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Die Bärenfalle - Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 12

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 12: Die Bärenfalle

Tomos Forrest and Joachim Honnef

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 12: Die Bärenfalle

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von Joachim Honnef / Tomos Forrest

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Zyklus: Wilde Jugendjahre in Cornwall, Band 6

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Meyer, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Es war schon ein dreistes Stück, welches sich die Verbrecher ausgedacht hatten. Ausgerechnet ein Fest auf Launceston Castell wollten sie nutzen, um die Schatzkammer des Sheriffs zu plündern. Als Bärenattraktion traten sie auf und hatten zunächst auch Erfolg. Aber schon bald wurde klar, dass die geheimnisvolle Auftraggeberin der Bande ein falsches Spiel trieb. Und dann kamen auch noch zwei weitere Bären ins Spiel, als Morgan mit seinen beiden treuen Gefährten die Ermittlungen aufnahm und die Situation außer Kontrolle geriet ...

***

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1.

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Hört, ihr Leute, hört die neueste Ballade von Johel de Vautort!“

Die Menschenmenge, die sich bei der Ankunft des berühmten Minnesängers auf dem Marktplatz angesammelt hatte, drängte näher. Jeder wollte einen Blick auf Johel erhaschen.

Er schlug einen Akkord auf der Laute und blickte mit gewinnendem Lächeln in die Runde. Manch Frauenbusen wogte vor Erregung ob dieses Lächeln, das jeder ganz allein zu gelten schien.

Das Stimmengewirr verstummte, und erwartungsvolle Stille setzte ein. Doch der Minnesänger ließ das Volk noch etwas warten. Entweder genoss er die schmachtenden Blicke seiner Verehrerinnen, die sich allesamt in den ersten Reihen drängten, oder er wollte mit seinem Zaudern die Spannung vergrößern.

„Fang schon an, was du da wieder verzapft hast“, brummte ein Fuhrmann verdrossen. Der Minnesänger lächelte immer noch. Blitzenden Auges sah er zu dem unbeeindruckten Fuhrmann hin.

„Du meinst, ihr könnt es nicht erwarten, dass ich euch zu Gehör bringe, was ich wiederum genial gereimt und intoniert habe“, sagte er ein wenig von oben herab, bedachte eine kleine Wäscherin mit einem glutvollen Blick, und als sie errötend den Kopf senkte, schaute er Beifall heischend in die Runde. „Nun denn, so will ich den schönen Damen zu Ehren meine neue Ballade vortragen.“

Und er sang zum Spiel der Laute.

Gebannt lauschte die Menge. Es war eine atemberaubende Mär von Ritter Morgans neuer Ruhmestat, von den tapferen Soldaten des High Sheriffs of Cornwall, Cynan und Rhodri, von einem geraubten Schatz, von einer reizenden Tänzerin und einer reißenden Bärenbestie, vom Schrecken auf Castel Abhainn, von Ritter Morgans tollkühnem Kampf in der Bärenfalle ...

Nur einer war nicht gar so gespannt wie die anderen Zuhörer. Denn er kannte Text und Musik nur zu genau.

Johel de Vautort.

Der Richtige.

Und als der andere die gestohlene Ballade vortrug, dachte Johel de Vautort grimmig:

Na warte, du Lump, die Sache wird ein Nachspiel haben!

*

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Und so hatte alles begonnen:

Der Truchsess war nervös. Er tupfte sich mit einem Tuch über das hochrote Gesicht, raufte sich die schütteren, grauen Haare und schnäuzte sich in das schon schweißgetränkte Tuch. „Es ist zum Haareraufen!“, seufzte er. Der Mann mit der Trommel spielte falsch.

Er hatte die erstaunliche Gabe, immer dann auf die Trommel zu hauen, wenn es nicht angebracht und bar jeden Taktgefühls war, und er tat rein gar nichts, wenn heftiges Trommelschlagen angezeigt war.

Wenn die Fanfaren ertönten und auf die Unterstützung der Trommel hofften, bohrte sich der Trommelschläger gelangweilt in der Nase und ließ seinen Blick über die Tribüne mit den Ehrengästen schweifen.

Der Truchsess tupfte sich wie rasend die Stirn und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass dieser Trommler sich auf seine Pflicht besinnen möge.

Das tat der dann auch, wenn die Drehleier ansetzte, oder wenn die Partitur einige Takte Pause verlangte oder gar, wenn Sir Ronan of Launceston, Sheriff von Cornwall, zu einer feierlichen Ansprache ansetzte. Dann hämmerte der Kerl wie verrückt auf seiner Trommel herum.

Einmal war Sir Ronan recht befremdet gewesen, denn die Trommel hatte ihn volle fünf Minuten nicht zu Wort kommen lassen. Eine peinliche Situation. Ein anderer Musiker hatte eingegriffen. Er wollte dem Trommler das Handwerkszeug wegnehmen, dabei war es zu einem kurzen Kampf gekommen, und fast hätte der Trommler den kahlen Schädel des schmächtigen Drehleierspielers als Trommel benutzt. Im Grunde hatte Sir Ronan die Situation gerettet, indem er flugs die Gunst des Augenblicks genutzt und seine Rede gehalten hatte. Eine wesentlich verkürzte Rede, wie der Truchsess vom Protokoll her wusste.

Gerade trug Johel de Vautort zum Hochzeitstag von Sir Ronan und Lady Gilian seine neueste Ballade vor. Mit der unnachahmlich einschmeichelnder Stimme sang er zum Klang der Laute.

Da hämmerte die Trommel los, dass man meinen konnte, die würdigen Mauern von Launceston Castle müssten einstürzen.

„Es ist zum Haareraufen“, stöhnte der Truchsess erneut. „Man müsste diesen Dummkopf für immer zum Schweigen bringen!“

„Und wie?“, murmelte einer der Diener. „Wir haben doch alles versucht.“

Das stimmte.

Die Musiker hatten sich geweigert, ohne Trommel anzutreten. Der bewährte Trommler war leider erkrankt. „Ohne Trommel keine Musik“, hatten sie beharrt. So hatte sich der Hufschmied von Launceston als Musiker angeboten. Er lauerte schon seit Langem auf eine neue Karriere.

Schon bei den Proben war sein Eigensinn aufgefallen, doch der Hufschmied hatte versprochen, die Trommel nur auf einen Wink des Nachbarn hin zu bearbeiten.

Doch jetzt hielt er sich nicht daran.

Eine Zeit lang hatte der Truchsess gehofft, das Publikum würde die Fehlschläge nicht bemerken, doch diese Hoffnung wurde immer schwächer.

Johel de Vautort beendete die Ballade, und der begeisterte Applaus ging fast unter Trommelschlägen unter. Der ehemalige Hufschmied hämmerte, als gelte es einen Amboss in den Boden zu schlagen. Vielleicht hatte ihn Johels Ballade in Ekstase versetzt, oder er wollte von Johels Ruhm abstauben und geschwind die allgemeine Aufmerksamkeit zu seinem Solo missbrauchen. Der Kerl war nicht mehr zu bremsen.

Der Truchsess raufte sich abermals die Haare, tupfte sich über die Stirn und schnäuzte sich. Besorgt spähte er zur Ehrentribüne und sah bangen Herzens, dass Sir Ronan, seine Gemahlin und die meisten der Ehrengäste zum Podium mit den Musikern und dem entfesselten Trommler blickten. Mit recht versteinerten Mienen, wie der Truchsess fand.

Doch plötzlich gab Sir Ronan einen dezenten Wink, und jäh wurde es still. Totenstill. Wunderbar still.

Der Truchsess seufzte dankbar und vergaß ganz, sich zu schnäuzen, zu tupfen und zu raufen.

„Die große Bärennummer!“, rief der Truchsess, blickte zu dem Wagen mit den Gauklern und klatschte in die Hände. Geraune setzte ein und erstarb allmählich.

Der Bärenführer tippte den gewaltigen Braunbären mit einem silbernen Stöckchen an. Der Bär ließ ein leichtes Grollen hören und setzte sich tapsig in Bewegung. Die Kette an seinem Fuß klirrte. Dann standen Bärenführer, seine hübsche Assistentin und der Bär auf der kleinen Bühne, die eigens für diese Feier im Innenhof von Launceston Castle errichtet worden war.

Die Gaukler verneigten sich. Applaus brandete auf. Der Bär knurrte, als es etwas stiller wurde. Der Bärenführer blickte zu den Musikern, die jetzt spielen sollten.

Schließlich besannen sie sich auf ihre Pflicht, und der vorgesehene „Bärentanz“ begann. Er klang recht melodisch – ohne Trommel. Dafür wiegte sich eine sehr hübsche Gauklerin mit dem Bären neben sich in den Hüften.

„Tolle Bärennummer“, sagte der Bedienstete, der grinsend neben dem Truchsess stand, ohne den Blick von der Szene zu nehmen. „Hoffentlich findet Sir Ronan die Gauklerin neben dem Bären nicht ein wenig zu gewagt.“

„Und erst Lady Gilian!“, seufzte der Truchsess. Verzweifelt dachte er, dass er sich vermutlich nach diesem Auftritt eine neue Stellung suchen musste. Dies war sein Schicksalstag, das spürte er. Zuerst dieser verdammte Trommler, und jetzt diese nicht vereinbarte Schau der Gauklerin, die ins Frivole abzugleiten drohte.

Der Truchsess schnäuzte sich, und es klang fast wie ein Schluchzen.

Die schöne Gauklerin tanzte immer gewagter, und der Truchsess glaubte in der Miene von Lady Gilian und auf den Gesichtern einiger Hofdamen eine gewisse Entrüstung zu erkennen. Der Sheriff blickte eher interessiert, doch das konnte die Tragödie sicherlich nicht mehr aufhalten.

In diesem Augenblick geriet der Trommler aus dem Häuschen. Er setzte alles daran, den „Bärentanz“ zu zerhämmern. So zügellos wie die Gauklerin tanzte, schlug er auf die Trommel ein, und einige ohnehin nervöse Musiker verspielten sich.

„Das ist das Ende“, stöhnte der Truchsess.

Er sollte sich irren. Es war erst der Anfang.

Die schöne Tänzerin geriet kurz aus dem Takt, blickte irritiert zu den Musikern, verharrte dann lächelnd und verneigte sich.

Applaus setzte ein. Auch Sir Ronan setzte zum Klatschen an, fing jedoch einen Blick seiner Gemahlin auf und tat, als wischte er nur ein Staubkörnchen von seiner Handfläche.

Die schöne Gauklerin verneigte sich noch einmal besonders tief, was wohl als Zugabe gedacht war, und wies dann lächelnd zu dem Bären hin, der gleich darauf zu tanzen begann.

Es war ein gar drolliger Anblick.

Die Musiker gaben auf und überließen dem Trommler die Untermalung. Der Bär geriet nur kurz aus dem Takt und passte sich schließlich den unregelmäßigen Trommelschlägen an. Er tapste nach links, drehte grollend den Kopf, als wollte er sich über den Lärm beschweren, und tapste nach rechts.

Die Zuschauer lachten.

Trommler und Bär waren anscheinend das ideale Gespann. Je wilder die Trommel hallte, desto toller trieb es der Bär. Wie trunken drehte er sich im Kreis, und der Bärenführer hatte Mühe, mit der Kette den Bewegungen zu folgen. Einmal geriet der Bär aus dem Gleichgewicht und plumpste auf alle viere. Doch die schöne Gauklerin sprang kurz für ihn ein, und der Bär richtete sich wieder auf, reckte beide Tatzen hoch und ahmte ihre Bewegungen nach.

Das Publikum lachte und klatschte, und es geriet völlig außer Rand und Band, als die Gauklerin den Bären an einer Tatze nahm und ihn ein paar Takte als Tanzpartner führte.

Selbst der Truchsess musste lachen, und der Schweiß auf seiner Stirn begann zu trocknen.

Der Trommler war von der Darbietung wohl ebenfalls angetan. Er vergaß die Trommel und schaute fasziniert zu. Zum Bedauern aller stellten Bär und Partnerin mit dem letzten Trommelschlag den Tanz ein.

Das Publikum forderte eine Zugabe. Doch weder Bär, Partnerin noch der Trommler rührten sich. Die Begeisterung schlug in Enttäuschung um. Zu kurz hatte die Darbietung gewährt.

„Weiter, weiter!“, rief der Truchsess, doch niemand hörte auf ihn. Die Gaukler zogen mit dem Bären und ihrem Wagen davon.

Der Applaus schlug in Buhrufe um. Und als die Gaukler mitsamt Bär in dem großen Kastenwagen mit dem Bärenkäfig verschwunden waren, setzte eine Stille ein, die für den Truchsess etwas Unheilvolles hatte.

Das ist dein Ende auf Launceston Castle!, dachte er und raufte sich wieder die Haare.

Derweil war auch die Stimmung der Gaukler recht beklommen. Auch für sie hatte die Stille etwas Unheilvolles.

„Wir hätten eine Zugabe geben müssen“, sagte die schöne Gauklerin und wischte sich eine Strähne des langen, blonden Haars aus der Stirn. „Ich hatte die Leute gerade so schön angeheizt.“

„Musstest du so mit dem Oberkörper wackeln?“, zischte der Bärenführer ärgerlich. „Wir sind hier auf Launceston Castle, Stella, vor feinen Leuten und nicht im Freudenhaus, wo du früher getanzt hast!“

„Da habe ich nicht getanzt“, schmollte Stella. „Ich weiß gar nicht, weshalb du dich so aufregst. Meine Schau kommt immer an, ob bei reich oder arm, ob bei fein oder gemein. Hast du nicht gesehen, wie die feinen Leute gestarrt haben? Ich wette, sogar dem Sheriff ist es warm ums Herz geworden.“

„Der Sheriff! Wie versteinert wirkte er!“

Stella lachte leise. „Der Sheriff ist eben auch nur ein Mann.“

Aluin wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Stirn. „Eine solch lasterhafte Schau auf Launceston! Vor Sir Ronan und Lady Gilian! Und noch dazu an ihrem Hochzeitstag!“ Er senkte die Stimme und flüsterte: „Man wird uns in den Kerker werfen oder mit Schimpf und Schande davonjagen. Unser ganzer Plan ist im Eimer.“

„Was sollte ich denn machen?“, verteidigte sich Stella. „Ich kann nun mal nicht anders tanzen. Diese verdammten Musiker waren an allem schuld. Zu diesem seltsamen Takt kann man gar nichts anderes als wackeln.“

„Du hättest vornehmer wackeln können – ich hatte dir gesagt, du sollst dich zurückhalten. Und du zuckst herum wie eine ...“

„Fang nicht wieder davon an“, unterbrach ihn Stella. „Ich bin nur zusammengezuckt, als die verdammte Trommel mich erschreckte.“ Sie lauschte kurz. Fanfaren setzten ein. „Da hörst du’s. Das Programm geht weiter. Noch ist nichts verloren.“

Aluin stieß einen Laut aus, der all seinen Unwillen verriet. „Ich glaube eher, Sir Ronan unterzeichnet unser Todesurteil und sie blasen zu unserer Hinrichtung.“

In diesem Augenblick bewegte sich im Dunkel des Wagens der Bär.

„O Gott!“, seufzte er. Und mit weinerlicher Stimme fügte er hinzu: „Ich habe von Anfang an gewusst, dass das nicht gutgehen kann.“

Und der Bär bekreuzigte sich.

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2.

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Derweil äußerte sich der Truchsess ähnlich pessimistisch wie der Bär.

„Ich hab’s gewusst“, stöhnte er. „Das konnte nicht gut gehen! Ich werde diesem Schmied den Hals umdrehen, bevor man mich ob dieser Pleite vierteilt!“

„Der Hufschmied ist bärenstark“, warf jemand ein. „Er wird sich wehren.“

Das war in der Tat zu bedenken. Der Truchsess suchte sich flugs leichtere Sündenböcke.

„Die sturen Musiker!“, sagte er ärgerlich. „Ich hätte auf die Trommel verzichten sollen!“

„Zum Tanz des Bären war der gar nicht mal so schlecht“, sagte der Diener. „Man konnte beinahe glauben, der sonderbare Rhythmus sei mit dem tapsigen Viech einstudiert.“

Der Truchsess warf ihm einen zweifelnden Blick zu. Dann fand er ein neues Angriffsziel für seinen Zorn. „Diese verdammten Gaukler! Erst so eine – skandalöse Darbietung, und dann geben sie nicht mal eine Zugabe! Denen werde ich ...“

Er verstummte, als sich ein anderer Diener des Sheriffs einen Weg durch die Zuschauer bahnte und sich aufgeregt näherte.

Gerade trat der Feuerschlucker auf.

„Ich bin erledigt“, flüsterte der Truchsess.

Der Diener grinste, unverschämt, wie der Truchsess fand.

„Der Sheriff schickt mich!“, schrie er gegen die wilden Trommelschläge an, die gerade wieder einsetzten. „Ich soll Euch ausrichten ...“

„Wann findet meine Hinrichtung statt?“, brüllte der Truchsess in einem Anflug von Galgenhumor.

„Noch vor dem Abendessen“, erwiderte der Diener und grinste immer noch von einem Ohr bis zum anderen.

„So bald?“ Der Truchsess schluckte. Er blickte zum Himmel, der zu dunkeln begann. Vielleicht noch eine halbe Stunde. Er schloss die Augen.

Die Stimme des Dieners klang wie aus weiter Ferne, als er fortfuhr:

„... sie können es kaum erwarten ... Trommelschlag ... begeistert ... solche Darbietung hätte man nicht erwartet ...“ Drei schnelle Trommelschläge.

„Ich auch nicht“, seufzte der Truchsess. Der Diener sprach weiter gegen die Trommelschläge an, doch der Truchsess hörte nicht mehr hin. Seine Gedanken jagten sich.

Flucht?

Unmöglich! Wegen der vielen Ehrengäste war Launceston Castle abgeriegelt wie eine Festung. Die verstärkten Wachen hatten den Befehl, keine Maus herein- oder hinauszulassen.

Nein, eine Flucht war unmöglich.

Er konnte nur noch beten.

Doch er war so aufgeregt, dass ihm kein richtiges Gebet einfiel. Er stammelte nur vor sich hin: „Herr, lass es nicht geschehen ... Herr, lass es nicht geschehen!“

Letzteres Stichwort brachte ihn trotz seines verwirrten Zustandes auf die Idee, nicht nur den Herrn im Himmel anzuflehen, sondern auch seinen weltlichen Herrn – Sir Ronan.

Wenn er auf die Knie fiel und um Vergebung bat ...

Gedacht, getan.

Seine Beine gaben wie von selbst nach, und dann krächzte er auch schon. „Erbarmen! Habt Erbarmen mit mir!“

Plötzlich war es totenstill.

Jemand packte ihn an den Schultern und zog ihn hoch. Die Henker!, durchfuhr es ihn.

„Was ist denn los?“, hörte er einen Diener in sein Ohr raunen. „Gehört diese Nummer auch zum Programm?“

In diesem Augenblick setzte Applaus ein.

„Wunderbar“, hörte er den Mann. „Ich muss schon sagen, Truchsess, diesmal habt Ihr originelle Einfälle. Kein Wunder, dass der Sheriff und seine Gemahlin begeistert sind. Jetzt klatscht er schon Beifall, wenn sein Truchsess wie vorhin der Bär auf die Knie geht. Nun solltet Ihr aber mit den Gauklern sprechen, auf dass sie noch einmal zu Ehren von Lady Gilian mit dem Bärentanz auftreten.“

Der Truchsess öffnete blinzelnd die Augen. Der Applaus verhallte. Alle starrten ihn an. Und Sir Ronan winkte ihm huldvoll zu.

„Aber ...“ Der Truchsess blickte verständnislos zu dem Diener. Beide grinsten.

„Mich dünkt, er hat bei der Trommelei nicht alles recht verstanden“, sagte der Mann, der ja um die Ängste des Truchsess wusste und genauer hingehört hatte.

Er erklärte dem erstaunten Mann: „Man ist begeistert von der originellen Schau. Der Sheriff hat uns eine Belohnung versprochen, Meister, und wir sollen dafür sorgen, dass die Bärennummer noch einmal aufgeführt wird. Und nun haltet Euch fest, Meister, sie soll mitsamt der reizenden Tänzerin dargeboten werden.“

„Lady Gilian hat eigens darum gebeten“, warf der Diener ein.

„Wieso denn das?“, fragte der Truchsess entgeistert.

„Es gibt bereits Gäste unter den Anwesenden, welche die Trommelkünste des Mannes bewunderten! Der Künstler setzte mit seiner überraschenden Virtuosität neue Maßstäbe in der Musik.“

Der Truchsess sagte nichts. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.

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3.

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Andere waren an diesem Abend auf Launceston Castle ebenfalls von der Entwicklung der Dinge überrascht:

Der Gaukler, als der vergnügte Truchsess förmlich darum bettelte, dass der Bärentanz noch einmal aufgeführt wurde.

Die Tänzerin, die von Aluin ermuntert wurde, ihren Tanz noch einmal zu wiederholen.

Sir Ronan wunderte sich, dass man seinen Schmied für einen Künstler der Trommel hielt.

Einer war allerdings nicht sonderlich überrascht: der Schmied. Er hatte nie an seinem Talent gezweifelt.

Große Zweifel hatte jedoch der Bär.

Er schwitzte in seinem dicken Fell und kam vor Angst fast um.

„Allmächtiger“, stöhnte er, als Aluin ihn und die Gauklerin nach dem Gespräch mit dem Truchsess über den zweiten Auftritt informierte. „Das kann nicht gut gehen. Das halten meine Nerven nicht aus!“

Aluin klopfte ihm gut gelaunt aufs Fell. „Jammer nicht, es läuft doch alles bestens. Du darfst nicht schlapp machen. Denk daran, dass wir bald reich sind.“

„Oder tot“, sagte der Bär mit dumpfer Stimme.

Die Gauklerin versuchte, ihm ebenfalls Mut zuzusprechen.

Dieser Auftritt war ebenfalls erfolgreich, und man verlangte einen dritten.

Das war nicht in ihrem Plan vorgesehen. Doch es blieb Aluin nichts anderes übrig, als zuzusagen.

„Ich kann nicht mehr“, jammerte der Bärendarsteller, als sie wieder im Bärenwagen waren. „Ich bin schweißgebadet und habe vor Angst weiche Knie. Wir sollten verschwinden, bevor der Schwindel auffliegt.“

Der Chef der Gaukler fluchte unterdrückt. „Das hat man davon, wenn man sich mit Anfängern einlässt.“ Er hielt dem Bären drohend die geballte Rechte vor die Nase. „Du tust, was ich dir sage, oder ...“

Der Bär wich furchtsam an die Wagentür zurück. Die Kette klirrte.

„Ich – ich will nicht ... ich kann nicht“, stammelte er.

„Sei doch nicht so ein Jammerlappen“, schimpfte die Gauklerin.

„Denk an die Juwelen!“, fügte Aluin beschwörend hinzu. Sie redeten ihm gut zu, doch es nützte nichts.

Der Bärendarsteller war in Panik.

Plötzlich stieß er die Tür auf und wollte aus dem Wagen flüchten.

Fluchend packte Aluin ihn am Fell und zerrte ihn zurück.

Der Mann wehrte sich und schlug blindlings im Dunkeln um sich. In diesem Augenblick entwickelte er wahre Bärenkräfte. Statt Aluin traf er jedoch die Frau, die ihn ebenfalls festhalten wollte. Sie konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Es knallte dumpf, als sie gegen die Wagenwand prallte, sodass der Wagen erzitterte.

Aluin zog die Tür zu und riss den Bären zurück.

„Sei vernünftig ...“

Ein Tatzenhieb schleuderte ihn rückwärts.

Fast wäre Aluin über Stella gestolpert. Er konnte sich gerade noch fangen. Wütend zog er den Dolch aus der Lederscheide im Gürtel. Er sprang auf den Bären zu, den er nur schemenhaft im schwachen Lichtschein erkennen konnte, und drückte ihm den Dolch in die Seite. Der Bär stieß einen Laut aus, der eher an das Quieken eines Schweines als an ein Bärenknurren erinnerte.

In diesem Augenblick klopfte es an die Wagentür.

Aluin, Stella und der Bär erstarrten.

„Was ist da los?“, fragte eine besorgte Stimme.

Der Truchsess!

Aluin überwand seinen Schreck. „Der Bär ist unruhig!“, rief er. „Bleibt draußen!“

„Ja, ja“, erwiderte der Truchsess aufgeregt. „Braucht Ihr Hilfe? Soll ich Wachen schicken?“

„Nein, nein“, sagte Aluin hastig. „Ich habe die Bestie völlig unter Kontrolle!“ Und er drückte dem Bär den Dolch noch fester ins Fell.

„Dem Himmel sei Dank“, stieß der Truchsess aufatmend hervor. „Ich habe versprochen, dass ihr vor Mitternacht noch einmal auftretet.“

„Ich kann nicht“, flüsterte der Bär Aluin ins Ohr.

„Wir werden auftreten“, rief Aluin, und seine Stimme klang wieder fester.

„Gut“, sagte der Truchsess zufrieden. Dann entfernten sich seine Schritte.

Die drei im Wagen atmeten auf.

Stella erhob sich. Für einen Augenblick waren nur das Rascheln ihres Gewandes und die Musik zu hören, die gedämpft vom Festplatz herüberdrang.

„Ich kann nicht“, wiederholte der Bär.

„Du kannst, oder ich stoße dir den Dolch in die Rippen!“, zischte Aluin.

Betroffenes Schweigen folgte.

Aluin zog den Dolch zurück und tastete über das Fell.

„Man müsste den Riss nähen“, sagte sie. „Aber wie kommen wir an Nadel und Faden?“

„Du könntest den Truchsess darum bitten“, überlegte Aluin. „Ja, du sagst ihm, dein Kleid wäre aufgeplatzt und ...“

„Es hat keinen Sinn“, unterbrach ihn der Bär. „Ich bin am Ende. Ich hätte mich nie auf diese Sache einlassen sollen.“ Er sank zu Boden, und sie hörten ihn leise weinen.

Einen Augenblick lang starrten Aluin und Stella betroffen auf den dunklen Umriss am Boden.

„Er ist wirklich völlig am Ende“, stellte Stella fest.

„Also gut“, sagte Aluin. „Du brauchst nicht mehr aufzutreten.“

Der Bär seufzte erleichtert auf.

„Willst du den Plan aufgeben?“, fragte Stella enttäuscht.

„Nein“, erwiderte Aluin. „Wir ziehen die Sache ganz einfach vor. Und ich bezweifle, dass danach noch jemand den Bärentanz sehen will.“

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4.

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Ein zauberhaftes Fest, findet Ihr nicht, Sir Morgan?“

Ritter Morgan war nicht ganz bei der Sache. Er schaute gerade zu seinen beiden Soldaten, die sich offenbar recht gut amüsierten.

Da rüttelte ihn jemand am Arm.

„Ein zauberhaftes Fest, nicht wahr?“

Sein Lächeln wurde etwas gequält, als er den Kopf wandte. Die Tischdame, die sich ihm aufgedrängt hatte, war Lady Faing. Fast hätte er geblendet die Augen geschlossen. Alles an ihr glitzerte und funkelte im Schein der Fackeln, die den Festplatz erhellten. Lady Faing trug offensichtlich ihren gesamten Familienschmuck spazieren – Ringe, Colliers, goldene Armreife, gleich drei Broschen am gewaltigen Busen, Perlen auf der Surcotte, die kaum ihre Massen bändigen konnte, ein Diadem im gelockten Haar – doch all das machte sie kein bisschen schöner, allenfalls teurer.

Morgan unterdrückte ein Seufzen.

Seit Beginn der Feier ging sie ihm mit ihrem albernen Geplapper auf die Nerven, und jetzt rüttelte sie auch noch an ihm herum.

„Sehr zauberhaft“, sagte Morgan hastig und hoffte, dass sie von ihm abließ.

Doch sie rüttelte noch weiter an seinem Arm, neigte sich zu ihm und fragte: „Was sagtet Ihr?“

„Zauberhaft“, wiederholte Morgan, doch seine Worte gingen in einem wilden Trommelsolo unter.

„Nur der Lärm stört ein bisschen!“, sagte eine Männerstimme.

Morgan blickte zur Seite.

Sir Fearghas schob sich heran. Jung, gut aussehend, tollkühn. Ein Schönling, der nichts anderes tat, als sein Erbe zu verjubeln. Kein Fest und kein Ball ohne Fearghas. Er war ein flotter und eifriger Tänzer und hielt sich für einen charmanten Plauderer.

Nun, Morgan wusste nicht, wie es mit Fearghas’ Tanzkünsten bestellt war, doch er hatte schon eine Probe von Fearghas’ Plaudereien ertragen müssen.

Er hielt ihn für einen aufgeblasenen Schwätzer.

„Was sagtet Ihr?“, fragte Lady Faing und wandte sich ihm zu, als die Musiker erneut aufspielten.

„Ich sagte, der Lärm stört ein bisschen“, brüllte Fearghas ihr ins Ohr, ergriff ihre beringte Rechte, verneigte sich vollendet und küsste ihr galant die Hand.

„Ich kann nichts verstehen bei diesem Lärm“, rief die Lady zurück.

Morgan verkniff sich ein Schmunzeln und trank einen Schluck Wein. Es war ein erlesener Tropfen, wie alles an Speis und Trank bei diesem Fest, darauf legten seine Eltern großen Wert.

Morgan sah und hörte, wie Sir Fearghas und Lady Faing gegen die Kapelle und die unregelmäßigen und furiosen Trommelschläge anriefen, und in diesem Augenblick war ihm der Schönling fast sympathisch.

Fearghas hielt ihm schließlich Lady Faing vom Leib.

Er war ihm dankbar, als Fearghas die Dame zum Tanz führte.

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5.

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Ein rauschendes Fest“, sagte der Soldat missmutig. „Wein, Weib und Gesang. Und unsereiner schiebt Wache.“

Er lehnte seine Lanze an die Wand und kratzte sich missmutig hinter dem Ohr.

„In zwei Stunden ist Ablösung“, brummte sein Leidensgenosse hoffnungsvoll. „Da kommen wir auch noch zum Zuge.“

Der andere winkte ab. „Nach Mitternacht ist der beste Wein ausgesoffen, und die Spielleute spielen auch nicht mehr auf.“

Er nahm seine Lanze wieder in die Hand.

„Ich kann dir ja was singen“, bemerkte sein Kamerad kichernd.

„Untersteh dich“, brummte der andere.

Eine Weile herrschte Schweigen, und sie lauschten der entfernten Musik, die wie ein Hauch durch irgendeine Schießscharte in das Gewölbe drang.

„Ich hätte so gern die Gaukler gesehen“, seufzte der Erste schließlich. „Den Feuerschlucker und den Bären ...“

„Ich hätte lieber die hübsche Blonde gesehen, die zu der Bärennummer getanzt hat“, bemerkte sein Kamerad.

„Sie hat getanzt?“

„Und sie war besser als der Bär, das kannst du mir glauben. Ich weiß es von dem Diener, der es mir erzählte, als er die Juwelen von irgendeiner Lady in die Schatzkammer brachte. Sein Blick und seine roten Ohren sagten mehr als alle Worte.“

„Hier auf Launceston?“, erkundigte sich der andere zweifelnd.

„Die Zeiten ändern sich, und die Sitten ändern sich auch.“

„Ich sage dir, die feinen Leute sind auch nicht viel feiner als unsereiner“, fuhr der Mann fort.

„Du übertreibst“, meinte er.

Dann zuckten beide Wachtposten zusammen. Vom Ende des Ganges her drang ein dumpfes Grollen zu ihnen.

Sie blickten hin und packten ihre Lanzen fester.

In diesem Augenblick tauchte der Bär auf.

Er stand hoch aufgerichtet, mit vorgereckten Tatzen, im Schein der Fackeln, die links und rechts des Ganges in eisernen Haltern steckten.

Plump und tapsig setzte sich der Bär in Bewegung, und sein Schatten geisterte über die Wände. Es war ein Anblick, bei dem den beiden Männern der Atem stockte.

„Der Bär!“, stellte eine der Wachen etwas verspätet fest und riss seine Lanze ebenfalls an die Hüfte. „Wie kommt der hier rein?“

Die Frage war berechtigt. Am Ende des Ganges gab es eine dicke Eisentür. Ein Wächter war davor postiert, der jedem Unbefugten den Zutritt verwehrte. Zudem war die Tür abgeschlossen, und jeder Befugte wurde ihnen vorher angekündigt. Ob ihnen jemand einen Streich spielen wollte?

Der Bär näherte sich langsam. Die Kette klirrte leicht, als sie über den Boden schleifte. Der Bär brummte, und es klang seltsam gedämpft.

Gebannt starrten die beiden Wachtposten der Bestie entgegen.

„Und was jetzt? So ein dressierter Tanzbär kostet einiges. Wenn wir ihn töten ...“

„Willst du dich zerfleischen lassen?“, unterbrach ihn sein Kamerad und stieß entschlossen die Lanze noch weiter vor.

Jetzt blieb der Bär stehen und drehte den Kopf, als wollte er sich vergewissern, ob er ungestört die beiden Zweibeiner zum Nachtisch verschlingen konnte.

„Sieh mal, er bleibt stehen. Vielleicht ist er ganz zahm und greift gar nicht an.“

Der Soldat löste eine Hand von der Lanze und vollführte Bewegungen, als wollte er den Bären wegscheuchen.

„Brav, brav!“, sagte er zu seinen Gesten. „Geh in den Käfig zurück!“

Der Bär schüttelte leicht den Kopf.

In diesem Augenblick tauchte am Ende des Ganges einer der Gaukler auf. Der Bärenführer, wie die beiden Wachtposten erkannten, denn sie hatten die Ankunft der Gaukler beobachtet. Der Mann zeigte alle Anzeichen von Aufregung.

Abwehrend streckte er eine Hand vor, „Nicht – tut ihm nichts. Er ist nicht gefährlich. Er hat sich nur losgerissen!“

„Wie kommt ihr hier rein?“, fragte der Posten misstrauisch. „Draußen steht doch eine Wache!“

Der Bärenführer zuckte mit den Schultern. „Hab’ niemanden gesehen.“

Inzwischen war er bei dem Bär angelangt. Er ergriff die Kette und zog daran. „Komm, sie tun dir nichts, und du tust ihnen nichts. Komm, es gibt wieder Honig.“

Der Bär brummte, hob die Tatzen und drehte sich im Kreis.

Die beiden Wachtposten atmeten auf.

„Nehmt die Lanzen weg“, mahnte der Bärenführer. „Sonst könnte er sich bedroht fühlen.“

Die Wachen ließen die Lanzen sinken. Amüsiert schauten sie zu, wie sich der Bär tapsig drehte.

„Hei, so sehen wir doch noch die Bärennummer“, sagte einer der beiden erfreut.

Der Bärenführer lachte, „Oh, ihr seht so was gern? Dann soll der Bär euch schnell ein Kunststück zeigen. Komm, gib den beiden eine Probe deines Könnens!“

Der Bär brummte und schüttelte den Schädel.

Der Gaukler lachte. „Was ist, fehlt dir Musik? Stell dich nicht so an!“

Er zog an der Kette. Der Bär stand jetzt mit seinem Herrn nahe vor den Wachtposten.

Der Gaukler wandte sich lächelnd zu den beiden um. „Es fehlt ihm Musik“, sagte er entschuldigend. „Wenn wir wenigstens den Takt klatschten ...“

„Kein Problem“, sagte der Posten, stellte die Lanze an die Wand und begann, in die Hände zu klatschen. Der andere folgte seinem Beispiel. Sofort drehte sich der Bär im Kreis.

Die beiden Wachtposten lachten.

Plötzlich ging alles unglaublich schnell.

Von einem Augenblick zum anderen hielt der Gaukler einen Dolch in der Hand, wirbelte herum und stach dem Ersten die Klinge in die Brust. Mit einem Röcheln brach der Mann zusammen.

Der zweite starrte entsetzt und wie gelähmt. Bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, traf ihn ein Hieb des Bären und schleuderte ihn zu Boden. Er wollte schreien, doch er brachte keinen Laut hervor. Das Grauen hielt ihn im Griff. Voller Todesfurcht starrte er zu der Bestie empor, die drohend vor ihm aufragte.

Dann traf ihn die Lanze – seine eigene – die der Gaukler blitzschnell an sich gerissen hatte. Er verspürte einen Schlag gegen die Brust, hatte das Gefühl, etwas würde in ihm zerreißen, und im nächsten Augenblick wurde es ihm schon schwarz vor den Augen.

Aluin klopfte dem Bären auf das Bärenfell. „Saubere Arbeit.“

„Musstest du sie umbringen?“, fragte der verzagt.

„Ja“, sagte Aluin. „Sonst hätten sie doch alles erzählt, und wir wären niemals aus Launceston Castle herausgekommen. Los, schnell jetzt. Holen wir uns die Juwelen!“

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6.

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Ich habe Euch den nächsten Tanz reserviert“, sagte Lady Faing zu Morgan und strahlte ihn mit ihren blauen Kulleraugen an.

„Oh“, sagte Morgan erschrocken.

Er sah sich unauffällig um, wo Fearghas blieb. Der Kerl hatte sich seit geraumer Zeit nicht mehr blicken lassen. Vermutlich hatte er von Lady Faing die Nase voll und sich klammheimlich davongemacht.

„Da wird Fearghas aber traurig sein“, erwiderte Morgan, während er überlegte, wie er der Dame entkommen konnte.

„Sicherlich wird er ein bisschen eifersüchtig sein, wenn Ihr mich in den Armen haltet, Sir Morgan“, sagte Lady Faing im Brustton der Überzeugung.

Das glaubte Morgan nicht.

„Aber er wird sich gewiss nicht das Leben nehmen“, fuhr sie fort.

Das glaubte ihr Morgan aufs Wort.

In diesem Augenblick verstummte die Musik, und die Spielleute griffen zu den gefüllten Bechern, die ein Diener auf einem Tablett gebracht hatte.

Die Pause bedeutete immerhin eine Gnadenfrist.

„Richtig wohltuend, diese Stille“, bemerkte die Lady. Es war in der Tat so still geworden, dass Morgan erst richtig bewusst wurde, wie unangenehm schrill ihre Stimme klang.

„Jetzt könnt Ihr mir erzählen, wie Ihr den spanischen Stier mit bloßen Händen bezwungen habt“, drängte sie (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 6: Die spanische Braut).

Doch bevor er etwas erwidern konnte, stieß sie einen wahrlich markerschütternden Schrei aus.

Alle Gespräche verstummten. Alle Köpfe flogen herum. Einem Ritter fiel vor Schreck das Weinglas aus der Hand auf den Schoß einer Nachbarin, und irgendwo begann ein Hund zu bellen, weil ihn der Schrei aus seinem Schlummer gerissen hatte.

Der Truchsess eilte aufgeregt herbei.

„Was ist geschehen?“, rief er atemlos und blickte fragend von der Lady zu Morgan.

Die Herzogin fasste sich an den Busen und rang um Atem. Sie war kreidebleich. Morgan befürchtete schon, sie wolle zu einem neuen Schrei ansetzen, doch dann stammelte sie:

„Mein Diamant ... meine Kette ... Räuber!“

Morgan fasste den Schmuck genauer ins Auge. Er wusste nicht genau zu sagen, wo irgendetwas fehlte, doch wenn die Dame es sagte, mochte es wohl stimmen.

„Räuber?“ Der Truchsess raufte sich die Haare und tupfte sich mit dem Taschentuch über die Stirn. „Auf Launceston Castle? Wer hat Euch überfallen, Gnädigste?“

Nun, niemand hatte Lady Faing überfallen, und mit ihrem geschluchzten Bericht war nicht viel anzufangen.

„Eben war alles noch da, und jetzt ist es weg.“

Morgan versuchte, Lady Faing zu beruhigen. „Vielleicht habt Ihr Euren kostbaren Schmuck beim Tanz verloren.“

Sie bedachte ihn mit einem ärgerlichen Blick. „Ich habe noch nie Schmuck verloren.“

Der Truchsess verlor seine Ratlosigkeit und griff dankbar Morgans Worte auf. Er klatschte in die Hände und gab den Dienern und herbeigeeilten Wachen die Anweisung, auf der Tanzfläche und ringsum zu suchen.

Die halbe Gesellschaft beteiligte sich an der Suche, doch niemand wurde fündig.

Der Truchsess stammelte ein paar nichtssagende Worte zu den Ehrengästen und gab den Spielleuten einen Wink, geschwind etwas Lustiges zu spielen, damit die gute Stimmung nicht getrübt wurde.

„Wir müssen also davon ausgehen, dass Lady Faing bestohlen wurde. Und das im Haus meiner Eltern, im Haus des High Sheriffs of Cornwall“, sagte Morgan betroffen.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde unter den Gästen. Ein Dieb im Haus des Sheriffs!

Sir Ronan of Launceston hörte kaum die ersten gezischelten Laute, als er auch schon laut um Ruhe bat.

„Ich werde mich sofort persönlich um diese unangenehme Angelegenheit kümmern, bitte, behaltet alle Eure Sitze. Mein Sohn wird dafür sorgen, dass die Wachen niemand aus der Burg lassen, bevor sich der Schmuck nicht wieder angefunden hat.“

Morgan bedurfte keiner weiteren Aufforderung, er verbeugte sich rasch vor seinem Vater, gab zwei Wachen einen Wink und eilte hinunter in die Wachstube zu dem Hauptmann, der dort zusammen mit ein paar wachfreien Soldaten saß. Er beteuerte sofort, dass seine Männer nicht im Dienst schliefen und niemand Launceston Castle verlassen oder betreten konnte, ohne an seinen Männern vorüber zu müssen.

Morgan hielt anschließend vergeblich nach Fearghas Ausschau, der eine Zeit lang um Lady Faing herumscharwenzelt und dann spurlos verschwunden war. Dann gab er die Anweisung, die gesamte Burg nach dem Mann abzusuchen.

Er selbst eilte zusammen mit seinen beiden treuen Gefährten Cynan und Rhodri durch die Räume, wobei sie die beiden toten Wachposten vor dem Raum entdeckten, der mit einer dicken Eichentüre und eisernen Riegeln geschützt war. Hier wurde alles aufgehoben, was Wert besaß – deshalb hatte sich beim Gesinde die Bezeichnung „Schatzkammer“ durchgesetzt. Neben kleinen Truhen mit Schmuck gab es sehr große Truhen, in dem sich kostbare Stoffe befanden.

„Die Truhe meiner Mutter ist verschwunden!“, stellte Morgan mit einem Blick fest. „Ausgerechnet! Sie ist nicht sonderlich groß, enthält aber einige sehr wertvolle Schmuckstücke. Wenn Sie das erfährt, wird sie ...“

„Sir Morgan – hier!“, rief Cynan plötzlich aus, bückte sich und hob vom Boden ein kleines Haarbüschel auf.

„Das sind Haare von dem Bären!“, sagte Morgan erstaunt nach kurzer Untersuchung. „Aber das ist doch unmöglich, wie sollte der Bär in diesen Gang gekommen sein? Es sei denn ... kommt, wir gehen mal zu dem Wagen der Gaukler!“

Die beiden eilten den Gang zurück und standen gleich darauf im Hof des Anwesens vor dem Karren der Gaukler, als die Hecktür des Fahrzeuges geöffnet wurde.

Die Tänzerin tauchte lächelnd auf.

Anmutig und leichtfüßig stieg sie vom Wagen.

Doch Morgan hatte keine Augen für sie.

„Ich möchte mal einen Blick in deinen Wagen werfen!“, erklärte er knapp und drängte sich an der Frau vorbei.

„Aber natürlich“, sagte Stella mit einem leisen Lachen. „Wir haben das Geschrei der Bestohlenen ja vernommen. Und jetzt verdächtigt Ihr uns natürlich, nicht wahr, Sir Morgan?

Ich kenne das. Als Erstes verdächtigt man immer das fahrende Volk!“

„Wir nehmen niemand davon aus!“

„Durchsucht den Wagen und meinetwegen den Bärenkäfig. Habt keine Angst vor dem Bär, er ist fest angekettet und wird nicht beißen, wenn Ihr ihm nicht nahe kommt. Und nun entschuldigt mich bitte.“

Mit wiegenden Hüften schritt sie davon.

„Du dort drüben die Ecke, ich hier!“, ordnete Morgan an.

Es fand sich in den wenigen Habseligkeiten der Gaukler jedoch nicht der kleinste Hinweis auf Schmuck. Die beiden verließen den Wagen gerade, als der Hauptmann der Wache zu ihnen gelaufen kam. Er berichtete, dass drei Personen heimlich Launceston Castle verlassen hatten:

Lady Eyrin.

Sir Fearghas.

Und Rhodri, der Soldat des Sheriffs sowie ständiger Gefährte von Morgan und Cynan.

Was hatte das zu bedeuten?

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7.

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Der Morgen dämmerte. Eine Eule kehrte von der nächtlichen Jagd zurück.

Ein Wildschwein brach durch das Unterholz und störte eine Vogelfamilie. Sir Morgan zügelte am Waldrand sein Pferd und spähte in das sanft abfallende Tal hinab, in dem der Morgennebel wallte.

„Bald haben wir ihn“, sagte Cynan, als er sein Pferd neben dem Ritter parierte.

Damit war Sir Fearghas gemeint.

Nach allem, was man herausgefunden hatte, kamen als Räuber nur die drei Personen infrage, die das Anwesen heimlich und vor der Entdeckung des Raubes verlassen hatten. Der Edelmann und die Lady hatten die Wachen bestochen und unter einem Vorwand Launceston auf getrennten Wegen verlassen. Die Wachen kannten Sir Fearghas sowie Lady Eyrin und hatten sich nichts dabei gedacht. Dafür waren sie im Kerker gelandet und warteten auf die Strafe, die Sir Ronan aussprechen würde. Über das Verschwinden der Verdächtigen gab es die wildesten Spekulationen auf Launceston Castle.

Man vermutete, dass die beiden gemeinsame Sache gemacht hatten. Möglicherweise hatte der schöne Fearghas ein Verhältnis mit Lady Eyrin. Warum allerdings Rhodri die Burg verlassen hatte, war nicht ganz klar. Morgan war davon überzeugt, dass er Verdacht gefasst hatte und den beiden gefolgt war.

Sein Vater, Sir Ronan, hatte zwei seiner besten Ritter beauftragt, mit ihren Soldaten den Fährten zu folgen, die Verdächtigen zu stellen und nach Launceston Castle zurückzubringen. Der eine von ihnen war sein Sohn, Sir Morgan, der andere Sir Baird, der in die Richtung reiten wollte, in der man Lady Eyrin vermutete.

Nach den Angaben der zerknirschten Wachen waren Morgan und Cynan der Fährte von Sir Fearghas gefolgt, der nach Norden geritten war. Die anderen folgten der eingeschlagenen Richtung der Lady, die sich für ihre Rückreise ein Pferd genommen hatte – sehr ungewöhnlich für die hochgestellten Damen.

Fearghas war über den Fahrweg geritten und hatte sich nicht bemüht, die Fährte zu verwischen. Deutlich waren die Hufabdrücke im weichen Boden zu erkennen.

Morgan trieb sein Pferd an, und Cynan folgte ihm.

Als die Morgensonne über die Fichten auf dem Hügel im Osten spähte, sahen sie den Reiter im Norden. Er trabte über den gewundenen Fahrweg eine Anhöhe hinauf und verschwand hinter einem Waldstück.

Morgan tauschte einen Blick mit seinem Kriegsknecht.

„Na also“, brummte Cynan. „Packen wir ihn. Ich bin gespannt, was uns der schöne Fearghas zu erzählen hat!“

Sie trieben die Pferde zum Galopp.

Als sie das Wäldchen erreicht hatten, trennten sie sich. Morgan folgte der Fährte, und Cynan sollte einen Bogen reiten und Fearghas überholen, damit sie ihn in die Zange nehmen konnten. Sie mussten mit der Möglichkeit rechnen, dass Fearghas sich mit Komplizen oder Freunden traf oder sie gar in eine Falle locken wollte, denn es war doch seltsam, dass er nicht versucht hatte, irgendwo vom Weg abzubiegen oder in der Nacht die Spuren zu verwischen.

Fearghas’ Verhalten ließ fast den Schluss zu, dass er unschuldig war. Als er den Hufschlag vernahm, blickte er zurück. Er erkannte den Ritter, zügelte seinen Rappen und hob grüßend die Hand. Er zog den Rappen herum und wartete auf Morgan.

Er lächelte mit blitzenden Zähnen und rief: „Sir Morgan! Ihr habt den gleichen Weg wie ich? Welch ein Zufall!“

Morgan parierte sein Pferd.

„Kein Zufall“, sagte er und musterte Fearghas.

Fearghas’ Lächeln erlosch, als hätte man eine Kerze ausgepustet. „Wieso nicht?“, fragte er verwundert.

„Ich bin Euch gefolgt“, sagte Morgan offen. Wieder musterte er Fearghas. Täuschte er sich, oder funkelte es in Fearghas’ grünen Augen verräterisch?

„Wieso denn das?“, fragte er.

„Es gibt da einige Fragen“, sagte Morgan. „Steigt aus dem Sattel.“

Fearghas’ Augen verengten sich. „Was soll das heißen? Ich lasse mir von Euch nichts befehlen, nur weil Ihr der Sohn des Sheriffs seid ...“

„... in dessen Auftrag ich Euch verfolgt habe“, unterbrach Morgan ihn kühl, „und wenn Ihr unbescholten seid, wird sich das herausstellen.“

Fearghas blinzelte, als verstünde er die Welt nicht mehr.

„Was sollen diese Andeutungen?“

„Steigt aus dem Sattel!“

Fearghas presste die Lippen aufeinander. Jetzt schimmerte unverkennbar Zorn in seinen Augen. „Und wenn nicht?“, fragte er aufsässig.

Morgan lächelte leicht. „Dann werde ich gezwungen sein, Euch aus dem Sattel zu holen.“

Fearghas starrte ihn an und zuckte mit den Schultern. „Nun, ich habe nichts zu verbergen. Doch ich werde mich bei Sir Ronan über Euer Benehmen beschweren.“

Er saß ab.

Morgan schwang sich ebenfalls vom Pferd.

Fearghas verschränkte die Hände vor der Brust, als Morgan beiden Tieren einen Klaps auf die Kruppe gab, damit sie ein Stück weitertrotteten. Er maß Morgan mit ärgerlichem Blick.

„Weshalb habt Ihr die Feier vorzeitig verlassen?“, erkundigte sich Morgan.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922646
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439590
Schlagworte
bärenfalle schwert schild morgan löwenritter band

Autor

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Titel: Die Bärenfalle - Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 12