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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band #16: Mörder heiratet man nicht

2018 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 16: Mörder heiratet man nicht

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

8.

9.

10.

11.

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14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 16: Mörder heiratet man nicht

 

 

von Joachim Honnef / Tomos Forrest

 

 

Zyklus: Wilde Jugendjahre in Cornwall, Band 7

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von Edmund Blair Leighton mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

In der Hochzeitsnacht wird die Braut aus der Burg ihres Mannes entführt, und Sir Morgan of Launceston nimmt zusammen mit den Kriegsknechten Cynan und Rhodri die Verfolgung auf. Doch schon bald stellt es sich heraus, dass es offenbar nicht nur um eine Entführung geht, sondern der Ehemann auch eine überaus dunkle Vergangenheit aufweist, die ihn nun wieder eingeholt hat.

Es war eines der unglaublichsten Abenteuer, das Morgan je erlebt hatte. Ein teuflisches Spiel um Mord, Heimtücke, Verrat, Rache und Geldgier …

 

 

***

 

 

1.

 

Sir Buchanan erbleichte, als er das Porträt sah. Es war das Bild eines Mannes, der durch sein Messer gestorben war!

Für Augenblicke stieg die Erinnerung an jene Nacht des Schreckens in ihm auf, als ihn die Gier nach Reichtum übermannt hatte. Erneut glaubte er, Odulfs Flehen um Gnade zu hören und das Entsetzen in den weit aufgerissenen Augen zu sehen. Es war ihm, als halle der schaurige Todesschrei in seinen Ohren.

„Was ist das?“, fragte er mit belegter Stimme und wies mit leicht zitternder Hand auf die Zeichnung.

Der Mann, der sich als Hyras, der Bote eines alten Freundes, ausgegeben hatte, grinste verschlagen.

„Das ist ein Bild“, sagte er spöttisch. „Eine Zeichnung von Odulf. Gut getroffen vom Künstler, nicht wahr? Ich soll dir Grüße von Odulf bestellen. Grüße aus der Hölle!“

Und dann zog er langsam die Hand unter seiner abgewetzten Cotte hervor. Die Klinge eines Dolches funkelte im Schein der Kerzen.

Buchanan starrte benommen auf den Dolch. Dann sah er in die kleinen, braunen Augen des Mannes auf. Der Blick ließ ihn frösteln.

„Ich … ich brauche nur die Wachen zu rufen“, krächzte Buchanan.

„Nur zu“, antwortete Hyras gelassen und reinigte sich mit der Dolchspitze die Fingernägel.

Erst jetzt fiel Buchanan auf, dass der Kerl dreckige Hände hatte, als hätte er in schwarzer Erde gewühlt. Er schalt sich einen Dummkopf, den Burschen überhaupt empfangen zu haben. Aber er war neugierig auf die Botschaft eines alten Freundes gewesen.

„Nur zu“, wiederholte Hyras und blickte spöttisch auf. „Dann erzähle ich den Wachen, dass ihr Herr ein Mörder ist.“

Buchanan schluckte.

„Es war kein Mord“, sagte er mit gepresster Stimme. „Es war ein Duell.“

„Ziemlich ungleiches Duell“, erwiderte Hyras. „Odulf waffenlos und verletzt am Boden, du aber mit dem Schwert.“

Schlagartig verlor sich Buchanans Beklemmung. Er gewann seine Selbstsicherheit zurück. Da hatte irgendeiner von Odulfs alten Kumpanen Vermutungen über Odulfs Tod angestellt und sich eine Geschichte zusammengebastelt, die zwar im Kern stimmte, doch nicht in den Einzelheiten. Odulf hatte zwar hilflos am Boden gelegen, doch er war nicht verletzt gewesen. Und er, Buchanan, hatte ihn nicht mit dem Schwert getötet, sondern mit dem Messer.

Ein Bluff, den dieser Kerl versuchte, nichts weiter.

Buchanan bemühte sich, seine Gedanken zu verbergen.

„Wer hat dieses Lügenmärchen erzählt?“, fragte er.

„Odulf“, erwiderte Hyras. „Erst vorgestern …“ Er verstummte wie jemand, der sich verplappert hat.

Buchanans Augen verengten sich. Sollte tatsächlich sein erster Verdacht zutreffen und Odulf noch am Leben sein? Nein, das war unwahrscheinlich.

„Wieso vorgestern?“, fragte er lauernd. „Sagtest du nicht vorhin, ich hätte ihn ermordet?“

Hyras erkannte, dass er einen entscheidenden Trumpf aus der Hand gab, wenn er die Wahrheit sagte.

Denn Odulf lebte. Und Odulf hatte Rachepläne. Hyras hatte belauscht, was Odulf mit seinem Unterführer besprochen hatte. Dabei war auch von dem damaligen Ereignis die Rede gewesen. Hyras hatte sich das Wissen zunutze machen wollen, um sein eigenes Süppchen zu kochen.

„Vorgestern fand ich heraus, dass du hier der neue Burgherr bist“, log Hyras, denn das hatte Odulf schon vor Monaten ermittelt, und seit Hyras das Gespräch belauscht hatte, wusste auch er es. „Da erinnerte ich mich an die Geschichte, die mir Odulf erzählte, bevor er starb.“

Buchanan atmete auf. Natürlich war Odulf tot. Dieser Hyras versuchte ihn mit einem billigen Bluff zu erpressen.

„Niemand wird dir dieses Lügenmärchen glauben“, sagte er mit fester Stimme.

„Der hier glaubt es“, sagte Hyras wieder selbstsicher und hob den Dolch an. „Und wenn du nach den Wachen rufst …“

„Hast du keine Chance“, unterbrach ihn Buchanan, und er öffnete den Mund zu einem Schrei.

„Du aber auch nicht!“, zischte Hyras und stieß die Hand mit dem Dolch weiter vor.

Buchanan wich zurück.

Seine Gedanken jagten sich. Er zwang sich zur Ruhe. Zeit gewinnen, den Kerl hinhalten und dann … Ja, dieser Hundsfott musste zum Schweigen gebracht werden. Selbst wenn Wort gegen Wort stand, konnte es Ärger geben.

Irgendjemand von der damaligen Bande konnte Wind bekommen haben, dass er jetzt hier als Burgherr lebte und ihn mit seinem Wissen erpressen wollen. Außerdem konnte er es sich vor der Hochzeit nicht leisten, dass sein guter Ruf beschmutzt wurde. Lady Aine of Kyrton war eine reiche Partie. Sie konnte es sich anders überlegen, wenn sie von seiner dunklen Vergangenheit erfuhr. Ja, der Kerl musste zum Schweigen gebracht werden.

„Was willst du also?“, fragte Buchanan und setzte eine hilflose Miene auf.

Hyras ließ den Dolch sinken und grinste. „Na also. Auf diese vernünftige Frage warte ich schon die ganze Zeit. Ich mache dir einen Vorschlag zur Güte. Du gibst mir die Hälfte von der damaligen Beute, die du Odulf abgenommen hast, und keine Menschenseele wird je etwas erfahren.“

„Ich habe viel Geld für die Burg, für Waffen, Rüstungen und meine Männer gebraucht. Da ist nicht mehr viel übrig.“

Hyras nickte wissend. Das hatte Odulf auch gesagt. Deshalb hatte dieser auch einen ganz besonderen Plan, wie er Buchanan dennoch „melken“ konnte. Doch von diesem Plan hatte Odulf nur etwas erwähnt. Einzelheiten hatte Hyras nicht gehört, als er gelauscht hatte.

„Ich könnte dir fünfzig Silberlinge geben“, fuhr Buchanan fort, und er dachte daran, dass er beim Auszahlen ein Messer in die Rippen dazu geben würde.

Fünfzig Silberlinge!, dachte Hyras. Das war mehr, als er je auf einem Haufen gesehen hatte. Einen Augenblick lang war er versucht, sich damit zufriedenzugeben. Doch dann gewann seine Gier die Oberhand.

„Ich hörte, dass du reich heiratest“, sagte er mit einem verschlagenen Grinsen.

„Woher weißt du das?“, fragte Buchanan lauernd.

„Das hat sich inzwischen im Lande herumgesprochen“, antwortete Hyras ausweichend. „Gib mir die fünfzig als Anzahlung, und den Rest hole ich mir nach der Hochzeit. Einverstanden?“

Buchanan schluckte seinen Zorn hinunter.

„Es bleibt mir wohl keine Wahl. Aber ich kann die fünfzig Silberlinge erst in drei Tagen zahlen. Ich habe Geld verliehen und …“

„Erzähl mir nichts. Also gut, ich will dir drei Tage Zeit lassen. Ich erwarte dich dann bei der ausgebrannten Mühle südlich von Lahnydrock Castle. Weißt du, wo das ist?“

Buchanan nickte.

„Gut. Du kommst allein nach Einbruch der Dunkelheit und gibst dich mit einem dreifachen Eulenschrei zu erkennen. Wenn du nicht kommst und zahlst, werde ich deine Zukünftige über deine Vergangenheit informieren. Dann ist es mit der reichen Partie aus. Verstanden?“

Buchanan nickte. Und in ihm reifte schon ein Plan, wie er Hyras für immer zum Schweigen bringen konnte.

 

 

2.

 

Es dunkelte. Die Ruine der ausgebrannten Mühle hob sich düster vom bewölkten Himmel ab. Bei dem Brand war damals die Familie des Müllers im Schlaf überrascht worden und in den Flammen umgekommen. Die Müllerin und vier Kinder. Der Müller war im nahen Ort gewesen, hatte Mehl geliefert und anschließend bis in die Nacht hinein im Wirtshaus gezecht. Als er zurückgekehrt war, hatte er in den schwelenden Trümmern die verkohlten Leichen seiner Angehörigen gefunden. Bei dem grauenvollen Anblick hatte er vermutlich den Verstand verloren. Man fand ihn später erhängt in der Ruine.

Man sagte, dass heute noch die Geister der Toten in der Ruine spukten.

Hyras fühlte sich unbehaglich an diesem Ort. Etwas raschelte zwischen Asche und verkohlten Holzresten. Hyras zuckte zusammen und packte das Schwert fester. Dann entspannte er sich. Es war vermutlich eine Maus oder Ratte, die davongehuscht war.

Verdammt, wo bleibt er?, fragte sich Hyras. Wachsam spähte er in die Runde. Er konnte das Gelände weit in alle Richtungen überblicken, weit genug, um zu seinem Pferd zu gelangen, das zwischen Büschen am Bach versteckt war. Falls Buchanan mit all seinen Männern anrückte, um ihm den Garaus zu machen, konnte er unbemerkt durch das tiefliegende Bachbett verschwinden.

Schließlich hörte Hyras den Hufschlag von Nordwesten und spähte angestrengt in die zunehmende Dunkelheit.

Ein einzelner Reiter näherte sich.

Hyras blieb wachsam.

Er hielt sich im tiefen Dunkel zwischen Mauerresten und verkohlten Balken, beobachtete den Reiter und blickte auch in die anderen Richtungen. Niemand sonst war zu entdecken. Es konnte sich auch tagsüber niemand in einen Hinterhalt gelegt haben. Seit zwei Tagen hatte Hyras die Mühle und die weitere Ebene beobachtet.

Der Reiter war schließlich bis auf ein paar Dutzend Klafter (Spanne zwischen den ausgestreckten Armen eines Erwachsenen Mannes) heran und parierte das Pferd. Sichernd blickte er sich um. Dann gab er das verlangte Erkennungszeichen.

„Das ist keine Eule, sondern ein kranker Rabe!“, rief Hyras laut. Er lachte, als Buchanan erschrocken im Sattel herumfuhr.

„Wo bist du?“, fragte Buchanan, und sein Kopf flog in die Richtung, aus der die Stimme im tiefen Dunkel erklungen war.

Hyras änderte schnell die Position und ahmte ein Echo nach:

„Hier … hier … hier!“

„Lass den Blödsinn“, sagte Buchanan grollend.

„In Ordnung“, ertönte Hyras Stimme von einer anderen Stelle. „Hast du die fünfzig Silberlinge?“

„Ja“, erwiderte Buchanan mit dumpfer Stimme.

„Dann wirf sie her, und du kannst verschwinden.“

Buchanan zögerte.

„Falls du gedacht hast, du könntest mich mit einem Messer oder so etwas überraschen, so hast du dich geschnitten“, rief Hyras spöttisch. Und er bluffte: „Im Übrigen ziele ich mit einem Pfeil auf deine Brust. Also los, her mit den Silberlingen! Mein Arm schläft bei dem gespannten Bogen fast ein, und wenn der Pfeil losfliegt …“

„Du willst doch nicht die Kuh töten, die du weiterhin melken willst“, sagte Buchanan.

„Den Ochsen, meinst du wohl.“ Hyras lachte. „An deiner Stelle würde ich’s nicht darauf ankommen lassen. Könnte ja sein, dass ich mich mit den fünfzig zufriedengebe. Also …“

„Schon gut“, rief Buchanan hastig. „Ich binde die Tasche los.“

Hyras sah, wie sich Buchanan im Sattel drehte und an irgendetwas herumfummelte. Anschließend holte er mit der Satteltasche aus und warf sie zu der Ruine hin. Sie landete etwa fünf Schritte entfernt mit leisem Klirren am Boden.

„Kannst du nicht weiter werfen?“, sagte Hyras ärgerlich, denn jetzt musste er aus dem Dunkel der Ruine heraustreten, und gerade lugte der Vollmond zwischen Wolken hervor.

„He, du hast doch nicht etwa einen faulen Trick vor?“, fragte Hyras misstrauisch. Angespannt blickte er in die Runde. Es war nichts Verdächtiges zu bemerken.

„Quatsch“, rief Buchanan. „Sei nicht so überängstlich.“

„Der Einzige, der Angst haben sollte, bist du!“, gab Hyras zurück. „Und damit du dir nicht in die Hosen machst, lasse ich dich jetzt reiten. Ich hoffe, dass kein Silberstück fehlt. Sollte das der Fall sein, wird’s beim nächsten Mal teurer für dich.“

„Es fehlt an nichts“, erwiderte Buchanan. „Zähl nur nach.“

Dann zog er sein Pferd herum und ritt im Schritt davon.

Hyras wartete, bis er weit genug entfernt war. Dann eilte er aus dem Dunkel der Ruine zu der Ledertasche.

Er warf einen Blick zu dem Reiter, doch Buchanan wandte sich nicht um. Und selbst wenn er jetzt noch zurück galoppiert wäre, hätte er keine Chance gehabt. Mit ein paar Sätzen wäre Hyras wieder in der Dunkelheit der Ruine gewesen und hätte ihm dort auflauern können.

Hastig öffnete Hyras mit der linken Hand den Riemen der Ledertasche, die fest verschlossen war. Der zweite Gurt ließ sich schwerer öffnen, und Hyras legte das Schwert ab und nahm die Rechte zu Hilfe. Er schlug die Tasche auf und griff mit beiden Händen in das Silber hinein.

Dann stieß er einen markerschütternden Schrei aus.

Die Silberstücke waren da. Doch zusätzlich hatte Buchanan noch etwas anderes eingepackt.

Etwas ringelte aus der Tasche hervor über Hyras’ Arme, und gleichzeitig spürte er schon, wie er gebissen wurde.

Schlangen. Mindestens drei.

Giftschlangen!

Buchanan hatte sein Pferd gezügelt. Er wandte den Kopf und sah, wie der Erpresser verzweifelt um sich schlug, schreiend die Schlangen abschüttelte, dann das Schwert hochriss und wie besessen um sich schlug.

Ein kaltes Lächeln spielte um Buchanans Lippen.

Er sah, wie der Mann schließlich schwankte und in die Knie brach. Das Schwert entglitt Hyras’ kraftlosen Fingern.

Ein guter Bekannter, ein alter Einsiedler, der Schlangen fing, um die Häute zu verkaufen, hatte ihm drei Exemplare für ein paar Goldstücke besorgt und Buchanan gewarnt, dass der Biss der Schlangen absolut tödlich sei.

Der Alte hatte nicht zu viel versprochen.

Buchanan wartete, bis die Schreie verstummt waren. Grinsend hörte er sich an, wie ihn der Sterbende verfluchte. Schließlich verstummten auch die letzten geröchelten Laute, und die Gestalt am Boden rührte sich nicht mehr.

Schließlich ritt Buchanan zurück, um sich die Tasche mit dem Silber zu holen. Mit aller Vorsicht, versteht sich. Er brauchte nur noch einer Schlange den Kopf abzuschlagen. Die anderen hatte Hyras getötet.

Als Buchanan schließlich davonritt, war es ihm, als hätte er einen endgültigen Schlussstrich unter das üble Kapitel seiner Vergangenheit gezogen.

Er ahnte nicht, dass Odulf bereits seit langem auf den Tag der Rache wartete. Ein paar Tage später erhielt Buchanan dann die Morddrohung.

 

 

3.

 

Es war ein berauschendes Fest. Buchanan feierte Hochzeit mit Lady Aine of Kyrton. Erlesene Speisen und Getränke wurden aufgetragen, und dann ergötzten sich die vielen Gäste an Musik, Tanz und dem Spiel der Gaukler. Johel de Vautort, der berühmte Minnesänger, trug seine neueste Ballade vor. Er pries darin Lady Aines Schönheit und Buchanans Klugheit, woraufhin beide geschmeichelt lächelten. Ja, der charmante Minnesänger wusste, wie er die Gunst seines Publikums erobern konnte. Flugs fügte er noch ein paar Komplimente für alle anderen auf der Burg hinzu und vergaß nicht, Ritter Morgan und seine Gefährten zu rühmen, die vom Sheriff, Sir Ronan of Launceston, zu dieser Hochzeit entsandt worden waren. Ja, es war eine Feier, die alle Gäste rundum zufriedenstellte.

Buchanan konnte sich glücklich preisen. Aine war reich und schön. Sie war Mitte zwanzig, blond und blauäugig. Ihr Lächeln hatte etwas Schwermütiges. Gewiss dachte sie in dieser schicksalhaften Stunde an ihre Angehörigen, die nicht an der Feier teilnehmen konnten. Jeder wusste, welch tragische Schicksalsschläge Lady Aine erlitten hatte. Nach einem knappen Jahr Ehe war ihr Mann, ein junger Ritter, an den Folgen einer schweren Erkältung gestorben. Und dann hatte Aine ihre gesamte Familie bei einem Unglücksfall verloren. Sie hatte Burg Kyrton geerbt, und es war seit langem kein Geheimnis, dass sie dafür einen Burgherrn suchte. Jetzt war sie mit Buchanan, einem Mann von ihrem Stande, vermählt. Buchanan war Anfang vierzig, ein stämmiger, großer Mann, dessen Schläfen schon grau wurden und dessen Gesicht stets verdrossen und grimmig wirkte, selbst wenn er lächelte. Aber das lag vielleicht an seinen augenblicklichen Sorgen.

Daran musste der Soldat Rhodri denken, als er Buchanan beim Vortrag der Ballade lächeln sah.

„Johel trägt ein bisschen dick auf“, murmelte Rhodri. „Findest du nicht auch, Cynan?“ Er blickte den Gefährten an, der neben ihm an der Tafel saß.

Cynan kratzte sich am schwarzen Bart.

„Der Erfolg gibt dem Schmeichler recht“, brummte er. „Sieh doch nur, wie Buchanan vor sich hin grinst, wenn Johel seine Klugheit rühmt. Und wie die schöne Aine ob seiner Lobhudeleien dahin schmilzt.“

Dann grinste Cynan, denn Johel de Vautort sang zum Klang der Laute von der Tapferkeit Morgans und seiner Soldaten.

„Da hat er recht“, fügte er hinzu und erwiderte den glühenden, bewundernden Blick einer jungen Zofe mit einem blitzenden Lächeln. Sie lächelte zurück.

„Eine süße Zofe“, bemerkte Rhodri an Cynans Seite.

„Das kann man wohl sagen“, brummte Cynan.

In diesem Augenblick beendete Johel seine Ballade, die eine Lobeshymne auf das Brautpaar und auf alle Anwesenden der Burg war. Lächelnd verneigte sich der berühmte Minnesänger und nahm die Ovationen hin.

Eine der Hofdamen warf ihm gar eine Kusshand zu. Die Musikanten spielten auf, und Johel forderte die Dame zum Tanze auf.

Rhodri seufzte. Zu gern hätte er auch getanzt, aber das war in seiner Position unmöglich. Er dachte betrübt an den Auftrag, den Ritter Sir Morgan von seinem Vater, Sir Ronan, erhalten hatte.

Sie sollten das Brautpaar bewachen. Nicht nur in der Hochzeitsnacht, auch auf der anschließenden Hochzeitsreise.

Buchanan hatte eine Morddrohung erhalten. Wenn er nicht tausend Silberlinge an einem bestimmten Ort hinterlege, ginge es ihm wie den Herren Atair und Dhorie, deren Ermordung kürzlich geschah und wochenlang das Gespräch in ganz Cornwall war.

Buchanan nahm die Drohung ernst. Der eine der beiden Ritter war vergiftet, der andere erschlagen worden. Beide in der Hochzeitsnacht!

Deshalb hatte Buchanan Vorsorge getroffen. Die Wachen waren verstärkt worden, und zusätzlich hatte Buchanan Morgan und seine Soldaten um Schutz gebeten. Der Sheriff hatte Morgan zur Hochzeit gesandt, weil Lady Aines Familie mit seiner Gemahlin Lady Gilian befreundet war.

Der Ritter saß jetzt an der Seite des frisch vermählten Paars, und des Nachts würden die Soldaten im Nebenzimmer des Schlafgemachs wachen, bis Sir Morgan die Ablösung übernahm und die beiden ein paar Stunden schlafen konnten, bevor sie die Bewachung fortsetzten.

Am nächsten Tag würden sie dann abreisen und das Paar begleiten.

Rhodri seufzte und trank einen Schluck Bier. Der Ochsenbraten zum Abendessen war mit pikanten Kräutern gewürzt gewesen, und der Soldat verspürte Durst. Rhodri schielte zu dem Krug mit Wein, aus dem der Mundschenk den anderen Gästen eingoss. Wie gerne hätte er Wein statt des abgestandenen Bieres getrunken! Doch Sir Morgan hatte es verboten, damit ihnen nicht bei der Wache die Augen zufielen.

Morgan hielt Buchanans Sorge für übertrieben. Es war sicherlich Zufall, dass zwei Burgherren ausgerechnet in der Hochzeitsnacht ermordet worden waren. Doch aus Rücksichtnahme auf seine Mutter, Lady Gilian, und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu Buchanans Braut. erfüllte er Buchanans Wunsch.

Buchanan bangte tatsächlich um sein Leben, denn bei der zweiten Morddrohung war der Brief mit Odulf unterzeichnet. Doch davon hatte Buchanan Morgan nichts gesagt …

Auch Cynan musste mit dem abgestandenen und zudem verdünnten Bier vorlieb nehmen, statt sich an dem guten Wein zu laben wie die anderen Gäste.

So waren die beiden Gewappneten hellwach, als sie um Mitternacht auf ihren Posten im Zimmer neben dem Schlafgemach des Brautpaars waren, das sich soeben zurückgezogen hatte.

Deshalb hörten sie auch die Geräusche: Ein Aufstöhnen, ein Poltern und einen dumpfen Aufprall im Nebenzimmer.

Rhodri tauschte einen überraschten Blick mit Cynan.

Cynan grinste. „Die gehen aber gleich heftig zur Sache“, murmelte er.

Die beiden lauschten. Jetzt war es still im Nebenzimmer. Schon beinahe unnatürlich still.

„Sollen wir fragen, ob alles in Ordnung ist?“, flüsterte Rhodri.

Cynan schüttelte den Kopf. „Der Takt verbietet es, das frischvermählte Paar zu stören. Außerdem wüssten sie dann, dass wir an der Tür gelauscht haben.“

„Du glaubst also auch nicht, dass die Drohung ernst zu nehmen ist?“

„So ist es. Es wird ein dummer Scherz sein. Außerdem hat sich der Briefeschreiber nicht mehr gemeldet, obwohl Buchanan die Frist verstreichen ließ, ohne zu zahlen. Weiß der Kuckuck, weshalb der Gute solch eine Heidenangst hat, dass er uns reich entlohnen will, wenn wir ihn heute Nacht und auf der Reise zur Burg Kyrton beschützen. Gewiss will er nur bei Lady Aine protzen, dass er sich den ruhmreichen Morgan und seine ebenso berühmten Gefährten als Lakaien halten kann.“ Er grinste Rhodri an. „Vertreiben wir uns die Zeit mit Würfeln oder Knobeln?“

Rhodri entschied sich für Knobeln, weil er bei den letzten Würfelpartien eine Pechsträhne gehabt hatte.

Diesmal verlor er beim Knobeln.

Schon nach fünf Minuten hatte Cynan ihm fünf Kupferstücke abgeknöpft, und Rhodri dachte betrübt, dass es eine teure Nacht werden würde, wenn er weiterhin solches Pech hatte.

Sie hielten im Spiel inne, als jemand draußen auf dem Gang an die Tür des Nebenzimmers klopfte.

Im Schlafgemach blieb alles still.

Wieder klopfte es. Dann ertönte eine Männerstimme auf dem Gang. Die Soldaten erkannten die Stimme eines Dieners.

„Verzeiht die Störung, Herr, aber ich hörte das Glöckchen klingeln.“

Stille.

In diesem Augenblick ertönte in der Burg ein langgezogener Schrei, dann war ein Klatschen zu hören, und der Schrei verstummte wie abgeschnitten.

Die Soldaten sprangen auf und ergriffen ihre Schwerter.

Auf dem Gang klopfte der Diener heftig gegen die Tür des Schlafgemachs.

„Was ist passiert?“, rief er mit angespannter Stimme.

Cynan hielt sich nicht mit Anklopfen auf. Er ahnte, weshalb sich niemand im Nebenzimmer meldete. Zudem schrie jetzt jemand in der Burg Alarm.

Cynan warf sich gegen die Tür, die Buchanan verriegelt hatte, wie der Soldat wusste.

Beim ersten Anlauf hielt die Tür stand. Beim zweiten Versuch landete Cynan buchstäblich mit der Tür im Haus. Er rappelte sich auf.

Das Zimmer war dunkel, doch im Schein des Mondes, der durch das Fenster hereinfiel, erkannten die Soldaten die dunkle Gestalt auf dem Boden neben dem Bett.

Buchanan!

Von Lady Aine war nichts zu sehen.

Cynan kniete sich neben Buchanan und tastete nach dem Puls. Gleich darauf atmete der Soldat auf. Buchanan lebte.

Rhodri hatte derweil die Öllampe auf der Kommode neben dem Bett angezündet. Jetzt sahen sie das Blut am Hinterkopf des Burgherrn. Am Boden lag ein schwerer Leuchter. Cynan sah Blut daran und wusste, dass Buchanan damit niedergeschlagen worden war.

Er eilte zum offenen Fenster. Eine Strickleiter hing in den Burggraben hinab.

Rhodri nahm ein Blatt Papier vom Bett, und seine Augen weiteten sich, als er die Botschaft las.

„Oh Gott“, sagte er. „Sie haben die Lady entführt und fordern Lösegeld!“

Er tauschte einen Blick mit Cynan.

Cynan gürtete sein Schwert und hieb fluchend mit der geballten Rechten in die linke Handfläche.

„Verdammt, verdammt! Und alles praktisch vor unserer Nase! Was wird uns Sir Morgan sagen?“

Dieser war bald darauf zur Stelle. Kein Wort des Tadels kam über seine Lippen, als die Soldaten zerknirscht berichteten. Morgan machte sich selbst Vorwürfe. Dass jemand unbemerkt über eine Strickleiter in das Gemach gelangen könnte, hatte er nicht in Erwägung gezogen.

Es war nicht viel, was die Soldaten inzwischen herausgefunden hatten. Jemand musste bereits im Zimmer gelauert und gleich zugeschlagen haben. Ein Wachtposten hatte einen Mann mit einer Frau über der Schulter beim Abstieg auf der Strickleiter entdeckt. Als er Alarm hatte schreien wollte, wurde er von einem Pfeil getroffen, stürzte ab und hatte sich im Burggraben das Genick gebrochen. Andere Wachtposten hatten dann noch gesehen, wie der Entführer mit der Frau über der Schulter im Wäldchen verschwunden war, das sich östlich der Burg erstreckte. Von dort aus hatten die Entführer den Weg zu Pferd fortgesetzt. Nach den Spuren zu schließen, mochten es ein halbes Dutzend Reiter sein. Sie waren nach Osten geritten.

Buchanan erwachte bald darauf aus seiner Ohnmacht. Er wusste nur zu berichten, dass ihn etwas am Kopf getroffen hatte. Er wirkte völlig verstört und bat Morgan inständig, die Verfolgung der Entführer aufzunehmen. Ihr Vorsprung war nicht groß, und Buchanan hoffte, dass Morgan und ein Reitertrupp die Kerle noch fassen und Aine befreien konnten, bevor sie in irgendeinem Versteck verschwanden.

Einiges an Buchanans Verhalten und seinen Worten kam Morgan seltsam vor, doch er führte es auf den Schock zurück.

Buchanan hatte tatsächlich einen Schock bekommen, als er die Lösegeldforderung gelesen hatte. Sie war in Odulfs Handschrift abgefasst.

Doch all das konnte Morgan nicht wissen.

So ritt er mit den Soldaten und einem Dutzend von Buchanans Männern durch die Nacht. Buchanan ließ sich derweil auf Morgans Rat hin von Johel de Vautort und zwei anderen Männern bewachen. Morgan bezweifelte, dass Buchanan noch in Gefahr war. Schließlich wollten Aines Entführer das Lösegeld, und Tote können bekanntlich nicht zahlen. Doch Morgan wollte ganz sicher gehen.

In einem dunklen Waldstück verlor der Trupp die Fährte. Morgan ließ die Männer ausschwärmen und systematisch suchen. Er selbst hatte dann Glück und fand am östlichen Waldrand einen Steigbügel. Der Gurt des Steigbügels war frisch abgerissen. Morgan suchte die nähere Umgebung ab und entdeckte schließlich im weichen Boden die Hufspuren.

Ein Teil von Buchanans Mannen suchte noch auf der anderen Seite des Waldstücks. Morgan wollte keine Zeit verlieren und gleich der frischen Fährte folgen. So nahm er nur die Gefährten und vier weitere Männer mit, die in der näheren Umgebung gesucht hatten und geschwind zur Stelle waren, als er sie rief. Er schickte einen Boten zum Rest des Trupps, der die Männer informieren sollte, wo die Fortsetzung der Spuren gefunden worden war. Die Reiter sollten dann folgen.

An einer Weggabelung zügelte Morgan sein Pferd Die Gewappneten und Buchanans Männer hielten hinter ihm.

„Sie haben sich getrennt“, stellte Cynan fest, als er wie Morgan die Hufabdrucke im lehmigen Boden musterte.

„Folglich werden wir dasselbe tun“, sagte Sir Morgan. Er teilte schnell die Männer ein und mahnte sie: „Unternehmt nichts, was das Leben der Gefangenen gefährden könnte. Wenn die Kerle mit der Geisel freien Abzug erpressen, dann lasst sie reiten. Versucht anschließend vorsichtig herauszufinden, wohin sie die Gefangene bringen.“

Die Männer nickten.

Morgan ritt mit Rhodri und einem Junker auf den Spuren zweier Reiter, die nach Nordwesten abgebogen waren. Die anderen folgten unter Cynans Führung der anderen Fährte.

 

 

4.

 

Odulfs Reiter und Lady Aine galoppierten durch die Nacht.

Evan, der Anführer des Trupps, fluchte. Sein Hengst hatte den rechten Steigbügel verloren. Der Gurt war eingerissen und durchgebrochen. Gewiss war ein Pferd auch mit nur einem Steigbügel oder ganz ohne zu reiten, doch Evan fand es ungewohnt und unbequem. Er wusste nicht, wohin mit dem rechten Bein, und er hatte das Gefühl, sein ganzes Gewicht laste auf der linken Seite, wo er den Fuß im Bügel hatte. Schließlich zog er den linken Fuß aus dem Steigbügel und ließ das Bein ebenfalls herabhängen. So fand er es schon etwas bequemer.

Er blickte zu der Frau an seiner Seite. Er bewunderte ihre perfekte Haltung im Sattel, ihre stolze Schönheit. Er bewunderte die ganze Frau. Vom ersten Augenblick an war er verrückt nach ihr gewesen.

Dann dachte Evan an Odulf, der diese Frau als sein Eigentum betrachtete, und seine Miene verfinsterte sich.

Es war nicht alles nach Plan verlaufen. Ein Wachtposten hatte sie beim Abstieg über die Strickleiter entdeckt und Alarm geschlagen. Zum Glück hatte der Mann, der für alle Fälle am Burggraben gewartet hatte, die Gefahr schnell beseitigt. Sein Pfeil hatte den Wachtposten getroffen, und so waren sie entkommen. Doch eigentlich hätte Lady Aines Verschwinden erst am Morgen bemerkt werden sollen, wenn sie längst über alle Berge gewesen wären.

Jetzt mussten sie mit Verfolgern rechnen.

Evan fing einen Blick der Frau auf. Ein Gutes hat die Sache, dachte er. So habe ich einen triftigen Grund, mich mit ihr abzusetzen.

Er blickte besorgt zurück.

„Wir sollten uns trennen“, rief er durch das Trommeln des Hufschlags. „Ich reite mit Lady Aine allein weiter. In der Dunkelheit werden die Verfolger nicht bemerken, dass jemand abgebogen ist. Ihr lockt die Verfolger hinter euch her, und wenn es euch nicht gelingt, sie abzuhängen, lockt ihr sie in einen Hinterhalt und erledigt sie. Wir treffen uns dann auf der Burg. Noch Fragen? Warum grinst du so, Arn?“

Der Angesprochene zuckte mit den breiten Schultern. „Ich frage mich, weshalb du nicht bei uns bleibst. Mit ihr als Geisel kann uns doch gar nichts passieren.“

„Ihr tut, was ich befehle!“, gab Evan zornig zurück.

„Und was sollen wir Odulf sagen? Ich meine, weshalb du mit ihr allein …“

Er nickte zu Aine hin und ließ den Rest unausgesprochen. Doch sein Grinsen verriet seine Gedanken.

Jeder in der Bande wusste, wie eifersüchtig Odulf darüber wachte, dass keiner Lady Aine zu nahe kam. Und ebenso wusste jeder, dass Evan vernarrt in Aine war. Keiner wagte es, das Odulf zu sagen. In seinem Jähzorn und seiner verletzten Eitelkeit war Odulf fähig, einen Informanten auf der Stelle umzubringen.

Es war besser, man hielt sich da heraus, und Arnulf bereute schon seine Worte, als er Evans zornfunkelnden Blick sah.

„Das ist meine Sache“, erwiderte Evan mit scharfer Stimme. „Ich werde Odulf schon klarmachen, dass es keine andere Möglichkeit gab, als uns zu trennen. Da vorne ist die Weggabelung. Verschwindet jetzt!“

Die Männer trennten sich. Während Arnulf und die anderen den Waldweg nach Nordosten wählten, ritt Evan mit Aine nach Nordwesten weiter.

„Die sind wir los“, sagte Evan, als sie außer Hörweite waren. Er lachte und blickte zu der schönen Frau an seiner Seite.

„Hast du wirklich Sorge, dass wir verfolgt werden?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Unser Vorsprung müsste groß genug sein. Im Dunkeln können sie lange nach Spuren suchen. Außerdem haben wir mehrfach die Richtung geändert. Ich habe die anderen nur weggeschickt, um mit dir allein zu sein. Schließlich ist es deine Hochzeitsnacht. Ich denke, wir beide werden sie fortsetzen. Freust du dich, Liebling?“

„Ja, Evan“, erwiderte sie lächelnd.

Sein Herz pochte schneller bei diesen Worten. Doch zugleich fragte eine innere Stimme zweifelnd: Ob das tatsächlich stimmt?

 

 

5.

 

Es stimmte nicht ganz.

Gewiss, Evan sah nicht schlecht aus. Er hatte ein kühn geschnittenes Gesicht und eine stattliche Figur. Er war nicht so ungehobelt wie die anderen Kerle aus Odulfs Bande. Trotz seiner rauen Schale hatte er einen weichen Kern. Er pflegte sich, wusste charmant zu plaudern und war nicht grob, sondern sanft und zärtlich. Kurzum, Aine fand ihn keineswegs zuwider, und bisweilen fragte sie sich, wenn er sie in seinen starken Armen hielt, ob nicht doch Liebe ihrerseits mit im Spiel war. Doch dann musste sie an die schrecklichen Umstände denken, die sie zusammengeführt hatten, und sie sagte sich, dass ihre Gefühle für Evan allenfalls als tiefe Dankbarkeit zu bezeichnen waren.

Evan war ihre einzige Hoffnung.

Der rettende Strohhalm, an den sie sich verzweifelt klammerte.

Zunächst einmal hatte er sie vor Odulf, diesem Unhold, bewahrt, den sie hasste, wie sie noch nie einen Menschen gehasst hatte.

Odulf hatte ihre Familie in seine Gewalt gebracht. Zuerst die Mutter, um Aines Vater zu erpressen, und schließlich Aines ältere Schwester und den jüngeren Bruder. Der Vater war beim verzweifelten Versuch, seine Familie zu befreien, von Odulf getötet worden. die anderen vegetierten im Kerker von Odulfs Burg dahin.

Sie galten offiziell als verstorben. Odulf hatte Aine versprochen, ihrer Mutter und ihren Geschwistern die Freiheit zu schenken, wenn sie seinen Plan erfüllte. Doch Aine wusste von Evan, dass Odulf gar nicht daran dachte, sein Versprechen zu halten. Er hatte dem Vertrauten mit kaltem Grinsen erklärt: „Wozu soll ich mir Mitwisser als Läuse in den Pelz setzen? Sie bleiben meine Gefangenen. Ich brauche ein Druckmittel, damit Aine nach meiner Pfeife tanzt. Wenn ich mit Buchanan abgerechnet habe und seine Burg besitze, halte ich mir Aine als Weib. Sie wird meine Sklavin sein und sich hüten, mein Geheimnis preiszugeben, wenn ich ihr stets mit dem Tod ihrer Lieben drohe.“

Welch teuflischer Plan!

Selbst Evan war es ob dieser Unmenschlichkeit kalt über die Wirbelsäule gelaufen, und er war voller Mitleid mit Aine und ihren Angehörigen gewesen. Vor einem Raub um materieller Beute willen schreckte er nicht zurück. Doch er konnte nicht ertragen, dass Frauen Leid angetan wurde.

Bei diesem Gedanken empfand Aine wiederum tiefe Dankbarkeit.

Als Odulf ihr androhte, sie mit Gewalt zu nehmen, verhinderte Evan das mit einem Trick. Er bestach die Wahrsagerin, die Odulf sich auf der Burg hielt und deren Prophezeiungen für Odulf wie Gebote waren. Die Wahrsagerin hielt ihn mit ihren „Weissagungen“ davon ab, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Evan bezahlte sie dafür.

Aine blickte zu dem Mann an ihrer Seite und fing seinen bewundernden, glühenden Blick auf.

Er liebt mich!, dachte sie. Sie sah es ihm an den Augen an. Verwirrt stellte sie fest, dass sie sich tatsächlich auf die Rast mit ihm freute!

Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken. Schließlich war Evan ein Räuber!

Sie dachte an Odulfs teuflischen Plan.

Er hatte sie gezwungen, Buchanan zu heiraten.

Odulf und Buchanan waren einst Räuberkumpane gewesen. Sie hatten reiche Beute gemacht, und beim Teilen war es dann zum Streit gekommen. Buchanan, den alle im Lande für einen Biedermann hielten, hatte den Kumpan hinterrücks erstechen wollen. Doch Odulf hatte seinen Schatten gesehen und war herumgewirbelt. Hilflos hatte er vor Buchanan im Staub gelegen und um sein Leben gefleht. Buchanan hatte zugestochen. Dann hatte er den vermeintlichen Toten liegen gelassen und sich mit der Beute davongemacht.

Odulf war von einem Kräutersammler gefunden und gesund gepflegt worden.

Seither wartete er auf den Tag der Rache.

Er suchte lange nach Buchanan, bis er herausfand, dass der Lump inzwischen Burgherr geworden war und sich einen Adelstitel zugelegt hatte. Buchanan heiratete eine reiche Dame, die bald darauf verstorben war und ihm ihren Reichtum hinterlassen hatte. Odulf vermutete, dass Buchanan seine Gemahlin umgebracht hatte – und damit hatte er recht.

Buchanan hatte bei einem Ausritt dafür gesorgt, dass seine Gemahlin mit ihrem scheuenden Pferd in eine Schlucht stürzte. Genaues wusste Odulf nicht, doch er schloss von sich auf andere. Schließlich hatte er sich selbst auf ähnliche Weise seine Burg angeeignet.

Nun hätte Odulf gewiss eine Gelegenheit gefunden, Buchanan zu ermorden. Doch dann wäre er nicht an die Beute des damaligen Raubüberfalls herangekommen, Geld und Geschmeide von unermesslichem Wert. So ersann Odulf einen Plan, wie er sich nicht nur den Schatz, sondern die gesamte Burg gleich mit aneignen konnte. Er wusste, dass Buchanan eine Frau suchte, und deshalb entführte er Lady Aine und ihre Angehörigen. Danach zwang er Aine, ihre Rolle zu spielen. Er sorgte geschickt dafür, dass Buchanan sich für die junge, schöne Witwe interessierte. Aine bot sich zudem als reiche Partie an, und Buchanan biss sofort an.

Nach der Trauung sollte Buchanan beseitigt werden, und anschließend, nach der Trauerzeit, sollte die Witwe Odulf ehelichen, womit ihm die Burg zufiel.

Damit kein Verdacht auf ihn fiel, hatte er die Erpressung eingeleitet. Wenn sie zahlten, war das ein kleines Nebengeschäft, wenn nicht, dann stiftete es Verwirrung. Jeder musste annehmen, dass irgendeine Räuberbande am Werk sei, und Odulf wäre über jeden Verdacht erhaben.

All dies wusste Aine von Evan.

Bis jetzt war Odulfs Plan im Großen und Ganzen ausgeführt worden; Evan hatte nur eine Kleinigkeit geändert. Doch es sollte eine ganz andere Fortsetzung geben, als Odulf dachte.

Und diesem Tag fieberte Aine entgegen!

 

 

6.

 

Sir Morgan zügelte sein Pferd am Waldrand. Nebelschleier waberten über der Lichtung, an deren westlichem Rand die kleine Hütte stand.

Morgans Blick glitt zu den beiden Pferden, die zwischen den Birken bei der Hütte angebunden waren.

Wenn nicht alles täuschte, dann waren es die Tiere, deren Spuren sie bis hierher gefolgt waren.

„Ich verstehe nicht, warum sich zwei von den anderen getrennt haben“, murmelte Rhodri und blickte zu dem Junker an seiner Seite.

„Vielleicht sind wir einer falschen Fährte gefolgt“, meinte der und blickte Sir Morgan fragend an.

„Das werden wir gleich wissen“, erwiderte Morgan. Er gab den beiden Anweisungen. Sie ließen ihre Pferde im Wald zurück und schlichen sich von zwei Seiten in der Deckung der Bäume an die Hütte an.

Eines der Pferde schnaubte, als Morgan sich näherte.

Morgan verharrte und lauschte.

In der Hütte blieb alles still.

Morgan musterte die Pferde. Ihr Fell war verschwitzt und schmutzig. Die Tiere wirkten erschöpft und waren gewiss hart gefordert worden.

Morgan schlich weiter bis zu einem der kleinen Fenster. Vorsichtig spähte er in die Hütte.

Dann stockte ihm der Atem.

Auf einem Strohlager an der rückwärtigen Wand lag ein nacktes Paar.

Der Mann verdeckte weitgehend die Sicht auf die Frau, doch Morgan sah ihr blondes Haar, und mit einem schnellen Blick zu den Kleidungsstücken, die auf einem Schemel lagen, erkannte Morgan, dass die Frau Lady Aine war.

Hilflos war sie einem der Räuber ausgeliefert!

Morgan zog sein Schwert und stürmte in die Hütte.

 

 

7.

 

„Sie kommen!“, rief einer der Männer, als er von der Eiche aus die Reiter gewahrte, die sich wie gespenstische Schemen aus dem Grau des Morgennebels schälten.

Die anderen Räuber lagen zwischen den Büschen oberhalb des Hohlwegs. Sie zückten ihre Schwerter, und einer von ihnen packte den Morgenstern fester.

Vor einer knappen Stunde hatten sie die Reiter entdeckt. Sie hatten beobachtet, wie einer aus dem Trupp vom Pferd gestiegen war und den Boden nach Spuren abgesucht hatte. Dann hatten sie sich eine geeignete Stelle für einen Hinterhalt gesucht.

Ihr Plan war einfach.

Die Verfolger würden hinter der Wegbiegung mit den Pferden gegen ein straff gespanntes Seil prallen und brauchten dann nur noch niedergemacht zu werden.

Der Hufschlag trommelte heran.

Der große, schwarzbärtige Mann an der Spitze des Trupps führte die Männer ahnungslos ins Verderben.

So dachten Odulfs wilde Gesellen.

Doch sie hatten einen gewaltigen Fehler begangen und die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall Cynan hieß.

Cynan war ein erfahrener Soldat des Sheriffs. Er kannte die Tricks solcher Kerle. Vor einer Viertelstunde hatte ihm ein dampfender Pferdeapfel auf dem Weg verraten, dass die Lumpen, deren Fährte sie gut hatten folgen können, dicht vor ihnen sein mussten. Vor einiger Zeit hatte Cynan Vögel an dieser Stelle auffliegen sehen, die von irgendetwas aufgescheucht worden sein mussten. Jetzt herrschte Totenstille, und es war, als hielte die Natur den Atem an.

Der Hohlweg war ideal für einen Hinterhalt, und Cynan war gewarnt. Dennoch entdeckte er das Seil hinter der Wegbiegung zu spät. Als er es gewahrte, wusste er, dass er sein Pferd nicht mehr rechtzeitig parieren konnte, dass er kein Kommando zum Sprung mehr geben konnte und dass der Aufprall unvermeidlich war. Er handelte instinktiv und blitzschnell. Er riss die Füße aus den Steigbügeln und warf sich vom Pferd, just in dem Augenblick, als es gegen den Strick prallte.

Das Pferd stolperte und stürzte. Ihm half nicht viel, dass die Räuber ein zu schwaches Seil genommen hatten, das der Wucht des Anpralls nicht standhielt. Doch es half den nachfolgenden Reitern und ihren Pferden. Nur der Nächste prallte gegen Cynan gestürztes Pferd. Der Mann fiel zu Boden, doch er verletzte sich nicht. Die anderen Reiter konnten ihre Pferde an den gestürzten Tieren vorbeilenken.

Die Räuber glaubten, die Falle sei zugeschnappt. Brüllend sprangen sie zwischen den Büschen hervor in den Hohlweg. Sie schwangen Schwerter, und einer holte mit dem Morgenstern aus.

Cynan war zwischen Brennnesseln am Rande des Hohlwegs gelandet. Er sprang gerade auf, als der Mann mit dem Morgenstern über ihm auftauchte.

Cynan zog sein Schwert und schnellte sich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig. Der Morgenstern knallte in die Brennnesseln. Mit einem Satz war der Soldat wieder auf den Beinen. Bevor der Kerl den Morgenstern hochreißen konnte, schlug Cynan ihm mit dem Schwert auf die Finger. Schreiend ließ der Räuber den Morgenstern los und taumelte zurück.

Ein Pfeil zischte an Cynan vorbei und bohrte sich in den Stamm einer Buche am Wegesrand. Der Bogenschütze auf der Eiche hatte den Pfeil überhastet abgeschossen, als er seinen Kumpan in Bedrängnis gesehen hatte.

Cynan suchte den Nahkampf, denn dann würde sich der Bogenschütze gewiss hüten, weitere Pfeile abzuschießen, weil er damit die eigenen Kumpane treffen konnte. Der Soldat wirbelte zu einem weiteren Angreifer herum. Er parierte den wuchtigen Schwerthieb des Mannes und kreuzte mit ihm die Klinge.

Das Blatt hatte sich gewendet. Cynan sah aus den Augenwinkeln, dass sich Buchanans Männer ebenfalls zum Kampf gestellt hatten. Hell klirrten die Schwerter auf dem Hohlweg.

Cynan fintierte, und als sein Gegner darauf hereinfiel, schlug ihm der Soldat mit kraftvollem Hieb das Schwert aus der Hand. Schreiend warf sich der Kerl herum und ergriff die Flucht. Er wäre vielleicht entkommen, wenn ihn nicht ein Pfeil getroffen hätte, der Cynan zugedacht war.

Als der Schütze sah, dass er den eigenen Kumpan getroffen hatte, erschrak er so sehr, dass er vom Zweig abrutschte und auf den Hohlweg plumpste, direkt vor die Hufe eines durchgehenden Pferdes.

Sein schauriger Schrei erstarb, als er unter die Pferdehufe geriet.

Cynan sah sich rasch um. Seine Augen weiteten sich entsetzt. Keine vier Schritte von ihm entfernt sank einer von Buchanans Männern, von einem Schwerthieb getroffen, zu Boden. Und der Räuber, der ihn niedergeschlagen hatte, holte mit dem Schwert aus, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

„Hier!“, schrie Cynan.

Der Räuber zögerte nur kurz, doch dieser Augenblick reichte Cynan, um den Mann zu retten. Cynan schleuderte sein Schwert wie eine Lanze. Die Klinge bohrte sich dem Räuber in die Brust, und sein Stoß ging ins Leere. Der Mann stürzte neben seinen Gegner, der flugs sein Schwert vom Boden riss und dem Mann die Klinge über den Schädel schlug, obwohl das gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Cynan erkannte, dass der Kampf entschieden war. Nur einer der Halunken war noch auf den Beinen. Er rannte davon, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Cynan lief zu einem der reiterlosen Pferde, warf sich in den Sattel und nahm die Verfolgung auf. Gehetzt blickte sich der Räuber um, als er den Hufschlag hörte. Cynan preschte auf ihn zu und hielt das Schwert in der erhobenen Rechten. Doch nicht um den Räuber niederzumachen. Er wollte den Burschen lebend haben, um ihn zum Reden zu bringen.

„Halt, oder du bist des Todes!“, brüllte Cynan trotzdem drohend und holte mit dem Schwert aus, als wolle er den Mann im Vorbeigaloppieren köpfen.

Der Räuber blieb tatsächlich stocksteif stehen und starrte Cynan furchtsam entgegen.

„Erbarmen!“, stammelte er.

Dann war Cynan heran, parierte hart das Pferd und drückte dem Räuber die Klinge gegen die Brust.

„Darüber können wir vielleicht reden, wenn du mir ein paar Fragen beantwortest“, sagte Cynan und zeigte grinsend seine blitzenden Zähne im schwarzen Vollbart.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922929
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441411
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band mörder

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band #16: Mörder heiratet man nicht