Lade Inhalt...

Tony Ballard #125 Die Stunde der Wölfe

2018 120 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Die Stunde der Wölfe

image

Tony Ballard Nr. 125

image
image
image

von A.F.Morland

image

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.  

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

image
image
image

Die Stunde der Wölfe

image

Wie zwei unheimliche Schemen schlichen die Männer den düsteren Gang entlang. Der Tod war ihr ständiger Begleiter, und wenn sie hier fertig waren, würde eine weitere Leiche auf ihr Konto kommen, das Gewissen jedoch nicht belasten, denn Mord war ihr Geschäft.

Sie blieben vor einer Tür stehen, ihre Hände glitten ins Jackett.

Der Mann, dem ihr Besuch galt, hatte nur noch wenige Sekunden zu leben...

»Haben Sie’s?« fragte Bumpy Douglas, der Informant.

»Um Mitternacht«, wiederholte Spencer Cook. »In diesem entlegenen Winkel des Themsehafens.«

»Ja, dort trifft die Lieferung ein. Heimlich, still und leise. Niemand soll etwas davon merken. Es soll sich um eine ganz große Sache handeln. Man redet von einem Jahrhundertding, das da heute nacht über die Bühne gehen soll. Wenn Sie’s geschickt anstellen, können Sie sich heute einen Namen machen. Wer weiß, vielleicht kennt Sie in ein paar Tagen schon jedes Kind. Spencer Cook, der größte Privatdetektiv aller Zeiten - nach Sherlock Holmes. Und ich habe Ihnen zu diesem Prädikat verhelfen. Ich hoffe, Sie lassen sich das einiges kosten.«

»Kannst du mir nichts Genaueres über diese Lieferung sagen, Bumpy?« Der Informant lachte dumpf. »Na hören Sie mal, ein bißchen was müssen Sie schon auch selbst zum Erfolg beitragen.«

»Woher kommt die Lieferung?«

»Keine Ahnung, und ich weiß auch nicht, was es ist.«

»Aber deinen Namen, den weißt du noch, he?«

»Klar, Sir. Bumpy Douglas heiße ich.«

Spencer Cook spielte mit dem Bleistift. Er saß auf der Kante seines Schreibtisches und blickte durch das Fenster auf die Straße hinunter, durch die eine kompakte Blechlawine rollte. Obwohl das Fenster geschlossen war, bildete sich Cook ein, die Abgase zu riechen.

Er lebte nicht gern in London, aber wenn er einigermaßen gut verdienen wollte, mußte er dort arbeiten, wo viele Menschen lebten, denn viele Menschen bedeuteten für ihn viele Aufträge, und die brachten das Geld.

Cook war ein Außenseiter, ein Einzelgänger. Er hatte nur ganz wenige Freunde, aber die hielten zu ihm, wenn es ihm auch mal dreckig ging. Auf sie konnte er sich ebenso verlassen wie sie sich auf ihn.

Er hatte das grobe Gesicht eines Schlächters, wirkte kalt und stahlhart, hatte jedoch einen ziemlich weichen Kern. Den bekam nur nicht jeder zu sehen.

Ein dicker Bart zierte seine Oberlippe, und da sein Haar schon ein wenig schütter war, trug er fast immer einen Hut auf dem Kopf. So auch jetzt in seinem Büro.

Es gab nur einen Unterschied: Auf der Straße setzte er den Hut mehr in die Stirn, in Räumen schob er ihn mit dem Zeigefinger weiter zurück.

Er war nicht unbekannt in London. Man wußte in zwei Kreisen, wer er war. Dem einen Kreis gehörten seine Klienten an, dem anderen jene Leute, die er jagte.

»Bist du sicher, daß du mir alles gesagt hast, Bumpy?« fragte der Privatdetektiv.

»Absolut... Augenblick, ich glaube, da ist jemand an der Tür.«

»Warte, Bumpy!« sagte Cook schnell. Seine Nackenhärchen hatten sich gesträubt. Auf diese Weise machte ihn sein sechster Sinn häufig auf etwas Unangenehmes aufmerksam. »Vielleicht solltest du der Tür besser fernbleiben,«

Doch Bumpy Douglas hörte nicht mehr, was Cook sagte, denn er hatte den Hörer neben den Apparat gelegt.

Natürlich konnte Cooks plötzliches Unbehagen auch unbegründet sein, aber er bildete sich mit einemmal ein, sich Sorgen um seinen Informanten machen zu müssn.

»Bumpy!« rief er, als könne er den Mann damit ans Telefon zurückholen. »Bumpy!«

Er hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und dann schien es in Bumpys kleiner Behausung ein Fest zu geben: Man ließ die Korken knallen.

So hörte es sich an, doch Spencer Cook kannte diese Geräusche. Sie waren ihm verdammt unsympathisch.

Dieses Floppen - das waren Schüsse, die mit Schalldämpfern abgefeuert wurden.

»Bumpy!« schrie Cook, doch am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

***

image

COOK WARF DEN HÖRER in die Gabel und schob sich den Hut in die Stirn. Das bedeutete, daß er das Haus verlassen wollte. Er schaltete zuvor noch den automatischen Anrufbeantworter ein, damit die Gespräche aufgezeichnet wurden, die während seiner Abwesenheit hereinkamen. Hin und wieder war etwas Wichtiges dabei.

Andere Detektive leisteten sich eine Sekretärin. Cook verzichtete darauf -nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen, sondern vor allem deshalb, weil er seinen Gegnern eine so geringe Angriffsfläche wie möglich bieten wollte.

Er hatte einen Kollegen, dessen Sekretärin hatten sie im vergangenen Jahr dreimal entführt. So etwas konnte ihm nicht passieren. Wenn die Unterwelt etwas von ihm wollte, dann mußte sie sich auch an ihn halten, und das war bisher noch jedem schlecht bekommen.

Cook stürmte aus dem Büro-Apartment. Er wartete nicht auf den Lift, sondern rannte die Treppe hinunter. Augenblicke später saß er in seinem Wagen und war zu Bumpys Wohnung unterwegs.

Bumpy wohnte in der miesesten Ecke von Soho.

Cook war in zwanzig Minuten da. Unter seiner Kopfhaut befand sich ein unangenehmes Prickeln, als er den sehummrigen Flur entlangschlich, der zu Bumpys Tür führte.

Es gab auch noch andere Türen - alt und schäbig. Von Wohnkultur hielt in dieser miesen Hütte niemand etwas.

Bumpys Nachbar ließ das Transistorgerät plärren und bekam deshalb nur Streit mit seiner Alten, denn sie drehte ihm den Apparat ab.

»Laß die Finger von meinem Radio!« schrie der Mann wütend, »Mir geht dieser Lärm auf die Nerven«, keifte seine Frau.

»Und du gehst mir auf die Nerven. Außerdem ist das kein Lärm, sondern Musik. Dreh auf!«

»Du kannst mich mal!«

»Ich schlag’ dich gleich grün und blau!«

Cook kümmerte sich nicht um den Zwist. Als er die Wohnung seines Informanten erreichte, plärrte das Radio wieder. Der Mann hatte sich durchgesetzt.

Cook fiel auf, daß die Tür nur angelehnt war. Er gab ihr einen Stoß, und sie schwang leise ächzend zur Seite. Bumpy lag in einer Blutlache; niemand konnte mehr etwas für ihn tun, Cooks Magen krarripfte sich zusammen. Er trat ein, schloß die Tür und stieg über den Toten hinweg.

»Armer Junge«, murmelte er. »Du wurdest vom Leben nie verwöhnt, und dann mußt du auch noch so enden.«

Der Hörer lag noch da, wo ihn Bumpy hingelegt hatte: neben dem Apparat. Cook nahm ein Taschentuch, legte es um den Hörer, drückte anschließend auf die Gabel und wählte die Nummer der Polizei.

Sobald die Verbindung zustande kam, sagte er dumpf: »Ich möchte einen Mord melden. Das Opfer heißt Dumpy Douglas.« Er nannte die Adresse. »Wie?... Nein, ich habe den Mann nicht umgebracht... Mein Name? Der tut nichts zur Sache...«

***

image

ER STRICH DOUGLAS' Namen von der Liste seiner Informanten. Natürlich war Bumpy Douglas nicht der einzige gewesen, von dem er Tips bezog, aber jene von Bumpy waren immer die besten gewesen.

Wenn ihm Bumpy Douglas etwas zukommen ließ, war das mit Sicherheit kein Windei, dem ein Hörfehler zugrunde lag.

Es war angenehm gewesen, mit ihm zusammenzuarbeiten, und Cook hätte so manchen kniffligen Fall niemals gelöst, wenn ihm Bumpy Douglas nicht die nötigen Fakten geliefert hätte.

Grimmig fuhr Spencer Cook nach Hause. Er hatte sich in Douglas’ Wohnung gründlich umgesehen. Auch die Taschen des Toten hatte er durchsucht, doch er hatte nichts gefunden, das er als einen Hinweis auf Douglas’ Mörder ansehen konnte.

Ein Wagen folgte ihm. Es fiel ihm nicht auf, das war selten. Zumeist war er sehr aufmerksam, doch im Moment machte ihm der Mord an Douglas zu schaffen. Richtig an die Nieren ging ihm die Sache.

Er verabscheute das Verbrechen ganz allgemein, denn er hatte einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, bei Mord hakte es bei ihm jedoch völlig aus.

Zumeist griffen diese Leute aus reiner Habgier zur Waffe und drückten eiskalt ab. Oder sie töteten, ohne mit der Wimper zu zucken, Männer wie Bumpy Douglas, damit ihre üblen Geschäfte nicht baden gingen.

Tief in Gedanken versunken, warf Cook die Autotür zu.

Und jene Männer, die Bumpy Douglas erschossen hatten, beobachteten, wie er das Haus betrat, in dem sich sein Büro-Apartment befand.

Cook ließ das Band des Anrufbeantworters laufen. Es war nichts Wichtiges darauf, er löschte es und zündete sich eine Zigarette an. Er begab sich nach nebenan, ins Wohnzimmer, öffnete die Balkontür und trat hinaus.

Der Wind riß ihm den Rauch von den Lippen. Er machte den nächsten Zug und schob seinen Hut hoch.

Bumpy Douglas mußte vermutlich wegen dieser Sache sterben, die um Mitternacht über die Bühne gehen sollte. Man wollte verhindern, daß jemand querschoß, aber genau das hatte Spencer Cook vor.

Er fand, daß er Bumpy das schuldig war. Sein Informant sollte nicht umsonst gestorben sein. Er mußte sich an diesen Fall hängen.

Die Killer hatten ihren Wagen verlassen und befanden sich auf dem Weg zu Spencer Cook.

Mord war ihr Geschäft. Gewissensbisse kannten sie nicht. Sie wurden gut bezahlt, und solange die Kasse stimmte, schreckten sie vor nichts zurück.

Sie verschafften sich Einlaß in Cooks Büro-Apartment. Zuerst suchten sie ihn im Büro, dann betraten sie seine Wohnung. Als sie ihn auf dem Balkon stehen sahen, steckten sie ihre Kanonen weg.

Diesmal würden sie es anders machen.

Wenn sie blitzschnell zupackten, würde Cook nicht verhindern können, daß sie ihn über die Brüstung beförderte. Ein Sturz aus dieser Höhe war absolut tödlich, und die Polizei würde vor einem Rätsel stehen: Warum hatte sich Spencer Cook das Leben genommen? Er hatte doch überhaupt keinen Grund, eine solche Verzweiflungstat zu begehen.

Cook hörte die Mörder nicht kommen, doch daran war nicht der Straßenlärm schuld. Er hätte die Killer auch nicht gehört, wenn es vollkommen ruhig gewesen wäre, denn sie verstanden es, sich lautlos zu bewegen.

Er nahm noch einen Zug von der Zigarette, dann drehte er sich um und wollte ins Wohnzimmer zurückkehren.

Da erblickte er die beiden - und sie stürzten sich sofort auf ihn.

***

image

ICH BEFAND MICH AUF dem Weg zu Cuca und Metal, saß in meinem schwarzen Rover, und obwohl es so aussah, als wäre ich allein, befand sich jemand bei mir: Boram, der Nessel-Vampir.

Er hatte seine Dampfgestalt so sehr ausgedehnt, daß man ihn nicht sehen konnte. Ich hatte den weißen Vampir gebeten, mich zu begleiten, denn ich war nicht sicher, meinen Fuß in das Haus von Freunden zu setzen.

Die Dinge hatten sich geändert, und ich war gezwungen, eine neue Bestandsaufnahme durchzuführen.

Es war denkbar, daß Cuca und ihr Sohn auf die schwarze Seite zurückkehrten. Ich wollte kein Risiko eingehen. Mein Job war schon schwierig genug. Ich konnte es mir nicht leisten, jemanden in meinem Bekanntenkreis zu haben, der mir bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fiel.

Ich mußte klare Verhältnisse schaffen, Das war der Grund, weshalb ich zu Cuca und Metal fuhr.

Schwer lag die handtellergroße Scheibe meines Dämonendiskus auf meiner Brust. Ich hatte diese starke Waffe verloren. Sie war in der Hölle gelandet, als ich sie Duncan Sharp, dem Todbringer, hinterherschleuderte. [1]

Der Diskus hatte Sharp zwar vernichtet, war für mich danach aber verloren gewesen. Ich hatte nicht damit gerechnet, die Scheibe wiederzubekommen.

Um so mehr freute es mich, daß sie jetzt wieder an meiner Halskette hing.

Ich stoppte den Rover, und Borams Dampfgestalt verdichtete sich. Ein Wesen, das aus hellgrauem Nebel bestand, saß plötzlich neben mir. Nahezu alle meine Freunde waren mehr oder weniger außergewöhnlich, und Boram bereicherte diese bunte Palette.

»Alles okay?« fragte ich ihn und zog den Schlüssel ab.

»Ja, Herr«, antwortete der Nessel-Vampir mit seiner hohlen, rasselnden Stimme.

Ich hatte es aufgegeben, ihn zu bitten, diese verbale Unterwürfigkeit sein zu lassen und mich - wie alle anderen Freunde - Tony zu nennen, einfach nur Tony. Er war dazu nicht zu bewegen, betrachtete sich als mein Diener und nannte mich stur weiterhin »Herr«. Sollte er, wenn es ihn glücklich machte.

»Du hältst die Augen offen, mehr brauchst du nicht zu tun«, sagte ich.

»Sie werden es dir übelnehmen, daß du ihnen mißtraust, Herr«, sagte der zumeist sehr wortkarge Nessel-Vampir.

»Das stört mich nicht. Daran sind sie selbst schuld. Mein Vertrauen kann nur der bekommen, der es verdient.«

Wir stiegen aus. Auf mein Läuten öffnete die Hexe Cuca, eine elegante Frau mit feierlichen Zügen, feingeschnittenem glattem Gesicht und goldgesprenkelten Augen, mit denen sie mich nicht besonders freundlich musterte.

»Was willst du?«

»Ich muß mit euch reden. Ist Metal auch da?«

Ich sah ihr an, daß sie die Tür nur ungern freigab. Sie wies auf Boram. »Warum hast du den mitgebracht?«

»Boram hatte mal wieder einen Tapetenwechsel nötig.«

Es blitzte in Cucas Augen, und um ihre Lippen zuckte ein spöttisches Lächeln. »Ist es nicht eher so, daß du dich nicht allein in dieses Haus wagst?«

»Ihr seid neutral. Was sollte ich von euch zu befürchten haben?«

»Du traust dem Frieden nicht so ganz«, behauptete die Hexe.

»Dann geh mal in dich. Vielleicht kommst du darauf, wieso das so ist«, gab ich trocken zurück.

»Du magst mich nicht, Tony Ballard, das war von Anfang an so. Du willst dich nicht damit abfinden, daß ich nun die Frau an der Seite deines besten Freundes bin - und nicht mehr Roxane.«

»Wir wollen diese alten Sachen nicht wieder aufwärmen«, sagte ich. »Fest steht jedenfalls, daß du bisher noch nichts dazu beigetragen hast, um mir sympathisch zu werden.«

»Wozu sollte ich mich um deine Sympathie bemühen?« fragte die Hexe überheblich. »Wer bist du denn schon?«

»Nun, vielleicht bin ich derjenige, der dir eines Tages deinen schönen Hals umdreht.«

»So darfst du mit meiner Mutter nicht reden, das lasse ich nicht zu!« polterte plötzlich Metal dazwischen.

Groß und breitschultrig stand der Silberdämon in der Tür und starrte mich durchdringend an.

»Sie fordert es immer wieder heraus!« erwiderte ich, Metal sah seinem Vater sehr ähnlich. Es gab eigentlich nur einen gravierenden Unterschied: Metals Haar war gekraust, Mr. Silvers Haar war glatt.

Sie verfügten über die gleichen Kräfte und Eigenschaften. Dennoch war mir Mr. Silver lieber, weil er wußte, was er wollte, während sich sein Sohn nicht entscheiden konnte.

Mr. Silver hatte sich vom Bösen abgekehrt. Metal war zu diesem Schritt bisher noch nicht zu bewegen gewesen. Er hatte lediglich versprochen, sich neutral zu verhalten, und das mußte man schon als das höchste der Gefühle ansehen. Zu mehr war Metal nicht zu bewegen, und seine Mutter auch nicht.

Cuca traute ich noch nicht einmal zu, daß sie sich auch tatsächlich zuverlässig an ihr Versprechen halten würde.

»Er kommt mit einem Leibwächter in unser Haus«, stichelte die Hexe.

»Ich komme mit einem Freund zu Freunden«, entgegnete ich.

Wir begaben uns ins Wohnzimmer, und ich setzte mich unaufgefordert. Boram baute sich in meiner Nähe so auf, daß er den ganzen Raum überblicken konnte.

Metal und Cuca setzten sich ebenfalls und die Hexe fragte, wo Mr. Silver sei.

Mir schnürte es kurz die Kehle zu, und mein Blick wanderte zwischen Cuca und Metal hin und her. Ich erzählte den beiden von unserem letzten gemeinsamen Abenteuer.

Wir waren auf einer Geistergaleere gewesen, und das Schiff hatte Kurs auf die Hölle genommen. In der Hölle hatte uns dann ein riesiges Meeresungeheuer angegriffen, und das Schiff der Geisterpiraten war gesunken. [2]

Ich hatte mich mit einem Galeerensklaven gerettet, aber was aus Mr. Silver geworden war, wußte ich nicht.

Es war zu befürchten, daß der Ex-Dämon nun mit den Geisterpiraten auf dem Grund des Meeres lag.

Cuca war während meines Berichts zusehends nervöser geworden. Nun platzte es aus ihr heraus: »Hast du das gehört, Metal? Er schimpft sich Mr. Silvers bester Freund, aber wenn dieser Freund Hilfe braucht, rührt er keinen Finger für ihn.«

»Du scheinst mir nicht richtig zugehört zu haben!« sagte ich ärgerlich. »Ich konnte nichts für Mr. Silver tun. Ich wurde ohnmächtig und ans Ufer geschwemmt.«

»Du hast deinen Freund im Stich gelassen! So sieht es aus!« behauptete die Hexe aggressiv. »Wie oft hat dir Mr. Silver das Leben gerettet, hm? Kannst du das noch an den Fingern deiner beiden Hände abzählen? Ich glaube nicht. Aber du revanchierst dich nicht. Du kümmerst dich nicht um deinen Freund, hast nur eines im Sinn: dich selbst zu retten. Was aus Mr. Silver wird, ist dir egal.«

»Ich hätte es wissen müssen«, sagte ich wütend. »Man kann mit dir nicht vernünftig reden. Du bist nichts weiter als eine feige, bornierte Hexe!«

Metal hob blitzschnell die Hand. »Vorsicht, Tony! Du vergißt schon wieder, daß du mit meiner Mutter sprichst!«

Ich ließ Dampf ab. »Okay. Okay, wir wollen sachlich bleiben und uns nicht zu emotionalen Ausbrüchen verleiten lassen. Ich bin hier, um zu berichten, was geschehen ist, und ich möchte nun von euch hören, wie ihr euch eure Zukunft vorstellt.«

»Meinst du, mein Vater ist tot?« fragte Metal.

»Das weiß ich nicht, aber es könnte sein«, antwortete ich.

»Wenn Mr. Silver nicht mehr lebt, fühle ich mich an das Versprechen, das ich ihm gegeben habe, nicht mehr gebunden«, sagte Cuca.

»Das war vorauszusehen«, gab ich zurück.

»Ich bin seinetwegen hier, habe mich seinetwegen für dieses Leben entschieden. Wenn es ihn nicht mehr gibt, kann ich hingehen, wo ich will«, sagte die Hexe.

»Ich glaube, ich kenne den Weg, den du einschlagen wirst«, sagte ich. »Du warst neutral, weil du Mr. Silver einen Gefallen tun wolltest. Außerdem hast du mit seinem Schutz gerechnet, der nun nicht mehr existiert. Also wirst du dich dorthin begeben, wo du am gefahrlosesten leben kannst, dorthin, wo du deiner Ansicht nach eigentlich hingehörst. Ich kann dich nicht daran hindern, diesen Schritt zu tun. Vielleicht ist es ganz gut, daß die Fronten endlich klar erkennbar werden, denn eure Neutralität war ohnedies weder Fisch noch Fleisch, aber das eine sage ich dir: Wenn du deine Kraft wieder der schwarzen Macht zur Verfügung stellst, werden meine Freunde und ich alles daransetzen, um dich zu kriegen. Du hast Mr. Silver ein Versprechen gegeben, und ich meine, es sollte immer noch Gültigkeit haben. Wenn du aber denkst, Mr. Silver verraten zu müssen, werde ich dafür sorgen, daß du die Rechnung bezahlst.«

»Ich weiß, du drohst sehr gern, Tony Ballard, aber laß dir gesagt sein, daß du damit nicht den geringsten Eindruck auf mich machst«, fauchte Cuca. »Ich habe keine Angst vor dir und deinen Freunden. Ich werde mein Leben niemals nach euch richten, sondern so entscheiden, wie ich es für richtig halte, ob dir das nun paßt oder nicht.«

Ich versuchte Cuca zu ignorieren.

An ihr war ich sowieso nicht sonderlich interessiert. Mein Interesse galt mehr dem Sohn des Ex-Dämons. Würde es mir gelingen, ihn auf meine Seite zu ziehen?

»Darf ich hören, wie du über all diese Dinge denkst, Metal?« fragte ich.

»Das Wort, das ich meinem Vater gab, gilt noch«, sagte der Silberdämon fest.

In Cucas Fall hätte mir eine solche Antwort gereicht. Bei Metal war sie mir zuwenig.

»Ich hatte gehofft, du würdest dich dazu entschließen, den Platz deines Vaters einzunehmen«, sagte ich.

Metal schaute mich erstaunt an. »Ich soll mit dir Seite an Seite kämpfen, wie es mein Vater getan hat? Das kann ich nicht.«

»Wieso nicht? Du bist sein Sohn, Niemand könnte ihn besser ersetzen als du, und wir haben schon Seite an Seite gekämpft.«

»Das war etwas anderes. Ich kann und will mich nicht gegen die Hölle stellen.«

Das war Cucas Erziehung, Er war zwar Mr. Silvers Sohn, aber die Hexe hatte ihn im Sinne der Hölle erzogen, und diese Erziehung hatte sich tief in ihm verwurzelt.

»Begleite mich in die Hölle«, verlangte ich.

»Wozu?«

»Hilf mir, Mr. Silver zu suchen. Wir müssen uns Gewißheit verschaffen, Metal.«

»Wenn ich mit dir in die Hölle ginge, würden wir mit vielen Gefahren konfrontiert werden.«

»Hast du neuerdings Angst vor Gefahren?« fragte ich.

»Ich müßte kämpfen, müßte wahrscheinlich sogar Schwarzblütler töten. Ich wäre gezwungen, meinen Neutralitätsstatus zu verletzen und zum Feind der schwarzen Macht werden.«

»Wie dein Vater«, sagte ich trocken.

»Das will ich nicht.«

»Möchtest du nicht so sein wie dein Vater? Er ist ein großartiger Mann.«

»Er war es.«

»Vielleicht lebt er noch. Vielleicht steckt er in großen Schwierigkeiten und braucht Hilfe. Willst du ihm nicht beistehen?«

»Du möchtest Metal verleiten, aber das wird dir nicht gelingen!« keifte Cuca. »Ich durchschaue dich, Tony Ballard. Du denkst, wenn Metal den ersten Schwarzblütler vernichtet hat, kann er nicht mehr zurück, aber deine Rechnung geht nicht auf, weil ich es nicht zulasse!«

Dieses Weib ging mir auf den Geist, aber ich tat so, als wäre sie nicht vorhanden. Mein Gesprächspartner war nur noch Metal.

Ich forderte ihn auf, sich zu entscheiden - und er erteilte mir eine Abfuhr.

***

image

ENTTÄUSCHT STIEG ICH in den Rover. Ich hätte mir die Fahrt sparen können. Hatte ich wirklich erwartet, die Umstände würden sich ändern? Metal stand nach wie vor unter dem Einfluß seiner Mutter, der stärker war, als ich angenommen hatte oder wahrhaben wollte.

Vielleicht hätte er sich anders entschieden, wenn er allein gewesen wäre.

Beim Verlassen des Hauses hatte die Hexe höhnisch gesagt: »Du hast noch so viele gute Freunde, frag doch sie, ob sie mit dir in die Hölle gehen.«

Ich hatte sie eiskalt gemustert. »Kann sein, daß ich das tue.«

»Weißt du, was mir gefallen würde? Wenn du da bliebest.«

Ich startete den Motor. Cuca stand in der offenen Tür, die Fäuste in die Seiten gestemmt, und ich wußte, daß ich ihr eine große Freude gemacht hätte, wenn ich mich hier nie wieder hätte blicken lassen.

Ich fuhr los. »Hast du eine Meinung dazu?« fragte ich den Nessel-Vampir.

»Cuca wird dir noch einiges aufzulösen geben, Herr.«

»Ja, das ist zu befürchten. Was hältst du von Metal?«

»Er ist geradliniger als seine Mutter.«

»Wäre ein echter Gewinn für uns, aber wie bringe ich ihn dazu, die Seiten zu wechseln?«

»Das wird sehr schwierig, Herr.«

»Schwierig ja, aber bestimmt nicht unmöglich«, sagte ich und konzentrierte mich auf den dicken Verkehr.

Verdammt, ich wollte mich nicht damit abfinden, daß Mr. Silver nicht mehr lebte. Der Ex-Dämon hatte schon so viele schwierige Hürden genommen, selbst in aussichtslosen Fällen hatte er überlebt - er mußte auch den Untergang des Geisterschiffs überstanden haben Ich redete mir ein, daß ich anders empfunden hätte, wenn ich meinen Freund tatsächlich verloren hätte.

Es hätte eine Leere dasein müssen, ein Gefühl tiefer Traurigkeit. Vielleicht bestand zwischen Mr. Silver und mir eine unbegreifliche Verbindung, die mir Mut machte, die mich hoffen ließ, die mir sagte, daß ich meinen Freund eines Tages Wiedersehen würde.

Borams Dampfgestalt dehnte sich wieder aus. Wir wollten unter den Verkehrsteilnehmern kein Aufsehen erregen. Wer fährt schon mit einem Dampfvampir durch die Stadt?

Ich reihte mich links ein, wollte an der nächsten ampelgeregelten Kreuzung abbiegen, doch es blieb beim Wollen, denn drei Männer lenkten meine Aufmerksamkeit auf sich.

Sie befanden sich im vierten Stock auf einem Balkon. Einer von ihnen trug einen Hut. Sie kämpften. Der Mann mit dem Hut sollte in die Tiefe stürzen.

Er wehrte sich verbissen, aber es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis er diesen Kampf verlor.

Ich fuhr links ran, stellte den Rover mit zwei Reifen auf den Gehsteig, damit die Autos vorbei konnten, informierte Boram kurz und sprang aus dem Fahrzeug.

Ich stürmte in das Gebäude und hetzte die Stufen hinauf. Mir kam zugute, daß ich permanent im Training stand. Dadurch konnte ich mir auch mal so einen Kraftakt erlauben, ohne auf halbem Wege schlappzumachen.

Mir hing auch im vierten Stock noch nicht die Zunge heraus. Natürlich keuchte ich schwer, und mein Herz ging wie eine Dampframme, aber das war normal.

Hoffentlich komme ich nicht zu spät, durchfuhr es mich.

Ich zog meinen Colt Diamondback.

Der Revolver war mit geweihten Silberkugeln geladen - hier ein Luxus, denn ich hatte es höchstwahrscheinlich mit keinen Schwarzblütlern, sondern mit ganz gewöhnlichen Verbrechern zu tun.

Mit Verbrechern der übelsten Sorte allerdings.

Ich konnte zur Not noch verstehen, wenn jemand, vom Hunger gepeinigt, in einen Delikatessenladen einbrach und sich satt aß, aber bei Mord hörte mein Verständnis auf.

Ich entdeckte eine offene Tür, lief darauf zu, und einen Augenblick später sah ich die drei Männer.

Die Killer hatten es schon fast geschafft. Der Mann mit dem Hut ragte schon besorgniserregend weit über die Balkonbrüstung hinaus. Der Hut schien an seinem Kopf zu kleben. Er hätte ihn schon längst verloren haben müssen.

»Hände hoch!« brüllte ich. »Weg von dem Mann!«

Das war für die Killer eine unangenehme Überraschung. Sie reagierten darauf auf ihre Weise, wirbelten zunächst gleichzeitig herum - und dann griff einer der beiden zur Waffe. Dieser Wahnsinnige! Obwohl mein Revolver bereits auf ihn gerichtet war.

Der andere Kerl federte nach links und verschwand aus meinem Blickfeld. Der Mann mit dem Hut sprang ihm nach. Das war ein zäher Bursche. Er imponierte mir.

»Tu’s nicht, Junge!« warnte ich den Gangster.

Aber der Mann baute anscheinend darauf, daß er heute seinen Glückstag hatte. Er riß die Kanone trotzdem heraus. Ich wollte ihn kampfunfähig schießen, doch der Kerl machte eine unverhoffte Bewegung nach rechts, und dadurch erwischte ihn meine Kugel ziemlich voll, während sein Schuß weit danebenging.

Der Treffer war dennoch nicht tödlich.

Was den Mann das Leben kostete, war der Umstand, daß ihn meine Kugel zurückstieß. Er prallte gegen die Balkonbrüstung, sein Oberkörper bog sich weit zurück, es riß ihm die Beine hoch, und ihn ereilte das Schicksal, das sie dem Mann mit dem Hut zugedacht hatten.

Ich eilte auf dem Balkon. Dort traf ich nur noch den Mann mit dem Hut an.

»Wo ist der andere?« fragte ich.

»Abgehauen. Über die Nachbarbalkone. Ein wahrer Artist.« Der Mann streckte mir die Hand entgegen. »Danke, Mister. Ich bin Spencer Cook, Privatdetektiv. Wenn Sie mal einen Detektiv brauchen - für Sie arbeite ich gratis.«

»Tony Ballard«, nannte ich meinen Namen. »Ich brauche keinen Privatdetektiv, bin selbst einer.«

»So ein Zufall.«

***

image

DIE POLIZEI WOLLTE mir Schwierigkeiten machen. Man war der Meinung, ich hätte zu leichtfertig geschossen.

»Hören Sie, Mr. Cooks Leben hing an einem seidenen Faden«, sagte ich wütend. »Und der Mann griff, ohne zu zögern, nach seiner Kanone. Hätte ich mich von ihm abschießen lassen sollen?«

Der Inspektor, der mit seinen Leuten in Cooks Büro gekommen war, blieb auf seinem Standpunkt, daß man nicht immer gleich drauflosballern darf.

Im Prinzip war das ja auch meine Meinung, aber man mußte doch die jeweilige Situation in Betracht ziehen, und das tat der Inspektor nicht.

Er war der Ansicht, daß man Männern wie mir die Waffe wegnehmen müsse. Er ahnte nicht, was er mir damit angetan hätte. Kaum jemand brauchte seine Waffe dringender.

Ghouls, Werwölfe, Vampire, rangniedrige Dämonen... Sie alle konnte ich mit Silberkugeln vernichten. Oft war der Colt Diamondback meine einzige Rettung. Ihn mir wegzunehmen kam einer enormen Unterminierung meiner Verteidigungskraft gleich. Das durfte ich mir nicht gefallen lassen.

Der Inspektor war keinem noch so vernünftigen Argument zugänglich. Er warf mir Leichtfertigkeit vor Anscheinend sei mir ein Menschenleben nicht allzuviel wert, sagte er.

»Das ist nicht wahr!« widersprach ich. »Ich schätze das menschliche Leben sogar sehr hoch ein!«

Widerspruch konnte er nicht vertragen. Er starrte mich mit seinen dunklen Augen streng an, doch ich hielt seinem Blick unerschrocken und trotzig stand.

»Tut mir leid, aber ich habe nicht diesen Eindruck, Mr. Ballard.«

»Das ist mir - mit Verlaub gesagt -ziemlich egal!«

»Sie hätten zuerst denken und dann schießen sollen.«

»Dann wäre ich jetzt tot.«

»Aber es war ja nur ein mieser Verbrecher, den Sie vor Ihrem Revolver hatten«, sagte der Inspektor anklagend. »Eine Ratte, die man vertilgen muß. Nennen Sie solche Leute nicht manchmal Ratten, Mr. Ballard?«

»Nein, das tu ich nicht, aber ich setze diesen Kerlen auch keinen Heiligenschein auf. Ich sehe in ihnen, was sie sind: Verbrecher. Ich wollte nicht, daß dieser Mann sein Leben verliert. Es ist passiert.«

»Und damit so etwas nicht schon bald wieder passiert, werde ich mich dafür einsetzen, daß man Ihnen die Lizenz entzieht«, sagte der Inspektor eisig.

»Ich möchte telefonieren«, sagte ich ebenso eisig.

»Mit wem?«

»Mit dem General der Heilsarmee,«

»Ihnen wird das Scherzen noch vergehen, Mr. Ballard. Wenn Sie Ihren Anwalt anrufen wollen... Bitte sehr, ich habe nichts dagegen.«

»Ich brauche keinen Anwalt, um Sie zur Vernunft zu bringen«, sagte ich, begab mich zum Apparat und wählte Tucker Peckinpahs Geheimnummer.

Wie meistens meldete sich zuerst Peckinpahs Leibwächter Cruv. Einige Sekunden später hatte ich den reichen Industriellen, meinen Partner, an der Strippe. Er hörte sich an, was ich zu sagen hatte, und meinte dann: »Machen Sie sich keine Sorgen, Tony. Ich führe jetzt ein paar Telefonate. In zehn Minuten ist alles geregelt.«

»Danke, Partner«, sagte ich und legte auf.

»Vergeudete Energie«, sagte der Inspektor.

»Abwarten«, gab ich zurück und schob mir gelassen ein Lakritzenbonbon in den Mund. Der Inspektor wußte nichts von Tucker Peckinpahs sagenhaften Verbindungen.

Es dauerte nicht zehn, sondern zwölf Minuten, bis das Telefon anschlug. Spencer Cook hob ab und reichte den Hörer an den Inspektor weiter.

Ich wußte, daß er jetzt von ganz oben eins auf den Deckel bekam, und ich gestehe, daß meine Schadenfreude groß war.

Der Inspektor wurde zuerst blaß und dann immer kleiner.

»Jawohl, Sir... Ja, Sir... Ich verstehe, Sir...« sagte er. »Ich konnte nicht wissen... Nein, Sir... Natürlich, Sir... Es tut mir furchtbar leid, Sir... Ja, Sir, wenn Sie es wünschen... Ich hoffe, dieser bedauerliche Irrtum findet nicht in meiner Dienstakte seinen Niederschlag, Sir... Selbstverständlich, Sir, Sie können sich auf mich verlassen.«

Kreidebleich legte er auf, und er schaffte es nicht, mir in die Augen zu sehen, während er sich murmelnd entschuldigte und mir meine Waffe aushändigte.

»Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Inspektor«, sagte ich jovial. »Sie haben Glück, ich bin nicht nachtragend.«

Als er mit seinen Leuten abzog, klopfte ich ihm freundschaftlich auf die Schulter. Ich glaube nicht, daß ihm das sehr gefiel, aber er konnte es nicht verhindern.

Spencer Cook sah mich verblüfft an. »Sagen Sie mal, Tony, haben Sie einen Onkel im Königshaus?«

»Sagt Ihnen der Name Tucker Peckinpah etwas?«

»Er ist einer der reichsten Männer Englands, wenn nicht überhaupt der reichste.«

»Sehen Sie, und der ist mein Partner.«

»Tja, dann wundert mich nichts mehr«, sagte Cook.

Er führte mich ins Wohnzimmer und bat mich, mich zu setzen, »Was möchten Sie trinken? Was ist Ihr Lieblingsgetränk?«

»Pernod.«

»Wenn Sie wiederkommen, werde ich einen für Sie haben. Was darfs inzwischen sein?«

»Ich nehme auch einen Scotch.«

Cook füllte zwei Gläser und setzte sich zu mir, nachdem er mir mein Glas gegeben hatte.

»Was waren das für Männer, Spencer?« wollte ich wissen.

»Darauf kann ich Ihnen nur dieselbe Antwort wie dem Inspektor geben: Ich weiß es nicht.«

»Haben Sie Feinde?«

»Jeder Privatdetektiv hat Feinde, das müßten Sie doch eigentlich wissen.«

»Warum wollten diese Kerle Sie umbringen?«

»Das kann ich nur vermuten. Ich habe einen Informanten, hatte ihn, muß ich sagen. Sein Name war Bumpy Douglas. Guter Mann. Ich bekam von ihm so manchen guten Tip. Heute hatte er wieder was für mich. Er rief mich an. Während wir telefonierten, sagte er, jemand wäre an der Tür. Er legte den Hörer neben den Apparat, und kurz darauf hörte ich das Ploppen von schallgedämpften Waffen. Ich fuhr zu Bumpy, aber da war nichts mehr zu machen. Die Killer hatten ganze Arbeit geleistet. Auf der Rückfahrt müssen sie sich dann an meine Fersen geheftet haben.«

»Sie sollten sterben, damit Sie ihnen nicht in die Quere kommen können«, sagte ich.

»So sehe ich es auch. Irgend etwas Besonderes soll da am Kochen sein. Bumpy konnte mir nichts Genaues sagen, nur, daß heute um Mitternacht eine Lieferung eintrifft.«

»Wo?«

»Im entlegensten Winkel des Themsehafens«, antwortete Spencer Cook. »Um was für eine Lieferung es sich handelt, konnte Bumpy leider nicht herauskriegen. Es soll irgend etwas Großes sein. Das muß sich natürlich nicht unbedingt auf den Umfang beziehen. Groß kann auch eine Rauschgiftlieferung von mehreren Kilo sein.«

»Für wen ist die Lieferung bestimmt?« wollte ich wissen.

Es war eine harmlose Frage, doch die Antwort warf mich fast aus den Schuhen.

»Für einen gewissen Professor Mortimer Kull«, sagte mein Kollege.

***

image

DER ZWEITE, ENTKOMMENE Mann hieß Gene Burstyn. Er gehörte der Organisation des Schreckens - kurz OdS - an, war als Profikiller angeheuert worden und hatte noch nie versagt.

Die Sache mit Spencer Cook war sein erster Schnitzer, und er hätte viel darum gegeben, wenn er ihm nicht unterlaufen wäre, denn Mortimer Kull, der Chef der OdS, haßte Versager.

Burstyn kannte Fälle, da hatten verdiente Männer nur ein einziges Mal versagt, und Kull hatte sie bereits fallengelassen. Sie hatten von ihm nicht einmal die Chance bekommen, ihren Fehler auszubessern.

Burstyn hatte gehofft, nie in eine solche Lage zu kommen. Nun war es aber doch passiert, und es stellte sich die Frage, was er tun sollte.

Mit Bravour und Mut hatte er sich von einem Balkon zum nächsten geschwungen, als hätte er in seinem Leben noch nie etwas anderes gemacht.

Er entstammte einer Zirkusfamilie, hatte mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern auf dem Hochtrapez gearbeitet. Ihre Darbietungen waren waghalsig gewesen.

Jeden Abend hatten sie Kopf und Kragen riskiert, und eines Tages ging es schief: Gene Burstyns Lieblingsbruder stürzte ab und starb auf dem Transport ins Krankenhaus.

Das erschütterte Burstyn so schwer, daß er kein Trapez mehr sehen konnte. Wenn er zur Zirkuskuppel hinaufkletterte, bekam er alle Zustände; er war für diesen Job nicht mehr zu gebrauchen.

Ein Umdenkprozeß setzte bei ihm ein noch nie hatte ihm ein Mensch so viel bedeutet wie sein Bruder, der nun nicht mehr lebte. Er fing an, alle, die lebten, zu hassen, und es hätte ihm nichts ausgemacht, einen Mord zu begehen.

Es dauerte nicht lange, bis er die richtigen Kontakte hatte, und von diesem Tag an kassierte er Geld für eine Arbeit, die er beinahe auch umsonst gemacht hätte.

Er war gerissen, und er ließ sich nicht erwischen. Das machte in den einschlägigen Kreisen die Runde. Seine Zuverlässigkeit kam der OdS zu Ohren, und man machte ihm ein verlockendes Angebot. So trat er in Mortimer Kulls Dienste, und er hatte diesen Schritt bis zum heutigen Tag nicht bereut.

Doch nun war ihm ein Fehler unterlaufen, und wenn Mortimer Kull davon erfuhr... Er wollte lieber nicht daran denken, was dann auf ihn zukam.

Wenn sie Bumpy Douglas rechtzeitig mundtot gemacht hatten, war nichts zu befürchten. Sie wollten Cook eigentlich nur sicherheitshalber auch unschädlich machen.

Vorläufig erschien es Burstyn wichtig, bei gutem Wind von hier fortzukommen. Nachdem er über die Balkone geturnt war, rannte er zu seinem Wagen und fuhr sofort los.

Daß er nicht allein im Fahrzeug saß, hätte er nicht einmal dann geglaubt, Wenn es ihm jemand gesagt hätte.

Boram hatte sich mit in den Wagen geschmuggelt und machte die Fahrt mit.

Burstyn, schlank und drahtig, fuhr so, daß er nicht auffiel. Er schwamm mit dem Verkehrsstrom, ließ sich treiben und legte keine übertriebene Hast an den Tag.

Schließlich wollte er von keinem Polizeifahrzeug eskortiert werden.

Er hatte eine kleine Wohnung im Osten der Stadt, mit Blick auf die Themse. Über ihm und unter ihm wohnte niemand, da waren Büros und Lagerräume untergebracht, deshalb war die Wohnung als Schlupfloch bestens geeignet.

Zu Hause angekommen, nahm er sich einen dreistöckigen Whisky. Das Glas war im Nu leer. In letzter Zeit trank er zuviel. Er würde diesbezüglich ein bißchen auf die Bremse treten müssen.

Das Telefon läutete, und Burstyn zuckte unwillkürlich zusammen. Das ärgerte ihn. Bisher hatte er Nerven wie Stahlseile gehabt. Widerwillig betrachtete er den Apparat. Er wollte jetzt mit niemandem reden.

Aber es konnte jemand von der Organisation sein. Vor einem solchen Gespräch durfte er sich nicht drücken. Blitzschnell überlegte er, was er sagen sollte. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und griff nach dem Hörer. »Ja?«

»Habt ihr euch um Douglas gekümmert?«

»Der Knabe steckt seine Nase nirgendwo mehr rein. Er starb an akuter Bleivergiftung. Morgen wird es in der Zeitung stehen,«

»Ich habe vor fünf Minuten schon mal angerufen.«

»Bin eben erst nach Hause gekommen.«

»Sehen wir uns um Mitternacht?«

»Das weiß ich noch nicht«, antwortete Burstyn. »Kommt drauf an, welche Weisungen ich erhalte.«

Er legte auf und zündete sich eine Zigarette an. Im nächsten Augenblick sah er etwas, das es nicht geben konnte, und die Zigarette fiel ihm aus dem Mund.

Vor ihm stand eine Nebelgestalt!

***

image

BURSTYN TRAUTE SEINEN Augen nicht. Was war denn das für ein Wesen? Wo kam es her? Spielten ihm seine Sinne einen Streich? Ein Trugbild? Eine Halluzination?

Boram regte sich nicht. Burstyn starrte ihn verdattert an. War es möglich, daß er einen Geist vor sich hatte? Den Geist eines Menschen, den er ermordet hatte?

»Wer bist du?« fragte Burstyn heiser.

Es war verrückt, so eine Frage zu stellen. In Wirklichkeit war niemand da. Wer hätte antworten sollen?

»Mein Name ist Boram«, kam es hohl und rasselnd aus dem Nebel.

Burstyn schauderte. Ihm, dem hartgesottenen Killer, lief es in diesem Moment eiskalt über den Rücken.

»Was willst du von mir?«

»Ich habe gesehen, wie ihr den Mann vom Balkon werfen wollet.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922516
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
tony ballard stunde wölfe

Autor

Zurück

Titel: Tony Ballard #125 Die Stunde der Wölfe