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Jack Braden - Mörderischer Freundschaftsdienst: Ein Jack Braden Thriller #7

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Mörderischer Freundschaftsdienst
Ein Jack Braden Thriller #7
von Cedric Balmore
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Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Als der Privatdetektiv Jack Braden erfährt, dass sein guter Freund Neal Wymgray aus Los Angeles nach einem Überfall in New York im Krankenhaus liegt, ist er überrascht, dass dieser sich nicht wie sonst bei ihm gemeldet hat, wenn er im Big Apple weilt. Auch verweigert er ihm den Zutritt zu seinem Krankenzimmer. Braden ist klar, dass sein ehemaliger Studienkollege gehörig in der Klemme steckt. Offensichtlich hat der sich mit dem Syndikatsboss Lucky Porsani angelegt – aber mit diesem skrupellosen Gangster legt man sich nicht an, ohne das Nachsehen zu haben. Deshalb lässt Jack Braden sich auch nicht davon abhalten, seinem alten Freund zu helfen ...

Leseprobe

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Mörderischer Freundschaftsdienst

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Ein Jack Braden Thriller #7

von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Als der Privatdetektiv Jack Braden erfährt, dass sein guter Freund Neal Wymgray aus Los Angeles nach einem Überfall in New York im Krankenhaus liegt, ist er überrascht, dass dieser sich nicht wie sonst bei ihm gemeldet hat, wenn er im Big Apple weilt. Auch verweigert er ihm den Zutritt zu seinem Krankenzimmer. Braden ist klar, dass sein ehemaliger Studienkollege gehörig in der Klemme steckt. Offensichtlich hat der sich mit dem Syndikatsboss Lucky Porsani angelegt – aber mit diesem skrupellosen Gangster legt man sich nicht an, ohne das Nachsehen zu haben. Deshalb lässt Jack Braden sich auch nicht davon abhalten, seinem alten Freund zu helfen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Wie viele Neal Wymgrays gibt es wohl in New York?“, fragte Dawn Barris, als sie mit der New York Herald Tribune unter dem Arm das Privatbüro ihres Chefs betrat.

Jack Braden runzelte die Augenbrauen. Sein Schreibtisch sah aus, als sei ein Blütenregen darauf niedergegangen. Die Platte war mit den winzigen, nierenförmigen Teilchen eines Puzzlespiels bedeckt. Jack versuchte ein Bild zusammenzufügen, das eine Szene aus galanter Zeit darstellen sollte.

„Ich finde die Lippen nicht!“, murmelte er bekümmert, ohne hochzublicken.

„Im Leben würde Ihnen dieses Malheur gewiss nicht passieren, was?“, fragte Dawn spöttisch. Sie trat näher und legte die Zeitung vor Jack auf den Schreibtisch.

„Vorsicht!“, protestierte er und schaute Dawn vorwurfsvoll an. „Sie zerstören ein Kunstwerk!“

Dawn seufzte. „Wie viele Neal Wymgrays gibt es in New York?“, wiederholte sie.

Jack lehnte sich zurück. „Keinen, soviel ich weiß. Der einzige Träger dieses Namens, den ich kenne, lebt in Los Angeles. Ich bin stolz darauf, dass er mein Freund ist.“

„Dann sollten Sie etwas für ihn tun!“

Jack griff nach der Zeitung. Er überflog den nur wenige Zeilen umfassenden Artikel, der von Dawn rot angekreuzt worden war.

In der vergangenen Nacht wurde ein Mann namens Neal Wymgray in das Sydenham Hospital, Manhattan Ave. 123ste Straße eingeliefert. Mr. Wymgray konnte noch nicht vernommen werden. Die Natur seiner Verletzungen lässt darauf schließen, dass er das Opfer eines Überfalls geworden ist. Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange.

Jack legte die Zeitung aus der Hand. „Das Telefonbuch, bitte“, sagte er.

„Ich habe es durchgeblättert. In New York gibt es drei Familien dieses Namens“, sagte Dawn. „Ein Neal Wymgray ist nicht darunter. Natürlich kann es sich um einen Sohn aus einer dieser Familien handeln.“

„Rufen Sie das Hospital an und erkundigen Sie sich, welcher Neal Wymgray es ist“, bat Jack. Er erhob sich und wischte mit einer Handbewegung das Puzzlespiel zur Seite. „Nein, lassen Sie — ich kümmere mich selbst darum. Ich besuche ihn im Hospital.“

„Sie haben mir schon so oft von Ihrem Freund Neal erzählt!“, sagte Dawn, als sie ihren Chef zur Tür begleitete. „Warum lässt er sich so selten in New York sehen?“

„Er ist sehr beschäftigt, Sunny.“

„Womit?“

„Mit Geldverdienen. Aber wir sehen uns jedes Jahr mindestens einmal. Er ruft mich stets an, wenn er in New York ist.“

„Diesmal hat er es vergessen“, sagte Dawn.

„Ja, das ist seltsam. Vielleicht ist es ein anderer Wymgray. Oder der Überfall hat Neals gute Absichten vereitelt.“

Eine halbe Stunde später unterhielt sich Jack im Sydenham Hospital mit der sehr kühl und distanziert wirkenden Oberschwester, an die man ihn verwiesen hatte.

„Ja, es ist Mr. Wymgray aus Los Angeles“, sagte sie. „Aber er kann Sie nicht empfangen.“

„Steht es so schlimm mit ihm?“

„O nein, wir hoffen, ihn in einigen Tagen entlassen zu können — aber der Lieutenant hat jeden Besuch streng untersagt.“

„Der Lieutenant?“

„Lieutenant Fulton von der örtlichen Kriminalpolizei“, sagte die Schwester. „Er ist gerade bei ihm.“

„Ausgezeichnet, dann spreche ich mit dem Lieutenant. In welchem Zimmer liegt Neal?“

„Ich darf Ihnen die Zimmernummer nicht nennen.“

„Hören Sie mal — was soll denn diese Geheimniskrämerei?“, fragte Jack. „Neal ist mein Freund! Ich selbst bin Privatdetektiv. Hier ist meine Lizenzkarte — genügt Ihnen das? Ich hoffe, Neal helfen zu können.“

„Bedaure“, sagte die Schwester. „Ich muss mich an meine Anweisungen halten.“

„Schön“, seufzte Jack, „aber Sie können mich doch sicher mit Fulton verbinden?“

Die Schwester überlegte. „Nicht nötig“, sagte sie dann und blickte durch die verglaste Wand ihres Offices in den langen, weiß gekachelten Korridor. „Da kommt er gerade!“

Jack wandte den Kopf. Er sah einen hageren, hochaufgeschossenen Mittvierziger mit Halbglatze und müden, abgespannt wirkenden Zügen, der die Hände in den Taschen seines grauen Raglans, ohne sonderliche Eile auf das Office zuschritt.

„Hat jemand nach ihm gefragt?“, erkundigte er sich, als er das kleine Büro betrat.

„Ja — ich“, sagte Jack.

„Wer sind Sie?“

„Braden, Privatdetektiv“, stellte Jack sich vor. „Ich möchte zu Mr. Wymgray. Wie ich höre, ist das mit einigen Schwierigkeiten verbunden.“

Fulton setzte sich. Sein Raglanmantel klaffte weit auseinander und gab den Blick auf einen abgetragenen Flanellanzug frei. Die blaurot gestreifte Krawatte sah so aus, als hätte er sie aus den Händen einer Wohlfahrtsorganisation empfangen. Fulton holte ein verknittertes Päckchen Luckies aus der Tasche.

„Rauchen ist hier verboten, Lieutenant“, sagte die Schwester frostig.

Fulton seufzte. Er steckte die Zigaretten wieder ein. „Von mir aus kann er wieder Besucher empfangen“, sagte er zu Jack. „Außer einem.“

„Wer ist dieser eine?“, fragte Jack interessiert.

„Sie!“, erwiderte Fulton.

„Ah — und wer bestimmt das?“, erkundigte sich Jack. „Sie etwa?“

„Nein“, sagte Fulton und grinste lustlos. „Es ist der Wunsch des Patienten.“

„Er hat ausdrücklich meinen Namen genannt?“

„So ist das. Er will Sie nicht sehen.“

„Das glaube ich nicht! Neal ist mein Freund.“

„So? Für einen Freund benimmt er sich reichlich seltsam. Aber ich kann ihn verstehen. Im Umgang mit Privatdetektiven soll man Vorsicht walten lassen.“

„Was Sie nicht sagen! Sie sind meinem Beruf nicht gerade grün, hm?“

Fulton atmete laut durch die Nase. Er blickte die Schwester an. „Ein paar Züge werden Sie mir doch gestatten?“, fragte er.

„Hier wird nicht geraucht!“, sagte sie.

Fulton zuckte die Schultern. „Allmählich wird mir klar, weshalb die meisten Leute einen Horror vor Krankenhäusern haben!“, meinte er. Er wandte sich wieder an Jack. „Die meisten Ihrer Kollegen sind geldgierige Schnüffler und Mieslinge, Braden“, sagte er. „Ich weiß natürlich, dass es dumm ist, zu verallgemeinern — aber wer ist schon gegen diese Versuchung gefeit? Na ja, wenn es stimmt, was die Zeitungen schreiben, bilden Sie zusammen mit den Pinkertons die große Ausnahme in Ihrem Job. Sei dem, wie dem wolle — Wymgray will Sie nicht sehen.“

„Warum?“

„Das ist seine Sache.“

„Warum bestand für ihn bis jetzt ganz allgemeines Besuchsverbot?“

„Das gilt für fast jedes Opfer eines Überfalls“, meinte der Lieutenant. „Wir wollen auf diese Weise vermeiden, dass die Täter hier im Hause vollenden, was ihnen draußen nicht gelungen ist.“

„Was ist Neal zugestoßen?“

„Man hat ihn zusammengeschlagen.“

„Wo?“

„Im Central Park. Ich fürchte, er wäre verblutet, wenn ihn nicht zufällig eine Polizeistreife aufgelesen hätte.“

„Ist er bestohlen worden?“

„Nein.“

„Wie ist die Schlägerei zustande gekommen?“, fragte Jack.

„Durch Unvorsichtigkeit“, erwiderte der Lieutenant prompt. „Jedes Kind weiß, wie gefährlich es ist, nach Einbruch der Dunkelheit durch den Park zu gehen! Ich frage mich, was Wymgray veranlassen konnte, dieses Risiko einzugehen. Er sieht ein, dass es falsch war. Er verzichtet sogar darauf, Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen. Mir soll es recht sein — bei Nachforschungen dieser Art kommt ja doch nichts heraus.“

„Der Fall wird also zu den Akten gelegt?“

„Stimmt.“

„Wie viele Leute waren an dem Überfall beteiligt?“, erkundigte sich Jack.

„Drei, sagt er.“ Fulton erhob sich. „Bitte, entschuldigen Sie mich jetzt. Dieser verdammte Karbolgeruch bringt mich um. Ich muss ins Freie und eine Zigarette rauchen.“

„Augenblick noch“, bat Jack. „Können Sie mir sagen, seit wann Neal in New York ist?“

„Eine Woche, glaube ich. Ist das denn so wichtig?“

„Für mich schon“, nickte Jack. „War er bewusstlos, als man ihn fand?“

„Ja.“

„Er wurde also anhand seiner Ausweispapiere identifiziert?“

„Mensch, Sie trampeln ganz schön auf meinen Nerven herum! Was versprechen Sie sich von der Fragerei? Wymgray ist an einer Strafverfolgung nicht interessiert. In zwei, drei Tagen wird er wieder auf den Beinen sein. Weshalb also die Aufregung? Er hat Pech gehabt. Ein paar Schlägertypen haben Dampf abgelassen, und Wymgray war ihr Opfer.“

„Sie machen sich’s einfach, Lieutenant! Wissen Sie, dass Neal vor einigen Jahren in schöner Regelmäßigkeit die Universitätsboxmeisterschaften von Kalifornien so überlegen gewann, dass ein paar tüchtige Manager — darunter Nat Fleischer — ihn zum Boxprofi machen wollten?“

„Was hat das mit der Schlägerei im Park zu tun? Wahrscheinlich hat Wymgray keine Chance gehabt, sich zu wehren. Er wurde von hinten niedergeschlagen, und dann sind sie über ihn hergefallen.“

„Daran ist etwas faul. Neal hatte einen untrüglichen Fighterinstinkt.“

Fulton ging zur Tür. „Der hat ihn diesmal gründlich im Stich gelassen“, sagte er. „Good bye, Braden.“

„He, Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet!“, rief Jack.

Fulton legte die Hand auf die Türklinke. „Welche Frage?“

„Ich möchte wissen, wie man Neal identifiziert hat“, sagte Jack.

„Papiere hatte er keine bei sich, aber in seiner Jacketttasche entdeckte man eine Rechnung des Hotels und vierhundert Dollar in bar. Er wohnt übrigens im Statler.“ Fulton ging hinaus. Mit müden, etwas schleppenden Schritten entfernte er sich in Richtung Ausgang.

Jack blickte dem Lieutenant hinterher. Er hatte ganz mechanisch eine Reihe von Fragen an den Polizeioffizier gerichtet. Hinter dem rein routinemäßigen Ablauf dieses Frage und Antwortspiels hatte sich jedoch ein seltsamer Schmerz in ihm ausgebreitet, ein tiefes Unbehagen, ein wachsendes Verwundern über Neals unverständliche Reaktion.

Wie erklärte es sich, dass Neal schon eine Woche in New York war, ohne sich gemeldet zu haben? Wie erklärte es sich, dass Neal sich weigerte, ihn zu sehen? Jack war fest entschlossen, darauf eine Antwort zu finden.

„Sagen Sie mir, wo er liegt, Schwester“, bat er.

Die Oberschwester schüttelte den Kopf. „Er ist Privatpatient und kann erwarten, dass man seine Wünsche respektiert.“

„Wie viele Einzelzimmer hat diese Station?“

„Zweihundertneunundachtzig. Geben Sie sich keine Mühe, Mr. Braden! Versuchen Sie, wie ein Gentleman zu handeln. Der Wunsch des Kranken sollte Ihnen Befehl sein!“

Jack ging hinaus.

Er traf eine junge, sommersprossige Krankenschwester mit sehr großen, hellen Augen.

„Ich suche Mr. Wymgray“, sagte er. „Wo finde ich ihn?“

„Mr. Wymgray? Oh — da müssen Sie sich an die Oberschwester wenden, Sir.“

Jack nickte und ging weiter. Er bog um eine Ecke des Korridors und stieß auf einen Pfleger im weißen Kittel.

„Lieutenant Fulton hat seine Brille in Wymgrays Zimmer liegen gelassen“, sagte Jack. „Ich soll sie holen. Wo liegt Wymgray?“

„In Zimmer zwoundachtzig“, brummte der Pfleger.

„Danke“, sagte Jack und ging weiter.

Auf dem Weg zu dem angegebenen Krankenzimmer musste er einer sehr hübschen, jungen Schwester Platz machen, die einen Operationswagen vor sich herschob. „Pardon“, fragte Jack, „bin ich hier auf dem richtigen Weg zu Zimmer zweiundachtzig?“

„Ja“, sagte die Schwester. Sie war dunkelblond und hatte graugrüne Augen. „Der Gang macht gleich einen Knick nach links. Es ist das dritte Zimmer auf der rechten Seite.“

Jack zögerte, als er vor der Tür von Neals Krankenzimmer stand. Dann gab er sich einen Ruck und klopfte. Keine Antwort erfolgte. Jack öffnete die Tür und trat ein.

Es roch nach Rauch. Offenbar hatte Fulton während der Unterhaltung mit Neal eine Zigarette angesteckt, Neal selbst war Nichtraucher. Von dem Verletzten war nichts zu sehen. Er hatte die Decke bis über den Kopf gezogen. Man sah jedoch unter der Decke die Umrisse des Körpers.

Jack trat an das Bett. „Neal!“, sagte er.

Keine Antwort erfolgte. „Neal!“, wiederholte Jack, diesmal etwas lauter. Im Bett rührte sich nichts.

Jack bückte sich und zog vorsichtig die Decke zurück.

Im Bett lag nur ein Bündel Kleider. Man hatte sie so hingelegt, dass sie unter der Decke den Konturen eines schlafenden Menschen ähnelten.

Jack stieß einen dünnen Pfiff aus. Ob Neal unter dem weißen Laken des Operationswagens gelegen hatte? Er warf einen Blick in den Kleiderschrank und unter das Bett, dann verließ er mit raschen Schritten den Raum.

Auf dem Weg zum Office der Oberschwester traf er einige Pfleger und zwei Ärzte. Er nahm sich nicht die Mühe, sie an zusprechen.

Als er die Glasbox der Oberschwester betrat, blickte die Schwester würdevoll von ihrer Schreibarbeit in die Höhe. „Nun, was gibt es diesmal?“, fragte sie.

„Das Zimmer zweiundachtzig ist leer, Schwester! Der Patient ist verschwunden!“, rief Jack. „An seiner Stelle liegt ein Bündel Herrenkleidung im Bett.“

Die Schwester warf den Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte. „Sie waren also dort!“, meinte sie vorwurfsvoll.

Jack zog die Tür hinter sich ins Schloss. „Darum geht es jetzt doch nicht! Er ist verschwunden.“

Die Oberschwester spitzte die Lippen. „Moment, bitte“, sagte sie. Sie griff nach dem Telefonhörer und wählte eine Nummer.

„Schwester Grace?“, fragte sie. „Wie ich soeben höre, befindet sich der Patient von Zimmer zweiundachtzig nicht in seinem Bett. Was sagen Sie dazu?“ Sie hörte einige Sekunden angestrengt auf das, was am anderen Ende der Leitung geäußert wurde, dann legte sie auf. „Schwester Grace wird sich sofort darum kümmern.“

„Sie wird nichts anderes feststellen können als ich“, meinte Jack. „Auf dem Weg zum Zimmer traf ich eine junge, auffallend hübsche Schwester mit einem Operationswagen. Auf dem Wagen lag ein Patient, der mit einem weißen Laken bedeckt war.“

„Wie sah die Schwester aus?“, unterbrach die Oberschwester Jack.

„Sie hatte ein schmales, sehr apartes Gesicht mit großen, graugrünen Augen, dunkelblondes, kurz geschnittenes Haar, und ungewöhnlich dichte, lange Wimpern.“ Er räusperte sich. „Sie entsprach ziemlich genau dem Klischee, das man sich in Hollywood von einer attraktiven Schwester macht. Ich würde sie übrigens jederzeit wiedererkennen, auch ohne Tracht.“

„In meiner Abteilung gibt es keine dunkelblonde Kollegin mit graugrünen Augen“, erklärte die Oberschwester. „Außerdem ist für jetzt keine Operation vorgesehen. War das Gesicht des Patienten frei?“

„Nein, es war von dem Laken bedeckt.“

„So etwas geschieht nur bei Todesfällen“, sagte die Oberschwester stirnrunzelnd. „Da wir seit gestern keine Abgänge zu verzeichnen haben, muss ich befürchten, dass hier ein Verbrechen passiert ist!“

„Wie und wo kann die falsche Schwester mit dem Wagen das Gebäude verlassen haben?“

„Mit dem Transportfahrstuhl C oder D“, sagte die Oberschwester. „Beide Lifts führen direkt in den Keller, oder in die oberen Etagen, zu den Operationssälen. In unserem Fall ist freilich anzunehmen, dass der Kranke im Keller ausgeladen wurde.“

Jack öffnete die Tür. „Rufen Sie Fultons Office an!“, bat er. „Wir sehen uns später.“ Drei Minuten später sprach er im Kellergeschoss mit einem einarmigen Portier. „Ja“, erklärte der Portier, „vor einigen Minuten ist ein Kranker überführt worden.“

„Wohin?“

„In die Privatklinik von Dr. Sutherland. Die Schwester konnte sich ordnungsgemäß ausweisen.“

„Beschreiben Sie die Schwester, bitte.“

Der Portier grinste. „Sie war ein richtiger Knüller, blond und bildhübsch.“ Er seufzte. „So etwas kriegen wir hier nicht zu Gesicht! Na ja, kein Wunder — die Privatkliniken zahlen besser.“

„Was verstehen Sie unter ordnungsgemäß ausweisen?“, wollte Jack wissen.

„Sie hatte einen Brief dabei, mit bedrucktem Briefkopf. Ich kenne die Sutherland Klinik. Das ist ein stinkvornehmer Laden. Wer dort länger als vier Wochen braucht, um gesund zu werden, ist ein armer Mann.“

„Was stand in dem Brief?“, unterbrach Jack ungeduldig.

„Na, das übliche. Dass die Schwester ermächtigt sei, den Patienten Soundso aus unserem Haus in die Sutherland Klinik zu überführen.“

„Wer hatte den Brief unterzeichnet?“

„Keine Ahnung! Ich habe es seit Langem aufgegeben, das Gekraxel unserer Herren Doktoren entziffern zu wollen. Ist irgendetwas schiefgelaufen? Warum fragen Sie überhaupt?“

„Darf ich mal Ihr Telefon benutzen?“

„Bitte.“

Jack rief die Sutherland Klinik an. Nachdem er seinen Namen genannt hatte, fragte er: „Erwarten Sie heute einen Patienten aus dem Sydenham Hospital?“

„Nein, Sir, ganz bestimmt nicht.“

„Danke“, sagte Jack und legte auf. Er blickte den Portier an. „Es war eine Entführung.“

„Unmöglich!“, protestierte der Portier. „Ich kenne doch den Ambulanzwagen der Privatklinik! Am Wagenschlag steht groß und breit Sutherland Klinik.“

„Wer hat den Wagen gefahren?“

„Ein Mann. So genau habe ich ihn mir nicht angesehen.“

Jack wählte abermals die Nummer der Sutherland Klinik. „Ist Ihr Ambulanzwagen unterwegs?“, erkundigte er sich.

„Wir haben drei“, wurde ihm mitgeteilt, „aber einer ist uns heute Morgen gestohlen worden.“

Jack legte auf. Er fuhr mit dem Lift nach oben.

„Lieutenant Fulton trägt für das Geschehen die volle Verantwortung!“, sagte die Oberschwester aufgeregt. „Offenbar hat er die Schwere des Falles unterschätzt.“

„Sagen Sie mir rasch, in welchem Zustand sich Mr. Wymgray befindet.“

„Zwei seiner Rippen sind angebrochen. Die Unterlippe ist aufgeplatzt, wir mussten sie nähen. Das Gleiche gilt für die rechte Augenbraue. Sein Gesicht ist verquollen und zum Teil blutunterlaufen. Er bietet keinen sehr hübschen Anblick.“

„Sonst ist er gesund?“

„Ja. Natürlich war er außerstande, sich gegen einen Entführer zur Wehr zu setzen.“

„Er hätte schreien können.“

„Das ist richtig.“

„Hm“, machte Jack und überlegte. „Sicher hielt er die Schwester für eine Krankenhausangestellte. Sie brauchte nur an sein Bett zu treten und ihm einen mit Chloroform getränkten Wattebausch auf’s Gesicht zu pressen.“

„Sie muss Helfer gehabt haben“, meinte die Oberschwester. „Mr. Wymgray ist ein sehr großer, starker und kräftiger Mann. Eine zierliche Frau dürfte es kaum schaffen, den schweren Körper auf einen Operationswagen zu betten.“

„Das sind sekundäre Fragen“, antwortete Jack. „Ich rufe Sie später noch einmal an.“ Er verließ das Office und ging nochmals in das Zimmer Nummer zweiundachtzig.

Dort befand sich eine ziemlich aufgeregte, brünette Schwester, die damit beschäftigt war, einen Herrenanzug auf den Bügel zu hängen. Es war der Anzug, der im Bett gelegen hatte.

„Ist das Mr. Wymgrays Kleidung?“, fragte Jack, nachdem er sich vorgestellt hatte.

„Ja, Sir.“

„Haben Sie die Taschen durchsucht?“

„Nein, Sir — aber soviel ich weiß, ist das vor der Einlieferung durch die Polizei besorgt worden.“

Jack schaute sich den Anzug an. Auf der Innenseite befand sich das Etikett eines sehr exklusiven Herrenschneiders aus Los Angeles. Die Taschen waren leer — bis auf ein Streichholz. Das Streichholz war flach und schwarz lackiert, der Zündkopf war weiß. Offenbar handelte es sich um ein Streichholz aus einer Spezialanfertigung. Jack nahm das Streichholz an sich.

Wenig später fuhr er mit seinem Porsche zum Statler Hotel. Das New Yorker Statler ist das modernste Haus dieser bekannten Hotelkette, es wird von Leuten bevorzugt, die den Luxus des Waldorf Astorias genießen wollen, ohne von dem Rummel gestört zu werden, der den Aufenthalt im Waldorf zuweilen etwas anstrengend machen kann.

Jack unterhielt sich mit dem Portier. „Mr. Wymgray hat das Zimmer Nummer 26, Sir“, sagte der sehr distinguiert wirkende Portier. „Es liegt in der ersten Etage und ist eigentlich ein Doppelzimmer mit Diele und Bad — sehr beliebt, aber auch sehr teuer.“

„Sie wissen, was Mr. Wymgray zugestoßen ist?“

„Selbstverständlich, Sir. Ich habe mit Mr. Fulton gesprochen, der die Untersuchung leitet. Eine höchst bedauernswerte Geschichte! Ich wünschte, es würde der Polizei endlich gelingen, diese Stadt von ihren kriminellen Elementen zu säubern.“

„Hat sich Mr. Fulton für Mr. Wymgrays Gepäck interessiert?“, fragte Jack.

„Nein, Sir.“

„Die Koffer sind also noch in Mr. Wymgrays Zimmer?“

„So ist es, Sir.“

„Wie kommt es, dass man eine Rechnung in Mr. Wymgrays Tasche gefunden hat? Hatte er vor, abzureisen?“

„Davon weiß ich nichts. Gäste, die längere Zeit bei uns wohnen, erhalten wöchentliche Abrechnungen. Das ist eine administrative Maßnahme, um der Buchhaltung die Arbeit zu erleichtern.“

„Mr. Wymgray ist ohne Begleitung hier im Hotel eingetroffen?“, fragte Jack.

„Ja, Sir.“

„Hat er viel Gepäck mitgebracht?“

„Das übliche — zwei Koffer und eine Tasche. Ich erinnere mich, dass er bei seiner Ankunft sagte, sein Aufenthalt würde sich auf etwa acht bis zehn Tage beschränken.“

„Wissen Sie, welche Geschäfte ihn nach New York führten?“, fragte Jack.

„Das entzieht sich meiner Kenntnis, Sir.“

„Empfing er oft Besuch?“

„Zwei oder dreimal ist eine Dame bei ihm gewesen.“

„Ein Hotelgast?“

„Nein, Sir. Die junge Dame war sehr attraktiv.“

„Dunkelblond?“

„Ja — ihre Augen waren graugrün. Mir ist das deshalb aufgefallen, weil sie ein Kleid von der gleichen Farbe trug.“

„Wann war sie das letzte Mal hier?“

„Lassen Sie mich nachdenken“, meinte der Portier und legte einen Finger an die Lippen. „Jetzt habe ich’s! Vor drei Tagen.“

„Darf ich mal einen Blick in sein Zimmer werfen?“

„Bedaure, Sir, ich bin nicht befugt, Ihnen diese Erlaubnis zu erteilen.“

Jack holte seine Karte aus der Brieftasche. „Würden Sie mich bitte anrufen, wenn Sie etwas von Mr. Wymgray hören?“, fragte er. Er griff in die Brieftasche und entnahm ihr eine Zehn-Dollar-Note. „Für eventuelle Auslagen“, sagte er.

Der Portier verbeugte sich. „Verbindlichsten Dank“, murmelte er. Die Höhe des Trinkgeldes beeindruckte ihn. Er fühlte sich verpflichtet, Jack einen Gefallen zu tun.

„Hier ist der Schlüssel für Nummer 26“, sagte er halblaut und im Verschwörerton. „Sehen Sie sich meinetwegen in dem Zimmer um — aber versprechen Sie mir bitte, nichts mitzunehmen.“

„Nichts außer einigen Beobachtungen!“, versprach Jack lächelnd und nahm den Schlüssel an sich.

Das Zimmer Nummer 26 war ein ungewöhnlich großer, rechteckiger Raum, dessen moderne Einrichtung in zarten Pastellfarben gehalten war. Ein blasses Grün dominierte. Das Bett war gemacht, das Zimmer hinterließ einen ausstellungshaften, unbewohnten Eindruck. Lediglich die beiden Koffer auf dem cremefarbigen Kleiderschrank machten deutlich, dass das Zimmer belegt war.

Jack öffnete den Kleiderschrank. Neal Wymgray hatte drei Anzüge mitgebracht. Es fiel Jack auf, dass sich kein Abendanzug darunter befand. Neal ging sonst gern ins Theater und auf Gesellschaften. Das Fehlen dazu geeigneter Kleidung ließ vermuten, dass ihn rein geschäftliche Gründe nach New York geführt hatten.

Jack untersuchte die Anzugtaschen. Er fand nichts von Bedeutung — nur einen verknitterten Stadtplan, ein Päckchen mit Kleenex-Tüchern, ein halbes Dutzend Visitenkarten mit Neals eigener Anschrift, und einen goldenen Parker-Füllhalter.

Jack nahm die beiden Koffer vom Schrank und öffnete sie. In einem Koffer befanden sich Hemden und frische Unterwäsche, der andere Koffer enthielt die Schmutzwäsche.

Jack wollte die Koffer schon wieder abschließen, als er an einem der getragenen Oberhemden einen dunklen Fleck gewahrte. Er schob das Hemd zur Seite und spürte, wie sein Herz plötzlich einen Sprung machte.

In dem Koffer lag ein Messer.

Es war ein Messer von der Art, wie Pfadfinder sie bevorzugen, ein solides Stück mit einem Hirschhorngriff und einer gut fünf Zoll langen Klinge.

Die Länge war jedoch nicht das Besondere an diesem Messer. Jacks Erschrecken wurde durch einen anderen, sehr viel auffälligeren Umstand hervorgerufen.

Die Klinge war bis zum Heft mit Blut befleckt.

Jack bezweifelte nicht, dass es sich dabei um das Blut eines Menschen handelte.

Einige Sekunden lang kontrollierte Jack gedankenverloren den seltsam schleppenden Rhythmus seines Pulses. Dann legte er das Hemd über das Messer und verschloss den Koffer. Zusammen mit dem anderen Gepäckstück schob er ihn zurück auf den Kleiderschrank.

Dabei fiel ihm ein, dass der Portier von zwei Koffern und einer Tasche gesprochen hatte. Wo befand sich die Tasche?

Jack blickte sich im Zimmer um. Er konnte keine Tasche finden.

In diesem Moment hörte Jack hinter sich ein Geräusch.

Er wirbelte auf den Absätzen herum.

Die Tür zum Badezimmer öffnete sich. Auf der Schwelle erschien eine rothaarige junge Dame, deren Aussehen vermuten ließ, dass sie sich über die äußeren Vorzüge ihrer Erscheinung durchaus im Klaren war. Sie machte einen kühlen und sogar arroganten Eindruck. „Was tun Sie hier?“, fragte sie.

Jack grinste. „Das wollte ich gerade Sie fragen!“

„Ich habe ein Recht, hier zu sein!“

„Tatsächlich? Worauf gründet es sich denn?“

„Ich bin Denise Wymgray!“

„Neals Schwester?“

„Sie kennen Neal?“, fragte das Mädchen und legte die Stirn in Falten.

„Wir sind alte Freunde. Mein Name ist Jack Braden.“

„Der Privatdetektiv? Mein Bruder hat oft von Ihnen erzählt. Sie waren mit ihm auf dem College, nicht wahr?“

„Ja. Es war eine herrliche Zeit. Neal und ich galten als unzertrennlich.“

„Ich weiß“, sagte das Mädchen. Sie betrachtete Jack mit nachdenklicher Neugierde, ein wenig amüsiert aber auch etwas traurig, als sei es schmerzlich für sie, an Dinge erinnert zu werden, die sich nie wieder zum Leben erwecken ließen. „Wenn er von Freunden und Freundschaft spricht, von Loyalität und Zuverlässigkeit — dann fällt unweigerlich der Name Jack Braden!“

„Was tut er hier in New York?“

„Oh — das ist eine private Angelegenheit“, sagte das Mädchen gedehnt.

„Wann sind Sie angekommen?“

„Heute Morgen, mit der zehn Uhr dreizehn Maschine.“

„Sie haben also erfahren, was geschehen ist?“

„Lieutenant Fulton hat mich telefonisch verständigt.“

„Waren Sie bereits im Hospital?“

„Nein, da will ich gleich hin.“

„Weshalb sind Sie erst zum Hotel gefahren?“, erkundigte sich Jack. „Sie wissen doch, dass er nicht hier ist!“

Denise Wymgray schien ein paar Sekunden lang in Verwirrung zu geraten. Dann hob sie das Kinn und sagte ärgerlich: „Das klingt ja wie ein Verhör! Was sollen diese Fragen?“

„Ich versuche herauszufinden, weshalb Neal entführt worden ist“, sagte Jack.

Die Augen des Mädchens weiteten sich. Es waren große, sehr helle Augen, deren Aquamarinblau sich harmonisch in das zarte Gesichtsoval einfügte. Das brennende Rot des Haares bildete dazu einen fesselnden Kontrast.

Denise Wymgray war etwa zweiundzwanzig Jahre alt. Sie trug ein cremefarbiges, fast weißes Stadtkostüm im Chanel Schnitt, dessen Tönung weder mit der Augen noch mit der Haarfarbe zu konkurrieren versuchte und das die Schönheit des jungen Mädchens geschickt betonte. Die hochhackigen Pumps waren aus dem gleichen Material wie die große Krokodillederhandtasche.

An Schmuck entdeckte Jack an dem Mädchen nur einen Ring, dessen Solitär hatte freilich gut und gern ein Gewicht von fünf Karat.

„Entführt?“, echote das Mädchen mit sehr schwacher, verblüffter Stimme.

Jack nickte und schilderte kurz, was er im Sydenham Hospital erlebt hatte.

„Fantastisch!“, sagte Denise. Sie biss sich auf die Unterlippe und blickte an Jack vorbei.

„Haben Sie eine Erklärung für das Geschehen?“, erkundigte sich Jack.

„Nein“, sagte das Mädchen, aber Jack hatte das Gefühl, dass sie nicht die Wahrheit äußerte.

„Wie sind Sie eigentlich in das Zimmer gekommen?“, erkundigte er sich.

„Der Etagenkellner hat mich reingelassen.“

„Was haben Sie im Bad getan?“

Zwischen den hellblauen Augen des Mädchens bildete sich eine nadelfeine Falte. „Fangen Sie schon wieder mit der Fragerei an? Ich habe mich frisch gemacht — ein bisschen Lippenstift aufgelegt, das ist alles.“

„Sie wissen, dass ich Neals Freund bin. Sie kennen auch meinen Beruf. Es ist nicht Misstrauen, das meine Fragen veranlasst. Ich fühle mich nur verpflichtet, das mysteriöse Dunkel zu lichten, in das der Fall getaucht ist.“

„Hat jemand Sie darum gebeten, sich darum zu kümmern? Haben Sie den offiziellen Auftrag erhalten, sich um Neals Verschwinden zu kümmern?“, fragte Denise.

„Nein, aber Neal ist mein Freund, und das verpflichtet!“, erklärte Jack.

„Männerfreundschaften!“, sagte das Mädchen. Es klang fast ein wenig verächtlich. „Was ist das schon! Die Gemeinsamkeiten beschränken sich auf den Hang für Golf, Angeln oder Baseball und auf die Fähigkeit, in irgendeiner Kneipe herumsitzen zu können, um dort gemeinsam eine bestimmte Whiskysorte in unglaublich kurzer Zeit aus dem Verkehr zu ziehen.“

„Wir reden aneinander vorbei. Ihre Definitionen von Männerfreundschaften interessieren mich nicht, sie treffen auf das, was Neal und mich verbindet, nicht zu. Diese Freundschaft existiert, und damit basta. Wir vergeuden nur Zeit und Worte! Sie scheinen nicht begreifen zu können oder zu wollen, dass Ihr Bruder das Opfer eines Verbrechens geworden ist! Es muss doch in Ihrem Interesse liegen, dass es schnellstens aufgeklärt wird.“

Das Mädchen blickte Jack an. Ihre Augen schimmerten wie eine Eisfläche in der Morgensonne. „Nein“, sagte sie, „daran bin ich keineswegs interessiert!“

Jack brauchte einige Sekunden, um die Bedeutung der Worte zu verkraften. „Ihnen ist es egal, was mit Ihrem Bruder geschieht?“, fragte er einigermaßen fassungslos.

„O nein, das ist mir nicht egal“, widersprach das Mädchen. „Ich weiß nur zufällig, dass er sich auf ein Unternehmen eingelassen hat, das zum Scheitern verurteilt ist. Aus Gründen, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen kann, muss ich Sie bitten, auf jede weitere Nachforschung zu verzichten.“

„Bedaure, aber dieser Bitte kann ich nicht entsprechen.“

„Warum? Begreifen Sie denn nicht, dass ich nur an unseren guten Namen denke? Es ist schon schlimm genug, dass der Name Wymgray im Zusammenhang mit einer Schlägerei in einer hiesigen Zeitung erwähnt wurde. Ich hoffe nur, dass die Presse in Los Angeles keinen Wind davon bekommt. Wie Sie wissen, ist unsere Familie in Kalifornien hochgeachtet.“

„Über die Schlägerei wird man in Los Angeles kaum berichten“, meinte Jack, „obwohl ich korrigierend sagen möchte, dass es ein gemeiner Überfall war. Aber was, glauben Sie, würde wohl im Falle eines Mordes geschehen?“

Denise schluckte. „Mord?“, fragte sie. „Wissen Sie überhaupt, was Sie da sagen?“

„Sie scheinen sich über den Ernst der Lage nicht ganz klar zu sein. Es war keine einfache Schlägerei. Wenn die Polizeistreife nicht zufällig des Weges gekommen wäre, hätten Sie jetzt keinen Bruder mehr! Er wäre nämlich verblutet.“

„Das ist nicht wahr!“

„Ich denke, Sie haben mit Fulton gesprochen? Der weiß genau Bescheid. Falls Sie jedoch irgendwelche Zweifel an der Wahrheit meiner Angaben haben sollten, können Sie sie leicht durch einen Anruf im Sydenham Hospital zerstreuen!“

„Ich bringe das in Ordnung“, murmelte das Mädchen und ging zur Tür.

Jack fragte: „Wie?“

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein.“

Jack folgte dem Mädchen. „Ich lege auf Ihre Begleitung keinen Wert!“, sagte Denise, als sie die Treppe hinabschritt.

„Aber ich auf die Ihre“, meinte er. „Sie schulden mir noch die Antworten auf einige Fragen.“

„Niemand kann mich zwingen, diese Antworten gegen meinen Willen zu geben.“

„Ihr Gewissen sollte Sie dazu zwingen, der Familiensinn, das Verantwortungsgefühl für den leiblichen Bruder.“

„Hören Sie auf damit! Moralpredigten haben schon immer meinen Widerwillen hervorgerufen.“

„Warum sind Sie nicht gleich zum Sydenham Hospital gefahren? Was wollten Sie im Hotel?“, bohrte Jack. „Haben Sie etwas Bestimmtes in Neals Zimmer gesucht — oder gebracht?“

Sie hatten das Ende der Treppe erreicht. Das Mädchen blieb stehen und starrte Jack an. Der Eisschimmer in ihren Augen intensivierte sich. „Gebracht?“, fragte sie.

„Ein Messer zum Beispiel.“

„Ein Messer? Ich verstehe kein Wort.“

„Warum sind Sie hierhergekommen?“ Denise wandte sich mit einem Ruck zum Gehen. Jack gab den Schlüssel beim Portier ab. Er holte das Mädchen erst wieder vor dem Hotel ein. „So leicht werden Sie mich nicht los“, sagte er.

Denise rümpfte die Nase. „Ich habe genug Krimis gelesen, um zu wissen, dass Privatdetektive eine besonders dickfellige Menschensorte sind.“

„Das, was Sie bei mir für Dickfelligkeit halten, ist einfach der Wunsch und Willen, Neal aus der Klemme zu helfen.“

„Hat er Sie darum gebeten?“

„Nein“, sagte Jack bitter. „Das macht die Geschichte ja so absurd! Er hat sich im Krankenhaus sogar ganz ausdrücklich meinen Besuch verbeten.“

„Na, bitte!“, meinte Denise triumphierend. „Ihm ist, genau wie mir, daran gelegen, diese Angelegenheit ohne fremde Einmischung aus der Welt zu schaffen!“ Sie winkte ein Taxi heran.

„Ohne fremde Einmischung!“, sagte Jack bitter. „Wie würden Sie denn wohl einen Überfall durch drei Schlägertypen bezeichnen — oder die Entführung aus dem Krankenhaus durch eine nachgemachte Schwester, hm?“

Ein Taxi hielt am Rand des Bürgersteigs. Der Fahrer öffnete von innen die Tür des Wagenfonds. „Lassen Sie die Finger davon, bitte!“, sagte das Mädchen zu Jack. Ihre Stimme war auf einmal überraschend weich und bittend. „Es ist besser so. Besser für die Wymgrays — und besser für Sie!“

Die letzten Worte klangen schon wieder wie eine versteckte Drohung.

Das Mädchen stieg ein und zog den Schlag hinter sich zu. Das Taxi fuhr los.

Jack spurtete zu seinem Porsche, der etwa dreißig Meter von dem Hoteleingang entfernt parkte. Er setzte sich in den Wagen und startete.

Die Maschine sprang nicht an. Jack versuchte es ein zweites und drittes Mal. Ohne Erfolg. Er stieg aus und öffnete die im Heck liegende Motorhaube. Er sah sofort, was passiert war. Irgendjemand hatte die Kappe des Zündverteilers abgenommen. Jack befestigte die Kappe und wischte sich dann die Finger an einem Lappen ab.

Das Taxi war längst außer Reichweite.

Jack setzte sich wieder ans Steuer und dachte nach. Es gab eine ganze Menge, worüber es sich den Kopf zu zerbrechen lohnte.

Neal blieb dabei der Pol, um den sich alles drehte. Er steckte in Schwierigkeiten, das war klar. Woran lag es, dass Neal sich geweigert hatte, seine, Jack Bradens, Unterstützung, in Anspruch zu nehmen?

Und warum stemmte sich auch Denise, Neals Schwester, gegen eine Aufklärung, die der Lösung des merkwürdigen Falles dienen konnte?

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738922653
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
jack braden mörderischer freundschaftsdienst thriller

Autor

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Titel: Jack Braden - Mörderischer Freundschaftsdienst: Ein Jack Braden Thriller #7