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Die Sehnsucht ihrer Herzen

2018 149 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Sehnsucht ihrer Herzen

Copyright

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Die Sehnsucht ihrer Herzen

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 149 Taschenbuchseiten.

 

Auf Schloss Dartenburg gibt es ein wohlgehütetes Geheimnis, von dem die neunzehnjährige Christine von Tennau nichts erfahren soll. Ihr Vater, Alfred von Tennau, ist darauf bedacht, dass sie das weiträumige Gelände nicht verlässt, denn er will seine Tochter behütet wissen. Doch sie fühlt sich immer mehr eingeengt und wünscht sich, mehr von der Welt zu sehen. Oft steht sie vor einem Gemälde, das einen jungen und schönen Prinzen zeigt, dem sie ihre Wünsche mitteilt, und sie hofft, dass diese irgendwann einmal in Erfüllung gegen.

Als Peter Carstens, ein junger Reporter, es schafft, zu Christine vorzudringen, offenbart er ihr das streng gehütete Geheimnis. Von nun an ist alles anders, doch nicht so, wie sie gehofft hat ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Pixabay-Motive mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Merkwürdig, dachte Christine, als sie langsam und wie traumversunken auf das Schloss zuschritt: Ich liebe und fürchte diesen goldenen Käfig, dieses prunkvollste aller Gefängnisse, ohne das ich nicht länger leben könnte und in dem ich doch zu ersticken drohe.

„Ein Brief für Sie, gnädiges Fräulein! - Er ist gerade mit der Post gekommen.“

Die treue alte Berte kam Christine aufgeregt entgegen. In der ausgestreckten Rechten hielt die kleine, rundliche Haushälterin einen Umschlag, dessen blendendes Weiß in der Sonne leuchtete.

Verwundert lächelnd nahm Christine den Brief in Empfang. Sie wog das schwere Bütten abschätzend in der Hand und betrachtete dann mit erstaunten Blicken die steilen, energischen Schriftzüge auf der Vorderseite des Umschlages. Dann drehte sie ihn herum. Nirgendwo stand der Absender.

Die brave Berte schaute halb ängstlich, halb neugierig zu Christine in die Höhe. Wer mochte ihrem erklärten Liebling einen Brief geschrieben haben?

Christine stellte sich die gleiche Frage. Sie zögerte, den Brief zu öffnen, sie fürchtete sich vor einer herben Enttäuschung; aber gleichzeitig war ihr, als müsste dieses Schreiben ihr seltsames, unwirkliches Leben in neue Bahnen lenken.

„Ein Brief für mich“, sagte sie leise und lächelte den Umschlag beinahe zärtlich an.

Ein Brief! Wann hatte sie das letzte Mal Post erhalten? Vor knapp zwei Jahren. Sie erinnerte sich daran noch ganz genau. Es war ein schwarz umrandeter Brief gewesen, der den Tod ihrer strengen, aber gerechten Schweizer Hauslehrerin angezeigt hatte. Dann war jede Verbindung zur Außenwelt abgerissen. Sommer, Herbst und Winter waren gekommen und gegangen, und das Schloss hatte weiter auf das kleine, geduckte im Tal liegende Dörfchen hinabgeschaut.

„Warum machen Sie den Umschlag nicht auf?“, fragte Berte, die ihre Neugier nicht länger zu zähmen vermochte. Christine schüttelte lächelnd den Kopf.

„Noch nicht, Berte“, sagte sie leise. „Das ist wie ein Wunder, weißt du. Wie ein leuchtender, schillernder Zauber. Aber vielleicht“, meinte sie, plötzlich leiser und trauriger werdend, „auch nur eine Seifenblase, die zerplatzt, sobald ich den Brief öffne. Darum will ich ihn noch ein wenig mit mir herumtragen ... wie ein Stück Hoffnung, das sich erfüllen könnte.“

Die alte Berte merkte, dass ihr Mund auf einmal ganz trocken wurde. Arme Christine! Sie litt unter der vom Vater bestimmten Einsamkeit. Sie war geradezu schwermütig, weil ihr der Kontakt zum wirklichen Leben fehlte.

Natürlich wurde Christine hier auf dem Schloss umhegt und gepflegt. Sie war bei allen beliebt, und die Dienerschaft bezeichnete sie insgeheim nur als „unser Prinzesschen“. Aber was half das alles? Christine hatte keine gleichaltrigen Gesprächspartner, niemanden, mit dem sie ausgelassen und vergnügt sein konnte.

„Ich hoffe, es ist eine frohe Botschaft“, sagte Berte treuherzig. Dann wandte sie sich mit einem Seufzer ab und ging davon.

Christine folgte der treuen Dienerin langsam und mit versonnenem Lächeln. Wieder fiel der Blick des jungen Mädchens auf die mit Efeu überwucherte Fassade des Schlosses.

Ein reicher Sonderling hatte Schloss Dartenburg vor etwa einhundert Jahren nach fantastisch anmutenden Ideen erbauen lassen. Mit seinen Zinnen und Türmchen, den Bleiglasfenstern und Wetterfähnchen lag es jetzt stolz und verwunschen in der hellen Morgensonne, ein Stück steingewordene Romantik.

Die Dinge, die das Schloss in seinem Inneren beherbergte, waren von größter Kostbarkeit und in vielen Fällen weit älter als seine Mauern. Da gab es eine berühmte Gemäldesammlung, alte, erlesene Möbelstücke aller Epochen, handgeknüpfte Teppiche mit ausgefallenen Mustern und eine Bibliothek, die mit ihren signierten Erstausgaben einen unvorstellbar hohen Wert darstellte.

Christines Vater, Albert von Tennau, hatte das Schloss vor zwanzig Jahren erworben. Genau ein Jahr später wurde Christine geboren. Schon damals war er ein mächtiger Mann gewesen, groß, hager und verschlossen, ein Mensch, dessen Namen immer wieder in den Börsenberichten Erwähnung fand. Nach dem Krieg hatte er sich gewissen zeitbedingten Schwierigkeiten gegenübergesehen. Jetzt freilich hatte er längst wieder die alte Macht erreicht. Sein Einfluss war ungeheuer, und es gab Leute, die ihn kurz als „Stahlkönig“ bezeichneten.

Seine weit verzweigten Geschäfte erlaubten ihm nicht, häufiger als ein oder zwei Tage in der Woche im Schloss zu verbringen. Meistens war er unterwegs, im Ausland, oder er saß in seinem großen Bürozimmer, das im obersten Stockwerk des riesigen Verwaltungsgebäudes lag und einen weiten Blick über einen Teil seines enormen Fabrikbesitzes gestattete.

Verträumt vor sich hinsummend betrat Christine die Schlosshalle, deren weißgetünchte Wände mit altem Rüstzeug und Geweihen geschmückt waren. Während Christine die alte knarrende Treppe mit ihrem schweren, geschnitzten Geländer hinaufstieg, hielt sie den Brief zwischen den Fingerspitzen. Das Bütten fühlte sich fest und vielversprechend an, kühl und köstlich zugleich.

Im ersten Stockwerk gelangte Christine auf einen langen, breiten Flur, dessen Ende ein riesiges Rosettenfenster bildete. An den Wänden hingen viele, teilweise schon stark verblasste Gemälde. Vor einem der Bilder blieb Christine stehen.

Sie schaute in die Höhe und betrachtete seufzend das farbenprächtige Konterfei eines jungen, schönen Prinzen, der, die Hand am Knauf seines Schwertes und in einen Purpurmantel gehüllt, aus blauen Augen auf sie herabschaute.

„Mein Prinz!“, flüsterte Christine mit andächtiger Zärtlichkeit. „Hast du meinen Wunsch erfüllt?“ Dann errötete sie plötzlich. Es war unrecht, auf die Erfüllung törichter Wünsche zu hoffen. Es war auch wenig nett, dass sie ausgerechnet ihren Traumprinzen darum bat, das moderne Gegenstück seiner melancholisch-stolzen Erscheinung ins Schloss zu schicken.

Christine lächelte schmerzlich. Sie war jung, neunzehn Jahre alt, und die Erkenntnis, dass ihre Liebe sich nur auf das Bild eines längst verstorbenen Adeligen konzentrierte, stimmte sie traurig.

Natürlich liebte sie ihren Vater. Aber sie sah ihn so selten! Ihr Traumprinz hingegen war stets bei ihr ... stolz und voll Wehmut, der stumme Partner manch rührenden Zwiegespräches.

Warum verstand Papa nicht, dass sie sich nach dem echten Leben sehnte? Dass sie hinaus wollte in bunte, aufregende Fernen?

Und doch fürchtete sie sich vor diesem unbekannten Leben. Ja, so weit war es mit ihr gekommen. Jahrein, jahraus hatte sie in diesem Schloss gewohnt, abgeschirmt von der übrigen Welt und nur umgeben von der treuen Dienerschaft.

Aber sie wollte nicht länger abseits vom Leben stehen. Am liebsten hätte sie das ihrem Vater sofort gesagt, aber er war nicht im Schloss. Sie erwartete ihn morgen, am Sonnabend. Dann würde er kommen, selbstsicher, hager und braungebrannt, ein Sendbote der großen Welt.

Albert von Tennau war ein energiegeladener Mensch, dessen Züge nur dann weich wurden, wenn er seine Tochter anblickte. Wie immer würde er ihr Berge von Geschenken mitbringen.

Wie schade, dachte Christine, als sie jetzt ihr Zimmer betrat, dass Papa mich niemals diese wunderhübschen Dinge selber aussuchen lässt, dass er nicht begreift, welche Wonne es wäre, zwischen den Kostbarkeiten eines eleganten Geschäftes zu wählen. Aber er fürchtete sich davor, mich mit in die Stadt zu nehmen, in die „Zone der Versuchung“, wie er es nennt. Ich bin für ihn ein ätherisches Wesen, ein Geschöpf, das nicht in diese Welt passt.

Es war ein sehr reizvolles Zimmer, das Christine bewohnte. Der Hauch beschwingter Romantik lag über allem. Kein einziges Möbelstück schien der Gegenwart zu entstammen, ausgenommen der große Radioapparat mit dem Plattenspieler. Das Mobiliar war von zarter Form. Es stand auf grazilen, geschwungenen Füßen. Vor den offenen Fenstern bauschten sich duftige Gardinen, und die Sonne warf verspielte Kringel an die seidenbespannten Wände.

Christine trat vor einen Spiegel. Es war ein wunderschönes Stück aus venezianischem Glas. Der Rahmen war geschliffen und kunstvoll gearbeitet. Während Christine den Brief auf eine Konsole legte, betrachtete sie stumm ihr Antlitz. Es war ein Gesicht von eigenwilligem Reiz, ebenmäßig in seiner Form und bezaubernd in der Wirkung. Der Schwung der hoch angesetzten Augenbrauen verlief ebenso vollkommen wie die Linie des reizenden Näschens. Die Augen zeigten ein tiefes Violett; es war eine intensive und verwirrende Leuchtkraft in diesem Blick, ein Strahlen, dem man sich nur schwer zu entziehen vermochte.

Ebenso außergewöhnlich wie die Farbe und die Ausdrucksstarke dieser großen Augen war Christines Haar. Es war seidenweich und blond. Bei sehr hellem Sonnenschein gewann es einen leichten Silberglanz, im Halbdunkel aber wirkte es so satt und kräftig wie altes Gold. Eigentümlicherweise trug Christine das Haar in einer sehr strengen Frisur, nämlich in der Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten gebunden. Diese Frisur gab dem jungen süßen Gesicht einen Zug rührender Strenge.

Christine betrachtete das eigene Gesicht mit forschender, ernster Aufmerksamkeit, als wäre sie sich selbst fremd. Dann wandte sie sich ab, ergriff den Brief und setzte sich in einen bequemen, mit Brokat bespannten Armlehnstuhl. Mit einer Entschlossenheit, die nach dem bisherigen Zögern überraschte, riss Christine den Umschlag auf.

Ihr fiel ein doppelter Briefbogen in die Hand. Er war aus dem gleichen schweren Bütten wie der Umschlag und enthielt nur einige Zeilen. Auf der linken oberen Ecke des Bogens stand im Prägedruck der Name des Schreibers: Dr. Johannes Halberding.

Christine runzelte die Stirn. Sie erinnerte sich, den Namen schon einmal gelesen oder gehört zu haben. War das nicht der berühmte und auch gefürchtete Zeitungskönig, der Mann, der eine ganze Reihe namhafter Magazine und Tageszeitungen sein eigen nannte?

„Sehr verehrtes gnädiges Fräulein!“, schrieb Dr. Halberding. „Die Tatsache, dass Ihr hochverehrter Herr Vater in Kürze seinen sechzigsten Geburtstag feiert, veranlasst mich, Sie freundlichst zu bitten, einen meiner Reporter, Herrn Peter Carstens, am kommenden Mittwoch zu einem Interview empfangen zu wollen. Gewiss wird es Ihnen möglich sein, Herrn Carstens über einige interessante Details im Leben Ihres berühmten Vaters Aufschluss geben zu können. Ich schließe in der Hoffnung, meine kleine Bitte nicht umsonst ausgesprochen zu haben, und verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung als Ihr J. Halberding.“

Christine ließ den Brief sinken. Stärker noch als das Empfinden der Enttäuschung war in ihr das Gefühl der Angst. Sie sollte einen Reporter empfangen und sich interviewen lassen?

Überall wurden diese Leute als aufdringlich, kaltschnäuzig und taktlos geschildert, als Menschen, denen die Jagd nach Sensationen über alles ging.

Nein, Papa würde sich dagegen wehren.

Er war ein fanatischer Gegner der Presse und verteidigte sein Privatleben mit Nachdruck gegen jede fremde Neugier. Vor allem würde er sich dagegen stemmen, dass der Name oder das Bild seiner Tochter in irgendeiner Zeitschrift erschien. Schließlich hatte er Christine nicht jahrelang wie seinen Augapfel gehütet, um sie jetzt zum Gegenstand eines Klatschartikels werden zu lassen.

Es war ein sinnloses Unterfangen, das sich der Zeitungskönig da vorgenommen hatte. Fast empfand Christine so etwas wie Mitleid für diesen Herrn Carstens, der sich nun vergeblich auf das Interview vorbereitete. Es würde nie stattfinden!

Christine seufzte. Wie schade! Da klopfte nach langen Jahren der Abgeschiedenheit das Leben auch an ihre Tür ... und sie musste sie ihm vor der Nase zuschlagen.

Am nächsten Tag traf ihr Vater auf Schloss Dartenburg ein. Mit ihm kam Herbert, der Chauffeur, Diener und Sekretär in einem war, ein Faktotum, das nicht nur klug und gewandt, sondern auch von unwahrscheinlicher Zuverlässigkeit war.

Herbert war fünfunddreißig Jahre alt. Er hatte eine vorspringende Stirn und lustige braune Augen. Sein Haar war ein wildes Gestrüpp, das sich von keinem Kamm bändigen ließ. In Herberts Leben gab es nur ein Ziel, dem er sich mit größter Inbrunst widmete: Er versuchte ein treuer Diener seines Herrn zu sein.

Christine lief den beiden lachend entgegen. Mit einem hellen Jubelschrei sprang sie in die weit geöffneten Arme des Vaters. Der wirbelte sie übermütig ein oder zweimal herum und stellte sie dann lächelnd und ein wenig außer Atem wieder auf die Beine.

„Oh, Papa, ich bin so froh, dass du endlich gekommen bist!“

Albert von Tennau zog Christine an seine Brust und strich ihr mit der Hand über das seidenweiche Haar.

„Ich freue mich auch, mein Kind“, erwiderte er leise.

Nachdem Christine den verlegen näherkommenden Herbert begrüßt hatte, ging sie Arm in Arm mit dem Vater auf den efeuumwucherten Schlosseingang zu.

Albert von Tennau hatte den Kopf zur Seite gedreht und schaute auf Christine hinab. Prüfend musterten seine grauen, klaren Augen das liebreizende Profil des jungen Menschenkindes. Christine erwiderte mit einem anmutigen Lächeln diesen zärtlichen und zugleich so seltsamen Blick, über den sie schon oft nachgedacht und der ihr zuweilen ein wenig Angst eingeflößt hatte.

„Hattest du eine gute Reise, Papa?“

„Danke, mein Kind. Du weißt ja, dass ich im Auto regelmäßig einschlafe. Die letzten Tage waren ziemlich anstrengend für mich.“

„Warum bleibst du nicht mal ein bisschen länger in Dartenburg und spannst dich ordentlich aus?“, fragte Christine.

„Unmöglich, mein Kind“, erwiderte der hochgewachsene Mann mit einem bedauernden Lächeln. „Es gibt eine ganze Reibe von Verpflichtungen, die bereits auf mich warten.“

„Wie schade!“

„Vielleicht das nächste Mal“, tröstete Albert von Tennau, und ihm fiel ein, dass er diese Worte so häufig benutzte, dass sie ihre Glaubwürdigkeit längst verloren haben mussten.

Aber Christine schaute ihn auch jetzt aus ihren wundervollen großen Augen strahlend an und fragte: „Oh, wirklich, Papa?“

„Ich kann es noch nicht versprechen“, schränkte Albert von Tennau vorsichtig ein, „aber wir werden ja sehen.“

Er überragte seine Tochter gut um Haupteslänge. Albert von Tennau hatte ein hageres, kluges Gesicht, dessen Willenskraft in einem auffallend kräftigen Kinn zum Ausdruck kam. Sein silbergraues, glänzendes Haar trug er glatt zurückgekämmt. Ein besonderes Merkmal seines Gesichtes bildeten die buschigen weißen Augenbrauen, die ein wenig über die Lider herabhingen.

„Papa ... ich muss dich einige Dinge von großer Wichtigkeit fragen“, sagte Christine plötzlich.

„Ist irgendetwas geschehen?“, erkundigte sich Albert von Tennau hastig und blickte der Tochter erschreckt in die Augen.

Dieses Erschrecken lieferte Christine erneut Stoff zum Nachdenken. Warum ängstigte er sich so leicht, wenn sie etwas sagte? Er war sonst kein schreckhafter Mensch. Im Gegenteil, aus seiner Umgebung verlautete, dass er ein Mann ohne Nerven sei, ein kühler, überlegener Rechner, den nichts aus der Ruhe zu bringen vermochte.

„Lass uns nach dem Kaffeetrinken darüber sprechen“, bat Christine.

So geschah es auch. Sie saßen unter einem Sonnenschirm auf der dem Park zugewandten Terrasse. Schloss Dartenburg, auf der Spitze eines steil abfallenden Hügels thronend, wies mit seinem rückwärtigen Teil auf ein weites Hochplateau, das den riesigen Schlosspark bildete.

Nach dem Kaffeetrinken steckte sich Albert von Tennau eine seiner geliebten langen Virginiazigarren in Brand. Christine, die ihn dabei beobachtete, sah, wie seine Hand zitterte.

Wovor fürchtete er sich? Oder lag es einfach daran, dass er allmählich älter wurde?

„So, mein Kind“, seufzte Albert von Tennau und legte das abgebrannte Streichholz auf den Aschenbecher. „Jetzt kann es losgehen. Wo drückt dich der Schuh?“

Schweigend reichte Christine dem Vater den Brief, den sie von Dr. Halberding bekommen hatte.

Albert von Tennau nahm das Schreiben in Empfang und überflog die wenigen Zeilen. Christine bemerkte, dass seine Hand jetzt noch stärker zitterte. Er warf den Brief auf den Tisch und blickte Christine verwirrt an.

„Woher weiß der Bursche, dass es dich gibt?“, fragte er erstaunt.

Christine zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, Papa.“

„Natürlich wirst du das Interview ablehnen“, bestimmte Albert von Tennau, in dessen Wangen auf einmal eine hektische Röte stieg. „Unser Privatleben geht keinen Menschen etwas an. Ist es dir recht, wenn ich mich mit Halberding in Verbindung setze und das Interview absage?“

„Selbstverständlich, Papa. Ich hin froh, wenn ich damit nichts zu tun habe“, meinte Christine erleichtert.

Christines Vater schien bei ihrer Reaktion ein Stein vom Herzen zu fallen.

„Wirklich, mein Kind?“

„Ehrlich gesagt“, erwiderte Christine und ließ den Blick über die gedeckte Kaffeetafel gleiten, „ich fürchte mich einfach vor diesem Reporter ... Ich fürchte mich vor allen fremden Menschen!“

„Christine!“, rief Albert von Tennau halblaut aus. „Wie kommst du nur dazu, so etwas zu sagen?“

Christine hob den Blick zu ihrem Vater empor.

„Es ist die Wahrheit, Papa. Ich weiß nichts von den Menschen da draußen. Ich lebe doch in völliger Abgeschiedenheit.“

„Du lebst in Frieden“, erwiderte Albert von Tennau. „Du lebst frei von Sorgen. Du hast eine treue und anhängliche Dienerschaft, die dich liebt. Dir gehören zwei Reitpferde, und du kannst dich in dem großen Schlosspark wie eine Königin bewegen. Du hast dein eigenes Reich!“

„Ja, Papa“, gab Christine zu, „das alles habe ich. Aber ich habe auch meine Sehnsucht ... Ich sehne mich nach den Menschen, obwohl ich sie gleichzeitig fürchte, so wie man das Fremde und Unbekannte fürchtet. Ich sehne mich nach dem Leben, nach diesem süßen und bitteren Dasein, das ich nur aus Büchern kenne. Warum darf ich nicht selbst daran teilnehmen?“

Albert von Tennau atmete tief.

„Sieh, mein Kind“, sagte er leise, „von all dem halte ich dich bewusst zurück. Das Leben ist hart und grausam. Ich möchte dir diese Erfahrung ersparen. Du sollst so bleiben, wie du bist, nämlich schön, rein und liebenswert.“

„Papa“, flüsterte Christine, und ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, „das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich liebe das Schloss und den Park und Berte und Friedrich ... Ich liebe meine Umgebung, aber ich kann doch unmöglich auf alles andere verzichten. Soll ich denn hier alt und hässlich werden?“

„Du Schäfchen!“, sagte Albert von Tennau und brachte es sogar fertig, ein wenig zu lachen. „Natürlich wirst du eines Tages heiraten und, so Gott will, auch Kinder bekommen. Doch bis dahin möchte ich dir so lange wie möglich diese herrliche Jugend bewahren. Du weißt nicht, was es mir bedeutet, einmal in der Woche hierherzukommen. In Dartenburg ist alles sauber, hier finde ich Entspannung, hier ist eine stille Oase des Glücks.“

„Du meinst es gut“, äußerte Christine nachdenklich, „aber ich fürchte, deine Absichten gehen an meinen Wünschen weit vorbei ...“

„Ich kenne das Leben und weiß, wie man es überlistet“, erwiderte Albert von Tennau mit weicher Stimme. Er schaute seine Tochter liebevoll und besorgt an. Dann stand er auf und ging nachdenklich in das Schloss zurück. Er stieg eine Etage tiefer, hinab in das Souterrain, und betrat die Küche, die durch eine große Zahl kleiner, vergitterter Fenster erhellt wurde. Die brave Berte saß an einem blank gescheuerten Tisch und polierte eine große Kupferkanne. Sie hörte sofort mit der Arbeit auf, als Albert von Tennau die Küche betrat. Berte erhob sich verwirrt,

„Bleib doch sitzen, Berte!“, bat Albert von Tennau freundlich, aber Berte blieb stramm wie ein Soldat am Tisch stehen.

„Immer alles blitzsauber“, meinte Albert von Tennau und sah sich in der großen, fast saalartigen Küche um, die als einziger Raum im Schloss modern eingerichtet war.

Berte nickte. Ihre Blicke folgten dem gebückt gehenden Herrn. Sie wusste genau, dass er nicht gekommen war, um die Sauberkeit der Küche zu inspizieren, und wartete geduldig darauf, dass er abermals das Wort an sie richtete.

„Gibt es etwas Neues?“, fragte Albert von Tennau vorsichtig und blieb vor der Haushälterin stehen. Ernst schaute er auf sie hinab.

„Nein“, erwiderte Berte, aber in ihrer Stimme war ein leichtes Zögern.

„Von dem Brief hörte ich bereits“, meinte Albert von Tennau, der Bertes Gedanken zu erraten schien. Die kleine, rundliche Haushälterin stieß erleichtert den Atem aus.

„Sein Inhalt ist mir nicht bekannt“, murmelte sie.

„Man will Christine interviewen“, erklärte Albert von Tennau. „Eine verrückte Idee. Kommt natürlich gar nicht in Frage. Ich werde dafür sorgen, dass kein Reporter das Schloss betritt. Ich werde auch noch mit Friedrich sprechen und ihn bitten, alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“

„Ja, gnädiger Herr.“

Albert von Tennau schaute der alten Haushälterin beinahe ängstlich in die dunklen Augen. Er holte tief Luft.

„Und sonst ... was gibt es sonst noch?“, fragte er.

Berte senkte den Blick.

„Sie ... sie spricht noch immer manchmal mit dem Bild“, gestand sie dann und zupfte an ihrer Schürze herum.

„Ist es schlimmer geworden?“

Berte hob rasch das Kinn. „Nein, gnädiger Herr!“, beteuerte sie.

„Vielleicht machen wir uns ganz umsonst Sorgen“, meinte Albert von Tennau nachdenklich. „Sie ist jung und einsam. Möglicherweise spricht sie nur deshalb mit dem Bild.“

„Ich bin sicher, dass es nichts zu bedeuten hat, gnädiger Herr“, versicherte Berte eifrig. „Unser Prinzesschen ist doch so munter, so aufgeschlossen und klug. Nur manchmal ...,,“

„Was ist ... manchmal?“

„Manchmal kriege ich richtige Angst. In letzter Zeit bekommt Christine immer häufiger Anwandlungen von Melancholie und Schwermut. Dann muss ich stets an ihre arme Mutter denken ...“

Albert von Tennau drehte sich mit einem Ruck um und starrte auf die geschlossene Tür.

„Psst!“, sagte er dann und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Er senkte die Stimme. „Es ist nicht gut, wenn wir im Schloss davon sprechen“, flüsterte er. „Christine darf es nicht hören.“

„Sie würde nie lauschen“, erklärte Berte überzeugt.

„Natürlich, aber sie könnte zufällig hereinkommen und das eine oder andere Wort aufschnappen“, meinte Albert von Tennau. „Wir dürfen kein Risiko eingehen.“

Ungeachtet dieses Hinweises fragte Berte leise: „Wie geht es ... der gnädigen Frau?“ In ihren Augen standen plötzlich Tränen.

Albert von Tennaus Gesicht schien auf einmal zu verfallen. Er setzte sich an den Küchentisch und zuckte zusammen, als die blank geputzte Kupferkanne sein verzerrtes Spiegelbild zurückwarf. Es war ein tückisches, hämisches Gesicht, das ihm da entgegengrinste. Unwillig schob er die Kanne beiseite.

„Sie erkennt mich noch immer nicht“, sagte er mit müder, verzweifelter Stimme.

„Wie entsetzlich!“, flüsterte Berte.

„Ich fürchte mich mehr denn je vor dem Tag, an dem Christine die Wahrheit erfahren wird“, meinte Albert von Tennau und zog die Schultern in die Höhe, als ob ihm kalt sei. „Wie lange wird es uns wohl gelingen, die Tatsachen zu verschleiern?“

„Zum Glück fragt Christine nie nach ihrer Mutter“, berichtete Berte. „Sie hat die Mutter ja nie gekannt und sich damit abgefunden, dass die gnädige Frau angeblich kurz nach ihrem ersten Geburtstag verstarb.“

„Da ist noch etwas, das mir Sorge macht“, wechselte Albert von Tennau plötzlich das Thema. „Christine ist kein Kind mehr. Sie ist eine junge, voll erblühte Frau. Sie empfindet plötzlich Fernweh, sie spürt das Drängen des Blutes. Sie will heraus aus der Enge von Dartenburg. Was soll ich nur tun?“

„Es wäre am besten, wenn sie einen guten Mann fände“, meinte Berte seufzend.

Albert von Tennau hob mit einem Ruck das Kinn.

„Aber dann müsste Christine doch alles erfahren!“

„Das wird eines Tages sowieso geschehen“, erwiderte die alte Berte fest. „Und es wäre dann besser für sie, wenn sie einen guten Mann hat, einen Menschen, auf den sie sich verlassen kann und in dessen Armen sie Trost findet.“

Albert von Tennau lächelte schmerzlich.

„Soll das ein Vorwurf sein, Berte?“, fragte er. „Willst du damit ausdrücken, dass ich mich zu wenig um Christine kümmere ... jetzt und wohl auch in Zukunft?“

„Um Gottes willen, gnädiger Herr!“, stammelte Berte. „Ich würde nie wagen, Ihr Handeln zu kritisieren!“

„Natürlich, Berte“, nickte Albert von Tennau. „Ich weiß, dass du es gut meinst. Aber woher soll ich einen Mann für Christine nehmen?“

„Christine ist strahlend schön“, erwiderte Berte. „Sie ist klug und aufgeweckt.“

„Oh, ich bezweifle nicht, dass ich Dutzende von Interessenten finden könnte“, sagte Albert von Tennau. „Aber wie soll ich entscheiden, wer es nur auf ihr Geld absieht? Und dann ... muss nicht auch der aufrichtigste Bewerber befürchten, dass das Schicksal meiner armen Frau eines Tages auf Christine übergreift?“

„Es besteht nicht die geringste Veranlassung, so etwas zu glauben“, erwiderte Berte mit fester Stimme.

„Und die Sache mit dem Bild?“

Berte zuckte mit ihren schweren Schultern.

„Eine Jungmädchenträumerei, der man nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollte“, meinte sie.

„Vielleicht hast du recht“, sagte Albert von Tennau. „Ja, du wirst sogar ganz sicher recht haben, Ich werde also für Christine ein wenig Umschau halten. Warum sollte ich eigentlich keinen jungen Mann für sie finden?“

 

 

2

„Natürlich hat der alte Fuchs sofort telegraphiert“, sagte Johannes Halberding und schritt, die Hände auf dem Rücken, vor der gewaltigen Fensterfront seines Büros auf und ab. „Das ist genau das, was ich erwartete“, kicherte er. „Es wird uns selbstverständlich nicht eine Sekunde davon abhalten, das Interview durchzuführen.“

Dr. Halberding war ein kleines, schmales Männchen, auf dessen zerbrechlich wirkenden Schultern ein ungewöhnlicher Kopf saß: ein wahrer Cäsarenschädel mit glühenden Augen, scharfer Nase und ziemlich wulstigen Lippen, die ständig in Bewegung waren.

Peter Carstens, der auf der Besucherseite des Schreibtisches in einem gepolsterten Armlehnstuhl saß, folgte seinem Chef mit den Blicken. Er bewunderte die Vitalität des kleinen, lebhaften Mannes und dessen untrügliches Gespür für das Unerwartete, das Sensationelle.

„Sie fahren also morgen nach Dartenburg“, erklärte Halberding. Er blieb plötzlich stehen und schaute Peter an. „Wagen Sie es nicht, ohne Interview zurückzukommen!“

„Ich werde mein Bestes versuchen“, meinte Peter Carstens lächelnd.

Er war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren. Sein schmales, gutgeschnittenes Gesicht verriet Klugheit und Energie. Die hellen grauen Augen waren von erstaunlicher Ausdruckskraft; sie konnten unerbittlich scharf, aber eine Sekunde später schon heiter-ironisch dreinblicken. Peter Carstens hatte kurz geschnittenes braunes Haar. Er war ziemlich groß und hatte im Augenblick seine langen Füße weit von sich gestreckt. Zwischen seinen Zähnen klemmte eine Shagpfeife. Die lässige Art, in der er sich im Zimmer seines Chefs bewegte, ließ darauf schließen, dass zwischen den beiden Männern ein gewisses Vertrauensverhältnis bestand.

Der Schein trog nicht. Dr. Halberding war ein Jugendfreund von Adolf Carstens, Peters Vater. Die beiden Männer hatten sich gleichzeitig in die Höhe gearbeitet. Doch während Halberding den großen Massenzeitungen die Prägung des Sensationellen gab, beschäftigte sich Adolf Carstens ausschließlich mit seriösen Publikationen. Er besaß einen Verlag, der etwa zwanzig Fachzeitschriften aller Sparten und Wissensgebiete veröffentlichte. Peter Carstens arbeitete bei Dr. Halberding, um alle Tricks des Zeitungswesens kennenzulernen,

„Wenn es sein muss, dringen Sie mit Gewalt in das Schloss ein“, sagte Dr. Halberding. Er ließ sich plötzlich in seinem Schreibtischsessel nieder. Da Halberdings Oberkörper länger war als seine Beine, wirkte er im Sitzen größer, als er tatsächlich war. Er beugte sich über die Schreibtischplatte nach vorn.

„Nehmen Sie diese Aufgabe nicht zu leicht, Peter!“, bat er. „Es verbirgt sich eine große Sache dahinter.“

„Eine große Sache!“, wiederholte Peter Carstens spöttisch und nahm seine Pfeife aus dem Mund. „Was ist daran so großartig? Ein steinreicher Vater lässt seine Tochter aus verständlichen Gründen von einer Hauslehrerin erziehen und isoliert das Mädchen auch in späteren Jahren von der Welt. Er will erreichen, dass sie vom Leben nicht verdorben wird. Natürlich wird er scheitern. Er muss einfach scheitern, weil die Tochter immerhin schon neunzehn Jahre alt ist und die Stimme des Blutes nicht länger überhören kann. Schön und gut. Das alles nehme ich zur Kenntnis. Aber was ist daran so überwältigend?“

„Ich fürchte, ich werde mir die Zeit nehmen müssen, Sie mit weiteren Einzelheiten vertraut zu machen“, seufzte Johannes Halberding.

„Einzelheiten? Wissen Sie denn noch mehr?“, erkundigte sich Peter Carstens.

„Ja, mein Freund, das will ich meinen. Ich bin über den Fall besser orientiert, als Sie für möglich halten werden. Wissen Sie, dass Tennaus Frau noch lebt?“

„Warum sollte sie nicht mehr leben?“

„Weil man sie seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört hat. Sie war eine außerordentlich schöne Frau, eine Erscheinung, die man so leicht nicht vergaß.“

Peter Carstens spitzte die Ohren.

„Was ist mit der Frau?“

„Sie sitzt im Irrenhaus“, erwiderte Johannes Halberding ruhig.'

Peter Carstens pfiff durch die Zähne. Dann richtete er sich im Stuhl auf.

„Hören Sie, mein lieber Herr Halberding“, sagte er, „wenn Herr Tennau diese Tatsache zu verschleiern wünscht, sollten wir es dabei bewenden lassen.“

„Darum geht es nicht“, erwiderte Halberding. Er verkniff das Gesicht und wirkte plötzlich wie ein Faun. „Wäre es nicht denkbar, dass die Tochter die gleiche Anlage hat?“, fragte er lauernd. „Vielleicht hält man sie nur deshalb in Klausur, weil Tennau diese Tatsache vor der übrigen Welt zu verbergen sucht?“

„Sie meinen, die Kleine ist verrückt?“, erkundigte sich Peter Carstens erstaunt.

Doktor Halberding nickte eifrig.

„Gut. Aber ich entdecke darin noch keine Geschichte von allgemeinem Interesse“, sagte Peter.

Dr. Halberding schlug mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte.

„Haben Sie denn gar keine Fantasie?“, rief er laut aus. „Menschenskind! Da existiert in irgendeinem entfernten Winkel Deutschlands eine Burg, ein bizarres Schloss, das hoch über einem ärmlichen Dorf thront. Und darin lebt die schöne Tochter eines steinreichen Mannes ... sie ist umgeben von allem Luxus, den man sich erträumen kann. Sie besitzt schöne Kleider, Brillanten, Reitpferde, Dienerschaft. Aber sie kann nicht glücklich sein, denn sie ist die Gefangene einer schrecklichen Krankheit und muss sich dem Willen ihres Vaters beugen, der um seinen guten Namen bangt.“

„Schön und gut. Es ist eine tragische Geschichte“, räumt Peter Carstens ein. „Aber wäre es nicht geschmacklos, sie der Öffentlichkeit preiszugeben?“

„Mein lieber Junge, wie oft soll ich Ihnen noch erklären, dass unsere Leserschaft ein Anrecht darauf hat! Dies hier ist nicht nur die Geschichte eines armen reichen Mädchens, es ist zugleich der Roman eines versponnenen Dorfes. Denn die armen Bauern, die zu Füßen der Dartenburg leben, richten ihren Blick voll Andacht und Furcht auf das Schloss ...“

„Wovor sollten sie sich fürchten?“, fragte Peter überrascht.

„Das werden Sie erfahren, wenn Sie Dartenau - so heißt der kleine Ort - erreichen. Es gibt dort nur ein einziges Gasthaus. Trotz seines Namens ist es nicht darauf eingerichtet, Fremde zu beherbergen. Aber man wird Ihnen gern ein Zimmer zurechtmachen. Unterhalten Sie sich mit den Leuten nach Feierabend! Die Gäste sind einfache Bauern und biedere Handwerker, alles Menschen, denen es nicht besonders gut geht. Sie werden entdecken, Peter, dass das Sinnen und Träumen dieser einfachen Leute hauptsächlich um Schloss Dartenburg kreist.“

„Ja, aber warum denn bloß?“, fragte Peter.

„Sie wollen wissen, warum sich die Leute so intensiv mit dem Schloss und seinen Bewohnern beschäftigen?“

„Das würde mich interessieren.“

„Dartenau liegt in einer einsamen Gegend“, erklärte Halberding. „Die Menschen, die sich einst dort ansiedelten, liebten die Natur. Die Umgebung bot ihnen sehr viel für ihre schönheitstrunkenen Augen ... aber nur wenig für den Magen. Die Felder sind steinig. Sie liegen an schmalen Hängen und geben nicht allzu viel her,“

„Woher wissen Sie das eigentlich?“, wunderte sich Peter Carstens.

Johannes Halberding lächelte vergnügt vor sich hin.

„Auf einer Autofahrt hatte ich ausgerechnet in diesem Dorf eine Panne“, berichtete er. „Die halbe Stunde genügte mir, mich zu orientieren.“

„Ich verstehe.“

„Nein, Sie verstehen noch nicht, Peter. Da sitzen also diese armen, aufrechten Menschen, die sich tagein, tagaus plagen und schinden müssen, und beneiden die reichen Bewohner des Schlosses ... ohne zu wissen, dass da oben das Glück gar nicht zu Hause ist, sondern nur Leid und eine furchtbare Krankheit.“

„Das vermuten Sie doch nur ... das mit der Krankheit?“, fragte Peter Carstens und schob seine Pfeife in den anderen Mundwinkel.

„Ja, es ist nur eine Annahme“, gab Johannes Halberding zu, „Aber ich bin überzeugt, dass mein Instinkt auch diesmal auf der richtigen Fährte ist.“

„Na, jedenfalls weiß ich, wie Sie sich den Artikel vorstellen“, meinte Peter und stand auf. „Mit Herrn von Tennau wird er nicht allzu viel zu tun haben.“

„Oh, Tennau spielt eine nicht unwichtige Rolle dabei. Er ist immerhin die zentrale Figur, und sein bevorstehender Geburtstag liefert uns einen guten Vorwand. Aber für das Herz des Volkes ist das Mädchenschicksal weit interessanter, Peter. Daran müssen Sie denken.“

„Wann soll ich losfahren?“

„Jetzt“, erwiderte Halberding trocken.

„Was denn, jetzt schon?“, fragte Peter verwundert. „Wenn ich den Wagen nehme, werde ich schon gegen Abend in Dartenau sein.“

„Das ist genau die richtige Zeit“, meinte Johannes Halberding. „Sie mieten sich im Gasthaus ein, mischen sich unter die Gäste und sammeln die ersten Informationen. Morgen früh gehen Sie dann hinauf zum Schloss.“

„Was soll ich tun, wenn man mich nicht einlässt?“, fragte Peter.

„Mein lieber Junge“, lächelte Johannes Halberding hintergründig, „das sind doch für einen findigen Reporter keine Probleme.“

„Ich will mein Möglichstes tun“, versprach Peter. „Also dann bis morgen Abend!“

„Tschüss, Peter. Bringen Sie mir einen brauchbaren Artikel! Alle Voraussetzungen sind schließlich gegeben. Es liegt jetzt bei Ihnen, etwas daraus zu machen.“

 

 

3

Als Peter Carstens am Abend des gleichen Tages in Dartenau ankam, lag ein seltsamer Zauber über der Landschaft. Während das Dörfchen schon von bläulichen Schatten der herein brechenden Dämmerung umfangen wurde, spiegelten sich in den Fenstern des Schlosses noch die letzten rötlichen Strahlen der Sonne.

Peter kletterte vor dem Gasthaus aus dem Wagen und streckte sich erst einmal ordentlich. Dann schaute er hinauf zu dem Schloss. Mit seinen Zinnen und Türmchen, mit seiner ganzen märchenhaften Atmosphäre von Romantik und Reichtum musste es in der Tat den armen Bauern wie ein Symbol unerreichbaren Glanzes erscheinen.

„Guten Abend, mein Herr“, sagte der Wirt und trat vor die Tür. Es war ein kleiner, aber sehr stämmiger Mann, der eine grüne Schürze um den prallen Bauch gebunden hatte. „Wünschen Sie hier zu essen?“

„Ja“, erwiderte Peter, der noch immer zum Schloss hinaufblickte. „Ist es möglich, hier zu übernachten?“

Der Wirt zögerte mit der Antwort.

„Ich könnte Ihnen ein Zimmer zurechtmachen lassen“, meinte er dann. „Viel Komfort können wir Ihnen freilich nicht bieten.“

„ln Ordnung“, winkte Peter ab. „Hauptsache, es steht ein Bett im Zimmer.“

Der Wirt trat neben Peter und blickte mit ihm zum Schloss empor.

„Ist es nicht wunderschön?“, fragte er leise.

„Ganz hübsch“, gab Peter zu.

Der Wirt schaute Peter missbilligend von der Seite her an.

„Na, Sie sind gut“, sagte er. „Es ist das schönste Schloss weit und breit!“

„Kann schon sein“, meinte Peter und lächelte dem Wirt zum ersten Mal in die Augen. Dann wandte er sich um und betrat das Lokal.

Die Gaststube war nicht sehr groß. Eine Längswand wurde von der alten Holztheke eingenommen. In der Mitte des Raumes stand ein hübscher grüner Kachelofen, um den eine Holzbank herumlief. Es war noch niemand im Lokal. Nur hinter der Theke machte sich die Wirtin zu schaffen. Sie spülte gerade Gläser.

„Hier, Clara, das ist ein Gast“, erklärte der Wirt, der hinter Peter in den Raum trat. „Er wird heute Nacht hier schlafen. Was haben wir zum Essen da?“

„Wir könnten eine Schlachtplatte anbieten“, meinte die Wirtin und warf Peter einen prüfenden Blick zu. Der junge Mann schien ihr zu gefallen, denn sie fügte plötzlich freundlicher hinzu: „Es sind auch Koteletts da.“

„Wenn es Ihnen recht ist, versuche ich die Schlachtplatte“, erwiderte Peter lächelnd. Er zog seinen Mantel aus und hängte ihn auf einen Garderobenhaken. Dann stopfte er sich die kurze Pfeife, bestellte ein Bier und nahm an einem der einfachen Holztische Platz.

Er musste lange warten, bis der erste Gast kam. Und er hatte längst sein Abendessen verzehrt, bis das Lokal sich so weit füllte, dass ein verspätet eintreffender Gast an seinem Tisch Platz nehmen musste.

Peter fiel es nicht schwer, Kontakt mit seinen Mitmenschen zu bekommen. Es dauerte nicht lange, und er hatte den jungen Mann an seinem Tisch in ein Gespräch verwickelt. Peters Gesprächspartner war ein kompakter, etwas bulliger Bursche, der in der Dorfschmiede arbeitete.

„Sie haben ein wunderschönes Schloss hier im Ort“, sagte Peter nach einer geschickten Überleitung. „Ist das ein Museum?“

„Ein Museum?“, fragte der Schmiedegeselle und schaute ihn verdutzt an. „Was bringt Sie denn auf den Gedanken?“

„Na ja“, meinte Peter, „heutzutage dienen doch die meisten alten Schlösser als Heimatmuseen.“

„Dartenburg nicht“, sagte der Geselle kurz angebunden.

„Ist es bewohnt?“

„Hm.“

„Was sind das für Leute, die dort oben leben?“

Der Schmiedegeselle warf Peter einen langen Blick zu.

„Reiche Leute“, bemerkte er dann.

Peter lachte. „Das kann ich mir denken.“

„Eine adelige Familie“, erzählte der Schmiedegeselle. „Aber sie besteht nur aus Vater und Tochter.“

„Was ist mit der Mutter?“

„Keine Ahnung. Es heißt, sie sei tot.“

„Ah, wirklich?“, fragte Peter interessiert.

„Gesehen haben wir Leute aus dem Dorf eigentlich nur den Schlossbesitzer“, fuhr der Schmiedegeselle fort. „Er kommt einmal oder auch zweimal in der Woche mit dem Wagen durchs Dorf.“

„Wie steht es mit der Tochter?“

„Sie kommt nie in den Ort.“

„Woher wissen Sie dann, dass sie im Schloss wohnt?“, fragte Peter.

Der Schmiedegeselle schaute Peter beinahe ein wenig verächtlich an.

„Na, das hören wir doch!“, sagte er.

„Das hören Sie?“, fragte Peter erstaunt.

„Na klar!“, erwiderte der Geselle eifrig. „Immer wenn sie spielt! Meistens nachts, wissen Sie.“

„Verstehe ich nicht“, murmelte Peter.

Der Schmiedegeselle nahm einen tüchtigen Schluck Bier aus dem Glas und wischte sich dann den Schaum von dem Mund.

„Ist das denn so schwer zu begreifen?“, fragte er. „Sie spielt Klavier. Wenn im Schloss die Fenster offenstehen und der Wind nicht die Töne verweht, hören wir sie richtig klar und deutlich. Dann sitzen die alten Frauen vor ihren kleinen Häusern und träumen. Es ist ganz komisch, wissen Sie, als würde uns das Spiel verzaubern. Sie denken vielleicht, ich spinne. Aber Sie müssten das mal hören ... so eine stille Nacht, in der diese seltsamen Töne durch die Luft schweben. Da wird einem richtig feierlich zumute.“

„Ist das Mädchen schön?“

„Keine Ahnung. Ich sagte Ihnen doch, dass ich sie noch nicht gesehen habe. Aber es gibt Leute, die erzählen, sie sei so schön wie eine Madonna.“

„Die Leute erzählen viel“, warf Peter achtlos hm.

Der Schmiedegeselle richtete sich plötzlich auf und blickte Peter finster und beleidigt an. Peter merkte, dass er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte, aber noch ehe er den ungünstigen Eindruck verwischen konnte, hatte der Geselle eine Münze auf den Tisch geworfen und sich kühl grüßend entfernt.

Peter zuckte bedauernd mit den Schultern und stopfte sich seine kurze Shagpfeife. Er blickte um sich. Die niedrige Gaststube war mit einfach gekleideten Männern gefüllt. Die meisten von ihnen spielten Karten. Peter kannte das Spiel nicht. Er stand auf und trat an die Theke.

„Ihr Zimmer ist fertig“, sagte die Wirtin. Sie war schon wieder damit beschäftigt, Gläser zu spülen. „Die Koffer haben wir hochgebracht. Frisches Wasser steht auch oben.“

„Vielen Dank“, erwiderte Peter. „Zum Schlafen ist es noch ein bisschen früh. Ich gehe erst mal ein wenig an die frische Luft.“

Als er auf die Straße trat, wölbte sich über dem weiten Land ein sternenklarer Himmel. Peter schaute hinauf zum Schloss.

Es war ein drohender, dunkler Komplex, der gleich einem stummen Wächter über das Schicksal des Dorfes zu wachen schien.

Plötzlich hörte Peter die Töne. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und blieb stehen. Es war erstaunlich, mit welcher Klarheit die Klänge durch die Nacht schwangen. Der unsichtbare Spieler oben im Schloss spielte die Träumerei von Schumann. Zart und wehmutsvoll, weich im Anschlag und vollkommen in der Wiedergabe schuf das Spiel eine Atmosphäre eigenwilligen Zaubers.

Peter merkte, dass er den Kopf ein wenig zur Seite neigte und fasziniert den wundervollen Klängen lauschte. Er hatte schon Hunderte von Konzerten besucht. Aber noch nie hatte eine musikalische Darbietung ihn so tief zu berühren vermocht, wie dieses dunkle, sehnsuchtsvolle Spiel eines unbekannten jungen Mädchens.

 

 

4

Christine erwachte davon, dass eine mutwillige Fliege sich mitten auf ihr Näschen setzte.Sie schüttelte den Kopf, öffnete die Augen und streckte sich. Durch die geschlossenen Vorhänge fiel hell die Morgensonne ins Zimmer. Christine warf einen Blick auf den kleinen Reisewecker, der neben ihrem Bett stand. Sieben Uhr! Höchste Zeit für den Morgenritt! Sie schlug die Bettdecke zurück und eilte in das angrenzende Badezimmer. Fröhlich vor sich hinträllernd, stellte sie sich unter die Brause. Erst als der scharfe, kalte Strahl des Wassers ihren Körper wie mit spitzen Nadeln berührte, prustete sie laut vor sich hin.

Nachdem sie sich die Zähne geputzt und das Haar gekämmt und zu einem Knoten gesteckt hatte, zog sie eine frische weiße Bluse und ihre Reithose an. In guter Laune eilte sie ins Erdgeschoss. Auf der Terrasse war schon der Frühstückstisch gedeckt. Es fehlte nur noch der Kaffee.

„Wünscht das gnädige Fräulein schon jetzt zu speisen?“, fragte hinter ihr die devote und etwas brüchige Stimme von Friedrich.

Der Diener war lang und hager. Er hatte eine ungewöhnlich große Nase und sah nicht besonders klug aus, war aber unbedingt zuverlässig und treu.

Christine schüttelte den Kopf. Sie streckte beide Arme weit von sich und blickte über den weiten Schlosspark.

„Nein, danke, Friedrich“, erwiderte sie. „Erst reite ich aus. In einer Stunde bin ich zurück.“

„Sehr wohl, gnädiges Fräulein.“

Christine eilte die Terrassenstufen hinab und schlug den Weg zum Wirtschaftsgebäude ein. Der alte Fachwerkbau lag versteckt hinter einer hohen Baumgruppe. Vom Schloss aus konnte man nur sein Dach erkennen. In diesem Wirtschaftsgebäude wohnte Ferdinand, der Gärtner, und seine taube Frau. Zu Ferdinands Pflichten gehörte es auch, sich um die zwei Pferde zu kümmern, die im Stall des alten Gebäudes untergebracht waren.

Christine führte Goldtropfen, eine rotbraune, zum Tändeln neigende Stute, aus dem Stall und sattelte sie fachgemäß. Die weichen Nüstern des jungen Tieres stießen von Zeit zu Zeit liebevoll gegen Christines Schultern, und das Mädchen klopfte dem Tier zärtlich den Hals. Dann schwang sich Christine in den Sattel und galoppierte davon.

Der Schlosspark konnte an sich nur in seinem vordersten Fünftel Anspruch darauf erheben, als Park bezeichnet zu werden. Bis dahin waren die Wege nämlich noch gepflegt. Alles, was dahinter kam, war wilder Wald, in dem es höchstens noch schmale Pfade gab. Das gesamte Anwesen war von einem hohen, teilweise schon recht baufälligen Zaun umschlossen.

Christine bevorzugte zum Reiten die langen, schnurgeraden Schneisen. Vergnügt galoppierte sie jetzt auf einer dieser Schneisen bis zum Ende des gewaltig großen Anwesens. Dort, wo das Hochplateau jenseits des Zaunes sanft nach Süden abfiel, blieb sie stehen. Von hier hatte man einen herrlichen Ausblick über die hügelige, waldbedeckte Landschaft.

Elegant schwang Christine sich aus dem Sattel und setzte sich auf einen Baumstumpf. Um Goldtropfen brauchte sie sich nicht zu kümmern. Die Stute war folgsam und blieb stets in der Nähe ihrer Herrin.

Christine betrachtete die kleinen weißen Wölkchen, die lustig unter dem Blau des Himmels dahinsegelten. Christines Fantasie gab den duftigen Gebilden Gesicht und Gestalt, und sie machte sich den Spaß, für jedes von ihnen den passenden Namen zu finden.

Aber als Christines Blick auf den Zaun fiel, endeten jäh ihre beschwingten Gedanken. Hier endete ihre Welt. Was jenseits der Umzäunung lag, war ein fremdes, unbekanntes Reich ... das Land ihrer Träume.

Der Zaun stimmte Christine traurig, und seine Existenz legte sich wie ein Schatten über die gute Stimmung des Morgens. Sie erhob sich bald darauf und kletterte in den Sattel. Langsam ritt sie zurück. Als sie das Wirtschaftsgebäude erreicht hatte, traf sie Ferdinand. Wie immer trug er seinen breitkrempigen Strohhut und eine lange, gebogene Pfeife mit einem bemalten Porzellankopf.

Ferdinand war ein alter, leicht gebückt gehender Mann mit brauner, wie gegerbt wirkender Haut. In dem runzligen Gesicht leuchteten zwei sehr gütige Augen in einem hellen Blau. Christine unterhielt sich gern und oft mit dem alten Gärtner, aber heute wollte sie ihn nicht mit ihrer so plötzlich aufgekommenen Bedrücktheit anstecken. Sie begrüßte ihn kurz, wechselte einige Worte mit ihm und ging dann hinüber zum Schloss.

Friedrich erwartete sie schon. Er brachte sofort den Kaffee. Christine bedankte sich und begann zu essen. Dabei besserte sich ihre Laune ein wenig. Aber als ihr einfiel, dass wiederum ein endlos langer Tag zu überbrücken war, ein Tag, an dem nichts Besonderes geschehen würde, wurde sie erneut traurig.

Details

Seiten
149
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922912
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
sehnsucht herzen

Autor

Zurück

Titel: Die Sehnsucht ihrer Herzen