinter sich her.

„Wie bringen wir denn die toten Gäule weg?“, fragte Tanner.

„Mit anderen Gäulen“, sagte Clem. „Das gibt ’ne Menge Arbeit. Wir werden ein paar Lampen brauchen.“

Er ging weiter, Marion stand noch immer in der Dunkelheit vor dem Haus, und ihr Gesicht leuchtete Clem Cabot wie ein grauer Klecks entgegen.

„Vielleicht hast du recht“, murmelte das Mädchen. „Aber ich verstehe das alles nicht. Es ist so sinnlos! Niemand hat etwas davon, wenn die Pferde erschossen werden. Niemand, Clem!“

„Ja, Marion. Vielleicht hat es aber doch einen Sinn, und wir erfahren ihn noch. Wir brauchen Lampen.“

 

*

 

Es war kurz vor dem Hellwerden, als die Männer taumelnd zum Haus gingen und darin verschwanden.

„Dad?“, fragte die verstörte Stimme des Mädchens im Haus.

„Ja, Marion. Mach deine Tür zu und schlaf!“

„Seid ihr fertig?“

„Ja, mein Kind. Schlaf nur!“

Clem lehnte sich neben der Tür an die Wand und blickte in das tiefe Schwarz, das das Tal beherrschte.

Cory, der als letzter kam, blieb bei ihm stehen. „Und nun?“, sagte er. „Können wir nun endlich schlafen?“

„Woher soll ich das wissen“, gab Clem Cabot zurück. „Vielleicht sind die Kerle im Tal und warten. Wir können doch gar nicht kontrollieren, was Benneth alles hat, auch wenn es nicht sehr viel ist.“

„Boss, müssen wir noch wachen?“, rief Cory ins Haus.

Benneth kam heraus. Grau schimmerte sein Gesicht unter einer dicken Schweißschicht.

„Ich bleib hier und wache“, sagte Clem. „Geht nur und schlaft! Ihr könnt es gebrauchen.“ Er packte sein Gewehr fester, stemmte sich von der Wand ab und ging in das Tal hinein.

Hinter ihm verlosch die letzte Lampe. Dann fiel die Haustür mit einem dumpfen Knall zu.

Clem lief am Korral vorbei. Die Pferde standen noch immer dicht beisammen und schnaubten manchmal, dass es klang, als würden sie miteinander sprechen.

Cabot lief bis zum Fluss und ging dort in die Hocke. Er legte das Gewehr neben sich und tauchte die Hände ins kalte Wasser. Er spürte, wie die Kälte ihn belebte und die Trägheit aus seinem Körper zu verjagen begann.

Nach ein paar Minuten zog er die Hände zurück, griff nach dem Gewehr und stand auf. Er lief durch den seichten Sand, in den sich seine Spur eindrückte und hinter ihm mit Wasser füllte.

Vor ihm standen Büsche, die sich bis ins Wasser schoben. Er wollte ihnen schon ausweichen, als er sah, wie sich das Geäst bewegte, während die Geräusche, die dabei entstanden, im Rauschen des Flusses untergingen. Clem warf sich zur Seite. In der gleichen Sekunde fuhr schon ein Flammenblitz aus dem Geäst.

Cabot hörte das Pfeifen der Kugel und den Einschlag hinter sich im Sand. Er sprang wieder auf, schlug das Gewehr an der Hüfte an und schoss, während er vorwärtsrannte und in das Dickicht hineinsprang.

Blätter und Zweige flogen umher. Nur als Schatten sah Clem einen Mann, der fortrennen wollte. Er stieß ihm das Gewehr nach, hörte den Mann schreien und sah ihn taumeln. Da warf er sich mit einem Hecht vorwärts. Seine ausgestreckten Hände packten den Kerl an den Schultern, und sie kamen beide zu Fall. Clem hatte losgelassen und rollte über die Schulter. Er sah den Mann wieder aufspringen, griff zu, packte das Bein des Kerls und zerrte daran.

Das große Spornrad des Fremden kratzte über Clem Cabots Arm. Er stieß einen Schrei aus, und seine Hände öffneten sich.

Aber im nächstem Augenblick sprang er bereits wieder auf und hastete hinter dem Mann her, der zu fliehen versuchte und durch das nächste Dickicht sprang.

Da hatte Clem ihn wieder eingeholt, packte ihn am Gürtel und riss ihn zurück. Er wollte ausholen, als der Mann herumfuhr und mit dem Revolver zuschlug, den er in der Hand hielt. Die Waffe traf Clem ins Gesicht und warf ihn rückwärts. Er stürzte zu Boden. Ihm war, als würden die weit entfernten bleichen Sterne auf ihn stürzen. Wie aus endloser Feme hörte er ein Pferd wiehern. Dann schlug prasselnder Hufschlag an seine Ohren.

Er biss die Zähne zusammen, wälzte sich auf den Leib und stützte die Hände auf. Ächzend kniete er sich und kroch zum Wasser hinunter, in das er den Kopf tauchte.

Der Hufschlag verklang irgendwo.

Clem tauchte den Kopf wieder ins Wasser. Die Benommenheit klang ab, aber der Schmerz in seinem Gesicht war immer noch da. Er stand taumelnd auf und schleppte sich zu seinem Gewehr zurück. Als er sich danach bückte, stürzte er auf die Knie. Das Wasser lief ihm aus den Haaren und hinter den Kragen. Er stellte das Gewehr und zog sich daran in die Höhe.

„Clem?“, rief jemand.

Steif wandte er sich um und lief auf das Gewehr gestützt um das Dickicht herum.

Er war nicht weit gekommen, als vor ihm eine kleine, krumme Gestalt aus dem Dunkel auftauchte. Clem blieb stehen.

„Bist du es?“ fragte Dave Cory.

„Ja. Sie wollen uns offenbar keine Ruhe geben. Diesmal war es nur einer.“

Hinter Cory tauchte ein zweiter Mann auf. Clem erkannte, dass es der Rancher war.

„Alles in Ordnung, Junge?“, knurrte Benneth.

„So ziemlich.“ Clem schleppte sich weiter.

„Du hättest beim Haus bleiben sollen“, meinte der Rancher. „Dort sind wir schon sicher.“

Clem schleppte sich an ihm vorbei und am Korral entlang. Als er die Hütte erreichte, stand Marion davor. Ihr ängstlicher Blick war auf ihn gerichtet. Clem schob sie zur Seite und ging in die Hütte hinein. Er drehte den Docht der Lampe über dem Tisch höher und setzte sich.

„War es nur einer?“, fragte Marion, die ihm gefolgt wär.

„Ich hab nur einen gesehen.“

„Hast du sein Gesicht gesehen?"

„Nein. Denkst du, ich würde ihn kennen?“

„Marion setzte sich ihm gegenüber am Tisch nieder. „Ich weiß nicht, was ich denken soll“, erwiderte sie. „Du doch auch nicht?“

„Nein. Aber wir werden es bestimmt erfahren, wenn wir lange genug leben.“

 

*

 

Die Morgensonne stahl sich durch die Fenster und die offenstehende Tür in die Hütte herein.

Marion stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. „Da ist noch mehr“, sagte sie. „Dad, noch eine Tasse?“

„Ja“, brummte der Rancher.

Clem gähnte und rieb sich über die Augen.

Draußen ging Cory vorbei.

„Jedenfalls hat der Kerl bestimmt nicht aus Spass auf mich geschossen, Boss“, meinte Clem.

„Die Bande will was“, brummte Tanner. „Vielleicht nichts weiter, als uns Angst machen?“

„Angst?“, fragte Benneth.

„Ja, kann doch sein. Angenommen, wir werden vollkommen kopflos und reiten fort. Dann brauchen die Kerle das Tal nur zu nehmen. Hier draußen kräht doch kein Hahn danach, wem was gehört.“

Benneth strich sich über die Stirn und starrte dann in seine leere Tasse. „Warum schenkst du denn nicht ein?“, fuhr er das Mädchen an.

Marion zuckte zusammen, griff nach der Kanne und füllte die Tasse des alten Mannes.

„Quatsch“, brummte Benneth. „Die Ranch gehört mir! Das wissen die Leute in Midwest.“

„Von denen war noch keiner hier, solange ich da bin“, mischte sich Clem ein. „Die interessieren sich ganz bestimmt nicht dafür, wer ihnen mal einen Wagen, mal einen Sack Mehl oder eine Tüte Salz abkauft. Wenn es nur überhaupt jemand kauft.“

„Er hat recht“, gab Tanner zu. „Keinen interessiert das. Die Leute wollen nur Geld haben.“

Benneth schlürfte den heißen Kaffee. „Nehmt euch noch“, brummte er „Wird sonst kalt. Cory, willst du noch Kaffee?“

„Nein“, rief der alte Cowboy herein.

Clem stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus. Die Rinderherde hatte sich weit über das Tal verstreut. Die meisten Tiere standen jetzt am Fluss oder darin. Clem ging wieder zurück, setzte sich und füllte seine Tasse.

„Wir bleiben hier beim Haus“, meinte der Rancher. „Marion, wo ist denn der Zucker schon wieder? Lass ihn doch hier stehen! Du weißt doch, dass er den Kaffee nur mit Zucker trinkt.“

Marion stellte die Blechdose, in der der Zucker war. Wieder auf den Tisch und lächelte Clem müde an. „Ich hatte nicht daran gedacht“, meinte sie.

„Schon gut,“ Clem löffelte Zucker in seine Tasse.

„Ein Reiter kommt!“ rief Corv draußen. „Von Süden!“

Tanner und Benneth sprangen gleichzeitig in die Höhe. Das Mädchen zuckte zusammen.

Clem rührte in seiner Tasse, während die beiden alten Männer zur Tür stürzten und die Hütte verließen. Marion ging zögernd zum Fenster. Draußen repetierte Cory sein Gewehr.

„Abwarten“, knurrte der Rancher. „Der scheint herkommen zu wollen.“

„Und er scheint allein zu sein“, setzte Tanner hinzu. „Mein Gott, sieht der aus!“

„Clem, sieh nur!“, rief das Mädchen.

„Wenn er herkommt, sehe ich ihn schon“, sagte Clem und trank den Kaffee.

Der Rancher kam wieder herein und holte sein Gewehr. Dann verließ er die Hütte abermals.

Als Clem seine Tasse ausgetrunken hatte, stand er auf und ging zu dem Mädchen am Fenster. Auf der Terrasse, von der der Fluss stürzte, hielt ein Reiter, der auf einem struppigen braunen Klepper saß: Der Mann war von großer und hager wirkender Gestalt und trug einen schwarzen Bart, der sein Gesicht fast völlig verdeckte. Auf dem Kopf hatte er einen Zylinder, der ein paar Löcher hatte und so schmutzig wie die ganze übrige abgerissene Kleidung des Mannes aussah.

Der Mann setzte das Pferd in der nächsten Sekunde wieder in Bewegung und ritt neben den Felsen in die untere Talhälfte herunter. Er kam auf das Haus zu.

Draußen schoben sich Tanner und Cory etwas von der Hütte weg und stützten sich auf ihre Gewehre.

Der fremde Reiter kam näher. Als er die Büsche hinter sich hatte und am Korral entlangritt, war er noch besser zu erkennen. Seine Weste war aufgerissen und Futter lugte aus ihr. Sein Hemd war zerfetzt, verwaschen und über und über voller Schmutz und dunkler Schweißflecken. Schmutzig und zerrissen sah auch seine gestreifte Röhrenhose aus. Er trug spröde Schnürschuhe, an die er Sporen geschnallt hatte, die in runden Kugeln endeten.

Der alte Klepper, ein durchgebogenes Pferd, dem die Rippen durch das Fell stachen, kam vor dem Haus zum Stehen. Der Mann grinste, was jedoch nur in seinen Augen zu erkennen war. Er nahm den Zylinder vom Kopf und deutete eine Verbeugung an.

„Einen schönen guten Morgen“, meinte er.

Clem sah, dass das Haar des Mannes von vielen grauen Strähnen durchzogen war. Er musste so alt wie die Männer dieser Ranch sein, oder nur unwesentlich jünger.

„Darf man absteigen?“, fragte der zerlumpte Mann. „Ich bin weit geritten, Gentlemen.“

„Steigen Sie ab“, brummte Benneth unfreundlich. „Dave, halte dem Gent das Pferd.“

Cory ging auf das Tier zu und griff nach dem Kopfgeschirr.

„Vielen Dank“, murmelte der Mann und stülpte den zerfledderten Zylinder wieder auf den Kopf. „Recht vielen Dank, Mister. Übrigens, mein Name ist Laugham. Shad Laugham.“

Benneth kniff die Augen zusammen. Der Fremde stand auf dem Boden und machte zwei Kniebeugen. Dann grinste er Benneth an. „In unserem Alter sollte man das tun, Mr. Benneth. Ich habe in Midwest von Ihnen gehört. Sie sollen der einzige Siedler hier draußen sein. Sehr einsam, was?“

„Es geht“, knurrte Benneth. „Wir waren gerade beim Frühstück. Wenn Sie Hunger haben ...“

„Oh, sehr freundlich.“ Laugham nahm den Zylinder wieder ab. Als er sich umwandte, schien er Marion und Clem erst zu sehen. Er verbeugte sich. .„Was für ein hübsches Mädchen. Ihre Tochter, Mr. Benneth? Ah, sie ist es. Man hat in Midwest auch von ihr erzählt. Sie soll das hübscheste Mädchen am Colorado River sein. Sicher nicht übertrieben.“

„Kommen Sie ins Haus“, knurrte Benneth. „Dave, schaff das Pferd in den Korral und sattle es ab!“

Clem Cabot wandte sich um, als der zerlumpte Mann vor Benneth ins Haus kam. Laugham rieb die Hände aneinander, als er den Tisch sah.

„Sehr gut“, lobte er, setzte sich und griff nach der Tasse, die ihm am nächsten stand.

„Die gehört mir“, sagte Clem. „Aber lassen Sie sich nur nicht stören, Mr. Laugham.“

Der zerlumpte Mann schaute ihn an und schien schärfer zu blicken. Er hatte bernsteinfarbene Augen, aus denen für einen Moment helle Blitze zu schießen schienen. In der nächsten Sekunde grinste er schon wieder.

Benneth setzte sich auf seinen Stuhl und blickte den Fremden an. „Wohin geht die Reise?“

Der fremde Mann zuckte die Schultern. „Weiß noch nicht.“

Marion schenkte dem Mann Clems Tasse voll und schob ihm die Zuckerdose daneben.

„Sie müssen doch wissen, wohin sie wollen“, knurrte Benneth.

„Nein, Mr. Benneth. Ich weiß nur, was ich will.“

„Und was ist das?“

„Gold. Ich suche Gold, Mr. Benneth.“

Der Rancher stand wieder auf. „Da sind Sie hier falsch“, meinte er.

„Sind Sie so sicher?“

Der Rancher hatte sich schon halb abgewandt, fuhr aber nun wieder herum. „Was soll das heißen?“, stieß er hervor.

„Nichts von Bedeutung.“ Laugham schüttete Zucker aus der Dose in seine Tasse und rührte mit dem Finger um, den er dann ableckte, wobei er den Rancher ein wenig verlegen angrinste.

Clem ging zur Wand und lehnte sich dagegen. Er klemmte eine Stiefelsohle gegen das Holz und verschränkte die Arme vor der Brust.

Laugham trank und nickte dem Mädchen schmatzend zu.

„Er wird auch Hunger haben“, brummte Benneth.

„Ich brauche unbedingt ein anderes Pferd“, sagte der Fremde. „Sie haben viele Pferde.“

„Und gute“, knurrte der Rancher unfreundlich.

„Ja, sehr gute Pferde, Mr. Benneth. Darum kann man Sie direkt beneiden. Bekomme ich von Ihnen ein anderes Pferd?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923117
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
trail legenden benneths schuld

Autor

Zurück

Titel: TRAIL LEGENDEN #4: Benneths alte Schuld