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SHENG #17: Sheng, der Befreier

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Sheng, der Befreier

Klappentext:

Roman:

SHENG – der Kung Fu-Kämpfer

 

Band 17

 

Sheng, der Befreier

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

In der abgelegen Stadt Devil´s Hole regiert der Terror. William Quent und seine Truppe von Revolvermännern beherrschen die Stadt. Nachdem Quent kurz zuvor einen seiner stärksten Widersacher ausgeschaltet hat, kann er nun schalten und walten wie er will. Keiner kann sich ihm mehr in den Weg stellen, denn der Sheriff steht allein – und niemand von den anderen Bewohnern will ihm helfen. Das ändert sich jedoch, als der Kung Fu-Kämpfer Sheng in die Stadt kommt. Zusammen mit einem Spieler namens Jay Hardin nimmt er den Kampf gegen Quent und seine Killer auf. Dabei riskiert er bedenkenlos sein eigenes Leben, das wieder mal auf Messers Schneide steht ...

 

 

 

 

 

Roman:

„Auf die Füße, ihr Schweine!“

Die raue Stimme zerschnitt das gleichmäßige Rattern der Räder.

Der Schlafende schreckte auf, als ein brutaler Tritt ihn in die Seite traf. Die Art, wie der drahtige Mann noch halb im Schlaf herumrollte und zur Seite schnellte, hatte etwas Pantherhaftes.

Doch der bullige Bremser achtete nicht darauf. Er hielt sich für unangreifbar im Gefühl seiner rohen Kraft. Und Eisenbahntramps waren Ratten, die man zertreten musste, nichts weiter! Fauchend vor Wut drehte er sich dem zweiten Mann zu, rammte ihm ebenfalls die Stiefelspitze in den Leib und beugte sich gleichzeitig vor, um ihn hochzuzerren.

Sheng, der Drahtige, schüttelte die Benommenheit des Schlafes ab und richtete sich an der Waggonwand auf.

Dumpf mahlten die Räder, das Holz in seinem Rücken vibrierte. Seine Augen waren dunkel und schmal, blitzschnell erkannten sie die drohende Gefahr ...

Er blickte den Bremser an - ein Gebirge von Mann, das den schlanken, blassen Spielertyp wie eine Stoffpuppe zwischen den Schmiedehammerfäusten schüttelte. Jay Hardin hatte die Tür des Güterwagens im Rücken. Eine offene Tür - und Sheng, der Drahtige, sprang auf die Füße, als er sah, wie der Eisenbahner das Knie hochriss.

Zu spät!

Der Spieler schrie auf, taumelte rückwärts, war im nächsten Moment verschwunden. Verschwunden im Flimmern von glühender Wüstenhitze und Staub! Sheng dachte an die vierzig Meilen Einöde bis zur nächsten Ansiedlung, er sah das grausame Funkeln in den Augen des Hünen, und er spürte einen fast würgenden Zorn.

„Ein lausiger Chink!“, grunzte der Bremser. „Auch das noch! Springst du freiwillig, du gelbe Ratte, oder muss ich dir erst die Knochen zerschlagen?“

Sheng sah ihn an.

Aus dunklen, ruhigen Augen - Augen, die nichts von seinem Zorn verrieten ...

Nur für einen Moment war er versucht, den Koloss anzuspringen und ihm die tückische, brutale Gemeinheit heimzuzahlen. Es wäre ihm leicht gefallen — während seiner Jugend in China hatte man ihn im Kloster vom Weißen Lotus die Kampfkunst des Kung Fu gelehrt. Aber dort hatte er auch gelernt, dem Hass, der Rachsucht, dem Stolz in sich selbst zu wehren — und wie aus weiter Ferne glaubte er wieder, die Stimme seines weisen, gütigen Lehrers Li Kwan zu hören:

„Kämpfe nur, um dein Leben zu verteidigen oder ein Unrecht zu verhindern! Kämpfe nur, wenn du keine andere Wahl hast...“

Hier und jetzt hatte er eine Wahl. Und jede Sekunde führte ihn weiter weg von Jay Hardin, dem Spieler, mit dem ihn nichts verband und dem er doch die Hilfe, die er brauchte, nicht versagen konnte. Ruhig bückte er sich nach seiner leichten Deckenrolle, bängte sie sich über die Schulter — und das Gesicht des Hünen verzerrte sich zu einem halb ungläubigen, halb triumphierenden Grinsen.

„Feige Ratte!“, spuckte er. „Gesindel! Aufhängen sollte man euch alle!“

„Warum?“, fragte Sheng leise.

Der Bremser schnaufte überrascht.

Sein Gesicht lief rot an. Denken war nicht seine starke Seite, die steinerne Ruhe des Mannes, der jetzt in der offenen Waggontür stand, machte ihn unsicher und wütend — und mit einem tiefen Knurrlaut nahm er die Faust zurück, um den Fremden doch noch aus dem Zug zu prügeln.

Was dann kam, ging so schnell, dass der schwerfällige Koloss es auch später nie begriff.

Seine Faust rammte vorwärts. Er war vollkommen sicher, dass er im nächsten Moment das Knirschen von Kieferknochen, das Splittern von Zähnen hören würde — und er schrie heiser auf, als der Schwung des Hiebes jäh gebremst wurde. Eine Stahlklammer schien sich um sein Gelenk zu schließen — unerwartet, unbegreiflich. Keuchend, aus vorquellenden Augen starrte der Eisenbahner auf die sehnigen Finger, die seinen Arm umspannten, spürte den brühheißen Schmerz, die unbarmherzige Kraft des Griffs — und mit einem dumpfen, fassungslosen Ächzen ging er in die Knie.

Sheng ließ los.

Der Koloss taumelte, torkelte rückwärts wie ein Tanzbär. Hart prallte er mit dem Rücken gegen die Waggonwand, getroffen bis ins Mark seiner Schlägerseele — und es dauerte Sekunden, bis rote, rasende Wut seine Verwirrung hinwegfegte.

Aber da war der schlanke Fremde längst gesprungen und rollte geschmeidig wie eine Raubkatze durch den Wüstenstaub neben den Gleisen...

 

*

 

Jay Hardin taumelte.

Seine Kehle brannte vor Durst, seine Lippen waren rissig und trocken, vor seinen Augen drehten sich glühende Kreise. Ab und zu warf er einen brennenden Blick zu dem großen Mann hinüber, der ruhig und gleichmäßig neben ihm ging, als liege ein Spaziergang hinter ihm und nicht fünfunddreißig Meilen Wüste. Hardin kannte den anderen nicht, wusste nicht mehr von ihm, als dass er ein Halbchinese war, ein Eisenbahntramp, nur zufällig in der gleichen Richtung unterwegs wie der abgebrannte Spieler. Im Zug hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt.

In der staubigen Einöde am Rand des Schienenstrangs verfluchte sich Jay Hardin dann zähneknirschend dafür, dass er zu überrascht gewesen war, um dem brutalen Bremser eine Kugel aus dem Derringer in den Leib zu jagen. „Er war unbewaffnet, es wäre Mord gewesen“, hatte Sheng ruhig gesagt — und von diesem Moment an wusste der Spieler mit dem schmalen Pokerface und den blauen Augen, dass dieser große Fremde anders war als alle Männer, die er kannte.

Dann kam der lange Marsch durch die glühende Hitze, kamen die Stunden, in denen Jay Hardin nur noch mechanisch vorwärtstaumelte, den Blick auf das gleißende Doppelband der Schienen gerichtet. Sheng trug seine Wasserflasche am Gürtel, hatte sie nicht im Waggon zurückgelassen — und wie selbstverständlich teilte er die letzten Tropfen mit dem Mann an seiner Seite,

Hardin war fast am Ende seiner Kraft. Er bezweifelte, ob einer von ihnen lebendig das Nest am Ende des Schienenstrangs erreichen würde. Eine Sekunde lang hatte ihn die Versuchung durchzuckt, den Derringer zu ziehen, dem waffenlosen Fremden die Flasche zu entreißen, sich allein durchzuschlagen — doch genau das war der Moment gewesen, in dem Sheng mit einer ruhigen Bewegung den Verschluss aufschraubte und seinen Begleiter zuerst trinken ließ.

Sie marschierten weiter.

Stunde um Stunde ...

Immer wieder stürzte Jay Hardin, stolperte — und zwei oder dreimal glaubte er, nicht mehr weiter zu können. Sheng zog ihn hoch, stützte ihn. Um Hardin drehte sich alles. Undeutlich wurde er sich bewusst, dass der Fremde, mit dem er nichts zu tun hatte, ihn förmlich vorwärts schleppte. Das Staunen darüber, dass der rätselhafte Mann einfach nicht auf den Gedanken kam, ihn zurückzulassen, obwohl er selbst am Ende sein musste, und die tiefe Verwunderung, die der Spieler empfand, war für Augenblicke sogar stärker als Durst und Schwäche.

„Jay! Wir sind am Ziel! Nur noch ein, zwei Meilen ...“

Hardins Geist kämpfte sich zurück an die Oberfläche des Bewusstseins. Mit aufgerissenen, von Staub und Hitze geröteten Augen starrte er über die flimmernde Ebene. Waren das Häuser, die sich in der Ferne abzeichneten? Schuppen, staubige Büsche, ein Wassertank?

Der Spieler stöhnte. Er war halb ohnmächtig, er verstand nicht, wie er es bis hierher geschafft hatte, und in seinem augenblicklichen Zustand konnte er auch nicht darüber nachdenken.

Einmal mehr zog Sheng ihn hoch.

Hardins Füße bewegten sich mechanisch und schleifend, wirbelten yardhohe Staubwolken auf. Schwer lehnte er an Shengs Schulter, den Arm um den Nacken des anderen gelegt, und der große Mann schleppte ihn weiter.

Nein, er hatte keine Sekunde lang daran gedacht, Jay Hardin in der Wüste zurückzulassen. Wer oder was der Spieler auch immer sein mochte — in erster Linie war er ein Mensch, der Hilfe brauchte, und Sheng hatte von Anfang an gewusst, dass sie entweder beide ans Ziel kommen würden oder gar nicht.

Sein Blick haftete an dem Wassertank neben dem Schienenstrang, an der Ansammlung windschiefer Hütten und größerer, neuerer Häuser mit bemalten Fassaden. Wasser! Der Durst war mörderisch, schien den Körper von innen her zu verbrennen. Aber als Mönch vom Weißen Lotus hatte Sheng gelernt, dass der Mensch stärker sein konnte als Hitze und Kälte, Hunger und Durst und Schwäche ...

Ein verwittertes Schild tauchte vor ihm auf, zerfressen vom Wüstenstaub.

„Devil’s Hole“, verkündeten geschwärzte Buchstaben, Teufelsloch — ein passender Name für dieses verlorene Nest am Rande der Wüste. Seltsam nur, dass der Ört verhältnismäßig groß war, dass es offenbar eine Reihe von Gebäuden gab, die noch nicht lange standen.

Wurde Gold in der Nähe gefunden? Silber? Irgend etwas anderes, das gute Geschäfte versprach? Sheng hörte auf, darüber nachzudenken. Unter seinen Stiefeln wirbelte der Staub der Mainstreet, und mit einem tiefen Atemzug schwenkte er nach rechts ab, um Jay Hardin in den kühlen, lockenden Schatten zwischen zwei Schuppen am Rand der Straße zu bringen.

„Wasser“, formten seine rissigen Lippen. „Wasser!“

Der Spieler stöhnte.

„Gleich“, murmelte Sheng. „Ich hole...“

Eine Bewegung hinter ihm.

Er wollte herumfahren — zu spät!

Nichts hatte ihn gewarnt. Die Kerle mussten schon vorher in der Schuppentür gelauert haben — denn dass es zwei waren, sagte ihm das Explodieren ihres angehaltenen Atems. Shengs Kopf zuckte zur Seite, der Hieb streifte sein Ohr, krachte auf seine Schulter, jagte eine glühende Schmerzwelle durch seinen Körper. Gleichzeitig hörte er den neuerlichen Luftzug — und diesmal konnte selbst der schnelle, zähe Kung Fu-Mann, der die tätowierten Zeichen von Schlange und Tiger an der Innenseite seines Unterarmes trug, nicht mehr ausweichen.

Ein kurzer, schmetternder Schlag gegen den Hinterkopf.

Ein Blitz in seinem Schädel.

Wie ein gefällter Baum stürzte er nach vorn, und die Dunkelheit senkte sich über ihn wie ein schwarzer, alles verhüllender Mantel...

 

*

 

Wasser ...

Kühl und belebend netzte es Shengs Lippen, rann in seine Kehle und ließ ihn husten. Er hob die Lider. Jemand beugte sich über ihn — ein breitschultriger blonder Mann mit kantigen Zügen. Der Fünfzack des Sheriffsterns glänzte an seiner Weste, und um seine Lippen kerbte sich ein schmales Lächeln.

„Besser, Stranger?“, fragte er.

„Danke“, murmelte Sheng.

„Ziemlich unfreundlicher Empfang in unserer glorreichen Stadt, eh? Na ja, ihr seht beide nicht so aus, als ob sonderlich viel bei euch zu holen gewesen wäre. Dann kommt mal mit ins Office und erzählt mir, was man euch gestohlen hat!“

Der Sheriff wollte dem großen Mann auf die Beine helfen, aber Sheng hatte sich bereits aufgerichtet. Jay Hardin, dem seine Erschöpfung zumindest einen Schlag auf den Schädel erspart hatte, lehnte bleich an der Holzwand. Er grinste mühsam.

„Schöne Bescherung, Amigo, was? Wenn ein Kaff schon Devil’s Hole heißt!“

Sheng lächelte.

Ganz kurz nur hatte er nach dem Lederfutteral an seiner Brust getastet, das seinen kostbarsten Besitz barg: den siebenten Teil der Weisheitsrolle des Tao Chi. Das Siegel des weißen Lotus war unberührt, die Banditen hatten nur Zeit gefunden, ihm die Deckenrolle zu entreißen. Ein paar Dollar, ein paar Kleidungsstücke, etwas Brot und Dörrfleisch — und nur ein einziges Stück, das ihm etwas bedeutete: das kostbare Drachengewand, das er in China am Tage seiner Ernennung zum ersten Kung Fu-Kämpfer des Klosters getragen hatte.

Schweigend folgte er dem Sheriff durch den Schatten der Gehsteige.

Seine Gedanken waren weit fort, waren bei jener alten Pergamentrolle, die die letzten Weisheiten des Tao Chi barg, das Geheimnis zur Erlangung der größten Kraft und Energie auf dem Erdkreis, und die seit Jahrhunderten von den Mönchen im Kloster des weißen Lotus gehütet wurde. Wer die Rolle in ihrer Gesamtheit besaß, dem war es möglich, die Weltherrschaft zu erringen. Das Wissen des Tao Chi konnte der Menschheit zum Segen gereichen — aber auch zum Fluch, wenn es in die Hände von Verbrechern fiel. Und Verbrecher waren die Männer vom Geheimbund des Schwarzen Drachen, die der Weisheitsrolle nachjagten. Das Kloster vom Weißen Lotus hatten sie zerstört, Shengs Freunde ermordet — und nur jene Männer waren entkommen, denen der weise Li Kwan vor seinem Tode je ein Siebentel der kostbaren Rolle anvertraut hatte, um sie vor dem Zugriff des Drachen zu retten.

Mit einem tiefen Atemzug schüttelte Sheng die quälenden Erinnerungen ab. Im Office des Sheriffs, der sich inzwischen als Matt Hollister vorgestellt hatte, setzte er sich neben Jay Hardin auf einen der unbequemen Holzstühle, und der breitschultrige blonde Gesetzeshüter hörte sich an, was die beiden Fremden zu erzählen hatten.

„Also ihr besitzt keinen Cent mehr“, fasste er schließlich zusammen. „Da ihr die Banditen nicht beschreiben könnt, ist es sehr zweifelhaft, ob ihr eure Sachen wiederbekommt. Was habt ihr jetzt vor?“

„Wir werden irgendeine Arbeit annehmen müssen“, sagte Sheng ruhig. Und Jay Hardin nickte zustimmend, wobei er ein Gesicht machte, als habe er auf eine Zitrone gebissen.

Der Sheriff lachte hart.

„Irgendeine Arbeit“, wiederholte er. „Klingt gut, Amigos! Der. Fehler ist nur, dass es in Devil’s Hole so gut wie keine Arbeit gibt, jedenfalls keine anständige.“

Hardin hob die Brauen. Sheng lehnte sich zurück und wartete unbewegt auf die Erklärung, die dann auch kam.

„Devil’s Hole ist eine Stadt, die es eigentlich überhaupt noch nicht gibt“, behauptete der Sheriff. „Eine Art Kredit auf die Zukunft, wenn ihr versteht, was ich meine. Unsere Existenz verdanken wir der Eisenbahn — bis jetzt eine ziemlich kümmerliche Existenz. Nun ist es aber so, dass hier in Kürze eine zweite Bahnstreckte gebaut werden soll, die die erste kreuzt. Außerdem wird Wells Fargo einen Stützpunkt bei uns gründen. Könnt ihr euch vorstellen, was das bedeutet?“

„Erstklassige Geschäfte!“ Der Spieler hatte sich leicht vorgebeugt, seine blauen Augen funkelten. „Das Kaff wird wachsen, blühen und gedeihen. Und derjenige, der rechtzeitig groß einsteigt, ist ein gemachter Mann!“

„Eben“, bestätigte der Sheriff trocken. „Genau das haben sich William Quent und Clint Lesly auch gesagt — so heißen nämlich die beiden Burschen, die hier das Feld beherrschen. Sie haben Grundstücke zusammengerafft, Saloons gegründet, Spielhallen, Bordelle, Hotels, Geschäfte — lauter Etablissements, für die im Augenblick noch die Kundschaft fehlt und die sich spätestens in einem Jahr als Goldgruben entpuppen werden. Arbeit gibt es allenfalls in den Saloons, weil die Herren bis jetzt noch darauf verzichtet haben, zu viel teures Personal anzuwerben. Und dann fließt natürlich jede Menge Dollars für das Gesindel, für Schläger und Schießer ...“

Jay Hardin kniff die Augen zusammen. „Das klingt nach Krieg, Sheriff.“

„Stimmt, Mister! Genau so ist es, in Devil’s Hole herrscht Krieg. Quent und Lesly wollen den großen Kuchen jeder für sich allein, und deshalb lauern sie nur darauf, sich gegenseitig die Kehle durchzuschneiden.“

Hollister lehnte sich zurück, und seine Augen glitten über die beiden Fremden. „Wie Rausschmeißer oder Revolvermänner seht ihr nicht aus — davon haben wir auch, weiß Gott, genug. Wenn du Spieler bist, Hardin, kannst du dein Glück bei Clint Lesley versuchen, dem haben sie vorige Woche einen Mann erschossen. Und dein Freund — na ja, irgendwas findet sich sicher. Ihr habt keine große Wahl, wenn mich nicht alles täuscht.

Sheng zog die Schultern hoch. Der Sheriff hatte recht, ihnen blieb wirklich keine Wahl. Selbst wenn sie die Stadt auf dem gleichen Weg verlassen wollten, auf dem sie gekommen waren, brauchten sie ein paar Dollar, um die gestohlene Wasserflasche zu ersetzen, um ein Minimum an Vorräten zu kaufen — und solange sie das nicht konnten, waren sie in Devil’s Hole hoffnungsloser gefangen als in einer Zelle mit dicken Gitterstäben.

 

*

 

Eine Viertelstunde später standen sie Clint Lesley in einem kleinen, aber erlesen eingerichteten Office gegenüber.

Der Salooner musterte sie scharf. In seiner ganzen Erscheinung erinnerte er an einen Habicht: groß, dürr, mit scharfen Zügen, lackschwarzem, spitz in die Stirn wachsendem Haar und gelblichen Raubtieraugen. Er trug einen eleganten Prinz Albert-Rock, ein blütenweißes Hemd mit Samtschleife, und an seinen dürren Fingern, die auf der Tischplatte herumtrommelten, funkelten Brillanten.

„Okay, einen Spieler kann ich brauchen“, sagte er gedehnt. „Aber als Spieler ohne Kapital kann ich dich leider nur mit zwanzig Prozent am Gewinn beteiligen, mein Junge.“

Jay Hardin schnappte nach Luft. Für einen Moment verzerrte sich sein schmales Pokerface vor Empörung. „Zwanzig Prozent, das ist..."

„Du musst nicht, mein Junge, du musst nicht! Aber mein lieber Freund Quent beschäftigt schon ein halbes Dutzend Kartenhaie, die nichts zu tun haben, und als Alternative bleibt dir nur noch Holzhacken. Nun?“

„Zwanzig Prozent“, knirschte Hardin.

Clint Lesley grinste kalt. „Na also!“ — Und du, Chinese? Eine Waffe hast du wohl nicht, eh?“

„Nein“, sagte Sheng ruhig. „Aber ich habe nichts dagegen, Holz zu hacken.“

„Okay. Du kannst als Aushilfe anfangen. Der Keeper wird dir sagen, was du zu tun hast. Mehr als Kost, Logis und drei Dollar die Woche kann ich dir allerdings nicht bieten.“

Sheng nickte nur.

Ruhig stand er auf und wandte sich zur Tür. Jay Hardin erhob sich ebenfalls. Sein Gesicht war wieder zur Maske erstarrt, und erst draußen auf dem Flur knirschte er erbittert mit den Zähnen.

„Dreckskerl!“, fauchte er. „Ein Halsabschneider ist das, ein Blutsauger!“

Und Sheng konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Spieler nur zu recht hatte...

 

*

 

„Wo bleiben die Brandyflaschen, verdammt nochmal? Beeil dich gefälligst, Gelber!“

Durch den leichten Nebel von Tabaksqualm blickte Sheng dem Keeper in die Augen. Das Gesicht des großen Mannes war unbewegt.

„Sie stehen hinter Ihnen“, sagte er. „Im Regal.“

„Tatsächlich? Na, dann sieh jetzt zu, dass du ...“

„Mich laust der Affe! Da ist er ja, der verdammte schlitzäugige Bastard!“ Sheng kannte die Stimme. Langsam wandte er sich um und sah dem breitschultrigen, muskelbepackten Koloss, entgegen — dem Bremser, der sich nicht gescheut hatte, zwei Männer mitten in der Wüste aus dem Zug zu werfen. Der Bursche schwankte leicht, er hatte schon zuviel getrunken und rollte die blutunterlaufenen Augen.

„Du Laus!“, brüllte er. „Komm her, damit ich dich zerquetschen kann! Na, los, worauf ...“

„Gib Ruhe, Billy Bear!“, ließ sich der Keeper vernehmen.

Da er dabei nach der Schrotflinte unter der Theke griff, hielt es der Hüne tatsächlich für geraten, den Rückzug anzutreten. Offenbar wusste er, dass man sich mit Clint Leslys Leuten besser nicht anlegte. Brummend schob er sich ans andere Ende der Theke, wo ein paar Kumpane von ihm standen, und Sheng griff nach dem Tablett mit der Whiskyflasche und dem Wasserkrug, das er nach nebenan in das große Spielzimmer bringen sollte.

Eins der Mädchen, die im „Nevada Star“, sangen, lächelte ihm zu. Sie hieß Suki Mei, sie stammte aus China wie er, und wahrscheinlich war es das, was sie daran hinderte, ihm mit Gleichgültigkeit und Verachtung zu begegnen wie ihre Kolleginnen. Sie kannte die Einsamkeit des Fremden, den seine Rasse zum Ausgestoßenen macht — der traurige Ausdruck in ihrem zarten, schönen Gesicht verriet es. Sheng lächelte zurück. Für einen kurzen Moment war er abgelenkt. Hämisches Kichern. ertönte, ein Fuß schnellte in seinen Weg — und er konnte nicht verhindern, dass das Tablett zu Boden fiel.

Scherben klirrten. Beißender Whiskydunst breitete sich aus.

„Idiot!“, bellte der Kerl, der das Bein vorgestellt hatte. „Kannst du nicht aufpassen? Entschuldige dich gefälligst, du Bastard!“

Sheng sah den Mann an. Ein fettes rotes Gesicht, vorstehende Augen, wulstige Lippen. Ein Feigling, der seinen Spaß daran fand, vermeintlich Schwächere zu quälen.

„Entschuldigung“, sagte der schlanke Halbchinese ruhig.

„Tölpel! Na los, wisch den Dreck auf! Oder willst du vielleicht behaupten, es sei meine Schuld gewesen, he?“

Sheng lächelte. Aus der Tiefe der Vergangenheit glaubte er wieder, die Stimme seines weisen Lehrers Li Kwan zu hören:

„Nur Narren kämpfen, um eine Beleidigung zu tilgen. Wer stark ist in seinem Chi, der weiß, dass er nicht beleidigt werden kann außer durch sich selbst, wenn er die Wahrheit und die Weisheit verlässt..

„Es war meine Schuld, Sir“, sagte der große Mann. „Ich bringe es in Ordnung.“

Sein Gesicht war unbewegt, als er sich umwandte, um eine Kehrschaufel zu holen, auf die er die Scherben fegen konnte. Der Dicke stierte ihn ungläubig an. Er hatte ein Opfer gesucht, jemanden, den er herumstoßen konnte und der ihm mit der Unterwürfigkeit oder der ohnmächtigen Wut des Sklaven dazu verhelfen würde, sich selbst stark zu fühlen. Aber er fand nur Gelassenheit, steinerne Ruhe — und irgend etwas in den dunklen, leicht geschlitzten Augen des Fremden hinderte ihn daran, weiter zu pöbeln.

Ein paar Angetrunkene rissen ihre Witze, während Sheng die Scherben auffegte.

Der Keeper hatte seinen Platz verlassen, um eine neue Flasche von der besseren Whiskysorte aus dem Keller zu holen. Suki Mei, die schöne Chinesin, stand an der Theke — und diesmal war niemand da, um den Betrunkenen, der nach ihrem Arm griff, mit der Schrotflinte in seine Schranken zu weisen.

„Lassen Sie mich los!“, rief das Mädchen gepresst. „Ich bin ...“

„Stell dich nicht an, Süße!“ Der Mann kicherte, zog sie an sich, versuchte ihr die Lippen auf den Mund zu pressen. „Schließlich bist du zu unserem Vergnügen hier, also . ..“

„Nein! Nicht!“

Das Mädchen bog den Kopf zurück. Furcht und Ekel flackerten in ihren Mandelaugen. Die Pranken des Betrunkenen tasteten über ihren Rücken, Stoff riss, und Suki Mei wand sich verzweifelt in dem brutalen Griff.

Sheng stellte die Kehrschaufel auf einen Hocker.

„Lass sie los“, sagte er ruhig, mit halblauter Stimme — aber sofort verstummten ringsum die Gespräche.

„Misch dich nicht ein, Chink!“, knurrte jemand.

Und am anderen Ende der Theke richtete sich Billy Bear, der Bremser, auf. „Überlasst ihn mir, wenn er frech werden will! Ich habe mit der gelben Ratte noch ein Hühnchen zu rupfen.“

„Lass die Lady los“, wiederholte Sheng, ohne auf den Schreier zu achten. „Du siehst doch, dass sie nichts mit dir zu tun haben will.“

„Lady?“, höhnte der Betrunkene, „’ne Lady mit Schlitzaugen, haha! Na los, Puppe! Zeig’ uns mal, wie du unter der Bluse...“

Sheng griff zu.

Mit einer so ruhigen Geste, dass der andere gar nicht daran dachte, eine Abwehrbewegung zu machen. Schlanke, sehnige Finger schlossen sich um die Gelenke des Betrunkenen, ein kurzer Ruck — und der Bursche taumelte mit einem Aufschrei rückwärts.

„Du Bastard!“, brüllte er. „Verdammtes Gelbgesicht. Dir werde ich ...“

Sheng legte sanft die Hand auf Suki Meis Arm, um sie zur Seite zu schieben.

Er erwartete, dass der Betrunkene im nächsten Moment wie ein wütender Bisonbulle auf ihn losgehen würde. Er war auch darauf gefasst, es mit mehr als diesem einen Gegner zu tun zu bekommen, mit den Kumpanen des Betrunkenen, mit dem rachsüchtigen Billy Bear — doch seltsamerweise stockte der Angriff, noch ehe er recht in Gang kam.

Die Schwingtür war aufgeflogen.

Sporen klirrten :— und mit diesem Sporenklirren erstarb für einen Moment jeder Laut im Saloon.

Dunkel stand der schwarzgekleidete Mann im hellen Ausschnitt der Tür. Er war schmal, er war nicht groß, er hatte ein nichtssagendes Dutzendgesicht mit grünlichen Augen, in dem nichts gefährlich wirkte. Gefährlich sah nur der Colt aus, den er tief an der linken Hüfte trug. Ein Colt in einer ausgeschnittenen schwarzen Halfter, mit abgefeiltem Korn — eine Killerwaffe. Der schmale Mann gehörte zur Gilde der schnellen Hände, zur Spitzenklasse seiner Zunft, und da er Linkshänder war, hatte man ihm den Namen „Left Hand“ gegeben.

Left Hand King.

Clint Leslys Freund und bester Revolvermann ...

Sheng wusste nicht, dass Left Hand King die schöne Suki Mei als sein persönliches Eigentum betrachtete. Aber der große Mann sah, wie der Betrunkene, der es gewagt hatte, seine Hände an das Mädchen zu legen, mit allen Anzeichen der Panik zurückwich, er sah, wie sich die anderen Gäste plötzlich intensiv mit ihren Drinks beschäftigten — und vor allem spürte er das nervöse Zittern, das den Körper der kleinen Chinesin erfasste.

Mit aufgerissenen Augen sah sie King entgegen. Sie hatte Angst vor ihm — eine Angst, die sie Shengs Hand abschütteln ließ, als habe sie sich verbrannt. Zwei Schritte vor ihr blieb der Revolvermann stehen, und seine grünen Augen funkeften wütend.

„Habe ich dir nicht verboten, dich mit diesen Kerlen einzulassen?“, fauchte er.

Suki schluckte. „Bitte, Left Hand, ich...“

Klatschend landete seine flache Hand im Gesicht des Mädchens. Suki schrie auf, taumelte zurück. Tränen schossen in ihre Augen, und mit wütend verzerrtem Gesicht wollte der Revolvermann noch einmal zuschlagen.

Shengs Hand zuckte vor — die blitzschnell zustoßende Kralle des Kung Fu-Adlers.

Hart schlossen sich seine Finger um Left Hand Kings Gelenk. Ein kurzer Ruck ließ den schwarzgekleideten Mann rückwärts stolpern. Geduckt stand er da, den Kopf zwischen die Schultern gezogen — und im Saloon wurde es so still, als hielten sämtliche Gäste den Atem an.

Der Keeper war zurückgekommen.

In der Tür zum Spielzimmer bemerkte Sheng Jay Hardin, Clint Lesly, ein paar elegant gekleidete Gäste. Niemand sprach. Selbst das Fallen einer Stecknadel hätte laut geklungen in diesem, atemlosen Schweigen. Jeder im Raum kannte Left Hand King, jeder wusste das gelbliche Glimmen in seinen Augen zu deuten — und nicht einmal der Saloonbesitzer wagte es in diesen Sekunden, seinen Mann zu stoppen.

„Nicht, Left Hand!“, rief Suki Mei schrill. „Er wollte mir doch nur helfen! Er ist unbewaffnet! Du darfst ihn nicht umbringen, du ...“

„Ich werde ihn nicht umbringen.“ Die Worte kamen langsam, vibrierend unter mühsam gebändigtem Hass. „Ich werde ihn tanzen lassen. Ich werde ihm ein für allemal klarmachen, wie er sich zu benehmen hat...“

„Versuchen Sie es nicht“, sagte Sheng ruhig. „Sie würden es nicht schaffen.“ '

„Ich würde ...?“

Kings Augen funkelten auf.

Jäh fuhr seine Linke nach unten, in einer fließenden, kaum mit den Blicken zu verfolgenden Bewegung. Die Waffe flog ihm förmlich in die Finger, kam hoch — und im gleichen Sekundenbruchteil machte auch Sheng eine blitzartige Bewegung.

Die Zuschauer bekamen nicht mit, was im einzelnen geschah.

Sie sahen nur einen zuckenden Schatten — und hörten Left Hand Kings abgehackten Schrei. Etwas polterte zu Boden. Immer noch verharrte Sheng ruhig an der Theke, immer noch stand der Revolvermann drei Schritte vor ihm — und starrte mit fassungslos geweiteten Augen auf seine leere linke Hand.

Ein Stöhnen ging durch den Saloon.

Suki Mei hatte wie erstarrt gestanden — jetzt drückte sie sich zitternd zur Seite und hastete zur Tür. Left Hand schien es nicht zu sehen. Sein Blick wanderte zu dem Revolver, der zwischen den Sägespänen auf den blankgescheuerten Dielenbrettern lag, tastete zurück zu Shengs Gesicht — und in den grünen Augen begannen wieder die gelblichen Funken zu glimmen.

Wie ein Peitschenhieb zerschnitt seine Stimme die Stille.

„Macht ihn fertig!“, fauchte er. „Schlagt ihn zusammen! Los, ich will ihn winseln hören ...“

Ein paar hünenhafte Schlägerfiguren sprangen von ihren Stühlen auf., Billy Bear, der Bremser, walzte heran, seine Kumpane folgten ihm. Jeder schien eifrig bestrebt, dem Revolvermann einen Gefallen zu tun — und niemand rechnete damit, dass sich auch nur ein einziger Finger für den schlanken Mann mit den dunklen, geschlitzten Augen rühren würde.

Auch Sheng rechnete nicht damit.

Und vielleicht war Jay Hardin selbst überrascht davon, dass er plötzlich den kleinen Derringer in der Faust hielt. Das Gesicht des Spielers war bleich, die blauen Augen brannten, und seine Stimme klang hart und entschlossen.

„Stopp!“, rief er. „Der erste, der ihn anfasst, kriegt eine Kugel in ...“

Clint Lesly wirbelte herum und schlug zu.

Hardins Derringer polterte auf den Boden. Wütend fuhr der Spieler herum — und blickte in die Mündung des Fünfundvierzigers, den der magere blonde Mann neben Lesly gezogen hatte.

„Nicht einmischen“, befahl der Blonde sanft. „Der verdammte Chink kriegt nur, was er verdient hat.“

Jay Hardin knirschte mit den Zähnen. Sheng lächelte ihm zu.

„Danke“, sagte er — und im gleichen Moment sah er aus den Augenwinkeln die jähe Bewegung.

Einer der Schläger stürmte auf ihn zu wie ein angreifender Stier.

Seine schwere Faust schwang. Ein triumphierender Schrei begleitete den Hieb — aber Sheng handelte schneller, als irgend jemand mit den Augen verfolgen konnte. Er glitt zur Seite. Gleichzeitig stieß er die Hand vor — eine instinktive Bewegung, die verhindern sollte, dass sich sein Gegner das Gelenk an der Holztheke brach. Der Hüne wurde vor die Brust getroffen, knickte zusammen, riss verzweifelt den Mund auf — und erst als er schon auf den Knien lag, löste sich das jaulende Stöhnen aus seiner Kehle.

Da war Billy Bear ...

Er hatte nichts gelernt aus dem Zwischenfall in dem Eisenbahnwaggon, und er lernte auch nichts aus der Niederlage des ersten Angreifers. Wie ein anstürmender Bulle senkte er den schweren Schädel, zwei, drei andere folgten seinem Beispiel, und diesmal erwartete auch der letzte der Zuschauer, dass der große Mann förmlich niedergerannt werden würde.

Es kam anders.

Ganz leicht ließ sich Sheng in die Knie sacken — und im nächsten Moment stand er nicht mehr dort, wo er eben noch gewesen war. Wie eine Schlange wand er sich durch die Front, seiner Gegner, federte auf den Fußspitzen, beobachtete, wie sich die Kerle überrascht und verwirrt herumwarfen. Ein weiterer Schläger versuchte, ihn von der Seite anzuspringen. Sheng hatte ihn Sekundenbruchteile zu spät bemerkt, um noch auszuweichen. Im Zusammenprall ließ er sich zurückfallen, seine Rechte vollführte eine schnelle Drehung — und der Angreifer segelte über ihn hinweg und krachte schwer zu Boden, während der schlanke geschmeidige Kung Fu-Mann wie eine Katze hochschnellte.

Ein Hieb streifte seine Schulter.

Jäh war er mitten unter den Angreifern, drehte sich federnd um die eigene Achse. Die Zuschauer sahen nichts als wirbelnde Bewegung. Pfeifend schnitten Shengs offene Hände durch die Luft — sausende Kranichschwingen!. Und mit der schnellen, kraftvollen Grazie des Kranichs ließ er den Oberkörper schwingen, wich den Schlägen aus, behauptete sich im Getümmel. Er wollte diesen ahnungslosen Männern nicht weh tun, wollte ihnen nicht die ganze Härte der Kung Fu-Kampfkunst demonstrieren. Seine Hände zuckten, trafen Arme, Schultern, Muskelstränge. Wie eine Schlange glitt er davon, drehte sich geschmeidig — aber die Kerle, die außer sich vor Wut nachsetzten, wollten einfach nicht begreifen.

Irgendwann während seiner Zeit beim Bahnbau hatten die chinesischen Kulis Sheng den Namen „Tiger-Mann“ gegeben — und jetzt wehrte er sich seiner Haut wie ein Tiger.

Gleich Stoffbündeln wurden seine Gegner durcheinandergewirbelt.

Schreie brachen aus heiseren Kehlen. Zwei, drei von den Kerlen krachten wie gefällte Eichen zu Boden. Niemand begriff, wie es zuging — aber noch nicht einmal zwei Minuten vergingen, bis Billy Bear, der Bremser, dem vermeintlich sicheren Opfer plötzlich allein gegenüberstand.

Der Koloss schluckte.

Er starrte Sheng an, die unverletzten, aber schwer angeschlagenen Männer, dann wieder Sheng. Langsam, ganz langsam sickerte die Erkenntnis in Billy Bears Hirn, dass die gesamte Schlägergarde des Saloons den schlanken Halbchinesen nicht hatte überwältigen können — und jetzt erinnerte sich der Bremser auch wieder an die gnadenlose Stahlklammer, die ihn in dem Eisenbahnwaggon auf die Knie gezwungen hatte.

Er wich zurück.

Schritt für Schritt, die aufgerissenen Augen auf den Mann gerichtet, der seiner Meinung nach kein normaler Mensch sein konnte ...

Als Sheng eine kurze Bewegung machte, zuckte der Hüne mit einem Aufschrei zusammen, warf sich taumelnd herum — und der ganze Saloon wurde Zeuge, wie der wilde, gefürchtete Schläger Billy Bear wie von tausend Teufeln gehetzt davonrannte.

Sheng wandte sich ab..

Ruhig nahm er das Tablett von der Theke, ruhig nahm er dem wie erstarrt stehenden Keeper die Flasche aus der Hand. Vollkommen gelassen ging er auf die Tür des Spielzimmers zu, um den Whisky zu servieren — und das einzige Geräusch in der atemlosen Stille war das Knirschen der Sägespäne unter seinen Schritten …

 

*

 

Sheng war nicht überrascht, als Clint Lesly ihn zu sich rufen ließ.

Genau wie beim ersten mal saß der Salooner in seinem Office hinter dem Schreibtisch. Aber diesmal war ein anderer Ausdruck in seinem Blick, mit dem er den schlanken Halbchinesen musterte. Seine gelben Raubtieraugen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt, und sein Gesicht spiegelte hellwaches Interesse.

„Ich verstehe dich nicht“, sagte er gedehnt. „Du hast schnellere Hände als Left Hand King. Du bist mit meinen Leuten umgesprungen, als seien es Schuljungen. Wie kann ein Mann wie du in einem Saloon die Böden fegen?“

Sheng lächelte.

„Es ist keine Schande“, sagte er.

„Aber auch keine besondere Ehre“, knurrte Lesly trocken. „Ich wette, du könntest Left Hand mit dem Colt schlagen!“

„Ich trage nie eine Waffe“, sagte Sheng ruhig.

„Wie du willst. Dass du trotzdem den meisten anderen überlegen bist, hast du bewiesen. Mit dir und Left Hand bin ich unschlagbar. Ich werde dir genauso viel zahlen wie ihm.“

Sheng schüttelte den Kopf. Er wollte den anderen nicht herausfordern, deshalb antwortete er ausweichend. „Ich glaube nicht, dass Mr. King mit mir zusammenarbeiten möchte.“

„Er wird tun, was ich sage. Außerdem würdet ihr sowieso nicht viel miteinander zu tun haben. Du übernimmst ab heute das Kommando über diese ganze Bande von hirnlosen Muskelprotzen, bringst ihnen deine Tricks bei und...“

„Sie irren sich in mir, Mr. Lesly“, sagte Sheng leise. „Ich hasse die Gewalt. In meiner Heimat hat man mich gelehrt, nur zu kämpfen, um das eigene Leben zu verteidigen oder ein Unrecht zu verhindern. Ich würde es niemals fertigbringen, einem anderen Menschen weh zu tun um irgendeiner Bezahlung willen.“

Er verstummte.

Der Blick des Saloonsbesitzers verriet deutlicher als Worte, dass er nichts, aber auch gar nichts verstanden hatte. Leslys gelbe Augen funkelten, und seine Lippen pressten sich in aufkeimendem Zorn zusammen.

„Du willst den Preis hochtreiben“, sagte er gedehnt.

„Nein, Mr. Lesly. Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich Ihr Angebot ablehnen muss. Ich möchte nicht, dass Sie es als Beleidigung auffassen.“

Lesly schüttelte den Kopf, fassungslos jetzt.

„Du lehnst ab?", vergewisserte er sich. „Du lässt einen Haufen guter Dollars sausen wegen irgendwelchen Blödsinns, den deine gelben Freunde dir mal in die Ohren geblasen haben?“

„Ich ziehe es vor, weiter die Böden zu fegen, Mr. Lesly. Gewalt ist Gift. Und Gewalt ist Niederlage. Selbst wenn ich mein Leben verteidigen muss, ist die Gewalt, die ich ausübe, noch die Niederlage meines Geistes, der nicht zu überzeugen vermochte ...“

„Idiot! Du hirnverbrannter Idiot!“ Clint Lesly hatte sich vorgebeugt, und seine langen Finger zuckten. „Du glaubst, du kannst mein Angebot ausschlagen? Okay, dann wähle! Entweder du übernimmst den Job, den ich dir angeboten habe, oder du kriegst von mir überhaupt keinen Job. Such’ es dir aus! Du kannst die Dollars nehmen oder verschwinden!“

„Ich werde gehen“, sagte Sheng ruhig.

„Du wirst... Narr! Verdammter gelber Narr! Mach, dass du hinauskommst! Lass dich nie wieder blicken, sonst...“ Noch ehe er die Drohung beenden konnte, hatte sich die Tür hinter Sheng geschlossen.

Langsam stieg der große Mann die Treppe hinunter. Mitzunehmen hatte er nichts — er besaß nur noch das, was er auf dem Leib trug. Einen Moment lang überlegte er, ob er sich von Jay Hardin verabschieden sollte, doch dann sagte er sich, dass es für den Spieler sicher besser sei, nicht mehr mit ihm gesehen zu werden.

Er nahm die Hintertür.

Tief atmete er die klare, kühle Nachtluft ein, sah einen Moment lang hinauf zum Sternenhimmel. Notfalls, überlegte er, würde er auch ohne Proviant und Wasserflasche durchkommen, wenn er diese Höllenstadt verließ. Die Jahre des Trainings im Kloster vom Weißen Lotus waren hart gewesen, gnadenlos hart — und er hatte gelernt, sich auf seine innere Kraft, sein Chi zu verlassen...

Er wollte sich abwenden.

Immer noch waren seine Gedanken weit weg, standen die Bilder aus der Vergangenheit vor ihm — und zu spät wurde ilun klar, dass es nicht die richtige Zeit war, sich in Erinnerungen zu versenken.

Ein rascher Schritt hinter ihm.

Hart bohrte sich der Gewehrlauf in seinen Rücken.

„Hands up!“ fauchte eine Stimme. „Ganz ruhig, Freundchen! Wenn du mit dem Kopf wackelst, hast du gleich eine Kugel drin ...“

 

*

 

Sheng blieb ruhig stehen.

Herumwirbeln, den Gewehrlauf beiseiteschlagen — es wäre leicht gewesen. Aber noch sah der große, schlanke Mann keinen Grund dafür.

Er spreizte die Arme ab.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er gelassen.

„Ich gar nichts! Aber mein Boss will dich sprechen. Mr. William Quent, falls du von dem schon gehört hast.“

„Ich habe von ihm gehört. Du wirst mich zu ihm bringen?“

„Genau, Chink! Also setz deine Gehwerkzeuge in Bewegung, ehe ich nachhelfe! Zur Bank geht es..

Sheng gehorchte.

Langsam ging er vor dem Unbekannten her, den Gewehrlauf im Rücken. Erst als sie aus dem Schatten der Einfahrt traten, senkte sich die Waffe. Sheng wusste, wo das Gebäude der Bank lag. Vor dem Eingang blieb er stehen — aber der Bursche hinter ihm stieß ihn erneut mit dem Gewehrlauf an und dirigierte ihn zu einer kleinen, nur angelehnten Seitenpforte.

Ein dunkler Flur.

Dann eine Tür und ein großer Raum dahinter, hell erleuchtet. Das Office war spartanisch eingerichtet — es hätte viel eher zu dem hageren, raubvogelhaften Clint Lesly gepasst als zu dem Mann, der wie eine große Qualle hinter dem Schreibtisch hockte. Wasserblaue, wimpernlose Augen musterten den Besucher. Das feiste Gesicht unter dem fahlen Haar wirkte teigig — aber in den Augen lag Kälte, und um den viel zu kleinen, fast weiblichen Mund gab es ein paar scharfe, grausame Linien.

„So“, sagte der Mann. Seine Stimme lag um ein paar Tonlagen zu hoch für seine Größe. „Du bist also der Wunderknabe, der im ,Nevada Star' aufgeräumt hat! Wie war noch gleich dein Name?“

„Man nennt mich Sheng“, sagte der große Mann.

„Ah, Sheng! Und jetzt hat mein Freund Lesly dich wohl hinausgeworfen, was?“

„Er wollte mich als Schläger anheuern. Ich lehnte ab. Ich hasse die Gewalt, und ich lasse mich nicht kaufen.“

William Quent nickte langsam. Seine farblosen Augen ließen den unfreiwilligen Besucher nicht los, während er befehlend mit den Fingern schnippte. In der offenen Tür tauchte ein knochiger, ledergesichtiger Typ auf, der in seinem eleganten Anzug wie verkleidet wirkte. Er trug ein Bündel in der Hand, warf es auf den Schreibtisch — und Sheng erkannte seine Deckenrolle und die Wasserflasche.

Quents kleiner Mund verzog sich zu einem Lächeln.

„Ihre Besitztümer“, sagte er. „Zufällig entdeckte ich sie bei einem meiner Angestellten. Der Mann hat seine Strafe bereits bekommen. Traurig, dass man heutzutage sogar bei seinem Personal mit Dieben und Räubern rechnen muss!“

„Danke“, sagte Sheng. Obwohl er sicher war, dass es den Mann hinter dem Schreibtisch normalerweise vollkommen kalt ließ, wen seine Leute ausplünderten.

„Und nun zum Geschäft“, sagte Quent gedehnt. „Mein lieber Freund Clint ist ein Geizhals. Ich weiß nicht, was er Ihnen geboten hat, aber ich weiß, dass ich ihn auf jeden Fall überbieten werde.“

„Es ist keine Frage des Geldes, Mr. Quent“, sagte Sheng ruhig.

Der Dicke hob die Brauen. Seine farblosen Augen wirkten jetzt kalt und hart wie Glas.

„Wieviel?“, fragte er. „Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, Mann! Nennen Sie Ihren Preis!“

„Ich habe keinen Preis, ich ...“

„Nonsens! Jeder hat seinen Preis! Ich kann dich reich machen! Du wirst alles haben, was du dir wünschst, du ...“

„Glücklich ist nicht, wer alles besitzt, was er sich wünscht, sondern wer sich nichts wünscht, was er nicht besitzt“, sagte Sheng leise.

Quent starrte ihn an.

Mit Augen, die für einen Moment fast kindlich töricht wirkten ...

„Wie war das?“, fragte er verblüfft.

Sheng lächelte, als er den Satz wiederholte. „Es ist ein Sprichwort aus meiner Heimat“, erklärte er. „Ich habe alles, was ich brauche, Mr. Quent. Der Baum der Enthaltsamkeit hat Genügsamkeit zur Wurzel und Zufriedenheit zur Frucht.“

„Sie müssen verrückt sein. Nicht ganz richtig im Gehirn!“ Fassungslos schüttelte William Quent den Kopf, dann spannte sich seine Haltung wieder. „Aber so einfach ist das nicht, mein Junge“, knurrte er. „Wenn es stimmt, was ich gehört habe, kannst du einen halben Indianerstamm ausrotten, wenn du deine Trickkiste aufmachst. Deshalb kann ich es mir nicht leisten, dich frei herumlaufen zu lassen und zu riskieren, dass du doch noch zu Lesly überläufst, kapierst du das?“

„Ich werde die Stadt verlassen“, sagte Sheng.

„Das wirst du! Aber wenn du es tust, wirst du nur noch kriechen können. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich — und als Gegner kann ich dich nicht gebrauchen.“

„Mr. Quent, ich ...“

„Joe! Marty! Tab! Faltet ihn zusammen!“

Die letzten Worte kamen im lauten, peitschenden Befehlston.

William Quent zog mit einem Ruck die Schreibtischschublade auf. Vermutlich wollte er nach einer Waffe greifen, gleichzeitig krachte eine Tür gegen die Wand — und Sheng reagierte blitzschnell, weil er nicht schon wieder sinnlos kämpfen wollte.

Seine Rechte wischte durch die Luft, packte das Deckenbündel.

In einer fließenden Bewegung ließ er sich rückwärts fallen. Eine geschmeidige Rolle, eine schnelle Drehung — dicht vor ihm war das verzerrte Gesicht eines der Burschen, die durch die Tür stürmten. Mechanisch nahm der Mann die Fäuste hoch. Shengs Rechte packte zu, schneller, als der andere denken konnte. Torkelnd flog er zurück, prallte gegen seine Kumpane und schlangengleich tauchte der drahtige Kung Fu-Kämpfer zwischen seinen Gegner hindurch und gewann den freien Raum.

Fünf Schritte bis zum Ausgang.

Sheng jagte zur Tür, in langen, federnden Sätzen wie der flüchtende Tiger. Die Dunkelheit des schmalen Durchgangs nahm ihn auf. Wütende Schreie klangen hinter ihm, Schritte und Gepolter. Er sah sich um. Die Straße bot keine Sicherheit. Die Höfe hinter den Gebäuden? Seine Muskeln spannten sich, sein Blick suchte die Schwärze der Wüstennacht dort hinten zu durchbohren — und in der gleichen Sekunde bemerkte er im Schatten der Hauswand die huschende Bewegung.

Eine kleine Gestalt.

Mandelaugen, die im ungewissen Licht flackerten.

Suki Mei klammerte ihre schmale Hand um seinen Arm, ihr Atem ging rasch, und als sie sich an ihn drängte, spürte er ihren Herzschlag wie das Flattern eines gefangenen Vogels.

„Komm mit!“, flüsterte sie. „Schnell! Ich kenne den Weg, ich habe Waffen und Pferde ...“

Voller Angst zerrte sie an seinem Arm, drängend, beschwörend.

Einen Moment lang zögerte er, dann gab er nach. Schnell und lautlos folgte er dem zitternden Mädchen in die undurchdringliche Schwärze des Hinterhofs, und Sekunden später hatte die Dunkelheit ihre Gestalten verschlungen.

 

*

 

Jay Hardin war müde und wütend, als er sich durch den düsteren Flur tastete, an dem sein Zimmer lag.

Der Spieler hatte gewonnen, aber den größten Teil seines Gewinns kassierte Clint Lesly. Das allein allerdings hätte nicht genügt, um Hardins Stimmung auf den Nullpunkt zu treiben, denn schließlich wollte er, in Devil’s Hole nicht reich werden, sondern lediglich die paar Dollar zusammenkratzen, die er brauchte, um die Höllenstadt wieder verlassen zu können. Aber er fühlte, dass Schwierigkeiten auf ihn zukamen, dass er Gefahr lief, sich in den Fäden der Netze zu verstricken, die die beiden Mächtigen in dieser Stadt spannen. Warum, zum Teufel, hatte er versuchen müssen, dem Halbchinesen zu helfen? Sheng wusste sich selbst zu helfen, das hatte er bewiesen. Und Sheng würde nach dieser Demonstration zwischen die Mühlsteine geraten, soviel stand fest. Hardin fluchte innerlich. Er wusste, dass auch er selbst schon zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Aufmerksamkeit — und Hass; den Hass, den er in den Augen des schwarzgekleideten Bevolvermanns gelesen hatte. Seufzend öffnete er die Zimmertür, schloss sie hinter sich und tastete nach dem Lichtschalter.

Left Hand King stand am Fenster.

Er stand ruhig da, den schweren 45 er in der Linken, und seine grünlichen Augen schienen den Spieler aufzuspießen. Jay Hardin schluckte. Sein Herz hämmerte, und es kostete ihn Mühe, der jähen Panik Herr zu werden.

„Was wollen Sie?“, fragte er flach.

King zog die Lippen von den Zähnen. Der Ausdruck seines schmalen Gesichts wirkte hungrig, seine ganze Haltung erinnerte an einen nervösen Jagdhund. „Wo ist sie?“, wollte er wissen.

„Wo ist wer?“

„Mein Girl! Suki Mei!“

Hardin lehnte an der Tür. Er spürte den Druck des Derringers in der Achselhalfter, aber er wusste, dass sein Gegner ihm keine Chance lassen würde.

„Woher, zum Teufel, soll ich das wissen?“, fragte er gepresst.

Kings schmale Augen ließen ihn nicht los. Spannung schien in der Luft zu knistern.

„Sie muss bei dem verdammten Chinesen sein“, sagte der Revolvermann langsam. „Er ist dein Freund. Du wirst mir erzählen, wo ich ihn finde.“

„Er ist nicht mein Freund, er ...“

Kings Finger zuckte.

Brüllend entlud sich der Schuss, eine lange Feuerzunge schlug aus der Revolvermündung. Jay Hardin spürte einen harten Schlag am linken Oberarm. Er spürte das Dröhnen in seinen Ohren, ein lähmendes Ziehen, das dem Schmerz vorausging, er spürte das warme Rieseln von Blut — und für einen Moment war er unfähig, irgend etwas anderes zu empfinden als tiefe Fassungslosigkeit.

„Du... du Schwein“, stammelte er. „Du verdammtes ...“

„Ich kann dich stückweise zum Krüppel schießen, Gambler!“, fauchte der Revolvermann. „Kein Hahn wird nach dir krähen! Also mach schon den Mund auf! Wo steckt der Chinese?“

Hardin keuchte.

Der Schmerz setzte ein, er presste stöhnend die Hand gegen seine Wunde an seinem Oberarm. Immer noch fassungslos starrte er den Revolvermann an, der langsam auf ihn zutrat und in dessen Augen nackter Vernichtungswille brannte.

„Nun?“, fragte King gefährlich leise.

„Ich weiß es nicht, verdammt nochmal! Ich hab’ doch schon gesagt, dass er nicht mein Freund ist, ich ...“

Left Hand King holte mit dem Coltlauf aus.

Brutal schlug er zu, traf das Gesicht seines Opfers, zweimal, dreimal rasch hintereinander. Jay Hardin wollte sich wehren, aber er brachte nur einen einzigen ungenauen Hieb an. Ein Knie zuckte auf ihn zu, bohrte sich mit mörderischer Wucht in seinen Leib, und aufbrüllend rutschte der Spieler an der Tür nach unten.

King trat nach ihm, und er fiel zur Seite und krümmte sich zusammen. Panik schüttelte den Spieler. Er begriff, dass dieser Verrückte ihn nicht aus den Klauen lassen, ihn notfalls umbringen würde. Aber warum? Warum? Nur wegen des Mädchens? Oder weil er Sheng hasste, weil er Sheng finden und töten wollte und ...

Ein neuer Tritt.

Hardin brüllte, seine Muskeln erschlafften, für einen Moment wurde es dunkel um ihn. Der tobende Schmerz verhinderte, dass er endgültig das Bewusstsein verlor. Er hörte Schritte. Mühsam brachte er den Kopf ein Stück hoch — und er sah, dass sein Peiniger ihm den Rücken zuwandte.

Der Revolvermann ging zu dem niedrigen Waschtisch am Fenster.

Er wollte den Wasserkrug nehmen, wollte den Inhalt über dem vermeintlich bewusstlosen Opfer auskippen. Den Colt hielt er locker in der Linken, seine Bewegungen wirkten pantherhaft geschmeidig — und Jay Hardin wusste verzweifelt genau, dass er diesem Mann selbst unverletzt niemals gewachsen sein würde.

Eine einzige Chance hatte er.

Jetzt! In dieser Sekunde ...

Seine Hand tastete unter die Jacke, zerrte den kleinen Derringer hervor — und der Schweiß trat in hellen Tropfen auf seine Stirn, als er auf Left Hand Kings Rücken zielte.

Der Revolvermann verharrte.

Spürte er die Gefahr? Nahmen seine Instinkte die tödliche Drohung wahr, die hinter ihm lauerte? Sein Nacken spannte sich, die feinen Härchen stellten sich auf. Jäh schien sich eine unsichtbare Stahlsaite in seiner Haltung zu spannen, die Schultern wurden steif und kantig — und Hardin begriff, dass es in der nächsten Sekunde zu spät sein würde.

Er drückte ab.

Ohne zu zögern, in einem Gefühl taumelnden sich Gehenlassens...

Verkrampft blieb er am Boden liegen, hörte den dünnen, peitschenden Knall, sah den Ruck, der durch Kings Gestalt ging, und das runde Einschussloch in seiner Weste. Der Revolvermann schwankte. Seine Knie knickten ein. Schwer stürzte er zu Boden, der Colt entglitt seiner Hand, und während seine Muskeln erschlafften, verwandelte sich der Krampf in Jay Hardins Brust in würgendes Entsetzen.

Er hatte einen Mann in den Rücken geschossen.

Das war Mord! Sie würden ihn hängen!

Taumelnd kam er hoch, halb ohnmächtig vor Schmerz, Schrecken und Schwäche, und nur noch der blinde, wahnwitzige Impuls zur Flucht hatte Platz in seinen Gedanken.

Weg hier!

Irgendwo ein Pferd nehmen und ...

Nein, dachte er verzweifelt. Kein Pferd. Auf einem gestohlenen Pferd würden sie ihn sofort erwischen. Oder doch: er musste die Nerven behalten, ganz ruhig zum Mietstall gehen und mit seinen wenigen Dollars einen Gaul für ein paar Stunden leihen. Später konnte er das Tier, in die Wüste treiben, um die Verfolger auf eine falsche Fährte zu locken, konnte auf den nächstbesten Zug springen, und dann...

Für einen Moment schloss er die Augen, atmete tief durch.

Mit zwei Schritten stand er am Fenster und schob es hoch, geschickt wand er sich hindurch, landete auf einem schrägen. Vordach und ließ sich so lautlos wie möglich nach unten gleiten.

Federnd landete er auf festgetretenem Lehm.

Er hatte Hoffnung geschöpft. Wenn ihm niemand begegnete, wenn King nicht zu früh gefunden wurde, wenn es ihm gelang, die Schusswunde vor dem Stallmann zu verbergen, hatte er eine Chance, es zu schaffen.

Und nie wieder, schwor er sich, würde er in seinem Leben einen Fuß auf den Boden von Devil’s Hole setzen …

 

*

 

„Nimm mich mit! Bitte! Bring mich weg von hier, du darfst mich nicht hierlassen ...“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922622
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v439502
Schlagworte
sheng befreier

Autor

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Titel: SHENG #17: Sheng, der Befreier