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JIM SHANNON #12: Shannon und die Saloon-Schakale

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Sie haben Ben O´Neal alles genommen, was ihm wichtig war: den Red Horse Saloon, sein Geld - und sein Bruder Patrick ist spurlos verschwunden. Deshalb hat O´Neal dem Syndikat des Halunken Dunmore Rache geschworen. Dunmore verfügt über einen großen Einfluss und streckt ständig seine gierigen Hände nach weiteren Lokalen, Hotels und Kneipen aus, mit denen er Gewinn machen kann. Mit einem Trick gelingt es O´Neal, unerkannt an einer Pokerrunde teilzunehmen, in der es um verdammt viel Geld geht – und Jim Shannon ist einer der Männer, die mitspielen.
Noch ahnt Shannon nichts von O´Neals Plan, Dunmore auszutricksen – und als er die Absicht dieses Mannes erkennt, ist es schon zu spät. Denn da hat er schon längst Partei für O´Neal ergriffen und bekommt deswegen jede Menge Ärger ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und die Saloon-Schakale

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 12

 

Shannon und die Saloon-Schakale

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Sie haben Ben O´Neal alles genommen, was ihm wichtig war: den Red Horse Saloon, sein Geld - und sein Bruder Patrick ist spurlos verschwunden. Deshalb hat O´Neal dem Syndikat des Halunken Dunmore Rache geschworen. Dunmore verfügt über einen großen Einfluss und streckt ständig seine gierigen Hände nach weiteren Lokalen, Hotels und Kneipen aus, mit denen er Gewinn machen kann. Mit einem Trick gelingt es O´Neal, unerkannt an einer Pokerrunde teilzunehmen, in der es um verdammt viel Geld geht – und Jim Shannon ist einer der Männer, die mitspielen.

Noch ahnt Shannon nichts von O´Neals Plan, Dunmore auszutricksen – und als er die Absicht dieses Mannes erkennt, ist es schon zu spät. Denn da hat er schon längst Partei für O´Neal ergriffen und bekommt deswegen jede Menge Ärger ...

 

 

 

 

 

 

Roman:

Tausend Dollar lagen zwischen Shannon und dem schwarzgekleideten Spieler. Ein Kreis Neugieriger hatte sich um ihren Tisch versammelt. Unter ihnen waren ein halbes Dutzend Burschen mit harten Gesichtern und tiefhängenden Colts. Shannon spürte die Gefahr, die von ihnen ausging, doch er ließ sich nichts anmerken. Lächelnd breitete er seine auseinandergefächerten Karten auf den grünen Samtbezug des Spieltisches: drei Asse, zwei Könige.

„Full House!"

Das Surren der Roulette-Kugeln und das Würfelgeklapper an den Nebentischen schien plötzlich weit weg. Schweigen breitete sich aus. Das Licht der tief herabgezogenen Kerosinlampe wurde von dichtem Tabakqualm gedämpft. Dann ertönte ein rissiges Auflachen.

„Worauf wartest du, Reeves? Wir alle wollen deine Karten sehen. Das wär nämlich das erste mal, dass dich einer aufs Kreuz legt. Na los, Reeves, zeig her!"

Ein hagerer, bärtiger Mann, der sich schwer auf zwei Holzkrücken stützte, hatte sich durch die Zuschauer gedrängt. Die obere Hälfte seines zerfurchten, hohlwangigen Gesichts wurde von der Krempe des tief in die Stirn gezogenen verbeulten Hutes verdeckt.

Der mehrfach geflickte schäbige Mantel reichte bis auf die Bretter des Saloonbodens. Aus seiner rechten Tasche ragte eine Flasche. Ein seltsames, fast gieriges Grinsen zuckte um die Mundwinkel des Bärtigen.

Der Spieler im schwarzen Anzug wandte ruckartig den Kopf. Seine Augen blitzten drohend. „Verschwinde, O’Neal! Erbettle dir deine Drinks anderswo. Hier hast du nichts verloren.“

„Ich warte“, sagte Jim Shannon kühl. Er hatte Reeves’ schlanke, nervige Hände keinen Sekundenbruchteil aus den Augen gelassen.

Ein höhnisches Grinsen huschte über das verkniffene fahle Gesicht des Kartenhais. „Ich schätze, du und O’Neal, ihr habt euch zu früh gefreut“, meinte er lässig und warf seine Karten ebenfalls auf den Tisch. „Royal Flush.“

Es war tatsächlich ein Blatt, das mancher leidenschaftliche Pokerspieler sein ganzes Leben lang nicht in die Hand bekam: Herz Ass. Herz König, Herz Dame, Herz Bube, Herz Zehn. Ein Seufzen durchlief die Reihen der Umstehenden. In Shannons schmalem, sonnengebräuntem Gesicht bewegte sich kein Muskel. Ruhig nahm er eine Goldmünze aus dem Einsatz und warf sie dem bärtigen Bettler zu.

Reeves beugte sich wütend vor. „Bist du verrückt? Das ist mein Geld!“

„Weil du drei falsche Karten ins Spiel geschmuggelt hast?“

Reeves sprang auf. Sein Stuhl krachte auf die Bodenbretter. Mit einer altgewohnten mechanischen Bewegung schob er die Anzugjacke hinter den mit Perlmuttschalen ausgelegten Revolverkolben. „Verdammter Lügner!“

„Nicht doch!“ Shannon lächelte kalt. „Ich werde beweisen, dass ich recht habe. Du hast die Karten unter der Tischkante hervorgeholt. Sicher gibt es da ein verstecktes Fach.“

Gemurmel klang ringsum auf. Die Kerle mit den tiefgeschnallten Colts begannen plötzlich die übrigen Gaffer zurückzudrängen. Nur O’Neal blieb, wo er war. Er biss auf die Goldmünze, um ihre Echtheit zu prüfen. Dann schallte wieder sein heiseres Lachen durch den verräucherten Saloon.

„Teufel, Teufel, Reeves, da bist du tatsächlich mal an den Falschen geraten! Nur schade, Mister, dass Sie keine Chance mehr haben, lebend aus diesem verdammten Bau rauszukommen.“

„Da hat dieser Narr O’Neal ausnahmsweise recht!“, stieß der fahlgesichtige Spieler hervor. „Shannon, entweder nimmst du deine Lüge auf der Stelle zurück, oder ich werde dich töten!“

„Ich glaube kaum, dass du das schaffst.“

Der große schlanke Mann in der einfachen Reitertracht saß noch immer lässig auf dem Stuhl, nur mit dem Unterschied, dass er plötzlich seinen langläufigen 44er Army Colt in der Faust hielt. Niemand hatte dem blitzschnellen Ziehen folgen können.

Reeves hatte sein Schießeisen erst halb aus dem Leder. Er riss die Hand zurück, als hätte er sich die Finger verbrannt. Sein Gesicht wurde noch fahler. Winzige Schweißperlen traten auf seine Stirn. Langsam stand Shannon auf und trat zwei Schritte zurück. Jeder Laut im Red Horse Saloon war verstummt. Nur Reeves’ stoßweiser Atem war zu hören.

„Dreh den Tisch um!“, befahl Shannon ruhig.

„Ich würde lieber das Geld nehmen und verschwinden“, krächzte der Bettler.

„Ein guter Rat, Mister“, mischte sich eine fremde kalte Stimme ein. „Ich bin Scott Meritt. Und wenn Sie bei der Behauptung bleiben, dass ein Spieltisch in meinem Saloon präpariert ist, dann bekommen Sie es nicht nur mit Reeves, sondern auch mit mir zu tun. Stänkerer sind hier unerwünscht.“

Shannon sah den Mann aus den Augenwinkeln. Er war mittelgroß, schlank, trug einen graugestreiften Anzug und wirkte wendig und geschäftstüchtig. Ringe glitzerten an seinen Händen. An seiner Krawatte funkelte eine Brillantnadel. Er hatte zwei Revolverschwinger neben sich, Burschen, die offenbar dazu da waren, für Ruhe und Ordnung in dieser Spielhölle zu sorgen. Ruhe und Ordnung allerdings, so wie Meritt sie sich vorstellte. Shannon, der Satteltramp, kannte sich aus mit solchen Typen. Ihm ging es nicht so sehr um die tausend Dollar auf dem Tisch, die er ja doch nicht lange behalten würde, sondern darum, dass ihm in dieser Glitzerhöhle das Fell über die Ohren gezogen werden sollte. Shannon war kein Mann, der Verdruss suchte. Doch wenn man ihm auf die Zehen stieg, dann trat er mindestens ebenso kräftig zurück. Er zeigte Reeves die Zähne.

„Kümmere dich nicht um deinen großen Boss, Muchacho. Tu, was ich dir sage. Dreh den Tisch um!“

Der Spieler warf einen flackernden Blick auf Meritt, dann starrte er wieder Shannon an. Er duckte sich. Abermals tasteten seine Finger zur Waffe. Shannon schüttelte den Kopf. „Mach keinen Blödsinn, Mann! Du wirst nicht.. .“

Der peitschende Knall eines Schusses riss ihm die Worte von den Lippen. Eine Kugel fauchte dicht an ihm vorbei. Reeves zuckte zusammen, öffnete den Mund, brachte aber keinen Schrei mehr aus der Kehle. Shannon starrte auf das Loch in Reeves’ Jacke, genau über seinem Herzen. Im nächsten Moment fiel der Spieler nach vorn. Im Sturz wischte er die Münzen und Geldscheine vom Tisch. Dann lag er auf den Brettern und rührte sich nicht mehr. Atemlose Stille folgte.

Dann schrie Meritt: „Mord! Holt den Sheriff!“

Durcheinander entstand. Raue, aufgeregte Rufe schwirrten hin und her. Stiefel trampelten zum Ausgang. Shannon drehte sich um. Er sah harte, undurchdringliche Gesichter, Revolvermündungen, die auf ihn zielten, aber nichts, was auf den Mann hindeutete, der Reeves erschossen hatte. Eine feindselige Menschenmauer umschloss ihn. Es wäre verrückt gewesen, jetzt an Flucht zu denken. Shannon halfterte den Colt.

Tausend Dollar und ein Toter! Er wünschte, er hätte einen Bogen um diese Stadt Socorro in New Mexico geschlagen.

Fünf Minuten später kam der Sheriff, ein hagerer, etwa fünfzigjähriger Mann mit verwittertem, schnurrbärtigem Gesicht. Er trug den Fünfzack am Aufschlag seiner Kordjacke. Ausdruckslose helle Augen starrten Shannon an.

„Haben Sie geschossen, Mister?“

Ehe der Satteltramp antworten konnte, rief Meritt: „Er war es. Er hat Reeves niedergeschossen, ohne ihm die Spur einer Chance zu lassen.“

Shannon fuhr herum. Der Kreis hatte sich enger gezogen. Da waren nur noch die Gesichter von Meritts Revolvermännern — und ihre matt glänzenden Waffen. Meritts Miene war glatt, aber Shannon erkannte den versteckten Triumph in seinen Augen. Jetzt wusste er mit Sicherheit, dass der Schuss vorhin nicht ihm, sondern tatsächlich Reeves gegolten hatte. Ein Falschspieler, der sich bei seinen faulen Tricks ertappen ließ, und der Mann, der ihm auf die Schliche kam, waren in dieser Spielhölle gleichermaßen erledigt. Shannon zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Burschen bei Meritt bereit waren, jedes Wort ihres Geldgebers zu beeiden. Aber der große dunkelhaarige Mann behielt die Nerven. Die Frage war jetzt nur: Wo stand der Sheriff? Das ledrige, schnurrbärtige Gesicht und die wasserhellen Augen verrieten keine Gefühlsregung.

„Meritt lügt“, sagte Shannon fest. „Er hat Angst, als Besitzer eines Falschspielpalastes entlarvt zu werden. Untersuchen Sie Reeves’ Pokertisch, und Sie wissen, um was es geht.“

Der Sheriff wischte sich mit dem Handrücken über den buschigen Schnurrbart. „Sie nehmen das Maul mächtig voll, Fremder. Mr. Meritt ist ein angesehener Mann in Socorro. Und Sie? Wer sind Sie überhaupt?“

„Ich heiße Jim Shannon, das genügt. Sie brauchen nur meinen Colt nachzusehen, um zu wissen, dass ich nicht auf Reeves geschossen habe.“ Vorsichtig fasste er nach dem Kolben der Waffe. Im nächsten Augenblick bekam er einen harten Stoß mit einem Gewehrlauf zwischen die Schulterblätter.

„Keine Zicken, Hombre! Mit Kerlen von deiner Sorte fackle ich nicht lang. Dass du ein Revolverschwinger und Herumtreiber bist, kann ich schon auf eine Meile riechen. Du musst Sheriff Sinclar und mir nicht sagen, was wir zu tun haben.“

Shannon wandte den Kopf. Der Mann mit dem Gewehr war nur knapp über zwanzig, kräftig gebaut, mit einem energischen, fast zu kantigen Gesicht. Auch an seiner Jacke glänzte ein Stern. Sein Mund verzog sich zu einem herausfordernden Grinsen. „Deputy Sheriff Larry Leeford, damit du Bescheid weißt. Außer einer guten Nase für Gesetzesbrecher hab ich auch ’nen verdammt flinken Zeigefinger.“

Shannon grinste sauer. „Dann pass’ nur gut auf, dass du nicht eines Tages den Falschen erwischst und selber am Galgen landest. Zur Zeit bist du dicht dran. In meinem Schießeisen fehlt nämlich keine Kugel.“

„Lassen Sie sich von dem Kerl nicht reinlegen, Deputy“, hetzte der Saloonbesitzer. „Die Waffe, mit der er auf Reeves geschossen hat, ist hier. Greg hat sie ihm vorhin abgenommen. Zum Teufel, Greg, worauf wartest du?“

Shannons Muskeln spannten sich. Nichts hasste er so sehr wie das Eingesperrtsein. Aber wenn er jetzt losschlug, würde er es nicht nur mit Sinclar und seinem tatendurstigen Deputy, sondern auch mit Meritts Schießern zu tun haben. Aussichtslos! Schweigend schnallte er den Coltgurt ab. Es war; als würde sein Schicksal damit besiegelt, als Gurt und Waffe dumpf auf die Bretter schlugen.

Da rief Larry Leeford auf seine laute, aufdringliche Art hinter ihm: „He, O’Neal, komm mal her und erzähl’ uns, was du gesehen oder nicht gesehen hast!“

Die Atmosphäre im Red Horse Saloon knisterte plötzlich. Meritts glattes Gesicht verschwamm hinter blaugrauem Zigarettenrauch. „Sie machen einen Fehler, Deputy“, sagte er mit trügerischer Ruhe.

Sinclar machte ein Gesicht, als hätte er auf einen Kaktus gebissen. Leeford grinste unbekümmert. „Reine Routinesache, Mr. Meritt. Wir wollen schließlich ein ordentliches Protokoll. Na, O’Neal, wo bleibst du denn?“

O’Neal schlurfte auf seinen Krücken heran. Seine knochige Rechte umklammerte eine bauchige, bereits zu einem Drittel leere Flasche, die er an der Theke gegen Shannons Goldstück eingehandelt hatte. Sein dünner Mund zeigte ein Grinsen. Die Augen unter der Hutkrempe waren nicht zu sehen. „Willst du mich zu ’nem Drink einladen, Leeford?“

Der junge Hilfssheriff ließ die Winchester sinken. Seine Stimme war plötzlich eindringlich. „Ich will wissen, wer Johnny Reeves erschossen hat.“

Die Schwingtüren quietschten, als ein paar Gäste hastig den Saloon verließen. Um den hageren bärtigen Bettler entstand plötzlich leerer Raum. Meritts Schießer hatten sich halb gedreht, so dass sie wie zufällig nicht nur Shannon, sondern auch den Mann mit den Krücken vor ihren Colts hatten. O’Neals Grinsen versickerte.

„Ich weiß nicht, wovon du redest, Leeford!“, stieß er heiser hervor. „Ich bin durstig, verdammt noch mal!“

Gierig wollte er die Flasche an den Mund setzen. Da war der Deputy mit ein paar schnellen Schritten bei ihm und umklammerte sein Handgelenk. „Du bist noch lange nicht so betrunken, wie du tust, O’Neal. Also, raus mit der Sprache! Wer war’s?“

Der Sheriff warf einen besorgten Blick auf Meritt und seine Revolvermänner. „Larry, zum Teufel, hör auf damit! Wir wissen doch ...“

„Wer war’s?“, wiederholte Leeford stur.

O’Neal riss sich los. „Wer schon!“, fauchte er. „Meritt hat es doch bereits gesagt: Shannon! Und jetzt lass mich in Ruhe!“ Eilig humpelte er davon.

Eine Weile war nur das harte Pochen seiner Krücken zu hören. Leeford starrte ihm nach. Als er sich achselzuckend umdrehte, grinste er schon wieder entschlossen. Seine Winchester deutete auf Shannons Bauch. „Gehen wir!“

 

*

 

Shannon hatte schon an ungemütlicheren Plätzen übernachtet und es sich auf der schmalen Holzpritsche im Jail so bequem wie möglich gemacht. Aber er dachte nicht an Schlaf, sondern daran, wie er auf dem schnellsten Weg hier wieder rauskommen könnte. Bei der Vorstellung, die sechs Stufen zum Galgen hinaufsteigen zu müssen, fühlte er sich alles andere als wohl in seiner Haut. Sieben oder acht Zeugen, die beschworen. dass er Reeves auf dem Gewissen hatte! Da blieb nicht die leiseste Hoffnung auf einen Freispruch. Eine kalte gefährliche Wut auf Scott Meritt erfüllte den Gefangenen.

Im angrenzenden Office blickte Sheriff Sinclar gähnend auf das Zifferblatt seiner Taschenuhr. „Reichlich spät, Larry. Leg dich schlafen. Ich halte die Stellung bis ...“

Die Tür flog auf, und wie der Blitz zuckte Larry Leefords Winchester in die Höhe. Die Flamme hinter dem Zylinder flackerte im kühlen Luftzug. Der stämmige junge Deputy setzte die Waffe ab.

„Schon wieder du, O’Neal! Du weißt doch, dass wir heute keinen Platz frei haben, wo du deinen Rausch ausschlafen kannst. Also verschwinde!“

Der Bärtige schlurfte schwerfällig über die Schwelle und drückte mit einer Krücke die Tür zu. „Ich bin weder betrunken noch suche ich ein Nachtquartier.“

Der überraschend harte Klang seiner Stimme veranlasste Shannon, sich aufzurichten. Sinclar erhob sich hinter seinem Schreibtisch. „Was willst du, O’Neal?“

„Lass Shannon frei, Sheriff.“

Sinclar und Leeford starrten ihn ungläubig an. Dann lachte der Sheriff wütend. „Also doch besoffen! Mach, dass du rauskommst, Mann, verdammt noch mal!“

„Gewiss, aber Shannon nehm ich mit.“ Der hagere Bettler und Stadtstreicher von Socorro zog einen gedrungenen kurzläufigen Wells Fargo Colt aus der Manteltasche.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Sinclar vor Verblüffung wieder sprechen konnte. „Du bist nicht nur besoffen, O’Neal, du bist verrückt!“

Zum ersten mal hob O’Neal seinen Kopf so, dass das Licht der Petroleumlampe ihn voll traf. Sein hageres, bartumwuchertes Gesicht sah aus, als hätte er alle Höllen dieses Daseins durchlebt. Im scharfen Kontrast dazu standen die vor ungebrochener Entschlossenheit funkelnden Augen. Augen, die das. schäbige Äussere dieses Mannes sofort vergessen ließen.

„Schließ auf, Sheriff!“

Shannon war an die Gitterstäbe getreten. Er beobachtete O’Neal genauso fasziniert wie seine Bewacher. Deputy Sheriff Leeford schüttelte langsam den Kopf. „Ich fürchte, du bist dir nicht klar darüber, was du da tust. Willst du an Shannons Stelle vor dem Richter stehen?“

„Der Mann, der da hingehört, ist Meritt. Shannon ist unschuldig.“

„Auf einmal?“, knurrte Sinclar wütend. „Hast du vor einer Stunde nicht selber gesagt...“

„Ich wollte von Meritts Killern nicht voll Blei gepumpt werden. Wahrscheinlich würden wir alle nicht mehr leben, wenn ich Meritts Spiel nicht mitgemacht hätte. Zum Teufel, Sinclar, tun Sie doch nicht so, als wüssten Sie nicht Bescheid, was für ein gewissenloser Schurke Scott Meritt ist! Von wegen angesehener Bürger! Damit machen Sie sich nur selber lächerlich.“

„Du hasst ihn, O’Neal, weil du noch immer der Meinung bist, dass Meritt dir den Red Horse Saloon weggenommen hat. Du gibst ihm die Schuld an dem Unfall, der dich zum Krüppel machte. Aber niemand kann Meritt etwas nachweisen.“

„Kann oder will?“, dehnte O’Neal schneidend. „Wie dem auch sei, endlich ist ein Hombre in diese verdammte Stadt gekommen, der vor Meritt und seinen Revolverschwingern nicht den Schwanz einzieht. Was ist, Shannon? Hast du Lust, den ehrenwerten Mr. Meritt heute Nacht noch zu besuchen?“

Der große Mann in der Zelle lächelte verwegen. „Du brauchst nur dafür zu sorgen, dass ich hier rauskomme, Amigo.“

O’Neal richtete den Colt auf Sinclar. „Dein Job, Sheriff“, grinste er.

Sinclar warf seinem Deputy einen ratlosen Blick zu. Er schwitzte plötzlich. „Das ist doch Wahnsinn, was du da vorhast!“

„Verdammt, O’Neal, du wirst doch nicht wirklich schießen.“

„Schließ auf!“

„Du kannst dich offenbar schwer an den Gedanken gewöhnen, dass ich die Rolle des Säufers und Streuners nur gespielt habe, was? Aber seit dem Tag, an dem ich unter die Hufe des angeblich aus Zufall durchgehenden Gespanns geriet, habe ich nur darauf gewartet, dass ich endlich einen Helfer gegen den Hundesohn Meritt finden würde. Für dieses Ziel hab ich in Kauf genommen, dass ich herumgestoßen, verlacht und verhöhnt wurde. Es hat sich gelohnt. Jetzt ist es soweit. Shannon ist genau der richtige Partner, mit dem ich Meritt das schmutzige Handwerk legen werde.“

Sinclar starrte ihn noch immer betroffen an, als sich Leeford in Bewegung setzte. Der Deputy nahm einen Schlüsselbund von der Wand und schloss wie selbstverständlich die Zelle auf. Er grinste Shannon an. „Ich habe wenig Hoffnung, dass du diese Nacht überlebst.“

Der Befreite nahm seinen Coltgurt aus dem Regal neben Sinclars Schreibtisch. Dabei vermied er es, auch nur für den Bruchteil einer Sekunde in O’Neals Schusslinie zu kommen. Natürlich war es nur Einbildung, aber Shannon hatte das Gefühl, außerhalb der Zelle freier atmen zu können. O’Neal wies mit einer Kopfbewegung auf die beiden ungleichen Sternträger.

„Sperr sie ein, Shannon! Nimm ihnen zuvor die Schießeisen ab!“

„Ich bin dafür, dass sie mitkommen“, schlug Shannon lässig vor. „Ich halte nichts von Selbstjustiz. Egal, was du mit Meritt abzumachen hast, das Gesetz soll über ihn bestimmen. Wir helfen nur mit, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. Dann hat auch Sinclar keine andere Wahl, als ihn einzulochen.“

O’Neal kämpfte mit sich. Sein Blick ruhte zweifelnd auf dem Sheriff. Schließlich nickte er. „Meinetwegen. Aber pass gut auf die beiden auf, Shannon. Bisher hat Meritts Wort immer noch mehr Gewicht als meines.“

„Keine Sorge“, grinste Leeford unverwüstlich. „Ich bin mit einem Waffenstillstand einverstanden, und sei es auch nur um mit anzusehen, wie Meritt euch zwei Verrückte aufs Kreuz legt. Kommen Sie, Sheriff, gehen wir!“

„Ihr werdet es noch bereuen“, murmelte Sinclar. Widerstrebend folgte er seinem Gehilfen zur Tür. Shannon und O’Neal behielten vorsichtshalber ihre Colts in den Fäusten. Der Bärtige bewegte sich auf seinen Krücken jetzt gar nicht mehr so unbeholfen und mühsam. Mitternacht war längst vorbei, und die Main Street von Socorro lag leer und still unter einem funkelnden Sternenhimmel. Nur noch die Fenster des Red Horse Saloons waren erhellt. Im Schatten der Vordächer und falschen Bretterfassaden näherten sich die vier Männer dem Gebäude. Sinclar und Leeford stiefelten voraus, der jüngere mit festen, entschlossenen Schritten, Sinclar dagegen zögernd, widerwillig.

An der Ecke von Websters Store, nur ein Dutzend Schritte vom Salooneingang entfernt, blieb der Deputy stehen. „Wenn Meritt wirklich der Mann ist, für den ihr ihn haltet, dann ist es Selbstmord, einfach hineinzumarschieren. Um diese Zeit halten sich nur noch seine sogenannten Saloon- und Leibwächter drinnen auf.“

„Um so besser!“, brummte Shannon. „Dann sind wir ja ganz unter uns. Kommt nach, wenn ich als Zeichen einen Schuss abfeuere.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, trat er vom Gehsteig auf die staubige Fahrbahn und überquerte sie. Kopfschüttelnd schaute Leeford ihm nach. „Der Kerl ist tatsächlich noch verrückter als du. O’Neal.“

O’Neal kicherte. „Es war verrückt von Meritt, sich ausgerechnet mit diesem zweibeinigen Tiger anzulegen. Wart’s ab. Leeford.“

 

*

 

Shannon zog den Stetson tief in die Stirn. Dann stieß er die schulterhohen Pendeltüren auseinander. Mit einem Blick erfasste er die Szene. Ein paar von Meritts Revolvermännern lungerten an der Theke. Der grauhaarige, hemdsärmlige Keeper füllte gerade ihre Gläser. Ein wenig abseits standen drei weitere Burschen rauchend und plaudernd um einen Roulette-Tisch. Meritt saß daneben an einem runden Tisch, ebenfalls eine Zigarette im Mundwinkel. Er zählte dicke Geldscheinbündel.

Shannon wusste, von dem Augenblick an, da er die Tür öffnete, musste alles blitzschnell gehen, oder er war verloren. Er betrat den Saloon mit gesenktem Kopf und ging schnell auf Meritts Tisch zu. Die Männer an der Theke und am Roulette-Tisch drehten sich noch während ihrer Unterhaltung. Als sie ihn erkannten, war es schon zu spät. Shannon zog den 44er Colt.

Auf einmal gab es nur nooh das Knistern der Geldscheine zwischen Meritts ringgeschmückten Fingern. Der schlanke Saloonbesitzer murmelte ärgerlich ohne aufzublicken: „Zum Teufel, ich sagte doch, ich will nicht gestört werden.“

„Verständlich bei der angenehmen Beschäftigung“, grinste Shannon. Der Colthammer klickte unter seinem Daumen.

Meritt hob den Kopf und erstarrte, als er direkt in die schwarze Mündung blickte. Aber er war kaltblütig genug, ein Grinsen zu versuchen, das ihm allerdings misslang. „Da haben Sie sich den verdammt schlechtesten Platz ausgesucht, Ihre wiedergewonnene Freiheit zu feiern, Shannon. Oder können Sie es nicht erwarten, bis der Henker Ihnen zu ’nem Freibillett für eine Höllenfahrt verhilft? Dann allerdings sind Sie hier richtig.“

Die Saloonschießer hatten ihre Waffen gepackt. Sie belauerten den Eindringling wie Wölfe. Groß und aufrecht stand Shannon vor Meritts Tisch. „Wenn ich sterbe, dann bestimmt nicht allein. Ich hoffe für Sie, dass sich Ihre Karten und Revolverhaie danach richten.“

Shannons Revolverpoker! Poker deswegen, weil zum großen Teil alles Bluff war und Shannon im voraus nie genau wusste, ob dieser Bluff auch wirklich funktionieren würde. In Meritts glattem Gesicht zuckte es. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Was wollen Sie? Geld?“

Shannons Sechsschüsser spuckte einen Feuerstrahl. Einer von den Kerlen an der Theke stieß einen Schrei aus, als ihm die Kugel den rechten Handrücken aufriss. Ein langläufiger Revolver polterte auf die Bretter. Die Fensterscheiben klirrten noch, da zielte Shannons Waffe schon wieder auf den Boss.

„Ihr Leben scheint bei Ihren Leuten nicht sehr hoch im Kurs zu stehen, Meritt“, meinte Shannon warnend.

„Ihr Narren!“, keuchte der Saloonbesitzer. „Wartet gefälligst auf meinen Befehl! Shannon, meine Stunde kommt schon noch, darauf können Sie sich verlassen! Sie werden nicht .. “

Er brach ab, als Leeford. Sinclar und O’Neal hereinstampften. Ein Revolvermann fluchte laut. Leeford grinste in die Runde. „Guten Abend allerseits. Mr. Meritt, ich hoffe. Sie verzeihen, dass wir Sie so spät noch besuchen.“

Meritts Miene wirkte auf einmal grau und fleckig. Obwohl Shannons Colt noch immer auf ihn zielte, stand er langsam auf. „Heißt das, Sheriff. Sie stecken mit diesem Höllenhund unter einer Decke? Das wird Sie teuer zu stehen kommen. Sie wissen, wie weit mein Einfluss reicht.“

„Reichte!“, verbesserte O’Neal höhnisch. Er humpelte mit dem Colt in der Faust heran und starrte Meritt wild an. „Ich hab Shannon rausgeholt. Und ich werd dafür sorgen, dass du Schuft keine ahnungslosen Leute mehr mit faulen Spielertricks übers Ohr haust. Der Red Horse Saloon, den du mir mit üblen Machenschaften abgepresst hast, hat die längste Zeit dir gehört. Du hast dich zu früh drüber gefreut, dass ich in der Gosse gelandet bin. Ein armseliger, versoffener Krüppel, der sich auch noch kniefällig dafür bedankt, wenn ihm einer deiner Falschspieler ein paar Cents hinwirft, wie? Das hätte dir so gepasst, Meritt. Für mich war diese Rolle die einzige Chance, am Leben zu bleiben und auf den richtigen Augenblick zum Zuschlagen zu warten. Der ist jetzt da!“

Jedes der heftig hervorgestoßenen Worte verriet den verzehrenden Hass, der den Bärtigen schon so lange Zeit erfüllte. Jähes Erschrecken flackerte in Merrits Augen. O’Neals Verwandlung versetzte ihm einen Schock. Dann suchte sein Blick den Sheriff.

„Sinclar, verdammt, sehen Sie denn nicht, dass der Mann übergeschnappt ist? Nehmen Sie ihn fest."

„Alles hübsch der Reihe nach“, lächelte Shannon. „O’Neal, sei so gut und zeig dem Sheriff den Tisch, an dem ich mit Reeves gepokert hab.“

„Ich protestiere!“, schrie der Saloonbesitzer. „Sinclar. Sie sind erledigt, wenn Sie auf diese Banditen hören! Sie kennen die Macht die hinter mir steht.“

O’Neal hatte inzwischen mit einer Krücke Reeves’ Pokertisch umgestoßen. Er winkte Sinclar mit dem Colt. „Nur nicht so zaghaft Sheriff. Kommen Sie! Sehen Sie sich das an!“

Widerstrebend setzte sich der Schnurrbärtige in Bewegung. „Da!“, rief O’Neal triumphierend. „In dem Schlitz unter der Kante stecken noch die Karten, die Reeves nicht brauchte. Einfach, aber wirkungsvoll! Reeves Pech war nur. dass Shannon offenbar ein Mann vom Fach ist und Augen wie ein Luchs besitzt.“

Auch Leeford war hinzugetreten. „Verdammt!“, war sein einziger rauer Kommentar. Sinclar wagte nicht aufzusehen. Unbehaglich bewegte er die mageren Schultern.

Meritt ballte die Fäuste. „Was hab ich mit Reeves’ Spieltisch zu tun, verdammt noch mal? Reeves hat das ohne mein Wissen gedeichselt. Es ändert nichts daran, dass Shannon ein Mörder ist.“

O’Neals tiefliegende Augen flammten. „Nicht Shannon, er war es!“ Er wies mit seinem Wells Fargo Colt auf einen großen, knochigen Mann an der Theke. „Greg Douglas. Er hat auf deinen Befehl gehandelt, Meritt.“

„Lüge! Verflucht, was muss ich mir in meinem eigenen Haus denn noch bieten lassen, Sheriff?“

Zum ersten mal zwang sich Sinclar zum Sprechen. „Mr. Meritt hat recht. Dieser eine Tisch ist kein Beweis gegen ihn.“

O’Neal lachte krächzend. „Wer sagt denn, dass ich schon am Ende bin? Kommen Sie hierher an diesen Roulette-Tisch. Riskieren Sie doch mal ’nen Einsatz, Sheriff. Ich spiele den Bankhalter. Na los, Sie brauchen kein Geld. Setzen Sie einfach in Gedanken auf eins der Felder. Siebzehn, zum Beispiel? Oder zweiunddreißig? Na, kommen Sie, Mann, seien Sie kein Spielverderber!“

O’Neals Lachen war alles andere als humorvoll. Es war ein groteskes Bild, wie er schwer auf seine Holzkrücken gestützt, den Platz des Croupiers einnahm. Meritt knirschte mit den Zähnen. Sinclar wischte sich fahrig über die Stirn.

„Was soll der Unsinn. O’Neal?“

„Keine Fragen!“, lachte der Krüppel wild. „Setzen Sie auf eines der Felder, und ich werde dafür sorgen, dass Sie gewinnen, so oft Sie wollen. Also?“

Leeford stellte sich neben den ledergesichtigen, schwitzenden Sheriff. „Elf“, sagte er heiser.

„Fein!“, lachte O’Neal. „Und jetzt aufgepasst. Gentlemen! Nichts geht mehr! Das Spiel beginnt!“

Er wusste genau Bescheid. Ein Hebeldruck setzte die Zahlenscheibe in Bewegung. Das Scharren der Elfenbeinkugel vertiefte das Schweigen im Saloon. Gebannt starrten Sinclar und sein Deputy auf die Kugel. Die Scheibe rotierte langsamer. Zahlen und Farben wurden deutlicher. Dann, in einem Augenblick, in dem alle die Luft anhielten, blieb die Kugel stehen — auf zehn. Leeford wollte etwas sagen, da machte die Kugel noch einen winzigen Ruck und sprang ins nächste Quadrat.

„Elf“, verkündete O’Neal triumphierend. Leeford klappte den Mund zu. Sinclar schluckte.

„Zufall“, murmelte er gepresst. O’Neal grinste.

„Dein nächster Einsatz, Larry.“

„Siebzehn!“

Wieder kreiste die Scheibe, wieder surrte die Elfenbeinkugel. Sie landete bei siebzehn. „Verdammt!“, knurrte der junge Deputy.

„Noch ’ne Kostprobe?“, fragte O’Neal. „Wir können dazu auch jeden anderen Tisch nehmen. Jeder besitzt einen versteckten Hebel unter der Kante, mit dem sich die Scheibe im entscheidenden Augenblick um Millimeter verstellen lässt. Ich bin lange genug als Bettler und Säufer hier ein und aus gegangen. Ich hab’ Meritts Croupiers und Spielern genau auf die Finger geguckt. Sheriff, wollen Sie’s nicht auch versuchen?“

Sinclar starrte noch auf die Roulettscheibe. Leeford zog den Revolver. „Ich schätze, das genügt. Meritt, Sie sind verhaftet.“

„Moment noch!“, krächzte O’Neal. Hastig schlurfte er zu dem Spielhöllenbesitzer zurück. Ein fiebriger Glanz war in seinen Augen. „Bevor sie dich einbuchten. Meritt, will ich wissen, wo mein Bruder ist.“

„Ihr seid ja alle verrückt!“, keuchte Meritt. „Du besonders, O’Neal. Keine Ahnung, wovon du redest. Ich werde ...“

„Ich rede davon, dass mein kleiner Bruder spurlos verschollen ist, seit der Red Horse Saloon den Besitzer gewechselt hat. Stell dich nicht dumm, Meritt. Dir und deinen Hintermännern in Las Cruces und El Paso war bekannt, dass der Junge zur Hälfte an meinem Saloon beteiligt ist. Ihr hattet Angst, er würde eines Tages hier auftauchen und Stunk machen. Deshalb seid ihr ihm zuvorgekommen. Was habt ihr mit ihm gemacht?“

„Jetzt reicht’s mir! Sheriff, sagen Sie Ihrem größenwahnsinnigen Deputy, er soll sein verdammtes Schießeisen wegstecken. Wenn Dunmore aus Las Cruces anrückt und erfährt, was hier geschehen ist, nützt euch euer lausiger Blechstern einen Dreck.“

„Endlich fällt die Maske!“, lachte O’Neal. „Sinclar, worauf warten Sie? Tun Sie Ihre Pflicht! Wenn Meritt erst ein paar Tage hinter Gittern sitzt, dann wird ihm sicher wieder einfallen, was aus meinem Bruder geworden ist.“

Er humpelte zur Seite, um Sinclar Platz zu machen, der mit hölzernen Schritten, wie in Trance vom Roulette-Tisch herüberkam. Meritt starrte dem mageren Sheriff aus schmalen, gefährlich glitzernden Augen entgegen. „Ich hoffe, Sie wissen, was Sie jetzt tun“, murmelte er drohend.

Sinclar trat so dicht vor ihn, dass er auch Shannons Schusslinie verdeckte. Der Revolver des Sheriffs steckte noch in der Halfter. Mit einer zähflüssigen Bewegung drehte sich Sinclar um. Er stand wie ein Schutzschild vor dem Saloonbesitzer. Sein hageres Gesicht war grau und zerfurcht. „Ich sagte ja, es war ein Fehler hierher zu kommen. Larry, steck die Waffe weg! Shannon. O’Neal, dasselbe gilt für euch.“

O’Neal fluchte. Meritt lachte höhnisch, und seine Revolverschwinger nutzten den Moment der Überraschung, ihre Waffen zu ziehen. Sie waren unheimlich schnell. Ein lauerndes, verkniffenes Grinsen erschien auf ihren eben noch steinernen Gesichtem.

Leeford keuchte: „Sinclar, um Himmels willen, Sie wollen doch nicht im Ernst einen entlarvten Verbrecher schützen!“

„Ich will nicht auf dem Boothill landen“, antwortete der Sheriff tonlos. „Und genau das blüht uns, wenn wir uns gegen Meritt stellen. Denn Meritt hat mächtige Freunde in den Städten am Oberlauf des Rio Grande. Er ist nur ein Glied in der Kette, an deren Spitze ein Mann namens Dunmore steht.“

„Hölle! Heißt das, Sie haben die ganze Zeit Meritts Gesetz in Socorro vertreten?“

„Nicht nur Sinclar wurde aus meiner Kasse bezahlt“, höhnte Meritt. „Auch Sie, Leeford. Nur, Sie wussten es nicht.“ Schweigend löste Sinclar das Abzeichen von seinem Hemd und ließ es zu Boden fallen.

„Sei vernünftig, Larry!“ Die Knöchel an Leefords Coltfaust schimmerten weiß unter der Haut.

„Ich war nie vernünftiger! Gehen Sie zur Seite. Sinclar. Es bleibt dabei, Meritt ist verhaftet.“

Shannons Warnruf und Schuss kamen den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Eine Mündungsflamme blitzte bei der Theke. Als Shannon geduckt herumfuhr und zurückfeuerte, brach der stämmige Deputy bereits tot zusammen. Ein hässliches kleines Loch klaffte in seiner linken Schläfe. Dann rutschte auch sein Mörder an der Theke herab. Es war Douglas - der Mann, der auch Reeves getötet hatte.

Das Krachen der Schüsse rüttelte noch an den Bretterwänden, als Shannon sich katzenhaft zwischen die Tische schnellte. „Deckung, O’Neal!“

Alles ging rasend schnell. Shannon blieb keine Zeit, sich um den Mann mit den Krücken zu kümmern. Sinclar hatte ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt ging es nicht mehr darum, einen Verbrecher der Gerechtigkeit zu überführen und die eigene Unschuld zu beweisen, sondern lebend aus diesem Falschspielerpalast herauszukommen.

Die Kugeln von Meritts Schießern fauchten über Shannon, klatschten in Tische und Dielen. Pulverdampf brodelte. Shannon rollte über den Boden und feuerte blitzschnell alle Kugeln aus seinem Sixshooter auf die Kerosinlampen an der verräucherten Decke ab.

Wutschreie mischten sich in das Krachen und Zerplatzen der Lampen. Brennendes Öl spritzte durch den Raum, dann war es schlagartig dunkel. Stiefel hämmerten. Tische und Stühle wurden umgestoßen, Gläser zerschellten. Meritt schrie Befehle. Shannon nutzte das allgemeine Durcheinander. Wie der Blitz war er auf den Beinen, prallte gegen einen Mann und schlug ihn mit dem Coltlauf nieder. Aus Erfahrung wusste Shannon, dass die gefährlichste Richtung jetzt der Weg zum Ausgang war. Geduckt lief er zur Theke, neben der eine Tür in einen angrenzenden Raum führte.

Mündungsfeuer fetzten durch die Dunkelheit. Die Flügel der Schwingtüren schlugen heftig hin und her. Meritt brüllte seinen Leuten zu, sie sollten endlich Licht machen. Vergeblich lauschte der Satteltramp auf ein Lebenszeichen von O’Neal. Es wäre Selbstmord gewesen, seinetwegen zu bleiben. Shannon huschte in den stockfinsteren Nebenraum. Er fand ein nur angelehntes Fenster und kletterte hinaus. Matter Sternenglanz lag auf dem Hinterhof des Red Horse. Die Nachtluft kühlte Shannons brennende Schläfen. Es blieb ihm keine Zeit, den 44er nachzuladen.

Ganz in der Nähe schnaubten Pferde im Schatten. „Hierher, Amigo, schnell!“, wisperte eine Stimme.

Shannon hob den Colt wie zum Schuss, als er sich geduckt vorwärtsbewegte. Verblüfft erkannte er O’Neal, allerdings erst auf den zweiten Blick. Denn der hagere, in einen schäbigen Mantel gehüllte Mann stand aufrecht zwischen zwei gesattelten Pferden. Eines davon war der Braune, auf dem Shannon nach Socorro gekommen war. Am Sattel des anderen Gauls waren O’Neals Krücken festgebunden. Ganz klar, dass O’Neal die Pferde bereits hierher gebracht hatte, ehe er im Sheriffs Office aufgekreuzt war.

Shannon halfterte grinsend den Sixshooter. „Gratuliere zu deiner schnellen Genesung.“

Der Bärtige grinste genauso hart und verwegen zurück. „Wenn Meritts Killer gewusst hätten, dass meine Beine längst wieder in Ordnung sind, wär ich bestimmt nicht mehr mit heiler Haut aus meinem ehemaligen Saloon rausgekommen. Weiß die Hölle, wozu diese Maskerade noch mal gut ist. Jedenfalls werd ich nicht ruhen, bis meine Rechnung mit Meritt und seinem Boss Dunmore beglichen ist.

„Dann red’ nicht lange, sondern steig auf“, knurrte Shannon und schwang sich geschmeidig in den Sattel. „Meritt wird sicher alles versuchen, uns für immer zum Schweigen zu bringen. Wenn mich nicht alles täuscht, werden er und seine Revolverschwinger wie eine Meute Bluthunde hinter uns her sein.“

 

*

 

Shannon behielt recht. Als sie zwölf Stunden später ihre abgetriebenen Pferde auf einem felsigen Höhenrücken westlich von Socorro zügelten, bewegte sich die von den Verfolgern aufgewirbelte Staubwolke immer noch auf ihrer Fährte. Hitzewellen waberten über den Schluchten und Canyons. Das nackte Gestein reflektierte das grelle Sonnenlicht. Mürrisch fuhr sich O’Neal mit der Rechten über die schweißbedeckte Stirn,

„Sie holen auf. Meritt, dieser Oberteufel, hat sicher dran gedacht, Reservegäule mitzunehmen. Ich wünschte, ich hätte gestern nicht lange geredet, sondern ihm gleich ’ne Kugel in den Kopf gejagt.“

„Das kannst du immer noch nachholen. Was hältst du davon, wenn wir uns einen günstigen Platz suchen, um auf ihn zu warten?“

Der ehemalige Salooner warf Shannon einen überraschten Blick zu. Lässig ruhten Shannons Hände auf dem Sattelhorn. Weder der lange Ritt noch die glühende Hitze schienen ihm etwas auszumachen. O’Neal grinste.

„Gibt es überhaupt etwas, wovor du Angst hast?“

„Sicher, zum Beispiel eines Tages im Bett zu sterben. Also, warten wir auf Meritt?“

O’Neal schüttelte finster den Kopf. „So sehr ich Meritt hasse, mein Bruder ist wichtiger. Wenn ich weiß, was aus ihm geworden ist, werde ich nicht zögern, meinen Skalp zu riskieren, den Hundesohn Meritt zur Strecke zu bringen. Jetzt ist es zu früh. Ich muss nach Las Cruces.“

„Zu diesem Dunmore, wie?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922608
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
shannon saloon-schakale
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Titel: JIM SHANNON #12: Shannon und die Saloon-Schakale