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CALLAHAN #15: Fluss der toten Seelen

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Eigentlich wollte ich dem halb bewusstlosen Cliff Lantry nur helfen, denn hinter mir tobte ein gigantisches Präriefeuer, das sich gefährlich schnell näherte. Aber anstatt sich für meine Hilfe zu bedanken, wollte mich Lantry austricksen, mein Pferd stehlen und mich in der Flammenhölle zurücklassen. Denn er hatte zwölftausend gute Gründe, so rasch wie möglich das Weite zu suchen. Zum Glück konnte ich den Spieß umdrehen und ihn daran hindern. Aber damit begannen die eigentlichen Schwierigkeiten erst. Denn das Präriefeuer zwang uns dazu, zusammenzuhalten. Zumindest so lange, bis wir in Sicherheit waren. Aber selbst dann wartete noch jede Menge Ärger auf mich. Zum einen ein Eisenbahmarshal, der die geraubten zwölftausend Dollar zurückbringen wollte – und zum anderen Ben Webster und seine Brüder, die es ebenfalls auf das Geld abgesehen hatten. Währendessen kamen die Flammen immer näher – und es gab nur noch eine einzige Chance, dem Tod zu entrinnen: mit einem Floß über den wilden Purgatoire River zu entkommen.

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Fluss der toten Seelen

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 15

 

Fluss der toten Seelen

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Eigentlich wollte ich dem halb bewusstlosen Cliff Lantry nur helfen, denn hinter mir tobte ein gigantisches Präriefeuer, das sich gefährlich schnell näherte. Aber anstatt sich für meine Hilfe zu bedanken, wollte mich Lantry austricksen, mein Pferd stehlen und mich in der Flammenhölle zurücklassen. Denn er hatte zwölftausend gute Gründe, so rasch wie möglich das Weite zu suchen. Zum Glück konnte ich den Spieß umdrehen und ihn daran hindern. Aber damit begannen die eigentlichen Schwierigkeiten erst. Denn das Präriefeuer zwang uns dazu, zusammenzuhalten. Zumindest so lange, bis wir in Sicherheit waren. Aber selbst dann wartete noch jede Menge Ärger auf mich. Zum einen ein Eisenbahmarshal, der die geraubten zwölftausend Dollar zurückbringen wollte – und zum anderen Ben Webster und seine Brüder, die es ebenfalls auf das Geld abgesehen hatten. Währendessen kamen die Flammen immer näher – und es gab nur noch eine einzige Chance, dem Tod zu entrinnen: mit einem Floß über den wilden Purgatoire River zu entkommen.

 

 

 

 

 

Roman:

Der Wind blies wie aus der Feuerung eines riesigen Schmelzofens. Er kam von Süden, von New Mexiko herauf. Und er trug mir einen Geruch zu, bei dem sich meine Nackenhaare sträubten und meine Kehle noch trockener wurde, als sie ohnedies schon war. Es war eigentlich nur eine Ahnung von Rauch und Asche in der Luft. Aber hier draußen, inmitten dieses sanft welligen Meers aus verdorrtem Büffelgras, in dem sich ebenso verdorrte Buschinseln zusammenballten, war es ein Geruch von Tod und Untergang.

Ich zügelte meinen Braunen auf einer Bodenwelle, stellte mich in den Steigbügeln auf und spähte zum fernen, im Hitzedunst verschwimmenden Horizont. War das Staub oder Rauch, was dort viele Meilen entfernt und kaum erkennbar über den Hügeln waberte?

Das Land um mich war zundertrocken. Die Halme des Büffelgrases raschelten wie Papier. Die kahlen Rotdornbüsche wirkten wie Knäuel von Stacheldraht. Der Funke eines Lagerfeuers oder auch nur ein glimmender Tabakkrümel aus einer Pfeife konnten hier ebenso eine Katastrophe auslösen wie der Blitzstrahl eines Trockengewitters.

Ich dachte unwillkürlich mit einem Schaudern an das tote Pferd, das ich vor zwei Stunden in einem ausgetrockneten Flussbett gefunden hatte. Das Tier hatte sich auf dem losen Geröll den rechten Vorderlauf gebrochen. Seinem Reiter war nichts anderes übriggeblieben, als es mit einem Schuss von seinen Qualen zu erlösen. Seitdem ritt ich auf der Spur eines Mannes, der sich durch diese sonnenversengte, totenstille Wildnis verbissen nach Osten durchschlug.

Irgendwo da drüben - ich schätzte die Entfernung auf etwa zehn Meilen - strömte der Purgatoire River durch die südöstliche Ecke von Colorado dem Arkansas River im Norden zu. Zehn Meilen, die für einen Reiter kein großes Problem waren. Für einen Mann zu Fuß waren es zehn Meilen der Angst und Ungewissheit darüber, wie weit das Feuer noch entfernt war und welchen Verlauf es nehmen würde.

Ich fand den Hombre schließlich in einer glutheißen, grasbewachsenen Senke. Er lag auf dem Gesicht, wie von einem Kolbenschlag hingeschmettert, einen Arm ausgestreckt, den anderen angewinkelt. Neben ihm ein Paar staubbedeckte Satteltaschen, prall, mit rissigen Nähten.

Der Mann trug einfache Reitertracht. Er war mittelgroß, kräftig gebaut, sein Haar weizenblond.

Als ich ihn vorsichtig herumwälzte, schaute ich in ein schweiß- und staubverschmiertes junges Gesicht. Die Lippen waren aufgesprungen. Die blauen Augen starrten mich trübe an.

„Wasser!“, krächzte er.

Ich hielt schon die lederüberzogene Canteenflasche bereit. Er trank gierig. Ich hatte dabei einen Arm unter seinen Achseln durchgeschoben, um seinen Oberkörper zu stützen.

„Vielen Dank, Mister!“, keuchte er danach und drückte mir die Mündung seines Smith and Wesson Revolvers gegen den Bauch.

Das eben noch wie von tiefster Erschöpfung gezeichnete Gesicht war plötzlich hart und angespannt. Ich begriff zu spät, dass mir der Kerl eine Menge Theater vorgespielt hatte. Das war einer von der Sorte, die bei Hitze und Durst nicht so schnell aus den Stiefeln kippte. Klar, dass er das Hufgetrommel meines Braunen schon von weitem gehört hatte.

Der Druck seines Schießeisens verstärkte sich sofort, als ich die Flasche in die linke Hand wechselte. Zeit gewinnen! schoss es mir durch den Kopf. Ich versuchte ein Grinsen: „Bedankst du dich immer so herzlich, wenn dir jemand einen Gefallen erweist?“

„Nur, wenn es sein muss.“ Das spöttische Funkeln in seinen Augen war eine Herausforderung. „Schade, dass du kein zweites Pferd dabei hast, Mister. Wir hätten uns sonst sicher geeinigt. Dein Pech, dass ich es eilig habe. Zu eilig, dich auf dem Gaul da mitzunehmen.“

Jetzt war nichts als eiskalte Entschlossenheit in seinem Blick. Wenn ich nun auch nur die Hand in die Nähe meines Peacemakers brachte, war ich ein toter Mann. Ein Gedanke, der mir den jungen, blonden Burschen nicht gerade sympathischer machte.

Ich schraubte die Flasche zu und erhob mich. Er kam gleichzeitig mit mir hoch. Dabei zog er die Satteltaschen zu sich heran und warf sie mit einem Schwung auf die linke Schulter. Keine Spur von Erschöpfung mehr.

„Bevor ich mich nun schon wieder von dir verabschieden muss, halte ich es für gesünder, wenn du deine Bleispritze abschnallst!“

„Gesünder für wen?“, knurrte ich.

Er lachte rissig. „Du bist ein Witzbold, Freund. Aber wenn du nicht tust, was ich dir sage, wirst du bald noch den Teufel mit deinen Späßen zum Lachen bringen.“

Ich hatte keine Wahl. Mein Waffengurt mit dem 45er landete im dürren Büffelgras. „Nenn mich, wie du willst, Junge, aber sag nicht Freund zu mir. Mir wird auch so schon speiübel, wenn ich dich nur ansehe.“

Er kniff die Augen zusammen. Seine Miene verkantete sich. Vielleicht war ich zu weit gegangen. Aber ich hatte den Bauch so voller Wut wie selten. Wut auch auf mich selber, weil ich mich von diesem killeräugigen Bengel so hatte reinlegen lassen.

„Wie heißt du Freund?“, fragte er gefährlich ruhig.

„Jed Callahan“, brummte ich.

Plötzlich lachte er wieder. Er hätte dabei wie ein Schuljunge ausgesehen, der sich über einen Streich freut, wenn diese eisigen, mitleidlosen Augen nicht gewesen wären. „Ich werd’ an dich denken, Callahan, wenn ich irgendwann und irgendwo wieder an einer Saloontheke stehe und ’nen Drink kippe!“ Er bewegte sich rückwärts zu meinem braunen Wallach. „Hat er auch einen Namen?“, grinste er.

„Frag ihn selber! Aber pass auf, er beißt. Er hat nämlich was gegen Stinktiere. Vor allem gegen solche, die auf zwei Beinen rumlaufen.“

Sein Grinsen wirkte jetzt wie eingemeißelt. Seine Augen funkelten wild. „Und ich hab’ was gegen Verrückte, die ihr Maul so verdammt weit aufreißen, als könnte ihnen keine Kugel was anhaben!“

Ich zuckte die Schultern. „Eine Kugel ist immer noch besser, als den Wettlauf mit ’nem Präriefeuer verlieren.“

Er starrte mich an, und im selben Moment erkannte ich, dass er bis jetzt von der Gefahr, die der Wind von Süden herantrieb, noch gar nichts bemerkt hatte. Er wollte etwas sagen, vielleicht in der Richtung wie „Welches Feuer denn?“. Dann schnupperte er, seine Miene veränderte sich. Sein jähes Lachen klang, als würde Glas zerspringen.

„Mann, da hab’ ich aber noch mal verdammt Glück gehabt!“

Zwei, drei Sekunden lang hatte ich gehofft, dass er sich die Sache doch noch anders überlegen würde. Sein Lachen fachte meinen Zorn noch mehr an, aber auch meine Verzweiflung. Doch eher hätte ich mir die Zunge abgebissen, als diesem Bastard verraten, wie mir zumute war. Er war nicht auf den Kopf gefallen und wusste jetzt, dass ich alles auf eine Karte setzen würde, wenn ich auch nur den Bruchteil einer Chance witterte.

Sein drohender Wink mit dem Smith and Wesson scheuchte mich von meinem am Boden liegenden Colt weg. Ich wartete reglos, als er. sich in den Sattel schwang. Er brachte das Kunststück fertig, dass seine Kanone keinen Lidschlag lang aus der Richtung geriet. Aber ich wartete auf etwas anderes. Darauf, dass er nicht riskieren würde, noch beim Wegreiten meine Kugel zu erwischen.

Der Braune, dem der fremde Mann auf seinem Rücken nicht behagte, tänzelte unruhig, als der Blonde ihn zu meinem im Gras liegenden Peacemaker trieb. Nun glaubte der Kerl, dass er vollends gewonnen hatte. Er steckte seinen Revolver weg und bückte sich vom Sattel aus nach meiner Waffe. Ich stand auch zu weit entfernt, ihn mit einem Sprung zu erreichen.

Jetzt oder nie! dachte ich entschlossen. Der Braune war noch immer reichlich nervös. Als ich urplötzlich ein kreischendes Fauchen wie das von einem angeschossenen, wild kämpfenden Puma ausstieß, ging er hoch, als explodierten Feuerwerkskörper zwischen seinen Hufen. Ein uralter, aber wirkungsvoller Trick.

Die Hand des Blonden schwebte gerade knapp über meinem Sechsschüsser. Dabei hatte er sich tief herabgebeugt. Als das Pferd mit allen vier Hufen gleichzeitig hoch schnellte und dazu wie eine Katze den Rücken krümmte, stürzte er prompt herab.

Ich hatte schon den ersten Satz zurückgelegt. Nach dem zweiten lag dieser Hundesohn schon auf der Seite und hatte wieder seinen verdammten Smith and Wesson aus dem Leder gezaubert. Aber nun gab’s für mich kein Halten mehr. Er konnte die Waffe zwar noch mit halb erschrockener, halb wutverzerrter Miene hochstoßen, dann knallte ihm meine Stiefelspitze mit voller Wucht gegen das Handgelenk. Er stieß einen Schrei aus. Sein Revolver wirbelte davon.

Im nächsten Moment war ich über ihm und schmetterte ihm die Faust an die Schläfe. Er bäumte sich auf und sank matt zurück. Die Strapazen schienen ihn doch mehr mitgenommen zu haben, als es eben noch den Anschein gehabt hatte. Der Kuckuck mochte wissen, wie lange er vor seinem Fußmarsch schon im Sattel unterwegs gewesen war. Ich sprang auf und holte mir meinen Sechsschüsser. Der Braune war ein Stück zur Seite gewichen, rupfte appetitlos am dürren Gras und äugte erwartungsvoll zu mir.

Mein Blick fiel auf die Satteltaschen des Fremden. Eine Ahnung war plötzlich in mir. Er stemmte sich keuchend auf die Ellenbogen. Das Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn. Seine Stimme war rissig.

„Genug Geld für uns beide, Callahan, wenn du ...“

Er brach ab. Etwas in meinem Blick warnte ihn wohl. Ich hob die Taschen auf und öffnete eine. Die dicken Geldscheinbündel quollen mir förmlich entgegen. Die Lederklappe war straff über sie gespannt gewesen. Der Wind fächelte mein Gesicht, aber ich hatte den Rauchgeruch jetzt vergessen. Da waren nicht bloß ein paar Hunderter. Da war mehr Geld, als mancher Mann, der von Sattelarbeit lebte, jemals in seinem Leben auf einem Haufen beisammen gesehen hatte.

„Wieviel?“, wollte ich wissen.

Der Kerl setzte sich auf. Seine Augen flackerten. Er schluckte. „Zwölftausend...“

Ein Lauern war nun in seinem Blick. Glaubte er etwa, ich würde den Verstand verlieren und vor Begeisterung zu hüpfen anfangen? Ich zog verächtlich die Mundwinkel herab. Kerle wie er würden wohl nie begreifen, dass ein Mann im Grunde nicht mehr brauchte als sein Pferd, seinen Colt und eine Menge Platz und Freiheit um sich herum.

Dort, wo ich mich zu Hause fühlte, nämlich in den Tälern und Canyons, die noch keines weißen Mannes Fuß betreten hatte, waren diese zwölftausend Dollar nur ein Haufen nutzloses Papier. Aber ich hatte keine Lust und keine Zeit, mit dem jungen Blonden darüber zu philosophieren.

„Hast, du eine Postkutsche überfallen?“, fragte ich.

Er richtete sich schwankend auf, schaute sich nach seinem Smith and Wesson um, entdeckte ihn jedoch nicht. Da ich meinen Colt gehalftert hatte, traute er sich ein bisschen näher. Mit einem geradezu fiebrigen Ausdruck starrte er auf die Ledertasche, die ich wieder zuschnallte.

„Es ist mein Geld! Wo ich es herhabe, geht dich ’nen Dreck an!“

Zwölftausend Dollar waren in einer Zeit, in der ein gewöhnlicher Cowboy dreißig Bucks im Monat verdiente, eine Riesensumme. Der Bengel hätte sich statt für den Besitzer des Geldes ebensogut für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgeben können.

„Schön, wie du meinst.“ Ich warf ihm die prallen Satteltaschen vor die Füße und ging zu meinem Pferd.

„He!“, schrie er. „Wo willst du hin?“

„Weg hier. Das siehst du doch.“

Ich ging weiter, bis ich bei dem Wallach war. Ich hörte sein Keuchen und seine hastigen Schritte. Als ich mich umdrehte, blieb er ruckartig stehen. Sein Oberkörper war leicht vorgeneigt. Es war bezeichnend, dass er sofort die geldgefüllten Taschen aufgehoben hatte und sie wie den kostbarsten Schatz der Welt an sich presste.

„Nimm mich mit!“, krächzte er. „Ich bezahle dich!“

Ich blickte ihn ausdruckslos an. „Mit gestohlenem Geld, wie?'“

„Das Geld ist der Erlös für eine verkaufte Rinderherde!“, log er. Denn ich brauchte nur seine Hände anzusehen, um zu wissen, dass er in seinem Leben noch nie mit Rindern, Lassos und Brenneisen zu tun gehabt hatte. Das waren schon eher die Hände eines Revolverschwingers und Kartenhais. „Mein Vater besitzt eine Ranch im Panhandle. Wir haben die Viecher zu den Bahnbaucamps der Atchison, Topeka and Santa Fe Railway raufgetrieben. Aber das kann dir doch eigentlich alles egal sein, Mann. Hauptsache, du hast noch nie so schnell und einfach tausend Bucks verdient! Jawohl, zum Teufel, tausend Dollar, Callahan, wenn du mich auf dem Gaul zum Fluss mitnimmst!“

„Und dann? Willst du dir dann Flügel wachsen lassen oder den Purgatoire runterschwimmen?“

„Nicht ganz zehn Meilen von hier gibt’s eine Farm am Fluss. Meine Schwester lebt dort. Ich wollte zu ihr. Dort werde ich ein Pferd bekommen.“

War das alles auch nur wieder geschwindelt? Ich runzelte die Stirn.

„Eine Farm hier draußen? So weit weg von jeder Stadt und der neuen Bahnlinie?“

Er zog die Schultern hoch und lachte krächzend. „Wenn du erst Joe Malone kennst, den Burschen, den meine Schwester geheiratet hat, wirst du dich nicht mehr wundern. Das ist der geborene Einsiedler. Wenn der nur das Wort Bahn hört, kommt dem schon die Galle hoch. Wenn ich nicht Loreen besuchen wollte, hätt’ ich mich kaum in diese gottverlassene Gegend verirrt, das kannst du mir glauben, Callahan. Also? Mein Angebot steht: tausend Dollar!“

„Ich nehm’ kein Geld von einem Kerl, der gerade versucht hat, mich umzubringen.“

„Aber das ist doch nicht wahr! Ich wollte nur ... Menschenskind, Callahan, das Feuer kommt wahrscheinlich doch gar nicht hierher! Das brennt viel weiter im Westen, und der Wind treibt es nach Norden, auf den Arkansas zu. Auf alle Fälle hättest du immer noch die Hügel am Fluss erreicht, und dort wärst du so oder so in Sicherheit gewesen...“

Ich lächelte kalt. „Na, dann kann dir ja selber auch nichts passieren! Noch dazu, da du weißt, wo du ein Pferd kriegst. Ob du ein paar Stunden früher oder später am Ziel bist, spielt doch keine Rolle. Oder?“

Als er einen gehetzten Blick über die Schulter warf, wusste ich endgültig, dass er nicht nur den Präriebrand fürchtete. Er war auf der Flucht. Deshalb misstraute er der Leere und Einsamkeit, die uns umgab.

Als ich einen Fuß in den Steigbügel schob und nach dem Sattelhorn griff, ließ er die Geldtaschen fallen und stürzte sich auf mich. Er war verblüffend schnell und wild.

Es war wie der Angriff einer Raubkatze. Ich konnte gerade noch den Fuß zurückziehen, mich drehen und den Kopf zur Seite biegen. Seine Faust wischte haarscharf an meinem Gesicht vorbei.

Ich hasse es, wenn erwachsene Männer wie prügelnde Schuljungen aufeinander losgehen, als sei dies jeder Weisheit letzter Schluss. Aber ich hatte keine Wahl und zögerte nicht, ihm meine geballte Rechte in den Leib zu hämmern. Es war im Moment die einzige Medizin gegen seine wilde Besessenheit, sich mit Gewalt zu holen, worauf er kein Recht hatte.

Er ging mehrere Schritte rückwärts. Aber dieses irre Glitzern war immer noch in seinem Blick. Ich schlug nach. Doch diesmal duckte er sich unter meiner Faust weg und ließ sich nach vorn fallen. Er umschlang mich und riss mich um. Bevor ich reagieren konnte, knallte er mir die Faust ins Gesicht.

Dann versuchte er mit der Wildheit eines wirklich Wahnsinnigen meine Kehle zu packen. Ich zwängte ein Knie hoch, bis ich genug Luft hatte, mich von ihm wegzurollen. Er schrie vor Wut, schlug nach mir, traf aber nur die Erde, als ich mich nochmals um die eigene Achse drehte. Ich hätte den Colt ziehen können. Aber er war in einer Verfassung, die ihn blind für jede Gefahr machte. Es wäre verrückt gewesen, ihn wegen des Pferdes zu töten oder auch nur anzuschießen. Ich drehte mich nochmals und sprang auf.

Kaum dass auch er wieder auf den Füßen war, ging er von neuem auf mich los. Er versuchte wie vorhin, mich zu unterlaufen und umzuwerfen. Ich glitt zur Seite, drehte mich halb und schmetterte ihm die Handkante ins Genick. Er sauste auf die Nase. Diesmal dauerte es eine Weile, bis er sich herumwälzte.

Er wirkte jetzt ernüchtert. Seine Brust hob und senkte sich heftig. Das Glühen in seinen Augen war fort. Er sah nur mehr ziemlich erledigt und verzweifelt aus. Doch als ich die Satteltaschen aufhob, schien er sich erneut aufraffen und auf mich losstürmen zu wollen. Ich senkte die Rechte auf den Colt. Da ließ er es.

Der Rauch und Aschegeruch stieg mir wieder in die Nase. Weit im Südwesten glaubte ich einen hauchdünnen Rauchschleier über den gelbbraunen Hügeln zu erkennen. Ich sagte: „Du verrätst mir jetzt sicher auch deinen Namen.“

„Ich bin Cliff Lantry!“, keuchte er. „Das Geld ...“

Ich wies mit einer Kopfbewegung auf das braune Pferd. „Wir haben keine Zeit für lange Reden. Steig auf und nimm die Zügel! Ich werde hinter dir sitzen, mit der Hand an der Waffe, damit du nicht wieder auf dumme Gedanken kommst.“

 

*

 

Später, als wir mitten in der Hölle steckten und keiner einen Cent für das Leben des ändern gegeben hätte, erinnerte ich mich im nachhinein an die Flammenröte des Sonnenuntergangs wie an ein böses Omen. Doch als wir nun über den letzten Hügelkamm vor dem Fluss ritten, waren wir überzeugt, dass wir’s geschafft hatten.

Der Wind war hier nur ein sanfter Hauch. Wenn da draußen, zwanzig oder dreißig Meilen entfernt, das Gras und Buschland brannte, dann würde derselbe Wind das Feuer von nun an immer weiter von uns wegtreiben, nach Norden, dem Arkansas zu.

Der Purgatoire River glänzte vor uns wie ein Kupferband im Licht der sinkenden Sonne. Gegenüber ragten steile Felswände aus dem schnell strömenden Wasser. Grasbüschel und Buschwerk wucherten entlang der Ränder. Zweihundert Yard flussabwärts verschwand der glitzernde Wasserstreifen hinter einem scharfen Knick.

Direkt unter uns, nahe am Ufer, duckten sich die Gebäude der Farm an den sanft ausschwingenden Hang. Ich hatte schon Hunderte von solchen primitiv gezimmerten Hütten gesehen. Doch irgendwie kam mir die Behausung dort unten noch armseliger als alle anderen vor. Vielleicht lag’s an den in der Gluthitze dieses Augusts fast verdorrten Mais und Weizenfeldern, die sich beiderseits der Farm am westlichen Flussufer entlangzogen. Ein Bild der Trostlosigkeit. Das mühsam angelegte Netz der Bewässerungsgräben war ausgetrocknet. Das von Hand zu bedienende große, hölzerne Schöpfrad stand still.

Kein Wunder. Bei dieser mörderischen Glut, die Tag für Tag auf das einsame Land niederknallte, hätte ein Mann die Hälfte seiner Zeit damit verbringen müssen, Wasser auf seine Felder zu pumpen, um nur einen Teil seiner Ernte zu retten. Ein aussichtsloses Unterfangen. Noch aussichtsloser als der Versuch eines einzelnen, der Wildnis am Purgatoire River, dem Fegefeuer-Fluss, eine Oase fruchtbaren Lands abzuringen. Dieser Sommer gar bot den denkbar schlechtesten Start dafür. Ein Sommer, den so schnell kein Mensch vergessen würde, der um dieselbe Zeit wie wir in dem Gebiet zwischen dem Raton Pass im Süden und dem Arkansas im Norden unterwegs war.

Die Farm sah tot und verlassen aus. Nur der Rauch aus dem dünnen Blechschornstein verriet, dass es Leben dort unten gab. Lantry hatte das Pferd gezügelt. Ich merkte, wie seine Haltung sich verkrampfte. Er schüttelte den Kopf.

„Ich werd’ nie begreifen, wie Loreen es hier aushält. An diesem Platz möcht’ ich nicht mal begraben sein.“

„Das kann dir trotzdem schnell blühen, wenn da unten nicht deine Schwester, sondern ein paar Freunde von dir auf dich und das Geld warten!“, warnte ich ihn.

Er blickte mich mit einem verzerrten Grinsen über die Schulter an. „Du kommst auf die verrücktesten Ideen, Callahan.“

„Diese verrückten Ideen haben mir oft genug das Leben gerettet, mein Junge. Los, vorwärts!“

Obwohl nur noch die Hälfte des feuerroten Sonnenballs über die Kämme lugte, war es noch drückend heiß. Eine Hitze, bei der man sich am liebsten die Kleider herabgerissen hätte und in die kühl schimmernden Fluten des Purgatoire gesprungen wäre. Aber das stand uns alles noch bevor. Nur anders, als wir es uns je hätten träumen lassen. Sand mahlte unter den Hufen des Braunen. Die Nähe des Wassers wirkte wie ein Magnet auf das Pferd. Es schnaubte widerwillig, als Lantry es an dem mit Erdschollen gedeckten Geräteschuppen vorbei auf die Wohnhütte zulenkte.

Der einzige Luxus dieses Gebäudes war das Glasfenster rechts der Tür. Das andere Fenster war mit einer dünngeschabten Tierhaut bespannt. Wegen der Hitze war sie jetzt halb hochgerollt. Auch der Stall war offen. Ein Muhen kam heraus. In dem Korral dahinter standen zwei Pferde im Schatten einer Reihe noch junger, dünnstämmiger Cottonwoods. Das eine ein klobiges Zugpferd, das andere ein hochbeiniger Renner mit langer Brust und schmalem Kopf. Ich entdeckte Schweißflecken auf seinem Fell, ebenfalls auf dem Sattel, der garantiert noch nicht lange über der obersten Querstange des Zauns hing.

Lantry bemerkte nichts davon. Die Frau, die plötzlich im dämmrigen Viereck der Hüttentür stand, lenkte ihn ab. Sie war noch jung, vielleicht nur ein Jahr älter als der blonde Kerl, den ich als meinen Gefangenen herbrachte. Ich hatte eine der früh von einem entbehrungsreichen Leben gezeichneten Siedlersfrauen zu sehen erwartet und war überrascht vom Anblick dieses hübschen, blühenden Wesens. In freudigem Schreck hob Loreen Malone eine Hand an die Kehle.

„Um Himmels willen, sag jetzt weder was von dem Geld noch davon, wie du mich getroffen hast!“, beschwor Lantry mich leise. Plötzlich war es schwer zu glauben, dass er derselbe kaltschnäuzige Bursche war, der sich mit dem Revolver in der Faust für meine Hilfe „bedankt“ hatte.

„Cliff!“, ertönte da schon ihr freudiger Ruf. Sie wischte sich noch rasch die Hände an der Schürze ab, dann lief sie auf uns zu. Schlank, jung und anmutig wie ein Reh. Ihre Augen strahlten. Augen, die so blau waren wie die von Lantry. Auch ihr Haar war so voll und weizenblond wie seins. Sie trug es wie die meisten Siedlersfrauen straff nach hinten gekämmt und im Nacken verknotet. Auch das einfache Kattunkleid passte dazu.

Und trotzdem hätte ich nicht nur meinen Colt, sondern auch mein Pferd darauf gewettet, dass diese junge, hübsche Person das Innere eines Farmhauses und erst recht die Arbeit auf den Feldern noch nicht lange kannte. Allein diese leichtfüßige Art, sich zu bewegen, mit einem Hüftschwung, der schon zur Gewohnheit geworden war, sagte mir alles. Außerdem waren da noch die Kette mit falschen Perlen an ihrem makellosen Hals und die Glitzerringe an ihren Ohren. Überbleibsel aus einer Vergangenheit, in der ich sie mir gut als eines von den vielen bunten Flittergirls in den Saloons entlang der neugebauten Bahnlinie vorstellen konnte. Nun leuchtete es mir schon besser ein, dass sie Lantrys Schwester war.

Vorerst sah sie nur ihn. Es war eine überaus herzliche Begrüßung. Lantry war kaum abgesessen, da hing sie schon an seinem Hals. Lachend fasste er sie um die Taille und schwang sie im Kreis herum - ein Junge, der kein Wässerchen trüben konnte. Sie war außer Atem, als er sie auf die Füße stellte. Ihre Wangen glühten. So sah sie noch hübscher, noch mädchenhafter aus.

„O Cliff, ich hab’ immer darauf gewartet, dass du einmal kommen würdest! Ich freu’ mich so, Cliff!“ Dann rief sie zur Hütte hinüber: „Es ist Cliff, Joe! Endlich ist er hier, um uns zu besuchen!“

Nun sah sie auch mich. Eine Frage war in ihren Augen. Ich war abgestiegen, nickte ihr freundlich zu und tippte an die Krempe meines staubbedeckten Stetsons. Die Satteltaschen mit den zwölftausend Dollar hingen auf meiner linken Schulter. „Hallo, Ma’am.“

„Das ist Jed Callahan, ein alter Freund von mir“, erklärte Lantry schnell, und ich brachte es seiner Schwester wegen jetzt nicht übers Herz, ihn einen verdammten Lügner zu nennen. „Ich hatte Pech mit meinem Pferd, das sich ein Bein brach. Deshalb ...“

Er verstummte, als ein stämmiger, schwerfällig wirkender Mann auf die Türschwelle trat. So wenig Lantrys junge Schwester in diese gottverlassene Gegend passte, so sehr war Joe Malone der typische Farmer.

Ein derb gekleideter Mann mit großen, schwieligen Händen, die zuzupacken verstanden. Er war mindestens ein Dutzend Jahre älter als seine Frau. In seinem wettergegerbten Gesicht gab es eine Menge Linien, die Härte, aber auch Bitterkeit verrieten. Ein Mann, dem es offenbar so schwerfiel, ein Lächeln zustande zu bringen, dass er’s gar nicht erst versuchte. Jedenfalls bemerkte ich keine Spur von Wiedersehensfreude oder gar Begeisterung. Möglich auch, dass er über Cliff Lantry besser Bescheid wusste als dessen Schwester.

„Hallo, Cliff!“, brummte er nur. Sein Blick wanderte sofort zu mir weiter. Ein Blick, der noch abweisender wurde, als er meinen tiefgeschnallten Peacemaker entdeckte. Er schien nicht gerade die besten Erfahrungen mit Männern gemacht zu haben, die ihre Waffe so trugen und denen der Hauch des Wildnislebens zu deutlich anhaftete wie mir. Er machte keine Anstalten, aus der Hütte zu treten.

„Wer ist der Mann?“

„Ein Freund von Cliff!“, antwortete die Frau an Lantrys Stelle. „Sein Name ist Jed Callahan.“

„Sonst nichts?“, knurrte er misstrauisch.

„Mir genügt’s“, lächelte ich. Dann zog ich die Winchester aus dem Scabbard, gab dem Braunen einen Klaps auf die Hinterhand und ließ ihn zum Fluss traben. Das Steilufer drüben wirkte wie eine Festungsmauer. Aber Malone schien genau der Typ, sich auf diese Weise noch mehr von der übrigen Welt abzuriegeln. Ich brauchte keine Angst zu haben, dass der Wallach mir davonlief. Ich würde ihn später absatteln. Das Wasser und das Gras am Flussufer genügten ihm vorerst.

„Kommt rein!“, rief Loreen. Ihre blauen Augen lachten. „Ihr werdet hungrig und durstig sein. Dem lässt sich abhelfen.“ Sie war den Umgang mit Männern gewohnt. Auch mit so rauen Burschen, die noch den Staub der Wildnis auf ihrer Kleidung trugen.

Ich gab Lantry, der seine Rolle weiterspielte und mir zuwinkte, ihnen ins Haus zu folgen, einen Wink mit den Augen. Ein Wink, der den Pferden im Korral galt. Lantry stockte mitten im Schritt. Loreen hatte sich bei ihm eingehängt.

„He, Joe, hast du dir ’nen neuen Gaul zugelegt?“

Malone, der gerade in die Hütte hatte zurücktreten wollen, schüttelte den Kopf. „Wir haben Besuch.“ Lantrys Haltung versteifte sich. Auch ich war plötzlich gespannt. Malone und seine junge Frau bemerkten es nicht.

„Ein Mann namens Wellard“, erklärte der Farmer. „Er kommt vom Raton Pass rauf. Das Feuer hat ihn hergetrieben. Vor ’ner halben Stunde erst. Sagt, er ist wie der Teufel geritten. Drunten im Süden ist schon die halbe Prärie verbrannt. Soll da ein höllisches Trockengewitter gegeben haben. Ein Glück, dass wir die Hügel zwischen der Prärie und dem Fluss haben.“

Ich dachte an das vertrocknete Buschwerk, an dem wir in diesen Hügeln vorbeigeritten waren. Aber solange der Wind nicht drehte, war alles gut. Eine Minute später, als ich in der halbdunklen Hütte stand, mit einer Gewehrmündung zwischen den Schulterblättern, war ich anderer Meinung.

Nach Lantrys Reaktion glaubte ich nicht mehr, dass er einen Kumpan hier treffen wollte. Mein Fehler war, dass ich die Gefahr nur von ihm und seinen Freunden, falls er welche hatte, erwartete. Malone zündete gerade die über dem Tisch hängende Lampe an, als wir die Hütte betraten. „Wellard, wo stecken Sie denn?“, rief er.

Im selben Moment, als ich das Geräusch neben der Tür hörte, spürte ich auch schon diesen unmissverständlichen Druck in meinem Kreuz. Ich stand sofort reglos.

„Weg mit dem Gewehr!“, befahl eine harte Stimme hinter mir. Malone, Lantry und die Frau waren herumgezuckt. Malones Blick hetzte von Lantry zu mir und dann zu dem Mann, der hinter mir stand. „Zur Hölle, was ...“

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Malone! Mischen Sie sich nicht ein!“

Lantry duckte sich. Seine Rechte war instinktiv zur Hüfte geschnellt, wo sonst sein Smith and Wesson hing. „Rushford, du verdammter Menschenjäger!“

„Rushford?“, widerholte Loreen verängstigt und verständnislos. Der Peacemaker wurde mir von hinten aus der Halfter gezogen. Ich ließ es zu, weil ich wusste, dass der Mann es nicht auf mich, sondern auf Cliff Lantry abgesehen hatte und auf das Geld.

„Ja, John Rushford, Ma’am, Bahnmarshal der Atchison, Topeka and Santa Fé Railway. Ich konnte Ihnen meinen richtigen Namen leider nicht früher nennen. Aber es stimmt, dass ich auf der Flucht vor dem Feuer war.“

„Du Dreckskerl hast hier auf mich gewartet!“, keuchte Lantry.

„Auf dich und deinen Freund! Als ich in La Junta herausbekam, dass deine Schwester hier draußen lebt, war’s für mich nicht schwer zu erraten, wo du dich verkriechen würdest, Lantry. Also trennte ich mich von dem Aufgebot, das jetzt, weiß der Henker wo, noch nach euch sucht. Ein Mann muss eben dann und wann bereit sein, alles auf eine Karte zu setzen! Nur nicht so, wie du’s in La Junta getan hast!“

„Ein Bahnmarshai unter meinem Dach!“, schnaubte Malone, als sei dies das Schrecklichste von allem. Und dann erst: „Zum Teufel, was haben die beiden denn aüsgefres sen?“

„Moment mal!“, rief ich. „Bevor dieses Spiel weiterläuft, möchte ich klarstellen, dass ich mit der ganzen Geschichte, um was es auch geht, nichts zu tun habe!“

„Interessant!“ war Rushfords spöttischer Kommentar. Harte Tritte tackten um mich herum. Nun sah ich den Mann, dessen Remingtongewehr abwechselnd auf mich und Lantry deutete. Er war groß, hager. Das Haar über seinen Schläfen schimmerte silbern. Sein Gesicht war scharf geschnitten, die Nase leicht gebogen. Seine Augen erinnerten mich an die Augen eines Falken. Der nach vorn ragende Kolben eines Colts, den er hoch an der linken Hüfte trug, lugte unter seinem aufgeknöpften altmodischen Prinz Albert-Rock hervor. Der Mann wirkte zäh, hart und gefährlich. Ein Mann, der sich nicht nur auf seine Waffen, sondern auch auf seine Gehirnzellen verließ.

„Ich hab’ vorhin nicht nur deinen Namen aufgeschnappt, Callahan. Lantry hat dich auch laut und deutlich als seinen Freund genannt.“

Ich blickte Lantry zornig an. „Sag ihm die Wahrheit!“

Ich erkannte, wie es hinter Lantrys Stirn arbeitete. Einige Schweißtropfen glitzerten auf ihr. Dann zerrte ein mühsames Lächeln an seinen Mundwinkeln. „Welche Wahrheit?“, fragte er gepresst.

Wollte er nur Zeit gewinnen? John Rushford stieß meine Winchester mit dem Fuß an die Hüttenwand. Meinen Colt hatte er unter seinen Mantel geschoben.

Eine Weile gab es nur das leise Knistern des Feuers im steingemauerten Herd. Das Wasser im Topf darüber begann allmählich zu brodeln. Die Hütte bestand aus einem einzigen, von der Petroleumlampe trüb erhellten Raum. Die Schlafstellen konnten durch einen jetzt halb zur Seite gezogenen Vorhang abgetrennt werden. Die Balkenwände waren mit Lehm verdichtet, die meisten Möbel selbst gezimmert. Es gab nur die beiden Fenster zum Fluss hinaus. Deshalb war es hier drinnen so früh finster geworden.

Loreen hatte sich an Lantrys Arm geklammert. Ein Zittern war in ihrer Stimme. „Rushford, um Himmels willen, das muss doch alles ein Irrtum sein!“

„Dann war es auch ein Irrtum von den beiden Halunken, als sie in La Junta das für die Strecke nach Trinidad zuständige Bahnbaubüro überfielen, einen Mann erschossen und mit zwölftausend Dollar Beute in die Prärie flohen.“

„Nein!“

„Doch!“, sagte Rushford hart. „Der Mann, den die Kugel eines dieser beiden Schurken erwischte, lebte gerade noch so lange, den Namen Ihres Bruders als einen der Täter zu nennen.“

„Aber nicht meinen!“, hakte ich ein.

Ein durchdringender Blick aus Rushfords Raubvogelaugen traf mich. „Woher sollte er ihn auch kennen? Lantry dagegen war in La Junta als Kartenhai und Revolverschwinger stadtbekannt. Fest steht, dass es zwei Kerle waren, die das Büro überfielen. Und wenn ich mir vorstelle, was in den Satteltaschen steckt, die du da auf der Schulter trägst, ist für mich das Ganze kein Rätsel mehr.“

Ich warf die geldgefüllten Ledertaschen auf den Tisch. „Ich kenne Lantry erst seit ein paar Stunden. Ich stieß auf ihn, nachdem er sein Pferd verlor und ich ...“

„Gib dir keine Mühe, Callahan!“, winkte Lantry kopfschüttelnd ab. „Ich kenne Rushford. Das ist der schärfste Hund, den uns die Schienenkerle in La Junta auf die Fährte hetzen konnten. Den legst du nicht herein.“

Ich drehte mich von Rushford weg und starrte ihn an. Ich muss wohl ausgesehen haben, als wüsste ich nicht, ob ich an seinem oder meinem Verstand zweifeln sollte. Und dieser kaltschnäuzige, abgefeimte, verfluchte Kerl zuckte nun auch noch mit einem bedauernden Grinsen die Schultern.

„Tut mir leid, Amigo, aber ich weiß, was ich sage.“

Das wusste er sicherlich. Am liebsten wäre ich ihm an die Kehle gesprungen. Aber Rushford war ein Mann, der nicht lange fackeln würde, wenn er eine falsche Bewegung bemerkte. Ein Hombre, der der festen Meinung war, zwei gefährlichen Verbrechern gegenüberzustehen, durfte nichts riskieren. Ich beherrschte mich.

„Er lügt, Rushford! Ich werd’ Ihnen auch sagen, warum. Er ...“

„Das alles kannst du dem Richter in La Junta erzählen!“, unterbrach er mich, und sein eisiger Blick war eine noch deutlichere Drohung als die Remington in seinen Fäusten. „Dorthin werd’ ich euch bringen, wenn es auf der anderen Seite der Hügel keine Feuergefahr mehr gibt. Dort könnt ihr dann auch ausraufen, wer von euch beiden Harv Davis umgelegt hat. Für verfluchte zwölftausend Dollar!“

„Cliff, sag, dass es nicht wahr ist!", stöhnte die junge Frau.

Malone schnaubte: „Du hast doch gehört, wie er’s zugegeben hat!“ Er stapfte zum Tisch und zerrte die Satteltaschen auf. Rushford hinderte ihn nicht daran. „Da! Der Teufel soll Rushford dafür holen, dass er meine Farm als Banditenfalle benutzt hat! Aber wenn das nicht die zwölftausend geraubten Bucks sind, dann will ich der Bahn zu dem verdammten Geld auch noch meine Farm schenken, und du weißt, was die mir bedeutet!“

Wenn er „Bahn“ sagte, spuckte er das Wort wie einen Fluch aus. Ich hatte seit den Ereignissen in der Royal Gorge die Leute von der Atchison, Topeka and Santa Fé Railway ja nicht in bester Erinnerung. Aber das war ein abgeschlossenes Kapitel, mit dem Rushford und der Überfall in La Junta nichts zu tun hatten.

Ich war auf dem Weg nach Süden gewesen. Nachdem ich gehört hatte, dass Pat Garrett mit seiner Jagd auf Billy the Kid halb Mexico in Aufruhr versetzte, war Texas mein Ziel. Denn ich war kein Mann, der Verdruss suchte. Den bekam ich auch so, wie sich immer wieder, wie jetzt, herausstellte. Da nützte es auch nichts, dem jungen Lantry die Pest an den Hals zu wünschen. Sein Hinweis hatte mich erledigt. Da konnte ich Rushford erzählen, was ich wollte. Aber dahinter steckte mehr als Bosheit und Rachsucht...

Der Bahnmarshal zog nun zwei Paar Handschellen unter seinem Prinz Albert-Rock hervor. Sie klirrten neben den Geldtaschen. Es war ein Geräusch, bei dem sich mein Magen verkrampfte und mein Herz unwillkürlich schneller schlug. Es gab Männer, die der bleierne Tod aus einem Revolver oder Gewehr nicht so schreckte wie die Vorstellung, wochen- und monatelang in der Enge einer Gefängniszelle hocken zu müssen. Männer, denen ihre Freiheit ebenso viel wie ihr Leben bedeutete. So einer war ich auch.

Aber das Leben in der Wildnis hatte mich Geduld gelehrt. Die Geduld des Jägers, den richtigen Augenblick abzuwarten. Und der war noch nicht da. Nicht, solange John Rushford den Finger am Drücker hielt und darauf wartete, dass ihm einer von uns an die Kehle fuhr.

„Vorwärts, Malone, fesseln Sie die Kerle!“ befahl er. „Aber passen Sie auf, damit Sie mir nicht ins Schussfeld kommen!“

Malones Gesicht lief dunkel an. Eine Ader schwoll an seiner Stirn. „Machen Sie, was Sie wollen, Rushford! Ich hab’ mit dieser üblen Geschichte nichts zu tun. Auf keinen Fall wird es so weit kommen, dass ich die Befehle eines Mannes annehme, den die Bahn bezahlt!“

„Ich versteh’ Sie nicht, Malone“, erwiderte der Hagere kühl. „Sie sollten froh sein, dass die Eisenbahn ein bisschen Zivilisation in diese verdammte Wildnis bringt.“

Lantry lachte krächzend. Malone spuckte wütend aus. Rushford war klug genug, nicht um jeden Preis seinen Willen durchsetzen zu wollen. „Schön, Lantry, dann übernimm du es!“, entschied er. „Los, fass die Armbänder nur an, die beißen nicht! Erst ist dein Freund dran, dann du selber!“

Loreens Bruder warf mir einen schrägen Blick zu, ehe er nach den Stahlfesseln griff. „Nein, Rushford, geben Sie ihm eine Chance! Er ist kein Mörder!“, rief Loreen verzweifelt.

Malone hielt sie fest, als sie zu Lantry wollte. Sie klammerte sich an ihn. „Joe, lass es nicht zu! Tu was, Joe! Er ist mein Bruder!“

„Verdammt will ich sein, wenn ich auch nur einen Finger für ’nen Kerl rühre, der sich am fremden Eigentum vergreift! Sehen Sie bloß zu, Rushford, dass Sie mit den beiden Kerlen von hier verschwinden!“

„Nicht vor morgen früh“, erklärte der Railroad Marshal ungerührt. „Und auch dann nur, wenn von dem Feuer nichts mehr zu sehen ist. Sie werden sich damit abfinden. Los, schlaf nicht ein, Lantry! Und wenn du ’nen faulen Trick versuchst, wirst du nicht mal mehr dazu kommen, ihn zu bedauern. Du weißt doch, wenn ich schieße, treffe ich auch!“

 

*

 

Eine Stunde später dachte Rushford noch immer nicht daran, seine Remington aus der Hand zu legen. Er hatte es sich an der Schmalseite des Tisches auf einer Bank bequem gemacht, das Gewehr über den Knien. Er war hellwach und offensichtlich entschlossen, die ganze Nacht kein Auge von uns zu wenden. Lantry und ich saßen vor ihm, die Hände auf der rissigen Tischplatte. Über uns brannte die Petroleumlampe. Die Stahlketten zwischen unseren Handgelenken funkelten.

Niemand sprach. Loreen stand mit dem Rücken zu uns am Herd, dessen Hitze den Raum erfüllte. Fenster und Tür waren offen. Die hereinbrechende Nacht hatte keine Abkühlung gebracht. Ebensowenig der Wind, der ums Haus säuselte. Er kam immer noch von Süden.

Malone, der die Pferde versorgt und von dem Hügel über der Farm Ausschau nach dem Präriebrand gehalten hatte, kehrte mit finsterer Miene zurück. Er knallte die Tür zu. Seine schwieligen Fäuste umspannten die Hosenträger. Er trug auf dem Oberkörper nur das rote, schweißfleckige Armeeunterhemd.

„Nein, du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er mürrisch zu Loreen, die ihn besorgt ansah. „Das Feuer ist weit weg. Es wird nicht über die Hügel kommen, wenn der Wind die Richtung beibehält.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922615
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
callahan fluss seelen

Autor

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Titel: CALLAHAN #15: Fluss der toten Seelen