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Die Raumflotte von Axarabor #30: Der Verbrecher-Planet

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #30: Der Verbrecher-Planet

Axarabor, Volume 30

Wilfried A. Hary and Marten Munsonius

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Der Verbrecher-Planet

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 30

von Wilfried A. Hary

Nach einer Idee von Marten Munsonius

Der Umfang dieses Buchs entspricht 74 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Niemand kann dem Auftragskiller mit dem Tarnnamen Kay Kane etwas nachweisen. Zumal er sozusagen im staatlichen Auftrag seine Morde begeht. Und dann wird er dennoch verurteilt zu einer Höchststrafe der ganz besonderen Art: Deportation nach NO MANS LAND, einem Planeten in kosmischer Nähe des Sterns Altar. Den alle, die davon wissen, als die eigentliche Hölle ansehen. Aber KK, wie ihn seine Auftraggeber nennen, hat nur mal wieder einen Auftrag: Exekution der Höllenfürstin höchstpersönlich!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER 3000AD 123rf mit Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Kapitalverbrecher verloren jegliche Rechte, sogar das Recht auf ihren eigenen Namen. Man machte sie zur Nummer. Bis zum Ende des Strafvollzugs oder bis zu ihrem Tod. Mit einer Ausnahme: Deportation nach NO MANS LAND!

Kay Kane war das allerdings ziemlich egal. An seinen richtigen Namen konnte er sich nach all den Jahren sowieso nicht mehr erinnern. Und der Name, unter dem er verurteilt worden war, eben Kay Kane, hatte ihm in all diesen Jahren sowieso nur als Tarnname gedient.

Obwohl seine Auftraggeber ihn eigentlich niemals Kay Kane nannten, sondern immer nur abgekürzt KK.

Wobei er selber nie erfahren hatte, wer denn nun eigentlich seine Auftraggeber waren, die ihn zum erfolgreichsten und gefürchtetsten Auftragskiller des bekannten Universums gemacht hatten. Er kannte sie lediglich unter dem Decknamen GOLD-DUST-WOMAN.

Angeblich eine Art staatliches Geheimorgan, wenn man so wollte. Allerdings eins, von dem – ebenfalls angeblich – noch nicht einmal der Gewählte Hochadmiral von Axarabor etwas wusste.

Aber wieso hatte man ihn jetzt verurteilt zur mehr als fragwürdigen „Freiheit“ in der Hölle von NO MANS LAND?

Er wusste es und hatte es zu akzeptieren: Anders wäre er nicht dorthin gelangt, um seinen nächsten Auftrag zu erledigen.

Zwar war noch niemals zuvor jemandem die Flucht aus dieser Hölle gelungen. Das wurde jedenfalls behauptet. Allerdings hatte man ihm einen winzigen bioaktiven Sender im Nacken eingebaut, der gegen jeglichen Scanversuch gefeit war und ihm gewährleistete, nach Beendigung des Auftrags den Höllenplaneten wieder verlassen zu können.

Das hatte man ihm immerhin so erklärt: Das Aktivieren des Signals genügte. Einmal linken Daumen auf die Stelle drücken, eine Minute lang. Das war wichtig, damit sich das Signal nicht von selbst auslösen konnte. Man würde ihn finden und mit einer automatischen Sonde abholen.

Außerhalb des Sonnensystems wartete dann ein Raumschiff aus der Raumflotte von Axarabor, um ihn aufzunehmen. Das Raumschiff nahm jetzt schon dort Stellung, während er sich noch an Bord des Gefangenenraumers mit dem bezeichnenden Namen EXEKUTION befand, unterwegs zum Zielplaneten, dessen Koordinaten nicht öffentlich bekannt waren, zumal innerhalb des Sternenreichs von Axarabor sogar die Existenz von NO MANS LAND hartnäckig geleugnet wurde.

KK befand sich allein in seiner Einzelzelle. Ein völlig kahler Raum ohne erkennbare Tür, mit einer matt glühenden Decke, die permanentes Dämmerlicht abgab.

Der Boden war variabel. Wenn der Gefangene stand, fühlte er sich hart und warm an. Wenn der Gefangene sich nieder kauerte, wurde er an dieser Stelle weicher. Legte er sich flach hin, zum Beispiel zum Schlafen, verstärkte sich dieser Effekt noch.

Essen und Trinken bekam er rationiert über eine Wandklappe, die extra dafür jedes Mal aufs Neue entstand. Die eine Ecke war besonders gekennzeichnet. Er musste sich dort nieder kauern, um seine Notdurft zu verrichten.

Was außerhalb vor sich ging, entzog sich zu hundert Prozent seiner Kenntnis. Er musste einfach nur abwarten, bis sich das Gefängnis für ihn endlich wieder öffnete, ohne jeglichen Zeitbegriff allerdings.

Abwarten? Das fiel dem hoch aufgeschossenen hageren Mann mehr als schwer. Die innere Unruhe wurde mit jeder Minute, die verstrich, immer unerträglicher.

Nicht dass er unter ausgesprochener Klaustrophobie litt, denn die hätte ihn in dieser Situation wahrscheinlich längst umgebracht, aber die absolute Eintönigkeit und vor allem Zeitlosigkeit nagte gehörig an seiner Seele.

Obwohl ja behauptet wurde, er hätte gar keine. Immerhin als eiskalter Auftragskiller, der von sich behauptete, dass kein Mord ihm jemals etwas ausmachen konnte. Das sei für ihn nicht schlimmer als das Aufschlagen eines Frühstückseies.

KK war splitternackt. Bis auf die Bänder um die Fuß- und Handgelenke natürlich. Aus diesen Bändern entstanden bei Bedarf Fesselfelder, die jegliche Bewegung verhindern konnten. Oder aber die komplette Bewegungsfreiheit erlaubten, wie innerhalb dieser Zelle.

KK hatte sehr helle Haut, beinahe schneeweiß. Die markante Hakennase stand in einem krassen Widerspruch zu den irgendwie gutmütig wirkenden Augen, aber auch zu den struppigen, halblangen und beinahe pechschwarzen Haaren, die seine Hellhäutigkeit sogar noch unterstrichen.

Sein schmallippiger Mund bildete nur einen Strich, was ihm einen ziemlich verkniffenen Ausdruck verlieh. Und genauso fühlte er sich: Ziemlich verkniffen!

Wer außer ihm sich auf diesem Transport befand, hatte er genauso wenig herausfinden können wie die Identität der zweifelsohne vorhandenen Besatzung. Man hatte ihn blind hier herein geführt und sich selbst überlassen.

Derzeit wusste er noch nicht einmal, ob er sich überhaupt noch unterwegs befand. Es machte keinen Unterschied, ob er nun der künstlichen Schwerkraft an Bord ausgesetzt war oder der Schwerkraft eines Planeten.

War die  EXEKUTION etwa bereits gelandet? Ja, landete sie überhaupt? Wie sonst gelangte er letztlich auf den Planeten?

Er neigte zu der Ansicht, dass der Gefangenentransporter gar nicht auf NO MANS LAND landete, weil es dort überhaupt keinen Raumhafen gab. So jedenfalls sein Kenntnisstand. Obwohl er zugeben musste, nicht gerade viel über seine Zielwelt zu wissen. Alles, was zu seinem Auftrag gehörte, würde er erst noch vor Ort herausfinden müssen.

Ja, er wusste noch nicht einmal, was denn überhaupt neue Gefangene vor Ort erwartete. Sie wurden in eine trügerische Freiheit entlassen. Soviel jedenfalls stand fest. Eine echte Freiheit konnte es ja wohl nicht sein, da diese Art der Bestrafung zum Höchstmaß gehörte, neben der Deportation auf einen echten Strafplaneten, wie es sie offiziell ebenfalls gar nicht geben durfte, oder gar der Exekution. Einmal abgesehen von der Persönlichkeitslöschung, die allerdings nur freiwillig erfolgen durfte und deshalb so gut wie niemals erfolgte.

KK hatte noch nicht einmal ein Bild seiner Zielperson, geschweige denn deren Namen. Er wusste eigentlich nur eines: Sie war die wahre Höllenfürstin. Was der Teufel in der Hölle, das war sie auf diesem Höllenplaneten. Obwohl sie gleichzeitig als die schönste Frau aller Zeiten galt, nicht nur des bekannten Universums.

Irgendwie passte das eine nicht zum anderen. Überhaupt, eine solch abstruse Höchststrafe... Klar, das gab es ebenfalls offiziell nicht. Und was es offiziell nicht gab, das musste offiziell auch nicht erklärt werden. Zumal die meisten Prozesse in diesem Quadranten, bei denen Kapitalverbrecher abgeurteilt wurden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Damit man offiziell erklären konnte, in diesem Teil des Imperium würde es schon lange gar keine Kapitalverbrechen mehr geben. Weil die Raumflotte von Axarabor einfach zu erfolgreich war, um Kapitalverbrechen überhaupt noch zuzulassen.

In Gedanken daran schüttelte er automatisch den Kopf.

Er, der Auftragskiller. Ausgerechnet im Auftrag der Obrigkeit. Ohne jemals zu wissen, wieso er eigentlich seine Opfer hinrichten sollte.

Nun sogar die Höllenfürstin höchstpersönlich. Mit Sicherheit hatte sie den Tod tausendfach verdient. Immerhin als Königin des größten menschlichen Abschaums, das es jemals auf einer einzelnen Welt gegeben haben sollte. Als ein Engel hätte sie diesen Job wohl nie bekommen. Aber wodurch war sie eigentlich bei der GOLD-DUST-WOMAN letzten Endes in Ungnade gefallen? Versah sie denn nicht als Höllenfürstin einen wichtigen Job? Damit das Chaos auf dieser Welt nicht so groß wurde, dass es niemand mehr überlebte?

Er hatte keine Ahnung. Noch nicht. Trotzdem würde er natürlich nicht zögern, seinen Auftrag durchzuführen. Wie er es von sich selber gewöhnt war. Obwohl dieser Auftrag ungewöhnlicher erschien als jeglicher vorangegangene Auftrag. Zumal er noch niemals solche Torturen im Vorfeld hatte über sich ergehen lassen müssen.

Er betrachtete die Metallbänder um seine Fußgelenke.

Irgendwie hatte er die Befürchtung, dass ihm diese niemals jemand wieder abnehmen wollte. Höchstens nach Erledigung des Auftrags und vor allem nach der darauf folgenden Flucht.

Falls man ihn nicht in Wirklichkeit hereinlegte und eine solche Flucht überhaupt nicht vorgesehen war, hieß das...

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Ein kaum merkliches Ruckeln ging durch die Zelle. Oder durch das ganze Schiff?

Wie das? Die Neutralisatoren sollten ja genau dieses zu hundert Prozent verhindern.

Vielleicht nahm er es ja auch nur deshalb überhaupt wahr, weil seine Sinne ganz besonders geschärft waren? Schließlich hätte er als gewöhnlicher Mann wohl kaum zum derzeit erfolgreichsten Auftragskiller zumindest im Raumquadranten PEX-29 werden können. Dort zumindest war er am bekanntesten. Für seine Taten, nicht für sein Aussehen. Das war auch jetzt noch ein bestgehütetes Geheimnis.

Zumal eben sein Prozess eigentlich nur eine Farce gewesen war – eine höchst inoffizielle Farce außerdem, um ihn hierher zu schicken.

Das Ruckeln ebbte ab.

Er glaubte zu begreifen: Wurde die Zelle irgendwie abgekoppelt vom Schiff? War sie nur angeflanscht gewesen und nicht Bestandteil des Innern?

Er wusste es nicht, konnte es halt nur ahnen.

Er setzte sich vorsichtshalber auf den Boden, der sich ihm sofort anpasste.

Seine Haltung versteifte sich dennoch. Er war eigentlich auf alles gefasst.

Es passierte allerdings... gar nichts. Zumindest nichts, was er hätte mitbekommen können. Eine ganze Weile lang.

Normalerweise rühmte er sich dafür, ein perfektes Zeitgefühl zu haben. Er benötigte keine Uhr, um einen sekundengenauen Zeitplan einzuhalten.

Diese Fähigkeit war in seinem Job gewissermaßen überlebenswichtig. Genauso wie seine Treffsicherheit mit jeglicher handelsüblichen und handelsunüblichen Waffe.

Seine Reflexe waren die eines Weltklassesportlers, seine Kondition war legendär und obwohl seine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt wenig Körperkraft vermuten ließ, konnte er auch damit aufwarten. In Grenzen natürlich. Doch jedes Gramm Muskelfleisch, was ihm mehr Kraft verliehen hätte, wäre auf der anderen Seite hinderlich gewesen betreffend seine Kondition.

Er konnte mindestens eine Stunde lang nur mit einer Hand irgendwo hängen, während die andere Hand die tödliche Waffe bereit hielt. Seine körperlichen Möglichkeiten waren kaum begrenzt aufgrund seiner artistischen Beweglichkeit und Geschicklichkeit.

Und dennoch hatte er in dieser Enge hier das Gefühl, es nicht überstehen zu können.

Bis sich direkt vor ihm eine Öffnung bildete. Wie eine Iris, oval, aber groß genug, um einen erwachsenen Mann hindurch zu lassen.

Das kam für ihn so überraschend, dass auch die besten Reflexe nichts nutzten: Er saß da, stocksteif, und versuchte zu begreifen, was man nun von ihm erwartete.

Obwohl es eigentlich auf der Hand lag: Aufstehen und die Zelle verlassen.

Und dies nach einer gefühlten Ewigkeit!

Er fühlte sich steif und ungelenk, verlustig jeglicher artistischen Geschicklichkeit, die ihm in anderen Situationen so oft das Leben gerettet hatte. Irgendwie gelang es ihm trotzdem, aufzustehen und leicht geduckt die ovale Öffnung zu durchschreiten.

Dahinter hatte er nur blendende Helligkeit gesehen. Sonst nichts. Noch nicht einmal einen erkennbaren Boden. Also tastete er sich mit einem Fuß vorsichtig vor.

Es gab einen festen Boden. Er zog das andere Bein nach.

Gleichzeitig aktivierten sich die Fesselfelder aus den Bändern. Nur ganz schwach. Gewissermaßen erst einmal nur zur Vorwarnung, damit er keine Unbedachtheit wagte.

Was sollte er denn eigentlich wagen, nach einer Ewigkeit im Dämmerlicht und nun total geblendet, weil er von allen Seiten angestrahlt wurde?

„Kay Kane?“, sagte eine metallisch klingende Stimme. Als würde sie von einem schlecht programmierten Automaten stammen.

„Ja, der bin ich!“, hörte er sich selbst sagen.

„Gut, vortreten!“

Er tat einen Schritt nach vorn und blinzelte verwirrt.

Allmählich begannen seine Augen, sich an diese blendende Helligkeit zu gewöhnen: Mehrere Scheinwerfer, die ihn in diese Lichtfülle tauchten. Dahinter glaubte er, jetzt vage sich bewegende Schatten wahrnehmen zu können.

„Willkommen auf NO MANS LAND! Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Sie jeglicher Rechte beraubt wurden. Sie sind nun Eigentum der freiwilligen Selbstkontrolle dieser Welt.“

„Freiwillige Selbstkontrolle?“, wunderte er sich.

„Ja, FSK!“

„Das Organ des Teufels?“

„Nein, FSK!“, beharrte die metallisch klingende Stimme stur.

„Und was bin ich nun? Ein Gehilfe des Teufels?“, vermutete er sarkastisch.

„Nein, Sklave der untersten Ordnung im Eigentum der FSK. Ihre Konstitution lässt vermuten, dass Sie zu kämpfen vermögen. Sie werden daher für die Spiele vorgesehen.“

„Spiele?“

„Auf Leben und Tod. Wer als Letzter übrig bleibt, steigt in die nächsthöhere Kategorie auf. Er wird Besitztum des Meistbietenden, der frei über Sie verfügen wird.“

„Und wer bestimmt die Regeln?“

„Die freiwillige Selbstkontrolle!“

„Und die FSK gibt mich dann eben an den Meistbietenden ab? Und dieser kann mich dann zum Beispiel auch zu Tode quälen, wenn ihm danach ist?“

„Wenn ihm danach ist!“, bestätigte die metallische Stimme.

Plötzlich war die blendende Helligkeit weg.

Sterne tanzten vor seinen Augen. KK musste mehrmals die Augen fest schließen, um wieder besser sehen zu können.

Das Licht seiner Umgebung hatte sich normalisiert. Dafür hatten sich die Fesselfelder verstärkt.

Vor ihm schwebte ein verbeulter und irgendwie rostig wirkender Roboter. Es war nicht erkennbar, wie er den Schwebezustand aufrecht erhalten konnte. In der Tat fehlten ihm die Beine. Es schien auch keine Düsen zu geben, die ihm Auftrieb verschafften. Der unförmige, weil tonnenartige Torso wurde ergänzt von einem aufgepflanzten Eimer mit zwei vorn angebrachten Kameraaugen.

KK war kein Techniker, aber seiner Einschätzung nach handelte es sich hier um eine Technik, die zumindest Jahrtausende alt war.

Es war dieser Blecheimer, aus dem die metallisch klingende Stimme drang.

„Willkommen auf NO MANS LAND!“

„Das sagtest du schon!“, knurrte KK böse.

„Man kann es nicht oft genug wiederholen!“, behauptete der Roboter.

„Ach ja?“, wunderte sich KK und musterte das seltsame Gebilde von einem Roboter genauer. Konnte es denn wirklich sein, dass dieser Roboter irgendwie zum Scherzen aufgelegt war?

Das konnte und wollte er nicht glauben.

Er warf einen Blick in die Runde.

Und zum ersten Mal sah er die Mitgefangenen. Es waren insgesamt fünf. Jedenfalls konnte er fünf sehen. Die Zellen, aus denen sie gekommen waren, standen in einem Abstand von ungefähr drei Metern nebeneinander, in einer perfekten Reihe. Das Ganze befand sich in einer weitläufigen Halle ohne Fenster und ohne erkennbare Türen. Ganz offensichtlich längst nicht mehr an Bord der EXEKUTION. Also hatte man die Zellen irgendwie von dort hierher gebracht. Während die EXEKUTION noch im Orbit verharrte? Oder war sie inzwischen längst schon wieder auf und davon?

Die Halle sah aus wie eine Art Flugzeughangar. Die Zellen  befanden sich inmitten. Ansonsten war die Halle vollkommen leer.

Vor jedem der insgesamt sechs Gefangenen vor ihren Zellen stand einer dieser Roboter. Sie sahen nicht gleich aus. Alle wirkten aber, als hätte man sie aus Schrottteilen notdürftig zusammengebastelt.

Ein Eindruck, der vielleicht gar nicht mal so falsch war?

Zwar sah die Halle in ihrem Innern perfekt aus, aber was war außerhalb?

Und überhaupt: Wieso gab es außer der sechs Zellen, die sechs neue Gefangene gebracht hatten, nichts weiter in der Halle? Noch nicht einmal jedenfalls ein Fahrzeug, das sie abholen sollte.

Der Roboter vor KK wandte sich ab und strebte dem Hintergrund der Halle zu.

Die Fesselfelder, die irgendwie ferngesteuert wurden, zwangen KK, dem Roboter zu folgen.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass jeder der anderen Gefangenen in eine andere Richtung geführt wurde. Anscheinend wurde jeder Gefangene einer anderen Bestimmung zugeführt.

Seine eigene Bestimmung also waren die sogenannten Spiele. Irgendwelche Gladiatorenkämpfe? Die Sieger kämpften gegeneinander, bis am Ende nur noch einer übrig blieb?

KK hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass er selber dieser eine sein würde.

Um anschließend Sklave zu werden irgendeines Perverslings?

Wie, um alles in der Welt, sollte er so an die nötigen Informationen heran kommen, um die mächtigste Frau dieser Welt auszukundschaften und am Ende sogar töten zu können?

Er hatte in der Vergangenheit schon einige Aufträge erledigen müssen, die unmöglich erschienen waren. Aber so unmöglich wie dieser hier war ihm noch keiner vorgekommen.

Dabei stand angeblich das Raumschiff für seine Flucht schon bereit, um ihn abholen zu lassen? Natürlich erst nachdem der Auftrag erledigt war. Falls es überhaupt stimmte. Denn irgendwie zweifelte er mit jeder Sekunde, die er hier verbrachte, mehr daran.

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Vor dem Roboter öffnete sich rechtzeitig eine vorher unsichtbare Tür und entließ ihn mitsamt seinem Gefangenen aus der Halle hinaus in einen schmalen, langgezogenen Gang.

KK sah in etwa dreißig Metern, dass der Gang scharf nach rechts abbog.

Die Fesselfelder bestimmten seine Bewegungsrichtung. Er konnte nichts dagegen tun. Und er war natürlich nach wie vor splitternackt.

Der Roboter kümmerte sich gar nicht mehr um ihn. Das musste er auch nicht. Stellte sich allerdings die Frage, wer eigentlich KK über die Fesselfelder fernsteuerte? Der Roboter schien es selbst nicht zu sein, denn er hatte auf der Rückseite keinerlei erkennbare Kamera.

Unwillkürlich sah sich KK in dem kahlen Gang um. Soweit die Fesselfelder dies ermöglichten, hieß das. Er konnte keine Kamera entdecken. Noch nicht einmal eine Lichtquelle. Das Licht war einfach da, wie aus dem Nichts. Er konnte sich nicht erinnern, wie dieser technische Trick überhaupt möglich war.

Anscheinend nicht nur eine Höllenwelt, sondern auch eine Welt der Gegensätze. Der Trick mit dem Licht verriet einerseits hochgezüchtete Technologie. Der Roboter vor ihm allerdings... KK hatte jedenfalls ein solches Modell noch nie zuvor gesehen. Weil es wahrscheinlich gar kein Modell war, sondern halt aus Schrottteilen mehr oder weniger willkürlich zusammengebastelt, wie er von Anfang an schon angenommen hatte.

„He!“, rief er dem Roboter hinterher: „Wie alt bist du eigentlich?“

Eine natürlich nicht ernst gemeinte Frage. Der Roboter reagierte überhaupt nicht darauf.

Eine steile Falte erschien auf der Stirn des hageren Auftragskillers. Er fragte sich inzwischen, was das mit dem Roboter überhaupt sollte. Wenn man ihn sowieso über die Fesselfelder fernsteuerte: Wieso benötigte er dann noch einen Roboter als Führer?

Es ging um die Biegung nach rechts zu einer geschlossen Stahltür, die aus zwei Teilen bestand.

Der Roboter blieb stehen. Die Fesselfelder zwangen auch KK, stehenzubleiben.

Jetzt wandte sich der Roboter wieder an KK.

„Willkommen auf NO MANS LAND!“

KK verkniff sich diesmal eine Bemerkung.

Ungerührt fuhr der Roboter mit seiner künstlichen Stimme fort:

„Der Abholtransporter steht noch nicht bereit. Es kam zu einer geringfügigen Verzögerung aufgrund einer Planänderung.“

„Planänderung?“, echote KK verblüfft.

Der Roboter ignorierte es einfach.

„Die nächsten Spiele beginnen in einer halben Stunde. Es ist zu befürchten, dass Sie nicht rechtzeitig dort eintreffen werden. Mir fehlt allerdings die Information darüber, was man ansonsten mit Ihnen vorgesehen hat.“

Die Tür blieb geschlossen, und der Roboter schien nach den letzten Worten abgeschaltet worden zu sein, denn er gab keinen Pieps mehr von sich.

Auch als KK ihn mehrmals ansprach, änderte sich das nicht.

Derweil meldete sich sein Instinkt, der ihm sagte, dass irgendetwas hier nicht stimmte. Von wegen Planänderung. Er sollte doch in einer Art Arena um sein Leben kämpfen, wenn er das richtig verstanden hatte. Und was nun? Sollte er noch nicht einmal die Gelegenheit mehr haben dürfen, sich zu verteidigen?

Er versuchte, sich zu bewegen, doch die Fesselfelder verhinderten das. Es war für ihn, als würde er in einer engen Stahlröhre stecken, die jegliche Bewegung verhinderte. Und er hatte nicht die geringste Chance, etwas dagegen zu tun. Er konnte nur noch abwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden.

Dabei hatte er eigentlich nur einen einzigen positiven Gedanken:

„Wieso sollte man sich die Mühe machen, ihn hierher zu bringen mit einem Raumschiff, nur um ihn hier zu töten?“

Ja, das ergab eigentlich nicht den geringsten Sinn.

Aber was ergab hier überhaupt noch einen Sinn?

Schließlich dachte er wieder an seinen Auftrag, dessen Möglichkeit zur Durchführung offensichtlich in weite Ferne abgerückt war. Falls es ihm überhaupt noch möglich sein sollte.

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Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich das zweiflügelige Stahlschott, als das sich die Tür vor ihm entpuppte.

Draußen herrschte heller Tag. Auf einem weiten Feld, auf dem vereinzelt ziemlich abenteuerlich aussehende Fahrzeuge standen. Jedes davon machte den Eindruck, als hätte man es aus uralten Schrotteilen provisorisch zusammengebaut. War das nun eine Art Schrottplatz oder was?

Dann trat von der Seite her kommend eine Person vor die Öffnung, die nicht nur seine Blicke auf sich zog, sondern die ihm... den Atem raubte.

Eine Frau. Ganz offensichtlich. Und was für eine...

Wurde nicht behauptet, die Höllenfürstin von NO MANS LAND sei die schönste Frau des bekannten Universums?

Beinahe hätte KK darüber gelacht, aber es blieb ihm sozusagen im Hals stecken.

Nein, das konnte unmöglich sein, dass die Höllenfürstin sich höchstpersönlich um ihn kümmerte. Jetzt schon, direkt nach seiner Ankunft. Ausgerechnet um ihn?

Sie lächelte, wobei ihre grünen Augen blitzten. Als würden sich Irrlichter dahinter befinden. Ihre roten Haare waren schulterlang und nach hinten gekämmt, um das Gesicht frei zu lassen.

KK versuchte, dieses Gesicht zu betrachten, doch irgendwie... schaffte er das nicht. Es raubte ihm halbwegs die Sinne. Diese Frau hatte eine Ausstrahlung, wie er sie noch niemals zuvor erlebt hatte. Ihr vollendeter Körper steckte in einer Art Overall. Sie trug keine erkennbaren Waffen.

Steckten ihre Füße in Stiefeln?

Er konnte es nicht so genau erkennen, denn dafür hätte er den Blick von diesem unbeschreiblichen Gesicht lösen müssen. Er saugte dieses Bild regelrecht in sich auf, ohne es jedoch genauer bestimmen zu können. Hätte er dieses Gesicht jetzt beschreiben müssen, hätte er nur stammeln können.

Volle Lippen? Irgendwie schon.

Rote Lippen? Wieso eigentlich nicht?

Grüne Augen! Dermaßen grüne Augen jedenfalls, dass es grüner gar nicht mehr ging – so schön grün allerdings, dass die Blicke aus diesen Augen bis tief in seine Seele zu gehen schienen.

KK hatte schon einiges erlebt in seinem bewegten Leben. Ganz sicher! Er war der eiskalte Killer schlechthin. Er hatte sich noch niemals in seinem Leben verliebt. Garantiert! Frauen waren für ihn höchstens ein Zeitvertreib gewesen. Bisher!

Er war aber auch noch niemals einer solchen Frau begegnet. Nein, das war nicht einfach nur eine Frau, das war die Göttin höchst persönlich!

Aber nein, halt, stopp, was hieß hier Göttin? Wenn sie es wirklich war – und daran zweifelte er jetzt überhaupt nicht mehr -, dann handelte sich ja um das krasse Gegenteil. Statt Göttin nämlich Teufelin. Nicht irgendeine Teufelin, sondern die Höllenfürstin persönlich, die auf NO MANS LAND die Herrin - um nicht zu sagen: Königin – über all diesen menschlichen Abschaum war.

Uneingeschränkt, unnahbar.

Unnahbar?

Sie stand jetzt fünf Schritte vor ihm und lächelte ihn an. Während er nur noch starren konnte.

Moment mal, war er nicht extra hierher geschickt worden, um genau sie auszuschalten?

Es war ihm nicht mehr möglich, auch nur annähernd noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Und dann klärte ihn die Höllenfürstin darüber auf, was sie hierher zu ihm geführt hatte:

„Du also bist dieser KK, der den Auftrag hat, mich zu töten!“

KK blinzelte verwirrt.

Hatte er das jetzt wirklich aus ihrem Mund gehört? Mit einer Stimme, die sein Inneres vibrieren ließ?

Er hatte, denn sie fügte hinzu:

„Dann bin ich ja wohl das auserkorene Opfer, nicht wahr? Allerdings überlege ich gerade, ob ich das nun als Kompliment ansehen soll oder nicht.“

Sie schürzte wie nachdenklich die legendären Lippen.

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Moment mal!, durchzuckte es KK nicht zum ersten Mal. Was ging hier gerade vor?

Hatte er nicht vorhin noch erkennen müssen, dass die Durchführung seines Auftrages eigentlich völlig unmöglich geworden war angesichts seiner misslichen Lage? Und jetzt auf einmal brauchte er nach seinem Opfer gar nicht mehr großartig zu suchen, sondern dieses war geradewegs zu ihm gekommen?

Sie lachte ein glockenhelles Lachen, das ihn wie erschrocken zusammenzucken ließ.

Die Fesselfelder machten das gerade noch möglich.

„Ich sehe schon“, säuselte sie, „du bist voller Fragen. Vor allem fragst du dich wohl, woher ich überhaupt davon weiß, nicht wahr?

Obwohl es ganz einfach ist: Du wurdest beauftragt von GOLD-DUST-WOMAN. Und dort gibt es einen Maulwurf. Kennst du den Begriff? Ach ja, sicherlich. Ein Maulwurf des Adakoni-Kartells, um genauer zu sein.“

„Adakoni-Kartell?“, ächzte er und wunderte sich darüber, dass er überhaupt noch einen Ton über die Lippen brachte.

„Du kennst das gar nicht?“ Sie schüttelte erstaunt den Kopf. „Nun, das Kartell herrscht über rund einhundert Welten. Die Raumflotte von Axarabor sucht mehr oder weniger verzweifelt nach ihnen. Aber wir beiden wissen ja, wie unendlich groß das Universum ist. Da bestimmte Welten zu finden, ist beinahe unmöglich.

Dabei weiß die Raumflotte noch nicht einmal, dass dieses Kartell auch NO MANS LAND kontrolliert. Wenn nicht, wäre die Raumflotte doch wohl längst mal hier eingetroffen, nicht wahr? Stattdessen schickt man uns verurteilte Kapitalverbrecher gegen Bares. Zu unserer freien Verfügung. Hast du dir mal überlegt, was passieren würde, wenn das einmal an die Öffentlichkeit käme?“

„Man würde es einfach leugnen!“, vermutete er und klang dabei erstaunlich gelassen.

Sie lachte wieder.

„Gut argumentiert!“, lobte sie ihn. „Also, da stehen wir nun. Ich habe über das Kartell erfahren, dass du kommst, und als dann die Bestätigung kam mit dem Hinweis, dass du für die Spiele vorgesehen bist, kam ich persönlich hierher, um meinen Mörder zu begrüßen.“

„Den verhinderten Mörder wohl eher!“

Sie lachte erneut und wollte sich gar nicht mehr beruhigen.

„Ja, ja, so ist es leider. Leider für dich natürlich, nicht für mich. Also, die ganze Angelegenheit ist anscheinend dermaßen brisant, dass sogar Großmogul Tscholu Fandamino her kam. Er hat sich aus dem Orbit gemeldet, um mir persönlich von dir zu erzählen.“

„Ich weiß nicht, wer das ist“, gestand KK.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922677
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v440862
Schlagworte
raumflotte axarabor verbrecher-planet

Autoren

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #30: Der Verbrecher-Planet