Lade Inhalt...

Das Rätsel von Topas

©2018 169 Seiten

Zusammenfassung


Er merkte nichts davon — aber vermutlich war die relativ kleine CLAIRMONT jetzt bereits so groß wie ein ganzes Sonnensystem! Und dieses Phänomen würde sich rasend schnell weiter fortsetzen, bis das Hyperschirmfeld endgültig zusammenbrach. Schiff und Besatzung würden sich unaufhaltsam bis ins Unendliche ausdehnen, dabei jeden molekularen und selbst atomaren Zusammenhang verlieren und schließlich ganz aufhören, zu bestehen ...
2266 — Jahrhunderte nach unserer Zeit. Die Menschheit hat das All erobert, und der Handel zwischen den Welten blüht. Die CLAIRMONT, ein kleines Handelsschiff, ist unterwegs nach Rigel VI, als es im Hyperraum zu einem folgenschweren Zwischenfall kommt.
Ein Wesen aus einer höheren Dimension greift ein, das Schiff und die sechs Mann Besatzung werden gerettet. Doch als sie wieder den Normalraum erreichen, wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Sie sind an den Rand der Galaxis verschlagen worden, wo vor ihnen noch nie ein Mensch war ...
Sie finden einen Planeten und nennen ihn Topas. Doch als sie ihn anfliegen, tauchen plötzlich fremde Raumschiffe auf, kreisen die CLAIRMONT ein und verlegen ihr den Weg. Der Planet unter ihnen gibt ihnen Rätsel auf, doch als sie die Lösung erfahren, stehen sie fassungslos einer Tatsache gegenüber, die sie fast verzweifeln lässt.
Die sechs Männer können nicht ahnen, dass sie vom Schicksal dazu ausersehen sind, den Kampf um die Galaxis in einer fernen Zukunft entscheidend zu beeinflussen ...

Leseprobe

Table of Contents

Das Rätsel von Topas

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

Das Rätsel von Topas

SF-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 169 Taschenbuchseiten.

 

Er merkte nichts davon — aber vermutlich war die relativ kleine CLAIRMONT jetzt bereits so groß wie ein ganzes Sonnensystem! Und dieses Phänomen würde sich rasend schnell weiter fortsetzen, bis das Hyperschirmfeld endgültig zusammenbrach. Schiff und Besatzung würden sich unaufhaltsam bis ins Unendliche ausdehnen, dabei jeden molekularen und selbst atomaren Zusammenhang verlieren und schließlich ganz aufhören, zu bestehen ...

2266 — Jahrhunderte nach unserer Zeit. Die Menschheit hat das All erobert, und der Handel zwischen den Welten blüht. Die CLAIRMONT, ein kleines Handelsschiff, ist unterwegs nach Rigel VI, als es im Hyperraum zu einem folgenschweren Zwischenfall kommt.

Ein Wesen aus einer höheren Dimension greift ein, das Schiff und die sechs Mann Besatzung werden gerettet. Doch als sie wieder den Normalraum erreichen, wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Sie sind an den Rand der Galaxis verschlagen worden, wo vor ihnen noch nie ein Mensch war ...

Sie finden einen Planeten und nennen ihn Topas. Doch als sie ihn anfliegen, tauchen plötzlich fremde Raumschiffe auf, kreisen die CLAIRMONT ein und verlegen ihr den Weg. Der Planet unter ihnen gibt ihnen Rätsel auf, doch als sie die Lösung erfahren, stehen sie fassungslos einer Tatsache gegenüber, die sie fast verzweifeln lässt.

Die sechs Männer können nicht ahnen, dass sie vom Schicksal dazu ausersehen sind, den Kampf um die Galaxis in einer fernen Zukunft entscheidend zu beeinflussen ...

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Ein Robottaxi raste mit hoher Geschwindigkeit über den Raumhafen. Es beschrieb verwegene Kurven, um entgegenkommenden Fahrzeugen auszuweichen und bremste dann so plötzlich, dass es einmal im Kreis herumgeschleudert wurde, ehe es zum Stehen kam.

Ein Mann in Zivil sprang heraus, griff nach dem im Fond liegenden Handkoffer und rannte dann los, als gelte es sämtliche bestehenden Kurzstreckenrekorde zu unterbieten.

Er erreichte ein Schiff, stürmte die Gangway empor und stolperte schließlich völlig ausgepumpt in die Luftschleuse.

Aus dem Lautsprecher an der Decke kam ein kratzendes Geräusch, und dann bellte eine Stimme auf: „Würden Sie vielleicht die Güte haben, die Schleuse zu verlassen, Mr. Bamill? Ich würde es Ihnen zwar gönnen, die Reise sozusagen unter Verschluss mitzumachen, aber leider brauche ich Sie hier oben nötiger. Wir starten in zwei Minuten, und bis dahin möchte ich Sie auf Ihrem Platz sehen, ist das klar?“

Harro Bamill atmete einmal tief durch, nahm dann den Koffer auf und schob sich durch das Innenschott, das sich sofort hinter ihm schloss. Eilig durchquerte er den Ladegang, schwang sich in die Luftkabine und drückte auf den Bedienungsknopf. Noch während der Fahrt nach oben vernahm er das Schrillen der Klingeln, das den dicht bevorstehenden Start ankündigte.

Oben angekommen, stürmte er in seine Kabine, wechselte in rasender Eile seine Kleidung, schoss wieder hinaus auf den Gang und überwand die Treppen zur Schiffszentrale, indem er jeweils drei Stufen auf einmal nahm. Als er schließlich erschöpft in den Sitz des Copiloten sank, ertönte aus dem Lautsprecher der Funkanlage gerade das Organ des Sprechers der Hafenkommandantur:

„Kontrollturm an Raumschiff CLAIRMONT: Start in zwanzig Sekunden ab — jetzt! Ausflugschneise Nord wird für zwei Minuten für Sie freigehalten. Gute Reise, Ende.“

„Verstanden, danke. Ende!“, knurrte Kapitän Wolter in sein Mikrofon und griff nach dem Hauptschalter der Startautomatik. „Bamill, alles in Ordnung?“

Es war im Grunde nur eine Routinefrage, denn die Kontrolllichter der Automatik zeigten sämtlich Grünwerte, doch die Vorschriften verlangten die Gegenkontrolle auf dem Duplikatsatz vor dem Copilotensitz. Sie fiel zufriedenstellend aus und Harro Bamill sagte ein knappes: „Start klar, Sir.“

Sekunden später dröhnten bereits die Triebwerksdüsen auf, und nun schwang der Kapitän seinen Sessel herum und musterte seinen Ersten Offizier mit zornigen Blicken.

„Und nun zu Ihnen, Mr. Bamill! Sie wissen sehr genau, dass Sie sich laut Vorschrift eine halbe Stunde vor dem Start an Bord einzufinden haben. Haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung zu sagen?“

Harro Bamill war achtundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, schlank, besaß ein schmales blasses Gesicht und dunkelblondes Haar mit ausgeprägten Geheimratsecken. Er war auf Terra geboren, hatte drei Jahre Dienst in der militärischen Raumflotte der Stellaren Föderation abgeleistet, um nach seiner Entlassung Handelsfahrer zu werden. Da er von der Raumflotte als Hauptmann abgegangen war, fiel es ihm nicht schwer, nach Absolvieren eines Pilotenkurses als Offizier auf Handelsschiffen unterzukommen.

Die CLAIRMONT war ein Frachter, ein kleines Schiff mit nur sechs Mann Besatzung. Sie gehörte nicht einer der großen Raumfahrtgesellschaften, sondern war Privatbesitz. Eigner und Schiffsführer war Kapitän Wolter.

Er war ein großer, stiernackiger Mann mit einem breiten sommersprossigen Gesicht und einem dichten rötlichen Haarschopf; geboren auf Atair IV und früher Oberleutnant und Pilot in der Raumflotte gewesen. Sein Temperament entsprach seinem Aussehen: derb, geradezu, immer etwas zum Aufbrausen neigend, dabei im Grunde aber doch gutmütig.

Harro wusste, wie er ihn zu nehmen hatte. Er begegnete seinem wütenden Blick mit einem halb verlegenen, halb vertraulichen Lächeln.

„Sie dürfen mir glauben, Sir, es tut mir wirklich leid, dass ich mich so verspätet habe. Sie wissen ja selbst, wie das ist — man trifft ein nettes Mädchen, und weil man nur wenig Zeit hat, muss man ihr eben einiges bieten, um das nähere Bekanntwerden etwas zu intensivieren. Ein paar Geschenke, ein Bummel durch diverse Lokale — eine lustige Nacht, wie man so sagt, und am Morgen ist man gerade erst eingeschlafen, wenn man schon wieder aufstehen muss. Immerhin habe ich es ja doch noch rechtzeitig geschafft“, schloss er mit einem lustigen Augenzwinkern.

„Bei dem Mädchen“, fragte der Kapitän anzüglich. „Lieber Mann, wir hätten eine Menge Ärger gehabt, wenn Sie nur eine Minute später hier angekommen wären! Der Start wäre uns gestrichen worden, und ich hätte um einen neuen Termin ansuchen müssen. Bei dem Betrieb hier auf Baileys Landing wäre es darüber morgen Nachmittag geworden, und wer hätte dann die Liegegebühren bezahlt? Sie nicht, aber ich, der ohnehin zu tun hat, dass er auf seine Kosten kommt...“

Er paffte heftig an seiner Zigarre und fuhr dann in seiner Strafpredigt fort.

„Glauben Sie mir, wenn es nicht die Vorschrift gäbe, dass ein zweiter Pilot an Bord sein muss, wäre ich abgeflogen und hätte Sie hier sitzen lassen! Im Grunde sind Sie sowieso so etwas wie ein Luxusartikel für mich; die CLAIRMONT käme ganz gut auch ohne einen Ersten Offizier aus“, schloss er mit hochgezogenen Brauen.

Harro Bamill grinste, denn er wusste aus Erfahrung, dass damit das schlimmste bereits ausgestanden war.

„Vorschrift ist nun einmal Vorschrift, Sir, und ich tue ja schließlich auch einiges für mein Geld. Darf ich jetzt wissen, wohin die Reise geht, damit ich den Kurs vom Orbit aus berechnen kann?“

Wolter entspannte sein Gesicht, nahm einige Schaltungen vor und ließ dadurch die CLAIRMONT in eine Umlaufbahn um Baileys Planet einschwenken.

„Wir fliegen nach Rigel VI, 850 Lichtjahre von hier, also ungefähr drei Wochen Reisezeit. Unsere Ladung besteht diesmal aus fünfzig Behältern mit Wanderpflanzen. Besitzen Sie zufällig einige Kenntnisse in Botanik?“, erkundigte er sich beiläufig.

Bamill kniff die Augenbrauen zusammen.

„Sagten Sie eben ‚Wanderpflanzen‘?“, fragte er gedehnt. „In der landläufigen Botanik der menschlichen Nutzpflanzen weiß ich ja so ungefähr Bescheid, aber von einer solchen Spezies habe ich noch nie etwas gehört.“

Wolter lächelte leicht. „Da habe ich vor längerer Zeit mal einen klassischen utopischen Roman gelesen, der THE NIGHT OF THE TRIFFIDS hieß. Kennen Sie ihn zufällig auch?“

Harro nickte und der Kapitän fuhr fort: „Die Gewächse, die wir hier an Bord genommen haben, stellen etwas Ähnliches vor, ohne allerdings irgendwie gemeingefährlich zu sein. Sie sollen eine auserlesene Delikatesse sein — für die Leute vom Rigel, nicht für mich, ich halte Fleisch immer noch für das allerbeste Gemüse. Man setzt sie einfach innerhalb eines umzäunten Areals aus wie eine Herde Rindvieh, und sie wandern dann umher und suchen sich selbst nahrhafte Bodenstellen aus, die sie wieder verlassen, sobald sie sie ausgepowert haben. So werden sie mit einem Minimum an Aufwand großgezogen, bis sie dann in die Kochtöpfe der Rigelaner wandern. Für den Transport hat man sie einzeln in Glasbehälter gesetzt, die einen perforierten Zwischenboden besitzen, durch den die seltsamen Gewächse eine Nährlösung aufnehmen können.“

Er grinste schadenfroh und fuhr dann fort: „Strafe muss sein, und damit Sie wegen vorhin nicht ganz ungeschoren davonkommen, werden Sie in den kommenden drei Wochen für das Wohlergehen dieser Dinger sorgen. Eine genaue Anweisung bekommen Sie nachher noch von mir.“

Harro Bamill nickte ungerührt.

„In Ordnung, Sir, so lerne ich mal etwas Neues. Vielleicht bin ich am Ende der Reise so perfekt im Umgang mit Wandergemüse, dass ich auf Rigel VI eine hochdotierte Stellung annehmen kann... Darf ich mich jetzt an die Kursberechnungen machen?“

Eine Stunde später nahm die CLAIRMONT Fahrt auf, verließ den Orbit und stieß in den freien Raum vor, um nach Erreichen der Lichtgeschwindigkeit ihre Reise durch den Hyperraum zur Sonne Rigel im Sternbild Orion anzutreten.

 

 

2

„Diese verdammten Halluzinationen!“, stöhnte Richard Sternbergh und riss seine Blicke nur mühsam vom Bugbildschirm los. „Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, ich meine immer, sie wären Wirklichkeit.“

Harro lächelte ihm aufmunternd zu.

„Mach dir nichts daraus, Dick, bei der nächsten Fahrt wirst du schon nichts mehr dabei finden. Das ist etwas, was wir alle einmal durch machen mussten; du musst eben nur immer intensiv daran denken, dass es tatsächlich nur Fiktivbilder sind, so reell sie auch auf dem Bildschirm scheinen mögen. Es heißt, dass der Hyperraum irgendwie als Spiegel wirken soll, der irgendwelche Bilder aus dem Normalraum aufnimmt, um sie dann ins Nichts zu projizieren. Wie es kommt, dass sie dann so wirklichkeitsgetreu auf unseren Bildschirmen erscheinen, weiß noch niemand. In den Wüstengebieten der Erde gibt es etwas Ähnliches in Gestalt von Luftspiegelungen, die Fata Morgana genannt werden.“

Dieser Vergleich stimmte auffallend.

Wie es schien, raste die CLAIRMONT eben geradenwegs auf einen Planeten zu, der nun bereits den gesamten Bildschirm ausfüllte. Deutlich waren Kontinente und Ozeane zu erkennen, und sie wurden rasch immer größer. Schließlich schien das Schiff direkt auf einen Landstrich zuzustürzen, der aber noch durch Wolken einer genauen Beobachtung entzogen war. Dann wurde die Wolkenschicht scheinbar durchstoßen, und inmitten einer bläulich schimmernden Vegetationszone kam eine große Stadt in Sicht.

Niedrige Bauten lagen an der Peripherie; breite Straßen führten ins Stadtinnere; Fabriken, Hochhäuser, Anlagen und Plätze wurden erkennbar. Immer größer wurden die Gebäude, immer kleiner der Bildausschnitt, bis das Schiff schließlich genau auf einen ausgedehnten Wolkenkratzerkomplex zuzufallen schien. Jeden Moment musste dem Anschein nach der vernichtende Aufprall erfolgen...

Und dann stieß die CLAIRMONT mitten in das Hochhaus hinein, das plötzlich wie eine Seifenblase zu zerplatzen schien. Damit war der Spuk vorbei, und der Bildschirm zeigte wieder nur die für den Hyperraum typischen, wallenden grauen Nebel, die aber gleichfalls nur ein Scheindasein in dieser für Menschen noch immer unbegreiflichen Dimension führten.

Mit einem pfeifenden Laut stieß der Erste Offizier die Luft aus.

„Eine äußerst realistische Vorstellung, nicht wahr, mein Lieber? Dick, du hast eben einen Blick in die Zukunft tun dürfen. Der Planet auf dem Bildschirm war nämlich eindeutig Aldebajan IV,

bekannt unter dem Namen Corral; ich war selbst schon dort und habe ihn sofort wiedererkannt. Die Stadt heißt Norwich City, ist heute allerdings noch längst nicht so groß, wie wir sie eben gesehen haben. Ich schätze, dass sie erst in zwanzig Jahren so aussehen wird.“

„Tatsächlich?“, staunte der junge Techniker. „Wie kann es das denn geben — dass wir etwas sehen, was in dieser Form heute überhaupt noch nicht existiert?“

Harro Bamill zog die Schultern hoch.

„Da bin ich vollkommen überfragt, Dick, ich habe zwar schon gehört, dass es im Hyperraum solche Dinge gibt, aber ich sah es jetzt zum ersten Mal. Nur schade, dass man diese Bilder nicht festhalten kann; sie erscheinen nur unseren Augen, wogegen sie weder auf einem Film, noch auf einem Magnetbildstreifen sichtbar zu machen sind. Anderenfalls könnten wir den Leuten von Corral jetzt schon detaillierte Angaben liefern, wie sie später einmal ihre Hauptstadt zu bauen haben.“

Er schaltete das Raumbildgerät ab und erhob sich.

„So, jetzt wird dich nichts mehr ablenken. Beobachte nur die Instrumente und gib Alarm, sobald irgendwo ein Zeiger gefährlich nahe an die Gefahrenmarke herankommt, mehr brauchst du nicht zu tun. Ich bin bald wieder zurück, ich gehe nur eben einmal unsere Wanderflora begutachten. Sag das dem Kapitän, falls er inzwischen kommen sollte.“

Der junge Raumfahrer nickte und machte sich mit noch zitternden Fingern eine Zigarette an. Harro Bamill verließ die Zentrale, begab sich zum Lift und fuhr hinunter zum Ladedeck — vollkommen ahnungslos...

Das Ladedeck nahm den gesamten Mittelteil der CLAIRMONT ein und lag direkt über den Triebwerksanlagen. Es war durch Zwischenwände in vier Einzelräume unterteilt, die durch Schotts miteinander verbunden waren. Der Erste Offizier löste einen Öffnungskontakt aus und konnte nun den Raum betreten.

Helles Licht schlug ihm entgegen und zwang ihn, eine dunkle Brille aus der Brusttasche seiner Kombinationsjacke hervorzuholen; erst danach konnte er sich orientieren. Die Beleuchtung entsprach der Lichtintensität der Riesensonne Rigel auf deren sechstem Planeten, und offenbar brauchten die Pflanzen diese Lichtfülle, um gedeihen zu können.

Harro betrachtete die Behälter, in denen sich seine Schützlinge befanden.

Sie bestanden aus Plastikglas, waren etwa zwei Meter hoch und achtzig Zentimeter lang und breit. Die Wanderpflanzen bestanden aus einer runden Knolle von ungefähr sechzig Zentimeter Durchmesser, besaßen nach oben hin Stiele mit großen länglichen Blättern, nach unten hin dicke pfahlartige Wurzeln, deren Anzahl zwischen sechs und acht differierte. Diese verschwanden durch Löcher in einem hölzernen Zwischenboden, unterhalb dessen sie sich in einer trüben braunen Brühe zu einem wirren Geflecht dünner Fäden verästelten.

Der Raum enthielt zwanzig dieser Transportbehälter, die sorgfältig verankert waren. In einer Ecke lagen neben einem Wassertank mehrere Plastiksäcke, mit einer braunschwarzen pulverigen Substanz gefüllt.

Bamill holte die von Kapitän Wolter erhaltene Broschüre ‚Pflege der Frankonia Grandiosa in Zuchtbehältern‘ aus der Tasche und schlug sie auf. Der Name wies darauf hin, dass sie von einem Botaniker namens Frank entdeckt oder katalogisiert worden waren, doch der Raumoffizier vermochte nichts Grandioses an ihnen zu finden. Sie erinnerten ihn allenfalls an überdimensionalen irdischen Kohlrabi, und dieser hatten gemeinhin nichts Imponierendes an sich.

Die Schrift sagte aus, dass die Wanderpflanzen in einer Sauerstoffatmosphäre von zehn bis dreißig Prozent gediehen, sofern sie Licht von einer starken Sonne oder aus Speziallampen mit starker ultravioletter Emission erhielten, und einmal in sechzig Stunden statt natürlicher Nahrung zweihundert Gramm Spezialdünger in wässeriger Lösung zugeführt bekamen.

Diese Versorgung musste, so wurde ausdrücklich betont, unbedingt regelmäßig durchgeführt werden, da die Pflanzen sonst ihre Wurzeln lösen und den Versuch, weiterzuwandern, unternehmen würden. Dabei würden sie sich so intensiv bewegen, dass sie leicht Schäden davontragen und eingehen könnten, wie es auch nach zwölfstündigem Nährstoffmangel der Fall war.

Harro Bamill lächelte bei dem Gedanken, dass er sich nunmehr alle drei Tage mit einer Plastikkanne in der Hand als Gärtner würde betätigen müssen. Er wurde aber schlagartig wieder ernst, als er die nächste Seite aufgeschlagen hatte, denn dort stand:

„Sofern sich die Zuchtbehälter in einem geschlossenen Raum, einem Gewächshaus oder dergleichen befinden, darf dieser von Menschen nur mit einem gut abgedichteten Atemgerät betreten werden. Keinesfalls darf der Betreuer die Luft eines solchen Raumes länger als zwanzig Sekunden einatmen! Die Frankonia Grandiosa scheidet als Folge der in ihren Blättern erfolgenden Fotosynthese neben Sauerstoff ein Gas aus, das auf Menschen die Wirkung des Reizmittels Hyperstimulin ausübt, was unter Umständen erhebliche gesundheitliche Schäden…

Soweit war Harro gekommen, als er den Raum mit einem wahren Panthersprung verließ und eilig das Schott hinter sich schloss. Draußen lehnte er sich, sehr blass geworden, an die Wand und dachte intensiv nach.

Hyperstimulin gab es in jeder Bordapotheke, doch kein Raumfahrer rührte die grellrote

Packung mit der unübersehbaren Aufschrift: gesundheitsschädlich, daher nur in extremen Notfällen anzuwenden ohne wirkliche Not an.

Dieses Medikament war tatsächlich das stärkste bekannte Aufputschmittel — ein wahres Teufelszeug! Wer es zugeführt bekam, verwandelte sich innerhalb weniger Minuten von einem total erschöpften Menschen zu einem Mann, der vierundzwanzig Stunden lang Bärenkräfte besaß und ununterbrochen schwerste Arbeiten durchführen konnte, ohne auch nur eine Stunde Pause zu benötigen. Dafür waren die Folgen aber entsprechend schrecklich.

Nach Ablauf dieser Frist künstlicher Aktivität brach der betreffende Mensch unweigerlich zusammen. Infolge totaler Erschöpfung aller physischen Reserven war er für die nächsten zehn Tage nichts mehr als ein hilfloses Wrack, und nur (intensive ärztliche Betreuung konnte ihn wieder auf die Beine bringen. Fehlte diese, so konnten Männer mit von Natur aus schwächlicher Konstitution sogar sterben, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen.

Jetzt entsann sich Harro Bamill auch auf den schwachen, fremdartigen Geruch, den er beim Betreten des Lagerraumes gespürt hatte, ohne ihm aber Beachtung zu schenken. Er hatte schon viele fremde Welten betreten, und auf jeder roch die Luft ein wenig anders, auf solche Kleinigkeiten achtete kein Raumfahrer mehr.

Er sah auf seine Uhr und überlegte.

Ungefähr zwanzig Minuten lang hatte er sich bei den Pflanzen aufgehalten und ihre Ausdünstungen eingeatmet, denn die Behälter waren nach oben hin offen. Einhundertzwanzig Sekunden — genau hundert Sekunden zu viel...

Was sollte er nun tun?

Er ärgerte sich über Kapitän Wolter, der ihn eigentlich vor dieser besonderen Eigenschaft der Pflanzen hätte warnen müssen — bis ihm einfiel, dass Wolter bestimmt selbst nichts davon gewusst hatte. Er hatte lediglich auf Baileys Planet eine Ladung übernommen, wie so viele zuvor schon, und sich nichts dabei gedacht.

Auch die Leute, die diese Ladung gebracht hatten, würden sich kaum etwas dabei gedacht haben. Sie hatten sich auch nur routinemäßig ihrer Arbeit entledigt, hatten pflichtgemäß die Broschüre mit abgeliefert, in der die Warnung stand, und damit ihrer Meinung mach alles richtig erledigt.

Wenn er es sich recht überlegte, so war er derjenige, der einen Fehler gemacht hatte! Warum hatte er die Broschüre nicht gelesen, ehe er in den Laderaum ging…

Langsam setzte Harro sich in Bewegung und ging hinüber zum Lift, um wieder hinauf zur Zentrale zu fahren. Er war lediglich zwecks Orientierung heruntergekommen, denn eine neue Versorgung der Pflanzen war nach zwei Tagen wieder erforderlich. Darum hatte er dem kleinen Heftchen keine Beachtung geschenkt, obwohl er für die Lektüre reichlich Zeit gehabt hätte. Während des Fluges durch den Hyperraum gab es für den Navigator wie für die übrige Schiffsbesatzung kaum etwas zu tun.

Hätte er die Broschüre eine halbe Stunde früher gelesen, hätte er das unliebsame Vorkommnis verhüten können. Wahrscheinlich hätte es genügt, die Luftumwälzungsanlage in Betrieb zu nehmen, die in den Laderäumen normalerweise außer Funktion war, weil sich dort keine Menschen aufhielten. Die Behälter waren nach oben hin offen, und die Gase wären laufend abgesaugt und durch die Filteranlage unschädlich gemacht worden.

Nun war es aber zu spät!

Harro Bamill war ein Durchschnittsmensch und der olympiareife Lauf vom vorigen Morgen war seine erste sportliche Betätigung seit langem gewesen. Als er nun aber den Lift verließ, sprang er die Stufen zum Kommando raum empor, als gelte es meterhohe Hürden zu nehmen. Demnach wirkten sich die stimulierenden Gase bereits aus — er fühlte sich so leicht und beschwingt, als ob er sich nicht innerhalb der künstlichen Schwerkraftzone der CLAIRMONT befände, sondern irgendwo im freien Raum…

Wie sollte das nur weitergehen?

Kapitän Wolter fluchte in allen Tonarten, als sein Erster Offizier ihm sofort Bericht über sein Missgeschick erstattete. Er musste allerdings zugeben, dass ihm wahrscheinlich dasselbe zugestoßen wäre, hätte er sich an dessen Stelle befunden.

Er rief umgehend Doc Norton in den Kommandoraum, um sich bei ihm Rat zu holen.

Will Norton war kein approbierter Arzt, hatte aber einige Jahre Sanitätspraxis auf einem Flottenkreuzer hinter sich und eine Prüfung abgelegt, die ihn berechtigte, eine kleine Schiffsbesatzung gesundheitlich zu betreuen; daher auch sein Spitzname. Er hörte sich den von vielen neuen Flüchen des Kapitäns unterbrochenen Bericht an und hob dann unschlüssig die Schultern.

„Dagegen kann ich wohl nicht viel unternehmen, Sir. Der einzige Ausweg ist meiner Ansicht nach der, Mr. Bamill eine Betäubungsspritze zu geben, damit er das Stadium überhöhter körperlicher Aktivität verschläft. Allerdings habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür, wie lange ein derartiger Schlaf zu dauern hätte. Ich besitze keine Medikamente, um Hyperstimulin zu neutralisieren und so könnte es geschehen, dass Barnill nach einer Woche aufwacht und sein Zustand immer noch unverändert ist.“

„Das sind ja schöne Aussichten“, seufzte Wolter bekümmert.

Trotzdem einigte man sich schließlich darauf, einen derartigen Versuch zu unternehmen, ehe

Harro Bamill seinen neu erworbenen unbändigen Tatendrang irgendwie schädlich anwenden konnte.

Er selbst fühlte sich wie ein junger Gott, doch die langen Jahre steter Disziplin brachten ihn zu der Einsicht, sich dem Willen der übrigen beugen zu müssen. Fünfzehn Minuten später lag er in seiner Koje, eine Hochdruckspritze brachte eine kräftige Dosis Morphium in seinen Blutkreislauf. Wenige Minuten darauf schlief er ein, allerdings nur halb so schnell wie im Normalzustand.

„Gott sei Dank, das hätte geklappt“, atmete Kapitän Wolter auf.

„Allerdings habe ich jetzt niemand, der diese vertrackten Frankonia Grandiosa versorgen kann. Ich fürchte, Sie werden das übernehmen müssen, Doc, denn unsere Techniker müssen auf ihren Stationen bleiben. Man weiß ja nie, was sonst noch kommen kann.“

Will Norton grinste trübe.

„Damit habe ich schon gerechnet, Sir, aber es ist ja nicht viel Arbeit. Ich werde jedenfalls den Laderaum nicht ohne Atemgerät betreten, das steht fest.“

Nach sechsunddreißig Stunden erwachte Harro Bamill — so überaktiv wie zuvor! Er erhielt eine neue Spritze und schlief wieder weiter. Doc Norton aber zog ein bedenkliches Gesicht, denn er ahnte kommende Schwierigkeiten.

Die Schwierigkeiten kamen am nächsten Tage, doch sie waren etwas anderer Art, als Will Norton erwartet hatte…

Zwei interstellare Kriege hatte die Menschheit führen müssen, als man auf aggressive fremde Intelligenzen gestoßen war. Sie hatte beide gewonnen und konnte nun unbesorgt weiter aufbauen, durch die Raumflotte der Stellaren Föderation gut gesichert. Der Handel zwischen den Welten blühte, alle nur denkbaren Produkte der verschiedenen Planeten wurden hin und her transportiert.

Unter anderem auch fünfzig Exemplare einer seltsamen, wanderungsfähigen Pflanze, Frankonia Grandiosa genannt…

Die CLAIRMONT war nun bereits fünf Tage unterwegs und hatte damit ein Viertel ihrer Reisestrecke hinter sich gebracht.

Die Fahrt verlief eintönig wie immer, denn die kleine Besatzung hatte außer Routinearbeiten kaum etwas zu tun. Die Automatik führte das Schiff und überwachte den Lauf des Hypertriebwerks; der jeweils Wachhabende im Kommandoraum brauchte weiter nichts zu tun, als die Instrumente zu überwachen und sich für eventuell auftretende Störungen bereitzuhalten.

Störungen gab es aber so selten, dass sich der Prozentsatz erst an der dritten Stelle hinter dem Komma rechts der Null bemerkbar machte. Der Hyperantrieb war längst den Kinderschuhen von 2014 entwachsen und soweit vervollkommnet worden, dass es seit mehr als hundert Jahren keine Verbesserungen mehr darangegeben hatte. Das gleiche galt auch für die Hyperschirmfeld-Projektoren, die ebenso wichtig für den Flug innerhalb der höheren Dimension waren, wie die Hypertriebwerke selbst.

Der Hyperfeldschirm erfüllte die wichtige Aufgabe, die Massenausdehnung zu verhindern, die für jeden materiell stabilen Körper nach Erreichen und Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit unweigerlich eintreten musste. Die Praxis hatte Einsteins diesbezügliche theoretische Erkenntnisse bestätigt, und auch sein großer Nachfolger Collini hatte hier nichts Neues hinzufügen können.

Auf allen im Raum befindlichen Schiffen galt für die Zeitbestimmung einheitlich der 24Stunden Rhythmus der Erde.

Demnach war es in der CLAIRMONT eben Mitternacht, und der Bordingenieur Popow hatte Dienst in der Zentrale, während alle übrigen schliefen. Eigentlich hätte Harro Bamill an seiner Stelle sitzen sollen, doch dieser lag im Betäubungsschlaf und fiel vorerst noch für den Dienstbetrieb aus. Ein Umstand, den Kapitän Wolter bei der Einteilung künftiger Dienste entsprechend zu würdigen sich vorgenommen hatte...

Sergej Popow hatte es sich gemütlich gemacht. Er rauchte, hörte mit einem Ohr leichte Musik vom Tonband und las dabei in den Memoiren der Helen Smith (ungekürzte Ausgabe von 2263).

Nach jedem Absatz warf er pflichtgemäß einen kurzen Blick auf die Kontrollinstrumente über dem Schalttisch; doch als das Buch allmählich immer interessanter wurde, wurden auch diese Blicke entsprechend seltener. Und schließlich unterblieben sie ganz, war Sergej doch der Meinung, dass die stets wachende Automatik ihn schon rechtzeitig aufmerksam machen würde, falls wirklich etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte.

Die CLAIRMONT war acht Jahre alt und bisher ohne jede Panne geflogen. Sämtliche Anlagen waren voll funktionstüchtig, das hatte die erst vor einem halben Jahr erfolgte letzte Inspektion in der Werft auf Atair V ergeben.

Und doch ruhte im Innern ihres Steuerautomaten seit acht Jahren ein wenige Zentimeter langer hauchfeiner Platindraht, der von einem unachtsamen Techniker fallen gelassen worden war. Er lag an einer Stelle, wo ihn auch das achtsamste Auge nicht entdecken konnte. Dort hätte er auch noch weitere acht Jahre liegen können — doch das Schicksal wollte es anders...

Ein ständiges leichtes Vibrieren lag über dem gesamten Schiff. Es wurde durch die vielen in Betrieb befindlichen Aggregate erzeugt. Meiler, Triebwerke, Generatoren. Klimaanlage — sie alle trugen dazu bei, es zu produzieren. Die Raumfahrer waren daran gewöhnt, es gehörte so sehr zum Schiff, dass sie es bewusst überhaupt nicht mehr wahrnahmen. Auch dem feinen Drähtchen hatte es lange nichts anhaben können.

Doch nun war seine Zeit gekommen. Es rutschte langsam über den Rand des Kunststoffsockels, auf dem es lange gelegen hatte, fiel darüber hinweg — und stellte so eine Verbindung zwischen zwei Polen mitten im Steuerautomaten her, auf denen es quer liegenblieb ...

Wäre es auf Hochspannung führende Leiter gefallen, es wäre in einem kurzen Blitz verglüht, und das Ereignis wäre ohne wahrnehmbare Folgen geblieben. Die beiden Pole führten aber nur Niederspannung, das Drahtfragment blieb unversehrt, und ein Kurzschluss im Herzen der Steuerautomatik war die Folge!

Sekundenbruchteile darauf sprangen bereits mehrere Sicherungen aus ihren Fassungen und legten diesen Sektor des Automaten still; doch es war bereits zu spät. Die Hitzeentwicklung während des Kurzschlusses hatte eine Lötstelle zum Schmelzen gebracht, ein Tropfen Lötmetall hatte sich gelöst…

Er fiel etwa einen halben Meter tief, traf dort auf ein Hindernis und spritzte nach allen Seiten auseinander, wodurch erneut einige falsche Kontakte hergestellt wurden. Wieder sprangen mehrere Sektorensicherungen heraus, und wieder um Zehntelsekunden zu spät!

Auch das Hypertriebwerk arbeitete nach dem altbekannten Rückstoßprinzip, nur dass es über lichtschnelle Teilchen, Hyper-Photonen genannt, ausstieß. Diese erzeugten naturgemäß ebenfalls einen Andruck, der durch die Absorberanlage ausgeglichen werden musste. Er betrug konstant zwanzig Gramm nach Erdnorm und bestand während des gesamten Fluges durch den Hyperraum. Nur dieser ständig gleichbleibende Schub vermochte das Schiff oberhalb der ‚Lichtmauer‘ zu halten.

Nun geschah es aber, dass der Andruckneutralisator für einige Sekunden ausfiel, bis sich — durch die Fehlleitungen im Steuerautomaten erheblich verzögert — Reservestromkreise aktivierten und die Absorber ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten.

Die Alarmklingeln schrillten durch die Zentrale der CLAIRMONT, doch Sergej Popow hörte sie nicht mehr.

Ein Andruck von zwanzig Gramm, auch wenn er nur wenige Sekunden lang dauerte, war mehr, als ein menschlicher Körper ertragen konnte. Sergej fiel bewusstlos in seinem Sitz zusammen, und auch die schlafenden Mitglieder der Besatzung wurden entsprechend in Mitleidenschaft gezogen.

Sie alle mussten wiedererwachen, früher oder später, je nach ihrer körperlichen Konstitution.

Dann aber musste es bereits zu spät sein, denn das Verhängnis schritt weiter fort!

Der plötzliche Stoß hatte auch, das Steuerungssystem für den Hyperfeldgenerator in Mitleidenschaft gezogen. Er lief zwar noch weiter, doch seine Leistung sank langsam ab. Noch vermochte er die Projektoren zu versorgen, die das Schiff gegen den Hyperraum abschirmten; es war aber nur eine Frage kurzer Zeit, bis seine Leistung unter das unbedingt erforderliche Mindestmaß absinken musste.

Dann aber würde das Schiff anfangen, sich mit allem lebenden und totem Inventar auszudehnen — soweit auszudehnen, bis es unendliche Ausmaße annahm und spurlos im Hyperraum verging.

Und hatte dieser Prozess erst einmal begonnen, vermochte ihn nichts und niemand mehr aufzuhalten...

‚Wir sollten ihnen helfen‘, sagte eine lautlose Stimme in Harro Bamills Gehirn.

‚Warum sollten wir?‘, widersprach eine zweite. ‚Was gehen uns diese fremden Geschöpfe an? Sie stammen aus einem niederen Kontinuum und spielen mit Kräften, für die sie nicht geschaffen sind. Kannst du mir Gründe nennen, weshalb wir ihnen Hilfe leisten sollten?‘

‚Eine ziemlich unintelligente Frage!‘, stellte die erste Stimme tadelnd fest. ‚Sie befinden sich zwar in unserem Kontinuum, sind aber, wie du eben selbst gesagt hast, noch nicht reif dafür. Willst du die Verantwortung dafür tragen, dass sich diese noch nicht für unsere Existenzform geeigneten Kreaturen zwischen uns aufhalten? Unsere Ordnung, vielleicht die des gesamten Raumes, würde empfindlich gestört werden. Ich meine, dass das Grund genug ist, ihnen zur Zurückstufung zu verhelfen.‘

‚Die Aussichten hierfür sind aber nicht mehr besonders gut‘, konstatierte die zweite Stimme. ‚Ihr Fahrzeug beginnt bereits, sich ins Unendliche auszudehnen. Hilf ihnen meinetwegen, aber bald, der Prozess lässt sich sonst nicht mehr unterbrechen.‘

‚Ich werde ihn rückgängig machen‘, versprach die erste Stimme, nur muss jetzt jede Störung durch dich unterbleiben. Eines dieser Geschöpfe ist wach, mit ihm werde ich Verbindung aufnehmen.

Harro Bamill war, im Gegensatz zu den anderen, durch den gewaltigen Gravitationsschock geweckt worden.

Er war nicht vollkommen wach, denn noch wirkte das Schlafmittel in seinem Körper, doch sein Geist begann bereits wieder zu arbeiten. Er befand sich in einem traumähnlichen Zustand des Halb-Bewusstseins, an dem sein Körper noch keinen Anteil hatte. Wie im Traum hörte er die Zwiesprache der beiden unwirklichen Stimmen und kam erst mit der Zeit darauf, diese seltsame Unterhaltung mit sich selbst in Verbindung zu bringen.

Was sollte sie wohl bedeuten — was mochte mit ihm geschehen sein?

Das Denken fiel ihm noch schwer, doch allmählich besann Bamill sich wieder auf seine Umgebung, auf sein Missgeschick, und auf den künstlich hervorgerufenen Schlaf, in dem er gelegen hatte. Irgendetwas hatte ihn nun geweckt, doch er hatte instinktiv das Gefühl, dass hierbei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war.

Dazu kamen noch die seltsamen Stimmen, die er hörte, ohne dass sein Gehörsinn an diesem Vorgang beteiligt war. Je mehr Harros Bewusstsein zurückkehrte, umso mehr wurde ihm bewusst, dass um ihn herum etwas Außergewöhnliches geschehen war — oder noch geschah ...?

Und dann klang unvermittelt in seinem Gehirn wieder die Stimme auf, die er als die Erste klassifiziert hatte.

Harro Bamill, ich habe deine Gedanken gelesen und möchte euch helfen, dir und deinen Gefährten. Ihr seid in großer körperlicher Gefahr, denn eure mechanischen Hilfsmittel beginnen zu versagen! Wenn du nicht bald etwas dagegen unternimmst, wird es für euch keine Rückkehr in euer gewohntes Kontinuum mehr geben.

Der Erste Offizier der CLATRMONT schüttelte benommen den Kopf. Er hatte die Herrschaft über seinen Körper wieder und wollte laut antworten, doch dann fiel ihm ein, dass der Fremde nicht auf eine Sprache angewiesen war. So formulierte er nur in seinem Gehirn die Frage: ‚Wo kann ich dich finden, Fremder?‘

Die Antwort kam umgehend.

‚Ich befinde mich überall und nirgends zugleich, denn ich existiere nicht mehr körperlich. Mein Geist kann meinen jetzigen Lebensraum in seiner ganzen Ausdehnung beliebig durchmessen. Ihr nennt dieses Kontinuum Hyperraum — eure Theologen aber würden wohl dazu Nirwana oder Himmelsagen.‘

Harro Bamill zuckte und schrak vor dem Unglaublichen zurück.

‚Der Hyperraum soll der Himmel sein? Ist er denn nicht ein Raum wie unserer auch, nur von einer für uns noch unbegreiflichen Beschaffenheit?‘

Die Stimme klang nun belustigt.

‚Wo siehst du da einen Unterschied? Beide Begriffe stehen doch für dieselbe Sache, nämlich für eine dem normalen Kontinuum übergeordnete, höhere Dimension! Warum wohl, denkst du, kann kein materiell stabiler Körper im Hyperraum existieren? Ihr Menschen benutzt ihn als willkommenes Transportmedium, ohne zu ahnen, dass diese Dimension in Wirklichkeit nur rein geistigen — für diese Ebene reif gewordenen — Wesen vorbehalten ist. Auch ich besaß einmal einen Körper, ehe ich hierher aufsteigen durfte. Dass wir jetzt Kontakt miteinander haben, ist nur dem Umstand zuzuschreiben, dass euer sogenanntes Hyperschirmfeld instabil zu werden beginnt.‘

Dass Harro Bamill tatsächlich noch nicht reif für eine höhere Dimension war, bewies seine nächste Reaktion. Mit einem Ruck setzte er sich auf und schon forschten seine Gedanken:

‚Wie kommt das — was ist mit uns geschehen?‘

In der Botschaft des körperlosen fremden Wesens klang so etwas wie Bedauern mit.

‚Darüber kann ich dir nichts mitteilen, denn als es geschah, wurde euer Fahrzeug noch gegen meine Existenzebene abgeschirmt. Ich kann dir aber die nötigen Hinweise geben, wie du den Schaden wieder beheben kannst. Du allein, auf Hilfe durch deine Gefährten kannst du nicht rechnen, denn sie sind sämtlich ohne Bewusstsein.‘

Diese Nachricht bewirkte, dass Harro wie elektrisiert aus seiner Koje sprang und blitzschnell in seine Kombination fuhr. Ein Defekt an der Hyperschirmfeld-Apparatur war das Schreckgespenst aller Raumfahrer, so selten er auch wirklich eintrat.

Noch wirkte der stimulierende Stoff der Wanderpflanzen in seinem Organismus, und so sprang der junge Offizier mit Riesensätzen dem Lift entgegen, um möglichst rasch in den Kommandoraum zu kommen. Dort liefen alle Nervenbahnen des Raumschiffes zusammen, er musste also auch dort ansetzen, wenn er die CLAIRMONT und mit ihr das Leben ihrer Besatzung retten wollte.

Das fremde Wesen aus einer höheren Daseinsstufe schwieg nun und beschränkte sich darauf, zu beobachten und sich für die versprochene Hilfeleistung bereitzuhalten.

Wie besorgt war dieser Mensch doch um sein kümmerliches körperliches Dasein! Nein, diese Geschöpfe waren wirklich längst noch nicht reif für eine höhere Dimension. Setzten sie doch ihr körperliches Wohlergehen vor das des Geistes, selbst dann, wenn ihnen der Himmel greifbar nahe war...

 

 

3

Harro Bamill war tatsächlich in keiner Weise daran interessiert, sein derzeitiges Dasein vorzeitig aufzugeben.

Er hatte den größeren Teil seines normalen Lebens noch vor sich und erwartete noch einiges von der Zukunft. Irgendwann einmal — wenn es die Verhältnisse erlaubten — gedachte er sich eine selbständige Existenz zu schaffen, zu heiraten und ein paar Kinder zu haben. Mit Begriffen wie Tod und Jenseits beschäftigte er sich so wenig, wie es die meisten Menschen seiner Altersgruppe zu tun pflegten. Für ihn war immer noch das Diesseits real und primär.

Doch eben diesem drohte nun die Gefahr!

Im Hyperraum gestrandet wäre ein zugkräftiger Titel für einen utopischen Reißer gewesen, ein erstklassiger Aufhänger für eine der zu allen Zeiten mit wechselnder Umgehung fabrizierten Supermann-Stories. Mit Happy End natürlich, denn der Supermann vom Dienst musste ja schließlich sein Dasein behalten, um auch in diversen weiteren Geschichten noch seine Wundertaten vollbringen zu können ...

Vollkommen unmotiviert war dieser Gedanke in Harro Bamills Gehirn aufgetaucht, während er im Lift stand, der für seine Begriffe förmlich nach oben schlich. Der junge Offizier grinste bissig.

Nein, der Hyperraum hatte keinen Platz für Supermänner! Entweder ging darin alles glatt, und dann war der Flug eine langweilige Angelegenheit, weil die Automatik den Menschen alle Arbeit abnahm; oder es gab eine Panne, und dann war alles aus — ein Mittelding gab es einfach nicht. Einen Schiffbruch im Hyperraum hatte noch niemand überlebt, um zurückzukehren und Geschichten darüber schreiben zu können...

Oder gab es doch einen Mittelweg?

Bamill dachte daran, dass er ja schließlich eben unterwegs war, um den der CLAIRMONT drohenden Schiffbruch und damit das Ende der sechs Raumfahrer darin abzuwenden. War er etwa doch ein Supermann?

Er lächelte bei dieser Überlegung. Nein, er war keiner! Zum einen hatte er Angst, zum anderen hätte er ohne die hilfsbereite Stimme nie erfahren, was überhaupt mit dem Schiff vor sich ging; und erst recht nicht, was er tun musste, um das drohende Unheil bannen und den Schaden beseitigen zu können...

Er wusste es auch noch immer nicht, als er bereits den Kommandoraum erreicht hatte.

Sein Blick fiel auf Sergej Popow, der in seinem Sitz zusammengesunken war, und dem ein dünner Faden Blut aus der Nase zum Hals hierabrann. Der Ingenieur war aber nur bewusstlos, denn seine Brust hob und senkte sich langsam unter flachen Atemzügen. Zweifellos würde er sich in spätestens einer halben Stunde wieder erholt haben.

Harro konnte nichts für ihn tun.

Er wandte sich sofort dem Schaltpult des Steuerautomaten zu, auf dem unheilverkündend eine ganze Reihe roter Lämpchen rhythmisch blinkte. Nur etwa die Hälfte aller Kontrolllichter strahlte noch in beruhigendem Grün, und das kam einer Katastrophe gleich.

Harro Bamill kratzte sich sorgenvoll am Hinterkopf.

Er war ein guter Pilot und Navigator und besaß ein umfangreiches technisches Wissen, doch das war unglücklicherweise vollkommen auf diese beiden Fachgebiete spezialisiert. Er traute sich zwar zu, einen nicht allzu ramponierten Radioempfänger notdürftig zu reparieren — aber einen Steuerautomaten ...

Nein, dazu bedurfte es unbedingt eines tüchtigen Elektronikers und Kybernetikers wie Ronald Duvivier! Der aber lag ebenso bewusstlos in seiner Kabine wie Sergej Popow hier im Pilotensitz ... Was war nun bloß zu tun?

Harro schrak zusammen und begann, systematisch zu überlegen. Er hastete dann hinüber zum zentralen Schaltpult der Zentrale, denn dort kannte er sich aus.

Mit raschen Griffen stellte er eine Notschaltung her, indem er einige Elemente der Manuellsteuerung auf den kleinen Computer umschaltete, der für kurze Zeit die Aufgaben des Steuerautomaten übernehmen musste. Das war aber nur ein sehr fragwürdiges Provisorium, denn dadurch wurde das kleine Gerät weit über seine normale Kapazität hinaus belastet. Zehn Minuten lang konnte das gutgehen, mehr nicht.

Wenn bis dahin der reguläre Steuerautomat nicht wieder betriebsklar war, musste das gesamte System endgültig zusammenbrechen!

Harro wagte nicht, weiter über die Folgen nachzudenken...

Entschlossen drehte er den Hauptschalter der großen Automatik in Nullstellung und dachte dann: ‚Was nun, Fremder?‘

Lachte die Stimme des Körperlosen?

Für einen Augenblick kam es Harro so vor, doch dann kam knapp und sachlich die Antwort: ‚Öffne die Rückwand des Automaten, von dort aus kannst du die Defekte erreichen — beeile dich!‘

Die Rückwand des Steuerautomaten bestand aus einer kompakten Hartplastikplatte, in die lediglich in etwa anderthalb Meter Höhe ein kleines Sichtfenster eingelassen war, das zum Auswechseln schadhafter Sicherungen geöffnet werden konnte. Die Platte wurde durch zahlreiche Schrauben gehalten, deren Lösen allein schon zehn Minuten gedauert hätte.

Und Eile tat not, denn der kleine Computer begann bereits bedrohlich zu summen!

Bamill fluchte unterdrückt, schlug dann kurzerhand das Sichtfenster ein und griff mit beiden Händen nach den Rädern der nun entstandenen Öffnung. Das Aufputschmittel in seinem Blut wirkte noch und gab ihm übermenschliche Kräfte. Schon nach Sekunden begann die stabile Platte sich zu wölben und ein hässliches Knirschen ertönte. Dann riss die Platte rund um die Schrauben und Harro stolperte rückwärts, bis er an der Wand der Zentrale unsanft zum Stehen kam.

Die nächsten Minuten wurden für ihn zu einem Alptraum.

Die Anweisungen der Stimme kamen so rasch, dass Barnill ihnen trotz des Stimulans kaum zu folgen vermochte.

Seine Hände bewegten sich wie Automaten. Sie handhabten das Werkzeug Ronald Duviviers, entfernten hier die Spuren des verhängnisvollen Tropfens Lötmasse, rissen dort ein verschmortes Stück Kabel ab, um es durch ein neues zu ersetzen; wechselten Platten mit gedruckten Schaltungen und Transistor-Kristallen aus, drückten Sicherungen wieder in Betriebsstellung, und noch vieles mehr.

Schließlich blieben die telepathischen Anweisungen ganz aus. Die fremde Entität hatte erkannt, dass der Mensch trotz allem noch viel zu langsam war. Sie griff nun aktiv ein, schaltete Harros Geist vorübergehend ganz aus und dirigierte seine Hände ganz nach ihrem Willen, und mit tatsächlich unmenschlicher Geschwindigkeit.

Und dann war abrupt alles vorüber.

 

 

4

Harro Bamill erwachte aus seiner geistigen Isolation.

Zuerst fand er sich überhaupt nicht wieder zurecht und sah verblüfft auf seine Finger, die aus zahlreichen kleinen Wunden bluteten und entsprechend schmerzten. Das körperlose fremde Wesen ließ ihm jedoch keine Zeit für Überlegungen, denn schon klang die Stimme wieder in seinem Gehirn auf.

‚Es ist alles wieder in Ordnung, Harro Bamill. Beeile dich und schalte den Automaten wieder ein — nur noch eine Minute nach deiner Zeitrechnung, und ihr müsstet im großen Nichts vergehen!‘

Der Offizier atmete einmal tief durch und hatte augenblicklich begriffen. Er raste herum zur Vorderseite des Steuerautomaten und legte den Hauptschalter wieder herum. Noch war das Gerät nicht in Funktion, doch seine Kontrolllampen leuchteten wieder — und alle erstrahlten in hellem Grün!

Es erschien Harro unbegreiflich und doch war es Tatsache.

Ganze acht Minuten hatte eine Reparatur gedauert, für die ein versierter Fachmann vielleicht fünf Stunden gebraucht hätte — vermutlich wohl noch mehr. Doch dafür bemerkte er jetzt, dass er sich wie ausgepumpt fühlte, völlig ohne Kraft, als hätte er stundenlang die schwerste körperliche Arbeit geleistet.

‚Daran bin ich schuld‘, eröffnete ihm die fremde Stimme sachlich. ‚Deine Reaktionen waren trotz des Stimulans noch zu langsam, darum habe ich für eine Weile deinen Körper übernommen; so konnte ich etwa hundertmal schneller arbeiten als du, und das hat natürlich entsprechend Kräfte gekostet. Zugleich hat es aber deinen Körperhaushalt wieder normalisiert, du wirst keinen Schaden davontragen.‘

Trotzdem überkam Harro Bamill ein plötzliches Schwindelgefühl und ihm war, als würde er sich im schwerelosen Zustand befinden. ‚Was ist das?‘, dachte er erschrocken.

‚Das Ende für euch alle, wenn du noch lange zögerst‘, bemerkte der Fremde missbilligend. ‚Das Hyperfeld um euer Schiff ist bereits so schwach geworden, dass es die Materie kaum noch Zusammenhalten kann. Alles, auch dein Körper, hat sich schon soweit ausgedehnt, dass die Abstände zwischen den einzelnen Atomen auf mehrere Millimeter angewachsen sind.‘

Harro verstand genug von Physik, um die Bedeutung eines derartigen Vorganges ohne weitere Aufklärung ermessen zu können.

Er merkte nichts davon — aber vermutlich war die relativ kleine CLAIRMONT jetzt bereits so groß wie ein ganzes Sonnensystem! Und dieses Phänomen würde sich rasend schnell weiter fortsetzen, bis das Hyperschirmfeld endgültig zusammenbrach. Schiff und Besatzung würden sich unaufhaltsam bis ins Unendliche ausdehnen, dabei jeden molekularen und selbst atomaren Zusammenhang verlieren und schließlich ganz aufhören zu bestehen...

Mit fliegenden Händen, ohne auf seine Verletzungen zu achten nahm der Mensch die Schaltungen vor, die den kleinen Computer stilllegten und dem regulären Steuerautomaten wieder die Herrschaft über die CLAIRMONT zurückgaben. Das geschah ohne jeden merkbaren Übergang.

Harro formulierte in Gedanken noch einen Dank an die hilfreiche fremde Stimme, doch er bekam keine Antwort mehr. Die Hyperfeld-Projektoren arbeiteten bereits wieder mit voller Kraft, und damit war das Schiff gegen seine Umgebung isoliert und die Verbindung zu dem fremden Geisteswesen unterbrochen.

Wieder überkam Bamill ein starkes Schwindelgefühl, doch unmittelbar darauf stellte sich sein normales Körpergefühl wieder ein. Innerhalb winziger Sekundenbruchteile hatten alle Atome wieder ihre ursprüngliche Ballungsdichte erreicht, war der schon weit fortgeschrittene Auflösungsprozess im letzten Moment unterbunden worden.

Dafür war Harro nun aber müde — todmüde!

Er brachte es eben noch fertig, einige Nachjustierungen durchzuführen, dann verließen ihn endgültig die Kräfte. Wie erschlagen sank er in den Copilotensitz und war wenige Sekunden danach fest eingeschlafen.

‚So, nun hast du deinen Willen‘, sagte die zweite Stimme zur ersten. ‚Wer wird es dir danken?‘

Ihr Pendent strahlte eine Aura heiterer Zufriedenheit aus.

‚Ist das Bewusstsein, jemand in höchster Not geholfen zu haben, nicht befriedigender als jeder Dank? Zudem hat mich eben aus der niederen Existenzebene dieser Wesen eine Zukunftsspiegelung erreicht, die alle meine Bemühungen vollkommen rechtfertigt. Die Menschen in dem Schiff werden sich allerdings sehr wundem, wenn sie wieder in ihrem Kontinuum ankommen. Dann schwiegen beide Stimmen. Die CLAIRMONT aber zog weiter ihre Bahn durch das unbegreifliche Nichts des Hyperraumes, als wäre nichts geschehen.

Auch die tiefste Ohnmacht geht einmal vorüber.

Sergej Popow kam langsam wieder zu sich und streckte seine schmerzenden Glieder. Er wusste nicht, was vorgefallen war, denn die Ereignisse waren viel zu plötzlich über ihn gekommen. Verwundert sah er den Ersten Offizier im Nachbarsitz liegen und fest schlafen, mit über und über zerschundenen Händen, sonst aber augenscheinlich vollkommen gesund.

Details

Seiten
169
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923094
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
rätsel topas

Autor

Zurück

Titel: Das Rätsel von Topas