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Die Raumflotte von Axarabor #32: Das Geheimnis von Paradies II

2018 70 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #32: Das Geheimnis von Paradies II

Axarabor, Volume 32

Bernd Teuber

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Das Geheimnis von Paradies II

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 32

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Was geschah mit den Siedlern, die vor vierhundert Jahren von Axarabor aufbrachen, um auf einem Planeten im Delar-System eine neue Heimat zu finden? Auf der Suche nach Antworten gerät das Einsatzteam der STARFIRE in tödliche Gefahr ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Angriff kam völlig überraschend.

Laut schreiend sprang die Kreatur aus der Dunkelheit hervor und zerschmetterte mit einer Metallstange den Schädel des am nächsten stehenden Menschen. Major Miguel Yacoban riss den Energiestrahler aus dem Holster und schoss. Das Wesen stieß einen dumpfen Laut aus und brach zusammen. Eine rosafarbene Flüssigkeit lief aus der Wunde.

„Er ist tot“, sagte Leutnant Oliver Branlo.

„Sie sind beide tot“, erwiderte Major Yacoban und deutete auf Leutnant Amon Tellar.

Dann wandte er sich der fremden Kreatur zu. Der gedungene Körper war etwa 1,50 Meter groß und hatte eine hellbraune, lederne Haut. Die Arme waren sehr schlank und endeten in Händen mit fünf dünnen Fingern. Der flache Kopf mit den großen dunklen Augen und dem breiten Mund ruhte dicht auf den Schultern. Das Wesen hatte einen sehr breiten Mund mit rasiermesserscharfen Zähnen. Die Kleidung bestand aus einem primitiven Lendenschurz.

Schweigend blickte die Besatzung der Landefähre auf die fremde Kreatur herab. Es war bereits das zweite Mal, dass sie während ihrer Erkundungsmission auf diese Lebewesen getroffen waren. Aber es waren keine Menschen. Und genau diese Tatsache beunruhigte Major Yacoban. Wo waren die Siedler?

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DIE ERSTEN MENSCHEN, die zu fernen Sternen flogen, unterlagen der Einsamkeit unendlicher Leere. Sie quälte die unausgesprochene, tief verborgene Befürchtung, dass ihre Mühen vergebens sein könnten. Jeder von ihnen begriff, dass ein Mensch, selbst wenn er mit Lichtgeschwindigkeit fliegen würde, niemals weiter, als bis zu den nächsten Sonnen gelänge. Flüge zu fernen Sternen schienen ein utopischer Traum zu sein. Die schwarzen Abgründe, für deren Überwindung selbst das Licht Millionen Jahre benötigte, versperrten ihnen den Weg.

Doch die Menschen setzten alles daran, um diese Abgründe zu überwinden. Allmählich verschwanden die weißen Flecke auf den Sternenkarten. Kühne Astronauten unternahmen lange, mühselige und gefahrvolle Forschungsreisen in zerbrechlichen Schiffen. Aber der Weltraum war und blieb riesengroß und voller Geheimnisse. Um sie zu ergründen, genügte nicht einmal ein Menschenleben. Mancher, der eine solche Reise ins Unbekannte wagte, kehrte nicht zurück.

Erst durch die Entwicklung des Überlichtantriebs wurden die Entfernungen kleiner. Nun zeigte es sich, dass der Mensch mit der Erringung der Herrschaft über den Raum das, was Jahrhunderte für ihn unerschütterlich festzustehen schien, in Bewegung gebracht hatte: Die Zeit. Die Entfernungen zwischen den Planeten schrumpften immer mehr zusammen, der Zeitbegriff geriet ins Wanken.

Die Entwicklung des überlichtschnellen Reisen veränderte das Empfinden für Zeit und Entfernungen erneut radikal.

Seither legten die Siedlerschiffe immer weitere Entfernungen zurück – zu Welten, die noch nie zuvor das Auge eines Menschen entdeckt hatte. Doch die Gesetze des Kosmos und die gnadenlose Unerbittlichkeit des Alls wurden unzähligen Schiffen zum Verhängnis. Viele Expeditionen, die unter dem Jubel der Massen begonnen hatten, wurden zu einer Reise ohne Wiederkehr. Einige der Schiffe tauchten Jahrhunderte später wieder in der Nähe Axarabors oder eines anderen Planeten auf. Andere blieben verschwunden.

Der Forscherdrang der Menschheit bildete die Grundlage für unzählige Expansionswellen. Siedlerschiffe brachten die Pioniere zwecks Gründung neuer Kolonien auf Planeten, die zuvor von Sonden untersucht worden waren. Sehr schnell wurde aus dem Menschen ein interstellares Lebewesen. Er breitete sich zwischen den Sternen aus und füllte das schwarze Vakuum mit seinen Schiffen.

Doch manchmal wurden sogar jene Expeditionen, die sehr gut vorbereitet waren, vor Probleme gestellt, auf die sie keine Antwort wussten. Beim heutigen Stand der Erforschung und Besiedlung fremder Welten kann auch ein weit entfernter Außenposten auf die Hilfe und Unterstützung der Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor zählen.

Die Siedler in früheren Zeiten besaßen diese Möglichkeit nicht. Allzu oft gerieten sie, beflügelt vom Entdeckerdrang, soweit außerhalb der befahrenen Routen in Schwierigkeiten, dass nicht einmal mehr irgendeine Form von Verbindung bestand. Viele kehrten nie zurück. Möglicherweise fristen einige dieser Siedler ihr Dasein auf weit entfernten und unbekannten Welten.

Ziel der STARFIRE war das Delar-System. Vor mehr als vierhundert Jahren startete ein Schiff von Axarabor, um dreihundert Siedler hierher zu bringen. Der Kontakt riss bereits vor der Ankunft ab. Zudem waren die Aufzeichnungen in den Archiven nur noch bruchstückhaft erhalten geblieben, sodass nie einwandfrei geklärt werden konnte, auf welchem Planeten die Siedler landen sollten. Drei kugelförmige Gebilde umkreisten die Sonne.

„Eine nette Auswahl“, bemerkte Commander Gavon Overdic, während er auf den Panoramabildschirm in der Kommandozentrale blickte. „Welchen fliegen wir an?“

„Welcher käme für menschliches Leben infrage?“, erwiderte Captain Simon Hackett.

„Wir müssen erst noch die Auswertung abwarten. Der Erste ist wahrscheinlich zu heiß, der Dritte möglicherweise zu kalt.“

„Also bleibt nur der mittlere Planet“, murmelte Hackett und betrachtete immer noch den Bildschirm. „Trotzdem sollten wir allen Planeten einen Besuch abstatten. Nur um sicher zu gehen. Der Innere liegt genau in unserer Bahn.“

„In Ordnung. Dann werden wir dort eine genaue Analyse durchführen.“

Mit halber Geschwindigkeit näherte sich die STARFIRE dem Planeten. Er hatte einen Durchmesser von 57,807 Millionen Kilometern und kreiste in einer elliptischen Bahn, die dicht an der Sonnenoberfläche vorbeiführte. In den Archiven von Axarabor trug er die Bezeichnung „Paradies I“ Seine Oberfläche schimmerte bräunlich. Die Atmosphäre enthielt nur etwa drei Prozent Sauerstoff, also viel zu wenig für die verwöhnten Lungen von Menschenarten wie denen von Axarabor. Der Rest bestand aus Wasserstoff, Stickstoff, Kohlensäure und anderen Gasen. Für den Aufbau einer Kolonie war dieser Planet somit vollkommen ungeeignet.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass die Atmosphäre vor vierhundert Jahren eine andere Zusammensetzung besaß und die Siedler sich im Laufe der Verwandlung ebenfalls umstellten. Die Gravitation betrug weniger als ein g – also durchaus geeignet für Menschen. Trotzdem konnten die ursprünglichen Siedler den Planeten nur mit Atemmaske betreten.

„Sollen wir ein Team hinunterschicken?“, fragte Overdic.

Der Captain zögerte. Hatte es Sinn, auf einer Welt zu landen, die nicht für Menschen geschaffen war? Sollte man nicht gleich zum mittleren Planeten fliegen, der bessere Lebensbedingungen versprach?

„Wir gehen in eine Umlaufbahn und nehmen eine Abtastung vor“, entschied Hackett. „Vielleicht finden wir etwas Interessantes.“

Die braune Welt kam näher und füllte schließlich den gesamten Bildschirm aus. Spitze Felsen ragten empor, und gewaltige Schluchten durchzogen Plateaus, deren Ende kaum abzusehen war. Einst musste es auf diesem Planeten Wasser gegeben haben. Die Flüsse hatten tiefe Canyons in die Felsplatten gegraben. Von irgendwelchen Behausungen intelligenter Lebewesen war keine Spur zu entdecken. Die STARFIRE umrundete den Planeten einmal, doch das Bild der Landschaft veränderte sich kaum.

Gewaltige Schluchten durchzogen das braune Felsgestein. Überhaupt schien die ganze Welt nur aus einer einzigen Hochebene zu bestehen, in die Wasser und sonstige Witterungseinflüsse tiefe Täler gegraben hatten, um das sonst eintönige Aussehen dieses Planeten ein wenig zu mildern. In den Felswänden befanden sich vereinzelte schwarze Öffnungen. Doch diese Höhlen waren auf natürliche Art entstanden. Dafür sprach ihre unregelmäßige Anordnung. Als Nächstes wandte man sich dem äußeren Planeten zu. „Paradies III“ wies eine dichte Kohlendioxyd-Atmosphäre und eine Oberflächentemperatur von minus 500 Grad Celsius auf.

Nur der mittlere Planet bot offenbar die nötigen Voraussetzungen für eine Besiedlung. Er befand sich in einer sogenannten habitablen Zone, also jenem Parameterbereich, in dem ein Himmelskörper sehr wahrscheinlich Leben hervorbringen konnte. Während die STARFIRE auf „Paradies II“ zuflog, erschien auf dem Panoramabildschirm plötzlich ein ungewöhnliches Phänomen. Das Raumschiff wurde von einem seltsamen roten Licht umgeben.

„Was ist das?“, fragte Overdic verblüfft.

„Kosmischer Staub“, vermutete Hackett.

An den Außenwänden der STARFIRE flimmerte ein blasses, zitterndes Leuchten, das in Streifen zerflatterte und weit hinter dem Heck erlosch. Das Schiff raste, von einer Wolke gespensterhafter Lichterblitze umgeben, dahin. Bald darauf war die STARFIRE wieder im leeren Raum.

„Wir werden noch einmal hindurchfliegen und eine genaue Analyse vornehmen“, entschied Hackett.

Die STARFIRE hob den Bug und verringerte die Geschwindigkeit so stark, dass sie auf der Stelle zu schweben schien. Wie gewöhnlich rief dieses Manöver den Eindruck hervor, das die unbewegten Gestirne kreisten und sich drehten. Die STARFIRE tauchte erneut in die Wolke des unsichtbaren Gases. Als das Raumschiff langsam weiterflog, flammte es nicht auf, aber sobald die Geschwindigkeit eintausend Kilometer in der Sekunde erreichte, begannen die ionisierten Atome infolge der Reibung an der Außenseite zu glühen. Von Neuem leckten blasse Lichtzungen am Schiffsrumpf entlang.

Hackett wandte sich an den Mann am Ortungsbildschirm. „Gibt es schon ein Ergebnis?“

„Ja“, antwortete Leutnant Chris Barrows. „Die Analyse hat ergeben, dass es sich um molekularen Sauerstoff handelt.“

„Und woher stammt er?“, wollte Overdic wissen.

„Die Computerauswertung besagt, dass wir wahrscheinlich in den Schweif von etwas geraten sind. Vielleicht eines Kometen? Den Berechnungen zufolge bildet der Gasstreifen eine Bogenlinie.“

„Dann werden wir ihr folgen“, entschied Hackett.

Die STARFIRE beschleunigte wieder. Wenige Minuten später meldete Barrows, dass die Instrumente in einer Entfernung von achtzehn Millionen Kilometern ein Objekt registriert hätten.

„Legen Sie das Bild auf den Hauptschirm.“

„Ja, Captain.“

Hackett und Overdic richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Panoramabildschirm. Dort war der Komet als schwach leuchtender Punkt zu erkennen.

„Durchmesser?“, fragte der Captain.

„Einen Kilometer.

„Kein sehr großer Brocken“, meinte Overdic. „Aber wieso zieht er eine Spur molekularen Sauerstoff hinter sich her? In so einer Reinheit....“

„Stellen Sie fest, welche Zusammensetzung der Komet hat“, befahl Hackett.

Sekunden später kam die Antwort des Ortungsoffiziers. „Der angebliche Himmelskörper ist kein Komet, sondern ein Raumschiff.“

„Ein Raumschiff?“

„Das erklärt vielleicht den Sauerstoff“, sagte Overdic. „Vielleicht hat es ein Leck.“

„Können Sie feststellen, ob es in den Datenbanken registriert ist?“, wollte der Captain wissen.

Barrows ließ seine Finger über die Tastatur gleiten. Sekunden später kam die Antwort. „Das Schiff ist vollkommen unbekannt. Die Scanner empfangen keine Partikelsignatur. Der Antrieb ist ausgeschaltet.“

„Führen Sie eine Infrarotabtastung durch“, befahl Hackett.

Abermals drückte Barrows einige Tasten. „Negativ. Keine Wärmeabstrahlung.“

„Aber der molekulare Sauerstoff stammt eindeutig von dem Schiff, oder?“

„Ja“, bestätigte Barrows.

„Ein Wrack“, vermutete Overdic.

„Es könnte auch manövrierunfähig sein“, sagte Hackett. „Oder eine Aufgabe erfüllen, von der wir keine Ahnung haben.“ Er wandte sich an den Kommunikationsoffizier. „Senden Sie Rufzeichen auf allen Kanälen.“

Die STARFIRE verringerte ihre Geschwindigkeit. Hackett blickte auf den Bildschirm. Inmitten des sternenübersäten Weltraums erschien ein schwach leuchtender Fleck. Die ovale Form war deutlich zu erkennen. Drohend schwebte das fremde Schiff im Raum. Die gesamte Erscheinung war unheimlich. Hackett wäre beruhigter gewesen, wenn sich dort drüben ein Schott geöffnet und eine fantastische Gestalt auf sie zugeschwebt käme.

Noch immer blickte der Captain zweifelnd auf dem Panoramabildschirm. Er hatte nicht damit gerechnet, hier ein fremdes Schiff anzutreffen. War es Zufall? Er hielt es für besser, Vorsichtsmaßnahmen einzuleiten.

„Schutzschirm aktivieren!“, befahl Hackett.

Die Energiekraftwerke innerhalb der STARFIRE sorgten dafür, dass sich Sekunden nach diesem Befehl ein blaufarbener Schutzschirm um das Raumschiff wölbte. Theoretisch konnte er jede denkbare Waffe abwehren. Hackett wusste jedoch, dass technisch weiterentwickelte Spezies fähig waren, auch einen Schutzschirm mit Waffen zu durchdringen. Schon oft genug hatte er erlebt, wie als sicher geltende Defensivwaffen versagt hatten.

Sie waren jetzt bis auf fünfhundert Meter herangekommen. Der Offizier an der Steuerkonsole regulierte die Geschwindigkeit, sodass sich die STARFIRE nun bewegungslos neben dem fremden Schiff befand. Drüben rührte sich immer noch nichts. Auch die Rufzeichen blieben unbeantwortet. Aufmerksam betrachtete Commander Overdic das dunkle Gebilde.

„Ein Geisterschiff“, murmelte er. „Oder sollten sich im Inneren Wesen befinden, die nur auf unseren ersten Schritt lauern?“

„Was nützen uns alle Vermutungen, wenn wir keine Gewissheit erlangen können?“, fragte Hackett. Er wandte sich an den Navigationsoffizier. „Schleusen Sie eine Drohne aus.“

Kurze Zeit später sah er auf dem Bildschirm, wie das computergesteuerte Fluggerät den Hangar der STARFIRE verließ. Unablässig näherte es sich dem fremden Schiff.

„Schalten Sie um auf Drohnenkamera!“

„Ja, Captain.“

Langsam flog die Drohne an der matten Außenhülle entlang. Einige kleinere Krater wiesen darauf hin, dass das Schiff mit etlichen Asteroiden kollidiert war. Einschlusslöcher von Strahlenwaffen wies die Hülle jedoch nicht auf. Die Drohne umrundete das Schiff und passierte das Triebwerk. Auch hier gab es keine sichtbaren Schäden.

„Wir sollten jemanden rüberschicken“, sagte Hackett.

Overdic starrte ihn an. „Halten Sie das wirklich für eine gute Idee?“

„Haben Sie eine bessere? Vielleicht handelt es sich um ein ferngesteuertes Beobachtungsschiff. Nun kommt es nur darauf an, wie wir uns verhalten.“

„Ja, Sie haben recht. Es hat keinen Sinn, hier ewig zu warten. Entweder werden sie auf uns schießen oder irgendwo öffnet sich gleich ein Schott. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass sich niemand an Bord befindet.“

„Wie dem auch sei, in wenigen Minuten werden wir eine Antwort erhalten.“

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Leutnant Kami Asgar stand im Hangar und wartete, bis die Luft abgesaugt und der Druck ausgeglichen war. Über ihm leuchtete eine grüne Lampe. Gleich darauf betätigte der Offizier hinter der Glasscheibe eine Taste. Das Schott glitt zur Seite. Tausende Sterne leuchteten ihm entgegen. Das fremde Raumschiff war gut zu erkennen, weil es von der Sonne beschienen wurde. Zu seiner Verwunderung vermochte Asgar sogar für den Bruchteil einer Sekunde hineinzuschauen, ohne Unbehagen zu empfinden. Sie war längst nicht so grell wie die Sonne von Axarabor, dachte er.

Insgeheim hoffte er auch, dass sich bei dem fremden Schiff ein Schott öffnen würde, doch nichts dergleichen geschah. Er schüttelte die aufkommende Furcht ab, schaltete sein Helmfunkgerät ein und machte die Sprechprobe.

„Ich werde jetzt hinüberfliegen. Können Sie mich hören?“

„Verständigung gut. Viel Glück!“, kam es zurück.

Asgar trat an den Rand der Schleuse, schaltete sein Jetpack ein und flog hinaus. Nur eine kleine Kurkorrektur war notwendig, damit er sein Ziel nicht verfehlte. Dann landete er auf der Hülle des fremden Schiffes. Das Erste, was ihm auffiel, waren die Spuren unzähliger winziger Meteore, die im Laufe der Zeit aus der einst glatten Hülle eine mit Poren durchsetzte Metallfläche gemacht hatten. Dieses Schiff musste sich schon seit sehr langer Zeit im Weltraum befinden.

Er landete dicht neben einem ovalen Deckel. Das konnte die Einstiegsluke sein, falls die Erbauer menschenähnliche Wesen waren. Aber er konnte keinen Mechanismus entdecken, der das Öffnen der Luke von außen ermöglicht hätte. Ein wenig ratlos stand Asgar auf der Hülle des Schiffes.

„Was soll ich tun?“, fragte er. „Die Luke aufbrechen?“

„Womit?“, kam es prompt aus der Zentrale zurück. „Klopfen Sie doch höflich an. Vielleicht bemerkt sie jemand.“

Asgar befolgte den Rat des Kommunikationsoffiziers. Da ein Klopfen mit den behandschuhten Händen sinnlos schien, stampfte er mit den schweren Stiefeln gegen die geschlossene Luke und erschrak, als sie leicht nach innen aufschwang. Zumindest erklärte dieser Umstand den molekularen Sauerstoff, den das Schiff hinterlassen hatte. Asgar schwebte in die Öffnung. Für die Männer in der Zentrale der STARFIRE bot sich das Schauspiel eines Versinkenden. Sie hörten nur noch seinen erstickten Ausruf, dann war er ihren Blicken entschwunden.

Erst eine Minute später meldete er sich.

„Die Luke war gar nicht geschlossen. Das Schiff – oder wenigstens die Schleuse – ist einigermaßen luftleer. Die Instrumente sind unseren ähnlich. Ich werde jetzt die Außenluke schließen und in das Schiff eindringen.“

„Verstanden“, erwiderte der Kommunikationsoffizier.

Asgar machte sich daran, die einzelnen Instrumente genauer zu untersuchen. Nach einigem Zögern legte er einen Hebel um und drückte gleichzeitig einen Knopf. Er musste zwei Funktionen gleichzeitig ausgelöst haben, denn während mit erstem Zischen Atemluft in die Schleuse drang, öffnete sich bereits die Innenluke zum Schiff.

„Luft, also Sauerstoff, ist vorhanden“, sagte Asgar. „Fragt sich nur, ob sie auch atembar ist. Daraus ließen sich gewisse Schlüsse ziehen.“

„Nehmen Sie den Scanner und führen Sie eine Analyse durch“, befahl Hackett über Sprechfunk.

Asgar befolgte den Rat, war sich jedoch nicht schlüssig. „Atembar“, meldete er. „Aber offenbar schon ziemlich abgestanden. Lufterneuerung scheint nicht zu funktionieren.“

„Wo sind Sie jetzt?“, wollte der Captain wissen.

Asgar befand in einem Gang, von dem aus Türen in einzelne Kabinen führten. Einige standen offen und gewährten den Blick in kleine Räume. Alles war sauber und ordentlich, aber von einer feinen Staubschicht bedeckt.

„Sieht so aus, als fehle denen ein Reinigungsroboter“, meinte er grinsend. „Ich werde den Helm lieber geschlossen halten. Wer weiß, was ich sonst für Krankheitserreger einatme.“

Er ging langsam weiter. Irgendwo dort vorne musste sich die Kommandozentrale befinden, und die interessierte ihn am meisten.

„Das Schiff scheint verlassen zu sein“, sagte er in sein Mikrofon.

Die Tür zur Zentrale war geschlossen, ließ sich jedoch leicht in die Wandungen schieben. Asgar zögerte einen Moment, bevor er schließlich eintrat. Die komplizierte Einrichtung verwirrte ihn zunächst, aber er erkannte trotzdem eine gewisse Ähnlichkeit mit der Zentrale der STARFIRE. Die breiten Bildschirme waren dunkel und verstaubt. Selbst die Sicht durch die runden Fenster war getrübt. Asgar konnte die STARFIRE nur undeutlich erkennen. Von einem lebenden Wesen entdeckte er jedoch keine Spur.

Das Raumschiff hatte keine Besatzung. Aber wo war sie geblieben? Vorsichtig machte er einige Schritte, um die breite Rückenlehne des Pilotensitzes zu umrunden und näher an die Steuerkonsole heranzukommen. Vielleicht lieferten die Anzeigen der Instrumente einen Hinweis. Erst jetzt sah er den Mann. Er saß in dem Pilotensitz. Die Vermutung, dass es ein Mann sein musste, erschien ihm etwas voreilig, denn bei einem derartig verrotteten Leiche konnte ein Laie das nur bedingt feststellen.

Die Knochenhände lagen gefaltet auf dem Schoß. Asgar versuchte, sein plötzlich wie rasend schlagendes Herz zu beruhigen. Ein Toter war ungefährlich, sagte er sich. Doch laut teilte er den Leuten in der STARFIRE mit: „Die Besatzung des Schiffes besteht aus einem Toten – einer Leiche, stark mumifiziert und humanoid. Ob menschlich kann ich nur vermuten. Aber wir haben definitiv einem Humanoiden. Offenbar ist er schon seit sehr langer Zeit tot.“

„Eine Leiche?“, kam es zurück. „Und das ist alles?“ Captain Hackett schien es kaum begreifen zu können.

„Nur eine Leiche, humanoid. Ich werde weitersuchen.“

Auf der Steuerkonsole entdeckte er einige Instrumente. Die Anzeigen gaben jedoch keinen Aufschluss über die Herkunft des Schiffes. Ein Blick auf die Beschriftung belehrte ihn, dass es sich zwar um eine ihm unbekannte Sprache handelte, einige Buchstaben und Worte waren ihm jedoch vertraut.

„Vermutlich unsere Verwandten“, murmelte er.

„Wie bitte?“, fragte Hackett prompt.

„Hier gibt es einige Schriftzeichen, die mit unseren übereinstimmen.“

„Sonst nichts?“

„Nein. Ich verlasse jetzt die Zentrale und sehe mir den Rest des Schiffes an. Vielleicht entdecke ich noch etwas Interessantes.“

„In Ordnung.“

Kami Asgar wanderte durch das ganze Schiff, durchquerte schmale Gänge, die nur in das kalte Licht seiner Helmlampe getaucht waren, durch Räume, die auf dem Kopf zu stehen schienen. Über ihm hing ein unübersehbares Netz von Kabeln und Leitungen, das von pilzförmigen Isolatoren gehalten wurde. Er durchquerte Schächte, gelangte von einer Etage in die darunterliegende, aber er fand weder einen Lebenden, noch einen weiteren Toten. Anscheinend war das ganze unübersehbare Labyrinth bis zum letzten Augenblick sauber gehalten worden. Trotzdem fand er keinen Hinweis darauf, woher das Schiff stammte. Er kehrte zur STARFIRE zurück und erstattete Captain Hackett Bericht.

„In Ordnung“, sagte er, nachdem Asgar geendet hatte. „Dann werden wir uns jetzt mal dem mittleren Planeten zuwenden. Vielleicht finden wir dort eine befriedigende Antwort.“

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Die STARFIRE nahm wieder Fahrt auf. Das Wrack blieb zurück und entschwand bald aus dem Blickwinkel der Außenkameras. Der Offizier an der Steuerkonsole nahm einige Berechnungen vor und brachte das Schiff auf Kurs. In der Mitte des Bildschirms schob sich der Planet heran. Hackett gab den Auftrag, eine Abtastung vorzunehmen, um Dichte, Größe und atmosphärische Verhältnisse zu bestimmen. Außerdem sollte die Umlaufzeit und auch die Rotation festgestellt werden.

Wenige Minuten später lagen sämtliche Ergebnisse vor. Der Umlauf um die Sonne betrug knapp ein halbes Jahr. Die Eigenrotation betrug fünfunddreißig Stunden. Die Äquatorebene war praktisch mit der Ekliptik identisch. Auf „Paradies II“ herrschten immer die gleichen Witterungsverhältnisse. Es gab keine Jahreszeiten und damit keine unvorhergesehenen Naturkatastrophen. Es gab keine Polarnacht und keinen Polartag, keine Passatwinde und keinen Frühling.

„Vielleicht ist er jetzt unbewohnbar?“, meinte Overdic.

„Nein, das glaube ich nicht. Wenn die Siedler damals wirklich hier gelandet sind, kennen sie ihre Welt ja nicht anders. Ihnen würden Jahreszeiten und eine lange Polarnacht wahrscheinlich sehr ungewöhnlich vorkommen. Jede Rasse ist das Produkt ihrer Umgebung.“

Hackett betrachtete den Planeten, der noch größer geworden war und fast den gesamten Bildschirm ausfüllte. Mittlerweile konnte man die Umrisse des Festlandes erkennen. Ein Viertel wurde von einem gigantischen Kontinent eingenommen. Alles andere bestand aus Wasser und einigen kleineren Inseln.

„Der Planet hat nur einen Kontinent“, wunderte sich Hackett.

„Na und? Das ist gar nicht so ungewöhnlich“, sagte Commander Overdic, „Viele Planeten haben nur einen oder zwei Kontinente. Es gibt Welten die erleben niemals Naturkatastrophen oder starke Temperaturschwankungen. Es ist nicht so ungewöhnlich, dass er nur einen Kontinent besitzt.“

„Wenigstens enthebt uns das der Sorge, den richtigen Landeplatz zu finden.“

Hackett schien fest entschlossen, darauf seinen ganzen Optimismus aufzubauen. Er sollte herausfinden, was mit den Siedlern passiert war und irgendwo auf diesem Planeten musste es eine Antwort geben. Er ließ die STARFIRE in eine Umlaufbahn einschwenken.

„Immer noch kein Funk“, meldete der Kommunikationsoffizier. „Ich habe es auf sämtlichen Kanälen probiert.“

„Ich habe auch nichts anderes erwartet“, sagte Overdic.

Hackett machte eine abwehrende Handbewegung. „Ziehen wir lieber keine voreiligen Schlüsse. Die Atmosphäre kann ihre Tücken haben, ebenso die Einwirkung der Sonne.“ Er wandte sich an den Kommunikationsoffizier. „Hat die Oberflächenabtastung keine Anzeichen einer Zivilisation feststellen können? Städte, Straßen oder etwas Ähnliches?“

„Nein. Allerdings kommt es immer wieder zu Interferenzen.“

„Wie ist das möglich?“

„Die Atmosphäre, Captain. Sie reflektiert die Strahlen oder leiten sie um.“

„Weshalb?“

„Kann ich nicht genau sagen“, antwortete der Kommunikationsoffizier. „Die Analyse ist nicht eindeutig.“

„Sie scheinen mit Ihrer Vermutung recht zu haben“, sagte Overdic.

„Es war nur so eine Idee.“

„Und wie soll es nun weitergehen?“, wollte der Commander wissen.

„Das ist doch wohl klar. Wir werden uns auf die Suche nach Antworten machen.“

Wie bei jedem derartige vernehmen musste Captain Hackett einen Kompromiss finden, zwischen seiner Pflicht, für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen und der Verantwortung dem Leben seiner Besatzung gegenüber. Er wusste nicht, was ihn auf diesem Planeten erwartete. Deshalb kam er zu dem Entschluss, vorerst nur ein kleines Erkunderteam hinunter zu schicken. Seine Wahl fiel auf das Team Alpha unter dem Kommando von Major Yacoban. Er hatte in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er die ihm übertragenen Aufgaben mit vollem Einsatz erledigte.

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Major Miguel Yacoban lag mit angewinkelten Beinen auf dem Bett in seiner Kabine, als der Lautsprecher des internen Kommunikationssystems einen durchdringenden Pfeifton von sich gab und eine Stimme sagte: „Major Yacoban, melden Sie sich sofort in der Zentrale.“

Er schwang seine Beine aus dem Bett und stand auf. Yacoban war groß und hager. Das dunkle Haar trug er kurz geschnitten. Eine Aura unerschütterlicher Ruhe umgab ihn. Er nahm seine Uniform vom Stuhl und kleidete sich vollständig an. Dann verließ er die Kabine und ging zum nächsten Lift, um nach oben in die Zentrale zu fahren. Dort unterrichtete ihn Captain Hackett in wenigen Worten über seinen Auftrag. Gleichzeitig erfuhr er auch, dass der Captain neun Männer ausgewählt hatte, die ihn auf seiner Mission begleiten sollten.

Yacoban verließ die Zentrale und fuhr mit dem Lift in die unteren Ebenen, wo sich die Hangars befanden. Dort wurde er bereits von seinem Einsatzteam erwartet. Es bestand aus dem Piloten Josh Cully und den Leutnants Branlo, Tellar, Asgar, Vane, Barrows, Reynolds, Saunders und Bobbit.

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NACHDEM MAJOR YACOBAN die Zentrale verlassen hatte, wandte Hackett seine Aufmerksamkeit wieder dem Panoramabildschirm zu, auf dem der Planet als große leuchtende Kugel zu sehen war. Er trug die Bezeichnung „Paradies II“. Ein komischer Name, dachte Hackett. Wer war bloß auf die verrückte Idee gekommen, den Planeten nach dem Aufenthaltsort der ersten Menschen vor dem Sündenfall und der Seligen nach dem Leben zu benennen? Obwohl sich der Einflussbereich der Regierung des gewählten Hochadmirals von Axarabor Hunderte von Lichtjahren in alle Richtungen des Alls erstreckte, erfasste er doch nur einen winzigen Teil des Universums – einen Punkt innerhalb eines Raums von unvorstellbaren Ausmaßen.

In ihm kreisten viele Milliarden Planeten, die noch darauf warteten, erforscht zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, auf diesen Welten Leben vorzufinden, war nach den heutigen Erkenntnissen unendlich groß. Aber die menschliche Fantasie wurde durch die grenzenlose Leere noch mehr herausgefordert.

Vom Hangar kam die Meldung, dass Yacoban und sein Team starbereit waren. Sekunden später wurde die Fähre auf dem Panoramabildschirm sichtbar. Sie sank rasch der Oberfläche entgegen. Hackett fragte sich, was die Besatzung dort unten entdecken würde. Hinweise auf die vermissten Siedler? Er ahnte, dass sie auf der Spur eines wichtigen Geheimnisses waren. Hackett spürte, dass seine Hände zuckten.

„Am liebsten wären Sie selber mit hinuntergeflogen“, sagte Overdic verständnisvoll.

Details

Seiten
70
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738923070
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443124
Schlagworte
raumflotte axarabor geheimnis paradies

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #32: Das Geheimnis von Paradies II