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SALTILLO #12: Der Wolf von Chihuahua

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Saltillos Todfeind ist wieder aufgetaucht: Diego Carreras, einstmals General unter Santa Ana, wird von seinem Hass getrieben. Er hat geschworen, Saltillo zu vernichten und dessen Hazienda mitsamt den Ländereien an sich zu reißen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Auch wenn er dafür mehrere Comanchen-Stämme aufhetzen muss. Seit Bärentatze, der Häuptling der Penateka-Comanchen, spurlos verschwunden ist, kursieren Gerüchte, dass er auf Saltillos Hazienda gefangen gehalten werden soll. Und Carreras tut alles, um diese Gerüchte auch unter den anderen Comanchen-Stämmen zu verbreiten. Nur eins hat er bei seinen finsteren Plänen nicht bedacht: Saltillo gibt auch in ausweglosen Situationen niemals auf. Erst recht nicht, wenn der skrupellose Carreras gestoppt werden muss!

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Wolf von Chihuahua

Klappentext:

Roman:

SALTILLO – Sohn der Alamo-Generation

 

Band 12

 

Der Wolf von Chihuahua

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Peter Eilhardt / Steve Mayer

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Saltillos Todfeind ist wieder aufgetaucht: Diego Carreras, einstmals General unter Santa Ana, wird von seinem Hass getrieben. Er hat geschworen, Saltillo zu vernichten und dessen Hazienda mitsamt den Ländereien an sich zu reißen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Auch wenn er dafür mehrere Comanchen-Stämme aufhetzen muss. Seit Bärentatze, der Häuptling der Penateka-Comanchen, spurlos verschwunden ist, kursieren Gerüchte, dass er auf Saltillos Hazienda gefangen gehalten werden soll. Und Carreras tut alles, um diese Gerüchte auch unter den anderen Comanchen-Stämmen zu verbreiten. Nur eins hat er bei seinen finsteren Plänen nicht bedacht: Saltillo gibt auch in ausweglosen Situationen niemals auf. Erst recht nicht, wenn der skrupellose Carreras gestoppt werden muss!

 

 

 

 

Roman:

Kein Laut durchbrach die hitzegesättigte Stille am Terlingua Creek. Mary Johnson hielt den wassergefüllten Eimer, den sie aus dem Ziehbrunnen gekurbelt hatte. Die Indianer auf dem grasbewachsenen Kamm jenseits des Creeks verharrten reglos. Acht bronzehäutige Reiter, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidet. Comanchen.

Sie trugen keinen Federschmuck, sondern hörnerbewehrte Büffelhauben. Ketten aus Raubtierkrallen hingen auf der Brust. Die Gesichter waren mit schwarzen Streifen bemalt, der Farbe des Todes. Sie beobachteten die Frau vor der halb in einem Hang gebauten, mit Erdschollen gedeckten Siedlerhütte.

Mary Johnson warf einen gehetzten Blick zu der Pappelreihe neben dem Korral. Dahinter lag das Feld, das ihr Mann pflügte. Nichts rührte sich dort. Elam, der Sohn, war schon am frühen Morgen fortgeritten, um nach den Fallen am Oberlauf des Creeks zu sehen. Die knapp fünfzigjährige Pioniersfrau war allein.

Roman

Sie durfte jetzt die Nerven nicht verlieren. Sie musste es zur Hütte schaffen. Sie verließ sie nie, ohne zuvor den Gurt mit dem fünfschüssigen alten Paterson umzuschnallen. Genauso hatte Ben, ihr Mann, immer das Gewehr dabei, wenn er auf dem Feld arbeitete.

Es war ein wildes Land, die nächste Siedlerstätte einen Tagesritt entfernt. Hinter den Kämmen der Cuesta del Burro Range im Westen lag ebenso fern die Hazienda del Saltillo. Erst als die Mexikaner nach dem Frieden von Guadalupe Hidalgo alles Land nördlich des Rio Bravo abgetreten hatten, waren vereinzelt Siedlerfamilien über den Nueces und Pecos nach Westen vorgedrungen. Doch die eigentlichen Herren in diesem unerschlossenen Gebiet waren noch immer die Indianer.

Das unheilvolle Schweigen dauerte an, als die Frau sich rückwärts vom Brunnen fortbewegte. Ihr Blick blieb starr auf die Reiter jenseits des Creeks gerichtet. Die verarbeitete Hand tastete nach dem Hickoryknauf des Fünfschüssers. Ihr Herz hämmerte. Die Sonne spielte in ihrem in den Nacken gebundenes, von grauen Strähnen durchzogenes Haar.

Es waren zwanzig Schritte zur Hüttentür. Sie zählte jeden davon, ohne den Comanchen den Rücken zuzukehren.

Sand knirschte unter ihren Füßen. Plötzlich trommelten Hufe bei den Pappeln. Mary Johnsons Kopf ruckte herum.

»Ben!«

Doch es war nur das braune Pferd, das vor dem Pflug des Farmers gegangen war. Die Zugseile waren durchtrennt.

Reiter tauchten dahinter im Schatten der hohen Bäume auf. Auch sie trugen Büffelhauben. Pfeilgefüllte Köcher und buntbemalte Büffelhautschilde hingen an den Sätteln. Lanzenspitzen und Tomahawks funkelten. Gellendes Kriegsgeschrei vermischte sich mit dem Dämmern der Hufe, als jetzt auch die Reiter jenseits des Creeks ihre Mustangs den Hang hinabtrieben.

Einen Moment war Mary Johnson wie gelähmt.

Die Angreifer sprengten wie bunte Schemen über den sonnenbeschienenen Hof auf sie zu. Sie erreichte den Schutz der Adobelehmmauer nicht mehr. Sie riss den Colt hoch, umklammerte ihn mit beiden Händen und feuerte.

Das Pferd des vordersten Indianers stürzte. Der Reiter verschwand in einer Wolke aus Staub.

Die Frau stand aufrecht, die Lippen zusammengepresst. Ihr fahles Gesicht war maskenhaft starr. Mit der qualmenden Revolvermündung visierte sie den nächsten Gegner an.

Es war ein geschmeidiger, mit dem Mustang scheinbar verwachsener Comanche. Die obere Gesichtshälfte war bis über die Wangenknochen geschwärzt. Ein aufgemalter schwarzer Pumakopf zierte den Büffellederschild. Am Gürtel hing ein blutiger Skalp.

Mary Johnson erkannte das Kopfhaar ihres Mannes. Der grausige Anblick lenkte sie ab. Als ihr Paterson erneut dröhnte, schleuderte der Comanche bereits die federgeschmückte Lanze. Die Kugel aus dem Colt der Siedlerfrau hinterließ nur einen roten Striemen auf seinem rechten Arm.

Von der Lanze durchbohrt brach Mary Johnson zusammen. Ihr letzter Gedanke galt Elam, ihrem Sohn.

 

 

Die Trümmer der Hütte qualmten noch, als Elam Johnson mit dem Schaufelblatt das grobgezimmerte Holzkreuz in den frischen Grabhügeln trieb. Ein Brett war daran festgenagelt. Er hatte mit seinem Bowiemesser die Worte eingeritzt: Ben und Mary Johnson, von Comanchen ermordet. Dazu das Datum: 28. September 1849.

Nun schleuderte Elam Johnson die Schaufel weg, nahm den breitrandigen Hut ab und verharrte mehrere Minuten im stummen Gebet. Er war ein großer, knochiger Mann, derb gekleidet, mit klobigen Stiefeln. Kugelbeutel und Pulverhom hingen am Schulterriemen. Im Scabbard am Sattel seines Grauen, den er an einem Korralpfosten angeleint hatte, steckte eine Springfield Rifle.

Rotblonde Bartstoppeln bedeckten Johnsons gebräunte Wangen. Die Tränen waren versiegt. Ein Brennen füllte seine Augen. Die dunklen Linien in seinem Gesicht ließen ihn älter wirken.

»Ich bring sie zur Strecke«, murmelte er, ehe er sich abwandte und mit schweren Schritten zu seinem Pferd ging. Es klang wie ein Schwur. Das düstere Feuer blieb in seinen Augen, als er sich in den Sattel zog. Der Wallach schnaubte. Zwei Biber, die in die Fallen gegangen waren, hingen noch am Sattel. Der Reiter schnitt sie los.

Sein Blick streifte die verkohlten Überreste des einstigen Heims. Doch er hatte sich innerlich bereits davon gelöst.

Die Augen suchten danach den Boden ab. Der Sand war von unbeschlagenen Mustanghufen aufgewühlt. Die Indianer hatten sich keine Mühe gegeben, die Spuren zu verwischen. Sie führten durch den Terlingua Creek nach Westen, den im Sonnenuntergang brennenden Höhen der Cuesta del Burro Range entgegen. Dahinter begann das Weidegebiet der Hazienda del Saltillo.

Elam Johnson folgte der Fährte in die hereinbrechende Nacht.

 

 

Feuer loderten. Gitarrenklänge erfüllten die Nacht. Männer mit wagenradgroßen Sombreros umdrängten die Arena aus massiven Pfosten und Bohlen, die auf der Grasfläche vor dem Tor der Hazienda errichtet war. Lachen und Lärmen schallte durch die samtene Dunkelheit.

Es steigerte sich zu johlendem Beifall, als Tortilla-Buck Mercer, der bullige Kentuckier, sich über die Plankenwand in die von Fackeln erhellte Arena schwang. Vier straffgespannte Reatas waren nötig, den tonnenschweren Longhornbullen an der gegenüberliegenden Umzäunung festzuhalten. Seine Augen waren verbunden. Ein Strick umgab seinen Leib hinter den Vorderbeinen, ein zweiter vor den Hinterkeulen.

Nachdem bereits ein halbes Dutzend Vaqueros sich als Reiter auf seinem Rücken versucht hatten, war Diablito gerade in der richtigen Stimmung für Tortilla-Buck.

Das zornige Brüllen ließ Layla Sheen, die hübsche Wirtin der Bodega aus Nuevo Saltillo, erschauern. Sie schmiegte sich fester an den großen, ledergekleideten Haziendero.

»Wenn das nur gutgeht, Sam. Buck hat schon ’ne Menge getrunken. Er wird sich die Knochen brechen.«

»Jeder andere vielleicht, nicht Buck«, grinste Sam O’Hara, den alle hier Saltillo nannten. Die Vaqueros pfiffen und klatschten, als Buck neben den Bullen trat, ihm den wolligen Schädel kraulte und grinsend in die Runde winkte.

Es war die Fiesta der Heimkehr. Saltillo, Buck und die halbe Mannschaft waren viele Wochen mit einer dreitausendköpfigen Herde zu den fernen Goldfeldern Kaliforniens unterwegs gewesen. Banditen hatten ihm und Buck einen Teil des für die Rinder erhaltenen Goldes abzujagen versucht. Ein langer, beschwerlicher Rückweg lag hinter ihnen. Doch für diese rauen Männer, die mehr Zeit ihres Lebens im Sattel als auf festem Boden verbrachten, war der Ritt auf einem halbwilden Ladino-Stier ein handfester Spaß. Keinem kam es dabei auf ein paar angeknackste Rippen an.

Buck hatte mit dem pockennarbigen Mateo um fünfzig Pesos gewettet, wer von ihnen es länger auf Diablito aushalten würde.

Mateo hatte acht Sekunden geschafft. Die Spitzenleistung war mit donnerndem Applaus belohnt worden. Jetzt musste der Kentuckier seine Reitkünste beweisen. Er hatte sich zuvor noch mit einem kräftigen Schluck aus der Tequilaflasche gestärkt.

Die erhobene Hand ließ nun das Stimmengewirr und Antonios Gitarre verstummen. Buck genoss es sichtlich, dass alle Blicke gebannt an ihm hingen.

Diablito brüllte abermals und scharrte wild mit den Vorderhufen. Er hatte Saltillos Herde als Leitstier nach Kalifornien geführt. Der Haziendero hatte es danach, nicht über sich gebracht, diesen prächtigen Burschen ebenfalls in die Fleischtöpfe der Digger wandern zu lassen.

»Mateo, zähl ruhig schon mal die fünfzig Pesos für mich ab«, lachte Buck, ehe er sich geschmeidig auf den Rücken des Bullen schwang. Er riss das Tuch weg, mit dem die Vaqueros Diablito die Augen verbunden hatten. Der Bulle stand reglos. Ein Zittern lief über sein Fell.

Rasch klammerte sich Buck an die beiden Haltestricke. Nur das Prasseln der Flammen war jetzt zu hören. Der Wachtposten, der auch an diesem Abend auf dem Plankensteg an der Innenseite der Haziendamauer patrouillierte, beobachtete den Vorgang gebannt.

Das Tor stand offen. Der Rundgang des Mexikaners war nur Routine. Nach harten Kämpfen hatte seit langem kein äußerer Feind mehr den Besitz bedroht. Saltillo hatte die Hazienda als väterliches Erbe übernommen. Das Land am Rio Bravo, begrenzt von den Tierra Vieja Mountains im Westen und der Cuesta del Burro Range im Osten, war eine Schenkung des ehemaligen Präsidenten der Republik Texas, Sam Houston, an den Hinterbliebenen eines seiner treuesten Gefolgsmänner im Kampf um die texanische Unabhängigkeit. Saltillos Vater war mit den Verteidigern des Alamo von San Antonio de Bexar gefallen. Danach hatte Saltillo lange Jahre bei den Penateka-Comanchen, dem Volk seiner Mutter, gelebt. Bärentatze, der jetzige Stammesführer, war sein Vetter.

»Jetzt, Amigos!«, schrie Buck.

Ruidosa, der grauhaarige, lederhäutige Mayordomo, hatte den Sprungdeckel seiner Taschenuhr aufgeklappt. Von dem Augenblick an, als die vier Reatas fielen, begann er mit lauter Stimme die Sekunden mitzuzählen.

Diablito machte nun seinem Namen alle Ehre. Er sauste wie ein Teufel quer durch die Arena, den mächtigen Schädel mit den ausladenden Hörnern dicht über dem Boden.

Layla Sheen war sonst nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Doch das genau auf sie zustürmende riesige Tier mit dem Mann auf seinem Rücken trieb einen halberstickten Aufschrei über ihre Lippen. Sie erwartete jeden Moment das Bersten der Bohlenwand und Bucks Todesschrei.

Saltillo wusste es besser. Knapp vor den Bohlen bog der Bulle ab.

Ruidosa war schon bei »drei«, als Diablito wie ein Wildpferd zu bocken begann. Zuerst warf er die Hinterhufe hoch, dass alle glaubten, er müsste sich gleich überschlagen. Dann hüpfte er mit gekrümmtem Rücken und allen vier Hufen gleichzeitig in die Luft. Das Manöver wiederholte er mehrmals.

Doch Bucks Fäuste blieben wie Schraubzwingen um die Halteseile geschlossen. Bei jedem neuen Sprung riss es seinen Oberkörper nach vorn oder hinten. Der Kopf ruckte heftig. Die Muskeln spannten sich wie Stahlseile unter dem roten Flanellhemd. Er biss die Zähne zusammen, die Wangenmuskeln traten hervor. Die Erde dröhnte jedes mal, wenn Diablito mit allen Hufen aufkam. Buck Mercer wurde wie von einer Riesenfaust gebeutelt.

»Sechs, sieben!«, zählte Ruidosa mit rauer Stimme. Alle hielten den Atem an. Bei acht, als er gleich mit Mateo, dem bisher besten Bullenreiter stand, war Buck noch immer oben. Doch er war auf dem ungesattelten Bullenrücken schon gefährlich zur Seite gerutscht. Er hing wie ein Klammeraffe an dem wie verrückt springenden Tier. Sein Gesicht war schweißüberströmt. Die blonde, von vereinzelten Silberfäden durchzogene Mähne flatterte.

»Neun!«, schrie der grauhaarige Mayordomo, und da senkte Diablito die Hörner, als wollte er sie in die Erde rammen. Gleichzeitig versuchte er auf den Vorderhufen einen »Handstand«.

Das war auch für einen Bestman wie Tortilla-Buck zuviel. Er wurde über den Kopf des Bullen hinweg katapultiert. Ein vielstimmiger Aufschrei begleitete den Sturz. Nach neun Sekunden auf dem Bullenrücken hatte Buck den Eindruck, dass die Erde plötzlich senkrecht stand und ihm entgegenraste. Instinktiv krümmte er sich, rollte ab, und der Schwung riss ihn wieder auf die Beine. Die Vaqueros tobten vor Begeisterung.

Vor Bucks Augen verschwamm alles.

Die Knie waren wie aus Gummi. Wie von weit her vernahm er Saltillos Wamschrei:

»Lauf, Buck!« Trotz seiner Benommenheit begriff er sofort die Gefahr. Diablitos wütendes Brüllen in den Ohren, stolperte er los.

Der Wurf mit einer Reata hatte den Bullen verfehlt. Eine zweite Schlinge zog sich zwar um seine Hörner zusammen. Doch der jähe heftige Ruck riss den Vaquero vom Zaun, ehe er das Seilende um einen Pfosten schlingen konnte.

Diablito war nur drei Schritte hinter dem keuchenden Kentuckier. Da flankte Saltillo über den Zaun. Er schwang Laylas Schal wie eine Muleta, ein Stierkämpfertuch.

»Oie, Toro!«

Prompt änderte der Bulle die Richtung. Im letzten Moment wich Saltillo zur Seite und warf ihm das Tuch über den Kopf. Verblüfft von der plötzlichen Finsternis, die ihn umgab, blieb Diablito stehen. Als er brüllend das Tuch abschüttelte, halfen Mateo und Alonso dem Kentuckier bereits über den Zaun. Auch Saltillo brachte sich in Sicherheit.

Neuer Beifall brandete auf. Das Peitschen eines Schusses durchbrach ihn.

Von der Hazienda gellte ein langgezogener Schrei.

 

 

Paco, der kleine, mausgesichtige Vaquerokoch, holte gerade mit dem Brotschieber frischgebackene Tortillas aus dem Ofen. Er hatte sie diesmal mit Schinkenstreifen und Tomaten belegt. Buck, seinem Hauptkunden, würde gewiss das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn er sie nur anschaute. Am klobigen Eichentisch neben der Tür war stets ein Platz für den bulligen Kentuckier reserviert. Er war auch der einzige, der jederzeit in Pacos Reich, dem Küchenanbau, aufkreuzen durfte. Seine »Betsy«, das langläufige Harpers Ferry Gewehr, lehnte an der Wand neben Bucks Stuhl.

Als es draußen krachte und der schreckliche Schrei ertönte, geriet Paco nur einen Augenblick aus dem Konzept. Dann lud er die heißen Maisfladen schwungvoll auf dem Tisch ab, schnappte sich Bucks Rifle und huschte zur Tür.

Feuerschein füllte das offene Tor der Hazienda. Die zehn Fuß hohe Mauer, die den Hof begrenzte, hob sich scharf davor ab.

Paco war so flink, dass er noch den Wachtposten vom Plankensteg stürzen sah. Der Mann hielt noch den Revolver, mit dem er geschossen hatte. Ein langer, gefiederter Pfeil steckte in seiner Brust.

Paco traute zuerst seinen Augen nicht. Wie alle Haziendabewohner war er auf einiges gefasst - nur nicht auf einen Indianerüberfall. Dann entdeckte er den Schatten vor der Mauerkrone. Metall blinkte. Ein Lichtstrahl fing kurz ein aus einer Büffelhaube ragendes Horn ein.

»Indianer!«, schrie der kleine Koch.

Er riss die schwere, ungewohnte Waffe hoch und drückte ab. Es krachte wie ein Kanonenschuss. Paco konnte nicht mehr feststellen, ob er getroffen hatte. Der Rückstoß schleuderte ihn in die Küche zurück. Er prallte gegen einen Stuhl, riss ihn um und fand sich, als er wieder klar denken konnte, auf dem Hosenboden wieder. Das einschüssige, leergefeuerte Gewehr lag neben ihm. Pacos Ohren waren noch wie taub vom Knall.

Als gleich darauf eine gedrungene, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidete Gestalt in der Tür des Adobelehmbaus auftauchte, sauste der kleine Mexikaner sofort wie ein Eichhörnchen hoch. In der weißen Schürze und mit den dünnen, vom Kopf abstehenden Strähnen wirkte er mehr komisch als gefährlich.

Der Krieger mit dem Büffelhorn-Kopfputz und dem funkelnden Tomahawk starrte ihn verblüfft an.

»Zutritt verboten, Compadre«, gellte Paco und schleuderte dem Comanchen einige der frischen Tortillas in das mit schwarzen Streifen bemalte Gesicht. Das verschaffte ihm Zeit, zur Wand zu gelangen, an der inmitten eines Arsenals aus Töpfen, Schöpfkellen, Hackmessern und Kochlöffeln auch eine riesige, von einem Kugelloch verzierte Bratpfanne hing. Der Comanche konnte nicht ahnen, dass sie seit langem Pacos bevorzugte Nahkampfwaffe war.

Mit einem zornigen Knurren betrat der Krieger den blitzsauberen, von einer Petroleumlampe erhellten Raum.

Draußen schien inzwischen die Hölle ausgebrochen zu sein. Schüsse krachten, Schreie gellten.

Saltillo und die Vaqueros feuerten auf mehrere Indianer, die in die Casa Grande, das Haupthaus, einzudringen versuchten. Pulverdampfschwaden durchwogten die Lichtbahnen vor den Fenstern und der offenen Küchentür.

Keuchend drückte sich Paco an die Wand. Mit jedem Schritt, den der Indianer näherkam, schien er zu schrumpfen.

»Ich weiß zwar nicht, wer dich zur Fiesta gebeten hat, aber auf ein paar Tortillas kommt’s nicht an!«, schnaufte er. »Du musst mir nicht mit deinem Hackebeil vor der Nase rumfuchteln, Amigo. Das macht mich nervös ...«

Der Comanche schlug zu. Sein Tomahawk zersplitterte ein Brett, auf dem mehrere Tassen und Becher standen. Es schepperte und klirrte.

Paco stand schon nicht mehr da, wo er eben noch verharrte. Ebenso fehlte plötzlich die große Bratpfanne an der Wand. Die Petroleumlampe verzerrte den Schatten des wütend herumschnellenden Indianers. Sein wuchtiger Hieb mit dem Tomahawk kam diesmal schräg von unten.

Der Schemel, den der kleine Mexikanerkoch blitzschnell als Schild hochriss, löste sich splitternd in seine Bestandteile auf. Gleichzeitig knallte Paco dem Angreifer den durchlöcherten Pfannenboden gegen die Stirn.

Der Comanche stand da, als hätte er plötzlich vergessen, was er hier eigentlich wollte. Er glotzte den kleinen Mann in der weißen Schürze nur an. Pacos Mausaugen funkelten.

»Da staunst du, wie hübsch die Engel singen, was? Hör nur gut hin.«

Bevor sein stämmiger, bronzehäutiger Besucher auch nur blinzeln konnte, probierte Paco die Bratpfanne abermals als Gong an seinem Schädel aus. Der Tomahawk rutschte dem Indianer aus der Faust. Er sank auf die Knie. Sofort wieselte Paco an ihm vorbei. Vor der Küchentür prallte er fast mit Buck zusammen.

»Hoffentlich hast du die Tortillas nicht anbrennen lassen«, keuchte der Kentuckier und stieß Paco aus der Lichtbahn, als ein Mündungsblitz aus dem Schatten des langgestreckten Stallgebäudes zuckte. Eine Kugel klatschte in den Türrahmen.

»He, seit wann sind die Burschen mit Gewehren ausgerüstet? Aufgepasst, da sitzt einer auf der Mauer!«

Bucks Colt schwang herum. Doch als er zielte und feuerte, war die dunkle Gestalt schon drüben hinabgesprungen. Ein schriller Signalruf folgte. Mehrere Vaqueros stürmten die Leitern zum Mauersteg hinauf. Sie trugen Festtagskleidung, Charro-Anzüge mit Silberknöpfen an den Nähten. Ihre Sporen klirrten.

»Sie fliehen!«, schrie Mateo, der Buck noch fünfzig Pesos für den Bullenritt schuldete. »Es sind nur vier.«

Hufschlag trommelte außerhalb der Mauer. Ein paar Schüsse peitschten noch. Saltillo stand beim Ziehbrunnen.

Er ließ den schweren, weittragenden Whitneyville Walker Colt sinken. Seit dem ersten Schuss waren höchstens drei Minuten verstrichen.

Ruidosa kümmerte sich bereits um den vom Pfeil getroffenen Posten.

Eine leblose Gestalt lag auf dem Pflaster des Säulengangs vor dem Eingang zur Casa Grande. Ein Comanche. Das Gebäude war leer. Saltillo verstand nicht, weshalb die Indianer, auch noch nach ihrer Entdeckung so verbissen versucht hatten, ins Innere zu gelangen.

Dann gellte ein Schrei vor dem Tor.

Layla!

Es riss Saltillo herum. Hufe dröhnten. Im Flackern des Feuers auf dem Platz vor der Hazienda sah Saltillo den herangaloppierenden Reiter. Es war ein kräftig gebauter Krieger mit Büffelhaube, Krallenkette und einem Gewehr am Sattel.

Saltillo kannte ihn. Es war »Zwei Messer« vom Stamm der Penatekas, bei dem Saltillo früher einmal gelebt hatte.

Layla war schon fast unter dem Torbogen, als er sie einholte.

Die Mexikaner auf den Wehrgängen und im Hof schwangen zwar sofort ihre Waffen herum, konnten jedoch nicht feuern, ohne die aparte Kreolin zu gefährden.

Saltillo hetzte sofort los. Er schaffte nur fünf Yard, dann hatte der Indianer die sich heftig wehrende Frau schon vor sich aufs Pferd gerissen. Sein eiserner Griff schnürte ihr die Luft ab. Er schien ihre trommelnden Fäuste nicht zu spüren.

Die Männer der Hazienda verharrten wie versteinert. Keuchend hob Saltillo den langläufigen Sechsschüsser. Doch die sonst so ruhige Hand zitterte leicht. Er wagte ebenfalls keinen Schuss.

Schon riss »Zwei Messer« seinen Mustang herum. Mann und Pferd wirkten wie ein Wesen. Nicht umsonst galten die Comanchen als die besten Reiter. Sie behandelten ihre Pferde häufig besser als die Squaws. Ein abgerichteter Comanchenmustang gehorchte dem leichtesten Schenkeldruck, und »Zwei Messers« Schecke sprengte nun wie von der Sehne geschnellt über die Grasfläche davon. Die Hufe schienen die Erde kaum zu berühren.

»Sam!« Laylas halbverwehter Ruf drückte Saltillo die Kehle zu. Das Gewicht der Waffe in seiner Faust schien sich zu verdoppeln. Layla als Gefangene der Penatekas! Waren sie deshalb gekommen? Warum bloß?

Saltillos Gedanken wirbelten. Abrupt wandte er sich dem Stall zu.

»Die Pferde her!«

Da krachte ein Schuss wie ein verspätetes Echo auf den vorangegangenen Kampf beim Küchenanbau.

Es war Tortilla Bucks Sechsschüsser. Der Krieger, den Paco nur für Sekunden hatte außer Gefecht setzen können, rutschte dort an der von Fackeln und Laternen beleuchteten Wand nieder. Er umklammerte wieder seinen Tomahawk. Saltillo eilte über den Hof. Bedauernd hob Buck die Schultern.

»Tut mir leid, Amigo. Er ließ mir keine Wahl. Er wollte Paco mit dem verdammten Beil unbedingt den Schädel einschlagen.«

Saltillo hatte noch das Bild der Frau auf dem davonstürmenden Comanchenpferd vor Augen. Dabei war es nur Minuten her, dass er sie im Arm gehalten, ihre Wärme gespürt und den Duft ihre Haars eingeatmet hatte. Jede Faser in ihm fieberte danach, sofort die Verfolgung aufzunehmen. Mehrere Peones zerrten bereits aufgeregt schnaubende Gäule aus dem Stall. Andere schleppten Sättel und Zaumzeug herbei. Die Hazienda glich einem Ameisenhaufen.

Der Indianer, den Buck getroffen hatte, lebte noch. Er lehnte an der Lehmziegelwand und starrte aus trüben Augen in das maskenstarre Gesicht des Hazienderos.

»Warum seid ihr auf dem Kriegspfad?«, drängte Saltillo. Er beugte sich zu ihm hinab. »Weshalb habt ihr uns überfallen?«

Die Miene des Schwergetroffenen belebte sich. Mit einem wilden Aufglühen in den Augen drehte er halb den Kopf und spuckte aus. Dann sank sein Oberkörper nach vorn, der Atem erlosch. Saltillo ballte die Fäuste und schloss einen Moment die Augen. Buck trat zu ihm. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Wir holen sie zurück, Amigo.«

 

 

Zwölf Stunden später saßen sie noch immer im Sattel. Die fichtenbestandenen, von Felsmassiven durchbrochenen Kämme der Cuesta del Burro Range ragten ringsum auf. Die Sonne brannte wie eine weiße Scheibe am wolkenlosen Firmament. Die Fährte war noch so deutlich wie am frühen Morgen. Sie wand sich durch grasbewachsene Täler und staubige Schluchten nach Nordosten.

Jenseits der Berge lagen die flimmernden Weiten der Comancheria. Die Prärien und Llanos gehörten noch allein dem Roten Mann und dem Büffel, von dem er lebte. Noch gab es keine Forts und Ansiedlungen in diesem bis über den Red River hinaufreichenden Gebiet. Doch die unsichtbare Grenze wurde längst nicht mehr von den Patrouillen der Taxas Ranger und Blauröcke und den ins Goldland Kalifornien rollenden Wagenzügen respektiert.

Die Sorge um die entführte Frau trieb die Männer von der Hazienda Stunde um Stunde unter der glühenden Sonne voran.

Saltillo war stets eine halbe Pferdelänge voraus. Mit seinem abgewetzten Antilopenlederanzug, dem rabenschwarzen Haar und den mokassinähnlichen Weichlederstiefeln sah er selbst wie ein Comanche aus. Ein rotes Seidentuch umschlang seinen Hals. Darunter lugte ein Amulett mit mehreren in Silber gefassten Türkisen hervor. Es gehörte zu ihm wie der Sechsschüsser an seinem Büffelledergurt und das Bowiemesser in der fransenverzierten Scheide.

Buck und drei Vaqueros folgten ihm stumm. Seit sich das Tor der Hazienda hinter ihnen geschlossen hatte, ließen sie ihre Gewehre und Revolver nicht mehr aus den Händen. Jetzt, im grellen Tageslicht, erschienen ihnen die Ereignisse der vergangenen Nacht wie ein Albtraum.

Es war Jahre her, dass Bärentatzes Krieger sich eine blutige Abfuhr geholt und begriffen hatten, dass die Hazienda eine uneinnehmbare Festung war. Kopfgeldjäger hatten damals Bärentatzes Sohn getötet und waren dann auf der Hazienda untergeschlüpft.

Buck hatte sie ahnungslos hingebracht. Deshalb hatte der Chief der Penatekas auch auf seiner Auslieferung bestanden. So war es zum Kampf gekommen. Doch in der letzten tödlichen Auseinandersetzung hatte Saltillo dem Anführer der Indianer das Leben gerettet. Seitdem war das Kriegsbeil zwischen ihnen begraben. Saltillo war davon überzeugt, dass Bärentatze nichts mit dem Überfall und Laylas Entführung zu tun hatte.

Immer wieder hielt er kurz an, untersuchte die Fährte und ließ den Blick über die zerklüfteten und bewaldeten Hänge schweifen.

»Zwei Stunden Vorsprung«, hatte Saltillo noch bei Tagesanbruch festgestellt. Jetzt hatten sich die von den Mustanghufen niedergetretenen Büffelgrashalme noch nicht einmal zu einem Drittel wieder aufgerichtet. Obwohl die Comanchen damit rechnen mussten, dass sie verfolgt wurden, ließen sie sich Zeit. Ihr Vorsprung war auf höchstens eine halbe Stunde geschrumpft.

»Mein Skalp kribbelt«, brummte Buck.

»Haltet bloß die Augen offen, Amigos. Ich hab das komische Gefühl, dass wir geradewegs in eine Falle reiten.«

Sie kamen noch zur nächsten Biegung. Ruckartig zügelten sie dort die Pferde. Dreihundert Yard vor ihnen ragte eine zerklüftete haushohe Wand empor.

Zwischen den Sträuchern und Felsblöcken an ihrem Fuß warteten die vier Comanchen. Sie standen offen da. Einer hielt die Pferde. Sie trugen Sättel, die aus einem Polster mit kurzen Steigbügelriemen bestanden. An jedem Mustanghals hing eine zusätzliche Schlinge, die es dem Reiter ermöglichte, sich zum Schutz vor feindlichen Kugeln und Pfeilen seitwärts an das Tier zu klammem. Der Pferdewächter trug eine Rifle auf dem Rücken. Der Krieger rechts neben ihm war ebenfalls mit einem nagelneuen Gewehr bewaffnet.

Bärentatzes Männer waren früher nur mit Pfeil und Bogen, Tomahawks, Messern und Lanzen ausgerüstet. Der dritte Indianer hielt zwar einen Bogen aus Eschenholz, aber außer dem pfeilgefüllten Köcher hing noch eine langläufige Reiterpistole an seinem Gurt.

»Zwei Messer« stand dicht hinter der Gefangenen. Eine in der Sonne funkelnde Klinge lag an Laylas Hals. Ihre Hände waren vorn gefesselt, die Bluse zerrissen. Das blauschwarze Haar umzüngelte ihr ausdrucksvolles, ein wenig blasses Gesicht mit hohen Wangenknochen. Laylas Schultern waren gespannt, das Kinn trotzig vorgereckt.

Die Indianer rührten sich nicht. Sie schienen genau zu wissen, wie kostbar ihre Geisel war. Saltillo war erleichtert, dass Layla offenbar noch nichts Schlimmeres zugstoßen war.

»Bleibt zurück«, raunte er. »Ich werde mit ihnen verhandeln.«

»Du wirst schneller in der Hölle landen als du >Amen< sagen kannst, wenn noch mehr von diesen Burschen auf der Lauer liegen«, meinte Buck skeptisch.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die was anderes wollen als unsere Skalpe.«

»Haltet mir den Rücken frei, aber unternehmt nichts, solange Layla in Gefahr ist.«

Die Hufe seines Braunen stampften weiter. Es war das einzige Geräusch außer dem metallischen Klicken, als Buck hinter ihm den Hammer seiner Rifle spannte. Buck war der beste Gewehrschütze auf der Hazienda. Doch gegen das Messer am Hals der gefesselten Frau konnte auch er nichts ausrichten.

Langsam ritt Saltillo auf die Indianer zu. Ihre Gesichter glichen bemalten Masken. Kein Comanche würde sein Leben jemals für eine Frau riskieren. Boten sie ihm Layla zum Tausch an? Doch wofür?

Die violett schimmernden Augen der Frau waren an ihm festgebrannt. Sie atmete stoßweise. Ihre schweren Brüste hoben und senkten sich unter den Blusenresten. Als Saltillo schon so nahe war, dass er die kleine, sternförmige Narbe an Laylas Haaransatz erkannte, hielt er an. Die Rechte lag am Walnusskolben des 44er Colts.

»Dein Ausflug ist beendet, Layla«, versprach er. »Wenn wir uns beeilen, sind wir zum Abendessen wieder auf der Hazienda.«

»So eilig hab ich’s gar nicht«, lächelte die Kreolin mühsam. »Mir würde fürs erste schon genügen, dass dieser grobe Klotz das Messer von meiner Kehle nimmt. Ich bin da empfindlich.«

Saltillos Blick heftete sich auf den Anführer der Indianer.

»Ich weiß nicht, weshalb >Zwei Messer« mit seinen Freunden auf dem Kriegspfad reitet«, begann er in fließendem Comanche. »Doch kein Krieger der Penatekas hat sich jemals hinter einer Squaw versteckt. Wenn du kämpfen willst, dann komm! Doch lass sie gehen!«

»Ich höre einen Kojoten heulen«, entgegnete. der Comanche höhnisch. »Es ist die Stimme des Verräters, der zwar die Zunge der Penatekas benutzt...«

Das Geräusch auf der Felskante riss die Indianer herum. Ein paar Steine polterten herab. Ein Schnauben erklang.

Saltillo war genauso überrascht und betroffen wie die Comanchen, als plötzlich ein Mann dort oben stand. Die Umrisse des breitkrempigen Huts und der Kleidung verrieten, dass es ein Weißer war. Mehr war nicht zu erkennen. Ein Gewehrlauf blinkte.

»Nicht schießen!«

Da blitzte und krachte es schon, und der Indianer, der die ganze Zeit mit seinem Gewehr auf den Reiter gezielt hatte, brach wie von einem Keulenhieb getroffen zusammen. Mit einem wilden Schrei riss der Pferdewächter die Rifle vom Rücken.

Voller Sorge um Layla stieß Saltillo seinem Braunen die Fersen gegen die Flanken. Das halblange schwarze Haar wehte. Der Whitneyville Walker flog aus seiner Halfter.

Doch weder eine Kugel noch ein ungestümer Angriff hätten Layla Sheen retten können, wäre »Zwei Messer« nicht halb herumgezuckt und hätte die Klinge für einen Moment sinken lassen.

Im Dröhnen des Schusses riss die Bodega-Wirtin sich mit jäher Kraftanstrengung los. Während eine Pulverdampfwolke die Gestalt auf der Felskante einhüllte, warf sie sich zu Boden.

Jenseits der offenen Grasfläche spornten Tortilla-Buck und die Vaqueros gleichzeitig ihre Pferde an.

»Zwei Messers« nächste Reaktion war, sich mit dem zum Todesstoß erhobenen Stahl auf die Gefangene zu stürzen. Der gellende Kampfschrei der Penatekas brach über seine Lippen.

Da war Saltillo bereits heran. Er warf sich vom Sattel auf den Comanchen, riss ihn zu Boden und erwischte ihn mit dem Coltlauf seitlich am Kopf. Keuchend rollte er sich weg, richtete sich halb auf und sah das Gewehr des Pferdewächters auf sich gerichtet.

Es blieb ihm keine Wahl. Sein Colt und die Rifle des Indianers krachten fast gleichzeitig.

Das Geschoss warf den Comanchen gegen einen schnaubenden Mustang. Die langen Lederzügel waren noch um das Handgelenk des Kriegers geschlungen. Als die Pferde ein Stück wegliefen, rissen sie ihn um und schleiften ihn mit.

Saltillo sprang auf.

Doch der Indianer mit dem Bogen war keine Gefahr mehr. Der Fremde, der die erste verhängnisvolle Kugel abgefeuert hatte, richtete sich eben mit blutbesudeltem Bowiemesser neben ihm auf.

 

 

Der Mann war von der mehrere Yard emporragenden Felskante herabgesprungen. Dornen und schroffe Felsen hatten seine derbe Farmerkleidung an mehreren Stellen zerrissen. Kugelbeutel und Pulverhom hingen an seiner Seite. Er keuchte.

Saltillo schätzte ihn auf fünfundzwanzig. Aber da waren auch einige Linien in dem knochigen, von rotblonden Bartstoppeln bedeckten Gesicht, die ihn Jahre älter wirken ließen.

Der Haziendero bezwang den Zorn und wandte sich Layla zu. Sie war unverletzt. Er half ihr auf die Beine und befreite sie von den Fesseln.

»Das war höllisch knapp«, keuchte sie. »Sam, was wollten die Comanchen bloß?«

»>Zwei Messer< wird’s mir sagen. Er gehört zu Bärentatzes Clan ...« Mit einem jähen Satz löste Saltillo sich von der üppigen, mittelgroßen Frau.

Im letzten Moment erwischte er das Handgelenk des Rotblonden. Der Mann hatte blitzschnell die langläufige Reiterpistole aus dem Gürtel des von ihm getöteten Comanchen gezogen.

Er richtete sie auf »Zwei Messer«, der ihn, die Ellbogen aufgestützt, wild anstarrte. Die Büffelhornhaube lag neben dem Indianer. Sein strähniges, schwarzes Haar war in Zöpfe geflochten. Zornig drückte Saltillo die Waffe herab.

»Nun reicht’s aber! Das wäre glatter Mord!«

Der Fremde schien einen Moment entschlossen, sich auf Saltillo zu stürzen. Vielleicht hielt ihn nur das Auftauchen von Buck und den Vaqueros davon ab. Noch immer war ein fiebriges Glühen in den tiefliegenden Augen. In seinem hohlwangigen Gesicht zuckte es.

»Diese verdammten roten Teufel haben meine Eltern umgebracht«, knirschte er. »Da reden Sie von Mord? Zum Henker, wer sind Sie überhaupt?«

»Mein Name ist Saltillo. Mir gehört das Land westlich der Cuesta del Burro Range. Die Comanchen entführten Miss Sheen. Es ist bestimmt nicht Ihr Verdienst, Mister, dass sie jetzt noch lebt.«

Der Mann schluckte. Die Anspannung ließ langsam nach.

»Ich konnte nicht anders. Als ich die verfluchten Rothäute sah ...« Er wischte sich mit dem Ärmel Schweiß und Staub vom Gesicht. »Ich bin Elam Johnson. Hab zusammen mit meinen Eltern ’ne kleine Farm am Terlingua Creek bewirtschaftet. Vor ein paar Jahren, als das Land noch zu Mexiko gehörte, haben wir am Trinity gesiedelt. Ich hab Ma und Pa vorgestern begraben. Nur ’nen halben Tag lang war ich weg. Wahrscheinlich würde ich sonst auch nicht mehr leben. Sie hatten keine Chance. Aber ich werd nicht ruhen, bis ich’s diesen Hundesöhnen heimgezahlt hab.«

Nach einem hasserfüllten Blick auf »Zwei Messer« schob er die Pistole vom in den Gurt. Die Miene des Indianers verriet nicht, dass er jedes Wort verstanden hatte. Er blieb auf dem Rücken, immer noch die Ellbogen aufgestützt, als Saltillo zu ihm trat. Der Hieb mit dem Coltlauf hatte ihn nur gestreift. Er zeigte keine Nachwirkung. Saltillo war betroffen über den Hass, der ihm aus den Augen des Kriegers entgegenloderte.

»Warum habt ihr den Frieden gebrochen?«

»Von welchem Frieden sprichst du?«, zischte »Zwei Messer«. »Von jenem in den Feuerrohren der weißen Männer, die das Land der Comanchen mit ihren Pflügen und den Herden von gefleckten Büffeln zerstören wollen? Von dem der schwarzen Pest, die sie über unser Volk gebracht haben?«

»Du weißt, >Zwei Messen, das Blut der Penatekas fließt auch in meinen Adern.«

»Das Blut eines Kojoten unter Grauwölfen«, höhnte der Indianer zornig. »Du redest Worte der Freundschaft, aber du handelst wie ein Feind. Die Penatekas werden deinen Skalp den Geiern und Wölfen vorwerfen.«

»Es ist noch nicht lange her, da hat Bärentatze, euer Häuptling, mich seinen Bruder genannt. Ich kann nicht glauben, dass er das Kriegsbeil ausgegraben hat.«

Ein gefährliches Aufblitzen zeigte sich in »Zwei Messers« Augen, als Saltillo Bärentatze erwähnte. Das warnte Saltillo. Im nächsten Moment schnellte der Indianer empor. Ein Messer lag in seiner Faust. Es beschrieb einen blinkenden Halbkreis.

Saltillo sprang zurück. Doch für die Vaqueros hinter ihm sah es aus, als hätte der Comanche getroffen.

Buck, der Kentuckier, machte kurzen Prozess. Mit einem heiseren Schrei flog er auf »Zwei Messer« zu und schlug ihn mit der Harpers Feny Rifle nieder. Layla stürzte atemlos zu Saltillo. Doch die Klinge hatte nur das Antilopenlederhemd aufgeschlitzt.

Buck schüttelte schnaufend die blonde Zottelmähne.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922592
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
saltillo wolf chihuahua
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Titel: SALTILLO #12: Der Wolf von Chihuahua