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Privatdetektiv Tony Cantrell #51: Das Terror-Team

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Franklin Phelps, der seine Pferde auf der Arlington Park Rennbahn laufen lässt, wird brutal zusammengeschlagen von Terror-Rackets, die mit allen Mitteln versuchen, Pferderennen zu manipulieren, und vor nichts zurückschrecken, um ihre Millionenschiebungen durchzuführen. Da niemand weiß, wer dahintersteckt und die Polizei auch noch keine Spur hat, engagiert der Pferdezüchter den Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team, um den Gangstern das Handwerk zu legen. Im Rahmen der Ermittlungen gerät Morton „Silk“ Philby vom Cantrell-Team unter Mordverdacht ...

Leseprobe

Table of Contents

Das Terror-Team

Copyright

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Das Terror-Team

Privatdetektiv Tony Cantrell #51

von Earl Warren

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Franklin Phelps, der seine Pferde auf der Arlington Park Rennbahn laufen lässt, wird brutal zusammengeschlagen von Terror-Rackets, die mit allen Mitteln versuchen, Pferderennen zu manipulieren, und vor nichts zurückschrecken, um ihre Millionenschiebungen durchzuführen. Da niemand weiß, wer dahintersteckt und die Polizei auch noch keine Spur hat, engagiert der Pferdezüchter den Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team, um den Gangstern das Handwerk zu legen. Im Rahmen der Ermittlungen gerät Morton „Silk“ Philby vom Cantrell-Team unter Mordverdacht ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Franklin Phelps ging zwischen den Stallgebäuden auf dem Rennplatzgelände Arlington Park hindurch. Er wollte zum Verwaltungsgebäude des Reit- und Fahrklubs, der das Gebäude von der Stadt Chicago gemietet hatte. Es war ein linder Maiabend.

Zwischen den Ställen war es dunkel. Phelps roch den vertrauten Geruch nach Pferden, frischem Gras und Heu, den er so sehr 1iebte.

Der Züchter bemerkte die beiden Männer nicht, die ihm folgten, kräftige, untersetzte Gestalten mit karierten Jockeymützen, die Hände in den Jackentaschen. Eine dunkle Gestalt trat Phelps entgegen.

„Haben Sie Feuer für mich?“, fragte der hochgewachsene Mann Franklin Phelps.

Der Züchter suchte in den Taschen seiner Cordjacke. Da wurde er von hinten gepackt, die Arme wurden ihm auf den Rücken gerissen. Die Schläger blockierten Phelps Beine, dass er nicht treten konnte. Ein kräftiger Unterarm legte sich über seinen Hals, sein Körper wurde nach hinten durchgebogen.

Hilflos hing Franklin Phelps im Griff der beiden Schläger.

Der große Mann, der um Feuer gefragt hatte, drosch dem Pferdezüchter, einem älteren, kräftigen, kahlköpfigen Mann, die Faust erst in den Magen und dann ins Gesicht. Franklin Phelps krümmte sich. Ein bohrender Schmerz wütete in seinen Eingeweiden.

Er schmeckte sein Blut.

„Das ist die letzte Warnung“, sagte der große Mann. „Wenn du jetzt nicht spurst, erledigen wir dich, Phelps.“

Er schlug zu, bedächtig und mit aller Härte. Er hatte einmal geboxt und wusste aus vielen Schlägereien, wo man hinschlagen musste, um jemandem weh zu tun. Schon nachdem ersten halben Dutzend Schlägen mussten die beiden untersetzten Kerle Phelps nicht mehr festhalten, sie mussten ihn vielmehr aufrecht hallen.

Phelps konnte nicht um Hilfe schreien, der eine Mann drückte ihm die Luft ab. Der Große zerschlug Phelps Gesicht zu einer blutigen Masse und landete schwere Körpertreffer. Franklin Phelps spuckte, würgte und ächzte.

Sein Körper wurde schlaff, er rang nach Luft.

„Moment mal“, sagte einer der Männer, die ihn festhielten. „Sonst geht er uns noch drauf.“

Sie ließen Phelps los. Der Pferdezüchter sank zu Boden und würgte seine zerbrochene, blutige Zahnprothese aus. Sein Gesicht war blutverschmiert, er war kaum noch als der Mann zu erkennen, der vor zwei Minuten noch leise und fröhlich vor sich hinpfeifend daherspaziert war.

„Hil...“, schrie Phelps.

Ein brutaler Fußtritt ließ den Hilfeschrei abbrechen. Die drei Schläger traten den zusammengeschlagenen und am Boden liegenden Mann mit Füßen. Sie traten ihn, wie Fußballspieler einen Ball treten, professionell, mit Wucht und Berechnung.

Phelps verstummte, er blieb reglos liegen.

Jemand hatte seinen halben Hilfeschrei gehört. Aus einem der feuersicheren, absolut sauberen, lang gestreckten Stallgebäude kam ein Jockey, ein kleiner, drahtiger und leicht gewichtiger Mann in Jeans und Joppe. Er schaute um die Ecke und sah die drei Schläger und den am Boden Liegenden.

„Hau ab“, sagte der Große leise. „Sonst liegst du gleich daneben. Oder willst du dich mit dem Racket anlegen?“

Der Jockey drehte sich wortlos um und ging weg. Der Große versetzte dem am Boden liegenden Phelps noch einen letzten Tritt, dann verschwand er mit seinen beiden Kumpanen. Der Pferdezüchter lag noch eine ganze Weile am Boden. Je mehr seine Benommenheit wich, umso mehr spürte er die Schmerzen.

Er stöhnte leise.

Dann fuhr ein Packard heran. Er hielt, zwei Männer stiegen aus, gingen zu Franklin Phelps und untersuchten ihn.

„Am Leben ist er noch“, sagte der eine. „Los, ruf den Notarztwagen, Mace.“

Der andere Mann eilte im Laufschritt zum nächsten Gebäude, das ein Telefon hatte. Der Notarztwagen erschien zehn Minuten später. Mittlerweile hatten sich einige Zuschauer angesammelt. Der Zusammengeschlagene lag auf einer Decke.

Zwei Sanitäter legten ihn auf eine Bahre, ein Arzt leistete Erste Hilfe. Als die Ambulanz losfuhr, saß der Arzt hinten im Wagen bei dem Verletzten.

„Wissen Sie, wer Sie so zusammengeschlagen hat?“

Phelps schüttelte schwach den Kopf.

„Ich sage nichts“, flüsterte er leise. „Benachrichtigen Sie meine Tochter. Die Adresse finden Sie in meiner Brieftasche.“

Das Sprechen bereitete Phelps Mühe. Er verstummte. Für den Rest der Fahrt waren nur noch das leise Stöhnen und der schwere Atem des schlimm zugerichteten Mannes zu hören.

 

 

2

Kurz vor Mitternacht klingelte es am Einfahrtstor des eleganten Bungalows in der Clinton Street in Western Springs. Nur in zwei Räumen brannte noch Licht. Es klingelte wieder, diesmal stürmischer, und nach einer Weile meldete sich eine etwas unwirsch klingende Männerstimme.

„O’Reilly. Wer ist da, bitte?“

„Cora Phelps. In einer äußerst dringenden Angelegenheit. Sie müssen mir helfen, Mr. O’Reilly.“

„Es ist fast Mitternacht, junge Dame. Sind Sie denn so arg in der Klemme, und ist es so dringend? Oder haben Sie sich vielleicht nur mit Ihrem Freund gestritten?“

Der Sprecher hatte an der Stimme gemerkt, dass es sich um eine jüngere Frau oder ein junges Mädchen handelte und dass sie sehr erregt war. Aus seiner Stimme klangen Selbstsicherheit und überlegene Ruhe, vielleicht auch ein wenig Spott.

„Hören Sie, Mister“, sagte Cora Phelps, „ich kenne Sie nicht, und ich will auch nicht zu Ihnen. Ich will zu Ihrem Chef, zu dem Rechtsanwalt und Privatdetektiv Tony Cantrell. Es geht um einen dringenden Fall. Es handelt sich um Erpressung, Nötigung, Wettbetrug, schwere Körperverletzung, und es können leicht noch Mord und Totschlag hinzukommen.“

„Okay, treten Sie erst mal ein.“

Der Elektromotor summte, das schmiedeeiserne Tor glitt auf. Cora Phelps’ roter Ford Mustang preschte hindurch und stoppte vor dem Eingang des L-förmigen Bungalows, dass der Kies der Auffahrt spritzte. Die Außenbeleuchtung ging an, Cora Phelps stieg aus und lief zur Haustür.

Ein Hüne von Mann öffnete ihr. Er war zwei Meter groß und wog sicher zwei Zentner, wovon kein Gramm Fett war. Er hatte blondes, kurz geschnittenes Haar und ein Gesicht, das Cora Phelps als gutmütig empfand.

Man sah ihm aber auch an, dass der blonde Hüne sehr hart und entschlossen sein konnte.

Er komplimentierte Cora Phelps in den Wohnraum und bot ihr einen Drink an. Cora Phelps lehnte ihn ab, sie blieb mitten im Raum stehen.

„Ich will sofort mit Tony Cantrell sprechen“, erklärte sie.

„Besteht für jemanden akute Lebensgefahr, oder geht es um eine Sache, bei der jede Minute kostbar ist?“, fragte O’Reilly.

„N...nein, aber ...“

„Kein ,Aber’. Wenn es so ist, können wir erst einmal in Ruhe über alles reden. Also, setzen Sie sich. Was möchten Sie trinken? Bourbon? Wodka? Baccardi?“

„Wenn schon, dann einen Scotch.“

Die späte Besucherin setzte sich. Sie war für eine Frau sehr groß, über ein Meter achtzig. Sie hatte langes, rotbraunes Haar und ein etwas herbes Gesicht mit einem breiten Mund. Auf der Nase hatte sie ein paar Sommersprossen. Sie wirkte wie eine Amazone mit einem kleidsamen und eleganten grünen Kostüm, das zu ihrer Augenfarbe passte.

„Sie können mich Butch nennen“, sagte der große blonde Mann. „Alle meine Freunde und alle hübschen Mädchen in meinem Bekanntenkreis tun das. Also, Miss Phelps, dann schießen Sie mal los. Wo drückt der Schuh?“

Butch hatte Cora Phelps einen Drink kredenzt. Er schätzte das Girl auf etwa fünfundzwanzig Jahre, womit er recht hatte.

„Sie können mich Cora nennen, Butch“, sagte das rothaarige Mädchen. „Mein Vater, Franklin Phelps, ein Pferdezüchter, ist heute Abend auf dem Rennplatz Arlington Park schwer zusammengeschlagen worden. Zurzeit liegt er unter Morphium im Notre-Dame-Hospital. Ich habe mich so aufgeregt, als ich sah, was diese Halunken mit ihm gemacht haben, dass ich gleich zu Ihnen nach Western Springs gefahren bin.“

Butch bemühte sich um Gelassenheit.

„Natürlich finde ich es äußerst bedauerlich, dass Ihrem Vater so übel mitgespielt worden ist, Cora. Aber erklären Sie mir doch bitte, was Sie sich davon versprechen, wenn sich das Cantrell-Team in die Sache einschaltet? Wenn es sich um Körperverletzung handelt, ist es Angelegenheit des zuständigen Polizeireviers. Aber Sie sprachen noch von ein paar anderen Sachen?“

Butch war vorsichtig. Er schätzte die herbe Rothaarige zwar nicht so ein, aber es gab Leute, die Zeter und Mordio schrien, nur weil ihnen jemand ein Schimpfwort an den Kopf geworfen hatte und einen Privatdetektiv und wer weiß was einschalten wollten. Wenn sie von den Kosten hörten, die damit verbunden waren, und von den Umständen, die eine Anzeige beim Polizeirevier mit sich brachte, verschwanden sie meist klamm und heimlich mit der Bemerkung, sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen zu wollen.

Eine Körperverletzung war nun wirklich keine Sache für das Cantrell Team. Tony Cantrell gab sich nur mit ganz großen Fällen ab, mit Kapitalverbrechen.

Den Kleinkram, wie Scheidungsangelegenheiten, überließ er seinen zahlreichen Kollegen.

Cora Phelps nahm einen Schluck Scotch und kippte dann den ganzen Doppelstöckigen wie Wasser. Sie schüttelte sich.

„Das habe ich gebraucht“, sagte sie. „Ich war sehr erregt, als ich herfuhr, aber nicht ohne Grund. Es geht nicht nur um einen Bagatellfall. Mein Vater gab mir im Hospital den Auftrag, mich an die tüchtigste und beste Detektei Chicagos zu wenden. Der Name Tony Cantrell fiel mir gleich ein, denn ich habe vor ein paar Wochen etwas über Cantrell und sein Team in ,Life‘ gelesen. Auf den Rennplätzen Chicagos hat sich ein Terror-Racket breitgemacht, das mit brutalsten Terrormethoden arbeitet, vor nichts zurückschreckt und Millionenschiebungen durchführt. Und nicht nur in Chicago ist das Terror-Racket tätig, sondern auch in ganz Illinois, in den nördlichen Staaten überhaupt. Es ist fast so wie in den dreißiger Jahren, als Al Capone mit seinem brillant-geschmückten Wurstfinger auf die Startliste tippte und bestimmte, welches Pferd der Derbysieger werden sollte. Pferdewette à la Capone nannte man das damals. Und mancher, der etwas dagegen einzuwenden hatte, hat mit einem Betonklotz an den Füßen im Lake Michigan das Langzeittauchen geübt.“

„Ich bin über die Geschichte unserer schönen Stadt informiert“, sagte Butch ironisch. „Besonders, was die Unterwelthistorie angeht. Gewiss, Chicago zählt auch heute noch in der Kriminalstatistik zu den Spitzenreitern. Aber ein Rennplatz-Racket, das gleich in die Millionen geht und mit Mord und Totschlag arbeitet ...“ Butchs Stimme klang etwas skeptisch. „Also, wissen Sie, Cora ...“

Die junge Frau warf die Haarmähne zurück.

„Wenn Sie den Fall übernehmen, werden Sie sehen, dass ich nicht übertrieben habe. Mein Vater lässt Ihnen durch mich den offiziellen Auftrag übermitteln. Er will mit dem Rennplatzkomitee sprechen, sobald er wieder kann, damit der Verband die Kosten für einen Privatdetektiv trägt. Sollte das wider Erwarten nichts werden, stehen wir Phelps’ für die Kosten gerade. Kann ich jetzt mit Ihrem Chef sprechen, Butch?“

„Tony Cantrell schläft schon. Sie erwarten hoffentlich nicht, dass er aus dem Bett springt und gleich zum Rennplatz prescht?“ Butch zwinkerte mit dem linken Auge. „Doch nun Spaß beiseite. Ich werde gleich morgen früh mit Cantrell reden, und ich glaube sicher, dass wir den Fall übernehmen werden. Geben Sie mir doch bitte Ihre Adresse und einige weitere Angaben.“

Schnell waren die Formalitäten erledigt. Cora Phelps sah Butch unschlüssig an. Der große blonde Mann beeindruckte sie, das war ihr anzumerken. Cora Phelps war größer als die meisten Männer, und vielleicht hatte sie deshalb ein paar verborgene Komplexe.

Ein Hüne wie Butch, zu dem sie aufschauen konnte, war einmal etwas anderes.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie mitten in der Nacht überfallen habe, Butch. Ich sehe ein, ich hätte auch bis morgen warten können. Aber ich war sehr aufgeregt und ...“

Butch winkte ab.

„Geschenkt. Ich kann mir vorstellen, was Sie empfanden, als Sie Ihren Vater verletzt und zerschlagen im Krankenhaus liegen sahen.“ Er brachte sein charmantestes Grinsen zustande. „Von mir aus können Sie mich gern jede Nacht überfallen.” Auch Cora Phelps lächelte zum ersten Male an diesem späten Abend.

„Sagen Sie, Butch, werden Sie diesen Fall bearbeiten?“

„Auch, aber nicht hauptsächlich. Wissen Sie, ich verstehe mehr von Motorrädern. Bei Pferden kann ich gerade vorn und hinten unterscheiden, und das auch nur, weil es vorne wiehert, und hinten ..., na ja, eben nicht wiehert. Kann ich Sie nach Hause bringen, oder kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Cora?“

In Coras Blick lagen ein Versprechen und eine Lockung, obwohl sie den Kopf schüttelte.

„Heute nicht. Später vielleicht. Wer wird denn den Fall bearbeiten? Mr. Cantrell selbst?“

„Das glaube ich nicht“, sagte Butch nach kurzem Überlegen. „Der Chef hat im Moment eine Menge um die Ohren. Ich glaube, auf das Terror-Racket wird mein guter Freund und Kollege Morton Philby angesetzt werden, wegen seiner eleganten Seidenkrawatten Silk genannt. Silk ist Elektronik- und Karate-Experte, als Privatdetektiv und Gangsterjäger absolute Spitzenklasse, ein technisches Genie, ein Meisterschütze und nebenbei ein leidenschaftlicher Pferdewetter. Sie sollten ihn einmal fluchen hören, wenn die Rennnachrichten durchgegeben werden, und er hört, dass der Gaul, auf den er gesetzt hat, wieder einmal nur ins Mittelfeld gelangt ist. Silk hat einen sechsten Sinn dafür, seine Bucks an lahme Krücken zu hängen.“

Cora Phelps musste lachen.

„Sie machen mich sehr neugierig auf Ihren Kollegen, Butch.“

„Warten Sie ab, bis Sie ihn sehen. Er sieht aus wie ein verhungerter Kleiderständer.“

 

 

3

Morton Philby sah nicht aus wie ein verhungerter Kleiderständer, wie es ihm Butch boshafterweise nachgesagt hatte. Er war ein Mann in den Vierzigern, drahtig, sportlich, mittelgroß, schwarzhaarig mit grauen Schläfen. Er war ein Mann, den die meisten Frauen zweimal ansahen.

Wäre er nicht mit seinem Beruf verheiratet gewesen, Silk hätte beim schönen Geschlecht eine Menge Chancen gehabt.

Er hatte bereits im Notre-Dame-Hospital mit Franklin Phelps gesprochen, dem es schon wieder besser ging. An diesem schönen Mittwochmorgen im Mai fuhr er die sechsspurige Northwest Road entlang in Richtung Arlington Park zur Pferderennbahn.

Silk saß in einem Buick Electra, einem hochtourigen 270-PS-Wagen mit Sonderausstattung und einigen Extras, die es in sich hatten. Zu den Extras zählten unter anderem: Ein tragbares Funkgerät, das mit einigen Handgriffen aus seiner Verankerung zwischen den Vordersitzen über der Kardanwelle gelöst werden konnte, ein Abhörkoffer mit Hi-Fi-Tonbändern und „Wanzen“ leicht installierbare Kleinstmikrofone. Ferner zählten zu den Extras im Wagen zwei Nachtsichtgeräte, auf Restlichtverstärker und Infrarotlichtbasis arbeitend, eine Schusswaffe im Handschuhfach und eine unter dem Fahrersitz.

Silk ging keineswegs „nackt“ auf die Verbrecherjagd. Das Cantrell-Team arbeitete mit den modernsten technischen Mitteln. Eine von Silk selbst entworfene und eingebaute Mehrfach-Alarmanlage verhinderte, dass der Wagen, der natürlich auch kugelsicheres Glas hatte, einfach geknackt werden konnte.

Dazu waren mindestens eine Werkstatt und Spezialkenntnisse erforderlich.

Silk fuhr kurz vor dem Interstate Highway 90 von der Northwest Road ab und erreichte das Rennbahngelände, eine etwas hügelige, parkähnliche Gegend. Er fuhr am Park vorbei und zwei Straßen weiter. Hier war „Jockey’s Corner“, das Pferdesportlokal Chicagos. Wenn man einen Renntipp brauchte, wenn man über die neueste Wettschiebung informiert sein wollte hier war man richtig.

Das Haus, in dem sich das Lokal befand, stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert, aber es war sehr gut renoviert und instand gehalten. Silk fuhr auf den Parkplatz und ging durch den Seiteneingang ins Lokal.

Die beiden Schalter im Hintergrund, an denen an den Renntagen Wetten angenommen wurden, waren jetzt geschlossen. Es waren nicht viele Gäste in dem saalartigen Hauptraum, der mit seinen blank polierten Tischen, Bänken und Stühlen und der altertümlichen, langen Messingbar irgendwie an einen Wartesaal aus der Zeit um die Jahrhundertwende erinnerte.

Es war elf Uhr vormittags, die Putz- und Aufräumarbeiten waren bereits abgeschlossen. Silk, Zigarette im Mundwinkel, trat an den Tresen und fragte den einen Barkeeper nach Blinky Whitman. Die Augen des Barkeepers musterten Silk und blieben an der protzigen Krawattennadel mit dem großen Similistein hängen.

Silk hatte mit Bedacht diese Krawattennadel gewählt, damit er in den hier verkehrenden Schieberkreisen mit seiner dezenten Eleganz nicht zu sehr auffiel.

„Wer, bitte?“, fragte der Barkeeper. „Sir“, fügte er hinzu, als Silk mit einer Fünfdollarnote raschelte.

„Blinky Whitman. Ein kleiner Kerl, der ständig mit dem linken Auge zwinkert. Er ist Jockey, gehört aber nicht zur Spitzenklasse.“

Der Barkeeper grabschte nach der Fünfdollarnote.

„Ach, den meinen Sie. Blinky ist jetzt beim Morgentraining an der Nordstrecke — als Zuschauer, versteht sich, denn seit er wegen Rauschgiftbesitzes Ärger hatte, darf er nur noch selten für einen der kleineren Züchter reiten oder mal einspringen, wenn ein anderer ausfällt. Es scheint ihm aber trotzdem nicht schlecht zu gehen. Jedenfalls ist er immer tipptopp in Schale und wirft mit Trinkgeldern um sich wie ein betrunkener Lord.“

Silk dankte, trank seinen Mokka aus und ging. Er fuhr mit dem Buick hinüber zur Rennbahn und parkte. Silk kannte sich hier einigermaßen aus. Er stieg gleich durch die Hecke. An der Nordbahn standen einige Männer und auch zwei Frauen. Sie beobachteten durch Ferngläser die Pferde, die von den Jockeys über die Bahn geritten wurden, im Trab, im Galopp, im Schritt oder in voller Karriere, je nachdem.

Der Privatdetektiv konnte sich für Pferde begeistern. Er verstand einiges davon und war kein blutiger Laie. Er hörte die Bemerkungen des sachkundigen Publikums, das aus Trainern, Rennstallbesitzern, Züchtern, zwei oder drei Jockeys und einigen vereinzelten Pferdesportbegeisterten bestand.

Achtzehn Pferde waren mit ihren Jockeys auf der Bahn.

„Capuccino zeigt einen deutlichen Leistungsabfall gegenüber dem Vorjahr“, sagte ein Mann mit karierter Schildmütze, als er das Fernglas absetzte, zu seinem Nebenmann. „Pass mal auf, wenn er um die Westkurve geht. Es sieht aus, als wollte er auf der Bahn einschlafen.“

Der andere sah hin.

„Ich glaube, der Jockey hält ihn zurück“, sagte er.

Der erste Sprecher schnaubte verächtlich durch die Nase.

„Was heißt hier zurückhalten? Capuccino ist zu alt, Al Janton, der Besitzer, hätte ihn schon vor zwei, drei Jahren aus der Rennkonkurrenz nehmen sollen. Als Zuchtpferd wäre Capuccino große Klasse, aber so wird er systematisch kaputtgemacht. Er hat doch überhaupt keine Chance gegen drei- und vierjährige Klassepferde wie Black Lady,Samson, Shatterhand und Earl of Dunston.“

„Wer weiß“, sagte der andere. „Jetzt, da das Racket bei den großen Rennen mitmischt, kann Capuccino durchaus noch einmal Erster werden.“

Silk stand in der Nähe der beiden Männer. Er sah zu ihnen hin und spitzte die Ohren. Sie bemerkten ihn, wurden misstrauisch und begannen, über ein anderes Thema zu reden.

Der drahtige Privatdetektiv bemerkte unter den Zuschauern auch ein großes, rothaariges Mädchen mit herbem Gesicht und breitem, eigenwilligem Mund, das ihn auffällig musterte. Nach Butchs Beschreibung und nach einem Foto von ihr wusste er, dass es sich um Cora Phelps handelte.

Doch Silk beachtete sie nicht weiter, er wollte unliebsame Beobachter nicht auf Zusammenhänge aufmerksam machen.

Jetzt sah Silk auch Blinky Whitman in der Nähe der Bahn stehen. Blinky trug einen maßgeschneiderten Anzug und stützte sich auf einen Stock mit Silberknauf. Er wollte elegant aussehen, aber er sah nur aus wie ein Taschendieb, der sich verkleidet hat, um sich in eine feudale Gesellschaft einzuschleichen.

Als Silk zu ihm hintrat, jagten gerade die beiden Spitzenreiter vorbei, die das Feld führten. Natürlich handelte es sich um kein richtiges Rennen, das Feld hatte sich mehr oder weniger zufällig zusammengefunden. Wirklich gute Pferde, die vorn hätten liegen können, wurden von Jockeys zurückgehalten, während andere, schlechtere, nach vorn preschten.

Warum sollten sie nicht wenigstens beim Training einmal führen?

Silk gönnte sich für ein paar Augenblicke den Anblick der edlen rassigen Pferde, der über ihre Hälse geduckten, leichtgewichtigen Jockeys mit den Reitkappen und Reitpeitschen. Dann war das Feld vorbei, und Silk trat zu Blinky Whitman.

„Hallo, Blinky“, sagte er.

Blinky sah zu Silk hoch, obwohl der auch nicht mehr als mittelgroß war. Sein linkes Augenlid flatterte ein paarmal.

„Hallo, Silk“, sagte er ohne große Begeisterung. „Wollen Sie mal wieder einen Renntipp haben?“

Silk hatte von Blinky Whitman einmal einen „Geheimtipp“ erhalten, der sich hinterher als fulminante Pleite entpuppte. Das war noch, bevor der Jockey mit dem Rauschgiftdezernat Ärger bekam.

„Ich kann mein Geld auch allein verlieren“, antwortete Silk. „Nein, Blinky, ich will etwas anderes wissen, und ich bin bereit, gut für Informationen zu zahlen, die wirklich etwas taugen.“

Blinky zog Silk am Ärmel weg, den Ställen, Verwaltungsgebäuden, Restaurants und Tribünen zu. Sie spazierten neben der Bahn entlang. Silk sagte Blinky, was er von ihm wissen wollte, und natürlich begann das unvermeidliche Gefeilsche über den Wert der Information.

Silk schätzte solche Methoden nicht. Aber seit es Privatdetektive gab, hatten sie bezahlte Informanten,Verbindungsmänner und Zuträger gebraucht. Und es sah nicht so aus, als sollte sich daran jemals etwas ändern.

„Ich habe gehört, der alte Phelps soll gestern eine mächtige Abreibung bezogen haben“, sagte Silk, nachdem sie sich auf einen Preis von sechzig Dollar vor dem Informationsgespräch und vierzig danach geeinigt hatten, falls Silk sich vom Wert der Informationen überzeugt hatte. „Es ging um ,Sheik‘, seinen dreijährigen Galopper, der für das Fünfzehn-Uhr-Rennen am Sonntag über 3 500 Yards Favorit ist. Er hat sich geweigert, ,Sheik‘ vom Jockey zurückhalten zu lassen.“

„Na und?” fragte Blinky. „Wenn Sie schon alles wissen, bevor ich auch nur einen Takt rede, will ich Flocken sehen.“

Flocken, das waren bei Blinky Geldscheine. Silk gab ihm seine sechzig Dollar, und er tat es nicht gern. Es blieb ihm aber keine andere Möglichkeit.

„Was weißt du vom Terror-Racket?“

„Offizieller Auftrag?“, wollte Blinky wissen.

„Kann schon sein. Also, rede! Wenn hier einer über krumme Dinger Bescheid weiß, dann bist doch du es, Blinky.“

„Hören Sie mal“, entrüstete sich Blinky. „Beleidigen brauche ich mich nicht zu lassen.“

Silk packte ihn am Arm und zog den schmächtigen Mann zu sich herüber. Das Größte an Blinky war seine Klappe, aber die half ihm nichts, als Silk seinen linken Arm in einen schmerzhaften Armhebel nahm.

„Au“, stöhnte Blinky. „Sind Sie verrückt, Mann. Sie brechen mir ja den Arm!“

„Ach was“, sagte Silk. „Das könnte ich zwar, aber dazu fehlt noch viel. Ich kenne dich, Blinky, also können wir uns die Sprüche sparen. Wir wissen beide, was wir voneinander zu halten haben. Ich habe dir keine sechzig Dollar gegeben, um von dir irgendwelchen Rennplatzschmonzes zu hören. Gute Information für gutes Geld. Wenn ich zufrieden bin, kassierst du auch noch vierzig Dollar. Aber versuche nicht, mir irgendwelchen Käse zu verzapfen, Freund. Ich merke das nämlich, und du weißt, dass ich eine Menge Verbindungen habe. Du kriegst Ärger, Blinky, verlass dich darauf! Und verfall ja nicht auf die Idee, dein Klappmesser aus der Tasche zu holen. Sonst kannst du deinen Arm nämlich auch klappen.“

Das war der einzige Ton, in dem man mit einer Rennbahnratte wie Blinky Whitman reden konnte. Höflichkeit oder Rücksichtnahme hätte er sofort als Schwäche angesehen und entsprechend ausgenutzt. Der in den Docks aufgewachsene Blinky Whitman erkannte nur das Gesetz des Stärkeren an. Geld und Gewalt waren seine Maxime.

Silk ließ ihn los, und Blinky rieb seinen Arm. Weit davon entfernt, beleidigt zu sein, begann er nun zu reden wie ein Wasserfall und berichtete dem Privatdetektiv eine Menge interessanter Dinge. Er erzählte Silk, eine gewisser Nick, ein großer, schwarzhaariger Mann mit einer Narbe am Kinn, setze mit Gangstern, Killern und Schlägern die Interessen des Terror-Rackets durch.

Nick arbeite im Auftrag unbekannter Hintermänner, so meinte Blinky Whitman, die er nicht nennen könne. Er sprach von ein paar Jockeys, die man zusammengeschlagen hatte, weil sie sich weigerten, die Forderungen der Rennplatzgangster zu erfüllen, und von einer vierjährigen Stute mit sehr guten Zukunftsaussichten, einem Rasse- und Klassepferd, der man mit einer Eisenstange beide Vorderbeine gebrochen hatte.

Der Besitzer hatte einen Herzinfarkt erlitten, als sein bestes Pferd erschossen werden musste. Noch im Krankenhaus hatte ihn die Drohung des Terror-Rackets erreicht, er solle lieber seinen Mund halten und die Sache vertuschen, sonst könne eines seiner Kinder oder seine Frau sich leicht das Genick brechen.

Der Mann hatte nachgegeben.

„Welche Stute war das?“

„Walhalla II.“

„Ah, Walhalla.“

Es war nicht vernunftgemäß, aber Silks Grimm gegen die Rennplatzgangster wuchs. Walhalla hatte ihm einen seiner wenigen höheren Wettgewinne beschert. Deshalb fühlte er sich dem Pferd irgendwie verpflichtet. Außerdem empörte es ihn, dass sich die Gangster an einer wehrlosen Kreatur vergriffen.

„Alles recht interessant“, sagte Silk, „nur hilft es mir nicht weiter. Kannst du mir nicht etwas Näheres über diesen Nick oder über die Leute sagen, die für ihn arbeiten?“

„Bad Orson Judd gehört dazu“, sagte Blinky mit einem tückischen Blick. „Sonst weiß ich im Moment keinen, denn natürlich posaunt es keiner aus, wenn er für das Terror-Racket arbeitet. Aber warten Sie mal, lassen Sie mich überlegen.“

Während Blinky nachdachte, überlegte sich Silk, was von Blinkys Tipp in Bezug auf Orson Judd zu halten war. Judd, bekannt als Bad Orson, der böse Orson, war ein Jockey der Spitzenklasse. Irgendwie war er in Verruf geraten. Von ihm ging die Rede, er schinde die Pferde, mit denen er arbeite, er behindere seine Kollegen auf der Bahn so unfair wie nur möglich, ohne disqualifiziert zu werden, und es geschehe auch, dass er im Finish mit der Reitpeitsche statt des Pferdes das Gesicht des schärfsten Konkurrenten träfe.

Ob daran etwas war, konnte niemand sagen. Silk glaubte es nicht. Wäre Orson Judd wirklich ein so übler Typ gewesen, hätte er nicht in die Weltspitzenelite der Jockeys vorstoßen können. Sicher war er hart, nahm wenig Rücksicht und legte sich scharf ins Zeug.

Aber dafür war er Profi. Silk war dafür, Blinkys Tipp entweder als Ablenkungsmanöver zu werten oder aber dem Konkurrenzneid zuzuschreiben. Orson Judd hatte nämlich die Position, die Blinky Whitman nie erreicht hatte und auch nie erreichen würde.

Blinky Whitman bequemte sich immer noch nicht zum Reden. Er wälzte irgendwelche Gedanken. Vielleicht wollte er sich auch aufspielen und den Preis hochtreiben.

Silk überlegte, dass Bad Orson Judds übler Ruf die Kassen füllte. Das Publikum wollte ihn sehen. Es wollte sehen, wie er verlor und abgeschlagen wurde, aber das erlebte es nur sehr selten. Gleichviel, es gab Leute, die extra kamen, um Orson Judd verlieren zu sehen, und zwar gegen einen „sympathischen“ Jockey.

Wie bei jeder Sportart in den Staaten war auch beim Pferderennen einiges an Show dabei. Da liefen nicht nur Pferde gegeneinander, auch die Jockeys maßen sich. In den Sportzeitungen wurde von Galoppduellen zwischen Bad Orson Judd und irgendwelchen Günstlingen des Publikums berichtet und so mit Stimmungsmache Reklame betrieben.

„Hören Sie, Silk“, sagte Blinky in Silks Gedankengänge hinein. „Ich glaube, ich sehe da eine Möglichkeit. Der alte Blinky wird mal rasch seine Fühler ausstrecken, und vielleicht kann ich Ihnen Nick mit der Narbe frei Haus liefern. Na, wie wäre das, was springt dabei für mich heraus?“

Wieder begann das Gefeilsche. Blinky verlangte einen horrenden Preis. Silk wies darauf hin, dass jener Nick mit der Narbe am Kinn seine Vergangenheit sicher nicht im Priesterseminar zugebracht habe und höchstwahrscheinlich in einer Verbrecherkartei bei der Metropolitan Police, dem FBI oder sonst wo registriert sei.

„Im Zeitalter des Computers wird es kein Problem sein. Nick mit der Kinnnarbe herauszufinden. So viele große, schwarzhaarige Gewaltverbrecher mit einer auffälligen Narbe am Kinn wird es in den Staaten wohl nicht geben.“

„Okay, aber wenn ihr sein Karteiblatt habt, habt ihr noch lange nicht Nick.“

„Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, Blinky. Wie viele Tage gibst du ihm bei einer Großfahndung? Klar, dann wissen seine Komplizen und Hintermänner Bescheid, und deshalb ist es mir auch lieber, wenn du ihn mir liefern kannst. Aber nicht für das Geld, das du dafür verlangst.“

Sie einigten sich schließlich auf hundertfünfzig Dollar, wobei Blinky fast in Tränen ausbrach.

„Daran zu denken, dass man für das Spottgeld einen Menschen ans Messer liefert“, sagte er.

„Sei still! Du würdest für drei Dollar pro Tag deine eigene Großmutter auf den Strich schicken. Also, Blinky, was ist jetzt?“

Der kleine, schmächtige Mann sah gehetzt umher.

„Ich muss erst Nachforschungen anstellen“, sagte er dann. „Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden. Für das Terror-Racket arbeiten eiskalte brutale Burschen. Sie brauchen nicht hierzubleiben, wenn die Sache vorbei ist, Silk, aber ich muss mich auch weiter in diesen Kreisen hier bewegen und mein Brot verdienen.“

„Ich weine gleich, Blinky.“

„Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Silk. Die Ställe im C-Trakt werden zurzeit nicht benutzt, weil dort renoviert und umgebaut werden soll. Wissen Sie, wo früher immer die Traber untergebracht waren?“

„Ja.“

„In dem Stall warten Sie auf mich, in etwa einer Stunde. Inzwischen können Sie ja was essen gehen.“

„Werde ich tun, Blinky, und denk daran: Keine dummen Geschichten und keine Lügenmärchen. Und sieh zu, dass du einigermaßen pünktlich bist.“

„Ja doch, ja doch. Mann, Sie haben aber auch eine Art. Das krempelt einem ja das Herz um.“

„Hoffentlich auf die richtige Seite. Jedem, wie es ihm gebührt, das ist meine Devise. Bis später, Blinky.“

Silk ging davon, an den Tribünen vorbei und an der Finishstrecke entlang. Blinky schlenderte in eine andere Richtung davon, zu den Wettschaltern und Totalisatoren, die jetzt geschlossen waren.

Er betrat eine Telefonzelle und warf einen Nickel ein. Am anderen Ende meldete sich eine gähnende Frauenstimme.

„Ich will Nick sprechen“, verlangte Blinky bündig. „Hier ist Blinky. Es ist wichtig.“

„Nick!“, hörte er die Frau durch die Leitung schreien. „Niiick!“

Die Stimme kann er als Glasschneider nehmen, wenn sonst mal nichts da ist, dachte Blinky Whitman. Nick meldete sich. Seine Stimme klang dunkel und voll. Unwillkürlich stellte man sich einen großen Mann vor, wenn man sie hörte. Dieser Eindruck trog nicht einmal, im Gegensatz zu anderen telefonischen Eindrücken.

Blinky, der Nick ein paarmal persönlich gesehen hatte, wusste das.

Der abgehalfterte Jockey erzählte dem Rennplatzgangster, was Silk gewollt hatte.

„Natürlich habe ich keinen Cent von ihm genommen“, sagte Blinky in seinem ehrlichsten Tonfall. „Jetzt wartet er im Traberstall im C-Trakt auf mich.“

Eine Weile herrschte Stille.

„Gut gemacht“, sagte Nick dann. „Ich schaue selbst vorbei.“

„Und ich? Was soll ich mit ihm anfangen?“

Ein tiefes, dunkles Lachen ertönte.

„Na, was wohl, Blinky? Du servierst ihn ab. Erstich ihn, erschlag ihn oder mach sonst etwas. Aber lautlos und unauffällig muss es über die Bühne gehen, klar?“

Blinkys Kinn zitterte.

„Aber ich ha...hab doch noch nie einen ...“

„Wie alt bist du, Blinky?“

„Drei...dreißig.“

„Dann wird es höchste Zeit, dass du einen umbringst. In deinem Alter hatte Capone schon siebzig oder achtzig auf der Latte.“

 

 

4

Silk betrat den dämmrigen Stall. Er drückte den Lichtschalter, aber die Deckenbeleuchtung funktionierte nicht. Silk ging in den Stall hinein. Die Boxen waren leer. Es roch nach altem Heu und Pferden.

Der drahtige Mann sah sich um. Durch ein paar verschmutzte Fensterluken fiel etwas Sonnenlicht herein.

„Blinky?“, rief Silk halblaut.

„Hier“, antwortete eine halblaute Stimme weiter hinten im Stall. „Seien Sie vorsichtig. Hat Sie jemand hier reingehen sehen, Silk?“

„Nein, ich glaube nicht.“

Silk ging in die Richtung, aus der er die Stimme gehört hatte. Hier stimmte Verschiedenes nicht, es war Gefahr im Verzug, das spürte Silk fast körperlich. Er war kein Neuling, der jedem Gangster ahnungslos ins offene Messer lief.

Etwas mehr als eine Stunde war vergangen, seit Silk sich von Blinky Whitman getrennt hatte. Er hatte in der Zwischenzeit gegessen und in Western Springs angerufen, wo Butch ihn nach Cora Phelps gefragt hatte. In der Beziehung hatte Silk ihm nicht weiterhelfen können.

Der drahtige Mann zog den .38er mit einer glatten, flüssigen Bewegung aus dem Schulterholster.

„Blinky?“, fragte er wieder in den leeren, lang gestreckten Stall.

„Hier“, hörte er Blinky Whitman antworten. „So kommen Sie doch endlich. Oder soll ich bis morgen früh warten?“

Silk ging im Mittelgang weiter nach vorn. Er war vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug. Plötzlich sauste aus dem Halbdunkel einer Box eine Stahltrosse mit schwerem Stahlhaken auf ihn zu. Es war die Trosse der Laufkatze an der Decke, mit der schwere Heu und Strohballen vom Zwischenboden herunter und in die einzelnen Boxen gehievt wurden.

Silk konnte etwas ausweichen, aber das schwere Hakenteil traf ihn trotzdem an der rechten Schulter, und der .38er Smith & Wesson entfiel ihm. Blinky Whitman sprang aus der Box, eine scharfzinkige Heugabel in den Fäusten. Mit einer vor Wut und Angst verzerrten Killerfratze immerhin war es sein erster Mord sprang er auf Silk los.

Der drahtige Mann wich zur Seite, obwohl ihm der Schmerz in seiner Schulter schwer zusetzte. Im ersten Augenblick glaubte er, sein Schultergelenk sei zerschlagen.

Blinkys Stich ging fehl. Sofort griff er Silk wieder an. Silk wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen eine verschlossene Boxentür stieß. Blinky fintierte und stieß dann mit aller Wucht zu.

Im letzten Moment warf sich Silk zur Seite. Einer der scharfen Gabelzinken erwischte sein Jackett und nagelte es an der Lattentür der Box fest. Es gab einen hellen Ton, als die Stahlzinken ins Holz drangen.

Blinky sah, dass er Silk buchstäblich festgenagelt hatte. Mit einem Triumphschrei sprang er zurück und wollte den .38er aufheben, der dem Privatdetektiv entfallen war. Silk schlüpfte aus seinem Jackett. Sein rechter Arm hing schlaff herab nach dem Schlag des sechs Kilo schweren Stahlhakenstücks, das voll seine Schulter getroffen hatte.

Der Stahlhaken pendelte jetzt noch in der Gangmitte am Seilende leicht hin und her.

Silk riss mit der Linken die Heugabel aus dem harten Holz. Als Blinky gerade den Revolver aufheben wollte, stieß der Privatdetektiv zu. Einer der langen Stahlzinken durchbohrte die Hand des Jockeys.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922905
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell terror-team
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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #51: Das Terror-Team