Lade Inhalt...

Sun Koh Taschenbuch #37: Atlantis steigt auf

2018 155 Seiten

Zusammenfassung

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.
Juan Garcia und die Männer, die seine Pläne unterstützen, holen zum großen Schlag aus. Sun Kohs A-Syndikat ist zu einer Macht geworden. Und diese Macht wollen sie zerstören. Während Sun Koh die letzten Vorbereitungen trifft, um einen ganzen Kontinent zu heben, dringt Juan Garcia in die Sonnenstadt ein. Seit er weiß, daß sein Bruder Manuel ertrunken ist, kann er dessen Rolle spielen. Er trifft Vorbereitungen für die Stunde X. Doch Sun Koh und seine Freunde durchschauen das Spiel Juan Garcias. Heimlich legen sie die Schlingen, in denen sich Juan Garcia fangen wird – er und seine skrupellosen Hintermänner. Ein Entscheidungskampf bahnt sich an, härter als alle anderen...

Leseprobe

Table of Contents

Atlantis steigt auf

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Atlantis steigt auf

Sun Koh Taschenbuch #37

Phantastisches Abenteuer

von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.

Juan Garcia und die Männer, die seine Pläne unterstützen, holen zum großen Schlag aus. Sun Kohs A-Syndikat ist zu einer Macht geworden. Und diese Macht wollen sie zerstören. Während Sun Koh die letzten Vorbereitungen trifft, um einen ganzen Kontinent zu heben, dringt Juan Garcia in die Sonnenstadt ein. Seit er weiß, daß sein Bruder Manuel ertrunken ist, kann er dessen Rolle spielen. Er trifft Vorbereitungen für die Stunde X. Doch Sun Koh und seine Freunde durchschauen das Spiel Juan Garcias. Heimlich legen sie die Schlingen, in denen sich Juan Garcia fangen wird – er und seine skrupellosen Hintermänner. Ein Entscheidungskampf bahnt sich an, härter als alle anderen...

 

 

Die phantastische Abenteuer-Serie SUN KOH von Freder van Holk erschien zum ersten Mal in den 1930er Jahren und wurde nach dem zweiten Weltkrieg in jeweils unterschiedlich bearbeiteten Heft- und Buchausgaben neu herausgebracht – zuletzt in einer Taschenbuchausgabe Ende der 1970er Jahre.

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Hauptpersonen Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1.

Die Gier lebt von dem, was man selbst nicht hat – die Eitelkeit von dem, was andere nicht haben.

Gier und Eitelkeit waren die Bauherren des Hotels der tausend Wunder, an der Grenze der Vereinigten Staaten auf mexikanischem Boden. Gier nach Alkohol, den es in den Staaten nicht geben durfte, während er in Mexiko ungehindert floß, sicherte die Finanzierung des Riesenbaus inmitten der Felseneinöde.

Und als das berauschende Öl des Friedens über den Prohibitionskrieg hinwegfloß, da sorgte die Eitelkeit dafür, daß jenes merkwürdige Hotel nicht zur Ruine wurde.

Nirgends in ganz Amerika konnte man seinen Cocktail teurer trinken als in der Marmorhalle jenes Hotels, nirgends mußte man mehr für eine Schale Mokka bezahlen als auf der exotisch überwucherten Terrasse, nirgends spielte man teurer Golf oder Tennis als auf den mit Millionenaufwand angelegten Plätzen jenes Wunderhauses – Gründe genug für einige Dutzend Millionäre, das einsame Hotel zu ihrer Stammkneipe zu machen und damit einwandfreier als durch Bankausweise zu belegen, daß man zu den oberen Viertausend gehörte.

Ganz nebenbei pflegte man in diesem Haus auch wichtige Besprechungen abzuhalten. Es hatte manches für sich, fern von jedem Berichterstatter in zwangloser und unauffälliger Form über Angelegenheiten zu verhandeln, die das Wochenende lohnend machten.

Die kleine Sitzung, die in einem der schalldichten Klubzimmer stattfand, wirkte wahrhaftig zwanglos genug. Es waren nur vier Herren, die sich zusammengefunden hatten, aber sie repräsentierten einen hohen Anteil der amerikanischen Hochfinanz und konnten mit Genugtuung von sich behaupten, daß ihre Namenszüge zu den teuersten der Welt gehörten.

»Tja«, meinte Person, der diese Versammlung einberufen hatte. »Die Angelegenheit ist nun einmal schwieriger, als wir vorausgesetzt hatten. Unsere Erfolge sind gleich Null. Unsere Maßnahmen waren nicht wirksam genug. Schuld daran trägt natürlich letzten Endes unser Mangel an Überzeugung. Ich hoffe jedoch, daß in der Zwischenzeit die Zweifel, die damals aufgeworfen wurden, beseitigt sind.«

Das war eine Äußerung, die durch Kopfnicken bestätigt wurde, so daß Person fortfahren konnte: »Es steht fest, daß das A-Syndikat augenblicklich die stärkste Finanzgruppe in den Staaten ist. Es ist selbst für unsere Gruppe so gut wie aussichtslos, gegen das A-Syndikat anzugehen. Im Gegenteil, wir müssen froh sein, daß man uns nicht zu einem Kampf zwingt. Es steht weiter fest, daß zum A-Syndikat eine Reihe von Brudersyndikaten in England, Frankreich, Mexiko und Brasilien gehören, die unter den verschiedensten Namen laufen. Es sind Dachgesellschaften für Finanz- und Wirtschaftsgruppen, die alle zusammen eine Macht verkörpern, wie sie bisher noch nie bestanden hat. Diese Macht liegt letzten Endes in der Hand eines einzigen Mannes, und dieser Mann heißt Sun Koh.«

Person legte eine Pause in seine nüchternen Darlegungen, dann sprach er weiter.

»Wir haben uns über den Mann schon unterhalten. Man hat mir eine ganze Menge über ihn erzählt, trotzdem weiß ich nicht viel, da er sich nicht in der Öffentlichkeit zeigt. Es ist jedenfalls auch nicht mehr zu bezweifeln, daß er zu allen finanziellen und wirtschaftlichen Machtmitteln auch noch über technische Mittel von hervorragender Bedeutung verfügt. Seine Ziele sollen dahin gehen, eine Schlüsselstellung zwischen Amerika und Europa einzunehmen und alle weißen Völker zu einer Einheit unter seiner Führung zusammenzufassen, also einen weißen Block im Gegensatz zu dem gelben Block der Japaner und Chinesen oder dem schwarzen Block der afrikanischen Völker zu bilden. Den Mittelpunkt dazu will er auf den Azoren beziehungsweise auf einem neuen Erdteil, der aus dem Atlantik steigen soll, schaffen.«

»Verrückt«, murmelte einer der Zuhörer.

»Gewiß«, stimmte Person etwas lebhafter zu, »das klingt phantastisch genug. Anderseits wäre es fahrlässig von uns, einen Mann für einen harmlosen Phantasten zu halten, der sich in wenigen Jahren eine derartige Macht aufbaute. Mein Gewährsmann versicherte mir nachdrücklich, daß dieser Sun Koh alles andere als ein Phantast sei, sondern über einen sehr klaren Kopf verfüge und genau wisse, was er wolle. Doch das ist ja auch nebensächlich. Für uns genügt das Bestehen dieses A-Syndikats, um Stellung zu nehmen. Das A-Syndikat ist eine ständige Bedrohung für uns. Früher oder später werden die Leute von sich aus den Kampf gegen uns aufnehmen, zu einem Zeitpunkt und unter Umständen, die für sie günstig sind. Die Frage ist, ob wir so lange warten wollen. Ein Kampf an der Börse ist ausgeschlossen, aber es gibt ja andere Mittel und Wege.«

»Haben wir doch schon versucht«, kam es mißvergnügt.

»Ja, aber ohne den nötigen Nachdruck. Über den einzuschlagenden Weg hätten wir dann zu sprechen, wenn ich meinen Gewährsmann zugezogen habe. Bevor ich diesen rufen lasse, scheint es mir jedoch nötig zu sein, eine grundsätzliche Klärung herbeizuführen. Wir müssen unter Umständen gewisse Anstrengungen machen, deshalb müssen wir uns eindeutig entschließen, ob wir die Angelegenheit laufen lassen oder ob wir sie bearbeiten.«

»Überflüssige Frage. Wenn das A-Syndikat eine Gefahr für uns geworden ist, dürfen wir nichts unversucht lassen.«

Die beiden anderen drückten ihre Meinung mit ähnlichen Worten aus, so daß Person zusammenfassend sagen konnte: »Wir sind uns also im Hauptpunkt einig. Wenn es Ihnen recht ist, rufe ich nun Mr. Garcia.«

Niemand widersprach. Person telefonierte, dann beantwortete er eine Frage, die einer der Anwesenden stellte.

»Mr. Juan Garcia ist Mexikaner, früher einer der reichsten Grundbesitzer des Landes. Sein Bruder hat ihn wohl um alles gebracht, und sein Bruder steht in den Diensten dieses Sun Koh. Mr. Garcia kennt den Mann sehr genau und haßt ihn fanatisch.«

»Dann wird er ein brauchbares Werkzeug sein.«

»Gewiß«, meinte Person, »aber lassen Sie ihn um Gottes willen nicht merken, daß Sie ihn für ein Werkzeug halten. Er ist sehr eitel, verfügt aber auch über einiges Geld und betrachtet uns als seine Handlanger.«

Juan Garcia trat ein, elegant vom Scheitel bis zur Sohle, in jeder Bewegung und Haltung überlegen und sicher. Tiefschwarz hoben sich Haare und strichdünner Schnurrbart von der bleichen Haut des dreieckigen Gesichts.

Person machte die Herren bekannt und leitete dann sofort zur Hauptsache über.

»Wir sind entschlossen, mit allen Mitteln das A-Syndikat unschädlich zu machen. Da sich darin unsere Absichten decken, bitte ich Sie, offen über alle Möglichkeiten zu sprechen.«

Garcia deutete eine Verneigung an.

»Ich freue mich, daß die Herren die Gefahr erkannt haben, und bedauere nur, daß das nicht früher geschah, als uns noch mehr wirksame Maßnahmen zur Verfügung standen. Heute liegen die Verhältnisse leider schon so, daß eine Bekämpfung Sun Kohs von außen her so gut wie ausgeschlossen ist. Ihre finanzielle Macht, meine Herren, reicht nicht einmal aus, um das A-Syndikat ernstlich zu gefährden.«

»Hm«, brummte einer, »das wäre nicht der erste Riese, der auf tönernen Füßen steht. Vielleicht führt der Versuch zu einem überraschenden Ergebnis.«

»Der Riese steht auf goldenen Füßen«, widersprach Garcia spöttisch. »Sie können den Versuch eines Börsenkampfes nur dann wagen, wenn Sie sich vorher an den Gedanken gewöhnt haben, Ihr Vermögen zu verlieren.«

»Wir haben die Regierung in der Hand«, gab ein anderer zu bedenken.

»Das ist vielleicht schon ein Irrtum«, erwiderte Garcia dürr. »Die Zeiten sind vorbei, in denen man den Präsidenten durch die Senatsmitglieder zu allen möglichen Dingen veranlassen konnte. Aber selbst wenn es der Fall wäre, nützte uns das Eingreifen der Regierung nichts. Ausnahmegesetze gegen das A-Syndikat sind undenkbar. Würden sie aber wirklich erlassen, so hätte sich das A-Syndikat bestimmt schon umgestellt. Dieser Sun Koh wäre durch eine Regierungsmaßnahme keinesfalls zu treffen. Wir haben ja den Versuch gemacht und sogar bewirkt, daß man Kriegsschiffe, Flugzeuge und Geheimagenten gegen ihn aufbot, aber wir haben keinen Erfolg gehabt. Wie ich Ihnen schon sagte, gibt es bei dem heutigen Stand der Dinge überhaupt keine Maßnahmen von außen her, durch die man diesem Mann entscheidend schaden kann. Außerdem steht zweifellos fest, daß es wenig Wert hat, gegen eine seiner Organisationen anzugehen. Wenn man ihm beikommen will, muß man ihn selbst stellen und ihn selbst vernichten. Mit dem Tod Sun Kohs verlieren seine Organisationen den inneren Zusammenhalt. Deshalb laufen alle Überlegungen in einem Punkt zusammen – Sun Koh muß überwältigt werden!«

»Hm«, räusperte sich Person. »Glauben Sie wirklich, daß Sie durch die Beseitigung dieses Mannes die ganze Organisation zerschlagen können? Es werden sich genug andere finden, die an seine Stelle treten.«

»Der Einwand ist nicht ganz unberechtigt«, gab Garcia zu. »Deshalb ist noch ein Zweites erforderlich. Es muß jemand von uns in die Zentralleitung des Gegners eindringen und die ganze Organisation von innen her zur Auflösung bringen.«

Persons Nachbar lachte auf.

»Leicht gesagt!«

Garcia zuckte mit den Schultern.

»Ich halte Ihnen keine theoretischen Vorträge, sondern entwickle meine Pläne. Ich selbst werde diese Aufgabe übernehmen.«

»Donnerwetter«, murmelte Person, »meinen Sie das im Ernst?«

»Durchaus, ich habe die Absicht, in die Zentrale dieses Sun Koh einzudringen, die Führung an mich zu reißen und Sun Koh selbst außer Gefecht zu setzen.«

»Donnerwetter«, murmelte Person noch einmal voller Hochachtung, »aber wie wollen Sie das schaffen?«

Garcia grinste.

»Ich sehe meinem Bruder täuschend ähnlich. Ich muß ihn beseitigen und seine Rolle spielen. Die Hauptschwierigkeit wird sein, heranzukommen.«

»Sie meinen die Zentrale auf Yukatan?«

»Ja.«

»Wäre es nicht einfacher, sie mit Bomben anzugreifen?«

»Das halte ich für unmöglich«, wies Garcia kurz ab. »Sie wissen ja, daß man sie noch nicht einmal hat finden können. Ich kenne aber einen Zugang auf einem der unterirdischen Ströme und hoffe, daß dieser nicht allzu scharf bewacht wird.«

»Sie haben Mut«, anerkannte einer der Millionäre. »Die persönliche Gefahr ist für Sie ziemlich groß.« In Garcias Augen glühte es auf.

»Gefahr? Pah, das ist das einzige Mittel, um Sun Koh zu vernichten. Die Gefahr muß ich auf mich nehmen.«

»Sie hassen ihn?«

Juan Garcia lachte häßlich auf und gab keine Antwort.

Person griff wieder ein.

»Na schön, uns kann es recht sein. Sie wollen also die Sache selbst übernehmen. Aber – wozu brauchen Sie dann eigentlich uns?«

Juan Garcia lächelte wieder spöttisch.

»Fürchten Sie, zu kurz zu kommen? Keine Sorge, ich brauche Sie. Als einzelner kann ich dort auf Yukatan auf die Dauer nicht viel ausrichten. Sie müssen meine Tätigkeit von außen her unterstützen. Dabei handelt es sich um zweierlei. Einesteils wird es nötig sein, die technischen Machtmittel der Organisation rasch und wirksam zu vernichten. Da diese vermutlich auf Yukatan zusammengefaßt sind, würde ich empfehlen, zum zweitenmal Bombenflugzeuge dorthin zu schicken. Diesmal würde ich aber dafür sorgen, daß man die Sonnenstadt wirklich findet und sie mit Bomben zerstören kann. Es ist Ihre Sache, zu veranlassen, daß ich die Flugzeuge jederzeit abrufen kann.«

»Aha.« Person begriff. »Aber können Sie die Zerstörung nicht wirksamer von dort aus vornehmen, etwa durch eine Explosion?«

»Verlassen Sie sich darauf, daß das geschieht, wenn sich die Möglichkeit bietet. Das läßt sich aber noch nicht beurteilen, meine Maßnahmen muß ich für alle Fälle treffen.«

»Das setzt voraus, daß wir in Verbindung bleiben.«

»Das wird mit Hilfe eines Kurzwellensenders geschehen. Sie müssen eine besondere Nachrichtenstelle einrichten. Es kann ja auch sein, daß ich von Yukatan aus noch andere wichtige Anweisungen zu geben habe. Unsere Zusammenarbeit hat ja für mich vor allem die Bedeutung, mir eine wirksame Hilfe in den Staaten zu verschaffen.«

»Sie erwähnten, daß Sie unsere Unterstützung noch in anderer Hinsicht brauchen.«

»Ja, natürlich vor allem für Maßnahmen, die in Ihrem eigentlichen Arbeitsbereich liegen. Ich halte es für ausgeschlossen, daß wir uns die bestehenden Organisationen wie das A-Syndikat einfach dienstbar machen können, da sie von Leuten verwaltet werden, die auf Sun Koh eingeschworen sind. Ich muß die Organisation von innen her so unauffällig wie möglich liquidieren und in andere, in Ihre Hände überführen. Das wird die Gründung einer Reihe von Scheingesellschaften sowie sonstige Maßnahmen nötig machen, die Sie übernehmen müßten. Wir werden dann im einzelnen darüber sprechen, ich möchte aber schon jetzt betonen, daß mit äußerster Vorsicht gehandelt werden muß, damit Sun Kohs Anhänger nicht vorzeitig mißtrauisch werden.«

»Sie halten es für möglich, von Yukatan aus das A-Syndikat zur Auflösung zu bringen?«

»Natürlich. Wir haben es doch nicht mit einer Aktiengesellschaft zu tun. Wenn eine Zweiggesellschaft des Syndikats von Yukatan die Anweisung erhält, ihr Vermögen auf sonstwen zu überschreiben, dann geschieht das selbstverständlich und ohne Zögern. In der Hinsicht haben wir nichts zu befürchten.«

»Nicht schlecht«, bemerkte einer. »Wenn alles gutgeht, könnten wir dann bald um die Milliarden des Syndikats reicher sein.«

»Gewiß«, erklärte Garcia, »wenigstens um einen entsprechenden Anteil. Wir kommen wohl noch zu einer schriftlichen Vereinbarung, durch die meine Rechte an dem Erfolg gesichert werden. Zunächst möchte ich Sie jedoch bitten, von dieser Aufstellung Kenntnis zu nehmen. Sie finden hier die wichtigsten Maßnahmen verzeichnet, die sofort einzusetzen hatten, wenn ich Ihnen die Mitteilung übersende, daß mir das Eindringen in die Zentrale des Gegners gelungen ist.«

Er reichte einen Bogen an Person.

Damit ging die Besprechung auf Einzelheiten über.

 

2.

Einige Wochen später.

Juan Garcia lag am Rand der Lichtung, auf der das große Blockhaus seines Bruders stand, und wartete auf seine Gelegenheit.

Es war ihm gelungen, auf den unterirdischen Strom zu gelangen. Die Hauptmündungsarme wurden zwar bewacht, aber den kleinen, schon vorher abzweigenden Nebenarmen schenkte man so wenig Aufmerksamkeit, daß er eindringen konnte. Tagelang war er mit seinem winzigen Motorboot dann den Strom aufwärts gefahren, der wie viele solcher Ströme auf Yukatan dann und wann ans Tageslicht tauchte und eine Art See bildete, meist aber unter der nassen, glitschigen Felsenwölbung dahingurgelte.

Juan Garcia hatte unangefochten die Stelle erreicht, an der ein offener Seitenarm in den Strom und in die Nacht einmündete.

Hier hatte sich Manuel ein Haus gebaut, hier schien er sich öfter aufzuhalten. Nirgends konnte es leichter gelingen, seine Stelle einzunehmen, als hier.

Juan Garcia wartete also.

Dann und wann ging einer der Angestellten zu einem der Nebengebäude. Einer öffnete das Tor eines Hangars, in dem zwei Flugzeuge standen. Juan Garcia entnahm aus der Anwesenheit von zwei Maschinen, daß sich Manuel im Haus befand.

Endlich kam er. Er trat ins Freie und schlenderte dann zum Fluß hinunter.

Der gute Manuel mußte kindisch geworden sein. Er starrte lange auf das Wasser, dann tänzelte er auf einer Klippe vor, die ein Stück in den Fluß hineinsprang.

Und plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus, griff sich zum Herzen, wankte und schlug hart in das Wasser hinein. Die Strömung riß ihn unverzüglich mit.

Juan Garcia reckte sich in atemloser Spannung. Manuel war ein guter Schwimmer. Wenn er nur einen Fehltritt getan hatte, würde er sich deshalb nicht so treiben lassen.

Oder hatte er einen Herzschlag erlitten, einen Krampf, einen Ohnmachtsanfall?

Jetzt wurde der dunkle treibende Körper in die schwarze Wölbung hineingezogen.

Juan Garcia atmete tief auf. Wer dort hineingeriet, kam so leicht nicht wieder heraus, vor allem nicht, wenn er nicht Herr seiner Sinne war.

Juan Garcia handelte intuitiv. Er lief gedeckt zum Fluß hinunter, zog sich die Sachen vom Leib, warf sie in die Strömung und stürzte sich selbst hinein. Dann schrie er laut und gellend auf.

Der Schrei wurde gehört. Einige Männer stürzten aus dem Haus. Sie fanden Juan Garcia, wie er gegen die Strömung ankämpfte, sich nicht hinabziehen zu lassen. Auf keinem Gesicht regte sich ein Zweifel, daß dieser Mann nicht Manuel Garcia sein könnte. Die Leute sprangen hinein, griffen zu und holten ihren Herrn aus dem Wasser.

»Ich wollte wieder einmal schwimmen«, ächzte Garcia, als er, gestützt von seinen Leuten, ans Land taumelte. »Die Sachen sind fortgespült worden.«

Halb ohnmächtig ließ er sich ins Haus schleppen.

Eine halbe Stunde lang noch fühlte sich Juan Garcia unruhig und unsicher. Insgeheim fürchtete er, jeden Augenblick könne Manuel wieder auftauchen. Doch dann machten Sicherheit und Ruhe schnelle Fortschritte, und schließlich war er davon überzeugt, daß der Austausch schlechthin vollkommen geglückt war.

»Señor, wünschen Sie, daß das Flugzeug wie gewöhnlich bereitgestellt wird?« fragte eine Stimme im Raum.

Juan Garcia zuckte herum, unmittelbar darauf ärgerte er sich über die Bewegung. Eben hatte er seine Vorsätze gefaßt, und nun ließ er sich überrumpeln. Die Stimme kam natürlich aus einem Schalltrichter.

Für eine Antwort war irgendein Knopf zu bedienen, denn es war ausgeschlossen, daß dieses Zimmer dauernd von außen überhört werden konnte.

Nicht weit von seinem Kopf befanden sich einige winzige Kippschalter. Einer von diesen mußte der richtige sein. Aber welcher?

Juan Garcia kippte entschlossen alle fünf Schalter herunter. Daraufhin glühten versteckte Leuchtkörper auf, Musik schwang durch den Raum, die Tür öffnete sich ganz weit, und ein Ventilator begann zu summen.

»Das Flugzeug wie gewöhnlich«, erwiderte Juan Garcia. »Wer hat denn den Radioapparat – ach so, ich bin an den Schalter gekommen.«

Er kippte den ersten Schalter hoch, worauf sich die Tür schloß. Der zweite bediente das Licht.

»Wünschen Sie selbst zu fliegen?«

»Heute nicht. Ich will mich noch ausruhen, sagen Sie mir aber rechtzeitig Bescheid.«

»Jawohl, Señor.«

Der dritte Schalter diente jedenfalls der Sprechverbindung, denn erst auf die Betätigung der beiden anderen Schalter hin verstummte die Musik, und der Ventilator lief aus.

Etwa eine Stunde später teilte man ihm mit, daß es Zeit zum Abflug sei.

Das Flugzeug brachte ihn in Minuten zur Sonnenstadt. Trotzdem wunderte sich Garcia über die Entfernung, die beträchtlich größer war, als er angenommen hatte. Der Luftabstand betrug mindestens fünfzig Kilometer.

Noch mehr wunderte er sich über das, was er sah.

Vor Jahren hatte er die Sonnenstadt zum letztenmal gesehen. Damals hatte sie aus einer Reihe Ruinen, geborstener Säulen und zusammengerutschter Terrassen bestanden.

Heute lag dort unten eine gewaltige Lichtung, die sich viele Kilometer weit nach allen Seiten ausdehnte. Dort standen gewaltige Hallen mit flachen Dächern, dort schwebten an den Ankertürmen vier riesige Luftschiffe von den gleichen phantastischen Ausmaßen, die schon einmal in der Zeitung genannt waren. Da schnitten zierlich wirkende Brücken über weiße Straßenbänder, auf denen in zahlreichen Strängen Röhren und Leitungen entlangliefen. Dort bauchten sich weißleuchtende Behälter neben massigen Türmen. Links standen mannshohe Isolatoren in langen Reihen, rechts standen Gruppen merkwürdig geformter Apparate unter dem freien Himmel.

Es gab viel zu sehen, aber die Zeit war kurz. Schon setzte das Flugzeug auf einem der ausgedehnten Dächer neben anderen Flugzeugen auf, die dort ungeschützt standen.

Juan Garcia stieg aus.

Niemand schien sich um seine Ankunft zu kümmern. Das war gut und auch wieder schlecht. Irgendwo in diesem Riesenbetrieb wartete man auf ihn. Wegweiser gab es wohl kaum hier, und doch mußte er den Weg finden, ohne Verdacht zu erregen.

Er vertrat sich die Beine und entdeckte inzwischen den Niedergang. Über eine Treppe gelangte er in einen weiten Flur, der auf die Straße führte.

Die Stille wirkte peinlich.

Gab es denn hier überhaupt keine Menschen?

Noch nicht einmal der Pilot, der oben geblieben war, machte sich bemerkbar.

Garcia öffnete eine der glatten Türen. Eine weite Halle tat sich vor ihm auf. Hohe Säulen von mehreren Metern Durchmesser, die sich fast berührten und nur einen schmalen Mittelgang frei ließen, füllten sie aus.

Kein Laut, keine Bewegung war zu vernehmen.

Achselzuckend trat Garcia ins Freie.

Die Straße bestand aus glattem Beton. Fünfzig Meter weiter wurde sie von einer anderen Straße gekreuzt.

Als Garcia an die Kreuzung kam, heulte ein kurzer Summton auf, dann flitzte aus der Nebenstraße ein Mann in die Kurve. Er lief nicht, sondern stand auf einem winzigen Fahrzeug, das aus einer länglichen Trittplatte bestand, auf die man zur Not zwei Füße setzen konnte. Diese hing vorn und hinten an zwei etwa dreißig Zentimeter hohen Rädern. Über dem Vorderrad stand auf einer Gabel eine Stange mit einem kleinen Steuerrad, auf dem einige Hebel befestigt waren.

Juan Garcia konnte diese Einzelheiten jedoch erst wahrnehmen, als der Mann seine überraschend hohe Geschwindigkeit mäßigte und herankurvte, wobei er freundlich winkte und rief: »Nanu, Mr. Garcia, seit wann machen Sie Spaziergänge durch das Werk? Warum nehmen Sie nicht einen Flitzer? Haben Sie hier in der Gegend noch zu tun, oder kommen Sie mit?«

Juan Garcia stellte zunächst aufatmend fest, daß der Mann englisch sprach. Er hatte auch in diesem Punkt mit Schlimmerem gerechnet, doch anscheinend hatte er Glück.

»Ich wollte mir die Beine ein bißchen vertreten. Ich habe die neumodischen Flitzer nie leiden können. Aber ich komme natürlich mit, wenn Sie eins von den Dingern zur Hand haben.«

Der andere, offenbar ein Deutscher, lachte.

»Drüben an der Tür lehnt eines ohne Besetztzeichen.«

Juan Garcia ging auf den Apparat zu und spürte plötzlich gallenbittere Laune, da er nun mit diesem unbekannten Apparat losfahren sollte.

Garcia drehte den Apparat auf die Straße zu. Er stellte sich auf das Trittbrett und behandelte den Hebel mit genügender Vorsicht, und siehe da, das trotz seiner Kleinheit schwere und tiefliegende Fahrzeug setzte sich in Bewegung.

Der Deutsche drehte immer mehr auf, Garcia folgte wohl oder übel. Er hielt sich jedoch immer etwas hinterher, um sich unauffällig führen zu lassen.

Mit mindestens dreißig Kilometern Stundengeschwindigkeit jagten sie die glatte Straße entlang.

Der Vordermann drückte den Knopf auf der Mitte des Lenkrades. Der betätigte die Sirene, Garcia stellte das an seinem eigenen Fahrzeug fest. Dabei hätte er um ein Haar übersehen, daß das Zeichen der Kurvenfahrt galt. Nur mit Mühe brachte er sein Fahrzeug herum und wäre dabei fast heruntergefallen, weil er seinen Körper nicht richtig angepaßt hatte.

Juan Garcia wartete auf die Kurve, sah aber keine, sondern nur das breitgelagerte, mehrstöckige Haus, das die Straße abriegelte.

Der Deutsche verlangsamte seine Fahrt und hielt kurz vor dem Haus an. Garcia raste mit voller Geschwindigkeit darauf los. Er riß zwar den Fahrthebel zurück, aber das verminderte das Tempo nicht genügend.

Wenige Meter vor der Hauswand sprang er entsetzt ab und überließ das Fahrzeug seinem Schicksal. Er selbst schlug hin und rutschte bis an die Wand vorwärts.

Verdreckt und zerschunden richtete er sich mühsam hoch.

»Meine Güte«, sagte sein Begleiter bestürzt. »Warum haben Sie denn den Bremshebel nicht bedient?«

»Er versagte«, ächzte Garcia. »Es ist nicht weiter schlimm, ich habe mir wohl nur den Knöchel aufgeschlagen. Wenn Sie mich etwas stützen würden, bis ich in meinem Stuhl sitze.«

»Aber selbstverständlich«, erklärte der andere sofort und griff zu. Juan Garcia konnte nun an sein Ziel gelangen, ohne einen weiteren Fehler befürchten zu müssen.

Das Ziel war ein recht nüchterner Arbeitsraum, dessen Hauptmobiliar aus einem rohen Holztisch bestand, auf dem Stöße von Papieren und Büchern lagen. An der einen Seite befand sich ein Aufbau mit einer Reihe von Knöpfen, davor stand ein Stuhl.

Garcia ließ sich bis zum Stuhl bringen, dann ging sein Begleiter hinaus.

Juan Garcia klopfte sich nun den Schmutz von der Kleidung und sah sich dann den Raum etwas genauer an. Der Teufel mochte wissen, was in den vielen Papieren alles stand.

Es klopfte.

»Herein!«

Hal Mervin stand schon im Zimmer. Garcias Gesicht verzerrte sich. Ausgerechnet Hal Mervin. Er konnte diesen jungen Mann ebensowenig leiden wie Sun Koh, in mancher Hinsicht sogar noch weniger. Und dieser Bursche besaß scharfe Augen.

»Nanu!« wunderte sich Hal und schlug Garcia herzhaft auf die Schulter. »Ich denke, Sie wollten ein paar Tage ausspannen. Nun höre ich, daß Sie doch gekommen sind und auch noch versucht haben, das Haus über den Haufen zu rennen.«

Juan Garcia grinste mühsam.

»Du hast gut lachen. Wäre ich nur geblieben, aber ich dachte mir, es würde alles drunter und drüber gehen, wenn ich nicht käme.«

»Natürlich«, rief Hal, »ich habe ja auch nicht recht daran geglaubt, daß Sie ausspannen wollen. Dazu sind Sie viel zu eingebildet, mein Lieber. Das haben Sie von dem Idioten, Ihrem Bruder Juan.«

Garcia räusperte sich. Es schien ihm, als läge in Hals Augen scharf prüfendes Mißtrauen.

»Hm, reden wir nicht von ihm. Ich bin jedenfalls da und habe zu tun.«

»Das heißt, mach, daß du rauskommst, nicht wahr? Na schön, ich gehe schon. Aber ich werde Ihnen Pistorius, den neuen Helfer aus Ihrer C-Abteilung, schicken. Er wollte Sie gern sprechen. Es kann nichts schaden, wenn Sie ihn anhören.«

Garcia nickte.

»Ich werde das tun.«

»Nett von Ihnen«, sagte Hal grinsend und ging.

 

3.

Juan Garcia hatte sich viel vorgenommen und trotz aller Wenn und Aber nie ernstlich daran gezweifelt, daß er eine große Rolle zu spielen hatte. Er war sogar darauf gefaßt, unter Umständen kämpfen und sein Leben einsetzen zu müssen.

Trotzdem fühlte er sich jetzt schon unsicher.

Die große Linie beherrschte er, aber in den hundert kleinen Schwierigkeiten drohte die Zermürbung.

Da sah er einige Dutzend Knöpfe vor sich. In den unteren Reihen waren sie mit Buchstaben und Zahlen versehen. Juan Garcia schloß, daß ihre Betätigung Sprechverbindungen mit den verschiedenen Abteilungen des Betriebs schaffte. Es blieben aber noch mehr als ein Dutzend Knöpfe, deren Bestimmung ihm unbekannt war. Jede falsche Bedienung aber konnte zur Entdeckung führen.

Aber das war noch unbedeutend. Wie viele Menschen gab es wohl hier, die er eigentlich kennen mußte und doch nicht kannte? Er wurde sich jetzt erst bewußt, daß er sich bei seinen Überlegungen die Sonnenstadt eigentlich immer noch so vorgestellt hatte, wie sie damals gewesen sei.

Wie sollte er diesen Riesenbetrieb unauffällig kennenlernen? Wie sollte er seine Unwissenheit verdecken?

Schwerwiegende Fragen stürzten plötzlich auf Juan Garcia nieder.

»Señor Garcia?«

Gerade noch rechtzeitig fing sich Juan Garcia ab, um nicht erschrocken herumzufahren. Die Tür hatte sich nicht geöffnet, also sprach jemand über den Sprechapparat zu ihm. Und dieser Jemand war Sun Koh.

Garcias Blick flatterte über die Knöpfe. Welcher stellte die Verbindung her?

»Ich spreche von A 5«, gab Sun Koh schon die Erklärung, die nötig war.

Garcia drückte den entsprechenden Knopf. Dann fuhr Sun Koh fort: »Guten Morgen, Señor Garcia. Sie hätten sich nach den letzten Tagen wirklich einmal ausruhen sollen. Wie ich hörte, haben Sie auch schon einen kleinen Unfall gehabt.«

»Hat nichts zu sagen. Wie geht es Ihnen?«

»Gut«, erwiderte Sun Koh freundlich, »aber warum drehen Sie mir so hartnäckig den Rücken zu?«

Juan Garcia fuhr herum, dann verkrampfte sich sein Gesicht unter dem Schreck, der durch seinen Körper jagte.

Die Wand hinter seinem Rücken war nicht mehr zu sehen. Er blickte in einen Raum, in dem bis zur Decke hoch in langen Regalen Ballonflaschen und Kanister standen, während in der Mitte auf einer großen Arbeitstafel Retorten, Gläser, Schalen, Mikroskope und allerlei unbekannte Apparaturen blitzten. Vor dem Tisch aber, greifbar und lebensecht, als sei er nur wenige Meter entfernt, stand Sun Koh und wunderte sich.

»Warum erschrecken Sie denn so, Señor Garcia? Ist Ihnen nicht wohl?« Juan Garcia riß sich zusammen.

»Doch, ich wollte Ihnen nur nicht meine zerschundene Vorderseite zeigen.«

»Ach so«, sagte Sun Koh. »Sie hätten eben doch ausspannen sollen. Wenn Sie aber hierbleiben, dann möchte ich Sie bitten, einige Worte anläßlich der kleinen Feier Ihrer Abteilung zu sprechen. Sie wissen Bescheid?«

»Gewiß«, würgte Juan Garcia hervor. Er spürte einen leichten Schwindel.

»Ich danke Ihnen«, sagte Sun Koh zu ihm. »Übrigens – Sie sehen, daß ich gerade auf meinem Rundgang bin. Ihr Mitarbeiter Brecht sagte mir vorhin, daß Sie die Kulturen weiter vermehren. Setzen Sie eine verminderte Wirksamkeit der Humus-Bakterien an, oder wollen Sie Vorsorge über die eingesetzten hunderttausend Quadratkilometer hinaus treffen?«

Juan Garcia hatte keine Ahnung.

»Das letztere, das letztere«, murmelte er.

»Sie glauben also nicht, daß die Wirksamkeit durch die Dauer der Lagerung beeinträchtigt wird?«

»Nein.«

»Ich muß gestehen«, sagte Sun Koh nachdenklich, »daß ich immer von neuem diese Reinkulturen der Humus-Bakterien für eine der größten wissenschaftlichen Taten halte, weil sie eben für die Menschheit ein Geschenk an fruchtbarer Erde bedeutet. Es ist ein überwältigender Gedanke, sich vorzustellen, wie man diese Bakterien über wüstes Land ausstreut, wie sie blitzartig zu wuchern beginnen und Felsen oder Sand, Schlick oder Schlamm in dauernder milliardenfacher Vermehrung durcharbeiten und verwandeln, so daß nach einem Jahr bereits die fruchtbare Humuserde einen halben Meter tief zur Aufnahme der Saat bereit ist, die dann den Verwandlungsvorgang auf ein gewöhnliches Maß herabsetzt. Wahrhaftig, ohne diese Bakterien wäre uns Atlantis kaum etwas nütze, denn dann müßte die neue Erde Jahrhunderte liegen, bevor sie Frucht tragen und Menschen ernähren könnte. Aber – ich sehe, daß Sie so in Gedanken versunken sind, als arbeiteten Sie an einem neuen Problem. Ich will Sie nicht weiter stören. Vergessen Sie also Ihre Rede nicht.«

»Ich werde daran denken«, sagte Garcia und schaltete schleunigst ab.

Jetzt konnte ihn niemand sehen, jetzt konnte er erst einmal das Gesicht verzerren und die Fäuste schütteln.

So weit waren sie schon, diese Kerle. Aber er würde schon ihre Pläne vernichten, in die Luft sprengen, wenn er erst das entscheidende Wort…

Er sank zusammen. Richtig, eine Rede sollte er heute nachmittag halten. Dabei wußte er nicht, worüber er reden sollte, noch nicht einmal, wo und vor wem er reden sollte.

Es stand jedenfalls fest, daß er vorläufig keine Nachricht nach Amerika geben konnte. Erstens war es ihm technisch unmöglich, weil er überhaupt noch keine Sendemöglichkeit hatte und noch nicht einmal wußte, ob er vom Wohnhaus aus senden konnte, und zweitens hatte es ja gar keinen Sinn. Was sollte er schon berichten? Es würde lange dauern, bevor er in der Lage war, die Sperrungen über diesem Werk zu beseitigen, so daß der Platz von Bombenfliegern gefunden werden konnte.

Es klopfte.

Juan Garcia griff schnell nach dem nächsten Blatt.

»Herein!«

Ein junger Mann trat ein.

»Guten Morgen«, grüßte er höflich. »Ich bin Richard Pistorius und möchte Sie gern wegen einer Verbesserung sprechen, die ich mir ausgedacht habe.«

Garcia spürte eine leichte Verlegenheit bei dem andern. Das machte ihn sicher.

»Bitte«, sagte er kurz und wies auf den Stuhl, der an der Wand stand. »Sprechen Sie aber englisch, das ist mir lieber. Was haben Sie denn?«

Pistorius holte sich den Stuhl und breitete eine Papierrolle aus.

»Es handelt sich um die elektrischen Anlagen in unserem Musterhaus«, erklärte er, während er mit dem Finger über die Zeichnung fuhr, die sich auf der Papierrolle befand. »Mir scheint da eine kleine Unzweckmäßigkeit in der Verteilung der Leitungen vorzuliegen, die sich leicht beheben läßt. Das hier ist die Türwand des Hauses mit den Kabelsträngen E, F, G und H. Sie sind im Entwurf im gleichen Abstand über die ganze Fläche verlegt worden, was für alle Kabel des Hauses gilt. Das ermöglicht zwar kürzere Verteilungsleitungen, vermindert aber die statische Festigkeit der Wand und erschwert vor allem die serienmäßige Herstellung. Ich habe hier die Berechnungen angestellt, aus denen sich ergibt, daß durch die in dieser Skizze angedeutete Führung der Kabel unter Zugrundelegung der Leistungsziffern der Lieferwerke eine Beschleunigung um fast zwanzig Prozent, also ein Zeitgewinn von mehreren Monaten, eintreten kann. Das schien mir wichtig genug, um den Verbesserungsvorschlag zu machen.«

Juan Garcia räusperte sich.

»Hm, wieso einige Monate?«

»Es ist natürlich dabei die Gesamtzahl der zu liefernden Häuser in Höhe von einer Million angesetzt worden. Sie wissen, daß die Häuser einschließlich der erforderlichen Nebengebäude für die Million Bauerngüter, mit denen Atlantis besetzt werden soll, fabrikmäßig hergestellt werden sollen. Es wäre ja sonst auch so gut wie unmöglich, eine schnelle Besiedlung des Neulandes in solchem Ausmaß vorzunehmen. Die Häuser werden in Plattenkörpern, die man an Ort und Stelle nur zu verbinden braucht, in der Fabrik erzeugt. Der Gedanke ist alt, unsere Anwendungsform jedoch insofern gänzlich neu, als die Konstruktion irgendwelche Kosten des elektrischen Stroms nicht zu berücksichtigen braucht und deshalb in hohem Maß mit allen elektrischen Einrichtungen versehen wird. So, wie wir in der Küchenwand einen elektrischen Herd einbauen, so sehen wir auch gleich die Ventilatoren, Staubsauger, Raumheizungen und indirekten Lichtquellen vor.«

»Lampen?« murmelte Juan Garcia sachverständig.

»Lampen natürlich nicht«, widersprach Pistorius. »Wir nützen die Möglichkeiten des elektrischen Lichtes aus. Unsere Musterhäuser erhalten natürlich alle indirektes Streulicht aus eingebauten Lichtquellen. Wir haben innerhalb eines solchen Hauses, die Nebengebäude eingerechnet, 142 Zweigstellen für die verschiedensten Zwecke vorzusehen.«

»Wieviel?« fragte Garcia unbedacht.

»142«, wiederholte Pistorius leicht erstaunt. »Die Lage der einzelnen Zweigstellen ist unveränderlich, da sie durch eingehende Untersuchungen und Feststellungen in der Praxis ermittelt wurde. Ebenso liegt die Lage des Empfangsapparates, der den Strom auf das Haus übernimmt, fest. Es handelt sich nur noch um die verbindenden Kabelleitungen. Bei der jetzigen Lage würden wir drei Jahre Lieferfrist ansetzen müssen, bei einer Zusammenfassung und Umleitung nach meinem Entwurf nicht viel mehr als zweieinhalb Jahre, da dann die großen Felder der Hausflächen aus einem Stück eingesetzt und hergestellt werden könnten. Ich möchte Sie bitten, meine Vorschläge zu prüfen, damit die Pläne entsprechend fertiggestellt werden können.«

Juan Garcia nahm die Papiere selbst in die Hand.

»Hm – na ja, ganz nett«, murmelte er anerkennend. »Ich werde mir die Sache selbstverständlich näher ansehen. In einer Woche gebe ich Ihnen dann Bescheid.«

Pistorius riß die Augen auf.

»In einer Woche? Ich dachte, Sie könnten gleich eine…«

Juan Garcia erinnerte sich, daß er eigentlich Manuel Garcia war.

»Wie denken Sie sich denn das, junger Mann? Ich habe noch mehr zu tun.«

»Gewiß, aber…«

Garcia fühlte eine gelinde Wut in sich. Der Mann erwartete anscheinend irgendwelche sachverständigen Äußerungen von ihm, die er nun einmal nicht geben konnte. Er fixierte ihn.

»Keine Einwendungen!« unterbrach er schroff. »Sie erhalten Bescheid. Glauben Sie etwa, daß ich mich gleich über Berechnungen stürze, die irgendein Angestellter des Betriebs zusammengebaut hat? Und nun verschwinden Sie!«

Pistorius hob die Schultern und ging hinaus.

Juan Garcia hatte wieder einmal das Gefühl, falsch gehandelt zu haben.

Zwei Stunden später trat Hal Mervin bei ihm ein.

»Hallo, verehrter Señor, kommen Sie mit essen?«

Juan Garcia vermutete, daß Manuel essen gegangen wäre, deshalb nickte er.

Details

Seiten
155
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922370
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
taschenbuch atlantis

Autor

Zurück

Titel: Sun Koh Taschenbuch #37: Atlantis steigt auf