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Auf der Jagd nach Gehirnen

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Auf der Jagd nach Gehirnen

Klappentext:

Roman:

HUBERT HUG

 

Auf der Jagd nach Gehirnen

 

Unheimlicher Roman

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Die südamerikanischen Kupas verzehren die Gehirne ihrer Verstorbenen in einer rituellen Zeremonie. Durch Studien dieser Vorgänge erkennt der Wissenschaftler Carlton, dass in Gehirnen der Kupas eine Substanz vorhanden sein muss, die vor Alzheimer-Erkrankung schützt. Doch für das entscheidende Experiment benötigt er ein letztes Stück Gehirn und schickt seinen Mitarbeiter Verdandi in den Dschungel, um es einem verstorbenen Kupa zu entnehmen. Daraufhin stirbt Carlton auf mysteriöse Weise. Der Kampf um den Alzheimer-Markt hat in allen erdenklichen Varianten an Grausamkeiten begonnen. Die erbeuteten Kupa-Gehirne sollen – in Schokoriegel gemischt – an Kunden und Patienten verkauft werden.

Schafft es Verdandi die Vernichtung der Kupas zu verhindern?

 

 

 

 

 

Roman:

Hinter mir raschelt es, aber ich kann nicht erkennen, wer da ist. Wahrscheinlich sind es wieder kleine Affen. Oder meine Verfolger? Der Dschungel wird grüner und dichter, so dass ich mich besser verstecken könnte. Trotz der Hitze fühlt sich der Schweiß, der quellartig aus meinen Poren läuft, kalt an. Vor mir schreien unbekannte Vögel, fliegen nach oben in die Baumkronen und verschwinden. Mein Ziel sind die Kupas, die in den Hügeln und Bergen östlich der Anden ein isoliertes Leben führen. Dort soll das Klima erträglicher sein, nicht mehr so tropisch und Bäche und Flüsse brächten kühles Wasser aus dem nahen Gebirge.

 

Der Dschungel, durch den ich mich gerade kämpfe, trennt die Kupas von anderen Menschen. Ich sehe nicht mehr weit und die Luft mit dem verdunsteten Wasser atmet sich schwer. Meine Arme und Beine sind zerkratzt. Es riecht inzwischen so modrig, als wäre der ganze Wald verfault. Viele Pflanzenteile, die ich vor mir wegschneide, sind tot. Aber der Weg über die Anden wäre beschwerlicher. Meine Furcht vor den Verfolgern zwingt mich so lange weiterzugehen, bis ich in der Dämmerung nichts mehr sehe und Rast machen muss. Trotz meiner Müdigkeit bleibe ich fast die ganze Nacht vor Aufregung wach und denke an meine Gespräche mit Carlton und an das, was er über die Kupas und seine Entdeckungen erzählt und veröffentlicht hat. Vor allem beschäftigt mich, wer mich daran hindern möchte, ein Kupa-Gehirn zu besorgen.

 

Es begann mit einer ungewöhnlichen Werbekampagne. Ungewöhnlich deshalb, weil die Propaganda versprach, schwere Gehirndemenzen mit einem neuen Nahrungsmittel zu heilen.

„Schützen Sie sich vor Alzheimer! Nehmen Sie Antialzi-Snaks! Direkt, wirksam, köstlich!“, lautete der erste Spruch der neugegründeten Firma TheraAlz auf einem Plakat mit lächelnden alten Menschen unter blauem Himmel an einem Seeufer. Sie bissen von etwas Schokoladenähnlichem ab.

„Bleiben Sie am Denken! Verhindern Sie Demenzen! Mit Gehirn-Boostern aus modernster, attraktiver Forschung“, las ich von ThinkBig. Und so ging es weiter. Der Wettlauf um Nahrungsergänzungsmittel für die Erhaltung eines gesunden Gehirns war in Fahrt geraten.

Eine Krankenkasse schrieb auf ihrem Blog: „Innovative Denkriegel, die beste Methode, um ihr Gehirn fit zu halten. Ein Muss für unsere Mitglieder!“ Auf dem Bild unter dem Text spielten Kinder mit Alten an einem Palmenstrand.

Während sich die ersten Anzeigen auf die Alzheimer-Krankheit beschränkt hatten, so schlossen die anderen Werbungen Demenzen aller Art bis hin zu alltäglichen Gedächtnisproblemen ein. Manche Firmen sahen in Alzheimer einen Markt, der in seiner Größe genügte. Andere waren gieriger und wollten ein Produkt gegen alles, was irgendwie gegen den Abbau des Gehirns half, etwas, das sie jedem Menschen verkaufen könnten. Ich suchte nach möglichen Begründungen und Ursachen für solche Begierden und Werbungen. Dabei stieß ich in einer wissenschaftlichen Datenbank auf eine seltsame Referenz mit dem Titel: Kupa-Gehirne schützen vor Alzheimer. Das machte mich neugierig. Hatte diese Veröffentlichung mit den Werbeanzeigen zu tun? Der Autor hieß Carlton. Ich erkundigte mich nach ihm. In Fachkreisen galt er als Kapazität auf dem Gebiet der verschiedenen Demenz-Erkrankungen, insbesondere Alzheimer.

 

Ich reiste nach Zugwil, denn wollte mehr über mögliche Behandlungsstrategien gegen Demenzen lernen, über Methoden, die auf einem Stoff aus Kupa-Gehirnen basierten, und so besuchte ich eines von Carltons Seminaren. Etwa hundert Zuhörer befanden sich im Raum. Mitreißend erzählte uns Carlton zuerst von seinen Erlebnissen bei den Kupas in Südamerika, mit denen er fünf Jahre zusammengelebt hatte.

„Sind die Kupas wirklich Menschen wie wir?”, unterbrach ihn gleich einer der Teilnehmer.

„Sie sind in manchen Merkmalen überraschend anders. Danke für die Frage, denn sie bringt mich zum wichtigsten Thema. Der Stamm verspeist die Gehirne der Verstorbenen und feiert dabei ein Fest. Kupas, die ein Gehirn gegessen haben, werden resistent gegen die Alzheimer-Krankheit.“ Carlton hatte es auf den Punkt gebracht.

Einige Teilnehmer blickten angewidert, was Carlton nicht entgangen sein konnte, denn er riss die Augen auf. Nach ein paar allgemeinen Sätzen über Alzheimer führte er die speziellen Verhaltenswiesen der Kupas weiter aus.

„Von oben kämen die bösen Götter, glauben die Kupas. Fallschirmspringer opferten sie der Vogelgöttin. Ich habe das persönlich nie gesehen. Sie sollen die Springer mit den Schnüren der Fallschirme erwürgt und in die Bäume gehängt haben. Sie müssen beim Anblick solcher Ungeheuer der Luft in Panik geraten sein, denn sie sind ansonsten friedlich, auch zu allen Tieren, insofern diese keine Menschen angreifen.“ Carlton holte tief Luft und strich sich dabei über seine grauen Haare, wobei er glänzende Geheimratsecken freilegte.

„Ich ging immer alleine zu den Kupas, um bei ihnen möglichst wenig Angst zu wecken. Ich habe den Weg durch den Dschungel genommen, weil dieser für mich am sichersten war. Man gewöhnt sich bei den Fußmärschen langsam an das Klima und an die dort lebenden, gefährlichen Mikroorganismen. Es gibt in der feuchten Hitze Infektionen, die uns leicht und still töten können, gegen welche die Kupas aber resistent sind.“

Ich hörte ihm gespannt zu. Die Geschichte des Gehirnkannibalismus setzte sich in meinen Gedanken derart fest, dass ich alles darüber erfahren wollte.

 

„Entschuldigen Sie, dass ich das letzte Mal nicht beim zentralen Thema geblieben war. Es fällt mir inzwischen schwer, über Alzheimer-Therapien zu reden“, sagte Carlton im folgenden Seminar. „Meine Erkenntnis hat Gier geweckt. Man missbraucht meine Forschung. Jemand, der nicht bekannt werden will und im Geheimen zu arbeiten plant, möchte mit mir zu den Kupas.“

„Um Gehirne zu rauben?“, fragte ich erregt. Carlton drehte seine Augen erstaunt zu mir.

„Davon gehe ich aus. Sie sagen es direkt. Trotz der aufdringlichen Werbung hat noch keine Firma Kupa-Gehirn in ihre Snacks, Riegel oder was auch immer dazu gemischt. Alles Material, das ich von den Kupas mitbrachte, brauche ich für meine Experimente“, antwortete er in einem Tonfall, der klarmachte, dass er keine Gehirne herausgeben würde.

„Bieten sie viel?“, fragte ich weiter. Er blickte mich verwundert an, als wäre diese Frage fehl am Platz.

„Darauf kommt es nicht an. Ich muss sicher sein, dass den Kupas keine Nachteile entstehen.“

„Sie wissen noch nicht, welcher Bestandteil die Alzheimer-Demenz verhindert?“, fragte ein anderer Seminarteilnehmer und fuhr gleich fort: „Warum geben wir unseren Patienten nicht einfach Kupa-Hirne ins Essen? Wir haben Verantwortung!“

„Das versuche ich doch gerade klarzumachen.“ Carlton wirkte ungehalten. „Ich suche nach der Wirksubstanz. Ich will nicht, dass Kupa-Gehirne bei uns so verfüttert werden, wie sie die Kupas essen. Aus mehreren Gründen!“

„Ist doch egal. Die Firmen tarnen das Gehirn in Süßigkeiten“, rief ein anderer Zuhörer.

„Mord an den Kupas kommt für mich nicht in Frage. Zudem gibt es nur noch etwa 4000 von ihnen,“ sagte Carlton mit festem Blick.

„Essen die Kupas das Gehirn gekocht?“, fragte der nächste. Carlton atmete tief ein.

„Ja, oder gebraten. Ob rohes Gehirn wirkt, weiß man nicht …“, antwortete Carlton mit nachlassender Stimme. Man merkte ihm an, dass er die Lust zu reden verloren hatte. Sein Gesicht war leicht verzerrt, der Mund etwas schief.

„Wieviel Gehirn muss man denn essen, um gegen Alzheimer resistent zu werden?“, war die nächste Frage. Die Zuhörer blieben hellwach.

„Ballern Sie nicht so auf mich los“, bat uns der über siebzigjährige Mann mit etwas gesenktem Kopf.

„Man weiß also kaum etwas über die Wirkung und die geheime, von ihnen erwähnte Firma ist schon bereit zum Verkauf solcher Kupa-Gehirne?“, sagte ich trotzdem.

„Ja, aber man scheint mir nicht zu glauben. Die Realität ist ungenau und lässt der Phantasie viel übrig.“ Carltons Augen wurden plötzlich merkwürdig klein und abwesend. Er wurde bleich und musste sich setzen. Jemand brachte ihm Wasser und wir gönnten ihm eine Pause. Ein paar Zuhörer verließen das Seminar.

„Es ist noch schlimmer“, sagte er schließlich mit verstopfter Kehle zu den Verbliebenen. „Ich werde bedroht. Untereinander konkurrierende Firmen planen tatsächlich, Nahrungsmittel mit Kupa-Gehirnteilen anzubieten. Mit ihrer Werbung haben sie sich selbst unter Zeitdruck gesetzt. Ich muss diese Seminarreihe beenden. Auch Ihnen kann ich nicht trauen.“ Der Ernst, mit dem Carlton dies vortrug, weckte ein ungutes Gefühl in mir, was soweit ging, dass ich mich wegen meinem Wissen verpflichtet fühlte, der Sache nachzugehen.

 

Carlton zeigte sich von da an nicht mehr in der Öffentlichkeit. Ich recherchierte in allen mir zugänglichen Literaturquellen über Gehirnschäden. Die Verbindung der Kupas mit Alzheimer faszinierte mich schließlich so sehr, dass ich mich bei Carlton als wissenschaftlicher Mitarbeiter beworben hatte.

Ich stand vor einem vierstöckigen Gebäude, von dessen Wand ein Stück Putz abblätterte, als ich die Klingel drückte. Es verging mindestens eine Minute, bis sich die Stahltür öffnete. Sie war mit zwei Schlössern gesichert. Als ich in Carltons Büro kam, stand die Tür zum Labor offen und die schmuddelige Ausstattung stieß mir gleich ins Auge. Die Geräte waren mindestens fünf Jahre alt und schienen nicht mehr gewartet zu werden. Ein verstaubter Roboter schob ein Reagenzglas mit einer braunen Brühe in einen Fraktionensammler. Die Steuereinheit tickte und auf dem Bildschirm sah ich übereinanderliegende Kurven, die sich bei jedem Tick änderten.

Carlton musste meine Neugier bemerkt haben. Als ich mich ihm zukehrte, musterte er mich so intensiv mit weit geöffneten und fragenden Augen, als ob sein weiterer Erfolg von mir abhinge.

„Sie also sind Karl Verdandi. Ich kenne Ihr Gesicht vom Seminar“, sagte er höflich nach der Begrüßung. Dann bat er mich, Platz zu nehmen.

„Sie haben in Gijutsu, der japanischen Forschungsstadt für die Talentiertesten und intellektuellen Polygamisten gelernt?“, fragte er, als er in meinen Lebenslauf blickte. „Wegen Gijutsu haben Sie mein Interesse geweckt.“

„Ja“, aber Gijutsu ist nicht japanisch, es ist in Japan“, antwortete ich und ich sah ihn zum ersten Mal lachen.

„Klar, ist ja international finanziert. Und die Stadt ist erst fünfzehn Jahre alt, soweit ich weiß. Die Denker und Experimentierer sollen von Vorgesetzten und Bürokratie freigehalten werden, was ich für richtig halte. Worüber haben Sie gearbeitet?“ Sein Blick blieb auf meinem Lebenslauf.

Ich überlegte, wo ich anfangen sollte. Aber er redete weiter.

„Über Nanowindräder, wie ich hier lese. Ich mag vielseitige Menschen und ich brauche einen Mitarbeiter mit einem Verständnis für physikalische Fragen.“

Hier knüpfte ich an. „In solchen Nanowindrädern ist die Energiespeicherung ähnlich wie in lebenden Zellen. Ich habe mich dabei auch mit Proteinfaltung beschäftigt. Wir könnten solche Energieberechnungen beim Studium der Gehirnfunktionen anwenden.“

„Dann sind wir schon nahe bei Alzheimer. Entdeckungen bestehen ja aus der Fähigkeit eines Menschen, das Potential eines Modells zu erkennen und mit geistiger Kraft daraus Ideen abzuleiten und umzusetzen.“ Carlton strich durch seine grauen Haare und vertrieb eine Stubenfliege. Dann legte er meinen Lebenslauf auf den Schreibtisch und holte eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank und zeigte mir das Etikett, einen trockenen Gutedel. Ich fühlte, dass er mich als Mitarbeiter in Betracht zog.

„Ich komme gleich wieder, ich muss nur kurz den Roboter kontrollieren“. Carlton bediente die Tastatur einer Maschine, hinter deren Glaswand weiße Pipetten verschiedener Größe mit einem surrenden Geräusch nach unten fuhren. Ich beobachtete Carltons Bewegungen durch den Türspalt und wunderte mich, dass niemand sonst im Labor arbeitete. Sicher sind seine Mitarbeiter schon nach Hause gegangen. Trotzdem war diese Einsamkeit für mich abschreckend.

„Sie gehen doch davon aus, dass abartige Proteinfaltungen zu Alzheimer führen. Anti-Prionen könnten das verhindern?“, fragte ich, als Carlton wieder im Büro erschien. Seine Pupillen waren plötzlich so groß, als käme er aus der Dunkelheit.

„Ja, ... Ich habe ein Projekt begonnen, um in Alzheimer-Gehirnen die Proteinfaltung zu …“ Carlton stoppte plötzlich so, als hätte er mir schon zu viel gesagt. Er trank langsam mehrere Schlucke aus seinem Weinglas.

„Sind Sie bereit, sich Tag und Nacht der Erforschung einer neuen Alzheimer-Vorbeugung zu widmen?“, fragte er nach einer Weile. Im Labor begann ein Analysegerät mit quietschenden, fast gespenstischen Geräuschen zu arbeiten.

Ich antwortete nicht sofort, was ihn bewegte weiter zu reden.

„Ihr Privatleben interessiert mich nicht. Ich möchte, dass es Ihnen wissenschaftlich gut geht. Sagen Sie mir jetzt, ob Sie mit mir arbeiten wollen? Es kann nicht intensiver als in Gijutsu werden.“ Er stellte sein Glas auf den Tisch. Ich wurde unsicher. Er musste es spüren. Er schien viel zu verlangen, aber es wären ja nur ein paar Monate, dachte ich, und stimmte zu.

„Gut“, antwortete er mit aufhellendem Blick, „ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“ Er füllte die Gläser und wir stießen an. „So Verdandi, ich bin Carlton. Du bist mein einziger Vertrauter.“ Wieder blickte er so nachdenklich, als gäbe es noch ein Problem.

„Sieh hier,“ fuhr er fort und zeigte auf einen Stapel Papier. „Das sind die Schreiben der anderen Bewerber, denen ich bereits abgesagt habe. Für dich, Verdandi, habe ich mich entschieden.“

Ich hätte stolz sein können, aber ich war zu angespannt.

Einerseits hatte ich zum zweiten Mal in meinem Leben die Möglichkeit, soviel Neuland zu betreten, wovon andere nur träumten, andererseits wäre ich hier kein freier Mensch. In Gijutsu war das anders gewesen. Dort war es mit den Menschen aus verschiedenen Ländern sicherlich vergnügter und ich war jünger und unerfahren. Hier stand ein alter, verzweifelter Mann vor mir.

„Mit wem hast du eigentlich in Gijutsu gearbeitet?“, fragte Carlton, als hätte er meine Gedanken erkannt. Ich nannte ihm ein paar Namen, die er sich zu meiner Verwunderung notierte.

„So, jetzt kann ich offener mit dir reden“, murmelte Carlton, während er tippte. „Das begießen wir mit einem Spätburgunder. Wie habe ich den bei den Kupas vermisst!“ Während er die Flasche holte, bemerkte ich einen Stapel aus Kisten mit leeren Weinflaschen in der Ecke neben dem Kühlschrank. Überall roch es nach Gärungen und modrigem Labor. Ich bekam Mitleid mit dem alten Mann. Als er zurückkam, rempelte er an ein Regal, so dass die Zeitschriften, Disketten, DVDs, Bücher und Ordner wackelten, aber nichts herunterfiel. Auf dem Schreibtisch neben seinem Computerbildschirm türmten sich Kopien wissenschaftlicher Artikel, die obersten mit Rotwein- oder Kaffeeflecken und auffällig zerknittert. Davor lagen bekritzelte Papierblätter, auf denen er gerade die Weingläser und die Flasche abstellte. Carlton erzählte mir mindestens zwei Stunden lang von seinen Forschungsarbeiten über Alzheimer, wobei ich nicht merkte, wie es draußen dunkel wurde. Er bat mich, am nächsten Morgen gegen neun Uhr zu ihm zu kommen.

„Wir müssen gleich loslegen“, sagte er beim Abschied. Mir war das recht, denn auch ich wollte schnell Ergebnisse sehen.

 

„Ich habe keine Mitarbeiter mehr. Die ersten wurden mir abgeworben, die anderen habe ich entlassen, weil ich niemandem mehr traute. Seitdem führe ich alle Experimente selbst durch und das Labor verlasse ich außer zum Einkaufen nie. Aber jetzt ändert sich das. Du bist ja hier“, begann er am nächsten Morgen.

„Wie testen wir die Gehirnfraktionen auf Wirkung?“, fragte ich den Menschen, der sich nicht für mein Privatleben interessierte.

„Komm mit ins Labor,“ sagte Carlton und griff nach einem USB-Stick. „Ich zeige dir ein Modell, wie man die Bildung der Alzheimer-Demenz blockieren könnte.“ Während die Daten luden, erhielt Carlton einen Anruf. Ich blickte währenddessen ins Nachbarlabor und sah dort eine Liege mit zerknitterten Kissen und Decken. Carlton tat mir erneut leid.

„Ich werde niemals helfen, Kupas zu ermorden“, schrie er in den Hörer. „Geben Sie es doch auf!“

Carlton war nach dem Gespräch so erregt, dass ich es vorzog, erst mal abzuwarten.

„Ich habe meine Ergebnisse zu früh verraten,“ sagte er zu mir, während er wütend den Staub auf einem Inkubator wegblies.

„Wer hat angerufen?“, fragte ich.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922585
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
jagd gehirnen

Autor

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Titel: Auf der Jagd nach Gehirnen