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Horrorroman: Jenseits der Finsternis

von Alfred Wallon (Autor:in) Marten Munsonius (Autor:in)
2018 120 Seiten
Reihe: Dämonenjäger Murphy, Band 1

Zusammenfassung

In der Gegend von Atlanta/Georgia geschehen seit längerer Zeit geheimnisvolle Ritualmorde. DER FROSTIGE MANN und seine finstere Familie üben in der kleinen Stadt Rovers Hill eine blutige Schreckensherrschaft aus. Sie verehren die "Dämonen der Dämmerung", unfaßbare Geschöpfe aus einer anderen Dimension, die den Weg in unsere Welt suchen - und wenn sie ihn gefundenhaben, wird die Erde in Chaos und Tod versinken. David Murphy verfolgt die Spur des FROSTIGEN MANNES - sie führt in eine tödliche Falle.

Leseprobe

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Das Buch des Wissens

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Es beunruhigte ihn sehr, dass er schon seit einigen Tagen nichts mehr von David Murphy gehört hatte. Dr. Barry Reeves erschien es wie vor einer halben Ewigkeit, seit er den Mann zum letzten Mal gesehen hatte, und der schließlich  dafür sorgte, dass ab diesem Zeitpunkt nichts mehr so war wie es Barry Reeves einst geglaubt hatte.

Barry Reeves war Dozent für Psychologie an der Universität von Atlanta und galt dort auch als Experte für Grenzwissenschaften

( solche die nicht unbedingt offiziell gelehrt wurden ). Unter seinen Kollegen und bei den ordentlichen Professoren galt er als verschrobener Einzelgänger, der sich viel zu viel mit kuriosen Schriften und Büchern beschäftigte, über die man nur hinter vorgehaltener Hand munkelte. Nur seinem guten Ruf als Psychologiedozent hatte er es zu verdanken, dass sich die Kollegen nicht beim Dekan der Universität über ihn beschwerten - denn Dr. Reeves erwähnte auch in seinen "normalen" Vorlesungen des öfteren Dinge, die sich jenseits des menschlichen Verstandes befanden. Die meisten Studenten lächelten heimlich darüber, weil sie Reeves verschrobene Natur kannten - aber es gab auch einige unter ihnen, bei denen seine Worte auf ein echtes Interesse und Nachdenklichkeit über die Natur der Dinge zugleich stießen.

Draußen ging die Sonne allmählich unter, und die Neonreklamen der zahlreichen Geschäfte erhellten jetzt das Straßenbild. Die Nacht erwachte allmählich zum Leben - mit ihren zahlreichen Restaurants, Bars und Kneipen, die ihre Vorzüge mit grellbunten Neonschriften herausstellten. Atlanta war aber auch eine Stadt voller Gegensätze - und es gab Orte, die die Touristen nie zu sehen bekamen. Weil es dort viel zu gefährlich für sie war, denn die Schattenseiten und die gaukelnden Werbeflächen der heilen Welt waren wie Mosaike aneinandergekettet - und nicht jeder fühlt sich im Dschungel der großen Metropolen heimisch.

Dr. Barry Reeves lebte zwar schon seit mehr als fünfzehn Jahren in der Metropole Atlanta, aber auch er kannte die "schlimmen" Stadtbezirke nur vom Hörensagen - eben das, was man im Nachrichtenkanal sah oder in den Zeitungen las. Rassenkrawalle, Drogenschmuggel, Prostitution, Hehlerei und Bandenkriege zwischen rivalisierenden Jugendgangs, wo bereits wegen eines falschen Gesichtsausdrucks gekillt wurde. In dieser Hinsicht machte auch Atlanta im Vergleich zu anderen größeren Städten Amerikas keine Ausnahme - bis auf eine: in Atlanta residierte immer noch der Ku-Klux-Klan, eine rassistische Vereinigung verwirrter Narren, die auch nach hundert Jahren ihres Bestehens nichts dazugelernt hatten. Sie glaubten an ein "weißes und sauberes" Amerika und verachteten all das, was keine weiße Haut hatte. Sie besaßen noch heute einflussreiche Stellungen in Wirtschaft und Politik, und deshalb hatten die Behörden auch nichts unternommen. Weil es immer irgendwo jemanden gab, der seine schützende Hand über den Klan hielt!

Dr. Reeves selbst gehörte zu der Sorte introvertierter Gelehrter, die am glücklichsten waren, wenn man sie ganz zufrieden über dem Mief alter Bücher arbeiten ließ. Er hatte die Fünfzig schon weit überschritten, war noch immer ledig und lebte bescheiden in einer geräumigen Wohnung am Stadtrand, in deren Räumen sich die Folianten in den Wandregalen stapelten. Dr. Reeves besaß eine recht umfangreiche Sammlung verschiedener Themen im grenzwissenschaftlichen Bereich - es war ihm sogar gelungen, in alten sumerischen Schriftrollen Hinweise auf das sagenhafte Buch NECRONOMICON zu finden - ein Buch, von dem niemand so recht wusste, ob es existierte, da es heute als eine Erfindung dem Schriftsteller Howard Philllips Lovecraft zugeschrieben wird.

Durch seine privaten Nachforschungen war er eines Tages auch auf Insiderwissen des  Ku-Klux-Klan gestoßen. In alten Zeitungsarchiven hatte er so lange gestöbert, bis er etwas gefunden hatte, was ihn noch stutzig machte. Später stöberte er sogar Zeitzeugen auf. Da war die Rede von geheimnisvollen Umtrieben eines so genannten Inneren Kreises von Atlanta, einer Art Geheimbund innerhalb des Ku-Klux-Klans.

Dr. Reeves fand das alles sehr eigenartig. Keiner der alten Männer und Frauen, die er interviewt hatte, äußerte sich klar und deutlich zu lang zurückliegenden Vorkommnissen. Niemand rückte frei mit möglichen Fakten heraus.

Er musste sich alle möglichen Ausreden anhören, wie zum Beispiel: Wissen Sie Mr. Reeves, mein Alter macht mir zu schaffen.

Oder: Ich leide unter einer seltenen Abart der Alzheimerschen Krankheit, hatte eine Frau gesagt, die in Verbindung mit einigen höchst spektakulären Fällen von Lynchjustiz in den dreißiger Jahren stand. Ihre Augen leuchteten dabei ein wenig. Bist’n oberschlauer kleiner Scheißer, sagten sie aus. Sie wissen schon, Mr. Doctor Reeves! Sie machen mich nervös - aber es ist besser, nichts zu sagen, nicht einmal nach sechzig Jahren!

Dr. Reeves bemerkte die kleinen Unterschiede sofort, ob jemand nichts sagen wollte, oder nichts mehr wusste und er nahm sich vor, mehr darüber herauszufinden, viel mehr - die Wahrheit!. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt machte er dann die Bekanntschaft eines Mannes namens David Murphy, der ihn zwischen zwei Vorlesungen an der Universität aufgesucht hatte und unbedingt mit ihm sprechen wollte. Dr. Reeves war zunächst ziemlich misstrauisch gewesen, denn der kräftige Mann mit den rotblonden Haaren und dem dichten Vollbart kam ihm ziemlich merkwürdig vor - aber er schien sehr genau über alles Bescheid zu wissen, womit sich Dr. Reeves beschäftigte. Als wenn er oder jemand anderes ihn schon länger heimlich beobachtet hatte.

Der Psychologiedozent hatte seine Skepsis nicht sofort abgelegt, aber der sonderbare Mann erinnerte ihn an seinen älteren Bruder. Dr. Reeves dachte nicht mehr oft an Harry, der im Vietnamkrieg gefallen war, als er selbst noch als nicht mehr ganz junger Student in den Protestmärschen fernab des wirklichen Kriegsgeschehens mitgewirkt hatte. Harry war acht Jahre älter und würde heute bereits sein Ruhedasein nach einem harten Erwerbsleben genießen können. Dr. Reeves konnte sich noch genau an die letzte Begegnung mit seinem älteren Bruder erinnern, kurz bevor es in den Krieg ging, in den Hügel 234, der heute noch nur ein 15 Meter tiefer Krater ist. Böse, Böse hatte sein Bruder zum Scherz gesagt, und Dr. Reeves war sich nicht sicher, genau diesen Satz aus dem Mund des rotblonden Mannes gehört zu haben.

Überhaupt erinnerte der fremde Mann in vielen Punkten an die Art seines Bruders, und schließlich nach einigen längeren Gesprächen hatte er seine Skepsis dann aber endgültig abgelegt.

( Spätestens als Murphy ihn in einen Teil dessen eingeweiht hatte, weswegen er selbst nach Atlanta gekommen war - und er hatte ihm etwas anvertraut, das Reeves so lange bei sich behalten sollte, bis er hier seinen Job erledigt hatte.) Was das genau war, darüber hatte Murphy Dr. Reeves im Unklaren gelassen. Er hatte ihn jedoch inständig darum gebeten, das Buch unverzüglich dem Orden vom weißen Lichte zu übergeben, wenn er von seiner Mission nicht mehr zurückkehrte. Dr. Reeves wunderte sich umso mehr darüber, als Murphy ihm eröffnete, dass man dort über die privaten Forschungen von Dr. Reeves sehr gut informiert und deshalb schon seit längerer Zeit auf ihn aufmerksam geworden sei.

Seit Dr. Reeves dieses Buch zuhause hatte, schien sich irgend etwas geändert zu haben - aber er konnte nicht genau beschreiben, was das war. Natürlich war er neugierig, was wohl in dem Buch geschrieben stand - aber es befand sich in einer verschlossenen Kassette. Murphy hatte ihm den Schlüssel dafür ebenfalls ausgehändigt - er konnte sie also öffnen.

Aber ein unbestimmbares Gefühl hatte ihn schon mehrmals davon abgehalten, den Schlüssel zu nehmen und die Kassette zu öffnen

( Vielleicht weil dieses Gefühl ihm sagte, dass es besser war, wenn er nichts Genaues über diesen Teil der Abmachung  wusste... )

Trotzdem schien dieses geheimnisvolle Buch selbst etwas damit zu tun zu haben, dass er unmittelbar nach dem Verschwinden dieses David Murphy eine wachsende Nervosität in sich spürte - als wenn ihn jemand still und heimlich beobachtete. Und das war ein Gefühl, das neu war für Dr. Barry Reeves. Weil es ihn zusehends beunruhigte.

Angefangen hatte es mit ganz simplen Dingen - neugierige Blicke eines Mannes auf dem Parkplatz beim Einkauf im Supermarkt vorgestern. Denselben Mann hatte Dr. Reeves dann wieder im Drugstore getroffen, wo er sich immer seine Kopfschmerztabletten holte. Auch das konnte einer von vielen Zufällen gewesen sein - aber irgendwie glaubte der Psychologiedozent später nicht mehr daran, denn er hatte den betreffenden Mann im dunklen Trenchcoat nur ganz kurz angesehen ( und diese elenden, kalten Augen hatten ihn bis ins Tiefste seiner Seele erschauern lassen ). Ob er die Polizei anrufen und denen das melden sollte? Aber vielleicht stimmte das alles ja gar nicht, und er machte sich mit seinen - vielleicht - haltlosen Verdächtigungen nur lächerlich? Und Beweise für seine Mutmaßungen hatte er auch keine.

Dr. Reeves hatte immer wieder darüber nachgegrübelt - auch jetzt an diesem späten Nachmittag, als er in seinem Arbeitszimmer saß und seine Vorlesung für den nächsten Tag vorbereitete. Es war ein trüber und grauer Tag - eigentlich gerade ideal dafür, zuhause zu bleiben.

Plötzlich klingelte das Telefon, zerriss die Stille in der Wohnung so unerwartet, dass Dr. Reeves zusammenzuckte. Kopfschüttelnd erhob er sich von seinem Schreibtisch und ging hinüber ins Wohnzimmer, wo das Telefon auf einer kleinen Anrichte stand. Er hob den Hörer ab und meldete sich dann mit seinem Namen.

"Sie haben etwas, was uns interessiert, Dr. Reeves", hörte er eine leise, aber dennoch sehr klar zu vernehmende Stimme. "Sie sollten sich besser davon trennen, bevor es zu spät ist..."

"Wer ist da?", fragte der Psychologiedozent, der es auf den Tod nicht leiden konnte, wenn jemand am Telefon anonym blieb. Es gab immer solche Spinner, die sich einen Spaß daraus machten, hart arbeitende Leute einfach zu stören und ihnen dann nervtötende dumme Fragen zu stellen.

"Jemand, der es gut mit Ihnen meint, Dr. Reeves", fuhr die Stimme nun fort. "Trennen Sie sich besser von dem Buch - und zwar noch heute. Es ist besser für Sie, sonst... geht es Ihnen vielleicht wie Ihren Bruder?!"

"Jetzt reicht es aber!", unterbrach Dr.Reeves den unbekannten Anrufer erschrocken mitten im nächsten Satz - allerdings etwas zu heftig. "Ich kenne dieses Buch nicht, von dem Sie mir andauernd etwas erzählen wollen - und im übrigen interessiert es mich nicht im geringsten. Bitte lassen Sie mich in Ruhe - ich habe noch jede Menge zu arbeiten!"

Er knallte den Hörer förmlich auf die Gabel und fühlte gleichzeitig, wie sich sein Herzschlag aus unerklärlichen Gründen weiter  beschleunigte. Von einer seltsamen Ahnung getrieben, eilte er plötzlich zum Fenster, schob den Vorhang beiseite und blickte hinunter auf die Hauptstraße des Stadtviertels, die direkt unterhalb vorbeiführte. Er sah die Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, aus der gerade ein Mann herauskam. Mit vor Überraschung größer werdenden Augen sah er, dass es derselbe Mann war, der ihm schon vorgestern mehrmals begegnet war!

Ausgerechnet jetzt blickte er hinauf zum Fenster seiner Wohnung und sah Dr. Reeves natürlich. Es schien, als wenn er ihm freundlich zulächelte, aber mit seiner rechten Hand vollführte er dabei eine kurze horizontale Bewegung an seiner Kehle entlang. Eine Geste, die eindeutig war, und Dr. Reeves wurde bleich, verschwand rasch vom Fenster. Angstschweiß bildete sich auf seiner Stirn, und sein Herz begann zu rasen. Der Psychologiedozent spürte einen schmerzhaften Druck in seiner Brust und begab sich deshalb rasch ins Bad, wo er aus dem Arzneimittelschrank eine Tablette holte und sie mit Wasser hinunterspülte. Augenblicke später senkte sich wieder der Herzschlag – Dr. Reeves war stark anfällig gegen plötzliche Aufregung, weil sein Herz nicht mehr das Gesündeste war. Er wusste das, ebenso wie die Tatsache, dass er sich irgendwann operieren lassen musste, wenn er nicht dem Risiko eines plötzlichen Herztodes ausgesetzt sein wollte.

Erst als sich Dr. Reeves wieder besser fühlte, wagte er es erneut zum Fenster zu gehen und einen Blick hinauszuwerfen. Von dem Mann war jetzt aber weit und breit nichts mehr zu sehen - als habe es ihn und seine bedrohliche Geste nie gegeben.

Und wieder klingelte jetzt das Telefon. Dr. Reeves zuckte so sehr zusammen, dass er beinahe erschrocken aufgeschrien hätte. Dann aber nahm er all seinen Mut zusammen, ging mit grimmiger Miene hinüber zum Telefon und nahm den Hörer ab.

"Verdammt noch mal, lassen Sie mich endlich in Ruhe!", rief er zornig in die Sprechmuschel. "Ich habe dieses Buch nicht, und es interessiert mich auch nicht. Wenn Sie mich noch einmal belästigen, dann werde ich die Polizei rufen und..."

"Dr. Reeves - mein Gott, was ist denn los mit Ihnen?", erkannte der Psychologiedozent dann die vertraute Stimme seiner Sekretärin Anne Rivers. "Ist etwas...ist etwas passiert?"

"Nein, nein", lenkte Dr. Reeves sofort ab und bemühte sich, ganz ruhig zu bleiben ( obwohl es in ihm ganz anders aussah ). "Was ist denn, Anne? Gibt es etwas Wichtiges?"

"Entschuldigen Sie die Störung, Dr. Reeves", sagte seine Sekretärin daraufhin. "Aber es ist nur...Sie haben im Vorlesungsraum Notizen liegen lassen, und ich dachte mir eben, dass Sie sie heute noch brauchen - wegen der Vorlesung morgen..."

"Anne, ich wüsste nicht, was ich ohne Sie tun sollte", erwiderte Dr. Reeves daraufhin. In der Tat hatte er schon nach diesen Aufzeichnungen in der ganzen Wohnung gesucht, sie aber dennoch nicht gefunden. Kein Wunder - denn sie waren ja in der Universität geblieben. "Ich komme gleich vorbei und hole sie mir noch ab. Könnten Sie solange noch auf mich warten? Ich weiß, dass Sie gleich Feierabend haben. Aber ich nehme mir ein Taxi. Es wird nicht lange dauern..."

"Natürlich warte ich auf Sie, Dr. Reeves", meinte Anne Rivers.

"Ich weiß das zu schätzen, Anne", sagte der Psychologiedozent daraufhin. "Vielleicht könnten Sie mir ja noch einen Gefallen tun und im Tresor etwas für mich aufbewahren. Ich bringe es mit - hier bei mir zuhause... Es sind wichtige Aufzeichnungen, verstehen Sie?"

Anne versicherte ihm, dass das überhaupt kein Problem sei ( auch wenn in ihrer Stimme ein wenig Neugier anklang, was das denn für wichtige Unterlagen sein mochten... ), und das stellte Dr. Reeves doch sehr zufrieden. Er beendete das Gespräch, legte den Hörer auf und holte dann die Kassette, die er in seinem Schreibtisch verstaut hatte. Er packte sie in seine abgewetzte Ledertasche, griff nach Hut und Mantel und verließ dann seine Wohnung - natürlich nicht, ohne vorher nochmals einen prüfenden Blick aus dem Fenster zu werfen. Er sah zu beiden Seiten der Straße hinunter, konnte aber nirgendwo etwas Verdächtiges bemerken.

Dr. Reeves öffnete daraufhin die Tür und trat hinaus ins Treppenhaus. Er verschloss die Wohnung und ging nach draußen auf die Straße. Er war froh, dass er nicht lange zu warten brauchte, bis ein Taxi in die Straße einbog. Sofort hob er die linke Hand, um dem Taxi ein Zeichen zu geben. Der Fahrer hatte das sofort bemerkt und stoppte das Taxi nur wenige Schritte vor ihm. Dr. Reeves öffnete die hintere Wagentür und stieg dann ein.

"Zur Universität", sagte er mit ungeduldiger Stimme zu dem Fahrer, der ihm den Rücken zukehrte. "Und beeilen Sie sich bitte."

Der Mann am Steuer des Taxis nickte nur, betätigte die Zeitschaltuhr und gab Gas. Während er losfuhr, drehte sich Dr. Reeves nochmals um, sah zurück zu seiner Wohnung.

Eine spürbare Erleichterung ergriff ihn, als sich ihm durch das Rückfenster des Taxis nach wie vor das vertraute Bild der ihm seit vielen Jahren bekannten Straße bot. Nirgendwo war etwas Auffälliges zu bemerken, und der verdächtige Mann, der ihn angerufen und kurz darauf bedroht hatte, war auch nicht zu sehen.

Allmählich wich die Spannung von Dr. Reeves, und er sah nach vorn zu dem Taxifahrer, der an der Johnson Avenue nach rechts abbog und sich dann in den Freeway 57 einfädelte.

"Zur Universität geht´s aber links ab", kritisierte der Psychologiedozent den Fahrer. "Mister, ich habe es sehr eilig..."

"Ein Stau weiter vorn, Sir", erwiderte der Taxifahrer knapp, ohne sich zu ihm umzudrehen. "Ich hab´s eben über Funk von der Zentrale erfahren, bevor Sie eingestiegen sind. Deshalb dieser Umweg - aber keine Sorge. Sie werden ganz pünktlich ankommen..."

Diese Aussage stellte Dr. Reeves zufrieden, aber nur so lange, bis das Taxi eine knappe Viertelstunde später den Freeway 57 verließ und in Richtung südliche Außenbezirke der Stadt fuhr. Aber die Universität lag doch weiter westlich! Was in aller Welt war denn nur mit dem Taxifahrer los? Ein Neuling, der sich offensichtlich in dieser gewaltigen Metropole erst einmal zurechtfinden musste - und das ging wahrscheinlich auf Dr. Reeves Kosten. Unmutsfalten bildeten sich auf seiner Stirn, als er sich erneut an den Taxifahrer wandte.

"Sie kennen sich hier wohl nicht aus, wie?", fragte er ihn in tadelndem Ton. "Ich will zur Universität - das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Und die liegt westlich des Freeways, den Sie gerade verlassen haben."

"Ich kenne eine Abkürzung", murmelte der Fahrer. "Kostet Sie garantiert nicht mehr - verlassen Sie sich drauf..."

Erneut bog er von der Hauptstraße ab und näherte sich immer mehr den Randbezirken von Atlanta - ausgerechnet dem Stadtviertel, das Dr. Reeves eigentlich niemals von nahe sehen wollte. Er registrierte den Müll auf den Straßen, blickte auf verkommene Fassaden alter Häuser, wo vor den Türen große Mülltonnen standen - und direkt davor spielten Kinder, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, in dieser Umgebung aufzuwachsen.

"Halten Sie an ... ich will aussteigen!", wandte sich Dr.Reeves an den Taxifahrer. "Fahren Sie rechts ran, aber sofort!" Sein ungutes Gefühl wurde jetzt stärker - vor allen Dingen deshalb, weil der Taxifahrer auf einmal stocktaub zu sein schien und gar nicht auf Dr. Reeves Anweisungen reagierte.

"Zum Teufel - was soll das?", fuhr ihn der Psychologiedozent an. "Sitzen Sie auf den Ohren? Ich habe Ihnen gesagt, dass ich aussteigen möchte!"

Anstelle einer Antwort betätigte der Taxifahrer blitzschnell einen Knopf unterhalb seines Armaturenbrettes, und plötzlich schnappten sämtliche Türschlösser des Taxis zu. Sekundenbruchteile später wandte der Mann am Steuer des Taxis ihm kurz den Kopf zu, so dass Dr. Reeves einen Teil seines Gesichtes sehen konnte.

"Es ist noch zu früh zum Aussteigen, Dr. Reeves", sagte der Mann mit gefährlich leiser Stimme. "Den Zeitpunkt bestimmen nicht mehr Sie, sondern wir!"

Ein eisiger Schock durchfuhr den Psychologiedozenten, als er in das Gesicht des Mannes blickte, den er vom Fenster aus gesehen hatte. Panik stieg in ihm auf, und er rüttelte verzweifelt an der Tür des Wagens.

"Geben Sie sich keine Mühe, Dr. Reeves", versuchte ihn der Taxifahrer von seinem Tun abzuraten. "Sie kommen nicht raus - nicht jetzt und nicht hier. Genießen Sie doch einfach den Ausblick auf die wunderschöne Gegend. Ich bin sicher, Sie waren noch nicht oft hier, oder?" Ein höhnisches Lachen kam über seine Lippen, das Dr. Reeves erschauern ließ.

Sie haben mich erwischt, mein Gott!, fuhr es durch sein Hirn. Ich Narr habe mich auf Dinge eingelassen, von denen ich besser die Finger hätte lassen sollen. Sie wollen das Buch - es geht um das Buch von diesem David Murphy. Ich habe es doch nur in Verwahrung, dachte er feige, und jetzt bin ich dran...

Das Taxi durchquerte einige unansehnliche Seitenstraßen und entfernte sich so immer mehr von den "sicheren" Routen. Hier erstreckte sich ein ganz anderes Atlanta, ein Stadtbild, über das der Bürgermeister jedesmal schwieg, wenn er Touristen in die Stadt locken wollte. Hier war das Zuhause all derjenigen, die die übrige Gesellschaft mitleidlos aufs Abstellgleis geschoben hatte. Kinderreiche Familien, bei denen weder Vater noch Mutter Arbeit hatten und nicht wussten, von was sie leben sollten. Huren und Zuhälter, die ihr Quartier in billigen Stundenhotels aufgeschlagen hatten. Alkoholiker, die auch tagsüber bewusstlos am Straßenrand lagen und manchmal von Straßengangs "aufgemischt" wurden...

"Was...was wollen Sie eigentlich von mir?", versuchte es Dr. Reeves erneut. "Hören Sie, wir können doch in Ruhe über alles reden. Bringen Sie mich zur Universität - es wird ganz sicher Ihr Schaden nicht sein. Ich zahle Ihnen einen guten Fahrpreis und..."

"Es gibt Dinge im Leben, die man nicht mit Geld bezahlen kann, Dr. Reeves", fiel ihm der unheimliche Mann mit dem fettigen Haar ins Wort. "Dinge wie die, die Sie in Ihrer Aktentasche haben, und die Sie gerade so krampfhaft festhalten. Glauben Sie wirklich, wir wüssten nicht, dass Sie es haben?"

Natürlich wissen sie es wurde es Dr. Reeves schlagartig klar. Sie haben mich wahrscheinlich schon lange beobachtet, jede Kleinigkeit haben sie mitbekommen. Ich hätte diesen Murphy nie kennenlernen dürfen!

Der Taxifahrer sagte jetzt gar nichts mehr, sondern konzentrierte sich stattdessen voll und ganz auf die Straße. Dr. Reeves sah nur die hämisch aufleuchtenden Augen im Rückspiegel, und in diesem Moment zerbrach etwas in ihm. Er sah nicht mehr die überquellenden Mülltonnen am Straßenrand, registrierte auch nicht mehr, wie die Wohnblocks immer heruntergekommener wirkten. Erst als das Taxi abrupt zum Stehen kam, hob er den Kopf und sah dann das alte Gebäude, das etwas abseits von den anderen stand. In der ganzen Straße schien niemand mehr zu wohnen - und wenn doch, dann ließ sich zumindest jetzt niemand mehr blicken.

Zwei Männer in schwarzen Mänteln schienen die Ankunft des Taxis bereits sehnsüchtig erwartet zu haben, denn sobald die Reifen zum Stehen kamen, eilten sie aus dem Haus. Sekunden später wurde die hintere Tür des Taxis aufgerissen ( nachdem der Fahrer die Verriegelung durch Knopfdruck wieder gelöst hatte - ausgerechnet diese Einzelheit  fiel Dr. Reeves jetzt sofort auf ), und die beiden Männer zerrten den Wissenschaftler aus dem Wagen.

Dr. Reeves versuchte sich zwar schwach zu wehren, aber gegen die Kräfte der beiden Männer ( sie haben so kalte Augen, die mich an die sterblichen Überreste meines gefallenen Bruders erinnern!! ) kam er einfach nicht an. Sie zerrten ihn hinüber ins Haus, verschwanden schon kurz darauf im Inneren des Hauses, in dem es irgendwie alt und vermodert roch. So als wenn schon seit vielen Jahren die einstigen Bewohner diesem heruntergekommenen Gebäude den Rücken gekehrt hatten, und sich nur noch die Ratten und ihre Scheiße ein Stelldichein gaben.

Ab und zu erhielt er einen schmerzhaften Stoß in den Rücken, wenn er nicht schnell genug ging. Der Taxifahrer folgte ihnen - und er hatte die Aktentasche des Psychologiedozenten bei sich, hielt sie fest in seinen Händen, als handele es sich um einen großen Schatz. Vielleicht war es das ja auch - aber wahrscheinlich würde Dr. Reeves nie erfahren, warum genau diese Männer an dem geheimnisvollen Buch so sehr interessiert waren. Denn er fühlte nur noch nackte Todesangst, die seinen ganzen Körper erfasste und ihn frösteln ließ.

Sie erreichten schließlich über schmale Stufen den Keller, öffneten einen Vorhang, der in einen weiteren Raum führte, der nur von brennenden Fackeln erhellt war. Dr. Reeves sah die dort versammelten Gestalten in schwarzen Kutten, die alle die Köpfe gesenkt hatten und sich teilnahmslos verhielten. Raunende Worte kamen über ihre Lippen, die auf Dr. Reeves irgendwie abstoßend wirkten - ohne dass er genau erklären konnte, warum das so war.

Jemand trat ihm von hinten plötzlich heftig in die Beine. Dr. Reeves schrie auf und stürzte zu Boden. Das kam so plötzlich, dass er Mühe hatte, sich wieder aufzurappeln. Als er dann den Kopf hob, sah er die vermummte Gestalt am anderen Ende des Raumes. Der Taxifahrer ging auf sie zu und händigte ihr die Aktentasche von Dr. Reeves aus. Der Psychologiedozent sah, wie sich gichtige alte Hände an der Tasche zu schaffen machten, und kurz darauf hielten sie dann das Buch hoch.

Laute Freudenrufe drangen an seine Ohren, als die schwarzen Gestalten ihrer Genugtuung Luft machten, während sich Dr. Reeves mit jeder verstreichenden Sekunde immer unwohler fühlte. Er spürte die unsagbare Bedrohung, die über ihm hing. Es war der Tod, der in diesem Raum weilte und auf ein Opfer wartete - oder wahrscheinlich sogar noch etwas Schlimmeres.

"Bringt ihn zu mir!", erklang nun die krächzende Stimme der vermummten Gestalt, und auf dieses Zeichen hin wurde Dr. Reeves von starken Händen hochgerissen und nach vorn geschleppt. Diese Hände hielten ihn auch weiterhin unerbittlich fest, als die drohende Gestalt nur noch wenige Inches von Dr. Reeves entfernt war.

Jetzt wandte diese Gestalt sich ihm zu, und das Licht der brennenden Fackeln erhellte ganz kurz ein unglaublich hässliches Gesicht, in dem zwei funkelnde Augen voller Hass leuchteten. Augen, die den Tod als Freund hatten...

"Du hast uns das Buch gebracht", sagte die Stimme ( es war die einer sehr alten Frau ). "Du hättest es uns besser gleich geben sollen - jetzt ist es zu spät. Die HERREN werden sich über dieses Opfer freuen..."

Nach während die letzten Silben über ihre aufgesprungenen Lippen kamen, hatte sie aus ihrer Kutte auch schon ein blitzendes Messer gezückt und bohrte es direkt ins linke Auge des Psychologiedozenten. Ein heißer, grauenhafter Schmerz durchfuhr Dr. Reeves, und er schrie wie von Sinnen, während die übrigen Vermummten einen lauten, grausamen Choral anstimmten. Die Hohepriesterin riss die Klinge heraus - aber nur um sie sofort ins andere Auge von Dr. Reeves zu stechen.  Erneut brüllte dieser auf, wurde beinahe wahnsinnig. Finsternis umgab ihn - und ein Meer von schier unerträglichen Schmerzen brandete an dem Felsen, der sich Hirn nannte.

Das war aber noch nichts im Vergleich zu dem, was jetzt mit ihm geschah - nämlich als sich das Messer in seine Brust bohrte. Die scharfe Klinge durchtrennte mühelos Haut und Knochen, zerschnitt die Lunge und arbeitete sich mit grauenhafter Präzision weiter vor bis zum zuckenden Herz. Dr. Reeves war längst blind, aber sein gepeinigtes Hirn registrierte noch genau den Schmerz.

Allerdings nur bis zu dem Moment, wo die Klinge das wie rasend pochende Herz fand und es dann berührte. Bereits in diesem Augenblick tauchte Dr. Reeves schmerzgepeinigte Seele ein in ein Meer von ewiger Finsternis.

Ma Hutchins dagegen hielt das dampfende, noch einen leicht rhythmischen Blutschwall vergießende  Herz mit ihren blutigen Händen hoch, und der Chor ihrer dunklen Gefolgschaft erschallte in den höchsten Freudentönen. Der Innere Kreis hatte sich mit diesem Opfer geschlossen, und dazu war ihnen noch das Buch des Wissens in die Hände gefallen. Ein geradezu unglaublicher Moment des Triumphs! Die dunkle Seite wusste nun mehr über ihre erbitterten Gegner - und dieses Wissen würde sie auch gnadenlos einsetzen!

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1. Kapitel

Erwachen

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...er lag  auf einem feuchten aber harten Boden, nur das Gras  stützte ihn ein wenig. Mit glanzlosen Augen starrte er in den nächtlichen Himmel. Trotz der warmen Morgenluft im Juli war  ihm kalt. Daran sind aber auch die zahlreichen Wunden und Schnitte schuld die während der endlosen Stunden seiner Flucht und seinem Kampf mit dem... Er war nicht in der Lage, die Leere in seinem Kopf zu bannen.

Er hatte Schmerzen am ganzen Körper, und die Fleischwunde an seinem Bauch brannte wie Feuer. Er hustete in einem plötzlichen Anfall und spuckte ein wenig Blut, das metallisch schmeckte. Sein Atem ging stoßweise, aber er unterdrückte mutig ein lautes Keuchen, um nicht... um .... verzweifelt wühlte er in seiner Erinnerung, um den Schrecken zu identifizieren.

Mein Name ist David Murphy, dachte er, und weitere Erinnerungsfetzen tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Scheint nur eine partielle Amnesie zu sein, stellte er befriedigt fest.

Er rutschte näher an den Stamm eines großen Baumes heran.

Er zog sich dort hoch und setzte sich in eine aufrechte Position. Ein jäh aufkommender Wind ließ ihn schaudern. Er musste jetzt aufpassen, dass der Hund, ( welcher Hund, verdammt noch mal, dachte Murphy ) ihn nicht wieder witterte.

Mit klammen Fingern nestelte er in seinen Jackentaschen, bis er eine sorgsam verschlossene Flasche mit fast  weißem Sand herausholte  und öffnete.

Ohne bewusst zu denken, kamen über seine gesprungenen und geplatzten Lippen leise gemurmelt, die Worte eines schützenden Zauberspruchs in einer unbekannten, längst vergessenen Sprache.

Unter Schmerzen beugte Murphy sich vor, und sorgfältig zog er ein dünnes Rinnsal von Sand wie eine Linie um seinen Körper. Seine Beschwörung war zu Ende, und er neigte seinen Oberkörper zurück an den Stamm des mächtigen Baumes, als ein schreckliches Heulen zu ihm hinüberdrang.

Bruno , zuckte es wie ein sengender Lichtblitz durch Murphys Kopf. Er begann unkontrolliert zu zittern.  Na Murphy, kommt unser kleiner  Feigling wieder zum Vorschein, fistelte tief in seinem Inneren eine Stimme, die Stimme eines anderen Murphy, die Stimme des Feiglings selbst, die in einem jeden Menschen steckt, egal, für wie schlau und unverwundbar er sich hält. Murphy schloss die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken, doch die Stimme des Feiglings, sabbernd und voller boshafter Falschheit schallte  in ihm, als sie weitersprach: Bruno, der Mörderhund, diese Bestie des bösen Hutchins hätte dich beinahe gekriegt. Deine ganzen Zauberformeln haben dir nichts genützt. Beinahe hätte er aus dir eine saftige, aber rohe Boulette gemacht, die er mit seinem gewaltig aufgerissenen Maul im ganzen Stück verschlungen hätte...

Murphy verspürte plötzlich den Drang zur Toilette zu gehen, doch er fühlte sich zu schwach dazu, seinen Hosenschlitz auch nur zu öffnen. Irgendwie verdrückte er es sich.

Die Stimme in seinem Inneren kam nicht wieder.

Murphy ignorierte die Schmerzen. Das Heulen des Hundes kam nicht wieder. Mit seinen schwachen Sinnen tastete er seine Umgebung ab. Keine magischen Aktivitäten. Nur der Schutzkreis und das lenkte den Hund ab. Murphy starrte auf die Uhr an seinem Handgelenk, doch seine Sehnerven spielten ihm einen Streich.

Er konnte die Ziffern schwach erkennen. 5:43 Uhr.

Murphys Gedanken begannen zu kreisen. Er musste sich irgendwohin zurückziehen, wo seine Wunden ausheilen konnten. Notfalls ging er auch in ein Hospital. Aber er wusste nicht einmal wo er war, noch, warum es ihn hierher verschlagen hatte, noch, wer seine Feinde waren. Was war in den letzten Stunden nur geschehen, dachte er verzweifelt. Doch die Erinnerung endete einige Tage bevor..., ja bevor, was? fragte er sich. Irgend etwas war geschehen. Er marterte sein Hirn, doch die Erinnerung wollte sich jetzt nicht  einstellen. Er tastete seinen Bauch ab, doch die Fleischwunde war scheinbar nur oberflächlich. Er konzentrierte sich auf einige magische Zaubersprüche, die den Heilprozess unterstützen.

Dieses Mal kam das Jaulen direkt von vorn. Murphy riss die Augen voller Entsetzen weit auf. Was war geschehen, dass er so unkontrollierte Angst vor einem Hund bekam?

Etwas packte mich, riss mich von den Beinen und schleuderte mich herum, sodass ich mit voller Wucht mit dem Kopf gegen etwas Hartes knallte und sofort das Bewusstsein verlor.

Großer Gott, Murphy, überschlug sich die Stimme des Feiglings in seiner Hirnrinde. Da lauert vor dir ein Hund geradewegs aus der Hölle, der auf den niedlichen Namen Bruno hört, und du liegst hier gemütlich im Gras und machst dir Sorgen um die letzten Stunden? Wenn du dich nicht bald aus dem Staub machst - und ich meine du solltest das sofort tun, dann kriegst du hier noch einen Herzanfall und gibst 'ne prima Mahlzeit für das Höllenbiest ab. Und wenn das Scheißvieh sprechen könnte, würde es sich danach satt und zufrieden rülpsend bei seinem Herrchen bedanken.

Murphy stöhnte unterdrückt, als er versuchte, sich trotz seiner Wunden aufzurichten. Der Schorf platzte wieder auf, und ein dünnes Blutrinnsal lief  unangenehm warm über seinen Bauch.

Er war  versucht, der Stimme in seinem Inneren nachzugeben, als er sich endlich wieder zusammenriss. Du bist nervös wie ein Fünzehnjähriger vor seinem wichtigsten Examen. Was ist nur los mit dir, Murphy?, fragte er sich plötzlich ehrlich verwundert. So viele Gefahren die du überstanden hattest, so viele Niederlagen die du von den Dämonen der Dämmerung hattest einstecken müssen, aber niemals warst du so einer hilflosen Panik ausgesetzt gewesen wie jetzt.

Das muss an meinem Gedächnisverlust liegen, dachte er verzweifelt.

Murphy verspürte kurz den Drang, die Arme flehendlich hochzuwerfen und einen Gott, egal welchen, anzuflehen, ihn heil aus dieser Situation kommen zu lassen, als dieses fürchterliche Hundejaulen wieder einsetzte - nur diesmal ganz nah bei ihm - und Murphy wurde schlagartig ohnmächtig.

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VERGANGENHEIT:

Jenseits der Finsternis I

Er wurde immer verschlossener, als er den Highway 66 kurz hinter Fresno verließ und auf die Countystraße in Richtung Rovers Hills abbog. Mit einer jähen Handbewegung stellte er das Radio lauter. Mandy spürte seinen Missmut förmlich, sagte aber nichts, denn sie konnte sich sehr gut vorstellen, was David Murphy in diesem Augenblick durch den Kopf ging.

Er hat zu viel durchmachen müssen - zu viele Enttäuschungen, und auch zu viele Niederlagen, dachte sie, während sie beobachtete, wie Murphys Blicke sich mit geradezu hypnotischer Sorgfalt auf die Straße richteten, die sich in zahlreichen Windungen weiter nach Süden schlängelte. Aber er hat nicht aufgegeben - und das, obwohl er weiß, in welcher aussichtslosen Lage er sich befindet. Ein Jäger, der oft genug nur selbst gejagt wird...

"Wie weit ist es noch?", fragte sie, um die schon fast drückende Stille zu unterbrechen. "Wann werden wir da sein?"

"Ich bin mir nicht sicher", erwiderte Murphy. "Auf der Straßenkarte sind es ungefähr zwanzig Meilen. Aber wenn diese Piste hier so bleibt, dann kann das noch dauern."

Womit er mehr oder weniger zum Ausdruck bringen wollte, dass der Zustand der Countystraße sehr zu wünschen übrig ließ. Bereits jetzt schon zeigten sich die ersten Schlaglöcher im Teer, und Murphy schaffte es nicht immer, ihnen auszuweichen. Was die Stoßdämpfer des Ford Probe aufschreien ließ!

"Bist du sicher, dass du ihn in Rovers Hills findest, David?", fragte die hübsche Mandy ihren Begleiter. "Ich meine, dass..."

"Er ist dort", unterbrach sie Murphy mit leicht gereizter Stimme, weil jetzt wieder die Erinnerungen aufkamen. "Und er wird mir nicht entkommen - diesmal nicht mehr. Er hat sich dort verkrochen wie ein Wolf in seiner Höhle - und er wird sich wehren. Aber ich will ihn endlich stoppen, es ist einfach zu viel geschehen..."

Mandy nickte. Weil sie wusste, dass Murphy recht hatte. Die Spur des FROSTIGEN MANNS zog sich klar und deutlich durch Georgia, und es war eine Spur voll Blut und Leid. Ike Hutchins, dachte Murphy in einem Anfall von Zorn. Es wird Zeit, dass dich jemand stoppt: Du hast einfach zu viel Unheil angerichtet!

Der Orden vom weißen Licht hatte ihn auf die Spur des FROSTIGEN MANNS gebracht. Den weißmagischen Mitgliedern des uralten Zirkels entging vieles nicht, was das Treiben dunkler und finsterer Kräfte auf der Erde anging - und deshalb hatten sie Murphy gebeten, sich dieser Sache anzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Murphy ohnehin in Georgia auf - genauer gesagt in Atlanta, wo er  einen Mann namens Barry Reeves aufgesucht hatte. ( Er war sich nicht sicher, ob dieser Dozent der richtige war, aber er beobachtete die Aktivitäten des Mannes schon einige Zeit, und mit der heißen Spur zum FROSTIGEN MANN hatte sich David Murphy impulsiv entschlossen, das Buch bei Reeves für kurze Zeit zu deponieren. ) Er hatte  mit ihm auch über das Buch des Wissens gesprochen - ein Buch, das einen Teil von Murphys jahrelangen Erfahrungen mit den dunklen Kräften dokumentierte, und das sein eigenes Vermächtnis darstellen sollte, falls er eines Tages doch...

Nein, schrie eine innere Stimme in ihm. Es darf nicht soweit kommen, dass sie die Herrschaft über die Erde erringen. Die Risse zwischen den Dimensionen - sie müssen wieder geschlossen werden. Sonst werden die Dämonen der Dämmerung durchdringen und eine unglaubliche Herrschaft des Schreckens auf der Erde beginnen. 

Dr. Reeves war es auch gewesen, der Murphy weitere Hinweise  gegeben hatte, sodass es schließlich dazu gekommen war, dass sich dieser auf eine konkrete Spur des Mannes setzen konnte, den man auch den FROSTIGEN MANN nannte. Aufgrund von Reeves Hinweisen hatte Murphy rasch erkannt, dass Hutchins dunkles Treiben sich immer im Großraum von Atlanta abspielte - an verschiedenen Orten, aber wenn man diese Orte auf der Landkarte miteinander verband, dann kreuzten sich die Linien an einem bestimmten Fleck - nämlich in dem abgelegenen Ort Rovers Hills. Eine kleine Stadt weit abseits des Highways, zu dem nur eine schmale Countystraße hinführte, die vor Ewigkeiten das letzte mal ausgebessert worden war.

Murphy war nicht begeistert gewesen, als Mandy darauf bestanden hatte, ihn auf seinem Weg nach Rovers Hills zu begleiten. Er wusste, dass es gefährlich werden konnte, wenn man einen vielfachen Mörder wie Ike Hutchins in die Enge trieb - aber er musste dieses Risiko eingehen, ( und erlag Mandys zauberhaften Charme ) wenn er ihn endlich zur Strecke bringen wollte. Denn die hiesigen Polizeibehörden waren hilflos - es war ihnen nicht gelungen, die grauenhaften Morde aufzudecken. Weil sie natürlich auf herkömmliche Weise ermittelten und die Existenz dunkler Kräfte einfach ignorierten - selbst wenn sie hier so offensichtlich zu Tage traten wie bei dem FROSTIGEN MANN.

Das einzige, was Murphy allerdings Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass er die dunkle Präsenz von Ike Hutchins nur noch schwach spüren konnte. Je näher er Rovers Hills kam, umso schwerer wurde es für ihn, die finsteren Kräfte zu lokalisieren. Als wenn sich eine Glocke aus Glas über seine weißmagischen Sinne gelegt und sie gelähmt hatte. Das beunruhigte Murphy, aber er behielt seine Gedanken besser für sich, um Mandy nicht zu ängstigen. Denn alles was er jetzt nicht gebrauchen konnte, waren Nervosität und Unsicherheit. Schließlich war er seinem Ziel ganz nahe - es waren noch zwanzig Meilen bis nach Rovers Hills!

"Ich bringe es zu Ende", murmelte Murphy. "Es muss einfach aufhören, verstehst du?"

Mandy nickte. Mittlerweile kannte sie einen Teil seiner Geschichte. Und was Mandy vor längerer Zeit selbst durchgemacht hatte mit den „ Jüngern des Dämons“, wirbelte ihr Weltbild völlig durcheinander. Schließlich kam sie mit dem normalen Leben nicht mehr zurecht und schloss sich dem sympathischen rotblonden Mann an.  Ihr Leben wurde eine Kette unglaublicher Vorfälle, auch wenn David Murphy oft allein auf Reisen ging.  Mandy ahnte also, was ihm jetzt durch den Kopf ging. Die grauenhaften Vorgänge in diesem Teil des Landes - sie fanden schon viele Jahre statt, und selbst das FBI hatte es mit eigens dafür eingerichteten Spezialeinheiten nicht geschafft, das Rätsel zu lösen, das die vielen rituellen Morde umgab.

Ihre Gedankenkette brach ab, als der Wagen erneut über ein Schlagloch fuhr. Es gab einen gewaltigen Knall im Wagen, und dann verabschiedete sich der linke Vorderreifen. Der Ford geriet kurz ins Schlingern, und Murphy musste gegenlenken, um die Gewalt über den Wagen nicht zu verlieren. Das war auch der Moment, wo in gut hundert Yards Entfernung die Tankstelle auftauchte.

"Was für ein Zufall", murmelte Murphy, nachdem er den Wagen zum Stehen gebracht und sich vergewissert hatte, dass der Reifen hinüber war. "Die paar Meter bis dorthin werden wir auch noch schaffen..." Mit diesen Worten setzte er sich wieder hinters Steuer, gab langsam Gas und fuhr den Ford Probe dann bis auf den Hof der Tankstelle, wo er ihn endgültig zum Stehen brachte.

Heiß brannte die Sonne vom Himmel, und Murphy ließ seine Blicke umherschweifen, während er und Mandy ausstiegen.

Der korpulente Mann mit den rotblonden Haaren und die zierliche junge Dame waren scheinbar die einzigen Lebewesen in näherem Umkreis.

Eigentlich musste der Besitzer der Tankstelle doch längst bemerkt haben, dass hier jemand auf den Hof gefahren war. Schließlich drängelte sich die Kundschaft nicht gerade ( wenn überhaupt heute jemand schon vorbeigekommen war... ).

"Hallo!", rief Murphy, als er bemerkte, dass drinnen im Shop auf den ersten Blick  niemand zu sehen war.

"Ich geh´mal rüber zu dem Getränkeautomaten", sagte Mandy  "Langsam spüre ich, was für einen Durst ich habe. Willst du auch was?"

Murphy nickte nur. Denn seine Gedanken kreisten nicht um ein kühles Pepsi-Cola, sondern um die Tatsache, warum hier niemand auftauchte. Das zeugte nicht unbedingt von gutem Geschäftsgebahren, dass sich der Besitzer der Tankstelle nicht blicken ließ - oder liefen die Geschäfte so gut, dass er es heute nicht mehr nötig hatte, sich um zahlende Kunden zu kümmern? Angesichts dieser abgelegenen Straße war das eigentlich kaum vorstellbar.

Was soll´s?, dachte Murphy schließlich achselzuckend und öffnete den Kofferraum, um Wagenheber und Radkreuz herauszuholen. Wenn der Bursche eben nicht will, dann soll er es bleiben lassen! Er machte sich daran, den zerfetzten Reifen zu wechseln und schnaufte beim Bücken ein wenig. Aus den Augenwinkeln registrierte er, wie sich Mandy drüben am Getränkeautomaten vor dem Eingang zum Shop zu schaffen machte. Sie zog zwei Büchsen Pepsi und wollte schon wieder zurückkommen. Dann aber schien sie es sich doch anders überlegt zu haben und machte wieder kehrt. Einen Moment noch stand sie im gleißenden Sonnenlicht, wie immer mit einer bezaubernd knabenhaften Figur und dezenten,weichen Rundungen. Dann war sie wieder mit dem Schatten des Vordachs verschmolzen. Murphy blickte irritiert hinüber zum Shop. Sie war wohl doch neugierig geworden, wo der Besitzer der Tankstelle steckte, war eingetreten und wollte herausfinden, ob er sich irgendwo hinten im Gebäude aufhielt.

Murphy dachte nicht weiter darüber nach und konzentrierte sich wieder auf das rasche Wechseln des Reifens, das in der wabernden Mittagshitze eine schweißtreibende Arbeit darstellte.

Wenige Minuten vergingen, bis das alte Rad dem neuen Reifen Platz machte. Während er die Radmuttern noch festzog, registrierte er am Rande, wie Mandy wieder in der Tür erschien.

"Na, hast du jemanden aufstöbern können?", rief er zu ihr hinüber, brach dann aber mitten im Satz ab, als er bemerkte, dass Mandy auf der Stelle verharrte. Urplötzlich hielt er in seiner Arbeit inne, drehte sich ganz zu Mandy um und bemerkte dann erst, dass sie sich leichenblass vom holzfarbenen Türrahmen abhob. Sie zitterte am ganzen Leib, während ihre Augen unnatürlich weit aufgerissen waren.

"Da...da ist Blut", murmelte sie mit leiser Stimme. "Überall Blut..."

Murphy hastete mit schnellen Schritten zu ihr hinüber.

"Geh rüber zum Wagen und setz dich rein", sagte er knapp. "Warte dort auf mich, hast du verstanden?"

Mandy nickte nur und war immer noch blass und wirkte verstört. Murphy wusste zwar noch nicht genau, was diesen Zustand ausgelöst hatte, aber er ahnte schon, dass es nichts Angenehmes war. Während Mandy mit unsicheren Schritten hinüber zum Ford lief, betrat Murphy nun ebenfalls den kleinen Shop der Tankstelle.

Genau als er die Schwelle überschritt, fühlte er auf einmal die Aura des Bösen. Ganz plötzlich von einem Augenblick zum anderen spürte er die dunkle Präsenz - erst dann sah er die roten Flecke auf dem hellen Parkettfußboden. Sie zeichneten sich klar und deutlich ab, als wenn jemand einen Pinsel mit roter Farbe ausgeschüttelt und mit Absicht den Boden beschmutzt hätte.

Murphys Sinne waren jetzt hellwach - er hielt den Atem an. Seine Blicke schweiften umher, blieben auf den Blutflecken haften, die weiter nach hinten führten, ins Büro der Tankstelle - und die Tür dorthin stand einen Spalt offen. Ein Geruch von Tod und Fäulnis hing plötzlich im Raum.

Und dieser penetrante Geruch legte sich auf Murphys Nase, ließ ihn Übelkeit spüren, die ihn zu würgen begann - je mehr er sich der Tür näherte ( du weißt doch genau, was sich dahinter verbirgt! )

Sekunden später wurde der schreckliche Verdacht dann zur Gewissheit. Direkt hinter der Tür entdeckte Murphy die blutbefleckte Hose des Mannes, der zu Lebzeiten hier der Eigentümer gewesen war. Sie bedeckte in Fetzen das ausgerissene Bein, dessen Knochen sich seltsam weiß vor dem alles überlagernden Blut abzeichneten. Des Rest des kopflosen Torsos lag drüben beim Fenster - die beiden Arme standen in einem unnatürlichen Winkel von dem Rest des geschundenen Körpers ab, als wenn jemand im Blutrausch Gelenke und Knochen mehrfach gebrochen hatte.

Der seelenlose Mörder hatte aber immer noch nicht genug gehabt. Es schien ihm eine tierische Freude bereitet zu haben, sein ahnungsloses Opfer wie ein Tier auszuweiden, das der Metzger zur Schlachtbank führte. Die Bauchdecke des Mannes war wahrscheinlich mit einem scharfen Messer geöffnet worden, und die weißlichgrauen Gedärme hingen halb heraus.

Murphy spürte, wie es in ihm hochkam. Er hatte schon viele  Gräueltaten gesehen und erlebt - aber es ließ ihn immer noch nicht kalt, wenn ein Mensch auf so grauenhafte Weise sterben musste. Die Augen des Opfers, dessen Kopf Murphy jetzt auf dem Tisch entdeckte, spiegelten den unbeschreiblichen Schmerz wider, den der arme Teufel kurz vor seinem Tod erlitten haben musste. Er hat ihn gequält, dachte Murphy, und er hat sich daran geweidet...

Es musste ganz schnell gegangen sein - denn es gab wenig Spuren von sonstiger Gewalt. Keine zerbrochenen Möbel, keine zerschlagenen Fenster oder sonstige Unordnung, die darauf schließen ließ, dass es zwischen Opfer und Mörder einen kurzen, heftigen Kampf gegeben hatte. Nein, der Besitzer der Tankstelle war völlig ahnungslos gewesen - als wenn er einem Freund die Tür geöffnet hatte, der sich hinterher als Teufel in Menschengestalt entpuppt hatte.

Murphy sah die schweren Risswunden auf dem Torso des Mannes, und er erkannte auch die blutigen Streifen auf der fischblassen Wange des abgetrennten Kopfes - Spuren, wie sie nur eine scharfe Klauenhand zurücklassen konnte. Allein das sagte Murphy genug - es waren die Spuren des FROSTIGEN MANNES, der hier gewütet hatte. Ike Hutchins Klauenhand hatte das angerichtet. Aber warum? War es die bloße Lust am Töten und Schlachten gewesen, oder hatte ihm dieser arme Kerl im Weg gestanden? Erst jetzt entdeckte Murphy die blutigen Spuren an den Wänden, und er zuckte zusammen.

Einem unwissenden Beobachter mochte das vielleicht wie Schmierereien erscheinen, aber Murphy erkannte sofort das Muster, das sich darunter verbarg. Es sind magische Runen, schoss es ihm durch den Kopf, als er die Kreise und Zeichen sah, die der Mörder mit dem Blut seines Opfers an die Wand geschrieben hatte. Ein Mensch, der den Dämonen der Dämmerung geweiht worden war. Das war der Beweis dafür!

Murphy wusste nicht, wie lange er auf das Bild des Grauens gestarrt hatte, das sich seinen Augen bot. Dann aber wandte er sich ab und verließ die Stätte des Todes. Erst jetzt fiel ihm die Kälte auf, die hier fast greifbar nahe war - aber erst als er wieder hinaus in die heiße Sonne trat und deren Hitze spürte. Seine Schritte waren schwer, als er zurück zum Wagen ging, die Tür öffnete und sich in den Sitz fallen ließ. Hinter seiner Stirn  arbeitete es, und er versuchte, zumindest in diesem Moment Mandys fragenden Blicken auszuweichen.

"Was...was hast du gesehen?", fragte sie ihn mit leiser Stimme, die noch leicht zitterte.

"Den Tod", erwiderte Murphy. "Erspar mir, dir die Einzelheiten zu schildern, Mandy. Es ändert ohnehin nichts mehr. Wir müssen sofort die Behörden verständigen - sobald wir in Rovers Hills sind..."

Auch wenn ihn Mandy gerne nach mehr gefragt hätte - Murphy blieb stur. Selbst einen Mann wie ihn ließ das Grauen nicht kalt, und was er gesehen hatte, peitschte ihn nun förmlich an, dem blutigen Treiben des FROSTIGEN MANNES ein Ende zu bereiten. Ich weiß nicht, wo du dich in Rovers Hills verbirgst, Ike Hutchins, schwor er sich im stillen. Aber ich werde dich finden und dann...

Er startete den Motor des Ford Probe. Murphy war so aufgewühlt von den Bildern des Schreckens, dass er zu heftig Gas gab. Der Wagen setzte sich mit quietschenden Reifen in Bewegung, und Mandy wurde unsanft in den Sitz gedrückt.

Augenblicke später verließen die beiden den Ort des Grauens und folgten der schlecht ausgebauten Countystraße weiter nach Süden. Bald schon tauchten ganz fern am Horizont die ersten Häuser der kleinen Stadt Rovers Hills auf. Eine Kleinstadt, die aus dieser Entfernung wie eine der alten Pioniersiedlungen aus dem vergangenen Jahrhundert wirkte. Und das große Gebäude auf dem Hügel am anderen Ende der Stadt erschien wie ein Herrenhaus. Nur störte die Aura des Düsteren, die alle anderen Eindrücke überlagerte - zumindest erschien es Murphy so, dessen latente magische Fähigkeiten sofort gespürt hatten, dass er auf der richtigen Fährte war - und das große Haus schien das Zentrum dieser Aura zu sein.

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2. Kapitel

Route Sixty-Five

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Sein Herz klopfte heftig. Er schlug die Augen auf, nicht wissend, wie lange er weggetreten war und tastete automatisch nach dem heiligen Messer. Komm nur Bruno, dachte Murphy, diesmal mache ich Hackfleisch aus dir!

Seine Sinne ertasteten die nähere Umgebung, aber da war nichts, niemand. Kein Mensch und vor allen Dingen nicht Bruno. Seine Kehle schnürte sich ein wenig zu. Ich bekomme wohl eine Hundephobie, dachte er.

Er blickte nach links, sah aber nur seinen eigenen Schatten, den das Sonnenlicht  am Himmel auf ihn warf. Wenigstens mein Schatten hält zu mir, dachte er mit beißenden Sarkasmus. Der Wind fachte auf und trug etwas Regen mit sich, der sein Gesicht benetzte. Die Sonne verschwand hinter aufziehenden  Wolken, als wolle sie sich gnädig zurückziehen, um dem Trauerspiel da unten auf der Erde nicht beiwohnen zu müssen. Sein Schatten wurde von anderen Schatten aufgesogen. Und wieder allein, dachte Murphy - nicht einmal mein Schatten steht mir zur Seite, wenn Bruno durch das Weideland  hetzt.

Doch da war niemand außer ihm. Er rappelte sich unter Schmerzen auf und stolperte blindlings durch das lichte Unterholz. Ein, zweimal blieb er erschöpft stehen und beim letzten Mal konnte er schwach das Geräusch eines brummenden Motors hören.

Das da vor ihm musste die Route 65 sein.

Menschen, Autos, Zivilisation. Wenn er sich durchschlug, war er seiner Rettung ein gewaltiges Stück näher gekommen.

Murphy stolperte weiter durch das Unterholz, alle Sinne zum Zerreißen gespannt, aber der Hund aus der Hölle musste seine Spur verloren haben.

Er lief jetzt sehr schnell und sein Herz klopfte heftig. Er sah von weitem aus, als wäre er stockbetrunken; ständig wechselte er die Richtung, aber er war keinen Augenblick unaufmerksam beim Beobachten seiner Umgebung, und das heilige Messer hielt er fest in der Hand ( ...kleine Überraschung für dich Bruno - wenn Du mir noch einmal zu nahe kommst!). 

Murphy fühlte sich jetzt etwas besser. Er ging in die Hocke und malte einige Kreise und kleine Zeichen in die Erde  - eine reine Vorsichtsmaßnahme, dachte Murphy. Doch der Hund von Hutchins schien eine andere Richtung eingeschlagen zu haben. Nun hastete er weiter. Die Straße ist nah, kreisten seine Gedanken  um seine mögliche Rettung, wenn, ja wenn der Hund aus der Hölle nicht wäre. Bruno,  mit seinem schlanken, drahtigen Körper, dem übergroßen Kopf und den Muskelsträngen, die ihn in eine drahtige, vierbeinige Kampfmaschine verwandelten, die nur aus einem Kopf, rotglühenden Augen und Zähnen, wie dem eines Hais zu bestehen schienen. Zwischen seinen Schulterblättern kribbelte es verdächtig, als er den Rand der Böschung erklomm. Voller Abscheu dachte er an die schlanken Pfoten des großen Tieres, die auf seiner Brust standen, an die abscheulichen Krallen und den vollmondgroßen Hundekopf, dessen Schnauze zum Zupacken weit aufgerissen war und dessen giftgrüner Speichel schrecklich auf seiner Haut kribbelte.

Murphy hörte sich selbst flüstern: Du hast mir etwas Schreckliches angetan, und ich werde nicht eher ruhen, ehe ich dich und deine Herren für immer zur Strecke gebracht habe.

Er stolperte an den Rand der Straße und bemerkte den heranbrausenden Truck viel zu spät. Als der Truck zu bremsen begann, torkelte Murphy wieder, während keine zwei Kilometer von ihm eine unheimliche Gestalt seine Spur wieder aufnahm.

*

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"UND SIE WOLLEN WIRKLICH in Atlanta studieren?"

Frank Jessups Stimme klang immer noch ziemlich ungläubig, als er das schwarzhaarige junge Mädchen in dem engen Jeansrock musterte, die vor einer knappen halben Stunde auf dem Truck-Stop nahe Greenstone Falls zu ihm in den Kenworth gestiegen war, nachdem sie ihn gefragt hatte, ob er sie in Richtung Süden mitnehmen könnte.

Natürlich hatte der aschblonde Trucker zugestimmt, denn erstens hatte er gerne Gesellschaft auf der Strecke, und zweitens sah das Mädchen, das sich ihm gegenüber als Moaire Molden vorgestellt hatte - eine Austauschstudentin aus Germany - verdammt gut aus.

Jessup ertappte sich mehr als einmal dabei, dass er immer wieder einen Blick auf die langen schlanken Beine warf, als sie es  sich auf dem Beifahrersitz in der Kabine gemütlich machte.

Um seine Gedanken wieder ein wenig abzulenken ( bist 'nen schlimmer Finger, Frank! ), suchte er nach einer Kassette, warf sie in den Schlitz des Rekorders ein und grinste vergnügt vor sich hin, als er die vertraute Stimme Garth Brooks vernahm, der "Friends in Low Places" sang.

"Natürlich will ich dort studieren ", drang jetzt die Stimme Moaire Moldens an sein Ohr. Er fand, dass sie ein bezauberndes Lächeln hatte, das Frank wie Butter in der Sonne zum Schmelzen brachte.

"Oder glauben Sie vielleicht, dass ich den weiten Trip über den Atlantik gemacht habe, um in Atlanta Teller zu spülen?" Ihre Stimme klang herausfordernd und im besten Englisch, aber Frank konnte zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen, dass sein Gegenüber das Produkt einer deutsch-amerikanischen Beziehung gewesen war.

Weshalb sie wohl als Anhalterin reiste, wo doch in den letzten Wochen und Monaten insbesondere Touristen weiter südlich in Florida Wegelagerern zum Opfer gefallen waren! Sowas konnte auch hier in Georgia geschehen - besonders dann, wenn es sich um ein so hübsches Geschöpf wie  Moaire  ( Was für ein Name ! ) - handelte.

Aber sie gab sich so natürlich und optimistisch, so dass sie wahrscheinlich gar nicht auf den Gedanken kam, dass ihr hier auf dem Highway - in diesem Truck - überhaupt etwas schlimmes zustoßen könnte.

"Sorry Miss", murmelte der schlanke, aber nicht sehr große Frank Jessup und schaltete einen Gang höher, als der Highway weiter vorn etwas anstieg.

"Ich wollte nicht neugierig sein... aber ich habe nicht unbedingt viele Freunde, die studieren. Es hat vielleicht etwas damit zu tun, dass ich ein recht einfacher Mensch bin."

"Das bin ich auch" unterbrach ihn Moaire Molden sofort.

"Ich habe mich vorher in ziemlich vielen Jobs abgerackert, bevor ich dieses Stipendium in Atlanta bekommen habe. Und ich werde alles dafür tun, dass ich das Examen erfolgreich abschließe - verstehen Sie?"

Als sie sah, wie Jessup nickte, schwenkte sie auf ein anderes Thema um. "Was glauben Sie, wie viel Zeit wir brauchen, bis wir in Atlanta sind, Mister Jessup?" 

"Ich bin kein Mister..... nennen Sie mich Frank", antwortete er dann. "Wenn ich mich ranhalte und uns keine Highway-Patrol in die Quere kommt, dann könnten wir in knapp drei Stunden dort sein. Sie können es wohl kaum abwarten, wie?"

"Zugegeben - ein wenig aufgeregt bin ich schon" , antwortete Moaire. "Aber das ist wohl nur am Anfang so. Ich hoffe, dass ich mich schnell einleben werde. Was ist mit Ihnen? Kommen Sie aus der Gegend von Atlanta?"

"Nein, weiter südlich aus Chattanooga" klärte sie Frank kopfschüttelnd auf. "Ich bin froh, wenn ich Atlanta schnell wieder den Rücken kehren kann - da ist mir im Moment ein bisschen zu viel los - wegen der Olympischen Spiele. Warten Sie erst einmal ab, was uns blüht, wenn wir in der Nähe der Stadt sind. Da sind die Verkehrsstaus doch schon vorprogrammiert. Alles wegen dieser Verrückten, die sich ein paar Wochen lang um ein paar blöde Medaillen streiten..."

Die Art und Weise, wie er das sagte, ließen keinen Zweifel daran, dass er nicht gerade ein großer Freund des allgegenwärtigen Rummels um Olympia war. Moaire lächelte bei diesen Worten,  und das brach das Eis zwischen den beiden endgültig.

Mittlerweile sang Faith Hill etwas über "Someone elses Dream", während Frank Jessup den großen Kenworth-Truck mitsamt dem Auflieger sicher über den Highway 65 steuerte. Er griff nach dem CB-Mikrofon, als plötzlich über Funk die krächzende Stimme eines Mannes erklang, der etwas von "Smokeys" erzählte, die zwei Meilen vor ihnen lauerten. "Breaker One-Nine", sagte Frank dann sofort.

"Danke für den Hinweis, Bushwacker - Old Faithful wird es dir danken. Trinken wir das nächste Mal bei Elli's Truck-Stop einen zusammen?"

Sekunden später kam aus dem CB eine Zustimmung. Frank beendete den Funkkontakt und hängte das Mikro wieder in die Halterung zurück. Dabei bemerkte er Moaires verständnislose Blicke.

"Wahrscheinlich haben Sie kaum etwas verstanden", grinste er entwaffnend. "Aber wir Trucker untereinander wissen , um was es geht. Smokeys - das sind die Polizisten, die die Geschwindigkeitskontrollen durchführen. Bushwacker wollte mich nur warnen, und ich habe mich dafür bei ihm bedankt. Das war eigentlich alles."

"Und wer ist Old Faithful?", wollte Moaire wissen. "Sie haben diesen Namen doch auch erwähnt?“

"Das ist mein Truck - haben Sie den Schriftzug denn nicht gesehen, als Sie eingestiegen sind, Lady?" Frank schüttelte doch etwas verwundert den Kopf, aber schließlich kam Moaire aus Germany  und war möglicherweise mit den hiesigen Gebräuchen der Männer der Landstraße nicht so vertraut.

"Sehen Sie?", lenkte er wenig später ab und wies schräg nach vorn zur Windschutzscheibe, wo gleich darauf am Straßenrand zwei Streifenwagen zu sehen waren, die unweit der nächsten Hügelkuppe standen. "Da sind die Burschen auch schon, mit einem mobilen Radargerät. Aber uns können sie nichts mehr anhaben", grinste er,  und kleine Fältchen kamen um seine Augen, dass sich Moaire unwillkürlich fragte, wie alt er eigentlich war. Doch Frank sprach gleich weiter. "Ich konnte dank der Warnung rechtzeitig mit der Geschwindigkeit runtergehen. Sonst kann es nämlich verdammt teuer werden, wissen Sie? Es gibt genug selbstherrliche County-Sherrifs, die einem bis zu zweihundert Dollar aus der Tasche ziehen, wenn man Pech hat. Da ich mein eigener Boss bin, muss ich das selbst berappen..."

Moaire hatte nicht damit gerechnet, dass Frank auf eigene Rechnung fuhr. Jetzt konnte sie natürlich verstehen, warum sich Frank so verhielt - denn als selbständiger Trucker musste er  jederzeit bemüht sein, Frachten hereinzuholen und schnellstmöglich an sein  Ziel zu befördern.

Frank wollte die Unterhaltung mit der attraktiven Studentin aus Germany nicht abbrechen lassen und erzählte gleich weiter, dass er gerade mit einem ganzen Auflieger Computerteile unterwegs nach Atlanta war, wo auf der Rückfahrt eine Fuhre Kühlschränke auf ihn wartete, die er dann nach Dallas fahren musste.

Moaire wollte ihn gerade diskret nach seinem Alter fragen, als sie plötzlich am Straßenrand eine Gestalt aus den Büschen taumeln sah.

"Da vorn!", rief sie mit heller Stimme."Der Mann läuft ja geradewegs auf  uns zu. Bremsen Sie doch, Frank, bremsen..."

Aber das brauchte sie Frank Jessup nicht zweimal zu sagen. Der hatte es mit seinen scharfen Augen sofort gesehen und war voll auf die Bremse getreten.

Etwas anderes war es aber, ein solches Gefährt wie einen vollbeladenen Kenworth rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Dieser gottverdammte Narr schien  unbedingt vor den Kühler taumeln zu wollen.

Frank riss in seiner Verzweiflung das Lenkrad nach links und wäre beinahe mit einem ihm nachfolgenden Dodge zusammengestoßen, der gerade dazu angesetzt hatte, ihn zu überholen. Der Fahrer konnte jedoch rechtzeitig ausweichen und hupte sie wie ein Verrückter an, als könne er damit das beinahe Geschehene ungeschehen machen. In einer hellen Staubfahne verschwand er vor ihnen, ohne angehalten zu haben.

Im selben Moment hörten Frank und Moaire einen dumpfen Schlag irgendwo seitlich des Trucks - ein  Geräusch, das ihnen ziemliches Kopfzerbrechen bereitete. Moaire war unter ihrer sonnengebräunten Haut kreidebleich geworden, und auch Franks Augenbrauen hatten sich finster zusammengezogen.

"Mein Gott - wir haben ihn überfahren...", murmelte Moaire erschrocken .

Inzwischen hatte Frank den Truck zum Stehen gebracht. Dann öffnete er mit leicht zitternden Fingern die Tür des Fahrerhauses und stieg aus.

"Bleiben Sie bitte hier", forderte er Moaire auf. Die aber hatte ihre Tür bereits geöffnet und war entschlossen herausgesprungen. Frank folgte ihr mit schnellen Schritten. Beide sahen fast gleichzeitig die regungslose Gestalt des Mannes, der in der Nähe des rechten Zwillingshinterrades des Kenworth-Trucks lag, und die wuchtigen Räder des Aufliegers waren nur wenige Inches von ihm entfernt!

Einen Moment hatte Frank schreckliche Angst, all das Blut zu sehen, das aus dem Mann geströmt sein könnte. Aber je näher er kam, desto weniger wahrscheinlich war eine äußere Verletzung. Er beugte sich zu dem Mann hinunter, um ihn zu untersuchen.

"Was ist mit ihm?", hörte er Moaires aufgeregte Stimme über seine Schulter. "Wie schwer ist er verletzt?"

"Verdammt, halten Sie endlich den Mund! Holen Sie lieber den Verbandskasten", fuhr er sie unabsichtlich härter an, als er gewollt hatte. Seine Finger waren schweißnass, als er den Mann berührte.

Er drehte den Kopf zu der Anhalterin, die bleich neben ihn stand und sich jetzt umdrehte und auf das Führerhaus des Trucks zuging."Er liegt unter dem Beifahrersitz", sagte er wieder etwas sanfter und fügte noch hinzu: "Bitte."

Während Moaire losspurtete, bemerkte Frank die Schmauchspuren im Gesicht des Mannes. Auch seine Kleidung war an manchen Stellen geschwärzt und rußig. Als wären sie von einem Feuer angekokelt worden. Woher zum Teufel ist dieser Mann so plötzlich gekommen und was ist ihm nur zugestoßen, fragte sich Frank, während er ihn vorsichtig untersuchte.

Sein Gedankengang brach unvermittelt ab, als der Fremde leise zu stöhnen begann. Also lebte er noch, und das war mehr, als Frank im ersten Augenblick zu hoffen gewagt hatte.

Inzwischen hatte Moaire den Verbandskasten gefunden, war mit ihm zurückgekommen und hatte ihn bereits geöffnet vor Frank abgestellt. Der übergewichtig aussehende Mann mit dem vollen rotblonden Haar bewegte sich wieder schwach. Frank schien es, als wäre vor den Augen des Fremden ein richtiger Schleier.

Das Gesicht wies eine blutende Schürfwunde auf, die Frank notdürftig behandelte. Aber ob der Mann, dessen Namen er noch nicht kannte, auch schwere innere Verletzungen davongetragen hatte, wollte Frank nicht selbst mutmaßen.

"Wollen wir ihn nicht ins Führerhaus bringen?", fragte Moaire, die sich von dem anfänglichen Schrecken erholt hatte. "Denn hier wird uns wohl weit und breit niemand helfen können."

Ihre Arme machten eine weit umschweifende Geste.

"In Ordnung. Los, helfen Sie mir" , forderte er Moaire auf und übernahm damit wieder die Initiative. „Er muss so schnell wie möglich zu einem Arzt - der soll ihn sich dann mal genauer unter die Lupe nehmen..."

Frank richtete sich auf und schaute noch einmal in die Runde, ohne etwas Ungewöhnliches zu sehen.  Das Band der Straße flimmerte in der Ferne. Ringsum nur Wüste und Buschwerk, und in der Ferne ein spärlicher Wald.

Trotz der Hitze, die ihm angesichts des Schreckens den Schweiß unter die Achseln getrieben hatte, fühlte er plötzlich einen eisigen Schauder in seinem Nacken., Doch er schüttelte den Kopf, um die Gespenster zu vertreiben, nicht wissend, dass keine anderthalb Meilen von dieser Stelle entfernt ein Schrecken auf sie lauerte, der den Unfall dagegen wie einen abendsommerlichen Spaziergang erscheinen lassen würde.

In der Ferne erklang wütendes Hundejaulen, und in diesem Moment schlug der Fremde die Augen wieder auf. Verschwunden war der trübe Blick - die Augen des Mannes wirkten merkwürdig gehetzt  und wanderten rasch von Frank zu Moaire und wieder zurück zu ihm.

Das eigenartige Gefühl, das Frank seit einigen Minuten hatte, verstärkte sich, nachdem er er noch einmal die angesengte Kleidung betrachtete.

Der jungen deutschen Studentin schien es ähnlich zu gehen, denn sie beäugte misstrauisch die arg in Mitleidenschaft gezogene Kleidung des Fremden, der ihre Fahrt nach Atlanta so rasch unterbrochen hatte.

"Keinen Arzt!", kam es auf einmal klar über die Lippen des großen Mannes, dem darauf noch ein leises und fest unterdrücktes Stöhnen folgte.

"Keine Angst, ich liege nicht ... im Sterben. Ich brauche nur... etwas Ruhe..."

"Mister - ich weiß nicht wer Sie sind, und welcher Teufel Sie geritten hat, dass Sie mir beinahe unter die Räder meines Trucks geraten sind", sagte Frank etwas ärgerlich, während er mit Moaires Hilfe den korpulenten Mann  auf die Beine zu stellen versuchte.

"Keinen Arzt, bitte!", flüsterte der Mann, und Frank konnte sich dieser Stimme nicht entziehen.

"Aber das sieht doch ein Blinder, dass Sie ziemlich mitgenommen sind. Wäre es nicht wirklich besser, wenn wir Sie in der nächsten Stadt zum Arzt bringen?", versuchte Frank Jessup noch einmal mit einer schwachen Entgegnung.

Der Fremde mit den rotblonden vollen Haaren schüttelte schwach den Kopf. "Nein!", kam es erneut über die aufgeplatzten Lippen. "Es sieht ... schlimmer aus, als es ... ist. Ich muss meine Wunden versorgen und mich viel ausruhen. Bringen Sie mich... zu einem Motel. Ich zahle Ihnen für die Unannehmlichkeiten auch eine... angemessene Entschädigung."

Frank und Moaire warfen sich Blicke zu, die sagten, dass sie dasselbe dachten. Sie hielten den Mann für etwas absonderlich.

Frank haderte noch einen Moment mit sich. Schließlich hatte er den Mann ja angefahren - auch wenn dieser weitgehend die Schuld für das Unglück selber trug.

" Na gut... es soll Ihre eigene Entscheidung sein, die Sie hoffentlich bei vollem Bewusstsein getroffen haben", entschied Frank, und Moaire nickte stumm dazu." Ich nehme Sie mit in ein Motel. Wenn ich mich recht entsinne, ist das nächste zehn Meilen von hier entfernt, direkt am Highway. Es ist zwar kein First-Class-Motel, aber die Betten sind in Ordnung, und das Essen schmeckt ganz passabel."

"Einverstanden", nickte der Fremde knapp, froh darüber, dass ihn seine schwachen magischen Fähigkeiten über die brenzlige Situation gerettet hatten. Der Trucker und die Austauschstudentin halfen dem schweren Mann in die Kabine des Kenworth zu steigen. "Ich bin Ihnen dankbar und werde Sie großzügig entschädigen, Mr. ...?"

"Frank ... Frank Jessup", stellte sich der Trucker vor. "Das hier ist Moaire Molden, eine Studentin aus dem fernen Germany. Und wer sind Sie? Was ist überhaupt passiert mit Ihnen?"

Der Fremde hatte sich zwischenzeitlich mit einiger Mühe bis zur Schlafpritsche des Trucks vorgehangelt und versuchte sich darauf auszustrecken. In dem Truck begann es leicht angekokelt zu riechen.

Er schien mit seiner Aktivität die Antwort hinauszögern zu wollen, schließlich erwiderte er doch etwas, ehe der Trucker auf der Fahrerseite die Tür geschlossen hatte.

"Ich heiße David Murphy und hatte... einfach Pech", murmelte er leise, während Frank den Motor startete, der auch gleich mit einem satten Geräusch kam. " Mein Wagen geriet etwas weiter von der Straße ab... weil ich zu schnell... gefahren bin. Er überschlug sich, landete im... Graben und fing Feuer. Ich konnte mich... gerade noch retten, bevor..." Er brach ab, als er sein rechtes Bein zu schnell bewegte und ein jäher Schmerz ihn erfasste. Das war Frank und Moaire natürlich nicht entgangen.

"Irgend etwas haben Sie sich scheinbar doch gebrochen, oder verstaucht, Mr. Murphy. Gut, wir bringen Sie in ein Motel - und dann möchte ich Sie mir noch einmal ansehen. Wenn mir die Verletzungen übler erscheinen, dann verständige ich einen Arzt, ob Sie wollen oder nicht!"

Bevor er den Truck endgültig in Bewegung setzte, bemerkte er im Rückspiegel noch einmal den Blick des Mannes, der sich ihnen gegenüber als David Murphy vorgestellt hatte. Warum zum Teufel wollte er nicht, dass sich ihn ein Arzt ansah? Jeder andere in seiner Lage wäre doch froh gewesen, ärztlich versorgt zu werden, denn einige Meilen auf der Route 65 war man  wirklich nur von Weide- und Grasland umgeben; keine Menschenseele weit und breit.

Es stank sprichwörtlich - etwas stimmte nicht an der Geschichte des Fremden. Hätten Frank Jessup oder Moaire Molden auch noch etwa anderthalb Meilen in die Richtung sehen können, woher David Murphy gekommen war, so wäre ihnen klargewesen, was den korpulenten Mann davon abhielt, die örtlichen zuständigen Stellen von Ärzten und Polizisten zu Rate zu ziehen.

Ob Frank Jessup den Gang des Trucks dann immer noch so gemütlich eingelegt hätte...?

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3. Kapitel

Atlanta - im Frühwinter vor neun Jahren

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––––––––

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MICH FRÖSTELT OB DER Ewigkeiten,

Die sie lauernd mit sich führen;

Ich sehe braune Tode schreiten,

Die den Wahnsinn geil berühren.

Michael Siefener, Schatten des Winters

Das heruntergekommene Gebäude in der 4th Street stand schon einige Monate leer, wie auch die umliegenden Häuser, die teilweise keine Scheiben mehr hatten und deren Eingangstüren vernagelt waren.

Müll, anderer Unrat und die zahllosen Wracks abgestellter Fahrzeuge säumten Straßen und Gehwege.

Nur vereinzelt lebten die von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die Alten und die Looser in einigen der Häuser.

Sonst war hier keiner. Selbst die Straßengangs mieden die Gegend wie die Pest, seit einige Kids verschwunden waren und  ihre Leichen nicht mehr auftaucht waren.

Hier war eine "Oase" der Anarchie entstanden, auch die Eigentümer der Häuser kümmerten sich nicht um ihr Gut.

Eines der Gebäude, ein fünfstöckiges Haus aus rotem Backstein, wie er in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts reichlich Verwendung gefunden hatte, sah besonders heruntergekommen und unbewohnbar aus.

Zwischen abgestellten Holzresten und schwarzen Müllsäcken, aus denen die Fliegen hervorkrabbelten, befand sich schräg unter den Stufen der alten Eingangstreppe eine angelehnte Eisentür.

Sie war beschmiert mit Parolen, die längst anderen Sprüchen und Dogmen gewichen waren, die wiederum bald von neuen Losungen überholt werden würden.

Der hagere Mann mit der bleichen Haut und dem linken, etwas herunterhängenden Augenlid stieß den Müll beiseite und betrat den Vorraum zu einem Kellergeschoss so zielstrebig, dass man sicher sein konnte, dass er nicht das erste mal diesen Weg ging...

*

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ER WACHTE AUF, ALS er spürte, wie etwas Schweres über seinen Körper krabbelte.

Wie ein Ertrinkender kämpfte er sich mühsam zurück an die Oberfläche der Wirklichkeit. Er setzte sich mit offenem Mund aufrecht und schnappte nach Luft.

Er meinte immer noch etwas Unangenehmes zu spüren, etwas Pelziges, das sein Gesicht gestreift hatte.

Harris Kopf ruckte zur linken Seite - und im Bruchteil weniger Augenblicke - tanzte ein rotglühendes Augenpaar in seiner Nähe.

Er begann zu fluchen, hob die rechte Hand - noch halb im Schlaf - und wischte mit dem Arm nach der fetten Ratte, die in diesem Moment die Flucht ergriff und mit einem schrillen Fiepen zwischen Müllresten im Halbdämmer verschwand.

Harris murmelte etwas Unverständliches vor sich hin ( nicht dass er sich später erinnert hätte, was er sagte! ) und schob sorgsam die alten Zeitungen ineinander, die ihm als zusätzliche "Nestwärme" dienten.

Schließlich war es bereits November - die Zeit wo die Blätter längst von den Bäumen gefallen waren und die  spärliche Sonne am Himmel es vorzog, sich hinter den dichten, grauen Wolken zu verstecken.

Es regnete nun fast jeden Tag, so auch heute, und Harris war in seinen uralten Schlafsack gekrochen, Papierknäuel als zusätzlichen Schutz, mit einem leichten Reizhusten, der ihn seit Wochen plagte.

Es wird schlimmer mit dir, dachte Harris, während er die letzten Traumfetzen abschüttelte, aber welcher Arzt wird dich behandeln - ohne Geld in den Taschen?

Auch jetzt wurde sein Körper wieder von einem Hustenkrampf geschüttelt. Als es vorbei war, verspürte er einen salzigen Geschmack auf der Zunge.

Er spuckte angewidert den gelben Schleim aus, der einen rötlichen Mischton angenommen hatte. Blut, stellte Harris fest. Das ist Blut - der Anfang vom Ende.

Hätte er gewusst, was ihm dieser Tag noch bringen würde, so wäre das Auftreten von geringen Spuren Bluts in seinem Speichel wohl sein geringstes Problem gewesen...

Unschlüssig starrte er auf den achtlos dahingeworfenen Rotz. Seine Müdigkeit war verflogen - er fühlte sich plötzlich unwohl.

Mit fahrigen Bewegungen erhob er sich und versuchte die eindringende Kälte einigermaßen zu ignorieren.

Er kippte den Kopf etwas beiseite, und mit der Pudelmütze gab ihm dies das Aussehen eines wildgewordenen verrückten Landstreichers. ( ...der er ja auch war, wenn er ehrlich seine Situation analysierte!)

Einige Straßenblocks weiter hörte er das auf und abschwellende Heulen der Polizeisirene.

Wahrscheinlich machen die Bullen wieder Jagd auf einen der zahlreichen Drogendealer, aber bis hierher kamen sie nur selten. Harris stand auf. Geht jagen,  wo die Zivilisation noch nicht zu Ende ist, dachte er. Denn hier leben  nur eine Handvoll Kreaturen, die die Bezeichnung Mensch wohl nicht mehr verdient haben.

Aber sind wir ehrlich - haben es sie nicht auch versucht sich mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu arrangieren? Hat nicht vielleicht die schnelle, hektische Zeit sie besiegt? - und nun müssen die Verlorenen zwischen den verfallenen, schmutzigen Ruinen leben und immer noch um ihr Überleben kämpfen ( die Hölle auf Erden ) - jeder weitere Tag wird zur neuen Qual. Denn das, was sie vorfanden, war zuviel zum Sterben, aber zuwenig, um menschenwürdig leben zu können...

Harris dachte dabei an Dantes göttliche Komödie.

Er schlurfte um die Ecke auf eine Reihe von Mülltonnen zu , denn sein Magen meldete sich unangenehm laut.

Am Anfang der nächsten Straße, kurz vor dem Ende der Slums, hatte Harris die wahnwitzige Hoffnung, etwas Essbares in den Mülltonen finden zu können. Denn manchmal hatte man Glück ("Und der erste Preis... ein Frühstück für eine Person in der menschenwürdigsten Mülltone ... geht an  EEEEEEEEEDDD  HARRRRIS, sagte die Stimme von Beef Potter und läutete die nächste Runde mit seinem breiten Lächeln zur Kamera ein!) - wenn die Street Kids die Reste ihrer Mahlzeit dort hinterließen. Reste von Hamburgern aus einer bekannten Fast-Food Restaurantkette, Donuts und fettige Fritten, die sie auch verschmähten - aber für Harris immer noch ein Festmahl...

Sein Gang wurde wieder unsicherer, als er die Kälte des herannahenden Winters in den Knochen spürte. Ein weiterer Hustenreiz kündigte sich an - aber den konnte er irgendwie unterdrücken.

Dann hatte er auch schon die Mülltonnen erreicht. Er hob den ersten Deckel hoch und spähte hinein.

Seine Nase war in all den Jahren auf der Straße trainiert. Er roch es sofort, wenn sich eine lohnenswerte Beute in den Resten befand - und diesmal hatte er Glück. Seine aufgerauten Hände wühlten im Abfall und ertasteten eine stabile Plastikverpackung, fühlten etwas Weiches. 

Harris bekam glänzende Augen - und der Mann in seinem Kopf rief den zweiten Preis aus - als er den halb gefressenen Rest des Hamburgers sah.

Früher - aber das war in einem anderen Leben - da hätte er keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, einen bereits angefressenen Hamburger zu verschlingen. Einen Moment blinzelte er in die trübe Novemberluft, versuchte mit einem Lidschlag die Vergangenheit wegzublinzeln, als er noch einen gutbezahlten Uni-Job und eine Frau namens Beth gehabt hatte. Der Anfang vom Ende war der Bruch und die Trennung von seiner Frau Beth gewesen ( Hast selber auch einen Großteil Schuld , hämmerte das unsensible Männchen in seinem Kopf.)

Harris hatte sich in seinem Selbstmitleid treiben lassen, war irgendwann völlig haltlos geworden, und schließlich hatte sich seine heile Welt über Nacht in ein Meer aus Scherben verwandelt.

Das war nun schon...lichtjahreweit her - und jedes Jahr und jeder Winter schwächte ihn mehr.

Harris ignorierte die ausgefransten und angesabberten Ränder und schlang alles mit einem leisem Schmatzen hinunter. Sein Magen bekam zu tun.

Ein Grinsen schlich sich über seine stoppelbärtigen Züge, denn heute schien tatsächlich sein Glückstag - und das machte die Kälte und Entbehrungen der letzten Tage wett.

Das war der Moment, wo er plötzlich das Tappen von raschen Schritten auf dem regennassen Straßenpflaster  hörte.

Instinktiv duckte sich Harris, denn er fürchtete die Street-Kids und ihre unvorhersehbaren Launen, wenn sie sich in diese Gegend verirrten - auf Sprung zu einem neuen Abenteuer.

Und wenn er genauso viel Pech hatte, wie der alte Simpson, dann würden sie ihn ebenfalls krankenhausreif schlagen - nur weil sie vielleicht Lust dazu hatten, einen Penner, den " Abschaum der Straße " aufzumischen, in einem Anfall von Law and Order-Gefühl.

Doch zwei, drei Blicke genügten. Es waren nicht die Street Kids, wie Harris feststellte.

Er sah einen einzelnen Mann ( korrekt: einen einzelnen lebensmüden Mann ) in dunkler Kleidung, der jetzt zielstrebig auf eines der verfallenen Häuser der gegenüberliegenden Straßenseite zuhielt.

Ein Mann, bei dem Harris sofort bemerkte, dass er eigentlich nichts in dieser Gegend zu suchen hatte. Denn seine Kleidung war viel zu neu, und zeigte aus der Ferne nur wenige Spuren einer täglichen Benutzung. Allein für diesen Mantel hätte er ein kleines  „Vermögen" gegeben - wenn er etwas besessen hätte...

Was suchte der Mann hier? Was hatte er in diesem Haus verloren, auf das er zuging?

Auf einmal erwachte in Harris sein alter Jagdinstinkt und neugierig geworden, beschloss er, diesem seltsamen Vorgang auf den Grund zu gehen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738923025
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
horrorroman jenseits finsternis

Autoren

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Titel: Horrorroman: Jenseits der Finsternis