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Krimi Trio September 2018: Drei Thriller in einem Buch

2018 400 Seiten

Zusammenfassung

Krimi Trio September 2018: Drei Thriller in einem Buch

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Du störst uns nur so lange du lebst
Cedric Balmore: Sie sind reif, Mister Braden
Cedric Balmore: Geschäfte in Sachen Tod

Der Privatdetektiv Jack Bradon soll für Miguel Lazaro Morales, dem Militärattaché der Guanama Botschaft in New York, eine Million Dollar wiederfinden, die seine Kuriere ihm nicht übergeben haben. Bradon erfährt, dass die beiden Männer ermordet wurden. Daraufhin sucht er Morales auf und wird von einem Unbekannten bewusstlos geschlagen.
Als Bradon wieder zu sich kommt, erfährt er, dass Morales ebenfalls ermordet wurde und er für die Polizei der Mörder ist.

Leseprobe

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Krimi Trio September 2018: Drei Thriller in einem Buch

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Du störst uns nur so lange du lebst

Cedric Balmore: Sie sind reif, Mister Braden

Cedric Balmore: Geschäfte in Sachen Tod

Der Privatdetektiv Jack Bradon soll für Miguel Lazaro Morales, dem Militärattaché der Guanama Botschaft in New York, eine Million Dollar wiederfinden, die seine Kuriere ihm nicht übergeben haben. Bradon erfährt, dass die beiden Männer ermordet wurden. Daraufhin sucht er Morales auf und wird von einem Unbekannten bewusstlos geschlagen.

Als Bradon wieder zu sich kommt, erfährt er, dass Morales ebenfalls ermordet wurde und er für die Polizei der Mörder ist.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Du störst uns nur, solang du lebst

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Privatdetektiv Tony Cantrell 

Krimi von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

Gangster dringen in die Wohnung des unbedeutenden Reporters Robert Hartford und verlangen von seiner völlig verdutzten Ehefrau die Herausgabe von zwanzig Millionen Dollar. Als Hartfort nach Hause kommt, findet er seine Frau ermordet vor. Dem Reporter ist klar, dass diese Tat eine Botschaft an ihn ist, um ihm Angst einzujagen. Deshalb engagiert er den erfolgreichen Privatdetektiv Tony Cantrell - angeblich um den Tod seiner Frau aufzuklären. Während das Cantrell-Team recherchiert, versucht Hartford, sich abzusetzen – und zwar mit der Zwanzig-Millionen-Dollar-Beute, die aus einer Entführung stammt, die viele Jahre zurückliegt –, doch die Mörder sind ihm auf den Fersen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Silk!“ Die Stimme des Mannes war höhnisch und drohend. Sie ähnelte dem scharfen, schmerzhaften Schnitt eines Sägemessers. Morton Philby wandte den Kopf und blickte den Sprecher an. Es gab nur wenige, denen er gestattete, ihn bei seinem Spitznamen zu nennen. Der Fremde gehörte nicht dazu. Morton Philby stand mit ihm am Tresen eines schmalen Trailer-Restaurants. Außer ihnen war nur noch der Wirt anwesend, ein kleiner schnauzbärtiger Mexikaner, der in diesem Moment einen leisen, erschreckten Laut ausstieß. Die Reaktion war verständlich, denn er sah, dass es Ärger geben würde. Großen Ärger sogar. Der Mann mit der höhnischen Stimme wirkte auf seltsame Weise wie die Karikatur eines Gangsters aus den zwanziger Jahren. Dunkler Zweireiher mit Nadelstreifen, schmales hartes Gesicht unter weichem Filzhut, stechende Augen, brutales Kinn. Er hatte auch etwas Exotisches an sich. Vermutlich gab es in seiner Ahnenreihe einige Asiaten oder Polynesier. Genau ließ sich das nicht erkennen. Trotz seines eigenwilligen Äußeren war an ihm nichts Komisches.

Dafür sorgte schon der großkalibrige Revolver in seiner Hand.

Er hielt die Waffe nicht auf Morton Philby gerichtet, sondern ließ sie lose in der Rechten baumeln, als wäre sie ein Teil von ihm. Er kam geradewegs auf Morton Philby zu, langsam, mit theatralisch wirkender Entschlossenheit. In seinen dunklen Augen glitzerte es kalt.

Morton Philby hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Es juckte ihm in den Fingern, ihren Inhalt dem Mann blitzschnell ins Gesicht zu kippen. Aber noch hatte er keinen G rund, die Notbremse zu ziehen.

„Kennen wir uns?“, fragte er.

„Ich kenne Sie“, sagte der Mann und blieb stehen. Er war jetzt nur noch drei Schritte von Morton Philby entfernt. Offenbar kannte er sein Risiko und wollte es nicht noch vergrößern.

„Woher?“

„Von Fotos“, erwiderte der Mann. „Sie kleben auf Ihrem Todesurteil.“

Morton Philby lächelte, obwohl er Mühe hatte, sich gelassen und entspannt zu geben.

„Ihr Humor“, sagte er, „ist recht bizarr.“

Ihm entging nicht, dass der Finger des Mannes am Abzug der Waffe lag. Morton Philby schätzte sein Gegenüber auf fünfunddreißig Jahre. Der Fremde war nicht sehr groß und gewiss nicht besonders kräftig, aber Philby spürte, dass er zu den Burschen gehörte, die blitzschnell reagieren konnten. Es würde nicht leicht sein, ihn zu überrumpeln.

„Bitte ...“, ächzte der Wirt und hob mit schwachem, ängstlichem Protest eine Hand. Aber weder der Exote noch Morton Philby schenkten ihm Beachtung. Er war in dieser Auseinandersetzung nur ein Statist. Er zählte nicht.

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich mit dem Tod zu befassen?“, fragte der Fremde. Es war ihm anzumerken, dass ihm die Situation Spaß machte. Er genoss es sichtlich.

„Mit wessen Tod?“, fragte Morton Philby.

„Mit Ihrem eigenen.“

„Nein“, erwiderte Morton Philby und fragte sich, weshalb es ihm entgangen war, dass der Exote ihn beschattet hatte. Der Mann war gleich hinter ihm in das kleine, etwas schäbig wirkende Lokal gekommen. Er hatte, wie er, einen Kaffee bestellt. Sonst nichts.

„Dann wird es Zeit, dass Sie damit beginnen“, meinte der Fremde und hob den Revolver. Der Lauf zielte genau auf Morton Philbys Herz. „Hohe Zeit.“

„Was soll der Quatsch?“, fragte Morton Philby. Er starrte in die Waffenmündung. In seinem Magen bildete sich ein harter Knoten. Die Klimaanlage rauschte leise. Um das verglaste Büfett summten Fliegen, und draußen, auf dem Expressway, heulten die Reifen vorüberfahrender Wagen.

Morton Philby bildete sich ein, schon weit gefährlichere Situationen gemeistert zu haben, aber die hatte er auf sich zukommen sehen. Das Ungewöhnliche und Unerklärliche dieses Vorfalls machte ihm Angst. Er kannte den Mann nicht. Vermutlich war es ein gewöhnlicher Überfall, den der Kerl dramatisch inszenierte, weil dies seiner Neigung zur Grausamkeit entsprach.

„Quatsch?“, meinte der Fremde und verzog die schmalen, blutleer wirkenden Lippen. „Glauben Sie wirklich, dass ich zu den Leuten gehöre, die ihre Zeit mit Quatsch vergeuden?“

„Wollen Sie mein Geld?“, erkundigte sich Morton Philby. Sein Kaffee wurde kalt. Das würde ihm im Ernstfall die Wirkung nehmen.

„Ich will Ihr Leben“, sagte der Mann.

„Warum?“

Der Gangster zeigte seine Zähne. Sie waren weiß und fest, geradezu makellos.

„Weil es mir Spaß macht“, sagte er langsam, „und weil es meinem Auftrag entspricht.“

„Bitte“, ächzte der Wirt. Er machte plötzlich auf den Absätzen kehrt und hastete in die Küche. Seltsamerweise unternahm der Gangster nichts, um ihn aufzuhalten.

„Ein bezahlter Killer“, sagte Morton Philby verächtlich. „Darauf sind Sie noch stolz, was?“

„Töten“, erklärte der Fremde mit glitzernden Augen, „gibt Macht. Für mich ist das wie ein Orgasmus. Einfach das Größte!“

„Sie sind ja krank“, sagte Morton Philby.

„Ich bin krank - und Sie werden gleich tot sein!“, zischte der Mann und drückte ab.

Der Schuss löste in dem kleinen Raum ein donnerndes Echo aus. Morton Philby war wie gelähmt. Ihm war zumute, als hätte die Spitze einer Lederpeitsche seine Schläfe berührt. Das Geschoss konnte ihn nur um Millimeter verfehlt haben.

„Damit Sie wissen, worum es geht“, sagte der Mann. „Die nächste Kugel sitzt.“

Morton Philbys Mund war pulvertrocken. Er kämpfte das lähmende Entsetzen nieder. Der Mann musste verrückt sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Er quälte sein Opfer, und es machte ihm Spaß, die Situation zu dramatisieren. Trotzdem stand außer Zweifel, dass dies kein Zufall war. Der Mann hatte seinen Namen genannt. Er folgte also einem bestimmten Ziel. Er hatte einen konkreten Auftrag.

„Wollen Sie ...“, begann Morton Philby.

Weiter kam er nicht.

Das Schicksal zerriss den Satz. Von irgendwoher fiel der zweite Schuss. Er hörte sich anders an als der erste und fiel mit dem Bersten einer Fensterscheibe zusammen.

Der Mann im dunklen Zweireiher machte den Eindruck, als würde er von einem gewaltigen Stromstoß erfasst. Sein Gesicht veränderte sich. Es fiel buchstäblich auseinander. Unter dem breitkrempigen weichen Filzhut, nahe der rechten Schläfe, klaffte plötzlich ein kleines Loch.

Der Mann versuchte noch, auf Morton Philby zu schießen, aber sein am Abzug liegender Finger hatte offenbar nicht mehr die Kraft dazu.

Die Waffe polterte zu Boden.

Der Mann brach zusammen.

Die Art, wie er fiel, ließ erkennen, dass er niemals wieder aufstehen würde.

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Morton Philby gab sich einen Ruck und rannte zum Fenster. Der Expressway zog sich dicht hinter dem Lokal in sanftem Schwung zu einer Brücke hoch. Morton Philby sah, dass sich ein Wagen vom Bankett löste und ohne Eile anfuhr - ein grüner Allerweltsford, dessen Nummer nicht zu erkennen war. Er gewann rasch an Fahrt und ordnete sich in den Strom der anderen Verkehrsteilnehmer ein.

„Oh Gott!“, stöhnte eine Stimme.

Morton Philby wandte sich um. Der schnauzbärtige Mexikaner lehnte über dem Tresen. Er sah aus, als ob er sich im nächsten Moment übergeben würde.

„Ist er tot?“, murmelte er.

„Hm“, sagte Morton Philby. „Haben Sie die Polizei verständigt?“

„Nein. Ich war in der Küche. Ich wollte sehen, was passiert“, sagte der Wirt, ohne seinen Blick von dem Toten abzuwenden.

Morton Philby trat ans Telefon. Er hatte die Nummer von Lieutenant Rollins im Kopf. Harry Rollins war Leiter der Chicagoer Mordkommission. Es war nicht immer leicht, ihn zu erreichen, aber diesmal hatte Philby Glück. Er meldete sich, sagte, wo er sich befand und schilderte, was geschehen war.

„Das Cantrell-Team hat wirklich eine großartige Begabung, mich in Trab zu bringen“, meinte Rollins und legte auf.

Morton Philby grinste lustlos. Dann rief er Tony Cantrell an, seinen Chef. Es meldete sich Carol, dessen Frau.

„Ich habe hier eine Leiche“, sagte Morton Philby. „Der Mann wollte mich abservieren. Ist der Chef in der Nähe?“

„Im Garten“, antwortete Carol. „Warte, ich rufe ihn ...“

Morton Philby lehnte sich gegen die Wand und wartete. Der Mexikaner hing noch über dem Tresen. Der Tote begann zu bluten.

„Was höre ich da?“, tönte Tony Cantrells Stimme aus dem Hörer.

„Ein verrückter Fall“, sagte Philby und berichtete, was er erlebt hatte. „Der Mörder stand drüben auf dem Expressway. Er konnte das Geschehen im Lokal zum Teil verfolgen. Es ist schon eine merkwürdige und keineswegs befriedigende Erkenntnis, dass man einem Killer sein Leben verdankt ...“

„Sieh nach, ob der Tote Papiere bei sich hat“, bat Cantrell. „Das würde uns weiterhelfen.“

Morton Philby legte den Hörer neben den Apparat, beugte sich über den Toten und klopfte ihn ab. Dann kehrte er zum Telefon zurück.

„Keine Papiere“, meldete er.

„Vermutlich ein Profi“, sagte Cantrell. „Bist du sicher, dass er es ernst gemeint hat?“

„Ganz sicher.“

„Ist er dir gefolgt?“

„Ja, eine andere Erklärung gibt es nicht. Aber ich bin erst auf ihn aufmerksam geworden, als er mich angeredet hat. Mit ,Silk‘. Wie findest du das?“

„Wo ist das Lokal?“

Morton Philby nannte die Adresse, und Tony Cantrell sagte: „Ich brauche mindestens eine halbe Stunde, um hinzukommen.“

„Und ich“, sagte Philby, „brauche eine Stunde, um mich von diesem Schreck zu erholen.“

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Lex Brindell trat hart auf die Bremse und senkte den Kopf, um besser aus dem Wagenfenster sehen zu können.

„Das kann doch nicht wahr sein“, murmelte er.

„Es ist Nummer einundzwanzig, hier wohnt er“, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz. Er war klein und vierschrötig, ein Enddreißiger, an dem allenfalls das gelockte, rötlich schimmernde Haar auffiel.

„Ich kann es nicht glauben“, sagte Brindell und zog den Zündschlüssel ab. Er wirkte ebenfalls untersetzt, war aber, wie sich beim Aussteigen zeigte, fast ein Hüne. Ein zu kurz geratener Hals erweckte den Eindruck der Kompaktheit und ließ ihn beim Sitzen kleiner erscheinen, als er war. Lex Brindell war zweiundvierzig. Er verbarg seine Halbglatze unter einem modischen, karierten Hut und trug eine violett getönte Brille.

Die Männer studierten das Klingelbrett des schäbig wirkenden Mietshauses. Dann fuhren sie mit dem Lift in die dritte Etage. Sie blieben vor einer Wohnungstür stehen, auf der der Name Robert Hartford stand.

„Tatsächlich“, sagte Lex Brindell erstaunt.

„Die Informationen stimmen“, murmelte der Mann mit dem rötlichen Haar. Er hieß Arthur Sober, was insofern zu ihm passte, als er keinen Alkohol anrührte und tatsächlich immer so nüchtern war, wie sein englischer Familienname andeutete.

Brindell klingelte. Sober blickte sich um. Sie waren allein im Treppenflur.

Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen erschien eine hagere Frau mit strengem Gesicht. Sie war nicht älter als fünfundvierzig und hatte das stumpfe blonde Haar im Nacken verknotet.

„Mrs. Hartford?“, erkundigte sich Brindell.

„Das bin ich. Was wünschen Sie?“

Brindells Rechte zuckte hoch. Er gab der Frau einen kurzen, harten Stoß vor die Brust. Die Frau stieß einen halblauten Schreckensruf aus und stolperte zurück. Die Männer traten über die Schwelle. Sober schloss die Tür.

„Was ... was wollen Sie?“, stammelte die Frau. Sie wich mit angstgeweiteten Augen bis an die Wand zurück.

„Nichts von Bedeutung“, sagte Lex Brindell. „Nur zwanzig Millionen Dollar.“

Die Augen der Frau wurden groß und rund. Die Angst verwandelte sich in fassungsloses Erstaunen.

„Was?“, murmelte sie verständnislos.

„Zwanzig Millionen Dollar“, wiederholte Lex Brindell. „Kann man mich so schlecht verstehen?“

„Sie machen Witze!“

„Sehe ich aus wie ein Witzbold?“, fragte Lex Brindell drohend und ging mit geballten Händen auf die Frau zu.

„Nicht schlagen, bitte!“, wimmerte sie und hob schützend einen Ellenbogen vor ihr Gesicht.

Brindell packte sie am Arm und stieß sie ins Wohnzimmer. Der Raum war mit Möbeln und Bildern überladen, sodass man Mühe hatte, sich darin zu bewegen. Aber bei näherem Hinsehen war nichts zu finden, was Wert oder Stil zeigte. Das meiste schien von Leuten zu stammen, die weder mit Geld noch mit Geschmack gesegnet gewesen waren.

„Das ist doch nicht zu fassen“, sagte Lex Brindell und sah sich kopfschüttelnd um. „Ein Kramladen!“

Dann stieß er einen Pfiff aus. An der Schmalseite der Wand hatte er einen großen altmodischen Safe entdeckt. Seine grüne Front war mit allerlei goldenen Schnörkeln verziert. Man sah, dass der Schrank aus einer Zeit stammte, in der die Pferdebahn als technische Errungenschaft gegolten hatte.

„Aufmachen!“, forderte er.

„Was soll ich aufmachen?“, fragte die zitternde Frau. In dem hellen Tageslicht, das durch zwei Fenster in den Raum fiel, wirkte ihre Haut schlaff, grau und teigig.

„Den verdammten Geldschrank, was sonst?“

„Da ist nichts von Bedeutung drin ...“

„Schlüssel her!“, zischte Sober.

Die Frau öffnete die Schublade einer älteren Schranknähmaschine, holte einen Schlüsselbund hervor und öffnete damit den Safe. Die Männer warfen die Papiere, die sie darin fanden, achtlos auf den Boden.

„Kein Geld“, sagte Lex Brindell verwundert. Er wandte sich an die Frau. „Wo ist es?“

„Wir bewahren kein Bargeld zu Hause auf“, sagte sie. „Das ist Bobs Prinzip.“

„Bobs Prinzip“, echote Lex Brindell. „Das lobe ich mir. Es ist wohl einmalig auf dieser Welt. Wo steckt er denn, der clevere Bob?“

„Er ist in der Redaktion, nehme ich an. Oder unterwegs. Er arbeitet.“

„Ach ja, richtig“, sagte Lex Brindell spöttisch. „Er ist Reporter. Keiner der ganz Großen, was seine Schreibbegabung betrifft, aber sicherlich der Größte, was seine Qualitäten als Sparer angeht. Zwanzig Millionen! Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich verstehe zwar, dass jemand durch einen sagenhaften Glücksfall in den Besitz von so viel Geld kommt, aber ich werde niemals begreifen, dass er damit in einer solchen Bruchbude lebt und nichts unternimmt, um seinem Leben ein bisschen Schwung und Farbe zu geben.“

Die Frau hob ihr Kinn.

„Sie reden immer von zwanzig Millionen“, sagte sie erregt. „Wollen Sie mir bitte erklären, was es damit auf sich haben soll? Soviel mir bekannt ist, beträgt unser Bankguthaben im Augenblick vierhundertdreiundsechzig Dollar und ein paar Cent. Größer ist es niemals gewesen. Ein Lokalreporter wie Bob kann froh sein, wenn er ohne einen Haufen Schulden über die Runden kommt.“ Lex Brindell blickte seinen Komplicen an.

„Weiß sie wirklich von nichts?“ Sober grinste grausam.

„Wir müssen es herausfinden.“ Alice Hartford spürte die Gefahr, in der sie schwebte. Sie zitterte noch stärker als zuvor.

„Warten Sie, bis Bob zurückkehrt!“, flehte sie. „Ich kann Ihnen wirklich nichts sagen. Mein Ehrenwort!“

„Ich glaube ihr“, entschied Sober nach kurzem Nachdenken. „Dieser Hartford mag ein bisschen verrückt sein, aber er ist bestimmt nicht so idiotisch, sein süßes kleines Geheimnis mit dieser Vogelscheuche zu teilen.“

„Du spinnst“, sagte Lex Brindell. „Er lebt schließlich mit ihr zusammen. Sie ist seine Frau. Kein Mensch kann auf die Dauer mit einem solchen Geheimnis leben - über zehn Jahre hinweg.“

„Zwölf“, korrigierte Sober. „Meinetwegen zwölf. Das macht es noch unwahrscheinlicher“, sagte Brindell.

„Er ist clever“, meinte Arthur Sober. „Ein anderer hätte sich ein Haus gekauft, wäre auf Reisen gegangen, hätte versucht, zu spekulieren oder in eine Firma einzusteigen. Aber nicht Hartford! Er behielt seinen mickrigen Job, er blieb in dieser Bruchbude, und er gab nicht den kleinsten Hinweis auf die veränderte Lage. Ein gerissener Junge!“

„Sie muss es wissen“, sagte Brindell störrisch. Er ging auf die Frau zu, packte die erschreckt Aufschreiende am Handgelenk und zwang sie, sich auf einen Stuhl zu setzen. Dann legte er ihr seine Hände um den Hals und drückte zu.

Die Frau begann zu röcheln. Die Augen traten ihr aus den Höhlen. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht. Der Mann lockerte seinen Griff.

„Nur als Vorgeschmack“, sagte er sanft. „Ich kann auch noch unangenehmer werden. Wo ist das Geld?“

„Wir haben kein Geld, ich schwöre es Ihnen!“, keuchte die Frau. „Ich wüsste doch davon ...“

„Eben“, sagte der Mann und drückte erneut zu. „Du weißt es, Süße.“

Die Frau ächzte. Sie zerrte mit beiden Händen an seinen unbarmherzig zudrückenden Pranken, aber ihr fehlte die Kraft, ihn aufzuhalten. Als sie glaubte, ohnmächtig zu werden, nahm der Mann seine Hände von ihrem Hals.

„Wo ist es?“, fragte Brindell.

Die Frau brauchte länger als eine Minute, um wieder sprechen zu können. Als sie antwortete, klang ihre Stimme brüchig und schwach.

„Sie können mich totschlagen“, würgte sie hervor, „aber ich weiß von nichts.“

„Keine Millionen?“, fragte Brindell.

„Lieber Himmel! So was kenne ich nur aus dem Kino“, sagte die Frau und massierte sich mit einer Hand den schmerzenden Hals.

„Wie alt sind Sie?“, fragte Brindell.

„Vierundvierzig.“

„Sie werden keinen Tag älter, wenn Sie nicht sofort singen“, drohte der Mann.

„Haben Sie doch Erbarmen!“, flehte die Frau. „Sie sind irgendeiner Falschmeldung aufgesessen. Wir sind arme Leute.“

„Sie heuchelt perfekt“, knurrte Arthur Sober. „Beinahe überzeugend.“

„Sie ist eine hässliche, stinkende Schlampe“, meinte Lex Brindell. „Die Welt wird uns dankbar sein, wenn wir sie aus dem Verkehr ziehen.“

„Woher sollten wir das Geld denn haben?“, fragte die Frau, die sich vergeblich bemühte, das immer stärker werdende Zittern ihres Körpers zu unterdrücken.

„Haben Sie noch niemals den Namen Flossmoore gehört?“, fragte Arthur Sober.

„Das ist ein Ort, ein Stadtteil, nicht wahr?“

„Es ist auch der Name eines reichen, inzwischen verstorbenen Industriellen“, sagte Lex Brindell. „Er hat seinerzeit die zwanzig Millionen bezahlt, um seine entführte Familie - Frau und zwei Kinder - aus den Händen der Kidnapper zu befreien.“

Die Frau starrte Arthur Sober fassungslos in die Augen.

„Ich bin die Frau eines Reporters“, sagte sie. „Ich habe selbst schon in drei Redaktionen gearbeitet, wenn auch nur als Stenotypistin oder in der Telefonzentrale. Aber ich wusste stets, was los war. Ich habe die Nachrichten verfolgt. Ich bin auf dem Laufenden gewesen, alle die Jahre hindurch. Das gehört dazu, wenn man für eine Zeitung arbeitet. Ich kenne die großen Kriminalfälle. Es gibt nicht sehr viele, bei denen mehr als zwei oder drei Millionen im Spiel waren - und keinen einzigen, bei dem, wie Sie sagen, zwanzig Millionen erpresst worden waren. Das ist eine astronomische Summe. Davon würden die Menschen heute noch reden. Nein, es gab niemals einen solchen Fall ...“

„Es gab den Fall Flossmoore“, sagte Lex Brindell mit sanfter Stimme. „Nicht alles kommt in die Zeitungen. Das dürfte auch Ihnen bekannt sein. Es gibt Entführungen, von denen die Öffentlichkeit niemals etwas erfährt. Ganz einfach deshalb, weil besorgte Familienväter zahlen. Sie zahlen, um ihre Lieben zu schützen, oder sie zahlen, weil sie der Polizei nicht über den Weg trauen. Was immer auch die Gründe für ihr Verhalten sein mögen: sie zahlen.“

„Zwanzig Millionen? Ich glaube es nicht. Was Sie behaupten, ist naiv“, sagte die Frau, die allmählich ihre Sicherheit zurückgewann. „Es widerspricht einfach den elementarsten Lebenserfahrungen. Wer Geld hat, lässt es arbeiten. Wissen Sie eigentlich, wie schwierig es selbst für einen Superreichen ist, von heute auf morgen zwei oder drei Millionen Dollar lockerzumachen? Von zwanzig Millionen ganz zu schweigen.“

„Flossmoore“, sagte Brindell, noch immer mit sanfter Stimme, „war nicht nur Großindustrieller. Zu seinem Wirtschaftsimperium gehörten auch drei große Banken. Es war für ihn also kein Problem, das Geld lockerzumachen.“

„Na schön. Der fabelhafte Mr. Flossmoore zahlte also zwanzig Millionen. Nur um seine Familie zu retten. Ein richtiges Rührstück!“, höhnte die Frau. Sie wurde plötzlich wütend und aggressiv. Ihre Angst schlug in heftigen Zorn um. „Und an wen zahlte er das Geld? Natürlich an Bob, meinen Mann. Weil Bob so hart, so grausam, so clever ist! Ein typischer Entführer, der geborene Kidnapper. Kennen Sie Bob?“

Ihre Stimme überschlug sich fast, sie wurde schrill und hysterisch.

„Er ist gerissen, stimmt, er ist auch hart, aber er ist kein Krimineller. Er führt ein biederes, bürgerliches Leben. Wenn Sie das nicht glauben sollten, kann ich Ihnen nur sagen, dass Sie nicht richtig ticken.“

„Sie wird ganz schön kess, was?“, meinte Arthur Sober. „Das wird ihr noch vergehen.“

Lex Brindell lächelte. Der wütende Ausbruch der Frau schien ihn nicht zu beeindrucken.

„Nein, die zwanzig Millionen wurden nicht an Ihren Mann gezahlt“, sagte er. „Robert Hartford hat sie sich später geholt. Von den Entführern.“

„Das ist doch absurd!“, sagte Alice Hartford.

„Ihr fixer Bob war der Sache auf die Spur gekommen. Er hatte als Reporter ein einziges Mal in seinem Leben Glück. Er kam einer großen Sache auf die Spur, und er machte davon Gebrauch.“

„Wenn das so ist, wüsste ich gern, warum Sie sich nicht an ihn direkt wenden“, giftete die Frau.

„Oh, das kommt noch, keine Angst“, sagte Lex Brindell. „Wir kommen schon zu unserem Geld.“

Die Schultern der Frau sanken herab. Ihr kurzer wütender Widerstand brach zusammen. Sie fühlte, dass sie den Männern nicht gewachsen war, und begann leise vor sich hinzuschluchzen.

„Wir ... wir haben kein Geld“, stammelte sie. „Wir haben niemals welches besessen.“

Lex Brindell zog vier Fotos aus seiner Brieftasche. Er betrachtete sie grinsend. Dann drückte er sie der Frau in die Hand.

„Sehen Sie sich das an“, sagte er. „Wie gefallen Ihnen die Puppen? So haben Sie nicht mal in Ihren besten Jahren ausgesehen, was?“

Alice Hartford verzog säuerlich den Mund und schnüffelte missbilligend.

„Sind das Filmstars?“, erkundigte sie sich.

Brindell lachte kurz.

„Sie könnten es sein, was ihre optischen Reize betrifft. Vor die Kamera treten sie allerdings nur für besonders zahlungskräftige Freier. Die Puppen sind käuflich. Ich habe mich erkundigt. Pro Nacht ist keine für weniger als dreihundert Dollar zu haben. Die Rothaarige verlangt sogar einen Hunderter mehr. Und sie kriegt ihn. Der potente Bob, Ihr Göttergatte, kennt alle vier. Mit und ohne Kleider. Sie verstehen schon, was ich meine. Er besucht die Mädchen regelmäßig, mindestens zwei in der Woche. Aber natürlich gibt es in seinem aufregenden Leben noch andere.“

„Das ist nicht wahr!“, hauchte die Frau.

„Wir machen Ihnen nichts vor, Teuerste. Sehen Sie doch mal in den Spiegel. Dann wird Ihnen klar, warum er fremdgeht“, meinte Brindell.

„Sie sind gemein!“

„Sie machen mir Spaß. Ihr Mann geht fremd, und mir werfen Sie Gemeinheit vor“, sagte Brindell.

„Ich glaube Ihnen einfach nicht.“

„Sehr bequem“, sagte Lex Brindell. „Aber damit ändern Sie nichts. Wir beobachten Robert Hartford schon seit geraumer Zeit. Er gibt monatlich mindestens tausend Dollar für die Miezen aus. Gut, er hat’s, es macht ihn kaum ärmer, er kann es sich leisten. Aber wir finden, er hatte seinen Spaß. Jetzt sind wir endlich mal am Drücker.“

„Was soll das alles?“, knurrte Arthur Sober und stand auf. „Wir vergeuden nur unsere kostbare Zeit.“

„Du hast recht“, meinte Lex Brindell und streifte mit provozierender Langsamkeit seine Handschuhe über. „Lass uns zur Sache kommen.“

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Er wollte mich töten, das steht außer Zweifel“, erklärte Morton Philby. „Wenn der große Unbekannte nicht im entscheidenden Augenblick eingegriffen hätte, könntet ihr jetzt für mich einen Kranz flechten.“

Das Telefon klingelte. Cantrell nahm den Hörer ab und meldete sich. Er griff nach dem Kugelschreiber, warf ein paar Zeilen auf seinen Schreibblock, bedankte sich bei dem Anrufer und legte auf.

„Das war Harry“, sagte er. „Der Tote wurde soeben identifiziert. Es handelt sich um David Corczenski, zweiunddreißig. Mehrfach vorbestraft. Wegen Teilnahme an einem bewaffneten Raubüberfall zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, vor vier Monaten entlassen. Ihm wurde wegen guter Führung ein halbes Jahr der Strafe erlassen. Obwohl er wiederholt an Bandenverbrechen teilnahm, arbeitete er im Wesentlichen als Einzelgänger. Wohnte zuletzt im Stadtteil Berwyn, Teller Road 17. Ledig. Kein fester Arbeitsplatz.“

„Corczenski“, murmelte Morton Philby und runzelte die Stirn. „Nie zuvor gehört.“

„Aber er hatte von dir gehört“, meinte Cantrell. „Wir müssen herausfinden, was es damit für eine Bewandtnis hat. Wir können davon ausgehen, dass Corczenski einen Auftraggeber hatte. Das entspricht seinen Worten, seinem Verhalten und der Tatsache, dass du ihn vorher weder gesehen hast noch auf andere Weise mit ihm aneinandergeraten bist.“

„Klar“, meinte Morton Philby, „er wurde gekauft. Aber warum wurde er genau in dem Augenblick abserviert, als er mich töten wollte?“

„Das eine muss mit dem anderen nichts zu tun haben“, sagte Cantrell.

Sie saßen zu dritt im Wohnzimmer seines Bungalows. Der dritte Mann, Jack O’Reilly, hatte sich bisher nicht geäußert. Er saß schwergewichtig und beinahe schläfrig am Tisch, aber wer ihn kannte, wusste sehr gut, dass sich hinter der scheinbar trägen, gleichgültigen Haltung wache Aufmerksamkeit verbarg.

„Stimmt“, meinte er in diesem Moment und gähnte herzhaft. „Leute wie dieser Corczenski sind stets in irgendwelche Probleme verwickelt. Sie haben mehr Feinde als Freunde. Es könnte sein, dass er ausgerechnet in dem Augenblick von einem Gegner oder Rivalen erwischt wurde, als er vorhatte, unser berühmtes Team zu dezimieren.“

Dass er von dem „berühmten“ Team sprach, klang spöttisch, aber die beiden anderen Männer hielten es für überflüssig, darüber zu lächeln. Tatsächlich war das Cantrell-Team längst zu einem festen Begriff in der Branche geworden, und die Polizei unter Führung von Harry Rollins hatte gelernt, die Arbeit des Trios als wertvolle Hilfe im Kampf gegen Verbrechen und Unterwelt zu schätzen.

„Unser Team“, murmelte Cantrell und hob das Kinn. „Das ist der springende Punkt, glaube ich. Es wäre wohl grundverkehrt, davon auszugehen, dass nur Silk getroffen werden sollte. Vielleicht galt der Anschlag eher mir.“

„Wir haben gelernt“, meinte O’Reilly, „bei jedem Verbrechen nach dem Motiv zu fragen. Wer sollte dir im Augenblick nach dem Leben trachten?“

„Das hat mit dem Augenblick nichts zu tun“, sagte Cantrell. „Es ist richtig, wenn du davon ausgehst, dass ich im Moment keinen wichtigen Fall bearbeite, aber es ist wohl ebenso richtig, dass Leute, die sich rächen wollen, aus taktischen Gründen immer erst dann zuschlagen, wenn sie sicher sein können, dass man sie längst vergessen hat.“

„Herrliche Aussichten“, meinte O’Reilly. „Vielleicht bist du für heute vorgesehen. Und ich für morgen.“ Er grinste. „Ich hoffe allerdings“, fügte er hinzu und spielte damit auf seine Essleidenschaft an, „dass niemand so geschmacklos sein wird, sich am größten Gourmet dieser Stadt zu vergreifen.“

„Des Landes!“, spottete Morton. Er wurde aber sofort wieder ernst und fragte: „Überlassen wir den Fall Harry, oder knien wir uns selber hinein?“

„Harry wird tun, was in seinen Kräften steht, aber es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihn dabei zu unterstützen“, meinte Cantrell. „Der Mordversuch an Silk richtet sich gegen das Team. Wir werden herausfinden, was dahintersteckt.“

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Musst du schon gehen?“, fragte das blonde Mädchen.

Sie saß nackt vor dem ovalen Toilettenspiegel und kämmte sich das Haar. Robert Hartford zog sich an. Er streifte seine Hosenträger über und war sich dabei bewusst, wie alt sie ihn machten.

Aber der Arzt hatte ihm geraten, sie zu tragen. In letzter Zeit war er mit seinem Kreislauf nicht zufrieden. Der Arzt hatte ihm klargemacht, dass der Verzicht auf einen engen Gürtel dieses Übel lindern konnte.

Hosenträger waren ein Alterssymbol, ohne Zweifel. Aber er, Robert Hartford, war realistisch genug, zu erkennen, dass Babe und die anderen Mädchen ihn selbst dann nicht akzeptiert hätten, wenn er erst fünfundzwanzig und ein strahlender Adonis gewesen wäre. Diese Puppen waren auf sein Geld scharf. Sie wollten keine Liebe, sondern Dollars.

„Es wird Zeit“, knurrte er und setzte sich auf den Bettrand, um seine Schuhe zuzubinden.

„Wann kommst du wieder?“

„Mal sehen“, sagte er. „Vielleicht am Mittwoch. Ich rufe dich an.“

„Vergiss es nicht“, sagte sie. Sie hörte nicht auf, sich beim Kämmen im Spiegel zu bewundern. „Du weißt, wie sehr ich dich mag.“

Du magst mein Geld, dachte er, ohne dabei Bitterkeit zu empfinden. Er hatte gelernt, sich mit seiner Situation abzufinden. Mehr noch: Er genoss sie.

Dieses Empfinden verstärkte sich, als er eine Stunde später das Haus betrat, in dem er wohnte. Er war überzeugt davon, dass es eine der hässlichsten Mietskasernen der Gegend war. Es war ein fantastisches Gefühl, dass nur er und niemand sonst es wusste, wie grotesk es war, dass er diese Wohnung gewählt hatte.

Er, ein millionenschwerer Mann, lebte in einer Bruchbude, die mit hundertfünfzig Dollar im Monat entschieden überbezahlt war. Er hätte das Haus kaufen können. Den ganzen verdammten Wohnblock!

Er war der wahre König des Viertels, aber nur er wusste es. Es war beglückend, wie er damit fertig wurde.

Nur Narren brüsteten sich mit ihrem Geld. Diese Leute durften sich nicht wundern, wenn man sie schädigte. Ihm konnte das nicht passieren. Er hatte einen besseren Weg gefunden. Er hatte es geschafft, das Gefühl der Macht und des Reichtums zu kultivieren. Ihm genügte es, sich dieser Kraft bewusst zu sein. Es machte ihn überlegen und degradierte die Menschen in seiner Umgebung zu armseligen Arbeitssklaven. Er ging nicht soweit, diese Leute zu verachten, aber er hörte niemals auf, sich selbst zu bewundern.

Er betrat seine Wohnung.

„Alice?“, rief er.

Manchmal fragte er sich, warum er nicht wenigstens in diesem einen Punkt eine Kehrtwendung vollzogen hatte. Alice war trist und unerfreulich, eine scharfzüngige Nörglerin, die nicht aufhörte, ihm das Leben sauer zu machen. Es war Eifersucht, Eifersucht auf seine Arbeit und die damit verbundene Möglichkeit, viel herumzukommen. Für Alice gab es nur noch den Haushalt. Den Putzlappen und die Waschmaschine. Sie litt darunter, aber in Wirklichkeit eignete sie sich für gar nichts anderes.

Scheiden lassen? Er hatte oft genug daran gedacht. Er war froh, der Versuchung bis jetzt widerstanden zu haben. Alice gehörte zu seinem Leben, zu dieser genialen Tarnung, die nur ihm bewusst war.

„Alice?“, rief er abermals und betrat das Wohnzimmer. Er stutzte. Der Boden war mit Papieren bedeckt. Alice musste sie beim Saubermachen aus dem alten Safe geworfen haben. Er hob die Augenbrauen.

Nein, das war keine Erklärung. Alice war von penetranter Ordnungsliebe. So etwas würde ihr niemals passieren.

Er musste sich setzen und atmete schwer. Die Angst kehrte zurück, die Angst, die er vorübergehend in Babes glatten Schlangenarmen vergessen hatte.

Er blickte auf seine Uhr. Sieben Minuten vor sieben.

Er stand auf, ging in die Küche und holte eine Dose Bier aus dem Kühlschrank. Er goss ihren Inhalt in ein Glas, streifte durch die Räume der Wohnung und stellte erleichtert fest, dass in den anderen Zimmern die gewohnte Ordnung herrschte. Aber wo war Alice? Er kam meist um diese Zeit heim. Sie wusste, dass er dann hungrig war.

Er ging mit dem Glas in der Hand ins Wohnzimmer zurück und setzte sich. Die auf dem Boden liegenden Papiere irritierten ihn. Er stand auf, öffnete den Safe und hatte plötzlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Riesenfaust getroffen zu werden. Der Schlag traf seine Magengrube, seine Augen, sein ganzes Sein.

„Alice!“, murmelte er.

Jemand hatte sie in den Geldschrank gepfercht. Es konnte nicht leicht gewesen sein, denn der zur Verfügung stehende Raum war relativ klein.

„Alice“, wiederholte er. Seine Knie begannen zu zittern. Kalter Schweiß brach ihm aus. Er sah, dass nichts mehr zu machen war. Seine Frau war tot.

Er setzte sich. Er starrte auf die Tote und bemühte sich vergeblich, Ordnung in seine durcheinanderwirbelnden Gedanken zu bringen. Er begriff nur eines: Seine Tarnung war nicht so perfekt gewesen, wie er geglaubt hatte. Die Geldjäger hatten ihn eingeholt.

Seine erste Regung trieb ihn zur Flucht.

Er wäre am liebsten aufgesprungen und davongelaufen, weg aus dieser Stadt, weg von den tödlichen Gefahren, die sie für ihn barg.

Aber schon im nächsten Moment erkannte er, dass das kein Ausweg war. Im Gegenteil. Vermutlich wurde er beobachtet. Möglicherweise warteten seine Gegner nur darauf, dass er das Haus verließ. Natürlich wollten sie beobachten, wie er das Geld abholte. Nein, diesen Gefallen würde er ihnen nicht tun. Aber er konnte nicht untätig hier sitzen bleiben und hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde. Die tote Alice in seinem alten Geldschrank machte es nötig zu handeln. Er musste die Polizei anrufen.

Ja, die Polizei! Solange sie im Haus war und sich mit ihm befasste, konnte er sich sicher fühlen.

Aber was sollte er ihnen sagen, wenn sie wissen wollten, weshalb man Alice getötet hatte?

Eine kleine graue Maus, eine Frau ohne Gesicht, ohne Vergangenheit, ohne Wert.

Sie war getötet worden.

Warum?

Die Polizisten würden die Frage immer wieder stellen. Unablässig.

Er holte tief Luft. Langsam formte sich in ihm ein Schlachtplan. Ja, so musste es gehen. Er stand auf, trat ans Telefon und wählte eine Nummer, die er im Kopf hatte.

„Verbinden Sie mich mit Lieutenant Rollins, bitte“, sagte er.

Er kannte den Lieutenant. Ziemlich gut sogar. Als Reporter, der gelegentlich auch Kriminalfälle bearbeitete, hatte er den Leiter der Mordkommission, der gleichzeitig auch Chef des Capital Crime Departments war, schon oft interviewt.

Der Lieutenant meldete sich. Hartford nannte seinen Namen.

„Sie müssen sofort zu mir kommen“, sagte er dann mit rauer Stimme. „Meine Frau wurde ermordet. Die Bestien haben sie in den Geldschrank gestopft.“

„Die?“, fragte Harry Rollins. „Woher wissen Sie, dass es mehrere waren?“

„Einer allein würde das niemals geschafft haben“, sagte Robert Hartford.

„Was ist gestohlen worden?“

„Ich habe mich noch nicht genau umgesehen, aber hier ist wahrhaftig nichts, was sich mitzunehmen lohnte“, sagte Robert Hartford.

„Warum wurde Ihre Frau ermordet?“

Es geht schon los, dachte Robert Hartford erbittert. Diese verdammten Fragen! Natürlich könnte ich ihm sagen, was dahintersteckt. Aber er und die anderen sind auf dem Holzweg, wenn sie meinen, dass Robert Hartford zur Kapitulation bereit wäre.

„Woher soll ich das wissen?“, knurrte er.

„Wir kommen“, sagte Rollins und legte auf.

Robert Hartford durchblätterte das Telefonbuch. Er stand mit dem Gesicht zum offenen Geldschrank, nahm aber das Bild der Toten kaum noch wahr. Alice hatte ihm nichts bedeutet. Tote sah er in seinem Beruf fast täglich. Was ihn quälte, war etwas anderes. Es hatte nur mit ihm und seinem Geld zu tun. Es betraf die Sicherung seiner so jäh gefährdeten Zukunft.

„Carol Cantrell“, meldete sich eine helle Stimme, als er die Nummer gewählt hatte.

„Hartford. Ist Ihr Mann zu sprechen?“

„Moment, bitte“, sagte Carol Cantrell. Eine Minute später war ihr Mann am Apparat.

„Robert Hartford?“, fragte er.

„Ganz recht. Sie kennen mich vom 'Cronicle'. Wir haben erst kürzlich miteinander gesprochen ...“

„Ja, ich erinnere mich. Was kann ich für Sie tun, Bob?“, fragte Cantrell.

„Was würde es wohl kosten, wenn ich Sie mit der Aufklärung eines Mordfalls beauftragte?“

„Das hängt von verschiedenen Faktoren ab“, sagte Cantrell. „Von der Dauer unserer Arbeit, von der Höhe der Spesen - und so weiter. Es gibt eine Pauschale, gewissermaßen der Grundpreis. Aber damit kommen Sie nicht aus. Ich will ganz offen sein. Billig ist so etwas nicht.“

„Das kann ich mir denken“, knurrte Robert Hartford. „Schließlich sind Sie ein Stardetektiv. Aber gerade den will ich. Stümper gibt es in Ihrer Branche mehr als genug. Das wäre ’rausgeworfenes Geld. Ich habe ungefähr vierhundert Dollar auf der Bank. Würden die als Anzahlung genügen?“

„Ja, ich denke schon, Bob.“

„Ich habe schon eine Idee, wie ich den Rest des Geldes lockermache.“

„Sagen Sie mir erst einmal, worum es geht.“

„Um meine Frau.“

„Wollen Sie damit sagen, dass sie ...“

„Ganz recht, das will ich“, fiel Hartford dem Mann am anderen Ende der Leitung ins Wort. „Sie wurde ermordet. Sie liegt tot in meinem Geldschrank.“

„Bei Ihnen zu Hause?“

„So ist es. Ich habe sie gerade entdeckt. Genau vor zehn Minuten.“

„Was denn?“, staunte Cantrell. „Sie haben nur vierhundert Dollar auf der Bank und besitzen zu Hause einen Safe, der groß genug ist, um einen Menschen aufzunehmen?“

„Hört sich verrückt an, ich weiß“, sagte Robert Hartford. „Ich habe das Ding vor Jahren geerbt. Ach, was sage ich - vor Jahrzehnten. Von einem Onkel. Der Mann war reich. Ich dachte, der Kasten würde mir Glück bringen. Außerdem gefiel er mir. Grundsolide. Sie müssten ihn mal sehen.“ Er räusperte sich. „Sie werden ihn ja sehen“, korrigierte er sich. „Mit Inhalt. Er sieht aus wie neu. Hübsch verschnörkelt. Ich wette, er ist mindestens hundert Jahre alt. Geld habe ich nur selten hineinlegen können. Ich habe ihn als Aktenschrank verwendet. Es gibt zwei Schlüssel dazu. Einen besaß Alice, den anderen trage ich bei mir. Als ich vorhin nach Hause kam, fiel mir auf, dass meine Papiere vor dem Schrank auf dem Boden lagen. Ich öffnete den Safe und fiel fast in Ohnmacht, als ich im Inneren die Leiche meiner Frau entdeckte ...“

„Haben Sie schon die Polizei benachrichtigt?“

„Natürlich. Ich habe mit Rollins gesprochen. Er befindet sich auf dem Weg hierher.“

„Wie alt war Ihre Frau?“

„Vierundvierzig. Lassen Sie mich nachrechnen. Wir waren genau vierundzwanzig Jahre miteinander verheiratet. Das kittet, Mann. Das ist ein halbes Leben! Nächstes Jahr wollten wir unsere silberne Hochzeit feiern ...“

„Tut mir leid, Bob“, sagte Cantrell.

„Komisch“, meinte Robert Hartford, der das Gefühl hatte, irgendetwas sagen zu müssen, das seine Gefasstheit erklärte. „Bis jetzt sehe ich das Ganze mit Reporteraugen. Aber ich weiß und fühle, dass das bald zusammenbrechen und dem ganz großen Katzenjammer Platz machen wird. Ach so, dabei kommt mir eine Idee.“

„Welche Idee?“

„Ich spreche von meinem Finanzierungsplan. Mord an der Frau eines Lokalreporters. Dahinter kann sich ein Racheakt verbergen, nicht wahr? Ich würde sagen, es ist das einzige Motiv, das ich sehen kann.“

„Haben Sie schon einen Verdacht?“

„Nein“, erwiderte Robert Hartford. „Ich schreibe seit mehr als zwanzig Jahren für Zeitungen, seit sieben Jahren für den ,Cronicle‘. Ich habe eine spitze Feder. Das gehört zum Beruf. Ich haue manche Leute in die Pfanne, die ich kaum kenne. Auch das ist mein Geschäft. Natürlich mache ich mir damit Feinde - besonders dann, wenn meine Recherchen, was schon oft vorgekommen ist, die Betroffenen ins Gefängnis gebracht haben ..

„Sie glauben an einen Racheakt?“

„Rache an einer Unschuldigen?“, fragte Cantrell skeptisch.

„Das ist Taktik. Man trifft damit mich, ohne sich einem Verdacht auszusetzen.“

„Eine gewagte Hypothese.“

„Eine andere kommt mir nicht in den Sinn.“

„Ihre Adresse, bitte“, sagte Cantrell. „Ich mache mich gleich auf den Weg.“

„Sie wissen nicht, wo ich wohne?“, fragte Robert Hartford erstaunt.

„Nein“, antwortete Cantrell. „Warum fragen Sie? Gehört das denn zur Allgemeinbildung?“

„Pardon“, murmelte Robert Hartford. „Ich dachte nur so.“ Er nannte seine Adresse und legte auf. Sekunden später klingelte das Telefon. Robert Hartford starrte den Apparat an und spürte, dass sich seine Muskeln spannten. Er zögerte ein paar Sekunden, dann griff er nach dem Hörer. „Ja?“

„Abend, Hartford“, sagte eine fremde männliche Stimme. „Haben Sie sie schon gefunden?“

„Mit wem spreche ich?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte aufreizend.

„Mit einem guten Freund“, sagte er dann. „Mit Alices Killer, um präzise zu sein. Ich wette, Sie sind mir dankbar, dass ich Sie von dieser hässlichen Ziege befreit habe. Natürlich kostet Sie das eine Kleinigkeit. Ich habe einen passablen Vorschlag und denke, er wird Ihnen gefallen. Wie wäre es mit zwanzig Millionen Dollar?“

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Robert Hartford schluckte. Sein Mund war trocken. Er griff nach dem in Reichweite stehenden Bierglas und genehmigte sich einen Schluck. Das Bier schmeckte bitter. Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor etwas so Scheußliches getrunken zu haben.

„Wer sind Sie?“, stieß er hervor.

„Das habe ich doch gerade erklärt. Haben Sie schon die Bullen verständigt?“

„Das dürfen Sie mir glauben.“

„Tatsächlich? Werden Sie den Burschen auch von meinem Anruf berichten?“, fragte der Mann am anderen Ende der Leitung.

„Selbstverständlich!“, behauptete Robert Hartford und bemühte sich, wütend zu schnaufen. „Ich hasse Sie! Sie haben meine Frau auf dem Gewissen! Ich schwöre Ihnen, dass ich nicht eher ruhen werde, bis dieses grausame, scheußliche Verbrechen seine Sühne gefunden hat.“

„Nun halt mal die Luft an, Opa“, sagte der Anrufer. „Zufällig wissen wir einiges über dich. Über deine Freundinnen. Über dein Rendezvous mit Babe - vor knapp einer Stunde. Wir interessieren uns für dich, wie du siehst. In gewisser Weise bist du uns so vertraut wie ein altes Familienmitglied. Wir kennen deine Schwächen und deine Stärken. Du siehst, es hat keinen Sinn, den edlen Ritter zu spielen.“

„Warum sprechen Sie in diesem vertraulichen Ton mit mir?“, murmelte Hartford. Er fühlte, wie töricht die Frage war, aber er musste etwas sagen, um Zeit zu gewinnen.

„Wir sitzen jetzt in einem Boot. Das verpflichtet, das schafft Gemeinsamkeiten“, sagte der Anrufer. „Zwanzig Millionen, Budd! Wie viele hast du dazugemacht? Geld lässt man arbeiten, nicht wahr? Geld macht Geld. Eine alte Weisheit. Ich wette, du hast sie beherzigt.“

„Wovon reden Sie überhaupt?“

„Das wollte auch Alice von uns wissen. Wir haben es ihr gesagt. Sie glaubte uns nicht. Das hat sie das Leben gekostet. Willst du enden wie sie?“

Robert Hartford schmetterte den Hörer auf die Gabel. Nein, er konnte die spöttische, grausame Stimme nicht länger ertragen. Er brauchte Zeit und Ruhe, um sich auf die neue Situation einzustellen.

Aber war die Situation wirklich so neu? Im Grunde seines Herzens hatte er seit Jahren geahnt und gewusst, dass seine Gegner niemals aufgeben würden. Die lange Periode der Ruhe hatte ihn schließlich glauben lassen, er habe endgültig gewonnen. Jetzt zeigte sich, wie unbegründet und leichtsinnig diese Annahme gewesen war.

Er trat an den Geldschrank und öffnete eine der schmalen Schubladen. Die Beretta lag noch darin. Er überzeugte sich davon, dass das Magazin gefüllt war, und schob die Waffe in seine Gesäßtasche.

Ihm fiel ein, dass er ganz vergessen hatte, seinen Finanzierungsplan mit Cantrell durchzusprechen. Wenn schon! Erst musste er das Ganze mit seinem Chef besprechen. Überhaupt, die Zeitung! Er musste sie benachrichtigen ...

Er rief seinen Chef Allan Cooper an und berichtete ihm, was geschehen war.

„Das ist was für die Schlagzeile der Morgenausgabe“, meinte Cooper. „Reporterfrau tot im Geldschrank. Vielleicht fällt uns noch etwas Besseres ein. Es muss zugkräftig werden, ein Knüller.“

„Mehr haben Sie nicht zu sagen?“, entsetzte sich Robert Hartford. „Haben Sie denn kein Herz im Leibe, Mann? Es handelt sich um meine Frau!“

Cooper räusperte sich.

„Ja, Bob. Ich weiß. Eine scheußliche Sache. Einfach niederträchtig. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Ich fühle mit Ihnen. Aber Sie wissen ja, wie hart man in unserem Beruf wird. Vor allem in dieser Stadt. Manchmal glaube ich, dass sie unsere Seele zerstört. Oder schon zerstört hat.“

„Sie können etwas für mich tun - und für die Zeitung“, sagte Robert Hartford.

„Aber ja, natürlich, das ist doch selbstverständlich“, meinte Allan Cooper mit spürbarem Eifer. „Denken Sie an etwas ganz Bestimmtes, Bob?“

„Ja. Ich habe Cantrell engagiert.“

„Tony Cantrell, den Superschnüffler?“

„Kennen Sie ihn?“

„Flüchtig. Ein guter Mann. Enorm tüchtig. Warum haben Sie sich an ihn gewandt?“

„Weil ich weiß, wie überlastet die Bullen sind. Ich brauche mir nur die Zahl der in dieser Stadt unaufgeklärten Kapitalverbrechen ins Gedächtnis zu rufen, um zu wissen, wie der Fall Hartford enden wird - ohne Klärung! Cantrell wird das nicht passieren. Natürlich ist er nicht billig. Ich schlage vor, dass wir seine Ermittlungen verfolgen und exklusiv auswerten. Daraus lässt sich eine großartige Serie machen. Das wird der Auflage zugutekommen.“

„Und Sie werfen mir Herzlosigkeit vor!“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

„Ich will die Killer kriegen. Das schaffe ich nur mit Cantrells Hilfe - und das wiederum kostet Geld. Man kann nicht alles haben“, sagte Robert Hartford. „Wenn Sie ihn bezahlen, kommt die Sache ins Rollen. Sie bekommen Ihre Story, und ich werde die Genugtuung haben, dass das Verbrechen gesühnt wird.“

„In Ordnung“, entschied Allan Cooper. „Ich zahle.“

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Morton Philby kletterte aus dem Chevelle Malibu, musterte die graue Fassade des neunstöckigen Hauses und ließ sich dann von dem Lift in die vierte Etage bringen. Er klingelte an einer Tür, die das Namensschild „A. Crinch“ trug.

Das Mädchen, das ihm öffnete, war etwa achtundzwanzig Jahre alt. Sie hatte blondes, schulterlanges Haar, sehr helle, langbewimperte Augen und ein etwas mürrisches Gesicht mit weichen Schmolllippen. Sie war weder hübsch noch hässlich, aber die deutlich erkennbaren Qualitäten ihres gut proportionierten Körpers ließen keinen Zweifel daran, dass sie es noch niemals schwer gehabt hatte, Männern zu gefallen.

„Was gibt’s?“, fragte sie. Man spürte, dass sie im Augenblick keineswegs in der Stimmung war, ihren Charme spielen zu lassen. Sie war mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Das dünne violette Baumwollhemdchen trug die Aufschrift einer Universität und machte deutlich, dass Ann Crinchs Einstellung zu BHs eindeutig negativ war.

„Ich bin Morton Philby“, sagte Silk und zupfte seine seidene Krawatte zurecht.

„Und?“

„Ich hätte Sie gern gesprochen.“

„In welcher Angelegenheit?“

„Mord“, sagte Morton Philby und lächelte dabei, als spräche er nicht von einem Kapitalverbrechen, sondern von den Vorzügen einer neuen Candysorte.

„He?“, stieß das Mädchen hervor. „Mord“, wiederholte Morton Philby und trat über die Schwelle. Das Mädchen machte ihm Platz. „Es hängt mit Ihrem Freund David Corczenski zusammen.“ Er sah sie an und blieb stehen. „Er ist doch Ihr Freund?“

„Dave? Klar! Was ist mit ihm?“

„Das wissen Sie noch nicht?“

„Nein, zum Henker. Warum tun Sie so geheimnisvoll? Was hat das alles zu bedeuten?“

„Hm“, machte Morton Philby und schob die Unterlippe vor. „Vielleicht sollten wir uns setzen. Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst.“

Das Wohnzimmer war mittelgroß. Es war modern, aber unpersönlich eingerichtet.

„Ist ihm etwas zugestoßen?“, fragte das Mädchen, als sie sich gegenübersaßen. Zwischen ihnen stand ein niedriger Couchtisch, auf dem ein Stapel Sex-Magazine lag.

„Ja. Er wurde erschossen“, sagte Morton Philby. Er hasste es, Überbringer von dramatischen Nachrichten zu sein, spürte aber, dass Ann Crinch nicht zu den Menschen gehörte, die sich davon aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Ihre Reaktion zeigte, dass er damit recht hatte. „Erschossen? Von wem - und wo?“

„Jetzt mal schön der Reihe nach“, meinte er. „Sagt Ihnen mein Name etwas?“

„Nein.“

„Hat ihn Dave niemals erwähnt?“

„Nicht vor mir.“

„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen und gesprochen?“, wollte Morton Philby wissen.

„Vorgestern.“

„Wo?“

„Hier, bei mir in der Wohnung.“

„Er wollte mich umbringen. Überrascht Sie das?“

Das Mädchen starrte ihm in die Augen.

„Warum wollte er das tun?“, fragte sie.

„Das“, meinte Morton Philby, „hoffte ich von Ihnen zu erfahren. Schließlich waren Sie mit ihm befreundet - sehr eng, wie ich mir sagen ließ.“

„Wir haben zusammen geschlafen“, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. „Na und? Wir verstanden uns eben sehr gut. Aber nur im Bett. Sonst war da nicht viel. Dave war auf seine Weise in Ordnung, aber er gehörte zu den Leuten, für die Frauen und Mädchen zweite Wahl sind. Sie verstehen, was ich meine. Er würde mir niemals ein Geheimnis anvertraut haben. Im Grunde weiß ich so gut wie nichts von ihm. Ich könnte Ihnen nicht mal sagen, wie er sein Geld verdient hat“

„Hatte er davon genug?“

„Er hat sich ein einziges Mal, vor drei oder vier Monaten, von mir einen Hunderter gepumpt. Ich habe ihn prompt zurückbekommen. Meistens war er gut bei Kasse. Er war auch nicht kleinlich. Ermordet!“ Sie seufzte. „Scheiße.“

„Wo arbeiten Sie?“

„Bei Hymie.“

„Was ist das für ein Laden?“

„Eine neue Bar in der 63th Straße.“

„Ach ja, richtig. Ich habe davon gehört. Stehen Sie hinter dem Tresen?“

„Ich bin Animiermädchen. Was dagegen?“

„Keineswegs. Haben Sie Dave dort kennengelernt?“

„Nein, das war im 'Top Hat'. Da habe ich vorher gearbeitet“, sagte sie.

„Kennen Sie seine Freunde?“

„Er hat keine. Das hat er mir jedenfalls oft versichert“, meinte sie.

„Hat er jemals über seine Vergangenheit gesprochen“, wollte Morton Philby wissen.

„Ich weiß, dass er im Knast war. Seltsamerweise hat er davon geschwärmt. Es war, wie er behauptete, das Schlüsselerlebnis seines Lebens. Manchmal kam es mir so vor, als hätte er diese Zeit genossen. Aber dann fluchte er wieder darüber und verdammte alle, die er im Gefängnis kennengelernt hatte, besonders die Wärter.“

„Hat er viel Post bekommen?“

„Weiß ich nicht. Er hat eine Bude in der 103th Straße, aber wenn wir uns trafen, gingen wir regelmäßig zu mir“, sagte sie.

„Wenn er so oft hier geschlafen hat, wird er ein paar persönliche Sachen in der Wohnung aufbewahren“, meinte Morton Philby und sah sich suchend um. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich sie mir mal vornehme?“

„Langsam, langsam“, sagte sie. „Sie kommen hier herein und behaupten, Dave sei tot. Mehr noch. Sie erklären, er wollte Sie umbringen. Ich kenne zwar Ihren Namen, aber ich habe keine Ahnung, wer oder was dahintersteckt. Sind Sie ein Bulle?“

„Ich arbeite für einen Privatdetektiv“, sagte Morton Philby. „Genügt das?“

„Wenn es stimmt, dass Dave Ihnen was am Zeug flicken wollte, muss er Sie gekannt haben. Und gehasst haben - obwohl ich das für unwahrscheinlich halte.“

„Wieso?“

„Er war keiner wirklich starken Gefühle fähig, meine ich. Hass ist ein starkes Gefühl, nicht wahr? Ihm war alles gleichgültig. Es gab nur drei Dinge, die er schätzte: Alkohol, Frauen und Geld. Wenn er gegen das Gesetz verstoßen hat, dann nur, um sich diese Hobbys leisten zu können.“

„Kennen Sie einige von Ihren Konkurrentinnen?“

„Nein. Ich nehme an, dass sie käuflich waren.“

„Hat Sie das nicht gestört?“

„Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen“, sagte Ann Crinch, die plötzlich sehr herb und alt wirkte. „Mich kann nichts mehr umwerfen. In dieser Hinsicht bin ich wie Dave. Der hat genauso gedacht.“

„Aber ihn hat etwas umgeworfen“, meinte Morton Philby. „Der Tod.“

„Sie müssen dabei gewesen sein, als es passiert ist“, sagte Ann Crinch.

„Ja. Der Mann benutzte für die Tat vermutlich ein Gewehr mit Zielfernrohr. Er floh mit einem Wagen und war zu weit entfernt, als dass ich ihn hätte erkennen können. Ich konnte nicht mal die Nummer seines Wagens ablesen.“

„Schöner Privatdetektiv!“, spottete sie.

„Wir werden ihn kriegen“, sagte er ruhig.

„Wenn Sie glauben, dass ich dafür auch nur einen müden Dollar ausspucke, liegen Sie schief. Wie Sie sehen, wirft mich Daves Tod nicht um. Ich bin Kummer gewohnt.“

„Ich bin nicht hier, weil ich einen Auftrag von Ihnen bekommen will, aber ich denke doch, dass Sie mir helfen werden, das Verbrechen aufzuklären.“

„Helfen? Wie denn? Ich kann Ihnen sagen, wie Dave im Bett war, mehr nicht.“

„Versuchen Sie sich zu erinnern. Meinetwegen an vorgestern. Hat er etwas getan oder gesagt, was Ihnen aufgefallen ist? Er muss zu diesem Zeitpunkt schon gewusst haben, dass ich auf der Abschussliste stehe.“

Das Mädchen stülpte die Unterlippe vor und dachte nach. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Mir fallt nichts ein. Er war nie sehr gesprächig, wissen Sie.“

„Dann zeigen Sie mir wenigstens seine Sachen“, bat Morton Philby.

„Die sind im Badezimmer. Rasierapparat, Zahnbürste, After Shave Lotion. Mehr ist da nicht.“

Morton Philby seufzte. Er war enttäuscht, hatte aber das Gefühl, dass Ann Crinch ihm nichts vormachte. Sie brachte ihn in die Diele.

„Ach, hier ist noch ein Mantel von ihm“, meinte sie und wies auf einen hellen Trenchcoat, der am Garderobenhaken hing.

„Ich darf doch?“, fragte er und griff in die Taschen des Mantels. Er zog einen Zettel daraus hervor. Auf dem Zettel standen ein mit Kugelschreiber gekritzelter Name und eine Adresse.

„Lexington Brindell“, las er halblaut. „Armitage 14.“ Er sah das Mädchen an. „Kennen Sie ihn?“

„Nein.“

Morton Philby drehte den Zettel hin und her. Er war, wie es schien, aus einem Notizbuch gerissen worden.

„Darf ich ihn behalten?“, fragte er.

„Bitte, ich habe keine Einwände.“

Philby steckte den Zettel ein und ging. Er brauchte fast eine Stunde, um mit seinem Wagen die Armitage Avenue zu erreichen. Das Haus Nummer 14 war ein gelber hässlicher Kasten, der dringend der Sanierung bedurfte. Er hatte vier Stockwerke. Die Zahl der Briefkästen im Erdgeschoss zeigte, dass sich hier ein paar Dutzend Zahlungsschwache arrangiert hatten.

Lexington Brindells Visitenkarte war mit einem Reißnagel an einer Tür im ersten Stockwerk befestigt. Es gab keine Klingel. Morton Philbys Klopfen wurde vom Geräusch der leiernden Radios und Fernseher übertönt, die gegeneinander anzukämpfen schienen und für einen enervierenden Lärmbrei sorgten.

Philby nahm die Faust zur Hilfe. Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen stand ein Hüne mit kurzem Hals.

„Sie wünschen?“, fragte er.

„Mr. Brindell?“

„In voller Schönheit“, sagte der Mann und grinste breit. „Autogramme gibt’s nur an Sonntagen.“

„Ich komme wegen Dave.“

„Dave wer?“

„Dave Corczenski. Sie kannten ihn, nicht wahr?“

Lex Brindell sah erstaunt aus. „Nein. Wer ist das? Und wer sind Sie?“

„Darf ich eintreten?“

„Moment, Mister! Ich halte nicht sehr viel von den Geschäftsmethoden cleverer Vertreter. Wenn Sie mir was verkaufen wollen und versuchen, mit einem Trick in meine Wohnung zu kommen, werden Sie Ihr blaues Wunder erleben.“

„Ich will Ihnen nichts verkaufen. Mein Name ist Morton Philby. Ich arbeite für das Cantrell-Team.“

„Wer ist denn das?“

„Tony Cantrell ist Privatdetektiv.“

„Was will er denn von mir?“

„Nichts. Aber da gibt es eine Angelegenheit, die Mr. Corczenski betrifft, und die wiederum ist für mich von brennendem Interesse. Darf ich eintreten?“

Lex Brindells Wohnzimmer war offenbar seit Wochen nicht mehr aufgeräumt worden. Der Hüne musste erst zwei Sessel von Zeitungen und schmutziger Wäsche befreien, um Sitzgelegenheiten zu schaffen. Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens. Sie waren malerisch um eine halbvolle Flasche Gin gruppiert. In der Luft hing ein Geruch von Käse, Wurst und Knoblauch. Außerdem roch es nach kaltem Rauch.

„Klemmen Ihre Fenster?“, fragte Morton Philby, der kaum zu atmen wagte.

„Nein. Wieso?“

„Ein bisschen Sauerstoff würde die Überlebenschancen im Zimmer zweifellos vergrößern“, sagte Morton Philby.

„Sie sind ein ganz Schlauer, was?“, fragte Lex Brindell und öffnete die Fenster. Dann setzte er sich dem Besucher gegenüber. „Wie war der Name, den Sie genannt haben?“, fragte er.

„Dave Corczenski. Der Mann ist tot.“

Brindell grinste.

„Hat er mich in seinem Testament bedacht? Erbe ich sein Nachtgeschirr oder so was?“

„Er wurde ermordet.“

Brindells Grinsen verschwand. Zwischen seinen Augen bildete sich eine steile Falte.

„Ach!“, sagte er. „Und was habe ich damit zu tun?“

„Das hier“, sagte Philby und zog den Zettel mit Brindells Adresse aus seiner Tasche. „Das habe ich in der Manteltasche des Toten entdeckt.“

„Corczenski ... Corczenski“, murmelte Brindell verwundert. „Nie gehört. Ehrenwort.“

„Was kann er von Ihnen gewollt haben?“

„Ich weiß es nicht.“

„Er wollte nämlich etwas von mir“, sagte Philby.

„Tatsächlich?“

„Ja. Er wollte mich töten.“

„Machen Sie Witze?“

„Leidenschaftlich gern, aber nicht in diesem Fall. Oder soll ich es lustig finden, dass jemand versucht hat, mich ins Jenseits zu befördern?“

„Nein. Immerhin hatten Sie Glück. Jemand hat Corczenski abserviert, bevor er Ihnen die Poren öffnen konnte“, sagte Brindell.

„So war es“, sagte Silk. „Ich war dabei, als es ihn erwischt hat.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Er wurde von einem Mann erschossen, der seinen Wagen am Rand des Expressways geparkt hatte und unerkannt entkommen konnte.“

„Wann ist das passiert?“

Morton Philby sagte es ihm. Brindell schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden“, sagte er. „Ich hätte es in der Zeitung lesen müssen.“

„Vielleicht“, sagte Morton Philby, „hatten Sie etwas Besseres zu tun.“

„Wie dem auch sei - ich weiß nicht, wer der Erschossene ist und weshalb er meine Adresse in seiner Manteltasche spazieren getragen hat“, sagte Lex Brindell. „Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.“ Er stand auf. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Morton Philby legte ein Bein über das andere und grinste beinahe herzlich Lex Brindell an.

„Die Luft ist merklich besser geworden“, stellte er fest. „Ein Genuss für Lunge und Nase. Ich bleibe noch ein wenig.“

„Sie bleiben noch ein wenig?“, murmelte Lex Brindell verständnislos.

„So ist es. Ich habe noch einige Fragen.“

Brindell setzte sich wieder.

„Ich mag keine Fragen. Ich hasse sie.“

„Reden Sie nicht gern?“

„Das will ich nicht behaupten, aber Fragen erinnern mich an meine mieseste Zeit. Zum Beispiel an die Schuljahre. Da gab es immer nur Fragen. Oder an die Tage, als ich zu einer Bande von Jugendlichen gehörte. Sie kennen das sicher. Es war nichts Kriminelles, es gehörte in der Straße zum guten Ton. Die Bullen sahen das anders. Sie nahmen uns in die Mangel. Besonders mich. Das ist ein weiterer Grund, warum ich Fragen hassen gelernt habe. Fassen Sie sich also kurz, sonst gibt es Ärger.“

„Es geht um versuchten und vollendeten Mord“, sagte Morton Philby. „Ich denke, dieser Umstand rechtfertigt meine Penetranz.“

„Sie trifft den Falschen. Ich kann nur wiederholen, dass ich den Mann nicht kenne, nicht gekannt habe und nicht kennenzulernen beabsichtigte.“

„Warum trug er dann Ihre Adresse in der Manteltasche bei sich?“

„Keine Ahnung.“

„Denken Sie nach. Es muss eine Erklärung geben. Die Polizei wird sich auch dafür interessieren.“

Lex Brindell riss den Kopf hoch.

„Die Polizei?“

„Was dachten Sie denn? Ich muss sie von dem Zettelfund in Kenntnis setzen.“

„Das werden Sie nicht tun“, sagte Lex Brindell mit sanfter Stimme.

„Wer oder was sollte mich daran hindern?“, fragte Morton Philby. „Ich kann es mir nicht leisten, wegen Unterschlagung von Beweismitteln bestraft zu werden. Außerdem wird Ann es erwähnen.“

„Ann?“

„Daves Freundin“, erklärte Morton

Philby. „Sie war dabei, als ich den Zettel aus dem Mantel geholt habe. Sie wusste nichts damit anzufangen.“

„Haben Sie sie ausgequetscht?“

„Wie eine Zitrone. Sie weiß nichts.“

„Wissen Sie“, meinte Lex Brindell, „im Grunde könnte es mir ganz egal sein, was Sie mit dem Zettel anstellen. Ich habe für die Tatzeit sicher ein Alibi. Aber wer hat schon Lust, in einen Mordfall verwickelt zu werden? Offen gestanden, meine Strafakte ist nicht geeignet, mir die Freundschaft der Polizei zu sichern. Ich kann nicht mal mit ihrem Wohlwollen rechnen. Deshalb bin ich nicht darauf versessen, mich mit den Burschen zu unterhalten. Sie wissen ja inzwischen, was ich von Fragen halte. Sie kotzen mich an.“

„In diesem Fall“, sagte Morton Philby, „werden Sie Ihre Aversion überwinden müssen.“

„Muss ich das?“, fragte Lex Brindell und stand auf.

Morton Philby erhob sich gleichfalls. Er hatte das Gefühl, dass es gleich Ärger geben würde. In dieser Hinsicht besaß er einen untrüglichen Instinkt. Dabei sah Brindell keineswegs so aus, als ob er auftrumpfen wollte. Er schloss die Fenster, wandte sich wieder um und kam langsam auf den Besucher zu. Er lächelte sogar.

„Ich habe eine reine Weste“, sagte er. „Zumindest, was den beklagenswerten Tod dieses - wie hieß er doch gleich? - betrifft. Ich kann Ihnen also nicht weiterhelfen, egal, was Sie davon halten. Andererseits müssen Sie verstehen, dass mir daran liegt, keine Schwierigkeiten zu bekommen. Ich muss meine Interessen wahren.“

Er schlug zu, während er noch mit ruhiger Stimme sprach. Ansatzlos. Seine schwungvoll geführte Rechte traf Morton Philby unterhalb der Gürtellinie.

Philbys Sidestep war nur ein Reflex. Er nahm dem Schlag die volle Wirkung, aber der Schmerz blieb. Morton Philby stolperte zurück. Er hatte plötzlich Mühe, Luft zu bekommen.

Lex Brindell setzte nach. Er war unerhört schnell auf den Beinen. In seinen Augen funkelte es. Er zeigte, wie viel Spaß es ihm machte, mit den Fäusten zu hantieren. Und er wusste, wie sie zu gebrauchen waren.

Sein Pech war, dass Morton Philby es noch besser wusste.

Vorerst blieb Silk freilich in der Defensive.

Er musste den Tiefschlag verkraften.

Lex Brindell brachte pausenlos linke und rechte Haken an. Die meisten landeten auf Silks Deckung, aber einige kamen durch.

Brindell atmete keuchend, mit offenem Mund. Offenbar hatte er trotz seiner Schnelligkeit ein Handicap. Er hatte kein Stehvermögen.

Morton Philby marschierte nach vorn. Seine gerade herausgestochene Rechte fand Brindells Kinn. Die nachfolgende Linke traf nicht weniger hart. Brindell blinzelte. Er ging noch einmal wild schlagend auf den Gegner los, aber gerade diese Attacke beschleunigte sein unrühmliches Ende.

Morton Philby fand die Lücke und platzierte seine Linke genau auf dem Punkt.

Brindell fiel um. Er versuchte, noch einmal hochzukommen, aber dann brach er endgültig zusammen.

Silk setzte sich und wartete. Brindell brauchte eine volle Minute, bis er wieder vernehmungsfähig war. Er quälte sich auf die Beine und ließ sich in einen Sessel fallen. Stöhnend streckte er beide Beine weit von sich.

„Mann“, sagte er. „Sie haben einen Schlag wie ein Dampfhammer.“

„Das“, meinte Philby und grinste eitel, „ist die konventionelle Spielart. Es gibt Leute, die mich dazu zwingen, ihnen meine Karate- und Judokenntnisse vorzuführen. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich es hasse. Einige meiner Kontrahenten sehen aber hinterher nicht gut aus. Das verletzt meinen Sinn für Ästhetik.“

„Sie sind ein richtiger Spaßvogel, was?“, knurrte Lex Brindell. „Nehmen Sie sich in Acht. Eines Tages geraten Sie an den Falschen. Und der wird auf ästhetische Gesichtspunkte pfeifen. Dem wird Ihre lädierte Visage direkt guttun.“

„Fertig?“, fragte Silk.

„Wo denken Sie hin!“, sagte Lex Brindell. „Ich muss nur Luft holen. Mit mir haben Sie sich eine Laus in den Pelz gesetzt. Ich bin ein schlechter Verlierer.“

Er stand auf, trat an den Tisch und entkorkte die Ginflasche. Er genehmigte sich einen großen Schluck daraus, und dann noch einen. Er schielte über seine Schulter.

„Auch einen?“

„Ich bin im Dienst“, wehrte Silk ab. „Jetzt muss ich lachen. Dienst! Gibt’s das bei Schnüfflern überhaupt?“

Morton Philby stand auf.

„Ich habe das Gefühl, dass Sie mir einiges verschweigen. Werden Sie auch der Polizei gegenüber so viel Diskretion üben?“

„Mich wird niemand vernehmen“, sagte Brindell.

„Ach! Und warum nicht?“

„Weil ich es nicht will.“

„Ihr Pech. Ich will das Gegenteil.“ Lex Brindell grinste. Diesmal war sein Gesichtsausdruck sehr hässlich.

„Ich weiß, dass Sie es wollen. Sie haben es mir klar genug gesagt. Aber da ist etwas, das Sie berücksichtigen müssen. Ihr Leben. Wer mich angreift, wird bestraft. So einfach ist das. Sie arbeiten für Geld, nicht wahr? Das Recht hat bei Ihnen seinen Preis. Dollars in Hundertern oder Tausendern - oder die Einsicht, dass es dumm wäre, sich die Fresse polieren zu lassen. Und wenn ich vom Polieren spreche, denke ich nicht an ein paar Fausthiebe. Dann meine ich eine Behandlung, die Ihnen den ewigen Frieden bringt  kapiert?“

„Das war deutlich“, sagte Morton Philby. „Eine eindeutige Morddrohung.“

„Wenn Sie es so sehen, kann ich Sie nicht daran hindern“, meinte Lex Brindell. „Wir reden nicht vor Zeugen. Wir sprechen unter vier Augen. Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Philby. Vergessen Sie den Zettel. Wenn Sie es nicht tun, werden von unseren vier Augen bald nur noch zwei in die Gegend schielen.“

„Schiele ich denn?“

„Stinken Sie ab - und denken Sie an meine Worte. Ich mache keine Witze.“

Morton Philby zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. Ein Luftzug in seinem Rücken ließ ihn auf den Absätzen herumwirbeln. Lex Brindell sprang mit erhobener Flasche auf ihn zu. Die Schlagwaffe sollte Silks Kopf treffen, aber Silks prompte Reaktion sorgte dafür, dass die Flasche nur auf der Schulter landete. Es krachte, als ob ein Schlüsselbein gebrochen wäre, und Silk hatte tatsächlich das Gefühl, als ob der Treffer ihn völlig gelähmt hätte. Seine Linke war taub. Er konnte sie nicht bewegen.

Ihm blieb keine Wahl. Er antwortete mit der rechten Handkante.

Sie traf Brindells Schläfe.

Der Gangster fiel um. Dabei ging die Flasche zu Bruch. Es roch intensiv nach Wacholder und Alkohol.

Morton Philby hob behutsam den linken Arm. Er ließ ihn wieder fallen und dann kreisen. Sein Gesicht verzog sich. Nein, die Knochen waren nicht gebrochen. Aber er war sicher, dass er während der nächsten zwei oder drei Wochen Schwierigkeiten haben würde, sich normal zu bewegen.

Er bückte sich, um Brindell nach Waffen abzutasten. Der Bewusstlose trug keine bei sich. Morton Philby setzte sich und wartete erneut. Diesmal dauerte es fast drei Minuten, bis Brindell wieder zu sich kam.

„Endlich genug?“, fragte Philby. Brindell antwortete nicht. Er sah wütend aus, aber offenbar gab es keine Worte, die imstande gewesen wären, seine Gefühle auszudrücken. Er kam auf die Beine und setzte sich.

„Sie sind einer von den ganz Harten, was?“, fragte er.

„So einer bin ich“, bestätigte Morton Philby. Er konnte sich nicht helfen. Er fühlte sich wohl.

„Die Harten“, sagte Lex Brindell, „brechen am leichtesten. Man muss sie nur voll erwischen.“

„Wollen Sie es noch mal versuchen?“

„Ich nicht“, sagte Brindell und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Aber ich warne Sie. Nehmen Sie sich in Acht.“

„Tue ich, ganz bestimmt. Ich neige zur Vorsicht, wissen Sie. Das hat mir schon meine Mutter gepredigt.“

„Sie hätte Ihnen zu einem anderen Beruf raten sollen. Bei diesem Job werden Sie viel Unglück haben.“

„Ich glaube, Sie haben noch immer nicht begriffen, wer ich bin“, sagte Morton Philby. „Ich arbeite für das Cantrell-Team. Schon mal davon gehört? Wir machen nicht viel Reklame, aber Leute, die sich in der Branche auskennen, vermeiden es tunlichst, uns ins Gehege zu kommen. Wir respektieren das Recht - und wir sind nicht korrupt. Aber wir schlagen hart zurück, wenn jemand wie Sie versucht, das Recht zu beugen. Oder, um es ganz simpel auszudrücken, uns an den Wagen zu fahren.“

„Sie halten gern Reden, was?“

„Ich will, dass Sie keinen Ärger bekommen.“

Brindell lachte höhnisch.

„Machen Sie sich um mich keine Sorgen.“

Es klingelte. Brindell runzelte die Stirn. Er sah erst jetzt die zerbrochene Flasche auf dem Boden.

„Mist“, knurrte er. „Der schöne Stoff!“

Das Klingeln wiederholte sich.

„Wollen Sie nicht öffnen?“, fragte Morton Philby. „Vielleicht sind es Ihre Freunde vom Police Headquarters.“

„Sie können mich mal“, knurrte Lex Brindell, stieß eine Flaschenscherbe beiseite und ging zur Tür. Er legte die Hand auf die Klinke, zögerte einen Moment und sagte dann über seine Schulter: „Geben Sie mir eine Chance. Sprechen Sie nicht über den Zettel. Ich schwöre Ihnen, dass ich mit dem Verbrechen nichts zu tun habe. Ich will nur vermeiden, in den Schlamassel ’reingezogen zu werden. Gerade jetzt kann ich keinen Ärger gebrauchen. Mir brennt da etwas unter den Nägeln, wissen Sie.“

„Es klingelt immer noch“, mahnte Morton Philby sanft. „Lassen Sie den Mann nicht zu lange warten.“

„Geben Sie mir eine Chance?“, fragte der Gangster.

„Ich überlege es mir“, lenkte Silk ein.

„Danke“, sagte Brindell und ging hinaus. Er schloss die Tür hinter sich.

Morton Philby hörte, wie Lex Brindell die Diele durchquerte. Das Klingeln wiederholte sich. Es war laut und fordernd geworden. Irgendetwas schien Brindell zu veranlassen, sich nicht zu beeilen. Endlich öffnete er.

Morton Philby vernahm zwei schwere, plumpe Schritte. Dann folgte ein lautes Stöhnen.

Unmittelbar darauf ertönte ein schwerer Fall.

Morton Philby sprang auf, eilte zur Tür und riss sie auf. Der Anblick, der sich ihm bot, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen.

Lex Brindell lag in der Diele auf dem Rücken, mit weit aufgerissenen Augen und gespreizten Beinen. Aus seinem Leib ragte der Griff eines Messers. Der Einstich in Höhe des Herzens und Brindells brechender Blick signalisierten, dass er keine Chance hatte, die Attacke zu überleben.

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Morton Philby war mit wenigen Schritten an der Tür. Er sah gerade noch, wie ein Mann im Lift verschwand. Der Mann trug eine braune Sportjacke und dazu passende, scharf gebügelte Gabardinehosen in hellem Beige. Der Mann hatte noch ein weiteres auffälliges Merkmal. Er hatte blondes Haar, das ihm bis über den Kragen reichte.

Morton Philby wirbelte herum, drehte Brindell behutsam auf die Seite, rannte ins Zimmer und informierte Polizei und Arzt von dem, was geschehen war. Dann rannte er aus der Wohnung. Lex Brindell war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot. Morton Philby konnte ihm jedenfalls nicht helfen.

Er musste warten, bis der Lift zurückkehrte. Dann ließ er sich vom Fahrstuhl ins Erdgeschoss tragen. Als er die Straße betrat, war der Mann im braunen Sportsakko nicht mehr zu sehen.

Morton Philby zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen und trat an den Rand des Bürgersteigs, um sein Blickfeld nach beiden Richtungen zu erweitern.

In diesem Moment sah er den Mann. Er überquerte ohne Eile die Fahrbahn, nicht mehr als hundertfünfzig Yards von Morton Philby entfernt. Philby hatte keine Mühe, ihn einzuholen. Er blieb hinter ihm und hatte Gelegenheit, den mutmaßlichen Killer genau zu betrachten.

Der Mann war schätzungsweise achtundzwanzig Jahre alt. Er bewegte sich betont lässig und hob sich damit deutlich von den anderen Passanten ab, die ihren Zielen bedeutend rascher zustrebten.

Hin und wieder blieb er vor einem Schaufenster stehen. Er betrachtete dann Auslagen, die kaum sein Interesse finden konnten, zum Beispiel Ölöfen und Damenwäsche. Nur langsam, kaum merklich, steigerte er sein Tempo. Für Morton Philby war es offenkundig, dass der Mann nur für den ersten Teil seiner Flucht Gelassenheit demonstriert hatte.

Der Mann überquerte erneut die Fahrbahn, bog in eine schmale Straße ein und setzte sich dort ans Steuer eines popgelben Camaro. Er steckte sich eine Zigarette an, inhalierte tief und blieb dann reglos hinter dem Lenkrad sitzen.

Sein Profil war scharf. Eine vorspringende Stirn und eine große Hakennase machten sein Gesicht unverwechselbar. Er rauchte in kurzen, schnellen Zügen. Dann entspannte er sich langsam. Es schien, als würde die in ihm angestaute Erregung langsam nachlassen.

Morton Philby trat an den Camaro heran. Auf der Fahrerseite war das Fenster herabgekurbelt.

„Feuer, Mister?“, erkundigte er sich.

Der Mann kramte ein goldenes Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Er hatte eine große Narbe am Mittelfinger. Seine Hände waren derb, aber gepflegt. Man sah, dass er in letzter Zeit mit ihnen keine schwere oder gar schmutzige Arbeit verrichtet hatte - Mord ausgenommen.

Das Feuerzeug trug ein Monogramm, aber der Mann im Camaro hielt es so, dass Morton Philby die verschnörkelten, ziselierten Initialen nicht ablesen konnte.

„Kennen wir uns nicht?“, fragte Morton Philby und lächelte höflich.

„Bestimmt nicht“, sagte der Mann. Er hatte eine knarrende Stimme. Sie klang wenig freundlich. Die Augen des Mannes waren hell und kalt, wie kleine vereiste Straßenpfützen, die vom ersten, grauen Licht des Morgens berührt wurden. Er war auffällig gut rasiert, und unterhalb seines linken Auges befand sich ein frischer Kratzer.

„Tut mir leid“, sagte Morton Philby. „Sie erinnern mich an jemand.“

„Was tut Ihnen daran leid?“

„Dass ich mich getäuscht habe. Entschuldigen Sie, bitte - und vielen Dank.“

Er richtete sich auf und ging mit seiner Zigarette davon. Er war sicher, dass der Camaro-Fahrer ihm misstrauisch mit seinen Blicken folgte. Morton Philby bog um die Ecke, rannte zu seinem Wagen, setzte sich hinein und fuhr los. Als er in die schmale Straße einbog, stand der Camaro immer noch an seinem Platz.

Morton Philby rollte vorbei, fand etwa fünfzig Yards vor dem Camaro eine Parklücke und stoppte. Knapp fünf Minuten später verließ der Camaro seinen Parkplatz und ordnete sich in den fließenden Verkehr ein. Philby hatte keine Mühe, dem auffällig lackierten Wagen zu folgen.

Morton Philby ließ jeweils zwei Wagen zwischen dem Malibu und dem Camaro fahren und fragte sich, ob der Mann mit den eisgrauen Augen Lunte gerochen hatte. Vermutlich war der Einfall, sich Feuer geben zu lassen, ein Fehler gewesen, aber Morton Philby hatte das Gesicht des Mannes aus der Nähe sehen und seine Stimme hören wollen. Er wollte ihn jederzeit wiedererkennen.

Die Fahrt ging in nördliche Richtung und endete im Stadtteil Northbrook. Hier verschwand der Camaro plötzlich auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik.

Morton Philby fuhr an dem Portal vorbei und stoppte dann hinter einem parkenden Sattelschlepper an der schmutzigen übermannshohen Fabrikmauer. Die Straße war kaum belebt; sie wurde auf einer Seite von Fabriken, Gewerbebetrieben und Lagerplätzen gesäumt, während auf der gegenüberliegenden Seite schäbige Wohnhäuser standen.

Morton Philby ging die Straße zurück und spähte um den Torpfeiler des offenen Portals, um zu sehen, wo der Camaro stand. Der Parkplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude war leer. Dort standen nur zwei große, mit Müll beladene Container, die offenbar auf ihren Abtransport warteten.

Die Fabrik schien schon seit längerer Zeit leer zu stehen. Zerbrochene Fenster und lose Dachziegel ließen erkennen, dass spielende Kinder und fehlende Pflege den Abbruch schneller herbeiführen würden.

Morton Philby zögerte. Wenn er das Fabrikgelände betrat, präsentierte er sich vor aller Augen auf dem großen Vorplatz. Andererseits führte es zu nichts, wenn er hier auf die Rückkehr des Camaro wartete. Möglicherweise gab es sogar eine zweite Ausfahrt, die der clevere Fahrer benutzt hatte, um seinen Verfolger abzuschütteln.

Morton Philby gab sich einen Ruck. Er überquerte den asphaltierten Parkplatz, ging an dem toten Bürogebäude vorbei und gelangte auf eine große asphaltierte Fläche, die von dem ehemaligen, u-förmig gebauten Produktionskomplex umgeben war. Zusammen mit dem zur Straße weisenden Bürohaus ergab das eine quadratische Gebäudeordnung. Überall herrschte die gleiche triste Atmosphäre. Leere Fensterhöhlen, herumliegende Ziegel, Schmutz und Unrat bestimmten das Bild.

Von einer zweiten Ausfahrt war nichts zu sehen, aber möglicherweise erreichte man sie, wenn man durch das riesige halb geschlossene Tor des mit „A“ markierten Blocks ging. Morton Philby ging darauf zu. Er war erstaunt, keine spielenden Kinder zu sehen, denn das Gelände bot sich dafür geradezu an. Vielleicht war es gefährlich, hier herumzutoben, und die vielen Warn- und Hinweisschilder hatten ihren guten Grund.

„Hallo!“, sagte eine Stimme hinter ihm. Die knarrende Stimme hatte einen spöttischen Unterton. Morton Philby blieb stehen und wandte sich langsam um.

Der Mann mit den eisgrauen Augen war hinter einem Mauervorsprung hervorgetreten. Der Mann hielt einen Revolver in der Hand. Die Mündung zielte auf Morton Philby.

„Hallo“, sagte Morton Philby.

Der Mann grinste.

„Da wären wir.“

„Da wären wir“, echote Morton Philby. Er blickte in die Waffenmündung, unterdrückte jedoch den Impuls, seine Hände zu heben. Er war wütend auf sich. Er hatte es in der Hand gehabt, einen mutmaßlichen Mörder zu stellen, und war stattdessen in die Falle des Gangsters getappt.

„Sie sind mir gefolgt“, stellte der Mann fest.

Er stand gut vier Meter von Philby entfernt. Es war also sinnlos, ihn mit einer jähen Attacke überrumpeln zu wollen. Der Finger am Abzug würde in jedem Fall der Schnellere sein. Morton Philby hatte keine Lust, sich das erst noch beweisen zu lassen.

„Ich bin Ihnen gefolgt“, sagte Morton Philby grimmig.

„Ich habe es bemerkt“, entgegnete der Mann, der beim Sprechen kaum merklich den Mund verzog. „Deshalb habe ich mir erlaubt. Sie auf dem Bauch landen zu lassen.“

Diesmal schwieg Morton Philby. Er hatte keine Angst. Noch wusste der Mann nicht, was er, Morton Philby, beobachtet hatte. Solange der Gangster nicht befürchten musste, von einem Tatzeugen überführt zu werden, bestand für ihn kein Grund, Amok zu laufen oder von seiner drohend erhobenen Schusswaffe Gebrauch zu machen. Andererseits durfte man von einem nervös gewordenen Mörder keine Nächstenliebe erwarten.

„Wer sind Sie?“, wollte der Mann wissen.

„Ich heiße Philby.“

„Warum verfolgen Sie mich?“

„Weil ich mir einbilde, Sie zu kennen.“

„Woher?“

„Wenn ich es wüsste, brauchte ich Ihnen nicht hinterherzufahren“, sagte Morton Philby. „Wissen Sie - solche Dinge lassen mir keine Ruhe. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe. Aber wenn ich geahnt hätte, wie sauer Sie darauf reagieren, hätte ich das Ganze lieber vergessen ...“

„Jetzt erzählen Sie mir mal die Wahrheit - und zwar schnell!“, knurrte der Mann.

Morton Philby hob die Augenbrauen.

„Sie glauben mir nicht?“, fragte er erstaunt.

„Kein Wort.“

„Das ist betrüblich“, sagte Morton Philby und wippte auf den Fußspitzen. „Was soll ich dagegen tun?“

„Sie werden Ihr blaues Wunder erleben“, sagte der Gangster und machte eine auffordernde Bewegung mit der Waffenmündung. „Gehen Sie voran!“ Er trat hinter Morton Philby, rammte ihm hart die Waffe in den Rücken und ging mit ihm auf das große Tor zu.

„Ich wüsste wirklich gern, was Sie noch im Köcher haben“, sagte Morton Philby.

„Viele schlechte Überraschungen für Leute, die mir in die Quere kommen. Wir machen einen kleinen Ausflug, Philby. Sie setzen sich ans Steuer des Camaro, und ich erkläre Ihnen, wohin die Reise geht. Beim ersten Versuch, zu verschwinden oder Ärger zu machen, pumpe ich Sie mit Blei voll.“

„Sie haben ausgesprochen schlechte Manieren“, beklagte sich Morton Philby und betrat die leere, nach Rost, Ruß und Eisen riechende Fabrikhalle. Der Camaro stand hinter dem gegenüberliegenden Tor.

Morton Philby setzte sich ans Steuer. Der Gangster nahm hinter ihm im Fond Platz. Er kannte sich auf dem Gelände aus, denn er sagte Morton Philby, wie er fahren musste, um die zweite Ausfahrt zu erreichen.

„Lassen Sie die Hände am Steuer“, sagte der Gangster während der Fahrt, beugte sich nach vorn und tastete Philby nach Waffen ab. Dann ließ er sich zufrieden auf den Rücksitz fallen.

„Wovon leben Sie, Philby?“, fragte er.

„Von diesem und jenem.“

„Wer ist Ihr Boss?“

„Ich glaube nicht, dass Sie ihn kennen“, sagte Morton Philby.

„Ich möchte den Namen wissen.“

Morton Philby zögerte. Er widerstand der Versuchung, seinen Gegner zu bluffen: Morton Philby wollte sehen, wie der Gangster auf die Nennung von Tony Cantrells Namen reagierte.

„Cantrell“, sagte er.

Morton Philby bemerkte im Rück-Spiegel, dass der Gangster keine Wirkung zeigte.

„Wie noch?“, fragte er.

„Tony.“

„Was ist das für eine Firma?“, fragte der Gangster.

„Klein, aber oho“, sagte Silk.

„Schnüffler, was?“

„Wie bitte?“

„Eine Detektei. Habe ich recht?“

„So etwas Ähnliches“, gab Morton Philby zu. „Jetzt verstehen Sie sicher auch meine Neugierde.“

„Natürlich“, sagte der Gangster. „Aber sie wird Ihnen nicht bekommen. Oder halten Sie den Tod für einen hübschen Abschluss Ihres Abenteuers?“

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Rollins“, tönte es Cantrell aus dem Hörer entgegen. „Wo steckt Silk, zum Teufel?“

„So viel ich weiß, ist er bei einem Mann namens Lex Brindell. Morton hat die Adresse des Burschen in der Tasche von Dave Corczenski gefunden.“

„Er hat mich angerufen. Morton, meine ich. Ich bin jetzt in der Wohnung des Toten ...“

„Bei Corczenski?“

„Nein, bei Brindell. Morton sagte mir, dass Brindell niedergestochen wurde. Ich wollte ein paar Fragen an ihn stellen, aber er legte auf. Er hatte es sehr eilig, und ich schließe daraus, dass er dem Mörder folgen wollte.“

„Wann war das?“

„Vor vierzig Minuten.“

„Morton hat sich bei mir noch nicht gemeldet“, sagte Cantrell. „Das hat allerdings nicht viel zu bedeuten. Was sind schon vierzig Minuten bei einer Verfolgungsjagd kreuz und quer durch Chicago?“

„Machst du dir keine Sorgen um ihn?“, fragte der Lieutenant. „Wenn Morton wirklich Tatzeuge gewesen ist, steht er bei dem Killer auf der Abschussliste.“

„Um Silk habe ich keine Angst“, meinte Cantrell. Er spürte aber, dass seine Worte so überzeugend waren wie der Optimismus eines Medizinmanns. Er hoffte das Beste, weil das Schlimmste im Moment nicht auszudenken war - und weil im Übrigen alle bisherigen Erfahrungen dagegen sprachen, dass sich Silk hatte überrumpeln lassen.

„Aber ich“, sagte Harry Rollins. „Was ist mit diesem Brindell?“

„Das Messer ist ihm ins Herz gedrungen. Er muss Sekunden nach dem Stich tot gewesen sein.“

„Gehört er zu deinen Kunden?“

„Die Kollegen kennen ihn. Mehrfach vorbestraft. Ein schwerer Junge, sicher - aber mit Mordfällen hat er bisher nichts zu tun gehabt.“

„Seinen eigenen ausgenommen“, sagte Cantrell. „Ich wüsste gern, welche Verbindungen es da gibt. Ich bin nämlich von Robert Hartford beauftragt worden, den Tod seiner Frau aufzuklären.“

„Musst du mir denn immer auf den Füßen herumtrampeln?“, fragte der Lieutenant. „Ich kenne das doch! Manchmal ist es fast so, als wären wir Konkurrenten. Jeder versucht, schneller am Ball zu sein.“

„Wir profitieren beide davon.“

„Du mehr als ich“, meinte Rollins. „Ich muss mich schon manchmal von den lieben Kollegen hänseln lassen. Sie behaupten, dass ich ohne deine Mithilfe gar nicht mehr richtig zum Zuge käme.“

„Das sind doch Spinner.“

„Du hast recht. Aber warum hat Hartford sich an dich gewandt? Er muss doch wissen, dass du nicht umsonst arbeitest.“

„Er hat mich vorher angerufen. Die Zeitung bezahlt alles. Dafür will sie das Exklusivabdruckrecht für die Ergebnisse meiner Ermittlungen haben.“

„Verdammt! Wenn sie täglich deine Recherchen in Schlagzeilen bringen, werden unsere Gegner gewarnt und informiert. Das ist ein Bumerang! Ich muss dich warnen, Tony. Ich kann dir keine Unterstützung geben, wenn ich weiß, dass meine Angaben am nächsten Tag in der Zeitung stehen.“

„Mach dir deswegen keine Sorgen. Die Publicity hat auch Vorteile. Wir können mit gezielten Falschmeldungen unsere Gegner verwirren. Es liegt an uns, ob wir unsere Waffen richtig einsetzen.“

„Hm“, machte Rollins. „So habe ich es noch nicht gesehen, aber du hast recht. Das Ganze kann auch von Vorteil sein. Und Hilfe kann ich brauchen. Drei Morde in kürzester Zeit! Erst Corczenski, dann Alice Hartford, und jetzt dieser Brindell. Chicago läuft wieder mal Amok. Die Bevölkerung wird sich diesem Teufelstanz anschließen, wenn wir nicht rasch mit Ergebnissen und Verhaftungen glänzen können.“

„Es ist besser, wir machen jetzt Schluss“, sagte Cantrell. „Wenn Silk versuchen sollte, mich zu erreichen, ist die Leitung belegt.“

Er legte auf, grübelte eine halbe Stunde darüber nach, welche Zusammenhänge es zwischen dem Tod von Dave Corczenski und der Ermordung von Lex Brindell geben könnte, und beschloss dann, Robert Hartford aufzusuchen, um die Ermittlungen schnell in Gang zu bringen. Er traf telefonisch mit dem Reporter eine Verabredung und überließ es seiner Frau Carol, eventuell eingehende Anrufe zu beantworten. Jack O’Reilly war unterwegs, um Erkundigungen über den erschossenen Corczenski einzuholen. Noch immer war völlig ungeklärt, warum Corczenski die Absicht gehabt hatte, Morton Philby zu töten.

Cantrell traf sich mit Hartford in einer kleinen Kneipe in der Sandford Street. Es fiel Cantrell auf, dass Hartford sich mit dem Rücken zur Wand setzte, und zwar so, dass er den Eingang im Auge behalten konnte. Hartford wirkte nervös und zerfahren. Er wusste das und gab eine Erklärung dafür, noch ehe Cantrell diesbezügliche Fragen stellen konnte.

„Alices Tod hat mich zum Nervenbündel gemacht“, sagte er. „Wenn es nicht wie feige Flucht aussehen würde, hätte ich nicht übel Lust, dieser Hölle von Stadt den Rücken zu kehren. Manchmal frage ich mich, was mich und andere veranlasst, der Windy City die Treue zu halten. Es ist die Hölle auf Erden - oder sind Sie gegenteiliger Ansicht?“

„Die Gewalt“, bemerkte Cantrell, „wird eines Tages hoffentlich an sich selbst ersticken.“

„Das dürfen Sie doch nicht hoffen“, erwiderte Hartford grimmig. „Schließlich leben Sie davon, dass es Mörder und Räuber gibt.“

„Manchmal träume ich davon, Tomaten zu pflanzen“, sagte Cantrell.

„Das wird ein Traum bleiben“, entgegnete Robert Hartford. „Das Verbrechen hat Hochkonjunktur. Da greift keine Bremse. Nehmen Sie Alice. Eine graue Maus - ja, ja, ich weiß, dass sie das war. Bieder, manchmal eine böse Zunge, aber fleißig, treu, zuverlässig. Eine gute Frau, wenn auch keine von der Sorte, die man stolz herumzeigt. Eher arm als reich. Keine Freunde, keine Feinde. Und nun dieser brutale, scheußliche Mord! Warum, frage ich Sie, warum?“

„Wir werden die Antwort darauf finden. Sind Sie inzwischen kontaktiert worden?“

„Kontaktiert?“, fragte Robert Hartford und blinzelte kaum merklich.

„Ja. Hat sich der Killer gemeldet? Hat er irgendwelche Forderungen gestellt?“

„Nein. Was sollte er denn schon verlangen, wenn Alice tot ist? Das hätte allenfalls bei einer Entführung Sinn gehabt. Aber Sie und ich wissen, dass bei mir nichts zu holen ist - und die Gangster wissen das sicherlich auch.“

„Aber Sie haben Angst“, stellte Cantrell fest.

„Natürlich habe ich die. Würden Sie an meiner Stelle anders reagieren?“, fragte Robert Hartford. „Morgen kann es mich erwischen. Genau wie Alice. Und niemand wird wissen, warum. Zum Kotzen!“

„Sagt Ihnen der Name Brindell etwas?“

„Nein. Was ist mit ihm?“

„Brindell wurde ermordet. Vor etwa zwei Stunden. In seiner Wohnung.“

„Kann ich daraus einen Artikel machen?“

„Das bleibt Ihnen überlassen. Brindell war mehrfach vorbestraft. Es sieht ganz so aus, als hätte einer meiner Männer den Mörder gesehen und wäre dabei, ihm zu folgen.“

„Wieso das?“, fragte Hartford. „Haben Sie von dem Mordfall Corczenski gehört?“

„Sicher. Unsereiner ist auf dem Laufenden. Das gehört zu meinem Beruf.“

„Corczenski wollte Morton Philby töten - einen meiner Männer“, sagte Cantrell. „Nun ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Morton Philby, der verständlicherweise bemüht ist, den Fall zu klären, da es um seine Haut geht, fand im Mantel des Ermordeten einen Zettel. Der Zettel trug Brindells Anschrift. Morton Philby fuhr hin - und wurde zum zweiten Mal in kürzester Zeit Zeuge eines Mordes.“

„Moment mal - in Corczenskis Mantel steckte ein Zettel mit Brindells Adresse?“

„So ist es.“

Hartford biss sich auf die Unterlippe. Man sah, dass es in ihm arbeitete. Dann schüttelte er den Kopf.

„Das ist schon sehr merkwürdig.“

„Was ist merkwürdig?“

„Was Ihrem Mitarbeiter widerfährt. Dass er zweimal hintereinander in einen Mord verwickelt wird, ohne ihn verhindern zu können.“

„Ich kenne Silk. Das wird ihn verdammt wütend machen“, sagte Cantrell. „Es wird ihn aber auch dazu bringen, die Fälle schnell aufzuklären.“

„Kann er zaubern?“

„Er kann hart, gründlich und konsequent arbeiten. Das wird genügen.“

„Ich hoffe, Sie erwischen mit Hilfe von Philbys Tugenden den Mörder meiner Frau“, sagte Robert Hartford. „Sie werden verstehen, dass ich im Augenblick für andere Verbrechen nicht mehr als berufliches Interesse aufbringen kann.“

„Wo soll ich beginnen?“, fragte Cantrell.

„Das fragen Sie mich? Ich bin kein Experte.“

„Es gibt kein Verbrechen ohne Motiv.“

„Grausamkeit ist ein Motiv“, sagte Hartford. „Es gibt Lustmörder, nicht wahr? Bestien, die sich an den Qualen ihrer Opfer weiden. Wer sagt mir, dass Alice nicht einem solchen Untier in die Hände gefallen ist?“

„Wenn das zuträfe, könnten wir ebenso gut eine Nadel im Heuhaufen suchen. Es muss ein anderes Motiv geben.“

„Rache“, sagte Hartford. „Ich erwähnte es bereits. Ich habe in meinem Leben Tausende von scharfen Artikeln geschrieben und bin nicht wenigen Leuten dabei auf die Füße getreten. Ich bin wiederholt dafür verprügelt worden, im Dunkeln, von gekauften Schlägern. Das muss man bei meinem Job in Kauf nehmen. Vielleicht wollte man mich diesmal durch meine Frau treffen. Ich weiß es nicht. Es ist nur eine Vermutung.“

„Haben Sie nicht einstmals an der Flossmoore-Biographie gearbeitet?“, fragte Cantrell.

„Das haben Sie mich schon einmal gefragt. Erinnern Sie sich?“, murmelte Hartford, dessen Augen unmerklich etwas schmaler geworden waren. „Ich kann Ihnen sagen, dass ich eine ganze Serie von Biographien geschrieben habe. Sie nannte sich 'Die unbekannten Väter der Stadt'. Ich versuchte zu beweisen, dass die wirklich Großen und wirklich Reichen den meisten Leuten unbekannt geblieben sind, weil sie es vorzogen, im Stillen zu wirken. Flossmoore war einer von ihnen. Einer von denen, die mit ihrem Fleiß, ihrer Macht und ihrem Geld Chicago zu dem gemacht haben, was es heute ist.“

„Ja, ich erinnere mich“, sagte Cantrell. „Die Flossmoore-Familie prozessierte gegen Sie, beziehungsweise gegen Ihre Zeitung, weil sie sich von dem Artikel angegriffen und falsch dargestellt fühlte.“

„Unsinn! Ich habe die Wahrheit geschrieben. So sehe ich es jedenfalls. Sie werden wissen, dass der Prozess mit einem Vergleich endete. Er liegt drei Jahre zurück. Warum interessieren Sie sich so sehr dafür?“

„Es heißt, dass der inzwischen verstorbene Flossmoore einem Kidnapper zwanzig Millionen Dollar gezahlt haben soll“, sagte Cantrell. „Sie werden verstehen, dass mich die Behauptung fasziniert. Wenn sie richtig sein sollte, bedeutet das, dass irgendjemand mit einem ungeheuerlichen Verbrechen und einer Riesensumme ungeschoren davongekommen ist, dass er unter uns lebt wie ein braver Bürger ...“

„Ja, so wie ich, was?“, fragte Robert Hartford höhnisch. „Gut getarnt, in einer schäbigen Wohnung, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Vielleicht haben Sie recht, vielleicht nicht. Es stimmt, dass dieses Gerücht kursiert - aber die Flossmoores haben stets bestritten, dass es einen wahren Kern hat. Ich halte es für eine glatte Erfindung. „Oder“, fragte er spöttisch, „wollen Sie von dieser Mutmaßung zu Alices Tod einen roten Faden ziehen?“

„Nein“, sagte Cantrell lächelnd. „Das wäre absurd, nicht wahr?“

„Ganz gewiss.“

„Ich bin froh, dass Sie das so sehen, denn die Zeitung hat sicher keine Lust, ihr gutes Geld für Ermittlungen auszugeben, die in die falsche Richtung zielen.“

Der Kellner trat an den Tisch. Hartford bestellte sich ein Bier. Cantrell verlangte Kaffee.

„Ja, die Flossmoores“, fuhr Hartford fort und spielte mit dem Plastikaschenbecher, der auf dem Tisch stand. „Eine Dynastie von Millionären. Der alte Glanz ist zwar dahin, aber die Familie besitzt noch mehr als genug Geld, um von den Zinsen leben zu können. Ein überwältigender Gedanke! Reichtum ist für mich etwas Unvorstellbares, weil ich wohl niemals in die Verlegenheit kommen werde, mehr als einen Tausender auf meinem Konto zu haben. Reichtum! Aber ich träume davon wie ein Kind. Ich spiele sogar in der Lotterie.“

Der Wirt brachte die Getränke.

„Ich übernehme das“, sagte Hartford großspurig und zahlte. „Die Zeitung kommt für die Spesen auf.“

„Vielen Dank“, sagte Cantrell.

Cantrells Blick wanderte zur Tür. Hartford führte das Bierglas zum Mund. Er verschluckte sich und holte krampfhaft Luft, als Cantrell seinen Arm packte und ihn vom Stuhl riss. Das Bier schwappte über den Tisch, und das Glas fiel zu Boden.

Im nächsten Moment krachte es.

Das Lokal war mit sieben Gästen besetzt. Fünf saßen am Tresen, Cantrell und Hartford befanden sich am Tisch. Als der Schuss fiel, hatten sie bereits unter der Platte Deckung gefunden.

Ein Geschoss traf die Wand. Ein zweiter Schuss folgte. Die Gäste stoben auseinander, ohne zu wissen, wohin sie fliehen sollten. Sie behinderten sich gegenseitig. Zwei von ihnen stürzten zu Boden.

Cantrell war im Nu wieder auf den Beinen. Er jagte zur Tür und sah gerade noch, dass ein hellblauer Dodge aus einer Parklücke schoss. Der Beifahrer hatte Mühe, die Tür zu schließen.

Cantrell prägte sich die Nummer ein, hastete in das Lokal zurück und trat ans Telefon. Er gab die Nummer an die Polizei weiter und bat, nach dem Wagen zu fahnden. Dann kümmerte er sich um Robert Hartford, der inzwischen wieder auf seinem Stuhl Platz genommen hatte und leichenblass aussah.

Die Gäste hatten sich noch nicht beruhigt. Sie redeten wild durcheinander. Aber niemand hatte bemerkt, dass der Anschlag Robert Hartford gegolten hatte.

„Jetzt weiß ich Bescheid“, stieß Robert Hartford hervor, der sich mit zitternden Händen über das Gesicht fuhr. „Ich bin der nächste auf der Liste.“

„Immerhin wissen wir jetzt, dass es kein Lustmörder sein kann“, sagte Cantrell. „Hinter dem Ganzen steckt System.“

„Ja, aber welches? Mann, mir ist ganz übel. Wenn Sie nicht aufgepasst hätten, wäre ich jetzt ein toter Mann.“

„Das bezweifle ich.“

„He“, sagte Hartford. „Glauben Sie denn, dass auf Sie geschossen wurde?“

„Das ist nicht auszuschließen.“

„Der Schuss galt mir - die Schüsse, meine ich. Es waren doch zwei, nicht wahr?“

„Es waren zwei“, bestätigte Cantrell und nippte an seinem Kaffee. Er war besser, als er erwartet halte.

„Ich verschwinde“, sagte Hartford. „Wohin?“

„Ich weiß es nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.“

„Warum?“

„Jemand könnte versuchen, Sie wie eine Zitrone auszupressen“, sagte Robert Hartford. „Ich bezweifle nicht Ihre Integrität, aber wenn man Sie foltern würde, müssten Sie passen, nicht wahr? Ich möchte jedes Risiko ausschließen.“

„Rufen Sie mich an?“

„Ja. Ich muss schließlich wissen, wie Ihre Ermittlungen verlaufen.“

„Sind Sie ganz sicher, dass Sie mir alles Wesentliche gesagt und nichts verschwiegen haben?“

„Ganz sicher“, beteuerte Robert Hartford. Er stellte das umgekippte Bierglas auf, erhob sich und verließ das Lokal.

Cantrell folgte ihm in sicherem Abstand. Hartford blickte sich nicht um. Entweder kümmerte es ihn nicht, ob er verfolgt wurde, oder der Schock hatte ihn gelähmt.

Tony Cantrells Überlegung war einfach.

Dass man Hartford in der Kneipe beschossen hatte, ließ darauf schließen, dass er ständig beobachtet wurde. Vermutlich war auch jetzt jemand hinter dem Reporter her. Aber wer?

Es war schwer, im Strom der Passanten den richtigen Mann - oder die richtige Frau - ausfindig zu machen. Aber schon nach einigen hundert Yards war Cantrell klüger. Er brauchte nur auf die Leute zu achten, die sich in Tempo und Bewegungsrhythmus Robert Hartford anpassten. Wenn er stehen blieb, blieben sie auch stehen, wenn er schneller ging, beschleunigten sie gleichfalls ihre Schritte. Er entdeckte, dass es sich um zwei Personen handelte, die sich in sicherer Entfernung an Hartfords Fersen geheftet hatten - um einen Mann und um eine Frau. Die beiden gingen getrennt voneinander. Zwischen ihnen lag die Fahrbahn.

Der Mann war um die vierzig. Er trug eine Sportmütze und eine Sonnenbrille. In Lumberjack und zerknitterten Manchester-Cordhosen wirkte er kompakt und unauffällig.

Die Frau war noch jung. Sie zog schon eher neugierige und interessierte Blicke auf sich. Dafür sorgten vor allem ihre Beine, die von einem wippenden Miniröckchen aus dunklem Wildleder umschmeichelt wurden.

Die Frau - oder war es noch ein Mädchen? - bestach durch die Grazie ihrer Bewegungen, durch das schulterlange goldblonde Haar und durch die Attraktivität ihres schmalen sonnengebräunten Gesichts, von dem Cantrell nicht viel mehr als das Profil sah.

Der Mann im Lumberjack betrat ein Tabakwarengeschäft. Damit schied er aus.

Entweder fühlte er sich plötzlich selbst beobachtet, oder Cantrell hatte zu Unrecht einen Mann verdächtigt, der mehr oder weniger zufällig im selben Rhythmus wie Robert Hartford gegangen war.

Ihm blieb das Mädchen. Er überquerte die Straße und blieb hinter ihm. Hartford ging jetzt auf der anderen Straßenseite etwas schneller, als hätte er plötzlich einen Entschluss gefasst. Er betrat ein Reisebüro, kam aber so schnell wieder heraus, dass er unmöglich in so kurzer Zeit einen Abschluss getätigt haben konnte. Vermutlich hatte er nur eine Frage gestellt. Cantrell prägte sich das Büro ein. Plötzlich geschah etwas Seltsames. Der Mann im Lumberjack tauchte wieder auf. Diesmal dicht hinter dem Mädchen. Er schloss so dicht zu ihr auf, dass sie irritiert über ihre Schulter blickte.

Cantrell war nahe genug, um ihr zum ersten Mal voll ins Gesicht sehen zu können. Sie sah gut aus, sogar blendend. Die Nase war klein, und der Mund war voll und weich. Die Augen lagen im Schatten dichtet, seidiger Wimpern. Ihr Erstaunen verwandelte sich in jähes Erschrecken. Sie blieb stehen. Der Mann trat so dicht vor sie hin, dass er sie fast mit seinem Körper berührte. Er sagte etwas zu dem Mädchen. Sie war viel zu sehr mit sich und den an sie gerichteten Worten beschäftigt, um Cantrell zu bemerken, der ebenfalls stehen geblieben war. Er trat allerdings rasch in einen Hauseingang, um nicht aufzufallen.

Das Mädchen schluckte. Sie nickte. Cantrell bemerkte, dass der Mann eine Hand in die Tasche seines Lumberjacks geschoben hatte. Die Ausbeulung der Tasche verriet, dass sich eine Waffe darin befand. Die nervöse, ängstliche Reaktion des Mädchens ließ erkennen, dass der Mann sie über diesem Umstand nicht im Unklaren gelassen hatte.«

Sie gingen schräg über die Straße. Hartford war nicht mehr zu sehen. Cantrell folgte ihnen und hielt gleichzeitig nach einem Taxi Ausschau. Es war klar, dass der Mann im Lumberjack versuchen würde, das Mädchen im Wagen zu entführen. Noch wusste Cantrell nicht, ob und wie er ihnen folgen sollte. Er versprach sich nichts davon, direkt dazwischenzutreten. Dadurch würde das Mädchen gefährdet und ihm die Möglichkeit genommen werden, den Fortgang der Ereignisse zu verfolgen.

Die beiden blieben bei einem alten braunen Morris-Kombi stehen. Der Wagen hatte eine Chicagoer Nummer. Das Mädchen stieg ein. Sie nahm hinter dem Lenkrad Platz. Der Mann setzte sich in den Fond.

Cantrell sah sich nach einem Taxi um. Das einzige, das ihm entgegenkam, war besetzt. Er winkte trotzdem, aber der Fahrer nahm von ihm keine Notiz.

Cantrell biss sich auf die Unterlippe. Noch hatte er die Chance, den Morris aufzuhalten, aber es waren erhebliche Risiken damit verbunden. Und im Übrigen würde ihn das um die Chance bringen, dem Wagen zu folgen und herauszufinden, was der Mann mit dem Mädchen vorhatte.

Ein junger Mann in Jeans und T Shirt kam aus einem Buchladen und bestieg seinen am Bürgersteigrand parkenden Volkswagen.

Cantrell trat auf ihn zu, wies sich aus und sagte: „Ich brauche Sie. Können Sie mich chauffieren?“

„Nein, das kann ich nicht“, erwiderte der junge Mann mit sanfter, freundlicher Stimme. „Ich arbeite nicht für Schnüffler. Ich wette, Sie sind in Scheidungssachen unterwegs, wie die meisten Ihrer Kollegen. Sie können nicht erwarten, dass ich Sie dabei unter ...“

„Es geht um Tod und Leben“, fiel Cantrell ihm ins Wort. „Genügt das?“ Der junge Mann legte die Stirn in Falten.

„Na schön“, entschied er. „Fahren Sie. Hier ist der Schlüssel.“

Eine halbe Minute später klapperte der VW aus seiner Parklücke. Sein aus den fünfziger Jahren stammendes Blechkleid war mit abenteuerlichen Farben und Sprüchen verziert. Aber der Wagen reagierte auf die leiseste Berührung des Gaspedals. Cantrell bemerkte, dass der junge Mann den Wagen in Topform hielt.

„Was denn - Sie sind hinter dem alten Schlitten her?“, fragte der junge Mann und wies auf den Morris. „Das hätten Sie auch zu Fuß erledigen können.“

„Es ist eine Entführung“, sagte Cantrell. „Ich sah zufällig, wie er sie zum Einsteigen zwang.“

„Warum haben Sie ihn nicht aufgehalten?“

„Er ist bewaffnet.“

„Mann, dann kann es ja knallen.“

„Angst?“

„Nicht die Spur. Waren Sie hinter dem Mädchen her?“

„Ein wenig.“

„Scheint klasse zu sein. Fährt tadellos. Nicht ein bisschen nervös, was?“

„Hm, sie lässt sich jedenfalls nichts anmerken, was?“

„Machen Sie mir auch nichts vor?“

„Ich halte nichts von dummen Bluffs. Ich lüge nur, wenn es nicht mehr anders geht.“

„Vielleicht“, meinte der junge Mann, „treffen wir unterwegs auf einen Streifenwagen.“

„Ja, vielleicht“, sagte Cantrell, dem es ganz recht war, mit dem Hippie-Vehikel zu fahren. Wenn sich der Mann im Lumberjack einmal umdrehte, um festzustellen, ob man seinem Morris folgte, würde er in dem poppig aufgemachten VW kaum einen Gegner vermuten. Andererseits konnte ihm der auffällige Wagen bei wiederholten Blicken durchs Heckfenster unmöglich entgehen.

Aber vorerst dachte der Mann im Lumberjack gar nicht daran, sich um die dem Morris folgenden Fahrzeuge zu kümmern. Es war zu sehen, dass er mit dem Mädchen am Lenkrad sprach.

„Wir könnten uns danebensetzen“, schlug der junge Mann vor. „Ich reiße den hinteren Schlag auf, und Sie öffnen die vordere Tür. Das setzt ihn außer Gefecht. Er wird nicht wissen, gegen wen er sich wenden soll.“

„Er hat das Mädchen vor seiner Kanone, vergessen Sie das nicht.“

„Er kann es sich nicht leisten, loszuballern. Er käme nicht mehr weg von hier.“

„Da ist etwas dran“, meinte Cantrell. „Aber er könnte versuchen, sich den Fluchtweg freizuschießen. Es wäre Wahnsinn, diese Reaktion an einer belebten Ampelkreuzung zu provozieren.“

„Wir könnten uns mit dem Wagen in einer unbelebten Straße vor ihm querstellen.“

„Wollen Sie Ihren Schlitten zu Schrott fahren lassen?“, fragte Cantrell.

„Sicher will ich das. In diesem Fall müsste die Versicherung doch zahlen, oder?“

„Darauf würde ich es an Ihrer Stelle nicht ankommen lassen. Die Versicherung wird Ihnen vorhalten, dass Sie sich keine polizeilichen Rechte anmaßen durften.“

„Ich denke, es geht um Tod und Leben.“

„Davon bin ich überzeugt - aber wir wollen den Tod nicht herausfordern, indem wir uns wie Narren benehmen und einen folgenschweren Unfall verursachen. Solange sie fährt, kann er ihr nichts tun. Das weiß auch sie. Deshalb fährt sie so gelassen.“

„Ich finde das richtig spannend“, sagte der junge Mann. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“

Cantrell schüttelte den Kopf. Sekunden später durchzog süßlich duftender Rauch den Wagen.

„Hasch?“, fragte Cantrell.

„Beste Sorte“, sagte der junge Mann. „Wollen Sie mal ziehen?“

„Vielen Dank, ich halte nichts von Selbstzerstörung“, bemerkte Cantrell.

„Quatsch! Hasch ist in Ordnung. Wenn Sie das Gegenteil glauben, sind Sie ein Opfer dummer Propaganda.“

„Ich habe kürzlich eine Heilanstalt besucht und die Opfer des Krauts gesehen. Und ich habe mehr als einmal im Leichenschauhaus tote Gangster betrachtet, die beim Konkurrenzkampf um Verkaufs und Einflussbezirke von ihren Gegnern rücksichtslos aus dem Wege geräumt wurden. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht über wissenschaftliche Erkenntnisse auslassen - mir genügt, was ich selbst erlebt habe.“

„Na schön“, antwortete der junge Mann ungerührt. „Wenn Sie es so sehen, ist das Ihre Sache. Haben Sie schon mal gehört, wie viele Menschen täglich sterben, weil sie einen über den Durst getrunken haben? Da kommen wir armen Hascher gar nicht mit. He, unser Morris hält!“

Der Kombi stoppte in einer Parklücke. Cantrell war gezwungen, daran vorbeizufahren. Er hielt vergeblich nach einer Parkmöglichkeit Ausschau und brachte das Fahrzeug schließlich in einer Halteverbotszone zum Stehen.

„Fahren Sie um den Block, bis Sie einen Parkplatz finden“, meinte er, stieg aus und überließ dem jungen Mann das Lenkrad.

Sie befanden sich in der Trinton Road. Der Morris parkte vor einer Pension, zu der vier ausgetretene, von einem Geländer eingefasste Granitstufen hochführten. Ein Neonschild über dem Eingang verkündete, dass es sich um die Pension „Garibaldi“ handelte.

Der Mann im Lumberjack stieg mit dem Mädchen die Stufen hinauf. Er blieb einen halben Schritt hinter ihr, die Hand im Lumberjack. Das Mädchen blickte weder nach rechts noch nach links.

Cantrell steckte sich eine Zigarette an, wartete drei Minuten und betrat dann die dämmrige, muffig riechende Rezeption der Herberge. Hinter einem Tresen, direkt unter einer kahlen, an einem Draht von der Decke herabbaumelnden Glühbirne, saß ein älterer glatzköpfiger Mann, der in einer Zeitung las.

„Alles besetzt“, brummte er, bevor Cantrell den Tresen erreichte. Der Glatzkopf nahm sich nicht einmal die Mühe, seine Zeitung zu senken.

Cantrell überflog das Schlüsselbrett und die in kleine Fächer unterteilte Briefbox. Letztere enthielt nichts außer einer Zeitung mit Streifband. Die Schlüssel waren komplett bis auf zwei. Die Pension verfügte offenbar über achtzehn Zimmer.

„Ich bin Tony Cantrell“, sagte er.

Der Alte starrte mürrisch über den Zeitungsrand hinweg.

„Und?“, fragte er.

„Privatdetektiv“, sagte Cantrell.

„Und?“

„Ich habe ein paar Fragen.“

„Und?“

„Ist das das einzige Wort, das Sie kennen?“

„Was dagegen?“

„Na, bitte“, sagte Cantrell. „Wir machen Fortschritte. Vor drei Minuten sind zwei Gäste hereingekommen. Die Blonde mit dem Mann. Ich muss sie sprechen.“

„Hier ist niemand hereingekommen.“

„Ich habe sie gesehen, mit meinen eigenen Augen“, sagte Cantrell lächelnd.

„Und ich bin hier gesessen, auf meinem eigenen Arsch“, sagte der

Mann. „Ich habe gute Ohren. Und prima Augen. Hier ist niemand durchgekommen.“

„Schade“, sagte Cantrell. „Wir werden Ärger miteinander bekommen.“

„Das wünsche ich Ihnen nicht“, sagte der Mann und legte die Zeitung beiseite. Er erhob sich.

Tony Cantrell sah, dass er es mit einem ungemein breitschultrigen Burschen zu tun hatte, dem es trotz seiner fünfzig oder fünfundfünfzig Jahre in den Fäusten zu jucken schien.

„Nein, das wünsche ich Ihnen wirklich nicht, Mister“, meinte er. „Ärger mit mir bekommt keinem gut. Das hat sich herumgesprochen. Es ist ein Jammer, dass Sie noch nichts davon gehört haben.“

Er kam um den Tresen herum. Irgendwo im Haus klappte eine Tür. Eine Frau lachte laut, beinahe hysterisch. Dann herrschte wieder Ruhe - soweit man in einer Rezeption, deren offene Tür auf eine belebte Straße führte, von Ruhe sprechen konnte.

„Also - wo finde ich sie?“, fragte Cantrell freundlich.

„Hauen Sie ab!“

„Wo finde ich sie?“

„Ich zähle bis drei. Wenn Sie dann nicht verschwunden sind, setze ich Sie vor die Tür - und nicht sehr sanft“, knurrte der Mann. „Es liegt an meinen Muskeln, wissen Sie. Ich bringe es einfach nicht fertig, sie unter Kontrolle zu halten. Sie führen ihr eigenes Leben.“

„Wo sind die beiden?“

Der Portier schlug zu. Seine Faust fuhr ins Leere. Er stolperte, vom Schwung des Schlages mitgerissen, nach vorn. In seinem Gesicht spiegelte sich Verblüffung.

„Sie sind einer von den Schnellen, was?“, sagte er.

„Ich bin nicht nur schnell“, sagte Cantrell. „Ich bin auch ...“

Weiter kam er nicht. Der Portier versuchte diesmal, einen Tiefschlag anzubringen. Das reichte Cantrell. Er konterte kurz und trocken. Seine Faust landete präzise auf der Kinnspitze des Breitschultrigen.

Der Portier flog gegen den Tresen. Er stieß sich sofort wieder ab, hochrot vor Zorn. Aber sein Gegenangriff stieß wieder ins Leere. Cantrell tänzelte zur Seite. Dann feuerte er aus der Drehung heraus die Linke ab. Er traf. Er traf auch, als er die Rechte benutzte. Er feuerte eine Dublette ab. Dann noch eine.

Das war genug. Der Portier musste sich mit beiden Händen am Tresen festhalten, um nicht zu Boden zu gehen. Er war so sehr damit beschäftigt, sein Gleichgewicht wiederzufinden, dass Cantrell darauf verzichtete, sich weiter um ihn zu kümmern. Er sah, dass die Schlüssel 11 und 12 fehlten, und hastete in die erste Etage. Wenn der Lumberjack-Träger mit dem Mädchen in einem Zimmer war, musste es eines von diesen beiden sein.

Cantrell blieb im ersten Stock vor dem Zimmer 11 stehen. In der Luft hing ein penetranter Geruch von Bohnerwachs. Am Ende des Korridors befand sich der Zugang zum Bad. Daneben hing ein Münzfernsprecher. Durch ein Fenster mit schmutziger Gardine wurde trübes Licht in den Korridor gefiltert. Cantrell klopfte. Der Schlüssel steckte von außen. Niemand antwortete. Er wiederholte das Klopfen. Dann drückte er die Klinke nach unten und trat ein.

Das Zimmer war mittelgroß. Seine Einrichtung stammte aus den dreißiger Jahren. Das galt auch für die Tapete, deren ursprüngliche Farben sich nur ahnen ließen. Immerhin stand neben dem Bett ein moderner Fernseher. Mit Münzautomat. Auf dem Nachtschränkchen lag eine Bibel.

Das Doppelbett war zerwühlt. Über einem Stuhl hing eine Damenstrumpfhose. Die Tür zum Nebenraum stand halboffen.

„Hallo!“, rief Cantrell.

Niemand antwortete. Er schob mit der Fußspitze die Tür auf. Seine Augen weiteten sich und sein Herz machte einen jähen, schmerzhaften Sprung.

Das Badezimmer war ungewöhnlich groß und mit Jugendstilkacheln bis unter die Decke dekoriert. An der Wand hing ein gewaltiger Geyser. Die Wanne war ein antiquiertes Monstrum. Sie stand auf gusseisernen Füßen, die die Form von Tierpranken hatten.

In der Wanne saß ein Mann.

Voll bekleidet.

Die Wanne enthielt keinen Tropfen Wasser.

Der Mann starrte Cantrell direkt ins Gesicht, aber er schien ihn weder zu sehen noch zu erkennen. Er rührte sich nicht. Seine weit geöffneten Augen waren starr, und die Pupillen hatten sich geweitet.

Cantrell spürte, dass etwas an seiner Kehle zu zerren begann.

„Silk!“, stieß er hervor. „Mein Gott, Silk!“

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10

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Morton Philby antwortete nicht.

Cantrell war mit zwei Schritten bei ihm. Er prüfte den Puls. Der schlug noch, wenn auch seltsam träge, als müsste Silks Herz zähflüssiges Schmieröl durch die Adern treiben.

Cantrell machte kehrt. Im Schlafzimmer prallte er mit dem Portier zusammen. Der Hüne war nicht allein gekommen. Er hatte einen Revolver mitgebracht. Die Waffe verbreitete einen starken Geruch. Sie war offensichtlich erst kürzlich gereinigt worden.

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738922936
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
krimi trio september drei thriller buch

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Titel: Krimi Trio September 2018: Drei Thriller in einem Buch