Lade Inhalt...

Als Mörder empfiehlt sich... Ein Jack Braden Thriller #6

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Als Mörder empfiehlt sich ….
Ein Jack Braden Thriller #6
von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Der Profikiller Skip Penny soll die reiche Erbin Kate Canberry während eines Maskenballs des Canberry-Clans töten – den Auftrag erhält er von ihr selbst. Derweil engagiert Kathy Canberry, Kates Cousine, den Privatdetektiv Jack Braden unter dem Vorwand, darauf zu achten, dass den Damen der illustren Gesellschaft auf dem Kostümfest nicht die Juwelen abhanden kommen. Beide Cousinen leben bei ihrem Onkel John L. Canberry, nachdem ihre Eltern bei einem Bootsunglück vor zwanzig Jahren ums Leben kamen. Seitdem war der jüngere der drei Canberry-Brüder Alleininhaber des Imperiums und es kursierte schon immer das Gerücht, dass er am Tod seiner Brüder schuld war – was einen perfiden Racheplan zur Folge hat ...

Leseprobe

image
image
image

Als Mörder empfiehlt sich ....

image

Ein Jack Braden Thriller #6

von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Der Profikiller Skip Penny soll die reiche Erbin Kate Canberry während eines Maskenballs des Canberry-Clans töten – den Auftrag erhält er von ihr selbst. Derweil engagiert Kathy Canberry, Kates Cousine, den Privatdetektiv Jack Braden unter dem Vorwand, darauf zu achten, dass den Damen der illustren Gesellschaft auf dem Kostümfest nicht die Juwelen abhanden kommen. Beide Cousinen leben bei ihrem Onkel John L. Canberry, nachdem ihre Eltern bei einem Bootsunglück vor zwanzig Jahren ums Leben kamen. Seitdem war der jüngere der drei Canberry-Brüder Alleininhaber des Imperiums und es kursierte schon immer das Gerücht, dass er am Tod seiner Brüder schuld war – was einen perfiden Racheplan zur Folge hat ...

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Die beiden Motoren sangen eine Weile im Duett: der blecherne Tenor des Rasenmähers und der sonore Bass der schweren Indian.

Die Indian brummte im Leerlauf. Die Schalldämpfung konnte nicht ganz in Ordnung sein, denn der Zweizylinder machte mehr Spektakel, als es die Straßenverkehrsordnung zuließ.

Anscheinend ging es dem Fahrer selber auf die Nerven. Jedenfalls hatte er die Maschine gestoppt, balancierte sie zwischen den Beinen, gab von Zeit zu Zeit etwas Gas und neigte bald das linke, bald das rechte Ohr zum Motor hinab.

Eigentlich kein Grund für Skip Penny, sich Gedanken zu machen.

Penny war dabei, seinen Rasen zu scheren. Er arbeitete gerade im rückwärtigen Teil seines Grundstücks, bei den Rhododendronbüschen seitlich hinter dem Haus.

Bis zu der nur kniehohen Hecke waren es gut siebzig Yard. Der Mann auf der Indian gab zwei oder drei Vollgasstöße, und trotz der Distanz übertönte der Bass mühelos den Rasenmähertenor.

Penny nahm die Zündung heraus. Der Tenor verstummte. Der Bass grollte allein weiter. Aber gleich darauf verstummte auch er.

Eigentlich kein Grund, sich Gedanken zu machen.

Es war Sonnabendnachmittag. Ein Wetter wie Seide. Am makellosen Himmel nicht die Spur eines Wölkchens.

Die ideale Zeit und das ideale Wetter für Weekendausflüge.

Warum sollte der Indianfahrer nicht durch die Landschaft gondeln? Warum sollte er nicht zufällig durch die Siedlung gekommen sein und — rein per Zufall — gerade hier anhalten, um herauszufinden, warum sein Motor so unbotmäßig laut geworden war?

Kaum ein anderer hätte sich etwas dabei gedacht. Aber Skip Penny bekam ein Spannungsgefühl in der Magengrube.

Es konnte ganz harmlos sein, und wahrscheinlich war es sogar ganz harmlos. Doch das chronische Misstrauen gegen jeden Fremden, der in der Siedlung auftauchte, war Penny zur zweiten Natur geworden.

Denn Skip Penny war Mörder.

Er war Mörder, wie andere Leute Bankangestellte, Fernfahrer, Versicherungsagenten, Elektromonteure oder was immer sind.

Es war sein Beruf.

So sah er es an und nicht anders, und damit hatte er zumindest insofern recht, als er seinen Lebensunterhalt damit bestritt.

Auf seinen Einkommensteuererklärungen stand allerdings „Privatier“. Und diese Einkommensteuererklärungen waren völlig korrekt. Alle Steuerinspektoren der USA hätten sie überprüfen können. Da war nichts verschleiert und daher auch nichts zu beanstanden.

Mr. Eugen R. Fowler, der der Bankfiliale in der Siedlung vorstand, hätte jederzeit die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Mr. Penny ein ehrenwerter und honoriger Mann war. Und wenn sich ein Bankmann für einen Mitbürger engagiert, dann heißt das schon was.

Die Bank verwaltete Pennys Vermögen. Solide Aktien, solide Obligationen. Der Zinsertrag war nicht üppig, aber auskömmlich. Aber Mr. Penny stellte keine übertriebenen Ansprüche an das Leben.

Er hatte sich vor rund fünf Jahren in der Siedlung angekauft (den Bungalow der damals verstorbenen Mrs. Warner), nachdem er sich mit knapp fünfundvierzig aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Wegen Kreislaufschwäche, wie er Mr. Fowler vertraulich mitgeteilt hatte. („Bitte, reden Sie nicht darüber! Ich selber habe einen Horror vor Kranken, und ich möchte keinesfalls bemitleidet werden!“ — Natürlich hatte es sich in der Siedlung inzwischen trotzdem herumgesprochen.)

Damals hatte Penny also seine Ersparnisse bei der Bank eingezahlt. Knapp hundertzwanzigtausend. „Bitte, keine Spekulationen, Mr. Fowler. Mir liegt nichts an schnellen und hohen Gewinnen, die ja immer die Gefahr ebenso schneller und großer Verluste einschließen. Legen Sie mein Geld solide und sicher an. Lieber ein paar Prozent weniger, aber solide und sicher!“

Ein Mann nach Mr. Fowlers Herzen.

Mr. Eugen R. Fowler wäre aus allen Himmeln gefallen, wenn er geahnt hätte, dass jeder Dollar, den Penny eingezahlt hatte, Blutgeld war.

Seither lebte Mr. Penny also friedlich und schicklich zwischen dem Colonel im Ruhestand Lawrence Haie — seinem Nachbarn zur Rechten — und der verwitweten Mrs. Clarissa Grant — seiner Nachbarin zur Linken. Er pflegte seinen Garten, speziell seine Rosen, und verbrachte das Winterhalbjahr im Wesentlichen in seinen vier Wänden. Das ältliche Fräulein Owland, die Inhaberin der Leihbücherei, hatte keinen besseren Kunden als ihn.

Er ließ keinen Gottesdienst aus und steckte an jedem Sonntag einen Scheck über zehn Dollar in den Opferstock. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand mit einer Spendenliste vergebens bei ihm geläutet hatte. Schade nur, dass er so wenig am oft entheben Leben teilnahm — aber das mochte mit seiner Krankheit zusammenhängen.

Alles in allem war er unbestreitbar ein Gewinn für die Siedlung.

Dieser Meinung war sogar Mrs. Palet, die seinen Haushalt in Ordnung hielt. Und alle Welt weiß, welches Gewicht es hat, wenn die Hausangestellten gut von der „Herrschaft“ sprechen.

Ab und zu fuhr Mr. Penny nach New York hinein, um ein Konzert zu hören oder eine Theatervorstellung zu genießen. Oder sonst einer kulturellen Veranstaltung beizuwohnen.

Denn Mr. Penny war ein musischer Mensch. Die Rosen waren sein eines Hobby, seine Geige das andere. Er war sicher kein Menuhin, aber soweit es die Bürger der Siedlung beurteilen konnten, war sein Spiel doch brillant.

Vor allem als Mozart-Interpret war er schwerlich zu übertreffen — wie Mr. Josef L. Sternheim zu sagen pflegte. Und der musste es eigentlich wissen, denn er war der Organist der Kirchengemeinde und stammte außerdem aus Wien, wo man, allem Vernehmen nach, mehr von Musik versteht als sonst irgendwo auf der Welt.

Für die Trips nach New York benutzte Mr. Penny seinen soliden schwarzen Dodge — immer noch denselben, mit dem er damals in die Siedlung gekommen war. Für gewöhnlich blieb er zwei Tage weg, selten länger.

Hin und wieder zahlte er kleine oder mittlere Beträge auf sein Konto ein. Ein paar hundert oder eintausend Dollar. Die Gewinne aus Turfwetten, wie er Mr. Fowler unter dem Siegel der Verschwiegenheit wissen ließ.

„Eigentlich bin ich ja doch eine Spielernatur.“

Wozu Mr. Fowler jedes Mal deliziös lächelte.

„Ich würde nie so weit gehen, mein Kapital anzugreifen. Aber wenn ich ein paar Dollar von den Zinsen erübrigen kann, lege ich doch ganz gern eine Wette auf. Ein Mann in meinem Alter sollte über derartige Laster erhaben sein, aber wer kann gegen seine Natur!“

„Wenn alle Spielernaturen so solide wären wie Sie, Skip“ — man hatte sich angefreundet, nannte sich wechselseitig längst beim Vornamen — „dann wollte ich, die Menschheit bestünde ausschließlich aus Spielernaturen.“

„Danke für Ihre gute Meinung, Eugen, aber ich finde wirklich, es ist ein Laster.“

„Jedenfalls haben Sie Glück, Skip.“

„Sie erfahren nur von meinen Gewinnen, meine Verluste hingegen ...“

„Sie gewinnen per Saldo — das steht doch einfach fest. Und das ist vermutlich mehr, als irgendein anderer Spieler von sich behaupten kann.“

„Nun ja, ich muss einräumen, dass ich eine glückliche Hand habe. Ich entstamme mütterlicherseits einer Familie von Pferdezüchtern. Vielleicht ist es mir in die Wiege gelegt worden — ich meine: der 'Pferdeverstand'. Trotzdem, Eugen! Ich möchte nicht, dass es sich herumspricht. Wetter gelten nun einmal als unseriös ...“

Mr. Eugen R. Fowler mit großer Geste: „Na, hören Sie, Skip!“

Natürlich hatte es sich trotzdem herumgesprochen — schon deshalb, weil Penny auf zwei Turfzeitschriften abonniert war.

Dass er niemals hineinblickte, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Seit Penny sich in der Siedlung „Abendfrieden“ zur „Ruhe gesetzt“ hatte, war er acht Mal „tätig geworden“. Hatte acht Aufträge übernommen. Und zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erledigt.

Seit Beginn seiner Laufbahn als Berufsmörder hatte er zwölf Männer „bedient“, wie er es bezeichnete.

Er war ein kleiner, rundlicher Mann, mit einem rosigen Mondgesicht, einer spiegelnden Vollglatze, falschen Zähnen und wasserblauen Basedowaugen. Er hielt sich selber für ein Genie in seiner Branche. Wenn etwas noch ausgeprägter war als seine Skrupellosigkeit, dann seine Eitelkeit, sein Stolz darauf, dass er die ganze Siedlung an der Nase herumführte.

Aber sein Misstrauen schlief nie.

Es gefiel ihm nicht, dass dieser Motorradfahrer ausgerechnet vor seinem Grundstück anhielt. Und es gefiel ihm noch weniger, dass dieser Mann sozusagen einen Tarnanzug trug: eine knielange Lederjacke mit Pelzkragen, ein Dreiecktuch vor Nase und Mund gebunden, darüber die große Brille mit leicht gefärbten Gläsern, und dazu den Sturzhelm und Stulpenhandschuhe.

Ein schmaler Hautstreifen unter den Augen — mehr war von dem Gesicht des Mannes nicht zu sehen.

Er stieg ab und bockte die Maschine auf. Nicht ohne Mühe, wie Penny konstatierte. Er konnte nicht allzu kräftig sein.

Dann fixierte der Mann Penny ein paar Sekunden lang — jedenfalls drehte er den Kopf in Skip Pennys Richtung.

Penny setzte sich langsam in Bewegung — auf die Hecke zu. Sein Instinkt sagte ihm immer eindeutiger, dass irgendetwas nicht stimmte. Unruhe und Nervosität zu zeigen, wäre unter diesen Umständen ein Fehler gewesen.

Der Motorradfahrer war von mittlerer Größe und Statur. Er öffnete den Werkzeugbehälter unter der Sitzbank, holte die zusammengerollte Einstecktasche heraus und entrollte sie auf dem Sitz.

Penny blieb drei oder vier Yard vor der Hecke stehen.

Der Motorradfahrer hob den Kopf. „Hello, Sir!“

Der Stimme nach zu urteilen, musste er noch ziemlich jung sein.

Penny begnügte sich mit einem Kopfnicken.

„Mein Vogel macht mächtig viel Krach!“, sagte der Vermummte. „Wenn mich die Streife erwischt, muss ich blechen. Die Überwurfmutter am rechten Auspuff hat sich gelockert. Um sie anzubrummen, braucht man ’nen Spezialschlüssel. Den hab ich leider nicht bei mir. Natürlich kann ich sie mit der Hand festdrehen, aber das nutzt nichts. Nach ein paar Meilen wär’s wieder das Gleiche. Hätten Sie vielleicht einen großen Franzosen, Sir? Damit geht’s nämlich auch.“ Es klang ganz harmlos — aber irgendwie einstudiert. Fand jedenfalls Penny.

„Möglich“, sagte er. „Möglich, dass ich so etwas habe.“

„Würden Sie bitte nachsehen?“

Der Vermummte trat an die Hecke heran. Wegen der gefärbten Brillengläser war nicht zu erkennen, wohin er blickte, und das irritierte Penny.

„Sie sind Skip Penny“, murmelte der Fremde. Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Der Fremde schien zu lächeln.

„’s steht dran!“, sagte er, indem er mit dem vermummten Kinn auf den Briefkasten zeigte. Und er sprach rasch weiter — ohne Hast — aber rasch und bestimmt: „Ich hätte Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen. Ich werde mir gleich die Finger beschmutzen. Wenn Sie mich dann ins Haus bitten würden, damit ich mir die Hände waschen kann, könnten wir darüber reden.“

„Ich will Ihnen gern den Franzosen leihen“, sagte Penny. „Aber irgendwelche Geschäfte interessieren mich nicht. Ich bin ein kranker Mann und habe mich zur Ruhe gesetzt.“

„Ady Farelli sagt, dass Sie vielleicht ein bisschen fett geworden, im Übrigen aber pudelgesund sind.“

„Ich hole jetzt den Franzosen“, sagte Penny'

Er wendete sich ab und kaute auf seinen Lippen, während er langsam über den Rasen nach hinten ging.

Seines Wissens saß Ady Farelli seit fünf Jahren in Sing Sing, und es war nicht zu erwarten, dass er irgendwann wieder herauskommen würde. Seine Freunde hatten ihn fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Da war keine Chance für Ady. Keine mehr.

Wahrscheinlich bluffte der Vermummte. Wahrscheinlich hatte er nicht mit Farelli gesprochen. Aber es blieb die beunruhigende Frage: Wie kam er überhaupt dazu, Ady Farelli zu erwähnen?

Von allen, die damals dabei gewesen waren, lebten nur noch Ady und er, Skip Penny selber.

Kein Lebender konnte wissen, dass Ady und er jemals überhaupt in Verbindung gestanden hatten.

Penny begriff, dass er es sich gar nicht leisten konnte, den jungen Mann fortzuschicken, ohne ihn angehört zu haben.

Übrigens, die Art und Weise, wie sich der junge Mann eingeführt hatte — das war schon verdammt geschickt eingefädelt.

image
image
image

2

image

Die Miller-Söhne hatten ihr Tennismatch unterbrochen und standen neben der aufgebockten Indian. Einige andere Halbwüchsige kamen hinzu. Der Colonel, der zu behaupten pflegte, dass er eines Tages in Langeweile ersäufen würde, hatte die Zeitung aus der Hand gelegt und stand am offenen Fenster.

„Good afternoon, Skip!“, rief er, als Penny — mit dem Franzosen — wieder nach vorn kam. „Will die Mühle nicht mehr? Panne? Kann ich irgendwie helfen?“

„Tag, Larry! — Ist wohl nur ’ne Kleinigkeit.“

Der Vermummte hatte inzwischen die Stulpenhandschuhe ausgezogen. Seine Hände waren klein und schmal, und das unterstrich Pennys Eindruck, dass es sich um einen sehr jungen Mann handeln musste. Er zog die Überwurfmutter an und beschmutzte sich die Finger dabei mehr, als es notwendig war. Zwischendurch beantwortete er die „sachverständigen“ Fragen der Miller Jungs.

Natürlich hielt es Oberst Lawrence Haie nicht im Haus. Aber als er erschien, war die kleine Panne schon behoben. Der Vermummte rollte sein eigenes Werkzeug ein, verstaute es und gab Penny dann den Franzosen zurück. Dann zog er sich — abgewendet — das Dreieckstuch vom Gesicht, und als er sich umdrehte, stellte sich heraus, das nun auch seine Wangen verschmutzt waren.

Die Miller-Jungs machten ihn darauf aufmerksam. Er blickte in den Rückspiegel und griente ein bisschen.

Er hatte vier Goldzähne. Vielleicht infolge eines Unfalls mit der Maschine.

Penny sagte: „Sie können sich bei mir waschen, junger Mann. Und ich denke, ’ne Tasse Tee wird auch noch für Sie abfallen.“

„Danke, Sir!“

Er wischte mit dem Tuch über sein Gesicht, während er hinter Penny her ging, und dieses Gesicht — um genau zu sein, die untere Hälfte des Gesichts — wurde, für die Jungs und den Oberst allenfalls zehn Sekunden lang sichtbar.

Wenn das Absicht war — und es war sicherlich Absicht — dann konnte Penny den jungen Mann nur bewundern.

Es wäre ein schwerer Fehler gewesen, vollständig vermummt zu bleiben: zu auffällig, zu viel Neugier offen lassend. Gegebenenfalls würden die Miller-Jungs und der Colonel sich in allen Einzelheiten erinnern. („Er war vermummt bis über die Ohren, und das fiel mir gleich auf. Ich sagte noch ...“) So aber hatte der junge Mann ihre Neugier befriedigt und sich praktisch doch nicht gezeigt. Er war jung und hatte Goldzähne. Darauf würde sich ihre Erinnerung beschränken.

Apropos: Junger Mann! Penny bezweifelte jetzt, dass es sich überhaupt um einen Mann handelte.

Er war allein im Haus. Seine Haushälterin kam morgens um neun und ging gegen drei, außer Sonntags, da behalf sich Penny allein.

Penny führte seinen „Gast“ in die Küche.

„Da ist der Boiler! Im Bad gibt’s nur im Winter Warmwasser.“

Penny war nicht überrascht, als er — nein, sie — den Sturzhelm und die Brille abnahm.

Ihre Mähne war kastanienbraun, ihre Augen bernsteinfarben. Sie mochte Mitte zwanzig sein, vielleicht etwas älter. Sie wusch sich die Hände, griff sich dann mit dem Zeigefinger in den Mund und holte zwei Stanniolbällchen hervor, die sie hinter den Zähnen getragen hatte. Daraufhin war ihr Gesicht sehr viel schmaler als vordem.

Sie wusch sich den Schmutz von den Wangen und zupfte dann die „Goldzähne“ heraus: kleine Tütchen aus Goldpapier.

Auch das überraschte Penny nicht.

Sie trocknete das Gesicht ab, lockerte mit routinierten Griffen ihr Haar und drehte sich nach Penny um.

„Na?“

Er sagte nichts.

Sie setzte sich mit einem Schenkel auf den Küchentisch, parkte den linken Fuß auf dem Stuhl.

„Ohne Umschweife“, sagte sie. „Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten. Wie ist Ihr Satz?“

Er sagte immer noch nichts.

„Sie sind“, sagte sie, „Skip Penny, eigentlich Scipedeus Penexos, geboren am 3. Oktober vor 43 Jahren in Queens, City of New York. Ihr Vater starb vor rund dreißig Jahren. Ihre Mutter, als Sie siebzehn waren. Ihr älterer Bruder, Zeus, wurde 1940 in der West 39. Straße, Manhattan, erschossen. Andere Verwandte haben und hatten Sie nicht. Ihr Bruder gehörte zum Tony-Pinata-Racket. Sein Mörder war Duff Leroy, er ist in Midway gefallen. Sie selber wurden zur Marineinfanterie eingezogen, wurden niemals befördert, aber mit mehreren hohen Orden ausgezeichnet. Sie galten als der beste Scharfschütze Ihres Regiments.

Nach dem Krieg schlossen Sie sich Tony Pinata an. In seinem Auftrag erschossen Sie Bill Bleeker und Alert ,Sciff‘ Mattews. Dann fanden Sie durch Zufall heraus, dass Tony Ihren Bruder fertiggemacht hatte — natürlich nicht eigenhändig. Sie verpfiffen die Pinata-Bande. Bis heute weiß niemand, dass Sie es waren, der den Cops das Material in die Hand gespielt hat. Tony starb auf dem Stuhl, ohne Ihren Namen überhaupt zu erwähnen.

Das war 1953. Um diese Zeit suchte Ady Farelli einen Revolvermann. Irgendwie kamen Sie mit ihm zusammen, und Sie erschossen in Farellis Auftrag Sam Thomson, Mike ,Green‘ Sullivan und ,Hepp‘ Parkeston. Dann flog Farelli auf, und er beging den Fehler, zu singen. Sie verpfiff er nicht. Selbstverständlich nicht, denn das hätte ihn selber auf den Stuhl gebracht. Aber er redete im Zeugenstand entschieden zu viel, brachte den einen oder den anderen seiner Freunde um sichere Pfründen. Etliche davon mussten New York sogar Hals über Kopf verlassen. Das ist ihm nie verziehen worden — und das wird ihm nie verziehen werden. Im Grunde kann er froh sein, dass er sitzt. Er hätte keine Chance, auch nur eine Woche in der Freiheit zu überleben,

Ady sitzt seit fünf Jahren, und seit dieser Zeit spielen Sie hier den braven Spießbürger. Ich weiß nicht genau, wie viele Aufträge Sie seither übernommen und ausgeführt haben, ich schätze, mindestens zehn. Um wenigstens einige Namen zu nennen: Charles Wicket, Clive Dellahant, Warner Marboro. — Genügt Ihnen das, oder muss ich noch weiterreden?“

Skip Penny war beeindruckt. Aber sein Mondgesicht blieb ausdruckslos.

„Eine sehr lange Geschichte. Ein finsterer Hintertreppenroman. Ich habe keine Ahnung, wer Ihnen das eingeschwätzt hat. Sie bilden sich womöglich noch ein, dass Sie irgendetwas von diesem blutrünstigen Zeug beweisen können?“

„Wenn es irgendwelche Beweise gegen Sie gäbe, wäre ich nicht hier.“

„Eine kleine Zwischenfrage — wer sind Sie?“

„Kathlyn Canberry“, sagte sie. „Mein Vater war Milford J. Canberry. Ich nehme an, das sagt Ihnen etwas.“

Es sagte Penny eine Menge.

„Rein theoretisch: Wie würde Ihr Auftrag lauten?“

„Ich möchte, dass Sie kommenden Sonnabend, also heute in einer Woche, an einem Maskenfest teilnehmen, das mein Onkel gibt: John L. Canberry. Wenn wir uns einigen, werde ich es so einrichten, dass Sie Gelegenheit haben, Ihre Arbeit ohne jedes Risiko zu tun.“

„Rein theoretisch: Wer wäre das Opfer? Vermutlich John L. Canberry?“

„Nein“, sagte sie. „Ich!“

Sie sagte es ruhig und sachlich.

So ruhig und sachlich, wie man etwa die Feststellung trifft, dass schönes Wetter sei.

„Skip!“, sagte sie. „Sie wissen, was die Singleton'sche Krankheit ist? Ich sehe schon — Sie wissen es nicht. Es handelt sich um eine Abart der Multiplen Sklerose, aber während die Multiple Sklerose zwar heute auch noch nicht ausheilbar ist, aber doch soweit eingedämmt werden kann, dass die Betroffenen noch einige Jahre zu leben haben, bei vernünftiger Lebensweise sogar noch viele Jahre, dauert es bei der Singleton'schen Krankheit im aller äußersten Fall nur noch zwei Jahre, Von den ersten Anzeichen bis zum Tod nur noch zwei Jahre — aller höchstens.

Die ersten Anzeichen haben sich bei mir vor vier Monaten gezeigt. Ich würde noch in diesem Jahr erblinden, und während der letzten Jahre wäre ich blind, stumm und gelähmt. Sie können es in jedem medizinischen Lehrbuch nachlesen. Die Krankheit ist außerordentlich selten, benannt nach Professor M. C. Singleton, von 1900 bis 1925 Chefinternist am St. Mary’s Hospital, London, der die Symptome zum ersten Mal exakt publiziert hat. Ich habe nachgelesen, und Sie können es auch nachlesen. Ich bin zum Tode verurteilt.“

„Mit anderen Worten, Sie möchten Selbstmord begehen, aber Ihnen fehlt der Mut.“

„Auch das!“, sagte sie schließlich leise.

Sie blickte ihn sekundenlang an.

„Und sonst?“

„Ich habe Gründe. Meine Krankheit ist einer davon. Ich habe zwingende Gründe. Das muss Ihnen genügen.“

Sie blickte auf die Uhr.

„Wir haben nicht so viel Zeit, Skip. Diese Siedlung ist ein Dorf, hier kennt jeder jeden ...“

Wem sagte sie das!

„Ich bin sicher“, fuhr sie fort, „dass Ihre Nachbarn sich schon jetzt den Kopf darüber zerbrechen, was wir so lange miteinander zu reden haben. Ich gehe jetzt besser. Über die Einzelheiten reden wir später, wenn Sie wollen, können Sie sich ja in der Zwischenzeit über mich und meine Familie erkundigen. Nur eines: Lassen Sie sich auf keinen Fall bei uns draußen blicken. Es ist nicht nötig, dass Sie sich vorher alles ansehen. Sie werden von mir noch ausreichend informiert werden. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns Donnerstagabend in Jack Dempseys Restaurant am Times Square. Bis dahin werden Sie einige Unkosten haben — ich darf Ihnen das hier dalassen.“

Damit zog sie ein Kuvert aus der Tasche, legte es auf den Tisch.

„Das Geld gehört Ihnen auf jeden Fall, auch wenn Sie mir am Donnerstag nein sagen. Ich würde sagen: 7 Uhr? — All right! Nutzen Sie die Zeit!“

Sie rutschte vom Tisch, schob das Haar empor, verstaute es unter dem Helm. Setzte die Brille auf, band das Tuch um, zog es aber nicht hoch.

Sie schob die Stanniolkugeln wieder hinter die Zähne, stülpte die „Goldzähne“ über, zog die Handschuhe an.

„Ich habe von allem kein Wort verstanden!“, sagte Skip Penny. „Nehmen Sie Ihr Geld wieder mit.“

Sie ging an ihm vorüber, mit langen „jungenhaften“ Schritten. Als sie sich der Hecke bis auf wenige Yard genähert hatte, zog sie das Dreieckstuch empor.

Sie bockte die Indian ab, brachte dann aber nicht genügend Gewicht auf den Kickstarter. Sie musste viermal treten, ehe der Motor ansprang.

Sie saß auf, legte die Hand an den Helm, nickte Penny zu, trat den ersten Gang hinein, ließ die Kupplung kommen und gab Gas.

„Ein wohlerzogener junger Mann!“, sagte der Colonel hinter Penny. „Dergleichen findet man heute selten. Zu meiner Zeit ...“

Haiesche Reden, die mit: „Zu meiner Zeit ...“ eingeleitet wurden, zogen sich unweigerlich in die Länge. Penny verkorkte — bildlich gesprochen — seine Ohren.

Im anderen Nachbargarten war die Witwe Clarissa Grant aufgetaucht. Auch sie öffnete die Schleusen ihrer Beredsamkeit.

„Sicher, Larry!“, sagte Penny nach links.

„Gewiss, Madam“, sagte Penny nach rechts.

Und retirierte nach einer angemessenen Zeit.

Das Kuvert enthielt tausend Dollar in Zwanzigern.

image
image
image

3

image

Braden nahm die Beine vom Schreibtisch und öffnete die Augen, als Dawns Stimme aus der Membrane kam.

Dawn „Sunny“ Barris hütete sein Vorzimmer, seit er die Braden-Detektei gegründet hatte.

„Eine Miss Kathlyn Canberry“, meldete sie.

Braden gähnte bis hinter die Ohren.

„Stellen Sie durch!“, muffelte er dann. In dem Irrtum befangen, er werde per Telefon verlangt.

„Sie ist selber da. Ich habe sie ins Besucherzimmer geführt.“

„Schmeißen Sie sie raus!“, sagte Braden und gähnte wieder geräuschvoll.

„Sie ist die Nichte von John L. Canberry ...“, gab Dawn zu bedenken.

„Und die Tochter von Milford J. Canberry, ich weiß. Und genau deshalb sollen Sie sie rausschmeißen. Verdammt noch mal, ich habe seit achtundvierzig Stunden nicht mehr geschlafen. Ich war gerade dabei einzunicken. In spätestens zwei Stunden muss ich wieder los. Glauben Sie, ich bin ein Roboter?“

„Halten Sie sich noch zehn Minuten wach und hören Sie sie wenigstens an. Die Canberrys stinken vor Geld“, sagte Dawn unfein, aber zutreffend. „Vielleicht ist’n fettes Honorar drin.“

Es war Mittwoch, neun Uhr früh.

„Ich weiß, was Sie will“, sagte Braden und gähnte zum dritten Mal. „Die Klatschspalten der Boulevardblätter sind voll davon, dass John L. Canberry am Sonnabend einen Ringelpietz veranstaltet, ’n Sommerfest unter dem Motto: 'Karneval in Venedig'. Mrs. John Canberry wird bei dieser Gelegenheit ’n halbes Pfund Altmetall spazieren tragen. Den Canberry'schen Familienschmuck. ’ne runde Million oder so. Auch das steht in den Klatschspalten. Ich hab ’ne Detektei — keine Aufpasserei für als Juwelierladen aufgetakelte alte Schachteln. Versichern Sie Miss Canberry meiner vorzüglichen Hochachtung und sagen Sie ihr, sie soll sich zum Teufel scheren. „Gute Nacht!“

„Jack!“, sagte Dawn etwas kläglich. „Ich dachte mir schon, dass Sie es so sehen würden. Und weil ich mir das dachte, hab ich schon zugesagt.“

„Dann sagen Sie eben wieder ab!“

„Ich habe den Scheck schon vereinnahmt, Jack. — Tausend Dollar.“

Braden mochte keine „Aufpasserei“ haben — aber er war Yankee — und er konnte rechnen: Einen Tausender netto — für ein paar Stunden „Arbeit“.

„Okay!“, seufzte er. „Die Sache ist nicht unflott. Sie haben recht getan, Mädchen.“

Und er kippte sich auf die Füße.

Hängte sich ein Handtuch über die Schultern und steckte den Kopf unter die Wasserleitung.

Danach war er etwas munterer, wenn auch noch lange nicht ganz munter.

Dann öffnete er die Tür zum Besucherzimmer.

Peng!

Braden war schlagartig ganz wach. Überwach.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und die langbeinige junge Dame war ganz gewiss keine klassische Schönheit. Dazu war ihre Nase zu lang, ihr Mund zu eigenwillig, fehlten ihrer Gestalt Rundungen. Aber was heißt so etwas schon?

Ein Mann kann zwanzig Jahre lang auf einen bestimmten Typ festgelegt sein — und dann begegnet er einer Frau von ganz anderem Typ. Und der Funke springt über, schmort alle Sicherungen durch.

Sie trug seegrüne Augen zu blauschwarzem Zigeunerhaar. Sie lächelte — und dieses Lächeln glich — hol’s der Henker! — einem Sonnenaufgang über Lagunen.

Kitschiger kann man es nicht formulieren. Aber so und nicht anders formulierte Braden es gedanklich — und die verboten sentimentale Phrase zog ihm die Schuhe nicht aus.

„Mr. Braden?“

Auf diesen Geistesblitz — wer anders als Braden konnte der Mann schon sein, der aus Bradens Privatbüro kam! — hätte er in jedem anderen Fall beißend sarkastisch geantwortet.

So aber sagte er sittsam: „Jawohl!“

Mit einer Stimme, die er in diesem Augenblick frisch aus dem Laden bezogen haben musste — er selber hatte sie jedenfalls niemals vorher gehört.

„Ich bin Kathlyn Canberry.“

Er rief sich zur Ordnung und fand in seine seelische Normallage zurück. Was ihm aber sehr schwer fiel.

„Das macht nichts!“, sagte der Jack Braden, den Braden kannte.

Sie lachte. Und Braden brachte es irgendwie fertig, gleichfalls zu lachen.

„Wenn ich meine Sekretärin richtig verstanden habe, dann soll ich das Tafelsilber bewachen. Wörtlich genommen und im übertragenen Sinne.“

„So ungefähr“, sagte sie.

„Na, fein!“, sagte er. Und er meinte genau, was er sagte. Er blickte auf die Uhr. „Schade!“, sagte er. „Ich habe nicht mehr viel Zeit, aber wir müssen das natürlich alles ganz genau besprechen ...“

„Müssen wir?“

„Unbedingt. Ganz ausführlich!“, übertrieb er. Denn was es zwischen ihnen „dienstlich“ zu besprechen gab, das hätte man binnen weniger Minuten erledigen können. „Aber ich muss leider gleich weg.“

Auch das war übertrieben. Aber worauf es ihm ankam, war dies: „Wie wäre es, wenn wir heute Abend zusammen essen würden?“ Sie öffnete die Lippen, und ihre Zungenspitze wischte langsam über die Zahnreihen.

„Warum nicht“, sagte sie dann mit leicht verschleierter Stimme.

„Ich hole Sie ab!“, sagte Braden. „Gegen acht? Ich nehme an, Sie wohnen bei Ihrem Onkel?“

Sie nickte.

„Gut, um acht!“, sagte sie. Sie stand auf und reichte Braden die Hand.

Ihre Hand fühlte sich gut an — fand Braden.

Er brachte sie bis zum Fahrstuhl.

„Bis heute Abend also!“

„Bis heute Abend.“

„Ich freue mich!“, sagte er.

„Ich freue mich auch!“, sagte sie.

Und ihr kleines Lächeln machte deutlich, dass sie sehr wohl verstanden hatte, dass der Privatmann Jack Braden sich auf das Wiedersehen freute.

Ehe der Fahrstuhl nach unten glitt, winkte sie ihm durch das Fenster noch einmal zu.

image
image
image

4

image

Braden war übermüdet und zerknittert gewesen, aber als er jetzt in das Office zurückkam, wirkte er wie frisch gestärkt und gebügelt.

„Sie scheint ja einen mächtig guten Eindruck auf Sie gemacht zu haben!“, sagte Dawn.

„Hat sie auch!“, gab Braden unumwunden zu. Er segelte in schwungvoller Schräglage diagonal durch das Vorzimmer, blieb einen Augenblick an der Tür zum Privatbüro stehen.

„Verbinden Sie mich doch mit Happy Miller vom 'Morning Star'!“

Er ging weiter, hatte die Tür schon fast hinter sich zugemacht, als er sie noch einmal aufriss: „Und lassen Sie einen Zwei-Personen-Tisch bei 'Freddy’s' in der 42. Straße reservieren. Für heute Abend, halb neun.“

Damit klappte die Tür endgültig zu — und Dawn „Sunny“ Barris bedauerte wider alle Vernunft, dass sie den lukrativen Auftrag akzeptiert hatte. Denn der Wurm der Eifersucht nagte an ihrem Herzen.

Das machte sie wütend. Weniger auf Jack als auf sich selber.

Sie behandelte das Telefonbuch sehr unsanft. Und als Braden mit Happy Miller verbunden war, sagte dieser: „Was ist denn mit deiner Sekretärin los, Jack? Ihre Stimme klang, als ob sie Sodbrennen hätte.“

„Das gibt sich wieder!“, meinte Braden, der Sunnys Temperament zur Genüge kannte.

Miller war ein sogenannter Gesellschaftsreporter, der Mann also, der die Klatsch- und Tratschspalte des „Morning Star“ füllte.

„Hör mal, Happy! Was weißt du über die Familie John L. Canberry?“

„Aus dem Handgelenk nicht sehr viel. Das, was eben jeder weiß. Steinreich und verhältnismäßig solide, also keine Skandale oder Skandälchen. Sie sitzen in ihrem Landhaus in Westchester und vernaschen mit Anstand ihr Geld.“

„Wer sind 'sie'?“

„John L. Canberry selber, ungefähr fünfzig. Seine Frau Amely, auch ungefähr fünfzig. Dann der Sohn des Hauses, John L. Canberry junior, Mitte zwanzig. Das heißt, der Junior ist praktisch nur ein paar Wochen im Jahr da. Die meiste Zeit krebst er in Europa ’rum, beteiligt sich an Sportwagen-Rennen und an Rallyes. Außerdem die beiden Nichten des Hausherrn. Merkwürdigerweise heißen sie beide Kathlyn. Ich habe sie beide vor Kurzem flüchtig kennengelernt, die eine ist blond, die andere dunkel. Zur besseren Unterscheidung wird die Blondine Kate und die dunkle Kathy gerufen. Kate ist mit Harry McIntosh von den Brauerei-McIntoshs verlobt — wie ich unlängst gelesen habe ...“

„Welche ist Kate? Die Blondine oder die Dunkle?“

„Die Blondine. — Was ist los, Jack? Hast du plötzlich Asthma, oder warum schnaufst du?“

Braden hatte — ihm unbewusst — hörbar aufgeatmet.

„Weiter!“, sagte er nur.

„Was heißt weiter? Das ist alles. Auch Harry McIntosh ist ’ne solide Nummer. Mit Ausnahme John junior hat kein Mitglied des Canberry-Clans je von sich reden gemacht, und auch der Junior nur als Rennfahrer. Das heißt, da war natürlich damals das Unglück — aber das liegt mindestens zwanzig Jahre zurück.“

„Unglück?“

„Es waren ursprünglich drei Brüder: Milford, Bruce und John. Milford war der älteste, John der jüngste. An einem Frühlingstag vor ungefähr zwanzig Jahren machten Milford und Bruce einen Ausflug mit der Familien-Segeljacht. Die Jacht kenterte und sank. Milford, Bruce und ihre beiden Frauen ertranken. Beide Ehepaare ließen je eine Tochter zurück — eben Kathlyn, genannt Kathy, und Kathlyn, genannt Kate. — Es war lange vor meiner Zeit, Jack. Mehr könnte ich dir darüber nicht sagen, und wenn ich mein Gehirn auswringen würde. — Worauf willst du eigentlich hinaus? Irgendwas im Busch bei den Canberrys?“

„Nein, nichts Besonderes. Sie geben am Sonnabend ein Kostümfest, und ich soll auf den Familienschmuck aufpassen. Das ist alles.“

„Wem willst du das einreden? Für so was hast du deine Zeit noch nie verplempert. Da ist irgendetwas los, was ich wissen sollte. Eine Liebe ist der anderen wert, alter Junge. Also spuck’s schon aus.“

„Kathy Canberry“, sagte Braden, „ist ein außerordentlich reizvolles Persönchen.“

„Ach, so pfeift der Wind. Okay, dein Privatleben lässt mich kalt. Halt die Ohren steif, Alter!“

„Mach ich!“

Braden hängte auf. Und nebenan nahm Dawn den Hörer vom Ohr, denn der Versuchung, mitzuhören, hatte sie diesmal nicht widerstehen können.

Außerordentlich reizvolles Persönchen!

Dawn wusste, dass sie dunkelrot geworden war. Und ein Blick in den Spiegel bestätigte das.

Sie wartete, bis ihre Normalfarbe zurückgekommen war, rauschte dann nach nebenan.

Jack blickte fragend auf.

„Was den Tisch bei 'Freddy’s' anbelangt — sind vielleicht auch Blumen gefällig?“, fauchte sie.

„Ausgezeichnete Idee!“, sagte er gelassen. „Ich würde sagen — rote Rosen.“

Dawn würde zur Abwechslung blass — noch wütender über sich selber als vorher, weil sie sich diese Blöße gegeben hatte. Denn sie entnahm seinem infamen Grinsen, dass er ganz genau wusste, dass sie mitgehört hatte.

Sie schloss die Tür betont leise und als sie dann wieder vor ihrem Schreibtisch saß, ertappte sie sich dabei, dass sie darüber nachdachte, ob sie ihre blonde Mähne vielleicht zigeunerschwarz färben sollte.

„Wie käme ich denn dazu!“, sagte sie gereizt zu sich selber.

image
image
image

5

image

Auch Skip Penny war unzufrieden mit sich selber. Diese ganze Sache gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht.

Denn sie stand im diametralen Gegensatz zu seinem obersten Geschäftsprinzip, das da hieß: Safety first — Sicherheit vor allem.

Seit er sich in die Siedlung „Abendfrieden“ zurückgezogen hatte, war er nie von dem Grundsatz abgewichen, dass der jeweilige Auftraggeber nicht einmal seinen Namen erfahren dürfte, geschweige denn seine Adresse.

Ein Mann namens George mimte den Schlepper — der einzige Mensch auf der Welt, dem Penny vertraute.

Nicht blindlings vertraute. Selbstverständlich nicht. Aber doch so weit vertraute, als es eben für das Geschäft unerlässlich war.

Der Mann namens George — wie er sonst noch hieß, unterschlug Penny sozusagen sogar vor sich selber — betrieb, sagen wir mal: eine Agentur, hatte seine Finger in diesem und jenem und noch etwas, hörte und erfuhr dieses und jenes und noch etwas, und sein eigener Ruf war durchwachsen.

Dieser durchwachsene Ruf brachte es mit sich, dass manchmal Leute zu ihm kamen und ’ne Weile herumdrucksten, ehe sie damit herausrückten, dass ihnen zugetragen worden sei, man dürfe sich vertrauensvoll an ihn wenden, wenn man ein Problem habe, das nur gewaltsam zu lösen sei.

Was George stets lebhaft bestritt. Solange bestritt, bis er seine Fühler ausgestreckt und die Überzeugung gewonnen hatte, dass der Klient hasenrein war.

Erst dann suchte George den Betreffenden auf und ließ durchblicken, er könne — vielleicht — doch helfen.

Nach etlichem Hin und Her, unter Einbau zusätzlicher Sicherheitsfaktoren, kam es dann zum ersten und einzigen Rendezvous zwischen dem Klienten und „Georges Mann“.

Dieses Rendezvous fand grundsätzlich in Georges Wagen statt und dauerte selten länger als zehn Minuten. Der Klient saß vorn neben George, der den Wagen kreuz und quer durch nächtlich stille Außenbezirke New Yorks steuerte — und es war dem Klienten verboten, nach hinten zu blicken.

Skip Penny sprach nur das Allernötigste, stellte nur die Fragen, auf die George nicht kam. Penny war der Experte, nicht George, und man konnte von George nicht erwarten, dass er immer alle Einzelheiten erfasste, die wesentlich waren.

Nachdem dann alles geklärt worden war, nahm George das halbe Honorar in Empfang. Und hinterher kassierte er auch die zweite Hälfte. Für ihn selbst fielen 20 Prozent Provision vom Gesamthonorar ab.

Das Verfahren war umständlich, und es hatte den Nachteil, dass die Kundschaft nur sporadisch „anfiel“, dass das Team George-Skip Penny nur wenige Kunden gewann — aber es hatte sich bewährt, und das allein zählte.

Diesmal war der Kunde — die Kundin — nun selber zu Skip Penny gekommen.

Zu Penny! Nicht etwa zu George.

Schon das war unfassbar.

Woher hatte sie ihre Informationen?

Von George?

Unmöglich.

Unmöglich, solange George seinen Grips beieinander hatte. Ganz abgesehen davon: George hielt sich zurzeit in Vancouver, Kanada auf. Seit etlichen Wochen.

Von wem also sonst?

Von einem früheren Klienten vielleicht?

Auch unmöglich. Die hatten ausnahmslos nur Georges Namen gekannt, nicht seinen.

Und Penny hatte dafür gesorgt — in jedem Fall dafür gesorgt — dass es keine Augenzeugen gab. Wörtlich zu nehmen: keine!

Sein Mannlicher Stutzen trug auf dreihundert Yard punktgenau, und seine Hand und sein Auge waren noch genauso ruhig wie ehedem.

Früher — zu Ady Farellis Zeiten — hatte er mit dem Revolver gearbeitet, mit der „Rute“, wie es in Fachkreisen heißt. Aber das waren ja ganz andere Zeiten gewesen. Seit er Einzelgänger war, auf eigene Rechnung und Gefahr arbeitete, hatte er sich auf die Mannlicher verlegt. Mit dem Zielfernrohr war er auf dreihundert Yard absolut sicher. Seit er Einzelgänger war, hatte er in keinem einzigen Fall aus weniger als zweihundert Yard Entfernung geschossen. Und in keinem einzigen Fall war sofort bemerkt worden, dass der Mann, der da scheinbar unmotiviert zusammenbrach, erschossen worden war.

Woher also — woher hatte Kathlyn Canberry ihre Informationen?

Das Fantastische war, dass sie mehr über ihn wusste, als ein einzelner Mensch — als irgendein einzelner Mensch — über ihn wissen konnte.

Ady Farelli wusste allerhand. Und George wusste allerhand. Aber Farelli wusste nicht, was George wusste, und George war nicht bekannt, was Ady bekannt war.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738922431
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
mörder jack braden thriller

Autor

Zurück

Titel: Als Mörder empfiehlt sich... Ein Jack Braden Thriller #6