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Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch

von Glenn Stirling (Autor) Horst Weymar Hübner (Autor)
2018 400 Seiten

Leseprobe

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Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

Glenn Stirling: Die schicksalhafte Fahrt der Sweet Lady

Glenn Stirling: Das Flaggschiff des Teufels

Horst Weymar Hübner: Der Falke der Cartagena

Die beiden britischen Schiffe „Bellona“ und „Triton“ haben Kurs auf Jamaika genommen. An Bord befindet sich auch der einflussreiche Adlige Sir Hyde Montague mit seinem Gefolge, der eigene Pläne hat, von denen jedoch niemand etwas wissen darf. Denn nur er weiß, dass nach dem Einlaufen in den Hafen von Jamaika noch eine andere, weitaus gefährlichere Mission auf die „Bellona“ wartet.

Der 1. Steuermann Jeff Bulmer ahnt, dass Montague finstere Pläne schmiedet – und als dieser das erkennt, versucht er alles, um Bulmer auszuschalten. Nur Lady Pamela, die Nichte Sir Hydes, kann Bulmer noch schützen – und sie ist bereit, alles dafür zu tun. Auch wenn am Horizont bereits die Piratenschiffe des Falken von Cartagena auf das britische Schiff lauern. Und wenn die „Bellona“ in die Fänge der Piraten gerät, dann ist jeder an Bord in tödlicher Gefahr!

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COPYRIGHT

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die schicksalhafte Fahrt der SWEET LADY

Ein Roman von Glenn Stirling

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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ES IST EIN GUT AUSGEKLÜGELTER Plan. Die SWEET LADY soll Kurs auf in Richtung Westen nehmen. Offiziell hat sie Maschinenteile an Bord – aber in Wirklichkeit ist auch eine Kiste mit Gold dabei, die für die Rebellen in Mexiko bestimmt sind. Auf offener See soll die Übergabe erfolgen – ein mexikanisches Schiff ist bereits im See gestochen.

Kapitän der SWEET LADY ist der junge Allan Snow, es ist sein erstes Kommando überhaupt. Snow ahnt nicht, dass die komplette Besatzung und auch er selbst nur Mittel zum Zweck sind. Denn der Reeder Adam Rowes hat ganz andere Pläne – und selbst wenn dabei Menschen sterben werden, interessiert ihn das überhaupt nicht ...

„Hau ab, du Wicht! Aus dem Weg! Oder soll ich dich verprügeln, dass du in kein Hemd mehr passt?"

Der bullige Mann stand in der Mitte der schmalen Gasse. Seine raue Stimme hallte von den Wänden wider und übertönte den Lärm, der aus der nahe gelegenen Spelunke drang.

Allan Snow blieb stehen. Er wirkte unsicher. Hinter seinem Rücken waren Schritte zu hören. Und weiter entfernt das ewige Plätschern der Wellen an der Kaimauer. Snow schluckte. Er hüstelte. „Du bist besoffen, Mann!"

Ein grollendes Lachen antwortete ihm.

„Beim heiligen Klabautermann, du hast recht, Kleiner! Besoffen bin ich wie eine Seekuh! Und du kannst von Glück sagen, dass es so ist, sonst hätt’ ich dich schon über den Haufen geschlagen! Verschwinde jetzt! Mach mir Platz!“

Es war klüger, nachzugeben. Der breitschultrige Seemann hatte Bärenkräfte. Ein einziger Fausthieb von ihm würde genügen, Allan Snow in die Gosse torkeln und zusammenbrechen zu lassen.

Mit dem linken Fuß trat Snow in den Rinnstein. Er stützte sich an der Hauswand ab. So hatte der Betrunkene reichlich Platz, vorüberzugehen.

Aber der frischgebackene Käptn hatte sich verschätzt. Denn der Seemann vor ihm begnügte sich nicht damit, dass der andere ihm Platz machte. Er wollte Streit. Er wollte seine überschüssigen Kräfte loswerden. Doch das begriff Snow erst, als er die mächtige Faust des anderen auf sein Gesicht zuschießen sah.

Geistesgegenwärtig ließ sich Allan Snow fallen. Er rutschte an der Hauswand herunter. Aber das Glück verließ ihn. Denn die Faust war schneller. Sie traf ihn mit voller Wucht an der rechten Schläfe, riss ihn zur Seite, dass sich Snow überschlug und inmitten eines Unrathaufens neben dem Rinnstein landete. Hundekot und faule Eier, einige Knochen und ein paar faulende Pflanzen dämpften die Gewalt des Aufpralls. Aber sofort stieg dem jungen Kapitän der ekelerregende Gestank in die Nase und verursachte ihm trotz seines Benommenseins entsetzliche Übelkeit.

Und zu allem Überfluss hörte Snow, als er sich ächzend wieder aufrichtete, auch noch das höhnische Lachen des Kahlköpfigen, der mittlerweile bereits ein Stück die Gasse hinuntergegangen war.

Allan Snow war von der körperlichen Erscheinung her genau das Gegenteil von dem, was man sich gemeinhin unter einem Seemann, einem Kapitän vorstellte. Er war schmächtig und sah eher aus wie ein schmalbrüstiger Schreiber bei Gericht.

Obwohl es keinen Zweifel geben konnte, dass Snow dem bärenstarken Seemann weit unterlegen war, wollte der Kapitän in seiner ersten Wut hinter dem Betrunkenen herrennen, sich auf ihn stürzen und sich für das, was jener ihm angetan hatte, revanchieren.

„Mistkerl“, knurrte er aufgebracht. Er ballte die Fäuste. Dann aber hatte er sich wieder in der Gewalt. Er atmete tief durch und flüsterte heiser: „Hat ja doch keinen Sinn.“

Im trüben Licht einer Tranfunzel, die über dem Eingang zur Spelunke hing, säuberte sich Snow notdürftig. Den größten Teil des fest an der Kleidung haftenden Unrats konnte er beseitigen. Nicht aber den bestialischen Gestank um sich, der ihm beinahe den Atem verschlug.

Allan Snow überlegte. In diesem Zustand konnte er sich nicht unter die Leute begeben. Hier im Hafenviertel störte sich zwar kaum jemand daran. Aber konnte er sich so, verdreckt und mit dieser scheußlichen Wolke von Gestank um sich, Adam Rowes vorstellen? Was für einen Eindruck sollte Rowes von ihm haben? Zumindest war es sehr zweifelhaft, ob er einem solchen. Mann das Kommando über ein Schiff anvertrauen würde.

Snow warf einen Blick auf die Taschenuhr. Fünf Minuten blieben ihm noch. In dieser Zeit schaffte er es bestenfalls im Laufschritt bis zum Reedereibüro. Daran, umzukehren und zum Kai zu laufen, sich in der Kajüte rasch umzuziehen und dann den gleichen Weg noch einmal zurückzulegen, war überhaupt nicht zu denken.

Der schmächtige Mann stieß einige Verwünschungen aus. Dann trottete er missmutig und verdrossen an. Den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten weiter. Er ärgerte sich maßlos, wenn er daran dachte, dass seine Chancen, das erste Kommando über ein Schiff zu bekommen, nun möglicherweise durch einen Betrunkenen zunichte gemacht worden waren.

Als dann das Reedereibüro zu sehen war, hatte sich der junge Kapitän damit abgefunden, dass er die Entscheidung von Adam Rowes so oder so würde hinnehmen müssen. Und er nahm sich vor, seinen schlechten äußerlichen Eindruck durch ein sicheres, überzeugendes Auftreten wettzumachen.

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DER GLATZKOPF, DER Snow niedergeschlagen hatte, war weitergetorkelt. Er benötigte die ganze Breite der Gasse. Und er lallte eine Melodie vor sich hin; er grölte manchmal. Ganz entfernt erinnerte sie an einen Shanty.

Walross war der Spitzname dieses glatzköpfigen Seemanns. Und unter diesem sehr bezeichnenden Namen kannten ihn die Seeleute, die Offiziere und die Kapitäne entlang der ganzen englischen Südküste.

Walross. Das Aussehen dieses Mannes entsprach haargenau dem Bild jenes Tieres. Er war kahlköpfig, hatte einen massigen Körper, ein breites,. etwas flächiges Gesicht, einen imposanten Schnauzbart und eine breite, eingeschlagene Nase. Wenn man dazu auch noch das ausladende Kinn betrachtete, erschien einem dieser Mann wie der typische Raufbold. Dieser Eindruck wurde nur etwas gemildert durch den gutmütigen, fast weichen Zug um seinen Mund.

Auch die Augen wiesen Walross eher als einen gutmütigen Riesen aus. Und so war er auch. Nüchtern allerdings. Nicht, wenn er betrunken war. Da konnte er boshaft und streitsüchtig sein wie selten ein Mann.

Walross war ein sehr guter, zuverlässiger Matrose. Ein bärenstarker Bursche, der gut und gern zwei Männer ersetzte. Aber er hatte einen Fehler, mit dem er sich schon viele Sympathien verscherzt hatte. Er soff.

Alkohol war für diesen Mann beinahe etwas wie ein Lebenszweck. Doch das Merkwürdige daran war, dass er nur dann Unmengen in sich hineinschüttete, wenn das Schiff vor Anker lag. Nur an Land trank er, als wollte er in diesen wenigen Tagen oder Wochen alles nachholen, was er auf See entbehren musste.

Mit schweren Schritten näherte sich Walross dem Kai. Er blieb vor der SWEET LADY stehen, die von den Wellen leicht bewegt wurde. Die Verschanzung scharrte an der Kaimauer. Undeutlich waren die Deckswachen auszumachen.

Walross schwankte ein wenig. Er hielt die Hände trichterförmig vor den Mund.

„He, Kerls! Habt ihr nix zu saufen?“

Einige Sekunden blieb es still. Dann näherte sich einer der Männer der Reling. Er lachte kurz auf.

„Hau ab, du versoffenes Aas! Such dir ’n anderen Kahn! Vielleicht kriegst du dort was ab. Aber wenn ich dir ’n Rat geben darf, Seemann, dann sauf lieber nichts mehr! Du hast den Kanal schon längst voll!“

„Blöder Hund“, brummte Walross. „He, du kannst mich mal! Der Klabautermann soll dich holen! Er soll dich fressen, du Schwachkopf!“

Langsam torkelte Walross weiter. Wieder begann er zu singen. Und als er ein Stück weiter eine Barkentine am Kai liegen sah, wiederholte er das gleiche Spiel...

*

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VOR DEM EINGANG ZUM Reedereibüro war Allan Snow stehengeblieben. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Auf einmal war die eben noch vorhandene Selbstsicherheit wieder verschwunden. Erneut zweifelte er daran, dass er sich richtig verhielt, wenn er so ins Büro trat.

Schon liebäugelte der junge Kapitän mit dem Gedanken, umzukehren und doch noch rasch die Kleidung zu wechseln. Er konnte sich nicht entscheiden.'

Schon kehrte er der Tür den Rücken zu. Da wurde sie geöffnet. Licht fiel aus dem Büro. Ein hagerer Mann mit schütterem Haar stand da. Die bleiche Gesichtshaut leuchtete auf.

„Hallo! Sir! Wollten Sie zu Mr. Rowes?“

Allan Snow drehte sich auf dem Absatz um. Er war erschrocken. Und seine Stimme klang belegt, als er antwortete:

„Mr. Rowes? Ja, den suche ich. Ich meine sein Reedereibüro.“

Der Hagere lächelte.

„Bitte, kommen Sie herein, Sir! Sie sind Kapitän Snow, nehme ich an.“

Der Angesprochene nickte.

„Ja. Ich bin mit Mr. Rowes verabredet. Es tut mir leid, wenn ich mich verspätet haben...“

„Treten Sie ein, Sir!“

Der Hagere ließ Snow nicht ausre den. Er winkte einladend und gab den Eingang frei.

Allan Snow betrat das kärglich eingerichtete Büro. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass Adam Rowes nicht viel für eine üppige Ausstattung übrig hatte. Er war Geschäftsmann und dachte zweckmäßig. Eine einfache Barriere aus Holz trennte den Besucherraum vom Büro ab. Hinter dieser hüfthohen Barriere befanden sich drei Sekretäre und einige Schränke. Ein wuchtiger Schreibtisch befand sich in einer Ecke in einem durch eine halbhohe Bretterwand abgetrennten Raum.

Der Hagere beobachtete Snow sehr aufmerksam. Als der Kapitän dies gewahr wurde, lächelte er verlegen. Und da meinte er, einen geringschätzigen Blick des anderen zu sehen.

Sofort hatte er wieder den Gestank in der Nase, der nach wie vor intensiv an seiner Kleidung haftete.

Als hätte der Hagere seine peinlichen Gedanken erraten, rümpfte er die Nase und sagte: „Es riecht merkwürdig hier. Finden Sie nicht auch, Sir?“

Allan Snow konnte nicht vermeiden, dass er vor Verlegenheit rot anlief. Er mied den Blick des anderen und ermahnte sich selbst, wieder sicherer zu werden.

„Finden Sie? Ich kann nichts feststellen. Vielleicht haben Sie eine sehr empfindliche Nase. Es riecht wie in jedem anderen Reedereibüro.“

Der Schreiber schluckte. Sein Hochmut hatte unter dieser Antwort gelitten. Snow konnte ihm ansehen, dass er gerne eine patzige Antwort gegeben hätte. Aber er beherrschte sich. Ob es Höflichkeit war oder ob dieses Verhalten auf eine Anweisung von Adam Rowes zurückzuführen war, ließ sich nur schwer beantworten.

„Bitte, Sir. Mr. Rowes ist noch nicht eingetroffen. Aber er lässt Ihnen bestellen, dass es noch einige Minuten dauern kann. Er hatte eine Besprechung.  Möchten Sie etwas trinken?“

Überrascht blickte Snow auf.

Diese letzte Frage passte absolut nicht zur Atmosphäre und zu seinem Eindruck von diesem Büro. Anscheinend legte Rowes großen Wert darauf, dass Snow sich wohlfühlte. Und das hatte ganz sicher etwas zu bedeuten.

Da er nicht antwortete, fragte der Hagere erneut:

„Sherry, Sir?“

„Hm. Ich glaube, ich könnt’ einen Schluck vertragen.“

Der Hagere zog die Brauen hoch, als missbilligte er diese Zustimmung. Er wies auf einen alten Stuhl jenseits der Barriere.

„Wenn Sie einstweilen Platz nehmen möchten, Käptn. Ich hole rasch ein Glas.“

Snow wartete, bis der hochmütige Bursche verschwunden war. Er sah an sich herunter. Bei Licht sah er erst richtig, wie verdreckt seine Kleidung war. Suchend blickte er sich um. Wenn er nur irgendwo eine Möglichkeit gefunden hätte, den schlimmsten Schmutz mit Wasser und einem Lappen zu entfernen. Aber das schien aussichtslos. Ihm blieb nur, sich in sein Schicksal zu ergeben, wenn es ihm auch noch so schwer fallen sollte.

Mit einem Aufseufzen öffnete er die Verriegelung, die sich hinter der Tür befand, durch die er auf die andere Seite der Barriere gelangen konnte. Er ging langsam zu dem angebotenen Stuhl und ließ sich darauf nieder.

Wie sollte er sich verhalten, wenn nun auch Rowes auf den Gestank anspielte? Er konnte unmöglich mit der gleichen Antwort aufwarten wie bei Rowes’ Schreiber.

Der Hagere kam zurück. Er trug ein kleines rundes Holztablett in der Rechten und balancierte darauf eine Flasche Sherry und zwei Gläser. Auf einem winzigen runden Tisch, den Snow bisher noch nicht einmal gesehen hatte, stellte der Hagere das Tablett ab. Er goss die beiden Gläser voll.

„Bitte, Sir. Bedienen Sie sich! Ich muss Sie bitten, mich zu entschuldigen. Es gibt noch einige Arbeit, die erledigt werden muss.“

Snow nickte.

Der Hagere entfernte sich und ging zu einem der Sekretäre. Er nahm den Gänsekiel, schnitt ihn mit dem Federmesser zu, und wenig später kratzte die Feder auf dem Papier.

Das Geräusch klang aufdringlich laut in der Stille.

Allan Snow beobachtete den schreibenden Mann. Er bemerkte, dass der Hagere immer wieder die Nase rümpfte und Anstalten machte, seinen Arbeitsplatz zu verlassen, um ein Fenster zu öffnen.

Dieses auffällige Verhalten aber war so provozierend, dass sich der Kapitän dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ.

*

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JA, MR. ROWES, ES ist zwar bedauerlich, aber ich habe schon alle Hebel in Bewegung gesetzt. Zwecklos. Wir können Ihnen nicht weiter entgegenkommen. Es ist aussichtslos. Warum drängen Sie mich? Sie wissen doch selbst sehr genau, wie es um Ihre finanzielle Lage beschaffen ist. Ich fürchte, Sie werden einen Teil Ihrer Schiffe abstoßen müssen, um das Schlimmste abzuwenden.“

Der Mann, der dies in ruhigem, ja sogar mitfühlendem Ton sagte, war Elmer Mergentheim. Ein dunkel gekleideter Mann um die Sechzig. Er hatte graues Haar und einen bis zur Brust reichenden schlohweißen Bart. Er wirkte seriös, und sein Gebaren ließ sofort den Bankier erkennen.

In der Rechten hielt Mergentheim eine Havanna, deren lange Asche jeden Augenblick abzubrechen drohte. Mit einer ruhigen, überlegten Bewegung streifte er sie über einem Glasascher ab.

Adam Rowes rückte unruhig auf dem Sessel hin und her. Sein Gesicht war hochrot. Die Schläfenadern waren geschwollen. Gehetzt ließ er seine Augen ununterbrochen hin und her wandern. Er verstrahlte Nervosität. Und nur mühsam blieb er beherrscht

„Mann Gottes, Sie wissen nicht, was Sie sagen! Unsere Reederei ist seit Generationen Kunde bei Ihrer Bank, Mr. Mergentheim. Seit Generationen! Und wir sind Ihnen nie einen Penny schuldig geblieben! Sie haben gute Geschäfte mit uns gemacht. Und ich kann mich nicht an einen einzigen Fall erinnern, dass die Geschäftsbeziehungen getrübt worden wären, weil Ihre Bank sich geweigert hätte, uns eine Notlage überbrücken zu helfen.“

Eimer Mergentheim drehte die Handflächen nach außen.

„Ich wollte auch nicht sagen, dass wir nicht bereit wären und gewesen wären, Ihnen jede erdenkliche Unterstützung angedeihen zu lassen, Mr. Rowes. Aber schließlich haben wir als Bank auch gewisse Rücksichten zu nehmen. Rücksichten auf das Geld, das unsere Kunden uns zu treuen Händen anvertrauen. Wir könnten uns keinen Verlust von mehr als hunderttausend Pfund Sterling leisten. Die Zeiten sind nicht nur für Reedereien schwer.“

„So kann man eine Absage auch ausdrücken.“ Adam Rowes rutschte auf dem Sessel nach vorn. „Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie sich mit allen Mitteln dagegen wehren, einzusehen, was ich gesagt habe! Schauen Sie, Mr. Mergentheim: Wenn ich die Unterstützung Ihrer Bank nicht mehr habe, kann ich kein Schiff mehr ausrüsten. Das bedeutet, dass ich keine Fracht mehr befördern kann. Die Schiffe liegen im Hafen. Die Liegegebühren fressen mich auf. Dann bin ich ruiniert.“

Mit einem bedauernden Schulterzucken nahm Mergentheim diese Worte zur Kenntnis. Er ließ einige Rauchkringel aufsteigen.

„Was glauben Sie denn, was wir noch für Sie tun sollten? Gewiss, Ihre Firma und unser Haus haben seit fast hundert Jahren gut zusammengearbeitet. Aber leider hat sich in den letzten Jahren vieles so entwickelt, wie es keiner von uns wollte. Ich zweifle daran, dass es viel Sinn hat, immer wieder neue Fremdgelder in Ihre Firma hineinzupumpen. Bald würden es die Zinsen sein, die Sie auffressen würden, Mr. Rowes. Sie sollten versuchen, das einmal von dieser Seite zu betrachten. Ich glaube, wir würden Ihnen durch das Vermitteln weiterer Darlehen keinen Gefallen erweisen. Eher ist das Gegenteil der Fall.“

Rowes ächzte wütend und enttäuscht.

„Es ist zwar sehr nett, dass Sie sich so sehr um unser Wohl und Wehe einsetzen, Mr. Mergentheim. Aber dennoch ist es mir unverständlich, wieso Sie uns nicht helfen wollen. Schließlich würden Sie uns eine große Chance geben. Alles, was ich brauche, sind zweitausend Pfund. Nicht mehr. Und das ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, meine ich. Zwei Schiffe, die schon beladen sind, müssen auslaufen. So schnell wie möglich. Wir müssen sie ausrüsten, verproviantieren und Heuergelder bereitstellen. Sobald die Schiffe zurückkommen, kann ich Ihnen nicht nur den neuen Kredit zurückzahlen, sondern darüber hinaus auch noch einen weiteren großen Teil meiner Schulden.“

Mit lauernder Aufmerksamkeit beobachtete Rowes das Gesicht des anderen, während er sprach. Er meinte, in Mergentheims Zügen ein Zeichen der Bereitschaft zum Einlenken zu erkennen. Und das verschaffte ihm einige Genugtuung.

Tatsächlich schien Mergentheim Einsicht mit der akuten Notlage seines Gegenübers zu haben. Er atmete tief durch.

„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, was ich jetzt tun will, Mr. Rowes. Ich weiß es wirklich nicht. Aber wenn es falsch war, dann ist es um Ihre und meine Zukunft schlecht bestellt. Sehr schlecht, fürchte ich.“

„Zweitausend Pfund, Mergentheim. Das ist für Ihre Bank eine unbedeutende Summe. Eine wirklich unbedeutende Summe.“

Flehend hörte sich an, was Rowes sagte.

„Unbedeutend? Sie irren, Mr. Rowes. Keine Summe ist für eine Bank unbedeutend. Und wenn sie noch so klein ist.“

„So war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, dass es doch viel leichter ist, bei einer solchen Summe zuzustimmen als bei einem Betrag von zehntausend Pfund.“

Mergentheim sparte sich die Antwort. Er öffnete eine Schreibtischlade und nahm Papier heraus.

„Ich überschreite meine Kompetenzen. Das sollen Sie wissen. Und ich kann nur auf das Glück vertrauen. Wenn ich Ihnen die Summe jetzt zur Verfügung stelle, dann vor allen Dingen deshalb, weil ich ein persönliches Interesse an einer soliden Geschäftslage Ihrer Firma habe, Mr. Rowes. Kommen Sie morgen in die Bank, und dann können Sie über die Summe auch gleich verfügen.“

Rowes hatte das Bedürfnis, aufzuatmen. Er unterdrückte es jedoch und lächelte verzerrt. Mit gierigen Blicken verfolgte er, wie der weißhäuptige Mergentheim schrieb. Für Rowes war es wie eine Schlacht, die er aus einer aussichtslosen Situation begonnen und gewonnen hatte.

Mergentheim legte das Schreibzeug beiseite. Er stand auf und faltete das Papier zusammen, nachdem er den Streusand in einen Becher geleert hatte.

„Hier, Mr. Rowes. Ich wünsche uns beiden Glück.“

Die Männer reichten sich die Hand.

„Sie werden sehen, dass diese Entscheidung richtig gewesen ist, Mr. Mergentheim. Sie werden nicht enttäuscht sein.“

Der Angesprochene lächelte müde. Er kannte die Menschen. Er kannte sie alle, die zu ihm kamen, ihn anflehten, ihn bestürmten und drängten. Er erlebte jeden Tag, wie sie ihm das Blaue vom Himmel versprachen, um ihn zu überzeugen. Und er hatte in langen Jahren als erster Mann der Bank erfahren, wie rasch alle Schwüre und Versprechen vergessen waren, sobald die Bittsteller erhalten hatten, was sie begehrten.

Elmer Mergentheim wusste sehr gut, dass Rowes nicht darauf aus war, ihn zu betrügen. Er war überzeugt, der Reeder würde alles tun, um seine Zusagen einzuhalten. Aber ebenso gut wusste er, dass es keineswegs leicht war für einen Mann in dieser wirtschaftlichen Notlage, seine Verpflichtungen zu erfüllen.

Adam Rowes steckte das Papier in die Innentasche seines Rocks. Er ging zur Tür und nahm seine Melone und den Umhang vom Kleiderhaken. Einige Sekunden später stand er auf der Straße. Und da atmete er auf. Er war zufrieden mit sich und dem, was er erreicht hatte. Zumal der sonst clevere Mergentheim nicht einmal bemerkt hatte, dass Rowes eine ganz andere Absicht verfolgte, als er vorgegeben hatte.

„Du dummer alter Mann“, sagte er leise, als er losging. Ihm fiel die Verabredung mit Kapitän Snow ein. Es war schon eine halbe Stunde über die Zeit.

Ja, dieser Allan Snow, den er bis jetzt nur dem Namen nach kannte, sollte auch auf ihn hereinfallen. Aber bei diesem Mann befürchtete Adam Rowes nicht einen Bruchteil der Schwierigkeiten wie bei Mergentheim. Denn erstens war dieser junge Kapitän sicherlich ehrgeizig und brannte darauf, ein erstes Kommando zu bekommen. Und zum zweiten würde er bei weitem nicht die Erfahrung besitzen wie ein Elmer Mergentheim.

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ROWES LÄCHELTE, ALS er mit großen Schritten die Straße hinunterhastete. Er hatte sich seinen Plan genau zurechtgelegt.

Unten am Kai lag die SWEET LADY. Sie war tatsächlich beladen. Den Papieren nach mit wertvollen Maschinen, die nach Brasilien geliefert werden sollten. Die schweren Kisten waren vor zwei Wochen bereits im Laderaum verstaut worden.

Die SWEET LADY war ein altes Schiff. Doch niemand hätte sie als seeuntüchtig bezeichnen können. Sie war - rein äußerlich betrachtet - ein gutmütiger Segler. Eine Dreimastbark, die bereits schwersten Brechern und wütenden Orkanen getrotzt hatte.

Adam Rowes verscheuchte seine Gedanken an das Schiff. Er konzentrierte sich auf die bevorstehende Unterhaltung mit Snow.

Aber noch war seine Aufmerksamkeit abgelenkt von einem anderen Problem. Er dachte an den morgigen Tag. Gleich nach dem Frühstück würde er die SWEET LADY hoch versichern. So hoch, dass die Versicherungssumme bei einem möglichen Unglück den Wert der Ladung und des Schiffes decken würde. Drei Viertel der von Mergentheim zugesagten Summe sollten dafür ausreichen.

Gut gelaunt erreichte Rowes sein Büro. Er öffnete und trat ein. Sofort drang ihm ein strenger Gestank in die Nase. Er blieb in der Tür stehen. Der hagere Schreiber am Sekretär wandte sich um. Und einige Meter weiter links erhob sich ein schmächtiger, blasser junger Mann von einem Stuhl und blickte ihn prüfend an.

„Hier stinkt’s! Pfui Teufel, hier stinkt’s bestialisch!“

Adam Rowes war es gewohnt, ganz unverblümt zu sagen, was er sich dachte. Dass er Snow auf diese Weise in erhebliche Bedrängnis brachte, fiel ihm erst auf, als dieser einen hochroten Kopf bekam.

Der hagere Schreiber zuckte bedauernd die Schultern. So, als wollte er sich entschuldigen, dass er gegen diese üble Geruchsnote nichts hatte unternehmen können.

„Sie sind also Snow?“

Der junge Kapitän nickte. Er trat auf Rowes zu und blieb vor der Barriere stehen. Dann streckte er dem Reeder die Hand zum Gruß hin.

Adam Rowes musterte den Kapitän von Kopf bis Fuß.

„Mensch, Snow, was ist Ihnen geschehen? Hat einer Sie in eine Jauchegrube gestoßen? Oder hat man Sie mit faulen Eiern beworfen?“

„Ich... entschuldigen Sie, bitte, Mr. Rowes. Ich hatte einen Zusammenstoß mit einem Betrunkenen. Er wollte Streit, und ich hab’ es zu spät bemerkt. Er hat mich zusammengeschlagen... und Sie kennen ja die dreckigen Gassen im Hafengebiet.“

Rowes lachte dröhnend.

„Die kenne ich, Kapitän! Und ob ich die kenne. Schließlich bin ich schon in fast jedem Hafen dieser lumpigen Welt gewesen. Und in keinem Hafen sehen die Gassen anders aus. Überall Dreck und Gestank.  Aber lassen wir das, Snow. Kommen Sie mit zu meinem Schreibtisch! Wir wollen uns über Ihre Zukunft unterhalten. Ich denke, das wird nicht sehr lange dauern.“

Rowes ging voraus. Snow folgte ihm. Während sich der Reeder auf den großen Schreibtischstuhl setzte, blieb Snow stehen. Er knetete seine Hände und bemerkte selbst, wie verlegen er plötzlich wieder war.

Die Unsicherheit des Kapitäns amüsierte Rowes. Er grinste spöttisch.

„Setzen Sie sich doch, Snow! Erzählen Sie etwas! Einen kleinen Schwank aus Ihrer Jugendzeit vielleicht. Ich kann nicht mit ansehen, wenn jemand vor mir steht, als hätte er die Hosen voll.“

Dieser Adam Rowes war ein ganz anderer Mann als jener, der vor einer guten halben Stunde noch bittend vor dem Schreibtisch von Elmer Mergentheim gestanden hatte. Nichts mehr war von seinem höflichen, beinahe unterwürfigen Tom zu vernehmen. Nichts mehr von seiner gewählten. Ausdrucksweise zu hören. Jetzt war er der Adam Rowes, der er wirklich war.

Snow runzelte die Stirn. Er fühlte sich noch unsicherer angesichts der unglaublichen Selbstsicherheit von Rowes.

„Ich verstehe nicht ganz, Sir. Wie meinen Sie das?“

Rowes lachte wieder.

„Ach, was soll’s? Kommen wir zur Sache, Snow! Sie wollen also ein Kommando haben? Wie lange sind Sie schon Kapitän? Wie lange haben Sie schon das Patent?“

„Seit ein paar Tagen erst, Sir. Aber ich bin schon auf allen möglichen Schiffen als Offizier gefahren. Ich kenne so ziemlich alles, was einem auf offener See zustoßen kann. Wenn Sie mir ein Kommando geben, werden Sie das nicht bereuen.“

„Hohoho, Sie sind ja ganz schön von sich selbst eingenommen, junger Mann. Ich hab’ ein halbes Menschenalter auf See zugebracht. Es gibt keinen Segler, auf dem ich noch nicht gefahren bin. Aber ich würde mich verdammt davor hüten, so was zu sagen. Mann, wenn Sie tausend Jahre alt werden und nicht einen einzigen Tag davon an Land verbringen, sondern durch alle Meere fahren, die es gibt, sogar dann kennen Sie die See und ihre Tücken noch nicht. Teufel auch, Snow! Die See wird für uns Menschen immer ein Geheimnis bleiben. Genauso wie die Frau für einen Mann immer ein Geheimnis sein wird.“

Snow ließ sich zögernd auf einem Stuhl nieder.

„Ich wollte nicht großsprecherisch wirken, Sir. Verzeihen Sie, wenn das so geklungen haben sollte. Ich wollte nur sagen, dass ich kein blutiger Anfänger bin.“

„Ist ja auch schlecht möglich, wenn Sie das Patent haben, Snow. Sie würden sonst die ganze Zunft blamieren.  Schön. Ich habe schon ein Schiff für Sie. Eine Dreimastbark. Die SWEET LADY. Ein gutmütiges Schiff, das Ihnen keine Schwierigkeiten machen wird. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass sie eine sehr wertvolle Ladung an Bord hat. Maschinen. Nach Brasilien. Nach Rio de Janeiro. Trauen Sie sich zu, die SWEET LADY sicher dorthin zu bringen?“

Snow nickte eifrig.

„Aber natürlich, Sir. Auf dieser Route bin ich schon öfter gefahren. Wann sollen wir auslaufen?“

„Langsam, Snow! Unsere Reederei ist zwar dafür bekannt, dass wir alles fix erledigen. Aber so schnell geht es nun auch wieder nicht.“

Auf einen Wink des Reeders brachte der Schreiber einige Blätter, die einseitig beschrieben waren. Rowes legte sie vor sich auf den Schreibtisch.

„Das sind die Papiere. Sie sind fertig. Heute Nacht wird die SWEET LADY verproviantiert. Und schon morgen Nachmittag können Sie mit der Flut auslaufen. Bis dahin wird die Crew auch vollzählig sein.“

„Ist sie... ist denn noch keine Mannschaft an Bord?“

Rowes wischte diese Frage mit einer unwilligen Bewegung zur Seite.

„Warum soll ich eine ganze Mannschaft an Bord lassen, wenn ich das Schiff ohnehin erst morgen auslaufen lassen will? Bei uns ist es Brauch, dass die Leute erst dann an Bord gehen, wenn sie gebraucht werden. Warum soll ich einen Haufen Geld zum Fenster hinauswerfen?“

„Verstehe, Sir. Aber wer sucht die Mannschaft aus?“

„Ach, darum kümmern Sie sich am besten gar nicht, Snow! Ich habe einen tüchtigen Heuerbaas damit beauftragt. Sie können gewiss sein, dass er Ihnen eine gute Crew aussucht Er betreibt sein Handwerk schon seit Jahren. Und er weiß, welcher Mann brauchbar ist und wer nicht?“

Snow nickte. Er nahm die Papiere entgegen, die ihm der Reeder aushändigte. Und er begann auch gleich, sie zu studieren.

Dass während dieser Zeit der misstrauische Blick von Rowes auf ihn gerichtet war, bemerkte der Kapitän nicht..

„In Ordnung?“ fragte Rowes, als der andere aufblickte.

„Selbstverständlich, Sir. Alles in Ordnung. Ich werde mich selbst noch gewissenhaft davon überzeugen, dass die Ladung auch richtig gestaut ist.“

„Das ist unnötig. Oder glauben Sie vielleicht, ich würde das Stauen so wertvoller Geräte Leuten überlassen, die keine Ahnung davon haben? Ich weiß, was ich tun muss und wem ich trauen kann, Snow. Kümmern Sie sich lieber darum, dass die Verproviantierung klappt. Und bleiben Sie an Deck! Die Deckswachen wissen Bescheid. Sie werden morgen abgelöst, sobald Ihre Mannschaft an Bord geht.“

Snow erhob sich, als Rowes aufstand. Sie verabschiedeten sich per Handschlag.

Kapitän Allan Snow blieb vor der Tür stehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Hemd vor Aufregung schweißfeucht geworden war. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen. Jetzt hatte er das Kommando erhalten. Er hatte erreicht, was er seit Jahren erträumte. Und sein erstes Kommando war eine außerordentlich verantwortungsvolle Aufgabe, wie sie selten einem so jungen Kapitän anvertraut wurde. Das war für Allan Snow ein Beweis für das große Vertrauen, welches Rowes ihm auf Anhieb entgegenbrachte. Und der junge Schiffskommandant war überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Reeder recht gut werden würde. Die Voraussetzungen waren denkbar günstig.

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WALROSS HATTE IN JENER Nacht noch einige barmherzige Seelen gefunden.

Und einen alten Kumpel dazu. Nämlich Narben-Ted, mit dem er jahrelang auf dem gleichen Kahn gefahren war. Narben-Ted war ein guter Seemann, aber ein schlechter Kamerad. Allerdings Walross gegenüber hatte er sich immer sehr zurückhaltend gegeben und sich davor gehütet, einen Streit vom Zaun zu brechen.

Die beiden Seemänner hatten sich in die Gelbe Oase zurückgezogen, in ein kleines Lokal in einem Keller nahe dem Kai. Dort hockten die beiden in der rauchgeschwängerten Luft bis zum Morgengrauen und betranken sich, dass sie kaum noch gerade sitzen konnten.

Bevor der dicke Chinese, dem die Kneipe gehörte, die Tür absperrte, um sich zu seinen letzten beiden Gästen an den Tisch zu setzen, kam noch ein guter Bekannter von Walross herein. Das war Blueman. Ein spindeldürrer, vollkommen dem Alkohol verfallener Bursche. Ein Wrack, das nur noch wenig Kräfte hatte, dafür aber einen Ruf als ausgesprochen cleverer Bruder. Wenn es darum ging, etwas zu organisieren, dann brauchte man sich nur an Blueman zu wenden. Dann konnte man sicher sein, dass man bekam, was man wollte.

Blueman war aufgeregt. Er stieß einen Pfiff aus, als er die beiden Betrunkenen erblickte.

Walross winkte mit einer unbeholfenen Geste ab.

„Wenn du kommst, weil du umsonst saufen willst, dann kannste gleich wieder umkehren und verduften, Blueman! Wir haben selber nix mehr in den Hosentaschen außer Löcher.“

Aber Blueman ließ sich nicht beirren. Er setzte sich an den Tisch und schielte verlangend nach den Gläsern.

Narben-Ted beobachtete ihn mit glasigen Augen. Er hatte die Rechte zur Faust geballt. Offenbar wartete er darauf, dass Blueman die Hand ausstrecken würde, um eines der Gläser an sich zu nehmen.

„Wie wär’s mit einem Schluck? Einem einzigen nur?“

Bluemans Stimme hörte sich so rau an, als würde er Sandpapier an Stelle der Stimmbänder haben.

„Nicht einen einzigen Schluck kriegst du Penner! Hau ab! Wir sind nicht bei einem Wohltätigkeitsverein für armgesoffene Seeleute!“

Blueman regte sich nicht über diese herbe Absage auf. Er starrte zuerst ins Leere. Dann räusperte er sich.

„Ich weiß was, Walross. Wenn du mich saufen lässt, kannst es erfahren.“

„Glaub ihm kein Wort, Mann! Der Lump lügt, weil er was zu saufen haben will. Kein Wort kannst ihm glauben!“

„Ich rede mit Walross und nicht mit dir, Narben-Ted. Ich hab’ eine verdammt gute Geschichte. Hab’ sie vom alten Ben. Wenn wir drei zusammen was anfangen würden, dann könnt’s klappen.“

Wie Blueman das sagte, hörte es sich außerordentlich interessant an. Aber noch hatte er Narben-Ted nicht überzeugt. Denn dieser hatte so gut wie alle Stationen im Leben Bluemans schon erlebt. Und ihn konnte selbst der raffinierteste Trick dieses zwielichtigen Burschen nicht mehr überraschen.

„Du kannst mir den Buckel runterrutschen, Blueman! Ich kenn’ deine lausigen Tricks. Aber bei uns kommst du damit nicht an. Musst dir ein paar Dumme suchen. Vielleicht klappt’s bei denen.“

„Mensch, du dummes Stück! Ich hab’ wirklich eine heiße Geschichte! Wenn wir drei... und noch ein paar Kerle vielleicht, dann ...“

Walross schnaubte. Sein Alkoholpegel hatte bereits einen Grad erreicht, bei dem jede Streitsucht vergessen war. Jetzt war er wieder der gutmütige Riese, der er sein konnte, wenn er nüchtern war. Und er hatte ein wenig Mitleid mit dem spindeldürren Blueman. Denn er wusste selbst, wie einem zumute war, wenn die Kehle brannte, die Hände zitterten, weil der Körper nach Alkohol verlangte. Oh, er wusste es gut. Zu gut. Und an den fahrigen Bewegungen Bluemans sah er, dass jener in genau dieser Lage war.

„Meinetwegen, Mensch. Sauf und dann erzähl uns deine Geschichte! Aber sauf mir nicht alles weg, klar?“

Blueman reagierte mit einer Geschwindigkeit, die es ihm nicht einmal erlaubte zu antworten. Alles, was er noch zuwege brachte, war ein kurzes Nicken. Und schon hatte er den Krug an den Lippen und trank in großen, durstigen Zügen den Fusel, den der Chinese mit Pferdeschweiß vermischt zu haben schien.

Aber Blueman störte der Geschmack nicht Er setzte den Krug mit dem Rest ab und atmete tief ein. Seine Augen glänzten vor Dankbarkeit, als er Walross anblickte.

„Bist ’n ganzer Kerl, Walross. Wahrhaftig, du bist ein echter Kamerad. Solche Burschen wie du sind nicht mit Gold zu bezahlen.“

Obwohl er wusste, dass dies genauso eine Phrase war wie vieles andere, was Blueman von sich gab, fühlte sich Walross geschmeichelt. Er registrierte den giftigen Blick von Narben-Ted, und irgendwie freute er sich, weil jener sich offensichtlich ärgerte.

Nach außen hin zeigte der Glatzkopf natürlich nichts von einer Gefühlsregung. Er tat gelangweilt, hob die Hand und winkte ab.

„Fang schon an, du dummer Teufel! Los, was hast du für eine Geschichte, die du uns vorhin nicht verraten wolltest?“

Blueman brachte sich in Position. Das geschah so, dass er den Brustkorb aufblähte, ein weiteres Mal tief Luft holte, eine bedeutungsvolle Pause eintreten ließ und beide Fäuste in die Hüften stemmte.

„Ein Schiff“, sagte er dann mit schweren Worten, „ein Schiff von Rowes liegt am Kai. Die SWEET LADY. Und Rowes sucht eine Crew für den Kahn.“

Walross schüttelte den Kopf.

„Is’ das alles, Blueman? Is’ das alles, was du uns sagen willst? Da bläst sich diese lumpige Kröte auf, wie wenn er den Weltuntergang verkünden will, und dann kommt er mit solchem Geschwätz! Du hast wohl Luft im Kopf, du Stinker!?“

Blueman hatte sich ein wenig geduckt, als er diese grollende Stimme vernahm. Jetzt richtete er sich wieder auf und schüttelte heftig den Kopf.

„Das is’ nich’ alles. Noch lange nicht, Walross. Es kommt noch. Das kommt erst noch, was wichtig ist.“ Narben-Ted beugte sich über die Tischfläche. Er wischte mit dem Ellbogen einige Flecken ab.

„Und was is’ das, wenn man neugierig sein darf?“

„Die SWEET LADY läuft morgen aus. Mit der Flut. Am Nachmittag. Und sie soll nach Brasilien. Nach Rio. Maschinen und so. Aber in einer Kiste, die im Schiffsbauch verstaut ist, sollen Goldbarren sein.“

Narben-Ted schnappte nach Luft. Und Walross starrte den Sprecher an, als wollten seine Augen aus den Höhlen quellen.

„Gold ... barren, sagst du?“, schnaubte er schließlich.

Blueman legte den Zeigefinger vor die Lippen und bedeutete den zweien, nicht so laut zu sprechen.

„Ja, Goldbarren. Ich hab’s von einem Kerl, der genau Bescheid weiß. Er hat’s vom alten Ben. Und ich weiß ganz sicher, das stimmt, was der alte Ben unter die Leute bringt. Die transportieren in einer der Kisten Gold nach Brasilien.“

„Blödsinn. Schwachsinn is’ das. Warum sollen die Gold nach Brasilien bringen? Das machen die Schiffe der Marine. Die machen das. Jawohl. Und die bewachen das Zeug, dass du nicht mal einen Fingernagel voll von dem Zeug wegschaffen kannst.“

Blueman schüttelte wieder den Kopf.

„Hab’ ich auch gedacht. Darum hab’ ich mich umgehört. Und weißt du, was ich erfahren hab’, Mann? Das Gold soll auf See von einem mexikanischen Schiff übernommen werden. Es stammt aus Mexiko und ist bei uns in England nur eingeschmolzen worden.“

Walross schüttelte verständnislos den Kopf.

„Begreif’ ich nicht, Blueman. Kann ich nich’ begreifen. Warum sollen die von Mexiko Gold herüberschicken, nur damit sie es einschmelzen können? In Mexiko gibt’s doch genug Schmelzöfen.“

Blueman grinste. Er zeigte die Miene des Wissenden.

„Du kapierst nicht so schnell, was? Warum machen die so ein Geheimnis daraus? Warum lassen sie das Zeug nicht von der Marine transportieren, sondern von einem ganz normalen Handelsschiff, das Kurs auf Brasilien hat? Warum wohl?“

„Weil was nicht stimmt“, ließ sich Narben-Ted vernehmen.

Blueman brummte zustimmend. „Genau. Weil was nicht stimmt. Und ich weiß auch, was es ist. Das Gold gehört nicht der Regierung von Mexiko, sondern es soll Aufständischen geliefert werden. Das is’ das Geheimnis.“

Narben-Ted und Walross blickten sich an Das hatten sie zwar verstanden. Aber sie hatten nicht einmal eine blasse Ahnung, welche Idee Blueman in diesem Zusammenhang gekommen sein mochte.

„Schön, wir haben kapiert, dass Gold transportiert werden soll“, ließ sich Narben-Ted nach einer Weile vernehmen. „Das haben wir schon im Schädel. Aber was hat das mit uns zu tun?“

Blueman presste die Lippen zusammen und blähte die Nasenflügel.

„Mensch, wie kann man nur so dumm fragen. He, hört mal zu! Wenn das Gold praktisch keinem gehört, dann gehört es doch gleichzeitig auch jedem, nicht wahr?“

Walross zuckte die Schultern. „Kann sein“, gab er kleinlaut zu. Solche Überlegungen hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht angestellt. Warum auch? Wenn etwas keinem gehört, dann gehörte es eben keinem. Aber dass man diesen nicht vorhandenen Besitzer gleichzeitig mit jedermann gleichsetzen konnte, war völlig neu für ihn. Dennoch erschien ihm dieser Gedanke plausibel und zugleich bestechend.

„Und was jedem gehört, davon darf sich jeder was nehmen, wie?“ Blueman ließ wieder eine kleine Pause folgen.

„Das mein’ ich auch“, stimmte Narben-Ted zu. „Das .is’ richtig, Blueman. Wenn mir was gehört, kann ich mir das jederzeit nehmen.“

„Eben. Also denke ich, dass diese Goldbarren, die da versteckt nach Mexiko reisen sollen, viel zu schade für einen Haufen Rebellen sind. Die brauchen das Zeug, damit sie sich Waffen kaufen können. Damit schießen und stechen sie Leute tot. Wenn sie kein Gold haben, dann können sie keine Waffen kaufen und damit auch keinen erschießen und erstechen.“

Narben-Ted lachte heiser auf. „Mensch, du bist ein schlauer Fuchs. Verflixt, es gehört schon Hirn dazu, auf so was zu kommen. Wenn wir das Gold, meinst du, wegschaffen könnten, dann... nicht wahr? ... dann wär’ das sogar noch eine gute Tat. Weil wir dann nämlich die sein würden, die anderen das Leben retten.“

Blueman strahlte übers ganze Gesicht.

„Du hast’s gefressen, Ted. So mein’ ich’s. Genauso! Eine Kiste Gold is’ mehr als alle Matrosen an dieser gottverdammten Küste jemals vor der Nase gehabt haben.“

„Kapier’ ich schon. Aber wie willst du’s anstellen?“

„Hab’ ich mir schon durch den Kopf gehen lassen. Kein Problem. Die machen es uns leicht. Ganz leicht sogar.“

„Wie leicht?“

„Der Käptn, der das Kommando bekommt, ist ein blutiger Narr. Er hat sein erstes Kommando. Und ich wette, dass wir den übers Ohr hauen können, wie wir’s brauchen. Bis der merkt, was los ist, haben wir das Schiff in der Hand. Und dann ab in den Pazifik oder nach Afrika. Vielleicht nach Argentinien. Wir könnten uns Land kaufen oder ein paar Schiffe.“

„Meuterei.“

Walross sagte dieses eine Wort so hart, so düster, dass Blueman und Narben-Ted zusammenzuckten.

„Das ist Meuterei, was du eben gesagt hast, Blueman.“

Narben-Ted hüstelte.

„Quatsch, Mann! Du redest wie einer vom Seegericht. Meuterei is’ was anderes. Und wenn sie dich erwischen, dann wirst du ...“

„Und außerdem kann ja auch ein Unglück geschehen. Ein Käptn kann ja krank werden und sterben. Es gibt einen Haufen Krankheiten da unten, wo’s warm ist“, mischte sich Blueman in Teds Worte.

„Aber wenn eine Crew den Kapitän... das ist Meuterei!“, beharrte Walross auf seiner Ansicht. „Dafür ziehen sie dich an den Rahen hoch! Und ich hab’ keine Lust, im Wind an den Rahen zu baumeln.“

„Bist ’n Idiot“, knurrte Narben-Ted und schielte wieder nach dem Chinesen, der sich auf einen Hocker niedergelassen hatte und offenbar vom Schlaf überrascht worden war.

„Ja, bist ’n Idiot“, stimmte Blueman Narben-Ted zu. „Der Käptn ist ein Grünschnabel. Und wenn die ganze Mannschaft gegen ihn ist, dann gibt’s gar keine Probleme. Entweder er kapiert, dass er nur dann durchkommt, wenn er mitmacht, oder er geht vor die Hunde. Für einen solchen Haufen Gold kann man schon einen Kerl über die Klinge springen lassen.“

Walross kaute auf seiner Unterlippe. Er runzelte die Stirn und sah ungemein komisch aus dabei.

„Was is’ nun? Is’ das eine Geschichte, bei der euch ’s Wasser im Mund zusammenläuft oder nicht?“ Narben-Ted nickte.

„Teufel noch mal! Ja, da kannst du mit mir rechnen, Blueman. Trink! Los, du kannst meinen Krug aussaufen!“

Diese Freigebigkeit vermehrte bei Blueman noch den Enthusiasmus. Er griff rasch nach dem Krug und leerte ihn in einem Zug.

Walross hatte den Kopf aufgestützt und massierte die Schläfen. Die eben geführte Unterhaltung hatte seinen Rausch vertrieben. Er war auf einmal in der Lage, klar zu denken. Und die Ungeheuerlichkeit dessen, was Blueman und NarbenTed vorgeschlagen hatten, bewegte ihn enorm. „Also, wie steht’s mit dir? Machst du mit oder nicht?“

Walross schrak aus seinen Gedanken. Er sah Blueman fragend an.

„Hm, ich denk’, dass ihr mit mir rechnen könnt.“

„So ist’s richtig!“

Narben-Ted stand auf. Er hieb Walross auf die Schulter, dass es klatschte. „Ja, so bist du der Kerl, den ich kenne. Wir suchen uns noch ein paar Kerle, auf die wir uns verlassen können, dann melden wir uns sofort beim alten Ben. Ich hoffe, dass sich diese Neuigkeit noch nicht herumgesprochen hat.“

Blueman hatte die leeren Krüge an sich genommen. Er hastete zu dem Chinesen und gab ihm einen kräftigen Tritt in die Flanke.

„He, sollen wir in deinem Saftladen vielleicht vor Durst umkommen, Mann? Schenk schon ein! Ich will was saufen!“

Der dieserart aus dem Schlaf gerissene Mann schrak hoch. Er rieb sich die Augen, dann erhob er sich und wankte schlaftrunken um den wurmstichigen Tresen herum zu dem Fass, aus dem er die Krüge erneut füllte.

Blueman, der jetzt wieder Oberwasser hatte, bediente sich nach Leibeskräften. Er nahm auch für sich einen vollen Krug mit und kehrte vorsichtig zurück an den Tisch. Dabei trat er sehr behutsam auf, um ja keinen einzigen Tropfen zu vergeuden.

Sie stießen an. Ihr Plan stand fest. „Ihr sucht die Kerle. Und ich geh’ gleich zum alten Ben, damit er keine anderen nimmt. Einverstanden?“

Blueman grinste. Er hatte einmal mehr den Beweis angetreten, dass er schlauer war als andere. Und er war überzeugt, dass er ein gemachter Mann sein würde, wenn dieser Fischzug glückte.

Was ihm schon seit Jahren vorschwebte, war ein eigenes Weingut in Argentinien. Dort an den Hängen, die in der Sonne glühten, wuchsen Weinstöcke wie sonst nirgends auf der Welt. Und der Rebensaft, den er in einem einzigen Jahr ernten konnte, würde ausreichen, um ihn für jede Minute seines Lebens mit reichlich Alkohol zu versorgen.

Diese Gedankengänge mussten einem normalen Menschen fremd sein. Denn niemand, der sich die grenzenlose Pein eines nach Alkohol gierenden Menschen nicht vorstellen kann, ist in der Lage zu ermessen, zu welchen Auswüchsen die Fantasie eines Menschen, von Trieben gepeitscht, fähig ist.

Die kalte Morgenluft, in die jene drei Männer hinauskamen, ernüchterte sie einigermaßen. Und die Helligkeit der aufgehenden Sonne vertrieb nicht nur die Schatten der Nacht, sondern auch die schweren Bedenken von Walross.

Am Kai trennte sich Blueman von den beiden anderen. Er hastete zum alten Ben, während sich Narben-Ted und Walross auf die Suche nach verlässlichen Kameraden machten.

Sie hatten beschlossen, den anderen noch nichts zu sagen. Auf See würden sich noch genügend Möglichkeiten ergeben, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken. Vielleicht hielten einige nicht dicht, bevor die SWEET LADY auslief. Und ein einziges falsches Wort schon konnte den ganzen Plan gefährden und die neuen Hoffnungen der drei Verschwörer zunichte machen.

*

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KAPITÄN ALLAN SNOW hatte seine wenigen Habseligkeiten in der spartanisch eingerichteten Kajüte der SWEET LADY verstaut. Noch befand sich außer den Deckswachen kein Mann von der neuen Crew an Bord.

Snow erschien dies zwar merkwürdig. Doch wenn er sich der Worte von Rowes erinnerte, dann konnte er in aller Ruhe abwarten.

Allan Snow war froh, dass er es nicht hatte übernehmen müssen, die Mannschaft zusammenzusuchen. Denn oft war es ein echtes Abenteuer, auf das man sich bei solchen Unternehmungen einließ.

Vielfach lungerte nur Gelichter in den Hafenkneipen herum. Leute, die arbeitsscheu waren oder sich etwas zuschulden hatten kommen lassen. Kerle, die einen gewichtigen Grund hatten, schleunigst außer Landes zu kommen. Andere, die nur darauf aus waren, Abenteuer zu erleben, eine billige Überfahrt nach der Neuen Welt suchten und bei der nächstbesten Gelegenheit auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Es gab praktisch nichts, was man nicht erleben konnte mit einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft. Und er als Kapitän hatte die Verantwortung für das Schiff, die Ladung und die Mannschaft zu tragen.

Snow hatte seine neue Uniform angezogen, die er von seiner letzten Heuer hatte anfertigen lassen. Er betrachtete sich in dem halbblinden Spiegel neben der Kajütentür.

Ja, er fand, dass er gut aussah in der Uniform eines Kapitäns.

Bevor er die Tür öffnete, rückte er seine Schirmmütze gerade. Er wandte sich ab und wollte eben hinausgehen, als er Schritte hörte. Schwere Männertritte, die sich vom Niedergang her näherten.

Der Kapitän wich einen Schritt zurück und verschränkte die Arme über der Brust.

Jemand klopfte an die Tür.

„Kommen Sie rein!“

Leicht belegt klang seine Stimme.

Zaghaft wurde die Tür aufgedrückt. Ein hohlwangiger Mann erschien. Er hatte eine gerötete Nase, und die zahlreichen Narben in seinem Gesicht, Pockennarben, wie es aussah, leuchteten in dem gleichen Rotton.

„Käptn Snow?“

„Ja. Treten Sie ein!“

Der Ankömmling lächelte. Er nahm die Wollmütze ab und trat in die Kajüte.

„Ich bin Ted Legglow, Sir. Man nennt mich auch den Narben-Ted. Der alte Ben... der Heuerbaas, der von Mr. Rowes beauftragt ist, hat mich geschickt. Sie suchen eine Crew. Ich bin schon auf vielen Schiffen als Erster Offizier gefahren. Kenne mich da aus, Sir. Wenn Sie mich brauchen können, dann... ich könnt’ gleich anfangen.“

Snow musterte Narben-Ted mit unaufdringlichem Interesse. Irgendwie gefiel ihm der Mann nicht. Aber was blieb ihm schon für eine Wahl? Er musste nehmen, was der Heuerbaas schickte. In acht Stunden musste die SWEET LADY auslaufen. Und wenn er nicht zugriff, sich diesen Mann sicherte, der schon einige Erfahrung aufweisen konnte, dann stand er vielleicht später ohne Ersten da und mit einer lausigen Crew, die zur Hälfte aus Landratten bestand.

„Der Heuerbaas schickt Sie zu mir? Haben Sie Papiere?“ Narben-Ted holte ein zerknittertes Kuvert aus der Tasche. Vielmehr waren es die Überreste eines Kuverts. Alle Ränder waren ausgefranst und zerfetzt. Öl und Fettflecken bedeckten es.

Mit spitzen Fingern nahm Snow das Kuvert an sich. Er zog die zusammengefalteten Papiere heraus und legte sie auf den Kartentisch. Dann überflog er rasch, was darauf geschrieben stand.

„Gute Referenzen“, stellte er zufrieden fest. „Ich denke, wir sollten es miteinander versuchen, Mr. Legglow.“

Der Angesprochene schmunzelte. „Nennen Sie mich Narben-Ted, Sir! Ich bin diesen Namen schon so gewohnt, dass ich gar nicht mehr höre, wenn mich einer bei meinem wirklichen Namen ruft.“

„Schön, wie Sie meinen, Ted. Also, wir zwei sollten es miteinander versuchen. Ich denke, dass wir gut miteinander auskommen. Am besten, Sie gehen an Deck und sehen sich die Männer an, die der Heuerbaas uns noch schickt. Ich nehme an, Sie kennen die meisten Seeleute, die was taugen.“

„Ich kenne viele, Käptn. Und ich werde sie mir genau anschauen. Sie können sich darauf verlassen.“

Snow nickte. Er verließ die Kajüte und ging an Deck. Narben-Ted folgte ihm. Er war überzeugt, dass nun alles nach Wunsch laufen würde, da der Anfang so vielversprechend begonnen hatte. Gleich würde Walross an Deck erscheinen, und wenig später sollte Blueman kommen. Mit einigem Abstand würden die anderen folgen, die sie in den frühen Morgenstunden aufgesucht und angeheuert hatten.

Niemand von den anderen wusste, was sie erwartete. Aber Walross und Narben-Ted hatten sehr streng darauf geachtet, dass es nur solche Männer waren, die auch wirklich zuverlässig alles tun würden, was sie von ihnen verlangten.

Im Lauf der Suche, als er mit Walross durch die Gassen geeilt war, hatte Narben-Ted noch einmal alles überdacht. Und das Ergebnis seiner Überlegungen war, dass sie eigentlich die idealen Leute für dieses Unternehmen waren. Männer, die einander ergänzten und vor allem den anderen gegenüber Autorität hatten. Das war die Gewähr, dass sie von den Kameraden respektiert wurden.

Snow befand sich bereits an Deck, als Narben-Ted die letzten Stufen zurücklegte. Er sah, dass der Kapitän stutzte und dann einen kurzen Fluch ausstieß.

Im nächsten Augenblick wusste Narben-Ted auch schon, warum. Snow hatte Walross gesehen.

Ted verstand zunächst nicht. Als er gleich darauf aber auch Walross stutzen sah, dämmerte ihm, dass es gleich Schwierigkeiten geben würde. Snow wandte sich zu Ted um.

„He, Ted! Kommen Sie mal!“

Der Erste trat vor.

„Sir?“

„Wer ist dieser Mann?“

„Ein hervorragender Seemann, Sir. Er schafft allein, was zwei Mann sonst nicht zustandebringen. Ein ausgezeichneter Mann. Warum fragen Sie, Käptn?“

Snow brummelte etwas vor sich hin. Laut sagte er dann: „Ich glaube, ich hab’ diesen Mann schon einmal gesehen. Wir sind uns schon begegnet. Und das war keine erfreuliche Begegnung, wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt. Es ist zwar dunkel gewesen, aber der Figur nach könnte es dieser Bursche gewesen sein.“

Narben-Ted erinnerte sich an eine Geschichte, die ihm Walross in der vergangenen Nacht erzählt hatte. Von einem Mann, den er niedergeschlagen hatte. Und rasch hatte der zwielichtige Narbige die Zusammenhänge erfasst. Er begriff, dass er sofort etwas unternehmen musste, wenn er ihren gemeinsamen Plan retten wollte.

„Ich kann’s mir nicht vorstellen, Käptn“, sagte er mit rauer Stimme. „Walross ist meistens auf See. Ihn anheuern zu können, ist wahrhaftig ein Kunststück. Um den reißen sich die Kapitäne.“

„Kann schon sein. Aber ich bin gestern einem solchen Bullen begegnet. Er war stockbesoffen und hat mich angegriffen. Wenn der da vorne dieser Kerl ist, kann er sofort wieder verschwinden. Solche Typen kann ich auf meinem Schiff nicht brauchen. Und wenn sie hundert mal gute Seeleute sind.“

„Gestern Abend?“ Ted schüttelte den Kopf und lachte gekünstelt. „Das ist unmöglich, dass Sie Walross gestern abend begegnet sind, Käptn. Denn da hätten wir uns auch begegnen müssen.“

Snow zog die Brauen hoch.

„Das verstehe ich nicht“

„Wir waren bei meiner Schwester, Sir. Sie wohnt an die zehn Meilen von der Stadt entfernt in einem kleinen Dorf. Wir haben Geburtstag gefeiert.“

Snow kratzte sich am Kinn. Er ließ seinen Blick nicht eine Sekunde von Walross. Und Narben-Ted fürchtete schon, dass der Kapitän nicht glauben würde, was er ihm eben gesagt hatte.

Dann aber schüttelte Snow den Kopf.

„Dann irre ich mich wahrscheinlich doch, Ted. Ich hab’. den Kerl gar nicht so genau gesehen. Ich weiß nur noch, dass er ein bulliger Schläger war und eine verdammt dreckige Lache hatte. Aber dieser... Walross, nicht wahr...? sieht doch anders aus, glaube ich. Gut, machen Sie alles klar! Wenn die Mannschaft vollzählig ist, kommen Sie in meine Kajüte!“

„Aye, Sir.“

*

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NARBEN-TED WAR ERLEICHTERT, als er den Kapitän verließ und zu Walross stapfte, der ihn ansah, als hätten sie sich höchstens zwei oder dreimal gesehen in ihrem ganzen Leben.

„Du verdammter Narr“, knurrte er, als er nahe genug heran war. „Weißt du, wer der Bursche war, den du gestern Abend verprügelt hast?“

Walross machte eine bekümmerte Miene. Noch waren ihm die Spuren der durchzechten Nacht anzusehen.

„Ich glaub’, ich kann mich da an was erinnern, Ted. Is’ mir verflucht unangenehm. Aber hätt’ ich gestern wissen sollen, dass ich ausgerechnet den Kerl in den Dreck schlage, der mein neuer Kapitän wird? Wenn ich das gewusst hätte, dann.. “

„Halt die Klappe! Ich hab’s schon für dich geklärt. Aber wenn er dich fragt, dann sagst du, dass du gestern Abend mit mir bei meiner Schwester in Darton gewesen bist. Wir haben dort Geburtstag gefeiert, klar?“

Walross hielt Ausschau nach dem Kapitän, als er den Kopf senkte.

„Alles klar, Ted. Und wie steht’s mit dir?“

„Siehst du doch, Mensch. Bin Erster. Genauso, wie ich mir das vorgestellt habe.“

Da sich der Kapitän den beiden näherte, änderte NarbenTed den vertrauten Ton sofort.

„Gut, Seemann! Du kannst ins Logis gehen und dir eine Hängematte aussuchen. Wirf deinen Seesack in eine Ecke, und dann kommst du an Deck! Die Wachen werden abgelöst.“ Walross nickte.

„Aye. Bin schon unterwegs.“

Snow trat zu Narben-Ted, als Walross bereits im Niedergang zum Mannschaftslogis verschwand.

„Ich hab’ seine Stimme gehört. Sie klingt anders“, sagte er. „Und er geht auch anders als der Kerl, der mich zusammengeschlagen hat.“

„Ich hab’ es gleich gesagt, Käptn. Der kann’s nicht gewesen sein, weil er mit mir bei meiner Schwester gewesen ist.“

„Aber Sie kennen eine Menge Seeleute. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer der Lump gewesen sein könnte?“

Ted zuckte die Schultern.

„Tut mir leid, Mr. Snow. Nicht den Schimmer einer Ahnung hab’ ich. Da gibt es mindestens ein Dutzend, die so ähnlich aussehen wie Walross. Kerle wie Baumstämme. Aber sie taugen nicht halb so viel wie der da.“

Snow gab sich damit zufrieden. Er ging unter Deck.

Irgendwie aber hatte Narben-Ted das Gefühl, dass der Kapitän noch immer nicht restlos davon überzeugt war, dass er sich geirrt haben sollte. Und das erschien dem Ersten auch nicht weiter verwunderlich. Denn es gab im ganzen Hafen nicht einen einzigen Mann, der von der Statur her Walross ähnlich gewesen wäre. Die Bewegungen dieses schwergewichtigen Riesen waren so charakteristisch, dass man sie einfach wiedererkennen musste. Selbst wenn man Walross in stockdunkler Nacht begegnet sein sollte.

*

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UNMITTELBAR NACH DEM Frühstück hatte sich Adam Rowes auf den Weg zur Bank gemacht. Aber der Angestellte an der Kasse hatte ihn zunächst gebeten, noch etwas zu warten. Und nach einer Viertelstunde erst hatte er ihn ins Zimmer von Elmer Mergentheim gebracht.

Der Bankier saß gebeugt hinter seinem Schreibtisch. Er begrüßte Rowes ziemlich kühl und forderte ihn auf, Platz zu nehmen.

„Ich verstehe nicht, was das bedeuten soll, Mr. Mergentheim. Gestern Abend noch haben wir uns doch ausgesprochen und geeinigt. Was soll das nun plötzlich? Sie haben doch Ihre Zusage nicht widerrufen?“

Mergentheim holte tief Luft.

„Nein, ich habe sie nicht widerrufen. Es gibt nur noch eine Frage zu klären, die ich gestern zu stellen vergessen habe.“

„Nämlich?“

Rowes war plötzlich aufgeregt.

„Sie befördern Maschinen nach Brasilien, sagten Sie,nicht wahr?“

Rowes bejahte.

„Was für Maschinen sind das?“

„Maschinen für die Industrie, Dampfmaschinen, dazu jede Menge Ersatzteile und ein Haufen Werkzeug.“

„Und was weiter?“

Rowes runzelte die Stirn. Er spürte, wie seine Handflächen schweißfeucht wurden.

„Weiter? Nichts weiter. Nur Maschinen und Ersatzteile, die dazugehören.“

„Sonst keine andere Fracht?“ Rowes war aufgebracht.

„Was soll dieses merkwürdige Fragen, Mr. Mergentheim? Ich verstehe nicht, was Sie damit ausdrücken wollen. Ich habe deutlich und laut genug gesagt, dass es Maschinen sind. Sie wissen ja selbst, dass solche Fracht sehr schwer ist. Ich könnte keine andere zusätzliche Ladung mehr übernehmen.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Mr. Rowes. Aber es gehen sehr viele Gerüchte um, wie Sie wissen. Die meisten rühren zweifellos von bösen Zungen und Neidern. Aber an den meisten Gerüchten ist ein Funken Wahrheit. Seien Sie ganz offen zu mir!“

Rowes streckte abwehrend die Hände vor.

„Heraus mit der Sprache, Mr. Mergentheim! Was soll das? Welche Gerüchte sind das, von denen Sie da sprechen? Ich kann mir nicht denken, dass mir einer etwas anhängen will.“

„Nun, das dürfte auch schwerlich gelingen. Denn wir lassen uns nicht durch irgendwelche bösen Zungen beeinflussen in unseren Entscheidungen. Aber es gibt gewisse Bedenken hinsichtlich der Bewilligung Ihres neuen Darlehens. Nicht zuletzt deshalb, weil Sie, wie man hört, einen sehr jungen, um nicht zu sagen unerfahrenen Kapitän angeheuert haben. Immerhin ist es doch eine sehr wertvolle Fracht. Und die einem unerfahrenen Mann anzuvertrauen, stellt doch ein gewisses Risiko dar.“

Rowes winkte energisch ab.

„Das ist doch Geschwätz, Mr. Mergentheim. Nichts als Geschwätz. Sicher ist Kapitän Snow ein junger Kapitän. Und dies ist sein erstes Kommando. Aber niemand kann ernsthaft behaupten, Snow ist unerfahren. Er hat schon sämtliche Meere befahren. Und das in verantwortlicher Stellung als Erster oder Zweiter Offizier. Er ist ein guter Mann, und ich kann ihm blind vertrauen. Das Kapitänspatent ist übrigens nicht so einfach zu kriegdn. Da muss man beweisen, dass man was kann.“

„Jaja, das sehe ich schon ein. Aber trotzdem. Ich kann mich nicht einfach über die Bedenken der führenden Herren in unserem Haus hinwegsetzen. Sie bestehen darauf, dass alle Fragen bis ins kleinste Detail geklärt sind. Übrigens: Ist die Ladung versichert?“

Rowes schaltete schnell. Er hatte bereits bei den vorangehenden Sätzen Mergentheims geahnt, wie der Hase laufen sollte.

„Natürlich ist die Ladung versichert, Sir. Und das Schiff auch. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

„Reicht die Deckungssumme aus?“

„Sie reicht aus, Sir“, sagte er ganz ruhig. Er hatte wie ein Feldherr erkannt, welche Stelle der Gegner für seinen Angriff ausgewählt hatte. Und nichts war in einem solchen Fall wertvoller, als die gegnerische Taktik zu durchschauen. Denn dann war es leicht, sie zum Scheitern zu bringen.

„Sie haben nicht zufällig die Police bei sich, Mr. Rowes?“

Der Reeder merkte, wie ihm heiß und kalt zugleich wurde. Die Police hatte er noch nicht Er hatte die Versicherungssumme noch nicht bezahlt. Folglich konnte er keine Unterlagen haben.

„Die Police? Nein, Sir. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Ihre Bank mir gegenüber auf einmal so misstrauisch und kleinlich ist. Aber ich werde sie natürlich sofort herbringen lassen, sobald ich in meinem Büro bin.“

Mergentheim wackelte mit seinem weißen Haupt.

„Es ist nicht kleinlich und auch kein Misstrauen. Aber ich bin gehalten, die Geschäftsordnung und die mir erteilten Anweisungen zu befolgen. Wissen Sie, Mr. Rowes, ein verzweifelter Mensch ist zu vielen Taten bereit, die er normalerweise niemals begehen würde. Und man kommt, wie ich schon oft erlebt habe, auf die merkwürdigsten Gedanken, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.“

Es lag auf der Hand, was Mergentheim damit sagen wollte. Und Rowes sah keine Möglichkeit, diese Klippe elegant zu umschiffen. Er musste darauf eingehen und eine Antwort geben, die den weißbärtigen Bankier überzeugte.

„Sie wollen mir doch wohl nicht unterstellen, dass ich mich auf eine Ebene begeben.würde, auf der sich normalerweise Verbrecher bewegen?“, fragte er scharf und aggressiv. „Das ist ein sehr... nun, ein ziemlich befremdendes Gespräch, Sir. Ich hätte nicht gedacht, dass man mir so etwas zutraut. Noch dazu von Ihrer Seite. Das würde heißen, dass ich es darauf anlege, einen Betrug zu begehen? So haben Sie es doch gemeint?“

Mergentheim war es sichtlich peinlich, dass Rowes dies so offen aussprach. Aber nun war schon die Rede davon. Also beschloss auch er, mit offenen Karten zu spielen.

„Ein Wort unter Männern und ganz privat, Rowes“, meinte er halblaut. „Ich will Ihnen, Gott bewahre, nichts unterstellen. Aber ich bin ein Bankier, der sein ganzes Leben lang mit Geschäften aller Art zu tun gehabt hat. Und Sie können mir glauben, dass mir nichts Menschliches mehr fremd ist. Ich kann vieles sogar sehr gut verstehen. Obwohl ich es als Bankier verurteilen muss. Aber ich habe mir schon oft die Frage gestellt, wie ich reagieren würde, wenn mir das Wasser bis zum Hals stünde. Und ich bin ehrlich genug, dass ich zugebe, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen, um den Untergang zu verhindern. Das heißt, ich würde möglicherweise auch zu Mitteln greifen, die nicht erlaubt oder zumindest haarscharf am Rand der Legalität sind.“

Rowes war wütend. Er spielte deshalb den Empörten um so glaubwürdiger.

„Himmel noch mal, ich glaube Ihnen, dass Sie alle Hebel in Bewegung setzen würden und vielleicht auch zu anderen Mitteln greifen könnten. Aber was habe ich damit zu tun? Ich habe jedenfalls nicht vor, etwas zu unternehmen, was illegal wäre.“

Mergentheim ging nicht darauf ein. Er schien nur noch seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

„Ich will nur sagen, dass nach allen Gesetzen der Logik ein Schiffsunglück, bei dem die Ladung und das Schiff verlorengehen, Ihnen wieder mächtigen Auftrieb geben würde. Vorausgesetzt, die Versicherungssumme ist so hoch, dass der Schaden ersetzt werden kann.“

„Ich kann Ihnen nicht folgen, Mergentheim! Tut mir leid. Aber wo soll da ein Gewinn sein? Was würde ich davon haben, wenn eines meiner Schiffe untergeht? Die Deckungssumme würde ausreichen, den Schaden zu ersetzen. Aber deshalb hätte ich auch noch kein Bargeld. Denn nur mit klingender Münze wäre mir wirklich geholfen.“

„Sie stellen sich jetzt naiv. Aber das ist nicht nötig, Mr. Rowes. Wir sind beide Männer, die eine Menge Erfahrungen gemacht haben. Darum braucht sich keiner von uns zu verstellen. Sagen wir es offen! Sie könnten Ihr Schiff auch mit wertlosem Plunder beladen. Und wenn es dann irgendwo absäuft, würden Sie für diesen Plunder, den die Versicherung als wertvolle Maschinen abgesichert hat, einen Haufen Geld bekommen. Die Maschinen aber ließen sich mittlerweile mit einem anderen Schiff an den Bestimmungsort bringen. Und Sie würden dafür noch einmal Geld einstreichen.“

Rowes grinste. Er hatte längst erkannt, dass Mergentheim nur auf den Busch klopfte. Das bedeutete, dass der Bankier keine Ahnung hatte, wie nahe er mit seinen Vermutungen der Wahrheit kam. Und zugleich steigerte dieses Wissen erneut das Selbstvertrauen von Rowes.

„Der Gedanke ist nicht übel, Mr. Mergentheim. Sie haben mich da auf eine sehr raffinierte Idee gebracht. Nur kann ich mir nicht denken, dass die Versicherung keinen Sachverständigen schickt, der die Ladung kontrolliert.“

Mergentheim winkte ab.

„Diesen Mann zu täuschen, ist nicht schwer. Sogar ich kenne eine Menge Tricks.“

„Wenn Sie nicht mit Ihrer Bank verheiratet wären, würde ich Sie zu meinem Partner machen, Mr. Mergentheim. Sie bringen mich da auf Ideen, dass ich beinahe Angst habe, sie weiter zu verfolgen.“

Mergentheim erhob sich.

„Ich hoffe, Sie haben mir diese Unterhaltung nicht übelgenommen. Und die Verzögerung auch nicht.“ Rowes stand etwas ratlos da.

„Wie verbleiben wir nun, Mr. Mergentheim?“, fragte er gepresst. „Kann ich über die Summe verfügen?“

Mit einem bedauernden Schulterzucken verneinte Mergentheim.

„Leider nicht sofort. Ich würde Sie bitten, zunächst die Versicherungspolice vorzulegen. Das ist für uns eine gewisse Sicherheit, wie Sie wissen. Sobald wir sie eingesehen haben, können Sie über die zweitausend Pfund nach Ihrem Belieben verfügen.“

Rowes war einem Wutanfall nahe. Do.ch Mergentheim erkannte das nicht. Er ließ sich von der freundlichen Miene des Reeders täuschen. Noch immer hielt er Adam Rowes für einen ehrenhaften Mann. Obwohl er vorher dieses Gespräch mit ihm geführt hatte. Mergentheim betrachtete sein Manöver als erfolgreich. Er ging davon aus, dass Rowes sich im Fall des Falles hüten würde, solche Schachzüge zu vollbringen, wenn er wusste, dass andere diese Möglichkeiten auch schon erwogen hatten.

„In einer Stunde spätestens bin ich zurück.“

Rowes verließ das Büro. Er hastete, den Kopf gesenkt, durch die Bank ins Freie. Und das erste, was er tat, als er die Tür hinter sich zufallen hörte, war, dass er einen saftigen Fluch ausstieß.

Nun befand er sich also wieder in jener Situation, die er längst weit hinter sich gelassen zu haben glaubte. Er befand sich in einer Sackgasse. Alles stand und fiel damit, dass er zweitausend Pfund erhielt. Und die bekam er nur, wenn er die Versicherungspolice vorlegte. Diese aber würde er nur erhalten, wenn er die Summe vorher einbezahlte.

Im Kopf des verzweifelten Mannes drehte sich alles. Seine Gedanken machten sich selbständig. Sie liefen ihm gleichsam davon. Und sie ließen sich nicht bändigen. Er hatte sich in eine Sackgasse begeben und konnte nicht mehr zurück. Er wusste weder ein noch aus. Er fühlte sich wie ein Fuchs, der in eine Falle gegangen war.

Mit den Leuten von der Versicherung zu verhandeln, war zwecklos. Obwohl sie mit ihm schon gute Geschäfte gemacht hatten und er bei der Versicherung einen unbescholtenen Ruf hatte, würden sie ihm erst dann die Police herausschreiben, wenn er das Geld hatte.

„Verfluchtes Volk! Ihr wollt mich mit Gewalt zugrunde richten, was?“

Rowes knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. Doch dann besann er sich. Wenn ihn jemand in diesem Zustand entdeckte, würde jedermann sofort wissen, wie es um ihn stand. Und das konnte er sich auf gar keinen Fall leisten. Wenn auch sein guter Ruf noch leiden würde, war der Untergang endgültig besiegelt.

Energisch setzte sich Rowes in Bewegung. Er stapfte auf der Straße dahin. Später winkte er einer Droschke. Der Fahrer kannte ihn. Und er brauchte nicht lange zu fragen, wohin er seinen Passagier bringen sollte.

Den Kopf in die Hände vergraben, saß Rowes in der Droschke. Er war vor den Blicken anderer geschützt und konnte sich nun eher gehenlassen.

Der drohende Ruin, der Bankrott stand unmittelbar bevor. Er war nicht mehr aufzuhalten. Nicht, wenn er die zweitausend Pfund von der Bank nicht erhalten würde.

Eine düstere Zukunft bildete sich vor dem geistigen Auge des verzweifelten Adam Rowes ab. Eine Zukunft, die von schwarzen Schleiern verhangen war.

Er hatte keine Ahnung, was er anstellen sollte. Seine Verpflichtungen hatten Dimensionen angenommen, die er kaum noch zu überschauen vermochte. Täglich mahnten seine Gläubiger die offenen Rechnungen an. Sie hatten noch Geduld, weil er seit Jahren ein guter und zahlungskräftiger Kunde gewesen war. Aber auch das würde ihn nicht mehr sehr lange davor bewahren, dass einer nach dem anderen die Geduld doch verlieren würde.

Und wenn erst einmal die letzten Meter zum Abgrund zurückgelegt waren, konnte keiner mehr die Talfahrt aufhalten.

Mehrere Minuten lang spielte Adam Rowes mit dem Gedanken, einfach alle Brücken hinter sich abzubrechen und Schluss zu machen mit dieser Misere. Nicht Schluss für immer. Nein, das wiederum war es ihm nicht wert. An Selbstmord zu denken, lag ihm fern. Dazu liebte er das Leben viel zu sehr. Aber einen anderen Weg, alles hinter sich zu lassen, gab es auch noch. Er hätte nur auf eins seiner Schiffe zu gehen brauchen, und schon ein paar Stunden später wäre er für keinen Gläubiger mehr aufzutreiben gewesen.

So verlockend diese Gedanken auch waren: eine Überlegung hielt Adam Rowes davon noch ab. Er hätte nie wieder nach England zurückkommen können. Das Opfer zu bringen, erschien zu gewaltig.

*

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DIE DROSCHKE RUMPELTE über das Pflaster.

Die Kiste mit den Goldmünzen kam Rowes in den Sinn. Hastig zog der Reeder seine Taschenuhr heraus.

Die Auftraggeber, mit denen er das Geschäft gemacht hatte, waren vorsichtig. Sie würden bis zum letzten Augenblick in der Nähe des Kais warten und so dafür sorgen, dass keiner es wagte, die Truhe wieder von Bord zu bringen.

Rowes wusste nicht, wieviel Gold sich in dieser Kiste befand. Er hatte sich auch nicht danach erkundigt, um nicht durch übergroße Neugier Verdacht zu erwecken. Die vier Männer, die seinerzeit mit dem Ansinnen an ihn herangetreten waren, jene Kiste an Bord der SWEET LADY bringen und auf hoher See an ein mexikanisches Schiff zu übergeben, hatten nicht ausgesehen wie Burschen, die sich leicht übertölpeln lassen.

Aber Rowes war fest davon überzeugt, dass sich wenigstens zehntausend Pfund in jenem eisenbeschlagenen Holzbehälter befanden.

Auch daran hatte der Reeder bei seinen Plänen gedacht. Was er vorhatte, musste ein perfektes Bubenstück sein. Es musste so ablaufen, dass kein Mensch Verdacht schöpfen konnte. Niemand durfte etwas erfahren.

Unmittelbar vor dem Auslaufen der SWEET LADY sollte ein Wagen mit vier großen Behältern am Kai vorfahren. Die Behälter sollten aussehen wie jene anderen, die sich schon im Bauch des Schiffes befanden. Und wenn die Mannschaft sie in den Laderaum gebracht und verstaut haben würde, dann sollten vier andere Behälter an Land gebracht werden. In einem davon sollte die Kiste mit dem Geld sein.

Da die SWEET LADY mit ihrer schweren Ladung das Ziel kaum würde erreichen können, hatte Rowes später auch nichts zu fürchten.

Einer seiner Vertrauten, ein Schiffszimmermann, hatte die Bark vor einigen Tagen gründlich untersucht. Und er hatte sich gegen ein fürstliches Trinkgeld auch zu einer Arbeit hergegeben, die kein anständiger, ehrlicher Mann jemals verrichtet hätte.

Die Verankerung des Hauptmastes war an zahlreichen Stellen mit Bohrlöchern versehen worden. Die Löcher waren mit Tran und Teer so gut getarnt worden, dass niemand sie bemerken konnte, wenn er die Verankerung nicht ausgesprochen gründlich untersuchte.

Allein dies aber war Rowes noch nicht sicher genug gewesen. Er musste hundertprozentig sicher sein können, dass dieses Schiff nie mehr in den Heimathafen zurückkam. Und der Zimmermann hatte sich freimütig bereit erklärt, durch geschickt kaschierte Veränderungen diese Sicherheit herzustellen. Allein im Bereich des Bugs befanden sich unterhalb der Wasserlinie drei verschiedene Schwachstellen, die bei schwerem Seegang nach menschlichem Ermessen nachgeben und einbrechen mussten. Und mittschiffs, im Laderaum, hinter den gestauten Gütern verborgen, waren morsche Planken eingefügt worden. Nur geteertes Segeltuch dichtete die künstlichen Lecks so weit ab, dass so gut wie kein Wasser eindringen konnte, solange die SWEET LADY sich noch im Hafen befand.

Ja, sein Plan war der Perfektion in den meisten Punkten sehr nahe. Und nun sollte alles an lausigen zweitausend Pfund scheitern? Das durfte nicht geschehen. Er musste diese Schwierigkeit aus dem Weg schaffen. Kostete es, was es wollte.

Die Droschke hielt.

„Wir sind da, Sir.“

Der Kutscher öffnete den Wagenschlag.

Rowes wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Stirn, als wollte er böse Träume verscheuchen. Er stieg aus der Droschke, bezahlte den Fahrer und eilte in sein Büro.

Ohne zu grüßen, durchquerte der Reeder den Raum. Er ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Den Kopf auf die Hände gestützt, setzte er seine Überlegungen fort.

Was konnte er tun? Wie ließ sich dieses letzte und fast schwierigste Hindernis überwindeh?

Zufällig fiel der Blick des Reeders auf einen Stapel Versicherungsunterlagen. Und in diesem Augenblick zuckte der rettende Gedanke durch seinen Kopf.

Er war so einfach, so naiv, dass es unglaublich erschien, wie er so lange gebraucht haben konnte, überhaupt auf diese Idee zu kommen.

Wenn er eine der alten Policen einfach abänderte? Sie fälschte? Wenn er es geschickt anstellte, würde niemand etwas davon bemerken.

Von diesem Einfall bis zur Verwirklichung war es nicht weit. Rowes nahm sich einige Policen vor. Er sortierte drei aus, deren Versicherungssummen etwa die Höhe aufwiesen, die er auch bei der SWEET LADY anstrebte.

Mit einem Rasiermesser veränderte der Reeder das Datum. Er ging dabei so geschickt zu Werke, dass man mit einer Lupe hätte hinsehen müssen, um zu erkennen, dass die Police gefälscht war, wenn auch nur in einigen Teilen.

Eine Viertelstunde später hatte der Reedereibesitzer sein Werk beendet. Er schob alle Gedanken, dass dies eines Tages ans Licht kommen könnte, weit von sich. Er wollte nicht daran denken. Denn zu viel stand auf dem Spiel.

Und eine weitere Viertelstunde später stand Adam Rowes wieder Eimer Mergentheim gegenüber.

„Hier ist die Police, Sir. Ich darf doch annehmen, dass jetzt alles in Ordnung geht?“

Mergentheim warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Police. Er interessierte sich offensichtlich nur für die Höhe der Versicherungssumme. Und die stellte ihn zufrieden.

„Es ist alles vorbereitet, Mr. Rowes. Ich muss Sie nur noch einen Moment um Geduld bitten. Eine letzte Gegenzeichnung fehlt noch. Der betreffende Herr ist aber augenblicklich außer Haus. Er wird jedoch jeden Moment zurück sein. Darf ich Ihnen einstweilen etwas anbieten?“ Rowes blickte auf die Uhr.

„Ich bin in Eile, Mr. Mergentheim. Wenn sich diese unerfreuliche Geschichte möglichst abkürzen ließe, wäre mir das sehr angenehm. Die Geschäfte sind sehr dringend.“

Mergentheim kehrte wie so oft die Handflächen nach außen.

„Es tut mir aufrichtig leid, Sir. Aber ich kann Sie nur bitten zu warten. Mehr kann ich nicht tun. Aber es kann sich wirklich nur um einige Minuten handeln.“

Adam Rowes blieb nichts anderes übrig, als sich schweren Herzens zu gedulden. Aber mit jeder Minute, die verstrich, wurde er unruhiger.

Mergentheim hatte das Büro verlassen. Er kam nach gut einer Viertelstunde wieder herein.

„Es tut mir leid. Ich kann es nur wiederholen. Aber er ist noch nicht zurück, Sir. Ich habe einen Jungen nach ihm geschickt. Er wird sicher gleich zurück sein.“

„Hoffentlich“, brummte Rowes ziemlich ungehalten. Er konnte seinen Zorn nicht mehr länger zurückdämmen. Wenn nicht bald etwas geschah, dann würde er nicht mehr an sich halten können.

Wie so oft im Leben hatte ein Zusammentreffen mehrerer unerfreulicher Zufälle seinen ganzen Zeitplan durcheinandergebracht. Aber gerade dieser Zeitplan war von enormer Bedeutung für ihn. Wenn er auch nur eine Minute zu spät kam, konnte sich sein ganzer Plan in Luft auflösen. Er konnte zerplatzen wie eine Seifenblase.

Endlich, Rowes kam es vor, als wären Ewigkeiten verstrichen, tauchte der Mann auf, von dessen Unterschrift so vieles abhing.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Mergentheim begleitete Rowes selbst zur Kasse und sorgte dafür, dass der Reeder das Bargeld sofort ausgehändigt bekam.

Der Abschied von dem Bankier fiel sehr kurz und knapp aus. Rowes hatte mindestens zwei Stunden Zeit verloren. Das war eine so enorme Spanne, die er nur dann aufholen konnte, wenn er die größten Anstrengungen unternahm.

Fünf Shilling ließen den Kutscher alle guten Vorsätze seines Berufsstandes vergessen. Er trieb seine Tiere auf Rowes’ Geheiß an, ließ seine Peitsche pausenlos knallen und fuhr wie ein Räuber.

Vor dem Versicherungsgebäude hieß Rowes den Kutscher warten. Er selbst stürmte ins Haus, hetzte die Treppen hinauf und saß wenige Augenblicke später schwer atmend dem Mann für Verträge gegenüber.

Viele Fragen wurden Rowes nicht gestellt. Er war bekannt. Und es gab zum Glück keinerlei Komplikationen mehr.

Nur als die Frage der Überprüfung anstand, sah es für ein paar Minuten so aus, als würden sich abermals Probleme einstellen.

„Ich habe leider vergessen, früher zu kommen. Mein Buchhalter hatte den Auftrag, alles abzuwickeln. Aber Sie wissen ja, wie es mit unzuverlässigem Personal ist, nicht wahr? Wenn man nicht alles selbst in die Hand nimmt, dann läuft es nicht so, wie man es gerne möchte. Die SWEET LADY muss unter allen Umständen heute noch auslaufen. Und ich bin sicher, Sie können das bewerkstelligen.“

Einige schmeichelhafte Bemerkungen von Rowes, dazu eine unauffällig über den Tisch geschobene Pfundnote hatten die nötige Überzeugungskraft.

Während der Vertrag ausgefertigt wurde und ein anderer Angestellter gleichzeitig die Police ausstellte, war der mit der Überprüfung beauftragte Mann bereits unterwegs zum Kai.

„Tja, wenn Sie warten möchten, dann ist es am schnellsten erledigt, Mr. Rowes“, meinte der verständnisvolle Mann auf der anderen Seite des Tresens und lächelte gewinnend. Leiser fügte er hinzu: „Es wird nicht lange dauern. Unsere Prüfer sind außerordentlich überlastet. Sie haben nicht die Zeit, alles so sorgfältig nachzuprüfen, wie es sein sollte. In besonders dringenden Fällen geben sie sich meistens schon damit zufrieden, einen Blick in die Papiere und einen zweiten Blick in den Laderaum zu werfen. Das dürfen Sie aber keinem Menschen verraten.“

Diese aufdringliche Vertrauensseligkeit, die Rowes unter anderen Umständen gestört hätte, war ihm in diesem Fall sehr angenehm.

„Ich werde warten. Aber ich hoffe, es dauert wirklich nicht zu lange.“

*

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BLUEMAN UND WALROSS kontrollierten gerade den Laderaum der SWEET LADY, als Narben-Ted ihre Namen rief. Sie antworteten ihm und sahen ihn auch schon an der Ladeluke.

„Vier Kisten sollen ausgetauscht werden. Verdammt, da stinkt was! Die sind alle nummeriert! He, Blueman! Lass dir was einfallen! Aber rasch!“

Blueman kratzte sich am Kopf.

„He, Walross! Weißt du, was das zu bedeuten hat? Es geht ums Gold! Die wollen es noch an Land bringen, bevor wir ablegen. Wetten, dass da die Mexikaner dahinterstecken!“ „Verflucht! Dann ist alles für die Katz’ gewesen!“

„He, ihr da unten! Die Kisten mit den Nummern 41 bis 44 sollen heraufgehievt werden!“

Das war die Stimme von Narben-Ted.

„Hm“, tat Walross. Er räusperte sich aufgeregt. „In einer von den vier Kisten wird wohl das Zeug versteckt sein, was?“

„Du bist doch ein schlauer Kopf. Natürlich steckt das Zeug in einer von diesen Kisten. Und ich überleg’ mir gerade, wie wir verhindern können, dass uns das Gold durch die Lappen geht Mann, ich reiße mir die Haare aus, wenn... He, ich hab’s, Walross!“

Blueman schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, dass es klatschte. Er zeigte ein verschmitztes Gesicht, dann griff er in die Hosentasche und holte ein abgebrochenes Stück Kreide heraus.

„Was willst du damit?“

„Komm her, du Riesenbaby! Da, schau dir die Kisten an! Die ganzen Nummern sind mit Kreide draufgeschrieben, nicht wahr?“

Walross nickte. „Stimmt Aber... du willst sie löschen und... Mann, du bist ein echtes listiges Aas! Mach schnell!“

Der ausgemergelte Blueman wischte mit dem Ellbogen die Nummern von einigen anderen Kisten ab und schrieb mit Kreide die Nummern darauf, die NarbenTed ihnen zugerufen hatte.

Die Männer an Deck hatten den Ladebaum herübergeschwenkt. Die Trossen glitten eben in die Ladeluke.

„Soll ich euch beiden Verstärkung schicken?“

„Nicht nötig, Ted! Wir bringen das schon hin!“

Walross packte die Trossen und zog sie zu den Kisten. Vorsichtig zurrten sie die Fracht fest und gaben anschließend das Kommando, sie hinaufzuhieven.

Keiner kümmerte sich an Deck um diesen Vorgang. Die Männer verrichteten ihre Arbeit, brachten die Kisten aus dem Laderaum an den Kai und beförderten dafür die neuen in den Laderaum.

Blueman war guter Dinge, als er mit Walross die Stauhölzer verkeilte. „Das ist noch einmal gutgegangen, was?“

Walross grinste breit.

„Ich hätt’ nicht gewusst, was ich tun soll, wenn du nicht gewesen wärst, Mensch. Aber jetzt beeilen wir uns, sonst kommen die womöglich auch noch auf die Idee, andere Kästen auszutauschen. Würde auffallen, wenn wir alle mit anderen Nummern beschmieren.“

Blueman hatte seine Arbeit beendet. Er gab Walross einen Wink. Sie kletterten aus der Ladeluke und deckten sie ab. Dann zogen sie eine Persenning darüber und verzurrten sie.

Narben-Ted hatte in der Nähe gestanden und die beiden Mitwisser beobachtet. Er warf Walross einen fragenden Blick zu, als jener aufsah. Und als der Riese nickte, da zeigte sich auf Narben-Teds Gesicht ein frohes, befreites Lächeln.

Kapitän Snow erschien auf dem Achterdeck. Er sah auf die Uhr, dann spähte er zum Kai hinüber. Offensichtlich wartete er auf jemand. Narben-Ted war unruhig.

„Wenn wir nicht bald ablegen, müssen wir die nächste Tide abwarten. Ich hab’ gedacht, wir laufen mit der Flut aus.“

Blueman schnaubte verächtlich. „Der Käptn wartet wohl noch auf einen. Das wird Rowes sein, denke ich. Weiß der Teufel, was der noch hier will.“

„Vielleicht bringt er die Heuergelder“, vermutete Walross.

„Wäre nicht übel. Dann kriegen wir auch noch einen Batzen Geld für das, was wir tun wollen.“

„Sei still, Mensch! Oder willst du, dass dich der Käptn hört?“ Narben-Ted fiel auf, dass Snow sie beobachtete. Er gab seinen Gefährten ein Zeichen und stapfte dann zum Kapitän.

„Schätze, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen, Sir“, sagte er laut. „Wenn wir nicht bald Anker lichten, schaffen wir es nicht mehr.“

Snow senkte den Kopf. „Ich weiß. Aber ich habe Order, auf Mr. Rowes zu warten.“

„Und der Zeitverlust, wenn wir die Tide abwarten müssen?“

„Hm, das habe ich mir auch schon überlegt. Ich weiß nicht, was Mr. Rowes sich dabei gedacht hat. Was meinen Sie, Ted? Sollen wir noch warten?“

„Das müssen Sie entscheiden, Sir. Aber ich meine, die Antwort ist schon klar. Was ist wichtiger? Dass die geplante Zeit eingehalten wird und die Ladung pünktlich gelöscht werden kann, oder dass wir auf Mr. Rowes warten?“

Snow zuckte die Schultern.

„Ich denke, dass Mr. Rowes auch k mehr Wert darauf legt, dass die Ladung möglichst rasch am Zielort ankommt.  Gut, lassen Sie Anker lichten! Wir laufen aus!“

Narben-Ted bellte ein „Aye, Sir“ und machte zackig kehrt „Lichtet den Anker, Männer! Werft die Trossen los! Und dann hinauf in die Wanten mit euch!“

Nach der langen Zeit, die sie an Land zugebracht hatten, war dieses Kommando für die Männer an Bord wie ein Zeichen zum Start in ein neues Leben. Im Nu herrschte rege Betriebsamkeit auf der SWEET LADY. Die Männer am Ankerspill stimmten einen Shanty an. So, wie sie es schon immer getan hatten, wenn die letzten Vorbereitungen vor dem Auslaufen getroffen wurden.

Die Besan-Toppsegel killten, und als die Trossen losgeworfen, der Anker befestigt waren, da blähten sie sich im ablandigen Wind. Die Klüversegel füllten sich. Und als die Stagsegel gesetzt waren, nahm die SWEET LADY Fahrt auf.

Narben-Ted hatte Blueman ans Ruder befohlen. Der ausgemergelte Seemann war wieder nüchtern. Und er kannte die Ausfahrt so gut wie der Lotse, der neben dem Ruder stand und starr geradeaus auf das Fahrwasser blickte.

Kapitän Snow war unter Deck gegangen. Narben-Ted ging auf der Backbordseite auf und ab. Er sah den Hafen, die Häuser, den Kai allmählich kleiner werden. Und dann entdeckte er auch eine Kutsche, die vor dem Kai ausrollte. Ein Mann sprang heraus. Er ruderte heftig mit beiden Armen.

Das war offensichtlich Mr. Rowes, der vor dem Ablegen noch hatte an Bord kommen wollen.

„Gott sei Dank!“ Narben-Ted nahm seine Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das hatten sie geschafft. Nun befand sich die SWEEET LADY auf Fahrt. Und niemand mehr konnte irgendwelche Manipulationen vornehmen. Die Ladung würde an Bord bleiben. So lange, bis sich Walross, Blueman und Narben-Ted geeinigt hatten, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, loszuschlagen.

Aber einige Stunden würden zunächst noch vergehen, bis der Lotse von Bord und offene See erreicht war. Tage jedoch würden noch vergehen müssen, bis die drei Männer sich an ihr Vorhaben machen konnten.

Die meiste Unsicherheit,, die noch einiges gefährden konnte, war die Frage, wann die Übergabe der versteckten Goldkiste an die Mexikaner erfolgen sollte. Denn vorher mussten sie handeln. Und zwar so rechtzeitig, dass die Mexikaner keine Gelegenheit besitzen würden, an den verborgenen Goldschatz zu gelangen.

*

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ALS AUCH DIE MARSSEGEL voll standen und der Besanmast unter dem einfallenden Wind ächzte, wurde die Fahrt schneller. Und später, als der Lotse von Bord ging, ließ Narben- Ted, ohne vorher die Zustimmung des Käptns eingeholt zu haben, auch die Großsegel setzen.

Eine frische Brise trieb das schwerbeladene Schiff durch den Kanal. Die SWEET LADY hatte erheblichen Tiefgang. Der Bug schnitt tief in die Wogen, und die Reaktionen auf die Ruderbewegungen waren ziemlich träge.

Da sich Snow seit dem Ablegen der SWEET LADY noch nicht wieder an Deck gezeigt hatte, begab sich Narben-Ted in die Kajüte des Kapitäns. Er klopfte kurz und trat ein.

Allan Snow stand vor dem Kartentisch und war damit beschäftigt, den Kurs abzustecken.

„Sir!“

„Was gibt es, Ted?“

„Wir segeln mit Vollzeug. Die SWEET LADY liegt tief im Wasser. Geschwindigkeit würde ich auf vielleicht zwölf Knoten schätzen. Wird eine lange Reise, Käptn. Hoffentlich bleibt das Wetter so schön, wie es ist. Ich fürchte, es gibt eine Menge Schwierigkeiten, wenn wir raue See kriegen. Die Bark spricht nur sehr langsam auf das Ruder an. Und wenn ein paar schwere Brecher überkommen würden, dann... dann gute Nacht, Käptn.“

Snow blickte auf.

„Sie wollen sagen, das Schiff ist überladen?“

NarbenTed nickte. „Ist ein mächtiges Gewicht, Sir. Wie gesagt, wenn das Wetter so bleibt, wie es ist, dann habe ich keine Bedenken. Aber Sie wissen ja selbst, dass der Atlantik sehr tückisch sein kann.“

„Ihre Sorgen sind unnötig, Ted. Wir werden das Schiff nach Rio bringen. Und die Ladung selbstverständlich auch. Keine Frage. Die Mannschaft scheint mir recht verlässlich zu sein.“

„Ist sie ganz bestimmt, Sir. Eine gute Mannschaft. Alles Männer, die ihr Handwerk verstehen.“

Snow beugte sich wieder über die Karte. Er schien einen ganz bestimmten Punkt zu suchen, den er jedoch nicht finden konnte.

„Sir, was ist eigentlich mit den Kisten, die umgetauscht worden sind?“ Snow richtete sich wieder auf.

„Da fragen Sie mich zu viel. Die Männer, die das neue Frachtgut gebracht haben, hatten ein Schreiben von Mr. Rowes bei sich. Das reicht aus, denke ich. Ich nehme an, dass es eine Verwechslung gewesen ist.“

Narben-Ted grinste.

„Hat Mr. Rowes in seinem Schreiben denn nicht erwähnt, worum es ging?“

Überrascht blickte Snow den Ersten an.

„Ich weiß nicht, was Sie mit diesen Fragen bezwecken wollen. Mr. Rowes ist der Reeder. Und er bestimmt demnach auch, was getan werden muss. Das andere kümmert mich nicht. Ist schließlich seine Sache, was er mit der übernommenen Fracht anstellt.“

Narben-Ted wollte mit seinen Fragen erreichen, dass Snow mit der Sprache herausrückte und irgendwann zugeben würde müssen, ob er von dem Gold an Bord wusste oder nicht. Logischerweise hätte der Kapitän Bescheid wissen müssen. Denn schließlich lag es an ihm, den Punkt anzusteuern, an dem das Treffen mit den Mexikanern stattfinden sollte. Andererseits aber hatte Narben-Ted schon so viel von dem raffinierten Rowes gehört, dass er nicht mit Sicherheit ausschließen wollte, Snow würde ahnungslos sein.

Aber Snow verriet mit keiner Miene, dass ihn etwas beunruhigte. Er blickte Ted in die Augen. Und der Narbige hatte den Eindruck, dass Snow nicht gut genug lügen konnte, um ihn zu täuschen.

„Natürlich ist das die Angelegenheit von Mr. Rowes, Sir. Aber ich habe mich nur gewundert, weil die neuen Kisten erst im letzten Moment ausgetauscht worden sind, ohne dass die Versicherung davon Bescheid gewusst hat.“

Es war gewagt, was Narben-Ted dem Kapitän gegenüber äußerte. Er konnte nicht wissen, wie Snow zu Rowes stand und wie er es auffassen würde. Aber immerhin konnte er sich in der Sicherheit wiegen, dass er im Notfall von seinen Freunden jede denkbare Unterstützung bekam.

Snows Gestalt straffte sich.

„Ich will mal etwas klarstellen, Ted! Und ich würde Sie bitten, sich das ein für allemal hinter die Ohren zu schreiben! Wir befinden uns hier an Bord eines Schiffes. Und dieses Schiff gehört dem Reeder Mister Rowes. Ich bin der Kapitan, und Sie sind der Erste Offizier. Falls Sie nicht begriffen haben sollten, was ich mit dieser Gedächtnisauffrischung meine, dann will ich noch deutlicher werden. Ich werde mich nach den Anweisungen richten, die ich von Mr. Rowes erhalten habe. Denn von ihm erhalte ich Geld für die Arbeit, die ich tue. Und Sie, mein Lieber, werden sich verdammt an das halten, was ich Ihnen auftrage. Haben wir uns richtig verstanden? Ich will nicht, dass mein Erster Offizier voller Misstrauen gegen die Reederei ist. Und dass womöglich auch noch die Mannschaft von ihm angesteckt wird. Mr. Rowes schafft an, und wir werden in Dreiteufelsnamen seine Befehle ausführen!“

Allan Snow war heftig geworden. In diesem Ton hatte er schon lange nicht mehr mit einem Untergebenen gesprochen. Doch er hielt es diesmal für notwendig, um gleich von der ersten Sekunde an für klare Verhältnisse auf seinem Schiff zu sorgen.

Narben-Ted schwieg. Er starrte Snow nur an. In seinem Blick spiegelte sich eine ganze Palette der verschiedensten Gefühlsregungen. Am deutlichsten schien Mitleid daraus zu sprechen.

Dieses Schweigen irritierte Snow. Er schluckte.

„Warum sagen Sie nichts?“

Narben-Ted grinste.

„Nun, Sir, ich dachte, jeder hat seinen Standpunkt. Und es gibt manchmal Gelegenheiten, in denen man Zweifel anmelden muss.“

„Was meinen Sie damit?“

Ted zuckte die Schultern. Er wollte sich abwenden. Aber Snow ließ ihn noch nicht gehen.

„Moment mal, Ted! Warten Sie! Noch ist nicht alles geklärt. Ich bin für klare Verhältnisse. Wenn’s was gibt, worüber gesprochen werden muss, dann werden wir darüber reden. Und das sollten Sie auch tun. Ich mag es nicht, wenn an Bord die Stimmung vermiest wird.“

„Sie haben vorhin gesagt, dass Sie keinen Zweifel dulden, Sir.“

„Ich habe gesagt, dass ich es nicht mag, wenn man dem Reeder gegenüber so misstrauisch ist, wie Sie es gewesen sind.“

„Aber wenn dieses Misstrauen berechtigt ist, Sir?“

„Wieso?“

„Ich meine ja nur, Käptn. Wenn Sie sich im Hafen umgehört hätten, dann wäre Ihnen vielleicht auch manches zu Ohren gekommen. Und Sie würden Mr. Rowes nicht mehr so blind vertrauen.“

Snow holte tief Luft.

„Immer diese Andeutungen! Mann, jetzt rücken Sie heraus mit der Sprache! Das ist ein Befehl, Offizier!“

Narben-Ted überlegte blitzschnell. Und er entschied sich nicht minder rasch. Es hatte wenig Sinn, Snow mit puren Andeutungen zu verunsichern. Vielleicht war es die bessere Lösung, wenn er ihm einiges von dem erzählte, was er inzwischen ziemlich sicher wusste.  Ja, den Versuch war es zumindest wert.

„Wissen Sie genau, woraus die Ladung besteht, Sir?“

Snow knetete seine Hände.

„Dazu gehört ja kein besonderer Scharfsinn, Ted. Natürlich weiß ich es. Aus Maschinen, die nach Rio kommen sollen.“

„Sonst nichts?“

„Herrgott noch mal! Wenn Sie noch eine Weile weitermachen, dann reißt mir jetzt die Geduld! Und ich kann verdammt ungemütlich werden, Mensch!“

„Ich hab’ doch von den vier Kisten gesprochen, Sir. Ich meine die Kisten, die ausgetauscht worden sind.“

„Ja. Und?“

„Ich nehme an, dass sich in einer dieser Kisten Gold befindet. Goldbarren, die dazu verwendet werden sollen, einen Aufstand zu finanzieren, Sir.“

„Ach was! Sie machen sich lächerlich mit solchen Schauermärchen! Oder wollen Sie etwa behaupten, dass Sie Beweise dafür hätten?“

Narben-Ted schüttelte den Kopf. „Noch nicht, Käptn. Aber die Gerüchte, die mir erzählt worden sind, haben bestimmt einen wahren Kern. Denn der Mann, von dem ich sie gehört habe, ist ziemlich zuverlässig.“

„Das ist doch Unsinn. Purer Unsinn. Da hat Ihnen einer einen alten Bären aufgebunden.“

„Wenn Sie meinen, dann können wir nachsehen, Sir.“

„Nachsehen?“ Snow lachte auf. „Allmählich glaube ich, Sie wissen nicht so recht, was Sie sagen.“

Narben-Ted lächelte listig.

„Das weiß ich sehr genau. Wenn Sie mit in den Laderaum gehen, Käptn, dann können wir die Kisten kontrollieren.“

„Sie sind doch ausgetauscht worden.“

„Richtig. Es sind Kisten ausgetauscht worden. Aber nicht die Kisten, die man austauschen wollte. Es war eine Verwechslung. Unsere Männer haben die falschen Kisten an Land gebracht.“

Snow fuhr auf wie von einer Tarantel gebissen. Er wurde puterrot im Gesicht.

„Narben-Ted!“, schrie er außer sich. „Verdammt, was soll das nun wieder? Wie kommen die Leute dazu, die falschen Kisten an Land bringen zu lassen? Wer hat ihnen das befohlen? Was bilden die sich überhaupt ein?“

„Ein Versehen, Sir. Hab’ ich schon gesagt. Es war ’n Versehen.“

„Hören Sie auf, mir Märchen zu erzählen! Dahinter steckt doch einer. Solche Versehen gibt es nicht. Es hätte jemand auffallen müssen, dass es die falschen Kisten gewesen sind, die man an Land gebracht hat.“

„Tut mir leid, Sir. Aber es waren die gleichen Kisten wie die anderen. Und wenn eine der anderen gleicht wie ein Ei dem anderen, dann kann es schon mal vorkommen, dass etwas verwechselt wird. Aber wir können ja nachprüfen, ob das sehr schlimm ist. Man könnte sie öffnen und nachsehen, ob Maschinen drin sind oder etwas anderes.“

„Den Teufel werden wir tun! Wir können nicht mehr umkehren. Aber ich werde dafür sorgen, dass Sie und Ihre Männer dieses Versehen noch bereuen!“

Diese Drohung konnte Narben-Ted nicht erschüttern. Er grinste Snow unverschämt an.

Der junge Kapitän merkte, dass seine Drohung keine Wirkung zeitigte. Und das machte ihn nervös. Er fühlte, wie die Autorität, die er sich mühsam hatte erwerben wollen, dahinschwand wie Schnee in der Sonne.

Wenn er mit diesem Mann etwas anfangen wollte, dann musste er sich etwas einfallen lassen. Er musste eine ganz andere Methode anwenden.

Mühsam beherrschte er sich und wurde schließlich auch ganz ruhig.

„Schön. Die Geschichte ist jetzt nicht wieder gutzumachen. Wir müssen uns zunächst damit abfinden, dass es schiefgelaufen ist. Aber eins kann ich Ihnen sagen, Ted! Wenn es noch einmal zu schwerwiegenden Fehlern kommt auf dieser Fahrt, dann werde ich mich vergessen. Das ist ein Versprechen!“

Narben-Ted senkte den Kopf.

„Ich habe verstanden, Kapitän. Sie wollten die Wahrheit hören. Ich habe sie Ihnen gesagt. Und ich glaube, es wäre besser gewesen, wir hätten nicht darüber gesprochen.“

„Schon gut, schon gut... Jetzt seien Sie endlich still!“

NarbenTed schluckte.

„Noch eine Frage hätte ich, Sir. Welchen Kurs nehmen wir? Die übliche Route?“

Snow verneinte.

„Wir halten zunächst Kurs Westsüdwest.“

„Das verstehe ich nicht. Wir verlieren doch eine Menge Zeit, wenn wir diesen Kurs nehmen.“

„Sie sollen nicht Ihre Kommentare abgeben, Ted, sondern Sie sollen dafür sorgen, dass meine Befehle ausgeführt werden.“

„Haben Sie diesen Kurs abgesteckt, Sir?“

„Wer denn sonst?“

„Nein, ich meine, ob Sie diesen Kurs absichtlich und von Ihnen aus nehmen wollen?“

„Das geht Sie nichts an! Und jetzt gehen Sie an Deck!“

Narben-Ted verließ die Kajüte. Der letzte Satz von Snow hatte ihm mehr gesagt als viele Sätze vorher. Der Kurs, den sie eingeschlagen hatten, würde sie genau zu jener Stelle führen, an der voraussichtlich das mexikanische Schiff ihren Kurs kreuzten sollte.

Wenn es gelang, dass Ted sich die Karte mit dem abgesteckten Kurs genauer ansehen konnte, ohne dass Snow dies bemerkte, dann würde es nicht mehr schwer sein, ziemlich genau zu bestimmen, wann dieses Treffen stattfinden musste. Und dann ließ sich auch der Zeitpunkt ihres Handelns näher bestimmen.

*

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ADAM ROWES FLUCHTE wie ein Fuhrknecht. Er hatte verzweifelt und vergeblich mit den Armen gerudert, die Leute auf der SWEET LADY auf sich aufmerksam zu machen versucht. Niemand hatte ihn gesehen.

Der Reeder ballte die Fäuste. Er wandte sich wütend ab. Einige Sekunden lang spielte er mit dem Gedanken, sich rasch ein kleines Segelboot zu besorgen und die SWEET LADY einzuholen zu versuchen.

Der Briefumschlag, den der Reeder Kapitän Snow hatte überreichen wollen, knisterte in der Rocktasche von Rowes. Der Schiffseigner nahm den Brief heraus und zerriss ihn in winzig kleine Fetzen, die er über die Kaimauer ins Wasser fallen ließ.

In letzter Minute vor dem Auslaufen, so hatte Rowes geplant, sollte der junge Kapitän der SWEET LADY noch eine neue Order erhalten. Und zwar ging es darum, dass Snow nicht den geplanten Kurs nahm, auf dem er mit dem mexikanischen Schiff zusammentreffen würde, sondern er sollte sich weiter südlich halten.

Der Zweck dieses Unternehmens war darin zu sehen, dass die SWEET LADY für den Fall, sie war noch nicht gesunken, die Mexikaner verfehlte.

Adam Rowes hatte guten Grund gehabt, diese Order zu geben. Denn die Männer, die bei ihm gewesen waren und mit ihm dieses Geschäft vereinbart hatten, waren zu allem entschlossene Nationalisten, die keine Skrupel kannten, wenn es um die Zukunft ihres Landes ging.

Der Reeder musste befürchten, dass diese Leute, die sich in England nahezu gänzlich unauffällig bewegten, eines Tages einen Anschlag auf ihn vollbringen würden. Und davor hatte er mächtig Angst.

Die vier Kisten, die ausgetauscht worden waren, mussten sich bereits in einem seiner Lagerschuppen nur ein paar hundert Meter weiter befinden. Rowes hatte den Leuten die Anweisung gegeben, dort zu warten, bis er eintreffen würde.

Die SWEET LADY war ausgelaufen. Es gab keine Chance mehr, sie noch einzuholen. Nun konnte er nur darauf vertrauen, dass der Mann, der die Bark dem Untergang geweiht hatte, recht behielt mit seiner Prognose. Dann, und nur dann würde sein Plan gelingen. Und schon in einigen Monaten würde Adam Rowes seine Reederei um einige Segler vergrößern können. Er würde unter dem neuen Geldsegen wie Phönix aus der Asche aufsteigen und alle die Lügen strafen, die sich die Mäuler über seine wirtschaftliche Lage zerrissen hatten.

Dieser Triumph würde eine der Sternstunden seines Lebens werden. Rowes freute sich schon auf diesen Zeitpunkt. Er hatte sich viel vorgenommen. Sie sollten ihn kennenlernen. Sie, diese arroganten Burschen, die sich für etwas Besseres hielten, die ihn mit Verachtung übergingen, weil er nicht einer von den ihren war, sondern sich von den untersten Anfängen an hochgearbeitet hatte.

Langsam, nachdenklich setzte der Reeder seine Schritte. Er achtete nicht auf die Umgebung, auf die Seeleute, die geschäftig vorübereilten, auf die Fuhrwerke, die Lasten abtransportierten. Wie ein Schlafwandler bewegte sich Adam Rowes. Und ihm fielen auch nicht die beiden Männer auf, die sich von der Wand des Hafenmeistergebäudes abgestoßen hatten, als sich Rowes in Bewegung setzte. Sie folgten ihm in einiger Entfernung. Und dabei verhielten sie sich so unauffällig, dass niemand Verdacht schöpfen konnte.

An den Gesichtern dieser Männer ließ sich erkennen, dass sie sehr ernst waren und eine ganz bestimmte Absicht verfolgten.

Rowes erreichte den Lagerschuppen. Er blieb stehen. Und nun sah er sich zum ersten mal um. Als er den Eindruck hatte, dass niemand ihm gefolgt war, öffnete er die Tür und trat in das Gebäude.

Halbdunkel war es in dem Lagerschuppen. Ein Fuhrwerk stand nur einige Meter vom Eingang entfernt. Die Pferde waren noch vorgespannt.

Als die Tiere das Ächzen und Knarren der Tür vernahmen, erschraken sie und schnaubten. Eine Stimme wurde im Dämmerlicht laut.

„Ruhe, ihr Biester! Bleibt ruhig! Haltet euch still, verdammt!“

Rowes blieb stehen.

„Ich bin es! Rowes!“

„Ach, Mr. Rowes. Wir warten schon eine ganze Weile hier! Da sind die Kisten!“

Der Mann, der dies sagte, löste sich aus dem Schatten und trat vor. Er wies mit dem Daumen über seine Schulter auf den Wagen. Dann streckte er Rowes die Hand hin.

„Zehn Pfund, wie wir ausgemacht haben, Mr. Rowes.“

Der Angesprochene holte die Brieftasche heraus und blätterte zehn Pfundnoten in die ausgestreckte Hand.

„Und jetzt verduftet! Das Fuhrwerk könnt ihr morgen abholen! Die Pferde nehmt mit!“

Zwei weitere Männer kamen herbei. Sie spannten die Pferde aus. Dann öffnete einer das Tor. Die Tiere wurden hinausgetrieben. Die Männer schlossen hinter sich ab. Bald waren ihre Tritte draußen nicht mehr zu hören.

Rowes’ Herz schlug schneller. Die Nähe einer Kiste voll Gold übte eine solche Anziehung aus, dass er Beklemmung in der Brust spürte. Er glaubte, nicht mehr richtig atmen zu können.

Suchend sah sich der Mann um. Er entdeckte ein Brecheisen, das neben dem Eingang an der Schuppenwand lehnte. Hastig eilte er hinüber und nahm das schwere Werkzeug an sich. Dann erklomm er den Wagen und machte sich an einer der Kisten zu schaffen.

Wie besessen arbeitete Adam Rowes. Er stieß das Hebeisen in die Spalten und riss das Holz auf. Schweißtreibend war diese Arbeit. Aber die unselige Gier nach Reichtum hätte einen Mann wie Rowes auch dazu bewegen können, ein ganzes Gebirge umzugraben. Er war einer jener Männer, die sich zugrunde richten, wenn sie für einige Monate in Geld schwimmen können. Er hätte für Geld alles verkauft. Sogar seine Seele.

Der Reeder verursachte erheblichen Lärm, als er die Kiste aufbrach. Das Verpackungsmaterial schleuderte Rowes achtlos vom Wagen auf den festgestampften Lehmboden. Er bemerkte nicht, dass die Tür des Schuppens geöffnet wurde und zwei Männer hereinschlichen, die sich sofort an die Wand drückten und abwartend stehenblieben.

Allmählich hatte er die Verpackung so weit entfernt, dass der Inhalt der mannshohen Kiste zu erkennen war.

Enttäuschung malte sich auf dem Gesicht des Mannes. Er sah Schlacke. Nichts als wertlose Eisenschlacke.

Wütend schleuderte Rowes das Hebeisen von sich.

„Verfluchter Mist! Verdammt, in welcher Kiste steckt es denn?“

In diesem Augenblick klang die Stimme eines der beiden Männer auf, die den Schuppen unbemerkt betreten hatten.

„Tja, das haben wir uns auch gefragt, Rowes. Wo ist es denn? In welcher Kiste mag es stecken?“

Der Reeder zuckte zusammen wie vom Schlag getroffen. Er fuhr hoch, wirbelte auf dem Absatz herum und starrte erschrocken auf den Mann, der nun langsam auf den Wagen zuging.

„He, ich... was wollen Sie hier?“ Der Unbekannte gab Rowes keine Antwort. Statt dessen stellte er eine Gegenfrage.

„Was suchen Sie denn, Mr. Rowes? So eifrig hat man Sie noch nie erlebt. Es wird doch nicht etwa unser Gold sein, das Sie zu finden hoffen?“ Obwohl er diese Männer noch nie in seinem Leben gesehen hatte, wusste Rowes nun, dass sie zu den Mexikanern gehörten, die von England aus ihre Revolution vorbereiteten. Und er fürchtete sich maßlos.

„Ihr... Gold?“, stieß er heiser heraus. „Aber ich... nein, ich suche nicht nach Ihrem Gold! Das ist auf der SWEET LADY. Und dort ist es gut aufgehoben, bis es von Ihrem Schiff übernommen wird.“

Die Männer sahen sich an. Rowes war kein guter Lügner. Er hatte viel zu schnell und zu laut gesprochen. So schnell und so laut, dass es einfach auffallen musste.

„Auf der SWEET LADY, sagen Sie? Wir wollen es hoffen, Mr. Rowes. Denn wir würden es ausgesprochen scheußlich finden, wenn wir Sie... wenn, nun, Sie können sich wohl denken, was ich sagen will, nicht wahr?“

Der Sprecher vollführte bei seinen letzten Worten eine sehr bezeichnende Handbewegung, die andeuten sollte, dass für Rowes das Leben auf dem Spiel stehen würde, wenn er nicht so verfuhr, wie die Männer dies von ihm erwarteten.

Rowes brach der Schweiß aus allen Poren. Seine Gedanken jagten sich. Wieder sah er vor sich diese dunklen Schleier, die er an diesem Tag schon einmal vor sich gesehen hatte. Krampfhaft versuchte er, seine Gedanken zu sammeln. Er hatte nur eine einzige Chance. Er musste diese beiden Burschen irgendwie loswerden. Wenn sie auf den Gedanken kommen sollten, die anderen Kisten zu öffnen, und sie würden das Gold finden, dann war es um ihn geschehen.

„Hören Sie! Ich würde mich hüten, ein falsches Spiel zu treiben. Wir haben eine Vereinbarung, und ich halte mich daran.“

„Das haben wir auch angenommen. Aber Sie haben uns immer noch nicht gesagt, was Sie suchen, Mr. Rowes.“

Leicht vorwurfsvoll und doch nachsichtig hörte sich die sanfte Stimme des Fremden an.

„Was ich suche? Nun, ich... ja, ich suche nach Maschinenteilen, die versehentlich verladen worden sind. Ich hatte keine Zeit mehr, die Kisten zu untersuchen, bevor die SWEET LADY abgelegt hat. Und weil ich ganz sicher sein will, dass der Wunsch des Kunden erfüllt wird, suche ich jetzt selbst.“

Die Männer lachten leise.

„Sie sind ein merkwürdiger Mann, Mr. Rowes“, begann der Sprecher wieder. Er war einen halben Kopf größer als sein Begleiter. Und er hatte eine grobschlächtige Figur. Seine zerschlagene Nase wies etliche Kerben auf. „Sie sind wirklich merkwürdig. Sie haben einige Leute, die für Sie arbeiten. Und dann fangen Sie selbst an, die schmutzigen Arbeiten zu erledigen. Das verstehen wir nicht. Sie brauchen doch nur Ihren Leuten zu sagen, dass sie die Kisten kontrollieren. Dann wird das durchgeführt, ohne dass Sie selbst einen Finger krumm machen müssen.“

Rowes rang sich zu einem verzerrten Lächeln durch. Er winkte ab.

„Ach, was soll ich mich da lange herumärgern? Die Leute, die man heutzutage bekommt, sind meistens unzuverlässig, und keinem kann man wirklich vertrauen. Sie stehlen wie die Elstern...“

„Nicht nur Ihre Leute“, unterbrach ihn der Grobschlächtige. Und seine Worte hörten sich drohend an.

„Wie meinen Sie das?“

Ohne sich um die Frage des Reeders zu kümmern, kletterte der Große auf den Wagen.

„Wir schlagen Ihnen jetzt etwas vor, Mr. Rowes. Und Sie sind gut beraten, wenn Sie unser großzügiges Angebot annehmen. Wir erleichtern Ihnen die Arbeit. Einverstanden?“

Rowes wollte widersprechen. Aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Jetzt war also jener Augenblick gekommen, vor dem er sich immer gefürchtet hatte. Der Augenblick, in dem alles auffliegen sollte, was er so schlau eingefädelt hatte.

Zitternd wich der Reeder zurück. Er lehnte sich an die Kisten.

Der Grobschlächtige gab seinem Begleiter einen Wink. Der Mann sprang elegant federnd auf den Wagen. Er hatte plötzlich ein Hebeisen in der Hand und begann unmittelbar, nachdem er sich aufgerichtet hatte, die Verkleidung der vier Kisten aufzustemmen.

Wieder splitterte Holz, flogen Bretter zu Boden, war enormer Lärm zu vernehmen.

Rowes glaubte, mit jedem Brett, das auf die Erde geschleudert wurde, um ein kleines Stück ausgezogen zu werden. Und er konnte sich nicht einmal mehr bewegen, so sehr hatte ihn der höllische Schreck gepackt.

Schweiß stand in großen Perlen auf der Stirn des Mannes. Und er rann ihm über die Schläfen, sickerte ins Hemd.

Der größere der beiden Fremden hielt den Reeder in Schach. Nicht, indem er ihn irgendwie bedroht hätte, sondern nur dadurch, dass er ihn nicht aus den Augen ließ.

Rowes fühlte sich unter den Blicken dieses Mannes so unwohl wie selten zuvor in einer Situation seines Lebens. Er war fest davon überzeugt, dass diese beiden Burschen nicht lange fackeln würden, wenn sie das Gold entdeckt hatten. Denn dann konnte er sich mit keiner noch so guten Lüge aus der Affäre ziehen. Denn das Auffinden der Truhe war der unumstößliche Beweis, dass er die Mexikaner hatte betrügen wollen.

Die zweite Kiste enthielt ebenfalls Schlacke. Sonst nichts.

Misstrauisch starrte der Grobschlächtige Rowes an.

„Schlacke“, sagte er trocken. „Das ist alles wertlose Schlacke. Wieso waren diese Kisten auf dem Schiff?“

Rowes konzentrierte sein ganzes Geistesvermögen darauf, eine plausible Erklärung zu finden. Zunächst wollten ihm die Worte nicht über die Lippen kommen. Doch dann kam ihm die rettende Idee.

„Ballast“, antwortete er. „Das Zeug ist als Ballast auf der SWEET LADY gewesen. Da haben mir diese Idioten die falschen Kisten an Land gebracht.“

„Ballast also? Zwei Kisten Ballast?“

„Vier Kisten.“

„Wir haben erst zwei geöffnet.“

„Aber... die Nummern. Die Kisten gehören doch zusammen. Und sie müssen alle den gleichen Inhalt haben. Ich könnte...“

„Seien Sie still, Rowes! Wir glauben Ihnen kein Wort!“

Der Reeder zuckte zusammen. Er wich furchtsam einige Schritte zurück, als der Grobschlächtige auf ihn zuging.

Und dann begannen die aufregendsten Minuten im Leben von Adam Rowes. Minuten, in denen er glaubte, seine Nerven würden zerfetzt. Er wagte nicht, sich zu bewegen, obwohl der Wunsch übermächtig in ihm tobte, die Flucht zu ergreifen, davonzurennen, solange noch Zeit dazu war.

Die Männer sahen ihm die Angst und die Aufregung an. Er konnte sie nicht genug verschleiern.

Schließlich war auch die vierte der Kisten geöffnet. Und auch ihr Inhalt bestand aus wertloser Schlacke.

Diese Feststellung war für die Mexikaner eine mächtige Überraschung. Sie fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Und für Rowes, der mit weit aufgerissenen Augen auf die Schlacke starrte, war diese Entdeckung zum einen wie eine neue Geburt und zum anderen wie der letzte Schlag, der ihn endgültig vernichten würde.

Die Mexikaner hatten zwar nichts gefunden und würden ihm daher nichts antun können. Aber dass diese vier Kisten Schlacke enthielten, hieß, die Kiste, in der sich die Truhe mit dem Gold befand, musste noch an Bord der SWEET LADY sein. Und sie würde mit dem Schiff, mit der ganzen Mannschaft auf den Meeresgrund fahren.

Rowes wurde schwindlig, wenn er daran dachte, dass ein solcher Haufen Geld für die nächsten tausend, vielleicht zehntausend Jahre auf dem Meeresgrund liegen sollte. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

Die Mexikaner wirkten erleichtert und zugleich beschämt. Der Grobschlächtige zuckte entschuldigend die Schultern.

„Ich glaube, wir müssen uns entschuldigen, Mr. Rowes“, sagte er. Und seine Stimme hörte sich unterwürfig an wie die eines Sklaven.

Rowes wollte etwas darauf erwidern. Aber seiner Kehle entrang sich nur ein unverständliches Krächzen. Erst beim zweiten Versuch brachte er deutlich hörbare Worte über die Lippen.

„Nicht der Rede wert. Ich habe gleich gesagt, dass ich mich an die Vereinbarungen halte. Man misstraut mir sehr von Ihrer Seite. Das macht mich nicht gerade glücklich, muss ich gestehen. Es gehört zu jedem Geschäft gegenseitiges Vertrauen.“

„Sie dürfen das nicht so persönlich nehmen, Mr. Rowes. Wir tun nur unsere Pflicht. Es hat Hinweise gegeben, dass sich jemand das Gold, das für unsere Leute bestimmt ist, aneignen will. Und wir sind diesen Hinweisen nachgegangen. Wir sind aufrichtig froh, dass Sie zu Unrecht verdächtigt worden sind. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass sich unsere geschäftlichen Beziehungen noch wesentlich ausweiten werden. Sie können sicher sein, dass Sie sehr gut verdienen werden, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten.“

Rowes kehrte die Handflächen nach außen und brummte nichtssagend. Ihn interessierte diese Zusammenarbeit nicht mehr. Er hatte das Gold verloren. Es war ihm gleichsam durch die Hände geronnen. Und nun sollte er mit dem schwachen Trost vorliebnehmen, dass er eines Tages für seine risikoreiche Zusammenarbeit mit den mexikanischen Aufständischen fürstlich belohnt würde. Bis es soweit war, würde die Rowes Reederei nicht mehr existieren.

Die beiden Männer sprangen vom Wagen und gingen auf die Tür zu.

„He! Und diese Schweinerei, die ihr angerichtet habt? Was ist damit? Soll ich den Dreck vielleicht selbst wegräumen?“, rief Rowes den zweien nach.

Sie blieben stehen. „Sie haben eine Menge Leute, die für Sie arbeiten, Rowes. Eine Menge Leute. Und die werden das schon beseitigen.“

Wütend stampfte der Reeder mit dem Fuß auf. Er hätte sich selbst ohrfeigen mögen. Seiner Unvorsichtigkeit wegen. Und er hatte plötzlich eine Stimmung, die zum Heulen war. Alle Stationen seines Plans waren gespickt mit Haken und Ösen. Und nichts lief so, wie er es ausgeklügelt hatte. Brauchte nur noch die Prognose des Zimmermanns nicht zutreffen, dass die SWEET LADY beim ersten, rauen Wetter leckschlagen und sinken würde. Dann war er restlos vernichtet.

Rowes spfang vom Wagen und hastete zur Tür. Er spähte vorsichtig ins Freie, bevor er den Lagerschuppen verließ.

Die Mexikaner waren bereits im Menschengewühl verschwunden. Und niemand kümmerte sich um Rowes, der seine Kleidung säuberte und dann einer Droschke winkte.

Der betrügerische Rowes ließ sich zu seinem Büro bringen. Er konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass er tatenlos zusehen sollte, wie alle seine Chancen sich verflüchtigten. Das konnte kein Mensch aushalten.

Im Hafen lagen noch zwei seiner Schiffe. Die HMS REGINA und die NICE ANNABEL. Beides waren schon betagte Schiffe. Die REGINA beförderte seit einem Dutzend Jahren Fracht zwischen Irland und England. Und sie war zwar eines der sichersten, dafür aber auch eines der langsamsten Schiffe, die er in seiner Flotte hatte. Die NICE ANNABEL war noch ein paar Jahre älter, aber sie war noch gut in Schuss.

Eines dieser Schiffe musste sofort Anker lichten und der SWEET LADY folgen.

Es war sonnenklar, dass nur die NICE ANNABEL in Frage kam. Sie würde Rowes ziemlich rasch in die Nähe der SWEET LADY bringen. Mit einigem Glück würde noch etwas zu retten sein.

Der Reeder rief den Schreiber herbei.

„Wie weit sind die Leute auf der NICE ANNABEL?“

„Sie sind noch beim Löschen der Fracht.“

„Das Schiff muss heute noch auslaufen!“

„Aber Mr. Rowes, das ist unmöglich!“

„Das muss möglich sein. In vier Stunden läuft dieses Schiff aus, verstanden? Sie sind mir dafür verantwortlich!“

„Aber ich kann... Mr. Rowes, die Männer sind noch beim Löschen der Fracht. Sie haben bis jetzt vielleicht den halben Laderaum leer. Und wie wollen Sie um alles in der Welt so schnell neue Fracht an Bord bringen?“

„Sie fährt ohne Fracht. Was noch an Bord ist, soll als Ballast verwendet werden!“

Rowes sagte das in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Er stand auf und stieß den Schreiber zurück, der noch einen Einwand vorbringen wollte. Mit großen, energischen Schritten verließ er das Büro und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

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KAPITÄN SNOW FÜHLTE sich nicht gut, seit er von Narben-Ted erfahren hatte, was möglicherweise für ein Spiel mit ihm und der Mannschaft getrieben werden sollte. Zwar glaubte er nach wie vor nicht daran. Aber je länger er darüber nachdachte, um so mehr kam er zu der Überzeugung, dass wirklich zahlreiche Hinweise auf die Richtigkeit dessen hindeuteten, was Narben-Ted vermutete.

Snow lag in seiner Koje. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte gegen die Decke.

Das Rauschen des Wassers war zu hören. Das Knarren der Masten, das Flattern der Segel. Die Kommandos schollen über Deck, und die Tritte der Männer hallten durch das Schiff.

Die anfangs frische Brise hatte nachgelassen. Und die SWEET LADY machte weniger Fahrt als an den beiden vorhergehenden Tagen. Der Kanal war schon passiert, und die Bark durchpflügte schwerfällig den freien Atlantik auf Kurs Westsüdwest.

Die Unterhaltung mit Narben-Ted hatte dem jungen Kapitän aber auch noch etwas anderes gezeigt. Denn am Abend des gleichen Tages, als der Erste in der Kajüte des Käptns die Mahlzeit einnehmen sollte, war Narben-Ted nicht erschienen. Er hatte sich durch den Smutje entschuldigen lassen. Es war eine sehr vage Entschuldigung. Und sie sagte Snow, dass der Narbige die Gesellschaft seiner Gefährten der des Kapitäns vorzog.

Für den jungen Snow war dies in jeder Weise unerfreulich. Denn damit war er isoliert. Er hatte das Gefühl, die ganze Mannschaft würde auf einer anderen Seite stehen als er.

Seeleute sind ein ganz eigenes Völkchen. Sie verteilen ihre Sympathie nicht nach logischen und vernünftigen, Gesichtspunkten. Sondern ganz und gar nach der jeweiligen Laune. Meistens war diese Laune schon sehr belastet durch frühere Erfahrungen mit Vorgesetzten. Und damit war auch auf der SWEET LADY eine Art Entscheidung gefallen, die besagte, dass die Crew zwar die Befehle des Kapitäns ausführen, ihn selbst aber nicht anerkennen würde.

Dies war bitter für Snow, der sich vorgenommen hatte, sich nicht wie die alten, manchmal brutalen Schinder zu verhalten, die den Sinn des Kapitänspatentes wohl darin sahen, dass sie Leute quälen, demütigen und erniedrigen konnten. Viele Kapitäne jener Zeit forderten Leistungen von ihren Mannschaften, die niemals zu erreichen waren. Und wenn die Männer diese Leistungen nicht brachten, dann setzte es ein Donnerwetter. Auf dem einen Schiff gab es die neunschwänzige Katze. Auf dem anderen hatte der Kapitän eine sehr solide Handschrift. Und er ließ sie nur allzu bereitwillig jeden spüren, der nicht so parierte, wie er es erwartete.

Natürlich waren dies nicht die Regelfälle. Sondern die Ausnahmen. Viele Schiffskommandanten waren selbst von der untersten Sprosse ihres Berufs aufgestiegen und hatten die bitteren Erfahrungen gemacht, die keinem erspart blieben. Und sie hüteten sich, ins gleiche Fahrwasser zu geraten.

Snows Ideal war es, dass Mannschaft und Offiziere am gleichen Strang ziehen würden. Zwar würden sich immer wieder Schwierigkeiten einstellen, weil es keine Crew ohne Querulanten gab. Aber wenn alle sich ein wenig anstrengten, konnte das auch gelingen.

Der Optimismus des Kapitäns wurde schon im Keim erstickt, als er sich mit Narben-Ted unterhalten hatte. In dem Moment, als er sich geweigert hatte, anzuerkennen, dass die Zweifel Teds berechtigt sein könnten, da hatte er die abwehrende, zurückweisende Haltung des Mannes gefühlt.

Als an die Kajütentür geklopft wurde, schrak Snow aus seinen Gedanken. Er kroch aus der Koje und bat den Anklopfenden herein.

Der blondschopfige Moses trat in die Kajüte. Er hatte seine Mütze in beiden Händen und drehte sie.

„Sie sollen an Deck kommen, Sir! Der Erste erwartet Sie!"

Dieser Ton, der schon einem Kommando, einem Befehl glich, war ganz und gar ungewöhnlich.

Um zu klären, ob das nur der Ungeschicklichkeit in der Ausdrucksweise des Moses zuzuschreiben war oder ob Narben-Ted dies dem Jungen tatsächlich so aufgetragen hatte, fragte Snow: „Was soll ich? Wer hat dich geschickt?“

„Der Steuermann, Sir. Er hat gesagt, ich soll Sie an Deck bitten. Er wartet oben.“

Das klang bedeutend höflicher und erschien Snow angemessen. Sofort war er wieder besänftigt.

„Was gibt es denn?“

„Weiß ich nicht, Sir. Scheint aber recht dringend, zu sein. Er ist ganz aufgeregt.“

Snow konnte sich Narben-Ted nicht vorstellen, wenn jener aufgeregt war. Das musste bedeuten, dass etwas vorgefallen war.

„Ich komme sofort. Sag ihm das!“ Der Junge verschwand. Er eilte den Niedergang hinauf.

Snow zog seine Jacke an und setzte die Mütze auf. Dann eilte auch er an Deck.

Narben-Ted stand beim Rudergänger. Er unterhielt sich mit ihm und gestikulierte dabei sehr aufgeregt.

Snow trat zu den zweien.

„Was ist los, Steuermann? Sie haben den Moses nach mir geschickt?“

Narben-Ted nickte.

„Die Trimmung stimmt nicht, Sir. Wollte, dass Sie im Bilde sind. Es sieht so aus, wie wenn die Ladung verrutscht wäre und wenn wir ein Leck hätten. Wir müssen sofort nachsehen.“

Jetzt erst fiel Snow auf, dass die SWEET LADY eine leichte Backbordkrängung aufwies. Der Kapitän zog die Brauen hoch.

„Gut, Steuermann. Schicken Sie einige Männer in den Laderaum. Sie sollen sich genau umsehen. Oder gehen Sie besser gleich selbst mit. Ich möchte sofort einen Bericht!“

Narben-Ted hastete los. Er winkte Walross und Blueman zu, ihm zu folgen.

Hastig lösten die Männer die Persenning, die über den Lukendeckel gezogen war. Dann öffneten sie die Luke und stiegen in den Laderaum.

Blueman hatte zwei Laternen bei sich. Er stieg als letzter hinunter, nachdem er eine Laterne angesteckt hatte.

„Verstaut haben sie gut“, brummte Walross, als sie nebeneinander im Laderaum, direkt unter der Luke standen. „Ich hab’ mir alles angesehen. Aber vorgestern war nicht halb so viel Wasser im Schiff wie heute! He, da vorne ... verdammt! Sofort raus! Ein Leck! Die Lenzpumpen! Schnell! Macht doch schneller!“

Es kam sehr selten vor, dass der gutmütige Riese sich so nervös gebärdete. Gewöhnlich war er nicht aus der Ruhe zu bringen.

Blueman kletterte, so schnell er konnte, nach oben. Narben-Ted folgte ihm.

Schreie wurden laut an Deck. Schritte, hastige, trappelnde Schritte. Kommandos wurden gebrüllt.

Walross streckte den Kopf über das Lukensüll. Er sah schon zwei Mann mit einer Lenzpumpe heraneilen.

„Den Zimmermann! Himmel noch mal, was steht ihr da wie Ölgötzen? Der Zimmermann soll kommen! Aber fix!“

Ein jüngerer Mann rannte zum Achterschiff. Er redete auf den Kapitän ein, der mit fahlem Gesicht noch immer in der Nähe des Rudergängers stand und wie gebannt auf die Ladeluke starrte.

Endlich kam Bewegung in den Kapitän. Snow übernahm selbst das Ruder und schickte den Rudergänger zu Walross.

„Den Zimmermann will ich, Mensch! Wo steckt der Kerl?“

Der Angerufene blieb stehen. Keuchend brachte er über die Lippen: „Ich bin’s doch! Walross, du selbst hast mir gesagt, dass ich mitkommen soll, weil ich was von der Schiffszimmerei verstehe!“

Der Riese erinnerte sich wieder. „Los, dann besorge dir dein Werkzeug! Und ran an die Arbeit! Wir haben ein dickes Leck da unten! Und wenn du nicht sehr fix bist, mein Freund, dann kannst du in zwei Stunden den ganzen Atlantik aussaufen! Dieses verfluchte Gewicht zieht uns hinunter! So schnell schaust du nicht mal!“

Noch während er redete, hatte sich Walross wieder hinuntergelassen. Er stand bis zu den Knien im Wasser, das im Schiffsbauch schwappte. Irgendwo weiter hinten sprudelte es wie aus einer großen Quelle ins Schiff.

Der Zimmermann schrie was nach oben. Walross achtete nicht darauf. Er musste genau sehen, wie groß das Leck war.

Der schwere Mann stapfte, eine Laterne in der Linken, weiter hinein in den Laderaum. Er stützte sich an den Stauhölzern ab und erreichte, nachdem er sich durch einige enge Zwischenräume gezwängt hatte, jene Stelle, an der sich das Leck befand.

Ein armdicker Wasserstrahl quoll mit mächtigem Druck in den Schiffsbauch. Und das Leck schien sich ständig zu vergrößern.

Weiter vorn war das Geräusch der Lenzpumpen zu vernehmen. Das rasche Klicken der Ventile und das saugende Klatschen, wenn die Ansaugrohre heruntergelassen wurden.

Fünf Lenzpumpen würden kaum ausreichen, das durch das Leck eindringende Wasser über Bord zu pumpen. Nur das sofortige Eingreifen des Zimmermanns konnte die SWEET LADY vor dem plötzlichen Absaufen retten.

Walross tastete sich vorsichtig noch weiter vor. Er bückte sich, griff ins kalte Wasser und tastete die Wandung ab. Seine Finger stießen auf eine Bruchstelle mit auffallend gleichmäßigen Kanten. Und dann ertastete er geteertes Segeltuch.

Noch war an dieser Entdeckung nichts auffällig. Segeltuch und Teer wurden von jedem Schiffszimmermann verwendet, um kleine, harmlose Lecks abzudichten. Oftmals wurden auch größere Flächen nach Reparaturen mit diesem Material zusätzlich abgedichtet.

Doch als Walross seine Hand noch tiefer hineinschob in das Leck, da dämmerte ihm ganz allmählich, dass er eine riesige Schweinerei entdeckt hatte. Und das verschlug ihm fast den Atem. Heiß packte den Riesen die Wut. Sie würgte ihn, drückte ihm die Luft ab und wollte ihm die Brust zersprengen.

„Ihr verfluchten Teufel!“, knurrte er, richtete sich auf und stapfte hastig durch das Wasser auf die Luke zu.

Der Zimmermann kam ihm entgegen.

„Hast du was gefunden?“

„Da hinten!“ Walross wies mit der Rechten auf das Leck, das mittlerweile schon von hier aus zu erkennen war. „Mann, wenn du nicht verdammt schnell arbeitest, dann sind wir verratzt!“

„Ich brauch’ ein paar Leute!“

„Die kannst du haben. Ich schicke dir vier Mann herunter, klar?“

Der Zimmermann verschwand im Dunkel des Laderaums. Und Walross näherte sich wutschnaubend der Luke. Er kletterte nach oben und blinzelte mit geröteten Augen, als die Sonne ihn blendete.

Snow stand breitbeinig neben der Luke. Er sah Walross erwartungsvoll an.

„Und?“, fragte er knapp.

„Ich muss mit Ihnen reden, Sir! Sofort!“

So sehr sich Walross auch bemühte, seinen Ton halbwegs umgänglich klingen zu lassen, so wenig wollte ihm das gelingen. Seine Aufforderung war sehr ruppig.

Aber Snow war viel zu aufgeregt, als dass er jetzt auf solche Kleinigkeiten geachtet hätte. Er machte kehrt und ging ein Stück abseits.

„Was ist, Walross? Was wollen Sie mir sagen?“

Der Riese tat sich sehr schwer, einen zusammenhängenden Satz zu sagen. Er ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen und wäre wohl in der Lage gewesen, jetzt einem den Hals umzudrehen.

„Wissen Sie, was für ein Kommando Sie haben, Snow? Ist Ihnen das klar?“

Walross sparte sich sämtliche Formalitäten. Er redete den Vorgesetzten nicht einmal an, wie es üblich war.

„Ich muss schon bitten, Walross!

Wenn Sie mit mir sprechen, dann...“

„Ach, quatschen Sie nicht! Hören Sie zu! Wir sind einem Seelenverkäufer aufgesessen! Das Leck da unten verdanken wir keinem Zufall, Snow! Da war eine verdammte Wildsau am Werk! Dieser dreckige Lump hat das Leck mit einer Säge angebracht und die Öffnung mit Segeltuch und Teer abgedichtet Klar, dass dies bei unserem Gewicht nicht lange halten konnte. Ich würde diesem Kerl jeden Knochen einzeln brechen, wenn ich ihn in die Finger kriege!“

Snow konnte nicht glauben, was er gehört hatte. Er zweifelte daran, dass er seinen Ohren noch trauen konnte.

„Seelenverkäufer? Wissen Sie, was Sie da sagen?“

„Und ob ich das weiß, Snow! Ich weiß es verflucht besser als alles andere, was ich bis jetzt in meinem ganzen Leben gesagt habe! Wir befinden uns auf einem Seelenverkäufer! Und jetzt würde ich sogar meinen Kopf verwetten, dass die ganze Ladung aus Dreck besteht! Aus wertlosem Dreck!“

Walross hatte lauter gesprochen, als er ursprünglich beabsichtigte. Und so konnte es nicht ausbleiben, dass auch andere von der Mannschaft einige Worte verstanden. Vor allem, als Walross „Seelenverkäufer“ sagte.

Unruhiges Gemurmel machte sich unter den Männern breit. Und dann fluchte einer.

Der Steuermann kam herbei. Ihm folgte Blueman, der die Augen leicht zugekniffen hatte.

„He, du bist aufgeregt wie eine junge Mutter vor dem ersten Baby. So schlimm ist das Leck nicht. Wir kriegen es wieder hin!“

Beruhigend wollte Narben-Ted dem Riesen die Hand auf die Schulter legen. Aber Walross schüttelte sie ab.

„Lass das! Wir fahren auf einem Seelenverkäufer! Dieses elende Schwein, das uns so was eingebrockt hat, erwürge ich, falls ich jemals in meinem Leben dazu noch Gelegenheit haben werde!“

Blueman sah einen Moment lang furchtbar erschrocken aus. Doch dann fing er sich, lächelte spöttisch und spie aus.

„Seelenverkäufer“, sagte er betont langsam. „Mann, wenn das stimmt, dann leuchtet mir eine Laterne auf. Ich könnt’ mir einiges erklären. Ja, eine ganze Menge könnt’ ich mir sogar erklären. Aber soll’s der Teufel holen! Ein Leck kann uns noch lange nicht hinunterreißen.“

„Wenn es nur eines ist“, fügte jetzt Narben-Ted düster hinzu, der von dem Bericht des Riesen auch ziemlich mitgenommen worden war.

Snow erschrak und wurde noch fahler, als er ohnehin schon war.

„Sie meinen...?“

Narben-Ted senkte zustimmend den Kopf. „Natürlich meine ich, Käptn! Das ist ja auch nur ganz logisch. Wenn man uns schon hinunterschicken will, dann wird sich keiner mit einem einzigen Leck begnügen. Dann braucht es schon einige mehr. Wir sollen rasch absaufen, klar!“

Der Steuermann sagte das eiskalt, als hätte er sich in dieser winzigen Zeitspanne schon damit abgefunden, dass er und seine Gefährten zum Tod verurteilt waren.

Snow brachte kein Wort mehr über die Lippen. Panik drohte ihn zu erfassen und ihn so handeln zu lassen, wie er als Kapitän dieses Schiffes niemals handeln durfte. Mit aller Macht kämpfte er die Angst nieder, die wie eine kalte Hand nach seinem Herz griff.

„Was können wir tun?“

„Nichts“, brummte Walross eintönig.

„Pumpen und warten, dass der Zimmermann was zustandebringt“, sagte Blueman. Seine Lippen hatten  sich blau gefärbt.

„Sind noch Pumpen an Bord, die wir einsetzen können?“

Narben-Ted schüttelte den Kopf. „Drei Pumpen sind im Einsatz. Und wenn die nicht ausreichen, dann können wir nur noch schnell in die Boote gehen.“

„Wenn wir das überhaupt noch schaffen! Ich hab’s einmal erlebt, wie verflucht schnell das bei einer solchen Fracht geht.“

Walross schüttelte sich. Ihm leuchtete das Grausen aus den Augen, das ihn bei dieser Erinnerung wieder überkam.

„Aber am wenigsten können wir tun, wenn wir wie die Idioten herumstehen und nur fragen, was wir tun können!“

Blueman hieb mit der zur Faust geballten Rechten in die offene Linke. Dann hastete er zur Ladeluke. Er kletterte hinunter. Ihn trieb es, mitzuhelfen, etwas für ihre Rettung zu tun.

Snow hatte die Nachricht noch nicht überwunden. Er stand schwankend da und starrte ins Leere. In seinen Ohren hallten die Worte von Walross und den anderen. Er. konnte sich eine solche Ungeheuerlichkeit nicht vorstellen. Es wollte ihm nicht in den Kopf, dass jemand fähig sein sollte, eine ganze Mannschaft auf den Grund des Meeres zu schicken. Aus welchen Gründen auch immer.

Jetzt musste Snow auch wieder an die erste Unterhaltung mit Narben-Ted denken. Die Einzelheiten gingen ihm durch den Sinn. Und nun entdeckte er wieder einige Punkte, die für die Annahme von Narben-Ted sprachen. Nur hatte die Annahme des Steuermanns einen ganz entscheidenden Fehler besessen. Denn es ging hier bestimmt nicht um Gold, das sich angeblich auf dem Schiff befand, sondern um einen Versicherungsbetrug, den Rowes sehr geschickt eingefädelt hatte.

Das Gesicht von Rowes stand vor Snows Augen. Ein Gesicht, das so falsch nicht war, wie der Mann sein sollte. Nein, Adam Rowes verkörperte in den Augen von Allan Snow nach wie vor die Figur eines soliden Ehrenmannes, der nicht einmal im Traum an eine derartige Schweinerei denken konnte.

Aber kein Mensch ist in der Lage, einem anderen hinter die Stirn zu blicken. Welche Gedanken sich hinter Rowes’ Stirn verbargen, konnte vielleicht Rowes selbst nicht sagen.

*

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DIE BACKBORDKRÄNGUNG der SWEET LADY wurde immer besorgniserregender. Die Männer an den Pumpen arbeiteten bis zum Umkippen. Sie boten alle Kräfte auf. Und doch schienen ihre Bemühungen nicht die geringsten Früchte zu tragen.

Wie lange würde die SWEET LADY noch durchhalten können? Wenn noch mehr Wasser eindrang, musste sie spätestens in einer Stunde eine so schwere Schlagseite haben, dass sie kenterte.

Snow hastete zur Luke. Er wollte mit eingreifen. Da fiel eine der Lenzpumpen aus. Das Ventil war defekt.

Der Kapitän knirschte mit den Zähnen. Er konnte nichts tun. Gar nichts. Und das war schrecklich.

NarbenTed kam herbeigerannt. Er hatte einen Schraubenschlüssel bei sich und ein Ersatzventil. Offenbar hatte er schon damit gerechnet, dass eine Pumpe unbrauchbar würde.

Hastig machte sich der Erste an die Arbeit.

Snow umklammerte die Reling. Seine Knöchel schimmerten weiß durch die Haut. Er nahm alles wie einen Traum wahr. Es schien so unwirklich, was sich vor seinen Augen abspielte.

Und dennoch war es raue Wirklichkeit. Eine furchtbare Wirklichkeit, die das Herz stillstehen ließ, wenn man sie bis zu Ende dachte.

Mit flinken, geschickten Händen arbeitete Narben-Ted. Er schaffte es, die Pumpe in Rekordzeit wieder in Ordnung zu bringen.

Aufatmend hörte Snow, wie wieder das gewohnte Pumpgeräusch ertönte, als die Männer die Arbeit wieder aufnahmen.

In diesem Moment war der Kapitän dem Steuermann so dankbar, als hätte Narben-Ted ihm das Leben gerettet. Er musste diesen flinken Burschen bewundern. Mit welcher Sicherheit, wie überlegt und kalt dieser Mann an alle Probleme heranging, war überwältigend.

Konnte es sein, dass er Narben-Ted erst jetzt mit den richtigen Augen sah? War es möglich, dass dieser Mann in Wirklichkeit ganz anders war, als er bisher vermutet hatte?

Allan Snow, von Angst gepeinigt, von Panik gequält, war so unsicher wie niemals vorher in seinem Leben. Er wusste überhaupt nichts mehr. Nicht einmal, was er tun sollte. Er stand da wie ein Fremder, der mit dem Schiff nichts zu tun hatte. Wie einer, der noch nie vorher einen Fuß auf die Planken eines Seglers gesetzt hatte.

„Käptn!“

Allan Snow zuckte zusammen. Blueman stand vor ihm.

„Was... was ist?“

„Das Leck ist dicht, Sir! Der Zimmermann hat es abgedichtet! Wenn wir jetzt noch eine Weile kräftig pumpen, dann ist wieder alles in Ordnung.“

Snow traf diese Mitteilung fast ebenso hart wie die, dass die SWEET LADY leckgeschlagen war. Nur bewirkte die erfreuliche Botschaft natürlich eine ganz andere Reaktion.

„Er hat... er hat es geschafft? Wirklich? Das Leck ist dicht?“

Blueman strahlte übers ganze Gesicht.

„Ja, es ist dicht, Käptn! Wir bekommen kein neues Wasser ins Schiff! Eine prima Leistung vom Zimmermann! Ein fixer Bursche. Wenn er nicht so schnell gearbeitet hätte...“

Snow ließ Blueman stehen. Er hastete hinüber zu Narben-Ted, der ein Stück entfernt stand.

„Das Leck ist dicht, Ted! Die Jungs haben es geschafft! Mann, bin ich froh!“

Narben-Ted aber zeigte bei weitem kein so freudiges Gesicht, wie Snow das erwartet haben mochte. Ein erleichtertes Aufatmen war so ziemlich alles, was von ihm kam.

„Sie freuen sich gar nicht?“

„Noch nicht, Sir. Ich hab’ noch mal darüber nachgedacht. Und... ich sag’s Ihnen lieber nicht, Käptn.“

Der Steuermann wandte sich ab. Betroffen stand Snow da. Dann setzte er Ted nach.

„He, Sie wissen genau, dass ich diese Geheimniskrämerei nicht mag, Ted! Sagen Sie schon, was Sie denken!“

„Moment, Käptn! Da kommt der Zimmermann.“

Narben-Ted deutete auf die Luke, der eben der Schiffszimmermann entstieg. Er wirkte erschöpft Langsam kam er zum Kapitän.

„Das Leck ist dicht, Sir. Es kommt kein neues Wasser mehr ins Schiff.“

„Hab’ schon davon gehört. Gute Arbeit. Und wie sieht es sonst aus da unten?“

Der Gefragte zuckte die Schultern. „Kann ich noch nicht sagen, Sir. Ich muss erst warten, bis das Wasser ausgepumpt ist. Dann werd’ ich das Schiff mal gründlich inspizieren.“ Snow nickte. Er blickte Ted an. „Nun?“

„Ich kann Ihnen sagen, was er vor finden wird, Sir. Noch mehr Löcher, die ein Lumpenhund hineingesägt oder gebohrt hat.“

Allan Snow wurde wieder bleich. „Wie können Sie so sicher sein, Ted?“

„Wie können Sie sich noch immer dagegen wehren zu glauben, dass man uns einen verdammt üblen Streich gespielt hat?“

„Streich? Das ist kein Streich. Das ist ein glatter Versuch, uns alle umzubringen.“

„Stimmt genau. Schön, dass Sie es richtig sehen, Sir. Mr. Rowes geht es anscheinend wirklich so schlecht, wie man erzählt. Er will sich mit der Versicherungssumme gesund machen. Das ist das Geheimnis.“

„Das ist nicht bewiesen.“ Narben-Ted schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

„Verbohrt und vernagelt. Sie stehen vor vollendeten Tatsachen, Käptn! Und trotzdem weigern Sie sich, sie zu sehen! Wenn ich sage, das Gras ist grün, weil es einfach grün ist, dann sagen Sie, es ist rot.“

„Unsinn. Seien Sie still, Ted!“

„Ich hab’ gedacht, Sie sind ein vernünftiger Mensch. Und wenn man mit Ihnen richtig reden könnte, dann hätt’ ich das schon getan. Aber ich hab’ mich geirrt. Tut mir leid, Käptn. Meinetwegen halten Sie Rowes für einen Heiligen. Stellen Sie eine Kerze vor sein Gemälde und beten Sie zu ihm! Vielleicht beruhigt Sie das. Ich würde ihn lieber ankotzen!“

Ted wandte sich um. Er hatte nicht die Absicht, auf den Kapitän einzureden wie auf ein krankes Pferd. Wenn Snow nicht begreifen wollte, was so offensichtlich war, konnte keiner ihm helfen. Sollte er weiterhin bei seiner verbohrten Ansicht bleiben. Er, Narben-Ted, wusste es besser.

Ja, er wusste inzwischen schon wieder einiges mehr. Zum Beispiel, dass Rowes sich verrechnet hatte. Jetzt endlich durchschaute er den hinterhältigen, gemeinen Plan dieses Mannes fast völlig: Blieb nur noch eines zu tun. Und das würde er unverzüglich angehen.

*

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BLUEMAN UND WALROSS standen bei den Pumpen. Nun zeigte sich nach und nach eine leichte Veränderung. Die SWEET LADY krängte nicht mehr so heftig backbords. Und die Männer fassten wieder Mut.

Narben-Ted gab seinen Freunden ein Zeichen, ihm zu folgen. Zu dritt stiegen sie in den Laderaum.

„Suchst du nach anderen undichten Stellen?“, fragte Walross mürrisch, als er wieder im Wasser stand.

Narben-Ted antwortete nicht. Er zog ein Hebeisen heraus und ging auf die vier Kisten zu, die im Hafen hätten ausgetauscht werden sollen.

Blueman kapierte zuerst.

„Du willst es ganz genau wissen, wie?“

„Haarscharf erraten, Blueman. Ich werd’ jetzt diese lumpige Kiste aufstemmen. Und wenn mich der Käptn anschließend in Ketten werfen sollte. Jetzt will ich es wissen.“

Walross schnaubte und half Narben-Ted nach Leibeskräften, das Holz zu sprengen und sich an den Inhalt der Kiste heranzuarbeiten.

Sie hatten binnen weniger Minuten die Kiste geöffnet.

Blueman konnte einen erstickten Schrei nicht zurückhalten, als er den Inhalt erblickte.

„Maschinen“, sagte er sarkastisch. „Das sollen also Maschinen sein, die nach Rio gebracht werden müssen. Wisst ihr, was für eine Fracht das ist? Nichts anderes als Gewicht, das uns da unten auf dem Grund des Meeres halten soll! Verfluchtes Schwein! Dieser Rowes wird keine frohe Minute mehr haben in seinem Leben, wenn wir heil aus dieser Schweinerei herauskommen!“

Walross nickte pausenlos.

„Die anderen drei Kisten reißen wir auch noch auf“, sagte er auf einmal heiser. „Wenn das Gold nicht da ist, Blueman, dann kannst du was erleben!“

Der Angesprochene schnappte nach Luft.

„He, du kannst doch mich nicht dafür... du kannst mich jetzt doch nicht zum Sündenbock machen. Ich hab’ nicht riechen können, was diese lumpigen Verbrecher vorhaben. Ich hab’ wirklich gedacht, der alte Ben hätte mir die Wahrheit gesagt.“

„Ist mir scheißegal! Wenn’s nicht stimmt, dann schlag’ ich dich grün und blau!“

Mit verbissenem Eifer machten die Männer sich an den restlichen Kisten zu schaffen. Bei der zweiten förderten sie wieder wertlose Eisenschlacke zutage. Bei der dritten aber fanden sie endlich, was sie schon nicht mehr erwartet hatten. Es war eine eisenbeschlagene Truhe, die mit einem massiven Vorhängeschloss versehen war.

„Gold! Da ist das Gold!“

Blueman dämpfte seine Stimme erst, als ihm Walross den Ellbogen in die Seite rammte.

„He, da ist es! Das Gold! Verdammt, dass wenigstens das vorhanden ist, kann einem schon neue Freude geben.“

„Narr! Was willst du mit dem ganzen Gold, wenn wir absaufen?“ Walross redete langsam. Er konnte den Optimismus des anderen nicht teilen, seit er erkannt hatte, dass sie sich auf einem Seelenverkäufer befanden.

Narben-Ted schwieg noch. Er kaute auf der Unterlippe. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er nachdachte.

„He, jetzt gehen wir aufs Ganze, Freunde! Wir nehmen diese Truhe und bringen sie in die Kajüte.“

Walross und Blueman standen da wie vor den Kopf geschlagen. Sie sahen Narben-Ted an wie einen armen Geisteskranken, der nicht weiß, was er sagt.

„Der hat sie nicht mehr alle. Drehst du durch, Ted? Hat’s dich jetzt erwischt?“

Der Steuermann blieb ganz ruhig. Und es hörte sich sehr sachlich an, als er meinte: „Ihr kapiert nicht, was ich will. Aber ich hab’ euch doch von meiner Unterhaltung mit Snow erzählt. Er will nicht glauben, dass es so ist, wie ich ihm beibringen wollte. Wenn wir ihm das Gold jetzt vor die Nase halten, bleibt ihm nichts mehr übrig, als uns zu glauben.“

„Das kann uns doch egal sein. Wenn er es glaubt, dann ist es gut. Und er wird vielleicht mit uns am gleichen Strang ziehen. Wenn er es nicht fressen will, dann soll er sich’s schenken. Und wir werden trotzdem tun, was wir geplant haben. Notfalls werden wir ihn eben über Bord werfen müssen.“

„Blödsinn, Mensch. Das ist’s nicht wert. Wir werfen ihn nicht über Bord. Er wird nämlich mitmachen, wenn wir ihm die Kiste zeigen.“ Narben-Ted war überzeugt von dem, was er sagte. Und er war wohl auch fest entschlossen, seinen Einfall in die Tat umzusetzen.

Schließlich stimmten Blueman und Walross zu. Sie waren nicht begeistert, aber immerhin zeigten sie sich bereit, einem Versuch zuzustimmen. Die Argumente von Narben-Ted, der sich eigene Gedanken gemacht hatte, waren besser.

*

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ZU DRITT SCHLEPPTEN die Männer die schwere Kiste bis unter die Ladeluke. Blueman kletterte nach oben. Er bediente den Flaschenzug, an dem sie die Kiste hinaufhievten.

Einige Minuten später standen die drei vor der Kajütentür.

Walross klopfte.

Snow öffnete. Er blickte den Riesen fragend an. Der massige Oberkörper von Walross verdeckte die beiden hinter ihm stehenden Männer.

„Was wollen Sie?“

Walross ging einen Schritt beiseite.

„Da, Sir“, sagte er mit belegter Stimme. „Das haben wir im Laderaum gefunden.“

Stirnrunzelnd betrachtete Snow die Truhe.

„Was ist das? Was ist in dieser Truhe?“

„Gold“, sagte Narben-Ted. „Das Gold, von dem ich die ganze Zeit erzählt habe, Sir.“

Snow brachte vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

„Gold? Unsinn! Bringt die Kiste herein! Ich will sehen, was drin ist.“

Blueman und NarbenTed ächzten, als sie die schwere Last aufnahmen, um sie in die Kajüte zu bringen. Sie ließen die Truhe neben der Koje des Kapitäns nieder.

„Wir müssen die Schlösser sprengen, Kapitän“, brummte Narben-Ted.

„Gut, sprengen wir sie“, stimmte Snow zu. Er konnte noch immer nicht so recht daran glauben, dass plötzlich Wirklichkeit sein sollte, was er bislang für reine Phantasterei gehalten hatte.

Walross zog das Hebeisen heraus. Er setzte es an. Seine Schläfenadern schwollen. Sein Gesicht rötete sich. Die Muskeln spannten sich.

Ein Ächzen, dann gab die Verankerung des Schlosses nach. Klirrend fiel sie ab.

Walross richtete sich auf. Er deutete auf die Truhe.

„Bitte, Sir. Öffnen Sie selbst!“

Snow zögerte noch. Er fürchtete anscheinend, dass sich herausstellen würde, dass der Steuermann recht hatte.

„Machen Sie schon, Sir! Keine Bange! Ich weiß, dass diese Truhe Gold enthält.“

Narben-Ted trug ein siegessicheres Lächeln zur Schau.

Snow griff beherzt zu. Er hob den Deckel, warf ihn zurück.

Goldmünzen! Zahllose Goldmünzen füllten die Truhe bis zum Rand. Sie glänzten so sehr, dass die Männer davon richtig geblendet wurden.

Der Anblick dieses Schatzes war überwältigend. Und nicht nur Snow wurde von diesem Glanz in den Bann geschlagen, sondern auch die anderen drei Männer, die mit großen Augen auf das ganze Gold starrten.

Snow schluckte. Sein Adamsapfel zuckte. Schwer ging sein Atem.

„O Gott! Gold! Alles Goldmünzen! Der Himmel steh mir bei!“

Narben-Ted räusperte sich. Er kämpfte heldenhaft gegen die Gier an, sich vor die Kiste zu knien und in diesem Haufen Gold zu wühlen. Mit magischer Kraft zog ihn dieser Reichtum an.

Walross starrte zwar auch mit glänzenden Augen auf dieses Gold. Doch er konnte dieser magischen Kraft, die davon ausging, noch am besten widerstehen.

„Wir haben von Anfang an das Richtige vermutet, Käptn“, sagte er halblaut. „Sehen Sie jetzt ein, dass hier was faul ist?“

Snow hatte sich noch immer nicht gefangen. Er stammelte unzusammenhängende Satzfetzen vor sich hin. Er redete wirres Zeug und konnte nicht eine Sekunde lang seinen Blick von dem Reichtum vor seinen Füßen wenden.

„Alles Gold. Das ist alles Gold! Und es gehört uns!“

Blueman war in seiner Gier zu weit gegangen. Und das brachte Snow schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

„Wem? Uns? Nein! Das gehört nicht uns. Das gehört...“

„... mexikanischen Aufrührern“, ergänzte Walross den angefangenen Satz. „Kerlen, die sich für dieses Gold Waffen besorgen und Menschen umbringen wollen. Und diese Truhe soll in den nächsten Tagen einem mexikanischen Schiff übergeben werden, Käptn. Ich glaube nicht, dass es richtig wäre, das zu tun.“

Snow war viel zu pflichtbewusst, als dass er auf Anhieb den Gedankengängen der drei Seeleute folgen konnte.

„Ob es richtig ist oder nicht, das zu entscheiden ist nicht unsere Sache. Ich habe ein Schreiben von Mr. Rowes. Und ich habe mit diesem Schreiben Order erhalten, eine einzige Kiste auf ein mexikanisches Schiff bringen zu lassen. Eine einzige Kiste. Und das soll in zwei Tagen sein.“

„Und Sie wären wirklich imstande, das zu tun, was?“

Narben-Ted hatte sich mittlerweile auch von dem verführerischen Glanz des Goldes losgerissen.

„Das würde ich nicht nur, sondern das werde ich sogar tun.“

„So, das werden Sie? Nun, dann will ich Ihnen noch eine Kleinigkeit erzählen, Käptn. Da unten im Laderaum der SWEET LADY ist nicht eine einzige Maschine. Das Zeug, das in den Kisten ist, besteht aus wertloser Eisenschlacke. Das Zeug ist so schwer, dass es uns hinunterzieht auf den Meeresgrund. Und diese Gemeinheit hat Ihr lieber Rowes eingefädelt. Wir haben von dem Gold gewusst und die falschen Kisten ausgetauscht. Und nur deshalb haben wir ein wachsames Auge auf den Laderaum gehabt, Kapitän. Sonst wären wir wahrscheinlich schon abgesoffen und würden da draußen irgendwo als Leichen herumschwimmen.“

Snow hob die Hand. Er führte eine energische Geste aus.

„Ich werde auf diesem Schiff noch immer nicht richtig verstanden, glaube ich! Was getan wird, werde ich jetzt bestimmen. Und damit ist die Diskussion beendet. Ein für allemal!“

Narben-Ted warf seinen Freunden einen Blick zu, der alles bedeuten konnte, genauso gut aber auch gar nichts. Er wollte zu einer Erwiderung ansetzen. In diesem Augenblick wurden draußen vor der Kajüte hastige Schritte laut. Jemand klopfte.

Blitzschnell reagierte Blueman. Er bückte sich und warf den Kistendeckel zu.

Ein wild aussehender Seemann stürzte in die Kajüte. Er hatte es so eilig, dass er nicht einmal abgewartet hatte, bis Snow ihn hereinbat.

Stimrunzelnd blickte der Kapitän den Seemann an.

„Was ist?“

„Sir! Ich glaube... Sturm kommt auf, Sir! Und unten im Laderaum steigt wieder das Wasser!“

Snow erschrak. Wieder wurde er fahl. Seine Hände zitterten merklich, als er den Matrosen an den Schultern packte und ihn heftig rüttelte.

„Das Wasser steigt, sagst du?“, schrie er ihn an. „Es steigt?“

Der ohnehin schon atemlose Seemann fand nicht die Zeit, etwas darauf zu sagen. Schon war Narben-Ted aus der Kajüte gestürzt. Ihm folgten Walross und Blueman.

*

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NARBEN-TED ERREICHTE keuchend das Deck. Er sah einen dunkel gefärbten Horizont. Eine frische Brise blähte die Segel der Bark. Tief schnitt der Bug ins Wasser. Und erneut krängte die SWEET LADY backbords.

Die Männer an den Lenzpumpen arbeiteten, dass ihnen der Schweiß in Strömen über den Körper rann. Nicht einmal die frische Brise konnte die ersehnte Abkühlung bringen.

„He, Leute! Entert auf! Segel reffen! Beeilt euch! Macht rasch, wenn ihr nicht nasse Füße bekommen wollt!“

Narben-Ted hatte die Männer an den Pumpen gemeint. Aber diese rührten sich nicht von der Stelle. Sie setzten ihre Arbeit unbeirrt fort.

Der Erste erkannte an den Gesichtern, die von der Anstrengung gezeichnet waren, dass die Männer Angst hatten. Schreckliche Angst vor dem ungewissen Schicksal, das sie erwartete.

Keiner wagte es, aufzuhören mit dem Pumpen. Und wenn der Steuermann nicht zu sehr wirksamen Mitteln gegriffen hätte, wären die Männer wohl an den Pumpen geblieben, bis die SWEET LADY im Sturm gekentert wäre.

Blueman befand sich bereits in den Wanten. Und Walross mühte sich ab, das Besansegel zu bergen.

„Habt ihr nicht gehört, ihr Flaschen?! Weg von den Pumpen! Segel reffen, sag’ ich! Los!“

Während er dieses Kommando brüllte, stieß Narben-Ted die ihm am nächsten stehenden Männer energisch mit den Ellbogen in die Rippen. Dann eilte er zum Rudergänger, der sich heftig einstemmte, um den Kurs halten zu können.

Der Wind frischte mehr und mehr auf. Die Masten knarrten bedenklich unter der Macht dieser Kräfte.

Das Eingreifen des Steuermanns hatte Erfolg. Die Männer lösten sich von den Pumpen. Sie hatten begriffen, dass sie nicht viel erreichen konnten, wenn sie nur pumpten. Denn je schneller die Fahrt der Bark war, um so mehr Wasser musste durch das neue Leck ins Schiff dringen.

Halsen und Schoten wurden losgeworfen. Die Segel killten. Das Knattern war lauter als das Pfeifen des Windes in den Wanten.

Plötzlich ertönte ein lauter, donner ähnlicher Knall. Er war so laut, dass der Steuermann für einen Augenblick dachte, die SWEET LADY wäre auf Grund gelaufen. Er wartete unwillkürlich auf den plötzlichen Ruck, auf das Splittern von Holz und auf eine unerwartet heftige Neigung des Schiffskörpers.

Aber das kam nicht. Dennoch musste sich etwas ereignet haben, mit dem man bisher auf der Bark nicht rechnen konnte. Schreie wurden laut. Schrille, angstvolle Rufe. Und sie kamen von oben. Von ganz oben, wo sich die Männer befanden.

Narben-Ted suchte noch immer nach der Ursache für den lauten Krach. Er fluchte  und dann durchfuhr ihn eisiger Schreck.

Blueman tauchte oben in den Wanten auf. Er bewegte sich mit affenartiger Geschwindigkeit. So schnell er konnte, enterte er ab. Es ging so rasch, dass er mehr zu stürzen als zu klettern schien.

Da! Ein neuer lauter Knall!

Und jetzt wurden die Schreie der Männer lauter.

Der Steuermann hatte den Mund aufgerissen. Aber er brachte nicht einen einzigen Ton über die blutleeren Lippen. Er stand nur da, unfähig, sich zu bewegen. Er konnte es nicht fassen, was sich vor seinen Augen abspielte. Es war so grauenvoll, dass selbst ihn, diesen kaltschnäuzigen Burschen, Todesangst überfiel.

*

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ADAM ROWES HASTETE im Laufschritt zum Vorschiff. Zwei ganze Tage war er bereits mit der NICE ANNABEL unterwegs, um die SWEET LADY einzuholen.

Der Reeder hatte das Unmögliche möglich gemacht und die Mannschaft unnachsichtig angetrieben, bis der Dreimaster mit einer Stunde Verspätung ausgelaufen war. Und er war schlimmer als der ärgste Sklaventreiber auf seinem Schiff. Der Kapitän hatte nichts zu lachen. Erst recht nicht die Mannschaft.

Als die NICE ANNABEL bereits unter Vollzeug segelte, als eine weiße Gischtwolke am Bug aufsprühte, hatten die Männer noch unten im Laderaum zu schuften, um die restliche an Bord verbliebene Ladung zu trimmen.

Die NICE ANNABEL war ein langsames Schiff. Aber sie galt auch als ein sehr gutmütiger Segler.

Kapitän Riker, ein erfahrener Schiffskommandant, hatte sich in seine Kajüte zurückgezogen und für die ersten Stunden nach dem Auslaufen das Kommando dem Reeder überlassen. Und erst am Abend, als der nervöse Rowes sich zurückzog, da erschien Riker und wirkte durch seine beherrschte und ruhige Art auf die Mannschaft ein, dass sich die Aufregung allmählich wieder legte. Er ließ einige Segel bergen. Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Denn die NICE ANNABEL konnte der übermäßigen Belastung auf die Dauer nicht standhalten.

Die erste Nacht war ruhig verlaufen. Doch am Morgen hatte der Himmel eine düstere Färbung angenommen. Und Riker, der schon bei Sonnenaufgang an Deck kam, runzelte besorgt die Stirn.

Alle Anzeichen deuteten auf einen bevorstehenden Sturm hin.

Riker hatte keine Angst vor einer Verschlechterung des Wetters. Er wusste, dass sein Schiff durchaus noch viele schwierige Situationen würde überstehen können. Aber wenn er an Rowes dachte, hatte er ein unbehagliches Gefühl.

Der Reeder wollte unter allen Umständen die SWEET LADY einholen. Und das bedeutete, dass er alle Hebel in Bewegung setzen wollte. Riker tat sich nicht schwer, sich auszumalen, wie Rowes sich verhalten würde. Was sollte er schon anderes tun, als den Befehl zu geben, alle Segel stehen zu lassen?

Riker war sich nicht ganz sicher, ob er Rowes unwidersprochen das Kommando überlassen sollte. Zwar war Rowes der Eigentümer dieses Schiffes. Aber er, Riker, war der Kapitän. Und somit hatte er die Verantwortung für dieses Schiff zu tragen. Und für die Männer, die sich darauf befanden.

Nach dem Frühstück, das er allein in seiner Kajüte eingenommen hatte, steckte sich der Kapitän eine Pfeife an. Er blies nachdenklich Rauchkringel gegen die Decke.

Als Rowes in den Raum polterte, erhob sich der Schiffskommandant. Er grüßte kurz und wollte die Kajüte verlassen.

Rowes rief ihn zurück.

„He, Mr. Riker!“

Der Kapitän machte kehrt.

„Mr. Rowes?“

„Wenn ich mich recht entsinne, dann habe ich gestern Abend angeordnet, dass alle Segel stehenbleiben, nicht wahr?“

Der Kapitän nickte.

„Das ist richtig, Sir. Aber ich war später noch an Deck und habe einige Segel bergen lassen. Es war ungewiss, ob nicht während der Nacht Sturm aufkommen würde. Ich wollte nichts riskieren.“

Rowes war ärgerlich.

„Pah! Lächerlich! Was sind Sie für ein Kapitän? Kindische Befürchtungen sind das. Gehen Sie an Deck! Lassen Sie Vollzeug aufziehen!“

Riker glaubte, sich verhört zu haben. Er starrte den Reeder eine Weile an.

„Vollzeug, Sir?“, fragte er dann verwundert. „Sie meinen das doch nicht wirklich.“

Rowes lief rot an.

„Ich meine genau das, was ich sage, Riker! Los, lassen Sie alle Segel setzen! Wir müssen schneller vorankommen!“

„Aber... aber Mr. Rowes, Sie sind wohl noch nicht an Deck gewesen heute Morgen? Der Wind frischt auf. Und in einer Stunde, vielleicht schon früher, haben wir den schönsten Sturm. Wenn wir mit Vollzeug segeln, das hält die NICE ANNABEL nicht durch.“

Rowes lachte heiser auf.

„Das hält sie nicht durch? Unsinn! Sie muss es durchhalten! Und jetzt verschwinden Sie schon! Das ist eine Anordnung!“

Riker war gewöhnlich ein harmloser, gutmütiger Mann, der jedem Streit aus dem Weg ging. Er mochte keinen Streit. Und er versuchte immer, alle auftretenden Probleme ohne lange Wortwechsel zu lösen.

Doch was Rowes nun von ihm verlangte, war für ihn als gewissenhaften Mann nicht durchführbar. Er hätte das Schiff und die Mannschaft in Gefahr gebracht, wenn er diesem . Befehl Folge geleistet hätte.

„Sir, das werde ich nicht tun.“

Diese wenigen Worte klangen so bestimmt und unwiderruflich, dass Rowes ungläubig vor Staunen den Mund aufriss.

„Was war das?“, brachte er schnaubend hervor. „Was haben Sie gesagt?“

Riker hielt die erkaltete Pfeife in der Rechten. Er umklammerte sie hart.

„Ich habe gesagt, dass ich den Männern diesen Befehl nicht geben werde, Mr. Rowes. Ich trage die Verantwortung. Und es wäre Wahnsinn, die NICE ANNABEL mit Vollzeug in einen Sturm zu segeln. So einwandfrei ist dieses Schiff nicht mehr, dass wir es unter diesen Bedingungen mit einem Sturm aufnehmen könnten.“

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922868
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
auswahlband abenteuer september drei seefahrer-romane buch

Autoren

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Titel: Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch