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Sun Koh Taschenbuch #32: Gold in den Katakomben

2018 150 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gold in den Katakomben

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Gold in den Katakomben

Sun Koh Taschenbuch #32

Phantastisches Abenteuer

von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 165 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.

Cora Spedding ist ein Mädchen, von dem ein Mann nur träumen kann. Das mag auch der Grund sein, warum George Macroft blind in die Falle läuft, die für ihn aufgebaut wurde. Macroft ist einer der Männer, die einen riesigen Goldschatz bewachen, den Sun Koh der Bank von Frankreich zur Aufbewahrung übergeben will. Die »Schatten« von Lissabon sind unterwegs, und wie es scheint, sitzen überall ihre Aufpasser und Mittelsmänner. Durch einen atemberaubend raffinierten Coup bringen sie Sun Kohs Geld an sich, doch sie haben nicht damit gerechnet, daß Sun Kohs Intelligenz die gefährlichste Waffe ist, mit der sie zu rechnen haben. Eine Jagd quer durch Europa nimmt ihren Anfang…

 

Die phantastische Abenteuer-Serie SUN KOH von Freder van Holk erschien zum ersten Mal in den 1930er Jahren und wurde nach dem zweiten Weltkrieg in jeweils unterschiedlich bearbeiteten Heft- und Buchausgaben neu herausgebracht – zuletzt in einer Taschenbuchausgabe Ende der 1970er Jahre.

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Hauptpersonen Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1.

Was macht man schon, wenn man in Lissabon ist?

Man schlendert durch den Hafen, sieht sich einige Sehenswürdigkeiten an, auf deren Anblick man auch hätte verzichten können, und schließlich setzt man sich in ein Café oder in eine Hotelhalle und schlägt sich die Zeit tot, weil sie auf andere Weise nicht vergehen will.

Bei diesem Programmpunkt waren Jack Gorm und George Macroft angelangt, nachdem sie die vorhergehenden zu allseitiger Zufriedenheit erledigt hatten. Sie saßen in der Halle ihres Hotels, streckten die Beine von sich und betrachteten mehr oder weniger interessiert ihre Umgebung.

Sie hatten augenblicklich Freizeit. Die drei Flugzeuge standen draußen auf dem Flugplatz in einem Hangar, den sie gemietet hatten. Zwar wußte niemand um die Ladung der Flugzeuge, und es war kaum anzunehmen, daß sich irgendwelche Interessenten einfinden würden, aber um nichts zu vernachlässigen, hielten stets zwei Mann Wache. Die anderen schliefen oder bummelten bis sie zur Ablösung an der Reihe waren.

Seit zwei Tagen waren sie in Lissabon und warteten auf Sun Koh. Hoffentlich dauerte es nicht gar zu lange, bis er kam, sonst saßen sie mit den Millionen in Gold, Edelsteinen und Perlen, die die Flugzeuge bargen, hier fest.

George Macroft stieß seinen Freund unauffällig an. »Augen links.«

Gorm drehte den Kopf. »Hm, nicht schlecht. Vater und Tochter.«

»Mann«, entrüstete sich Macroft, »nicht schlecht? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Das ist doch ein Bild von einem Mädchen.«

Jack Gorm runzelte die Stirn.

»Sie setzen sich auch noch an den Nebentisch. Tu mir den Gefallen und dreh dich herum. Das fehlte gerade noch, daß du dich hier in irgendeine Larve verschießt.«

Macroft setzte sich herum, aber so, daß er das junge Mädchen nun erst recht sehen konnte.

Seine Begeisterung war nicht ohne Berechtigung. Die junge Dame war vielleicht keine ausgesprochene Schönheit, aber sie war zumindest sehr hübsch.

»Bestimmt eine Fremde«, sinnierte Macroft. »Ob sie wohl hier im Hotel wohnen?«

»Kannst ja mal fragen«, schlug Gorm boshaft vor. »Der Alte sieht ganz so aus, als würde er dir mit seinem Spazierstock Bescheid geben.«

»Ich schätze auf Engländer.«

Jack Gorm machte eine bezeichnende Bewegung zur Stirn. »Ich schätze auf Übergeschnapptheit – bei dir nämlich. Wir haben wahrhaftig mehr zu tun, als hier herumzuschwärmen. Komm, gehen wir.«

»Ich denke nicht daran«, sagte Macroft starrköpfig. »Laß mir doch meinen Spaß. So was Hübsches sieht man nicht alle Tage.«

»Wüstling«, murmelte der andere.

Vater und Tochter blieben etwa eine halbe Stunde lang am Nebentisch sitzen. Sie unterhielten sich miteinander, aber leider so leise, daß der wißbegierige Macroft nichts auffangen konnte. Der Vater, wenn er es überhaupt war, wandte den beiden Freunden den Rücken zu und hatte sie wohl überhaupt noch nicht bemerkt. Der Tochter aber entging jedenfalls nicht, daß sie fast ununterbrochen angestarrt wurde.

Ziemlich unvermutet erhob sich ihr Begleiter, gab der jungen Dame die Hand und verließ die Halle. Bei dieser Gelegenheit hörte man ganz deutlich: »Auf Wiedersehen, Dad.«

»Also doch Vater und Tochter«, sagte Macroft. »Ein sehr vernünftiger Herr. Sehr vernünftig, daß er sein Töchterlein ein bißchen allein läßt.«

»Man sollte solche unverantwortlichen Väter in die Erziehungsanstalt stecken«, meinte Gorm wenig freundlich.

Die junge Dame hielt sich nicht mehr lange auf. Zehn Minuten nach dem Weggang ihres Vaters stand sie ebenfalls auf und schritt hinaus. Im Nu war Macroft auf den Beinen. Jack Gorm wollte ihn zurückhalten, aber dazu hätten zehn Mann gehört.

Wer in seinem Leben schon einmal »nachgestiegen« ist, der weiß genau, wie Macroft jetzt zumute war. Es gab nur einen Gedanken und eine Überlegung in ihm: Wie mache ich mich mit ihr bekannt? Tausend Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf, die allesamt so unsinnig und so undurchführbar waren, daß er sie selbst trotz seines offenbar geschwächten Geisteszustandes als unbrauchbar verwarf.

Doch da griff ein gütiges Geschick ein. Mochte nun ein Obstkern, ein Stück Schale oder sonst etwas auf dem Pflaster gelegen haben, jedenfalls glitt der eine Fuß des jungen Mädchens plötzlich weg. Sie schrie leise auf und wäre gefallen, wenn nicht Macroft geistesgegenwärtig die Arme vorgestreckt und sie aufgefangen hätte.

»Oh!«

»Es ist Ihnen hoffentlich nichts geschehen?«

»Nein. Ich glaube nur, ich habe mir den Fuß etwas vertreten.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Ah, Sie sind das?«

Sie erkannte jetzt erst ihren Helfer und wurde sich gleichzeitig bewußt, daß er sie noch immer halb umschlungen hielt. Mit sanfter Energie machte sie sich frei, während ihr gleichzeitig die Röte ins Gesicht stieg.

»Ich danke Ihnen vielmals, Mister …«

»Macroft«, sagte der junge Mann schnell. Er sah allerdings seine Hoffnung, ihren Namen zu erfahren, getäuscht.

»Können Sie gehen?« erkundigte er sich.

»Ich glaube, ja.«

Sie versuchte einen Schritt, knickte aber sofort wieder ein. Mit einem Schmerzensruf gab sie es auf.

»Strengen Sie den Fuß nicht unnötig an«, beschwor Macroft. »Ich rufe ein Taxi.«

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden.«

Eine Minute später hielt am Rand des Bürgersteiges ein Wagen an. Das Mädchen, das sich wohl oder übel für die paar Schritte auf ihren Helfer stützen mußte, setzte sich hinein und gab dem Fahrer eine Adresse an.

»Sie werden beim Aussteigen Schwierigkeiten haben«, prophezeite Macroft voll Besorgnis und zugleich mit einer zwar unausgesprochenen, aber trotzdem unverkennbaren Bitte.

Sie lächelte zum erstenmal, ein bezauberndes Lächeln. Macroft war entzückt.

»Ich werde mich auf den Chauffeur stützen. Aber – wenn es Ihnen nichts ausmacht, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich begleiten würden.«

»Ich kann mir nichts Angenehmeres denken«, gestand George freimütig.

Der Weg führte über die Stadt hinaus. Der Wagen hielt vor einem villenartigen Gebäude, das ein Stück von der Straße zurück im Park lag. Der Chauffeur erhielt den Fahrpreis und ein Trinkgeld und fuhr davon, während seine beiden Fahrgäste noch draußen auf der Straße standen.

»Da Sie nun einmal bis hierher gekommen sind, werden Sie mich wohl hineinbegleiten müssen«, sagte sie.

George Macroft bot ihr statt aller Antwort seinen Arm. Am liebsten hätte er sie getragen, aber das war bei der Kürze der Bekanntschaft doch wohl nicht angebracht.

Der Fuß schien sich schon erheblich gebessert zu haben, denn sie hielt leidlich Schritt und stützte sich auch nicht übermäßig auf ihren Helfer. So erreichten sie leicht die Haustür. Das Mädchen drückte sie auf. Seite an Seite betraten sie eine Vorhalle, deren gedämpftes Licht nach dem blendenden Sonnenschein, der auf den Straßen lag, fast wie Dunkelheit wirkte. George Macroft konnte nicht viel vor sich sehen. Er hörte hinter sich die Haustür zuschlagen. Gleichzeitig kam ein Geräusch von der Seite.

Und dann spürte er einen furchtbaren Schlag auf den Hinterkopf. Vor seinen Augen tanzten einen Augenblick lang glühende Sterne und Streifen, sein Schädel schien sich zum Luftballon entwickeln zu wollen, und schließlich stürzte er in die tiefe Nacht der Bewußtlosigkeit hinab, während sein Körper zusammenbrach.

 

*

 

Wenn man auf den Spuren der Liebe zu wandeln glaubte und sieht nachher ein, daß man nur seine eigene Schwachköpfigkeit zur Schau getragen hat, so ist das eine bittere Erkenntnis. Sie kommt einen besonders hart an, wenn es gleichzeitig im Schädel hohl brummt, wie in einer ausgebeulten Gießkanne und wenn man außerdem vor sich ein stark vergittertes Fenster sieht.

Mit diesen Worten ist der Zustand George Macrofts völlig umrissen.

Die Morgensonne lag über dem Park. Er riß das Fenster auf und preßte sein Gesicht zwischen die Gitterstäbe. Die Luft war köstlich, und der grüne Park war eine Augenweide. Jede Gefahr wurde gewissermaßen zur Unwahrscheinlichkeit.

Viel mehr als Bäume und Büsche, Rasen, ein Rondell und verschiedene kiesbestreute Wege war freilich nicht zu sehen. Auf die Dauer begann er sich zu langweilen.

Macroft wollte sich eben zurückziehen, als er Schritte nahen hörte. Der Ankömmling bog um die Ecke.

Sie war es.

Sie?

Mit gesenktem Kopf ging sie auf das Rondell zu. Sie trug ein anderes Kleid als gestern, ihre ganze Erscheinung wirkte müde und traurig. Ihr Streich schien ihr nicht übermäßig gut bekommen zu sein. Macroft stellte es mit Genugtuung fest, wenn ihm auch das Herz irgendwie weh tat. Und dann stieg der Groll in ihm hoch. Das war das verräterische Weib, das ihn hierhergelockt hatte. Ein Glück, daß er hinter Gittern saß, sonst hätte sie was erleben können.

»Hallo«, schrie er unfreundlich hinaus, »wunderbares Wetter heute, nicht wahr?«

Sie fuhr herum. Ihr Gesicht war erschreckend bleich und ihre Augen blickten weit und groß.

»Sie«, sagte sie tonlos.

Macroft hörte es trotzdem. Erstens stand sie nur wenige Meter vom Haus entfernt und zweitens lag sein Zimmer im Hochparterre, so daß er sich einbildete, ihren Blondkopf mit der Hand greifen und schütteln zu können.

»Jawohl, ich«, sagte er gehässig. »Muß von dort aus ein schönes Bild sein, wenn Sie mich so hinter Gittern sehen. Freuen Sie sich doch, Sie haben Ihren Zweck erreicht, und ich bin wie ein Idiot in die aufgestellte Falle hineingelaufen.«

Sie rang nach Worten. »Ich – ich …«

»Ja, Sie!« redete er weiter. »Sie haben mich hierhergelockt. Aber wenn Sie glauben, daß Sie von mir etwas erfahren können, haben Sie sich getäuscht.«

Sie warf wie im verletzten Stolz den Kopf zurück und erwiderte mit fester Stimme, während sie näherkam: »Ich wünsche nichts von Ihnen zu erfahren. – Hätte ich geahnt, daß Derartiges Sie hier erwartet, hätte ich Sie niemals gebeten, mich zu begleiten.«

Er lachte höhnisch auf.

»Natürlich sind Sie vollkommen unschuldig. Das habe ich mir bald gedacht, obgleich ich nicht einsehen kann, warum Sie mich auch jetzt noch zum Narren halten wollen.«

»Sie verdächtigen mich zu unrecht – ich …«

In ihrer Stimme klang unverkennbar ein Flehen.

»Das ist ja geradezu rührend. Ist das Ihr Haus oder nicht?«

Sie senkte den Kopf.

»Ja.« Sie stand jetzt dicht unter ihm, als sie mit bebenden Lippen sagte: »Ich bin selbst eine Gefangene.«

Er lachte auf. »Für wie dumm müssen Sie mich halten? Laufen Sie dort draußen frei herum oder nicht? Sitze ich hinter Gittern, oder bilde ich mir das nur ein?«

»Ich – ich bin doch eine Gefangene. Aber ich kann Ihnen das nicht erklären.«

»Das glaube ich, daß Ihnen das schwerfallen würde«, sagte er hart. Aber dann traf ihn ein so merkwürdiger Blick aus ihren Augen, daß er erheblich ruhiger zusetzte: »Seien Sie doch vernünftig. Sie können mir nicht Dinge erzählen, deren Unwahrhaftigkeit auf der Hand liegt. Und sagen Sie mir doch wenigstens, was das alles bedeuten soll und warum ich hier festgehalten werde.«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, antwortete sie gequält. »Ich weiß selbst nichts Genaues.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich komme mir vor, als sei ich in ein Irrenhaus geraten.«

Auf ihrem Gesicht erschien ein grübelnder Ausdruck. Nach einer Weile sagte sie leise: »Ein Irrenhaus? Ich fürchte, es ist noch Schlimmeres.«

»Was fürchten Sie?« drängte er.

Sie zuckte zusammen und lauschte. »Man kommt.«

Mit schnellen Schritten ging sie davon, wich dem Vierschrötigen aus, der ihr entgegenkam, und verschwand um die Ecke.

Macroft sah sie in den nächsten Stunden nicht wieder, obwohl er fast dauernd am Fenster lag. Man brachte ihm das Frühstück, aber es gelang ihm nicht, ein Gespräch anzuknüpfen.

Gegen Mittag öffnete sich abermals die Tür seiner Zelle. Ein Mann trat ein, den er bisher nicht gesehen hatte. Er war groß und schlank. Seine Kleidung war die eines Gentleman. Sein Gesicht war nicht unangenehm, nur seine Lippen wirkten zu schmal und zu hart, und seine Augen waren kalt und stechend.

Er grüßte sehr höflich und stellte sich als Estobal Riquez vor.

»Ich hoffe, daß Sie über nichts zu klagen haben«, leitete er das Gespräch verbindlich ein.

Macroft hatte wenig Lust, schöne Worte zu wechseln und erwiderte deshalb ziemlich grob: »Setzen Sie sich mal hier herein bei verschlossener Tür und bei vergittertem Fenster, dann wissen Sie genau, worüber zu klagen ist. Ich hoffe, daß Sie der Mann sind, der mir einige Auskünfte geben kann, besonders die, warum ich hier gefangen gehalten werde.«

Der Portugiese deutete leichtes Bedauern an.

»Oh, das braucht Sie nicht zu beunruhigen. Weiter nichts als eine taktische Notwendigkeit. Sprechen wir nicht mehr davon. Ihre Freunde werden zwar etwas beunruhigt sein, aber das ist der einzige Nachteil, den Sie haben.«

Macroft horchte auf.

»Meine Freunde? Sie scheinen sich ja über mich ziemlich unterrichtet zu haben.«

»Nur aus allgemeiner Wißbegierde«, beruhigte Riquez sofort. »Es ist doch immerhin nicht alltäglich, wenn gleich drei solche wunderbaren Maschinen in Lissabon landen und so sorgfältig unter Bewachung gehalten werden.«

Der junge Mann hob die Schultern und markierte Gleichgültigkeit.

»Sie sind eben zu wertvoll, um jeden Neugierigen heranzulassen.«

»Ist das der einzige Grund?«

Macroft verzichtete auf eine Antwort. Das schien den Portugiesen zu beunruhigen. Er begann zu drängen.

»Es ist in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie mir einige Fragen beantworten. Sie sind hier in ein Spiel hineingeraten, bei dem es, so brutal es klingen mag, auf ein Menschenleben gar nicht so sehr ankommt.«

»Sie dürfen sich Ihre Drohungen ruhig sparen«, murmelte Macroft verächtlich.

Riquez wurde sehr kühl.

»Ich drohe Ihnen nicht, ich will Ihnen nur die Lage andeuten. Sie werden mir zunächst einige Fragen beantworten.«

Macroft zuckte mit den Schultern und schwieg. Riquez bemühte sich um etwas mehr Freundlichkeit.

»Wozu wollen Sie mir Schwierigkeiten bereiten? Sie werden hier anständig behandelt. Und es ist sinnlos, mich für dumm zu halten. Sheppard verfügt über eine großartige Organisation und greift so leicht nicht daneben. Wenn er Anweisungen gibt, Ihre Flugzeuge sicherzustellen …«

»Wer ist Sheppard?«

»Keine Ahnung.« Riquez grinste. »Also bitte – was für eine Ladung haben Sie in den Flugzeugen?«

»Grassamen.«

»Machen Sie keine Witze«, riet Riquez gereizt.

»Vielleicht sehen Sie selbst nach.«

»Nun gut. Wenn Sheppard die Maschinen haben will, bekommt er sie auch. Das aber nur nebenbei. Für mich handelt es sich darum, was Sie mit Miß Spedding zu tun haben.«

»Nichts.«

»Ach nein!«

»Sie glauben aber auch gar nichts«, sagte Macroft trocken. »Wie wäre es, wenn Sie mich frei ließen?«

Der Vierschrötige steckte nach kurzem Anklopfen den Kopf herein.

»Telefon, Sir. Sehr dringend.«

»Ich komme. Leben Sie einstweilen wohl. Vielleicht erwägen Sie, ob es nicht ratsam ist, Ihren Freunden einen vernünftigen Brief zu schreiben. Ich denke, daß ich später noch einmal Zeit haben werde.«

Der Portugiese machte eine tadellose Verbeugung und ging hinaus.

George Macroft ärgerte sich. Er wurde aus der Geschichte nicht klug. Seine Haft erschien ihm ebenso sinnlos wie das Gerede des Mannes.

Die Stunden schlichen.

Endlich, es dunkelte bereits, rührte sich der Schlüssel im Schloß wieder, unsicher und nervös, wie es ihm schien. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Tür endlich aufgerissen wurde.

Er sprang mit einem Laut der Überraschung auf.

Das Mädchen war es, Miß Spedding, wie sie genannt worden war. Sie winkte ihm und sagte hastig: »Schnell, Sie müssen fort. Sie haben vielleicht nur einige Minuten, beeilen Sie sich.«

Er war im Nu bei ihr und griff hart nach ihrem Handgelenk: »Ist das wieder ein Trick oder …«

Sie verzog schmerzhaft das Gesicht.

»Nein, nein. Der Weg ist frei, aber ich weiß nicht, wie lange.«

Er spürte die Angst in ihr und sah sie prüfend an. Kopfschüttelnd meinte er: »Ich verstehe nicht das geringste. Erst locken Sie mich hierher …«

»Ich habe Sie nicht hergelockt«, widersprach sie entschieden. »Ich sagte Ihnen doch, daß ich selbst eine Gefangene bin.«

»Dann kommen Sie also mit?« fragte er schnell.

Ihre Miene zeigte qualvolle Abwehr.

»Nein, ich kann nicht, ich muß hierbleiben.«

Er lachte grimmig auf.

»Warum?«

Ihre Lippen begannen zu zittern.

»Mein Vater… Ich kann Ihnen das jetzt nicht erklären. Sie müssen fort, begreifen Sie doch.« Ihre Stimme wurde erregter, leidenschaftlicher und drängender: »Sie mißtrauen mir? Sie glauben, daß ich von dem Mann wußte, der Sie niederschlug? Das ist nicht wahr, ich schwöre, das ist nicht wahr. Ihre Feinde sind auch meine Feinde.«

»Dann kommen Sie doch mit.«

»Es geht nicht, ich gefährde das Leben meines Vaters. Gehen Sie, rauben Sie mir nicht die einzige Gelegenheit, wiedergutzumachen, was ich unglücklicherweise Ihnen gegenüber verschuldete. Seien Sie doch vernünftig und beeilen Sie sich.«

Er faßte sie bei den Schultern und sah ihr in die Augen.

»Gut, ich gehe, weil ich nicht glauben will, daß hinter Ihrer Stirn verbrecherische Gedanken wohnen. Aber ich gehe nur, um an der Spitze der Polizei hierher zurückzukehren.«

Sie schrie fast auf.

»Das – das dürfen Sie nicht. Bitte, tun Sie es nicht, Sie schaden uns allen. Sie wissen ja nicht, um was es geht.«

»Allerdings nicht«, sagte er bitter. »Bis jetzt habe ich mir eingebildet, es zu wissen, aber nun scheint meine Annahme falsch zu sein. Der Inhalt unserer Flugzeuge scheint gar nicht die Rolle zu spielen …«

Sie sah ihn unverkennbar erstaunt an.

»Ihre Flugzeuge? Davon weiß ich nichts. Sie sind doch bloß zufällig in die Sache hineingeraten. Kommen Sie.«

Während er neben ihr herhastete, fragte er weiter: »Schnell, geben Sie mir einen Überblick. Um was dreht es sich?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Eine Erklärung würde zu lange dauern. Das eigentliche Streitobjekt ist das Mittelmeer.«

Er wollte stehenbleiben, aber sie zog ihn mit flehender Gebärde weiter.

»Das Mittelmeer?« wiederholte er grenzenlos verblüfft. »Ich höre immer Mittelmeer.«

»Sie hören richtig«, erwiderte sie mit einem winzigen Anflug von Heftigkeit. »Und nun gehen Sie diesen Parkweg entlang bis zu der rückwärtigen Pforte. Der Schlüssel wird von innen stecken, sonst müssen Sie über die Mauer klettern. Sie haben keine Zeit zu verlieren.«

Sie standen dicht beieinander. Er griff nach ihren Händen.

»Leben Sie wohl. Sie sind das merkwürdigste, aber auch das schönste Mädchen, das ich je kennengelernt habe. Ich werde Lissabon nicht verlassen, ohne Sie in Sicherheit zu wissen. Wir sehen uns wieder.«

In ihrem Gesicht stand helles Rot, aber ihre Augen blieben gesenkt und ihre Lippen murmelten nur schwach: »Gehen Sie, ich bitte Sie.«

Da drückte er ihr noch einmal fest die Hände und eilte davon.

Die Pforte war verschlossen, aber es machte ihm keinerlei Schwierigkeiten, über die Mauer zu kommen. Daß er gesehen wurde, war nicht so leicht zu befürchten, da es mittlerweile völlig dunkel geworden war.

Schnell schritt er den schmalen Weg hinunter. Jetzt galt es vor allem, die Freunde aufzusuchen und sie über sein Schicksal zu beruhigen.

Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt.

Als er um die Ecke bog, prallte er um ein Haar auf einen Mann, der eben vorsichtig herumlugen wollte. Sein Gesicht war nur undeutlich zu sehen, aber Macroft erkannte es trotzdem im Bruchteil einer Sekunde.

Das war der Mann, der mit dem jungen Mädchen zusammen in der Hotelhalle gesessen hatte, das war ihr Vater.

Mr. Spedding.

Im nächsten Augenblick sprang er ihn an.

 

2.

Das Telefon schrillte.

John Wighton hob den Hörer ab und meldete sich. Von der anderen Seite kam eine gedämpfte Stimme: »Hier ist das Hospital zur Mutter Gottes. Bei uns ist ein jüngerer Mann eingeliefert worden. Er nennt sich George Macroft und verlangt dringend seine Freunde zu sprechen.«

Wighton schrie förmlich in die Muschel hinein : »Ist er schwer verletzt? Wie geht’s ihm?«

Matt und fast aufreizend ruhig kam die Antwort: »Sein Zustand läßt sich noch nicht endgültig beurteilen, doch empfehle ich Ihnen, bald zu kommen. Der Patient sprach von drei Herren …«

»Wir kommen sofort.«

Einige kurze Worte, dann eilten die Freunde hinaus.

Eine Viertelstunde später sprangen sie vor dem Hospital aus dem Wagen und liefen die breiten Steinstufen hinauf. Der Pförtner verwehrte ihnen zu dieser frühen Morgenstunde entschieden den Zutritt und erklärte, von nichts zu wissen.

Nach zehn Minuten wußten die Freunde ganz genau, daß sie einem Täuschungsmanöver aufgesessen waren.

»Meine Ahnung«, stöhnte Valmy. »Hoffentlich versuchen sie den gleichen Trick nicht auch mit Nexter und Carring.«

»Das würde ihnen wohl nichts nützen. Die beiden verlassen ihre Wache nicht, und wenn gleich die Welt untergeht.«

»Hast schon recht. Aber nun zurück. Zum Hotel?«

»Ich denke. Wird nichts schaden, wenn wir uns die Geschichte besehen. Sollte ein Einbruch stattgefunden haben, so würde ich vorschlagen, die Polizei auf die Leute zu hetzen. Ein Grund ist ja dann vorhanden.«

Der Anblick ihrer Zimmer entsprach ganz den Erwartungen, die sie gehegt hatten. Sie waren offenbar in höchster Eile durchsucht worden, und man hatte keine Zeit gehabt, wieder Ordnung zu schaffen. Ob etwas gestohlen worden war, ließ sich nicht feststellen, aber es war auch unwesentlich. In den Zimmern befand sich nichts, worauf die Freunde nicht hätten verzichten können.

Sie ließen den Geschäftsführer und einen Polizisten heraufkommen, damit der Tatbestand ordnungsgemäß aufgenommen wurde. Sie selbst fuhren durch den grauenden Morgen zum Polizeipräsidium.

Der diensthabende Kommissar empfing sie mit mißvergnügter Miene, aber er hörte geduldig an, was Gorm sachlich und knapp berichtete. Dieser beschränkte sich auf die Entführung Macrofts, auf den vorgetäuschten Anruf und auf den Einbruch im Hotel.

Der Beamte rief zunächst das Hotel an und führte ein kurzes Gespräch, dann begann er zu fragen.

»Wie sah die Dame aus, mit der Ihr Freund fortging?«

Gorm beschrieb sie, so gut er sie in Erinnerung hatte.

Der Beamte nickte düster.

»Ich habe es mir bald gedacht. Sie heißt Cora Spedding, zwanzig Jahre alt, ledig und seit gestern nachmittag verschwunden.«

»Verschwunden? Ich dachte, sie hätte ihn fortgelockt?«

Der Kommissar sah ihn scharf an.

»Es gibt Leute, die gerade gegenteiliger Meinung waren.«

Gorm sprang entrüstet auf.

»Soll das etwa heißen …«

Der andere winkte unwirsch ab.

»Regen Sie sich nicht auf, wir müssen mit allem rechnen. Leider wissen wir zu wenig, um klar zu sehen, aber auch zu viel, um an eine Kinderei zu glauben. Tatsache ist jedenfalls, daß uns vor wenigen Stunden ein Mr. Spedding anrief und uns dringend aufforderte, seine verschwundene Tochter zu suchen. Er gab die gleiche Personenbeschreibung wie Sie und meinte, er habe sie gestern nachmittag wohlbehalten in der Halle Ihres Hotels zurückgelassen. Dieses Gespräch wurde aus irgendeinem Grund plötzlich abgebrochen.«

»Und Sie glauben …«

»Ich glaube gar nichts. Vorhin rief der englische Konsul an. Ein Mr. Spedding habe sich unter seinen Schutz gestellt und ihn gebeten, Nachforschungen nach seiner verschwundenen Tochter anzustellen. Die Fahndungen müßten außerordentlich diskret und zugleich gewissenhaft betrieben werden, da sowohl die Gefahr bestände, daß sie getötet, als auch, daß sie außer Landes geschafft werde. Hatte gut reden. Die Leute sollten lieber besser auf ihre Töchter aufpassen. Das war aber noch nicht alles. Mr. Spedding hat in den letzten Tagen eine Reihe von Drohbriefen erhalten, die mit der Sache zusammenhingen. Ferner sei er gestern abend überfallen und verschleppt worden. Ort unbekannt. Es sei ihm gelungen, infolge der Unaufmerksamkeit seines Wächters zu entfliehen. Man habe ihn jedoch verfolgt und wieder eingeholt, aber das Dazwischentreten eines Unbekannten, habe es ihm schließlich ermöglicht, sich seiner Verfolger zu entledigen.«

»Haben Sie keinen Anhalt oder Verdacht, wer hinter dieser Angelegenheit stecken könnte?«

»Verdacht? Nun, ich will Ihnen noch eins sagen. Vor einer Stunde noch war ich draußen im Hafenviertel. Dort lagen mitten auf der Straße zwei Leute mit Schüssen, die aus allernächster Nähe abgegeben worden waren. Ringsum sah es aus, als ob zwei Dutzend Männer gekämpft hätten. Selbstverständlich hatte niemand in der Umgebung etwas gesehen oder gehört, und ich weiß infolgedessen nicht, wer die beiden Leute erledigt hat. Ein gutes Werk hat er auf jeden Fall getan, denn das waren ein paar ganz üble Burschen. Das, was nun bei der Sache wichtig ist, ist der Umstand, daß die beiden zu den ›Schatten‹ gehörten.«

»Schatten?«

»Ja, die ›Schatten‹ sind eine berüchtigte Verbrecherbande, überhaupt d i e Bande von Lissabon. Und umsonst lagen nicht zwei von ihnen tot auf dem Pflaster. Die ›Schatten‹ sind in Bewegung, das steht zweifelsfrei fest. Und ich garantiere Ihnen, daß es da noch mehr Tote geben wird. Wenn Sie wegen der Spedding-Sache tätig sind und wenn Ihr Freund da dummerweise hineingeraten ist, sieht es böse aus für ihn. Und auch für Sie, denn der Einbruch beweist ja wohl, daß man auch von Ihnen etwas will.«

»Ganz meine Meinung«, erwiderte Jack Gorm. »Was mit diesem Spedding ist, verstehe ich nicht ganz, aber daß diese ›Schatten‹ von Lissabon Interesse an uns haben, scheint mir leicht begreiflich. Wir haben nämlich draußen auf dem Flugplatz drei Flugzeuge mit wertvoller Ladung stehen, deren Beraubung sich wohl lohnen würde. Weiß der Himmel, wie man davon erfahren hat.«

Der Kommissar machte eine resignierende Handbewegung.

»Die ›Schatten‹ haben ihre Leute überall, das ist das Scheußliche an ihnen. Will man zugreifen, wissen sie schon längst Bescheid. Ich kann Ihnen nicht die geringste Chance dafür geben, daß Ihr Besuch hier unbekannt bleibt. Und Ihre Flugzeuge? Nun, ich fürchte, man hat Sie der Sorge bereits enthoben, wie ich die Kerle kenne.«

»Wir haben sie gut untergebracht, und zwei unserer Freunde halten Wache. Ganz so leicht wird es ihnen nicht fallen heranzukommen«, beschwichtigte der Amerikaner laut seine eigenen Bedenken. »Aber immerhin wäre es vielleicht kein Fehler, wenn Sie uns wenigstens noch für die kommende Nacht noch einige Leute zur Verfügung stellen würden. Bei Tag läßt sich ja das Gelände leicht übersehen, aber bei Dunkelheit nicht.«

»Ich stelle Ihnen ein halbes Dutzend Leute zur Verfügung. Sie werden sich heute abend bei Ihnen auf dem Flugplatz melden. Im übrigen wollen wir sehen, ob sich über den Aufenthalt Ihres Freundes etwas ermitteln läßt.«

»Ich danke Ihnen, Herr Kommissar.«

Die Freunde verabschiedeten sich und fuhren nun in schnellstem Tempo zum Flugplatz hinaus.

Fast wider Erwarten war im Hangar alles in Ordnung. Nexter und Carring hatten allerdings einige Kleinigkeiten zu berichten.

»Man wollte uns telefonisch fortlocken«, erzählte Carring, »aber der Trick ist ja schließlich uralt.«

»Kein Hinderungsgrund«, warf Valmy etwas kleinlaut ein. »Wir sind jedenfalls hereingefallen.«

»Ihr hattet auch nicht die Verantwortung und konntet euch das leisten«, fuhr Carring fort. »Bei uns war es jedenfalls ausgeschlossen, und wir merkten ja auch bald, daß man etwas plante. Sie arbeiteten draußen an der kleinen Tür herum, hörten aber auf, als ich ihnen mitteilte, daß ein Bauchschuß durchs Schlüsselloch hindurch eine höchst unangenehme Sache sei. Darauf erwarteten wir sie von oben her, und es hatte auch ganz den Anschein, als ob sie hinaufkraxelten, aber dann wurde es aus irgendeinem Grunde wieder ruhig. Wahrscheinlich hat man’s aufgegeben. Der Hangar ist ja ganz aus Stahl und eine kleine Festung für sich, an der sich die Leutchen schon die Zähne ausbeißen können. Jetzt haben sie überhaupt keine Chance mehr, wo wir zu fünft sind.«

»Zu elft, wenn man uns die Polizei heute abend schickt.«

Der Tag verging ohne die geringste Aufregung. Sie blieben alle im Hangar, wechselten sich in Schlafen und Wachen ab. Gelegentliches Anfragen bei der Polizeipräfektur ergaben nichts Neues.

Es wurde dunkel.

John Wighton stand vor der Stahltür, die in die großen elektrischen Schiebetore eingelassen war, und beobachtete sorgfältig die Umgebung.

Vom Verwaltungsgebäude her kam ein Trupp Männer direkt auf ihn zu. Uniformknöpfe und Tressen blitzten auf.

»Wer da?« rief ihnen Wighton zu, als sie bis auf zehn Meter herangekommen waren.

»Polizei«, erwiderte beruhigend eine tiefe Stimme. »Wir kommen von der Präfektur, um hier die Wache zu übernehmen.«

»Kommen Sie.«

Es war ein halbes Dutzend Polizisten, die den erleuchteten Hangar betraten.

Jack Gorm wandte sich an den, der die meisten Tressen auf dem Rock trug. »Es ist Ihnen gesagt worden, um was es sich hier handelt?«

»Jawohl. Es war allerdings von fünf Herren die Rede, die wir hier finden sollten.«

Gorm deutete nach einem der Flugzeuge.

»Einer schläft.«

Die Antwort kam fast gemütlich, aber trotzdem noch überraschend genug.

»So, dann nehmen Sie mal die Hände recht leise hoch, damit Sie ihn nicht aufwecken.«

Erheblich weniger gemütlich wirkten die Pistolen, die auf einmal in den Händen der Polizisten lagen und deren Läufe sich in die Rippen der vier Freunde bohrten. Das kam so unerwartet, daß ihnen nichts weiter übrigblieb, als die Arme hochzuwerfen. Und es dauerte nicht lange, so trat auch Valmy, der in der Kabine geschlafen hatte, in der gleichen Haltung zu ihnen.

Der Sergeant – oder was er darstellen sollte – feixte jetzt niederträchtig über das ganze Gesicht.

»So meine Herren, jetzt sind wir alle hübsch beisammen. Ich schätze, daß unsere Amtshandlung in einer Viertelstunde erledigt sein wird. Dann lernen Sie auch die richtigen Polizisten kennen. Darf ich Sie bitten, jetzt zunächst zur Leibesvisitation vorzutreten?«

Zähneknirschend trat John Wighton als erster vor.

 

*

 

»Verdammt…«

»Sachte, mein Freund.«

»Sie brechen mir den Arm.«

»Steigen Sie nur hübsch auf Ihre Zehenspitzen. So ist es schön. Hübsch leise, sonst tut’s weh. Und nun marsch, hinter die Büsche. Ich lege keinen Wert darauf, eine öffentliche Vorstellung zu geben.«

George Macroft hielt die linke Hand auf der Schulter des Mannes. Seine Rechte bog dessen rechten Arm hinter dem Rücken nach oben, so daß der Engländer sich krampfhaft auf die Zehenspitzen reckte. So marschierten sie dicht hintereinander ein Stück vom Weg seitwärts bis hinter eine Gruppe von Büschen, in deren stockdunklen Schatten sie bestimmt niemand vom Weg her bemerken konnte.

»Stop«, befahl Macroft, nachdem sie angelangt waren, »nun zeigen Sie erst mal Ihre Taschen. Ah, ein kleiner Selbstlader. Ausgezeichnet. Scheint alles zu sein. Jetzt dürfen Sie Ihren Arm herunternehmen und sich umdrehen, aber ich rate Ihnen, sich anständig zu benehmen, sonst haben Sie eine Kugel im Leib. Verstanden?«

»Ich bin nicht irrsinnig«, knurrte der andere.

»Schön, es sollte mir auch um Ihrer Tochter willen leid tun, wenn ich Ihnen schaden müßte. Sie hat mir gerade noch hier heraus geholfen und …«

»Reden Sie von Cora?« fragte der Engländer mit unverkennbarer Bestürzung.

»Ich denke doch. Miß Cora Spedding ist Ihre Tochter, wenn ich nicht irre.«

»Sie muß verrückt sein!«

Macroft seufzte.

»Kam mir leider auch so vor, obgleich ich sie für eine reizende junge Dame hielt. Aber eine leichte Geistesstörung …«

»Halten Sie den Schnabel«, unterbrach Spedding grob. »Wenn ich auch in Ihrer Gewalt bin, so haben Sie doch nicht meine Tochter zu beschimpfen.«

»Regen Sie sich nicht auf«, bat George kühl. »Für einen Gefangenen schwingen Sie reichlich dicke Töne. Jedenfalls kommt mir das ziemlich verrückt vor, wenn sie einen erst hierher lockt und dann so tut, als ob sie selber gefangen wäre, und mich schließlich wieder befreit. Und nun hören Sie mal hübsch zu …«

»Einen Augenblick«, fuhr Spedding mit rauher Stimme dazwischen. »Sie erzählen da in einem Satz so merkwürdige Dinge, daß ich mir am liebsten an den Kopf greifen möchte. Aber ich fürchte, Sie können das falsch verstehen. Irrte ich mich oder sagten Sie wirklich, daß sich Cora in dem Haus dort befindet?«

»Tja«, meinte der Amerikaner kritisch, »vor fünf Minuten war sie jedenfalls noch drin. Ich wollte sie mitnehmen, aber davon wollte sie nichts hören.«

»Hätte ich das nur eher gewußt. Aber wer soll schon auf diesen verrückten Gedanken kommen.«

»Sie sprechen genauso komisch wie Ihr Töchterlein. Sie erzählte mir zum Beispiel, wenn sie mitkomme, dann gefährde sie das Leben ihres Vaters. Und dabei laufen Sie vergnügt in der Weltgeschichte herum.«

Spedding räusperte sich.

»Das ist wohl eine kühne Behauptung. Aber… Sie sagten, Cora habe Sie in das Haus gelockt und nun wieder befreit? Würden Sie mir das näher erläutern?«

Macroft schüttelte den Kopf.

»In dieser Geschichte scheint jeder ahnungslos zu sein, der eigentlich alles wissen müßte. Sie sind doch der Mann, der alles eingerührt hat. Aber wenn es Ihnen Spaß macht, will ich Ihnen noch mal erzählen, daß ich Ihrer Tochter folgte, als sie gestern die Hotelhalle verließ.«

»Ah, das …«

Macroft wartete, aber es kam keine weitere Äußerung. Er fuhr also fort: »Sie glitt scheinbar aus, ich war ihr behilflich und fuhr mit ihr zu diesem Haus. Als wir es betraten, probierte einer die Festigkeit meiner Schädeldecke aus. Ich fand mich hinter Gittern wieder. Außer einem verdrehten Gespräch mit einem gewissen Riquez fiel nichts Bemerkenswertes vor, bis vorhin Cora – Ihre Tochter, meine ich – meine Tür öffnete und mir empfahl, mich schleunigst zu verdrücken.«

Aus dem Dunkel kam zunächst ein unbestimmter Laut und schließlich eine etwas überraschende Frage: »Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?«

»Ich heiße George Macroft und bin seit zwei Tagen mit fünf Freunden zusammen auf der Durchreise und hoffentlich bald wieder unterwegs.«

»Verrückt«, murmelte Spedding. »Ist dieser Riquez, den Sie nannten, Ihr Freund oder Ihr Feind?«

»Ich würde mir bessere Freunde aussuchen«, sagte Macroft. »Selbstverständlich ist er mein Feind, denn er ist es doch, der mich gefangen hat.«

Speeding atmete auf. »Gut. Und was wollen Sie von mir?«

Macroft lachte grimmig auf.

»Allerhand, mein Lieber. Sie sind doch derjenige, der das Spiel in der Hand hat. Jetzt schießen Sie mal gefälligst los. Warum hat mich Cora – ihre Tochter, meine ich – hierher gelockt? Warum traut sie sich nicht, das Haus zu verlassen? Welche Rolle spielt dieser Riquez? Was beabsichtigen Sie gegen meine Freunde? Um was geht das Spiel? Fangen Sie nur mal an, ausführlich und wahrheitsgemäß. Ich habe mich lange genug an der Nase herumführen lassen, nun will ich wissen, was los ist.«

»Keine Sorge«, erwiderte Spedding. »Sie werden schon alles erfahren. Aber ich glaube, Sie können die Pistole wegstecken und mir eine Zigarette gestatten.«

»Rauchen dürfen Sie, aber wegen der Pistole warte ich doch lieber noch.«

»Sie können noch nicht wissen, daß wir im gleichen Lager stehen, wenn ich die Sache richtig überschaue. Sie sagen, daß Riquez Ihr Feind ist? Nun, er ist auch meiner.«

»Das kann jeder sagen«, meinte Macroft wegwerfend.

Ein Streichholz brannte für wenige Sekunden. Spedding zog mit tiefen Zügen, dann nahm er das Gespräch wieder auf.

»Es kann nicht anders sein. Ich begreife allerdings nicht, was Sie in dem Spiel wollen, aber das wird sich schon noch aufklären.«

»Ganz meine Ansicht, soweit Sie in Frage kommen. Ich begreife nicht, was Sie und Ihre Tochter mit der Sache zu tun haben, aber sicher werden Sie es mir noch verraten. Bis jetzt habe ich angenommen, daß Sie der Mann sind, dem der Inhalt unserer Flugzeuge in die Augen gestochen hat.«

»Davon weiß ich nichts. Der Kampf geht um die Mittelmeer-Pläne.«

Macroft beugte sich vor.

»Ihre Tochter sagte schon Ähnliches. Ich habe das für einen schlechten Witz gehalten.«

»Das ist Tatsache. Ihre Flugzeuge haben mit den Ereignissen nicht das geringste zu tun, soviel ich weiß.«

»Da hätten Sie mal Riquez hören sollen.«

»Völlig unverständlich«, flüsterte Spedding. »Ich glaube, es ist das Beste, wenn ich Ihnen den Fall von mir aus schildere.«

»Bitte.«

Der schwache Schein der glimmenden Zigarette, der bei einem gelegentlich stärkeren Zug auf das hartkantige Gesicht des Engländers fiel, zeigte die tiefen Falten in dessen Stirn und verriet etwas von dem grübelnden Ausdruck der kühlen, festen Augen dieses Mannes.

»Ich bin Ingenieur«, begann er. »In den letzten Jahren habe ich mich ausschließlich mit einem der größten technischen Probleme Europas beschäftigt, nämlich mit der teilweisen Trockenlegung des Mittelmeeres durch Schließung der Meeresenge von Gibraltar.«

Macroft räusperte sich anzüglich, und Spedding fuhr deshalb etwas betonter fort: »Ich bin kein Utopist, kein Träumer oder phantastischer Schwärmer, sondern ein sehr nüchterner Techniker. Mich hat auch wesentlich die technische Seite der Angelegenheit interessiert, also die Aufgabe, die Gibraltar-Enge durch einen Staudamm vom Atlantischen Ozean zu trennen und die entstehende Gefällekraft auszuwerten. Ich bin mir freilich bewußt, daß das nur ein Teil des ganzen Problems ist, dessen Hauptbedeutung und Hauptschwierigkeiten auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet liegen. Lassen Sie mich die Sache so kurz wie möglich andeuten. Sie wissen, daß wir in Europa an Raummangel leiden. Die Bevölkerungsdichte ist in fast allen Ländern zu groß, es fehlt an Boden, an Land. Man erwägt nun schon seit langem, wie man dem überfüllten Europa zusätzlich Boden verschaffen kann. Einige Völker entlasten sich durch Urbarmachung ihrer Ödländereien, aber darüber hinaus sind weitgehende Pläne entstanden. Man hat erwogen, die Nordsee teilweise trockenzulegen, die Sahara künstlich zu bewässern und schließlich und vor allem, den Spiegel des Mittelmeeres abzusenken.«

»Hm«, sagte Macroft, »in welchem Ausmaß und was verspricht man sich davon?«

»Bereits durch eine Senkung um zwanzig Meter würden einige hunderttausend Quadratkilometer Neuland gewonnen werden«, erklärte Spedding. »Ich habe leider keine Karte, um Ihnen das zu zeigen. Die Küsten der Mittelmeerländer verlaufen im allgemeinen ziemlich flach. Um nur einige Beispiele zu geben: Spanien würde einen Küstenstreifen von hundert und mehr Kilometer Breite gewinnen, Elba würde seinen Inselcharakter verlieren, und das Adriatische Meer würde fast zur Hälfte Land werden.«

»Allerhand. Und diese Senkung wollen Sie durch einen Damm bei Gibraltar erreichen?«

»Ja, wozu möglicherweise noch eine zweite Sperre bei den Dardanellen kommt. Der Gibraltardamm ist natürlich ein Milliardenobjekt, aber technisch durchaus ausführbar. Die Breite beträgt dort rund dreißig Kilometer, die Meerestiefe bis über zweihundert Meter. Nichts, vor dem man bei unseren Hilfsmitteln erschrecken könnte.«

»Ja, aber – das Mittelmeer müßte doch gerade zuerst soweit ausgepumpt werden, bis Sie die zwanzig Meter herunter haben. Und wie steht es dann mit den Flüssen, die es doch ständig wieder auffüllen?«

»Ein grundlegender Irrtum«, widersprach Spedding. »Der Zufluß vom Land her ist geringer, als man im allgemeinen annimmt, geringer jedenfalls als die Verdunstung. Das Wasser der Flüsse würde den Spiegel um keinen Zentimeter heben. Im Gegenteil. Wenn wir nur einige Jahre lang verhindern, daß der Atlantische Ozean sein Wasser durch die Meerenge von Gibraltar schickt, wird bereits soviel Wasser verdunstet sein, daß der Spiegel im gewünschten Maße tiefer liegt. Wir müssen dann die Dammtore öffnen, um das Mittelmeer nicht völlig austrocknen zu lassen. Es werden stündlich riesige Wassermengen bei Gibraltar passieren müssen, selbstverständlich über unsere Turbinen hinweg. Die elektrische Energie, die wir bei dieser Gelegenheit zu gewinnen hoffen, soll ganz Europa mit Strom versorgen.«

»Ein gigantischer Plan.«

Spedding seufzte.

»Ja, und was die technische Seite betrifft, ist der fix und fertig bis in alle Einzelheiten. Von mir aus könnte es morgen losgehen. Aber leider können sich die Interessenten nicht einigen. Sie können sich denken, daß der Plan ebenso viele Gegner wie Freunde hat.«

»Das ist zu erwarten.«

»Seit Monaten wird ein unterirdischer Kampf geführt, von Kabinett zu Kabinett, von Person zu Person, von Staat zu Staat und von Interessengruppe zu Interessengruppe. Neuerdings ist nun eine mächtige Gruppe auf den Gedanken verfallen, die Sache einfach damit zu erledigen, daß man die technischen Pläne vernichtet, beziehungsweise den Konstrukteur, also mich, unschädlich macht. Und hier in Lissabon hat man mich erwischt.«

Macroft steckte die Pistole ein.

»Sie wollen damit sagen, daß die Ereignisse des letzten Tages auf dieses Bestreben Ihrer Feinde zurückzuführen sind, daß also der ganze Zauber nicht mir galt oder meinen Freunden, sondern Ihnen?«

»Ich habe nie daran gezweifelt. Ich sagte Ihnen ja schon, daß es mir völlig rätselhaft ist, wie Sie überhaupt in das Spiel hereinkommen. Sehen Sie, seitdem ich nach Lissabon kam, ging es los. Man bombardierte mich mit Drohbriefen, auf die ich selbstverständlich nicht reagierte.«

»Warum benachrichtigen Sie nicht die Polizei?«

»Völlig zwecklos. Ich weiß ganz genau, welche Gruppe es ist, die auf diese Weise vorgeht. Ich könnte Ihnen Namen und Adressen ihrer bedeutendsten Leute sagen. Riquez ist nur ein untergeordnetes Organ. Aber, mein Lieber, was nützt mir das? Die Leute sind so mächtig, daß kein Polizeipräfekt es wagen würde, ihnen etwas zu tun. Ganz abgesehen davon sind sie natürlich auch so vorsichtig, sich nicht unmittelbar bloßzustellen. Die Leute, die in Erscheinung treten, sind Handlanger, die für ihre Arbeit bezahlt werden. Hier in Lissabon ist es eine Verbrecherbande, die man als die ›Schatten‹ bezeichnet.«

»Sie beachteten also die Briefe nicht?«

»Nein, denn sie zu beachten, hieße meine eigenen Pläne aufgeben. Mich persönlich kann man auch nicht so leicht erschrecken. Gestern abend fing man mich ab. Ich erwischte das falsche Auto und war schneller betäubt, als ich dachte. Man schleppte mich in irgendeine Spelunke innerhalb des Hafenviertels. Das sah ich freilich erst, als ich wieder herauskam.«

»Erstaunlich, daß Sie überhaupt wieder freigekommen sind.«

»Nun, es wäre nicht möglich gewesen, wenn der Wächter seine Aufgabe nicht gar so leicht genommen hätte. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, sah ich mir in aller Ruhe meine Umgebung an. Der Mann, der mich bewachen sollte, hielt mich wahrscheinlich noch für recht ungefährlich, denn er spazierte sorglos um mich herum. Es war eine Kleinigkeit, ihn bei der Krawatte zu kriegen, und unschädlich zu machen. Und dann bin ich auf und davon.«

»Man hat sich also Coras – ich meine, Ihrer Tochter – bemächtigt, um auf Sie einen Druck auszuüben?«

»Ja. Man drohte mir schon in den Briefen damit, daß man sie entführen wollte, und als ich den Wärter fesselte, drohte er mir ebenfalls, daß es um Coras Leben gehen würde.«

»Jetzt wird mir die Geschichte klarer. Vermutlich hat man Ihrer Tochter ebenfalls angekündigt, daß es Ihnen an den Kragen gehen wird, wenn sie das Haus verläßt. So wenigstens glaube ich mir das erklären zu können, was sie mir sagte.«

»So wird es sein. Cora wird die Redensarten, die man ihr vorsetzte, sehr ernst genommen haben, und wird es kaum wagen, sich von der Stelle zu rühren. Ich bewundere nur die Frechheit dieser Leute. Ausgerechnet in diesem Haus wird sie gefangen gehalten.«

»Ja, eben. Mir ist noch immer unerklärlich, daß Ihre Tochter mich geradezu hierher führte.«

»Kinderspiel«, meinte Spedding. »Wir haben nämlich am Vormittag diese Villa besichtigt, da wir sie für einige Wochen mieten wollten. Und ich hatte mit Cora verabredet, daß wir uns am Nachmittag hier draußen treffen wollten. Sie ist in der Annahme, daß ich bereits anwesend sei, einfach hier hereinspaziert.«

Macroft atmete hörbar auf. Das war ihm immer noch das größte Rätsel gewesen.

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fuhr der Engländer fort: »Ich habe mich an unser Konsulat gewandt und dort um entsprechende Hilfe nachgesucht, um Cora wiederzufinden. Dann bin ich losgezogen, um sie zu suchen. Und es ist noch gar nicht lange her, da fiel mir ein, daß sie vielleicht hier draußen sein könnte. Deswegen ging ich hierher und lief Ihnen so geradewegs in die Arme.«

»Etwas Besseres hätten Sie auch nicht tun können. Nun weiß ich wenigstens, was los ist. Es hat ganz den Anschein, daß man sich nur deshalb mit mir befaßt, weil ich zufällig Ihre Tochter begleitete. Unverständlich ist mir allerdings, welches Interesse Riquez für meine Kameraden hat.«

»Darüber kann ich Ihnen auch keine Auskunft geben. Es ist natürlich denkbar, daß man sich völlig unabhängig von meinem Fall auch noch des Inhalts Ihrer Flugzeuge bemächtigen will.«

»Vielleicht. Wie steht es, wollen wir nicht versuchen, Ihre Tochter aus dem Haus herauszuholen?«

»Das war mein Vorhaben. Ich wagte nicht, sie um Ihre Hilfe zu bitten, doch angenommen wird sie gern.«

»Brechen wir auf«, schlug Macroft vor.

Sie gelangten über die Mauer wieder in den Park hinein und schlichen sich vorsichtig an das Haus heran. Es lag in tiefster Ruhe. Im ersten Stock war ein einzelnes Zimmer erleuchtet, sonst wies nichts auf die Anwesenheit von Menschen hin.

»Wie ausgestorben«, murmelte Spedding.

»Je weniger, desto besser.«

Ganz so menschenleer war allerdings die Villa nicht. Sie hatten sich kaum durch die Hintertür in den unteren Flur geschlichen, als ihnen ein Mann in die Arme lief, der Macroft einmal das Essen gebracht hatte. Er hob sofort die Arme, als er die Pistole auf sich gerichtet sah.

»Nicht schießen«, bat er ängstlich, »ich habe mit der Sache nichts zu tun.«

»Leiser«, sagte Macroft. »Wer sind Sie? Was haben Sie hier im Haus zu suchen?«

»Ich bin der Diener, der telefonisch für den Haushalt für Mister Spedding angefordert wurde. Als ich hierher kam, fand ich allerdings andere Leute vor.«

Macroft sah seinen Begleiter fragend an. Der nickte.

»Es stimmt, ich habe in einem Büro jemanden telefonisch angefordert. Es kann schon der Mann sein.«

»Schön«, – Macroft wandte sich wieder an den Diener – »wir wollen Ihnen glauben. Wo ist Miß Spedding?«

»Oben in ihrem Zimmer.«

»Wer ist noch im Haus?«

»Ein gewisser Lacro, der Mann, der gestern abend mit bei Ihnen war.«

»Aha, der Vierschrötige. Wo steckt er?«

»Im Zimmer neben dem Treppenaufgang.«

»Voran!«

Man sah dem Diener an, daß ihm nicht besonders wohl zumute war, aber er schritt ohne Widerstreben voraus. Als der Gang zur Treppe umbog, wies er nach vorn auf eine Tür. Geräuschlos schlichen die beiden Männer heran und rissen sie auf.

Der Vierschrötige war viel zu verblüfft, um nach der Waffe zu greifen. Er hob die Arme und ließ sich dann fesseln, ohne seine Sprache wiederzufinden.

Nun ging es unter Führung des Dieners schleunigst in das erste Stockwerk hinauf.

Cora Spedding weinte vor Freude, als sie ihren Vater plötzlich vor sich sah, beherrschte sich aber bald. Jeden Augenblick konnten neue Komplicen Riquez’ in der Villa eintreffen. Grund genug, um alle Gefühlsäußerungen zurückzustellen und sich vor allen Dingen erst einmal in Sicherheit zu bringen.

Zehn Minuten nach der Überwältigung des Vierschrötigen verließen die drei Personen das Haus.

 

*

 

Das Licht im Hangar war nicht übermäßig hell, brannte aber stark genug, um die fünf Freunde die mißliche Lage klar erkennen zu lassen. Jeder von ihnen starrte in einen besonderen Pistolenlauf, und es sah ganz so aus, als ob die falschen Polizisten bei der geringsten Bewegung, die ihnen nicht paßte, schießen würden.

Der Anführer des Trupps streckte gerade die Hand aus, um Wighton abzutasten, als die schmale Stahltür aufgerissen wurde und eine klangvolle Stimme rief: »Hallo, alles wohlbehalten eingetroffen? Nanu …«

Die falschen Polizisten fuhren herum.

In dem grauen Rahmen der Tür stand vor dem schwarzen Hintergrund der Nacht ein hochgewachsener schlanker Jüngling, dessen Körper an biegsamen Stahl erinnerte. Sein Gesicht, dessen Haut wie helle Bronze leuchtete, war edel geschnitten und trug den Ausdruck eines hochkultivierten Adels. Über seiner hohen Stirn spielten in der leichten Nachtluft gewellte Haare von einem eigentümlich lichten Blond. Am eindrucksvollsten waren die Augen. Es waren die Augen eines Herrschers von Natur aus, groß und leuchtend und sieghaft.

Und jetzt wandelte sich der Ausdruck dieser Augen von freudiger Heiterkeit zu drohendem Ernst.

Die Verbrecher warfen sich herum, brachten ihre Pistolen in der neuen Richtung in Anschlag und riefen wie aus einem Mund: »Hände hoch!«

Die Freunde hoben die Köpfe.

»Sun Koh?«

Sie warfen sich schnell wieder zu Boden, gegen die Füße der falschen Polizisten.

»Hände hoch!«

Die Verbrecher dachten nicht daran, diesem Befehl Sun Kohs Folge zu leisten. Man konnte es ihnen nicht gut verdenken, wenn sie es nicht taten, denn vor ihnen stand ja nur ein einziger Mann mit einer Pistole. Mehr als einen Schuß hatte er nicht, dann war er erledigt – meinten sie.

Sie sahen sehr bald ein, daß ihre Berechnung nicht stimmte.

Sun Koh hatte den Hangar völlig ahnungslos betreten. Er war als erster aus dem landenden Flugzeug herausgesprungen und hatte sich sofort an die Flughafenwache gewandt, die in heller Bestürzung über die unangemeldete nächtliche Landung über den Platz gerannt kam.

»Es müssen sechs Männer mit drei Flugzeugen sein, wo kann ich sie finden?«

Einer der Männer wies über den Platz.

»Dort drüben im Hangar, ganz rechts. Aber wie kommen Sie…«

»Fragen Sie die beiden, die hinter mir kommen.« Sun Koh eilte davon.

Und dann hatte er die Tür aufgerissen und seine Freunde plötzlich in einer Situation gefunden, von der er sich nichts hätte träumen lassen.

Es gehörte nicht viel dazu, um zu erkennen, daß diese Polizisten als Feinde auftraten. Bewunderungswürdig aber war, wie schnell Sun Koh daraufhin handelte.

Die Polizisten schwenkten noch ihre Waffen herum, als Sun Koh schon die Pistole herausriß. Und als er sah, daß die Leute seinem Befehl nicht Folge leisteten, daß ihre Finger sich krümmten, da flammten aus seiner Waffe die Feuerstrahlen.

Fünf peitschenartige Schläge, die so unmittelbar aufeinander folgten, daß man sie kaum unterscheiden konnte, knallten durch die Halle. Fünf stimmig gellten die Flüche, fünf Mann ließen die Pistolen aus den zerschossenen Händen fallen. Der sechste, der Anführer, war in der glücklichen Lage, gerade unbewaffnet zu sein. Er ersparte sich dadurch die Verletzung.

»Hier gibt’s wohl Salutschüsse?« erkundigte sich Hal Mervin, der hinter Sun Koh neugierig den Kopf vorstreckte.

»Keine schlechte Bezeichnung«, sagte Sun Koh und ließ den Jungen vorbei. »Sieh dir die Geschichte nur an.«

Hal kam gerade zurecht, um beim Fesseln mitzuhelfen.

»Na«, meinte er bedenklich, »da wollen wir uns nur schleunigst verkrümeln, sonst macht man uns hier den Prozeß. Wenn ich nicht irre, gibt es auf Widerstand gegen die Staatsgewalt einige Jahre.«

»Keine Sorge«, beruhigte ihn John Wighton, »das sind keine echten Polizisten. Die Kerle haben sich nur so angezogen.«

»Hier ist doch kein Maskenball. Warum denn der Aufzug?«

»Ja«, erkundigte sich Sun Koh, »was soll denn das alles bedeuten? Hat es hier Schwierigkeiten gegeben? Und vor allem: wo ist Macroft?«

Jack Gorm, an den er die Frage richtete, hob mit kleinlauter Miene die Schulter.

»Seit gestern verschwunden. Wir wissen noch nicht, wohin.«

Hal, der nur den Namen des Vermißten aufgeschnappt hatte, rief: »Wo ist denn eigentlich Mister Macroft?«

»Hier!« meldete sich Macroft von der Tür aus.

Jubelrufe begrüßten ihn.

Die Kameraden wurden aber schnell wieder ruhig, als sie hinter ihm einen unbekannten Herrn und eine junge Dame eintreten sahen – Spedding und Tochter.

Es dauerte eine ganze Weile, bis man sich im Kreis gruppiert hatte und zu berichten begann. Als erster erzählte George Macroft, was ihm widerfahren war, dann kam Mister Spedding an die Reihe, schließlich Jack Gorm.

Die Freunde waren sehr erstaunt, als sie erfuhren, daß im Mittelpunkt aller Ereignisse nicht der Schatz der Mayas, sondern völlig unbekannte Dokumente gestanden hatten.

Spät in der Nacht traf der telefonisch beorderte Polizeiwagen ein und holte die Verbrecher ab, die man mittlerweile fein säuberlich in eine Ecke des Hangars geschichtet hatte.

Es blieb für immer ungeklärt, wieso die ›Schatten‹ hatten erfahren können, daß der Kriminalinspektor eine Wachtruppe für den Hangar zugesagt hatte. Die echten Polizisten hatten die Präfektur verlassen, aber sie waren nicht sehr weit gekommen. Noch innerhalb der Stadt waren sie durch ein Auto aufgehalten worden, und dann hatte eine Gasbombe dafür gesorgt, daß sie für einige Zeit das Bewußtsein verloren. Sie kamen am anderen Morgen in einer alten Baracke wieder zu sich und trafen ziemlich kleinlaut auf ihrer Dienststelle ein. Die dunkle Ahnung des Inspektors hatte sich bestätigt. Innerhalb der Präfektur selbst mußten Verbindungsleute sitzen, die über alles orientiert waren, was vorging.

Die Villa, die Spedding gemietet hatte, wurde leer gefunden. Der Vierschrötige war verschwunden, ebenso Riquez. Sie ließen sich in der nächsten Zeit nicht wieder sehen, mindestens so lange nicht, wie Sun Koh und seine Kameraden sich in Lissabon aufhielten.

Das waren allerdings nur zwei Tage.

Mister Spedding machte seinen Entschluß, den er Macroft gegenüber geäußert hatte, wahr. Er setzte in kürzester Frist, nämlich bereits am anderen Tag, seine Tochter auf die Bahn und schickte sie in ihre Heimat zurück, nach England.

George Macroft wäre nicht verliebt gewesen, wenn er nicht eine Gelegenheit gefunden hätte, mit Cora Spedding vor ihrer Abreise noch einige Worte unter vier Augen zu sprechen. Es war nicht viel, was die beiden jungen Menschen miteinander redeten, es war vielleicht für den Außenstehenden sogar bedeutungslos, aber für die beiden war in den wenigen Worten, im Händedruck und in einem langen Blick die ganze Welt beschlossen. Das Mädchen wußte, daß es auf diesen Mann warten müsse, und wenn es ein Jahrzehnt dauern sollte. Und Macroft wußte mit der gleichen Eindeutigkeit, daß er eines Tages in eine kleine Stadt des Norfolker Bezirks fahren würde, um den Kreis seiner Liebe zu schließen.

Hal hatte natürlich innerhalb von drei Minuten erfaßt, wie es zwischen den beiden stand.

Als der Zug zum Bahnhof hinausrollte und George Macroft mit merkwürdiger Miene hinterherstarrte, kam er gewissermaßen auf Zehenspitzen von hinten heran und gab ihm einen sanften Stoß.

»Mister Macroft, der Zug ist seit fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Aber ich habe etwas für Sie. Was geben Sie?«

Macroft sah ihn eine Weile geistesabwesend an, dann murmelte er nicht übermäßig freundlich. »Keine Bedürfnisse, mein Sohn.«

Hal sah ihn verschmitzt von unten an.

»Na schön, dann behalte ich eben das Taschentuch für mich.«

Macroft riß die Augen auf.

»Was für ein Taschentuch?«

Hal wedelte mit einem weißen Tuch durch die Luft.

»Eins von Miß Spedding selbstverständlich.«

»Her damit!«

Mit einer blitzschnellen Bewegung riß es Macroft an sich, warf einen Blick auf das Monogramm.

»Wo hast du es her?«

Hal grinste. »Geklaut. Aber sie hat es bestimmt nicht gemerkt. Ich weiß doch genau, wie das ist. Erst denken Sie an gar nichts und hinterher ärgern Sie sich, daß Sie noch nicht einmal irgendein bißchen was haben, was Sie sich heimlich nachts unters Kopfkissen legen können. Das ist nun einmal so bei verliebten Leuten.«

Macroft fühlte die Röte in seinem Gesicht aufsteigen und holte aus. Aber Hal schnitt ihm eine Grimasse und rannte davon.

Vierundzwanzig Stunden später verließen sie alle mit ihren Flugzeugen die Stadt Lissabon. Es wurde Zeit, daß man endlich an die Aufgabe ging, um deretwillen man auch nach Europa gekommen war: nämlich die Schätze an Gold, Diamanten und Perlen, die in den Flugzeugen lagen, in den Staatsbanken der Großstaaten unterzubringen oder sie in die landesüblichen Währungen umzutauschen.

 

3.

Bernard Lepont, Direktor der Bank von Frankreich, verneigte sich tiefer als sonst, als sein Besucher eintrat. Der hochgewachsene, schlanke Fremde mit dem kraftvollen, hellen Gesicht beeindruckte ihn außerordentlich, da er ungefähr so aussah, wie es sich Bernard Lepont von sich selbst genug gewünscht hatte.

»Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen dienlich zu sein«, versicherte er verbindlich, nachdem sie Platz genommen hatten. »Darf ich Sie bitten, Ihre Wünsche zu äußern?«

Sun Koh stellte eine schlichte Stahlkassette in der doppelten Größe einer Zigarrenkiste auf den Schreibtisch.

»Ich möchte zunächst diese Kassette bei Ihnen zur Aufbewahrung geben. Man hat mir versichert, daß die Gewölbe der Bank von Frankreich zu den sichersten der Welt gehören.«

Lepont reckte seinem Besucher die Handfläche hin. Mit dieser feierlichen Geste betonte er: »Es sind die sichersten der Welt, mein Herr. Es gibt nicht den Schimmer einer Möglichkeit, durch die Ihr Depot gefährdet werden könnte.«

»Ausgezeichnet.« Sun Koh schlug den Deckel der Kassette zurück. »Der Inhalt des Kastens ist ziemlich wertvoll. Er besteht aus Edelsteinen, wie Sie sehen.«

Lepont atmete tief auf, als er die blitzenden Steine betrachtete. Selbst für ihn war diese Ansammlung größter Steine etwas Neues und Eigenartiges.

»Bewunderungswürdig«, murmelte er. »Diese Steine stellen ein gewaltiges Vermögen dar, wenn sie…«

Höflicherweise brach er ab.

»Sie sind echt«, sagte Sun Koh ruhig. »Diese Kassette also bitte ich Sie aufzubewahren. Sie weisen mir dafür wohl einen besonderen Safe an, der durch zwei verschiedene Schlüssel zu schließen ist. Der eine Schlüssel soll bei Ihnen bleiben, den anderen bitte ich mir auszuhändigen. Ich werde ihn meinem Beauftragten übergeben, der jederzeit das Recht hat, den Inhalt des Safes in Anspruch zu nehmen.«

»Wie Sie wünschen«, stimmte Lepont zu. »Im allgemeinen ist es freilich üblich, daß unsere Kunden ein Verzeichnis aller Werte mit den zugehörigen Taxen anfertigen lassen, damit bei etwaigen Verlusten …«

»Ich verzichte darauf«, sagte Sun Koh. »Sie würden Ihren Sicherheitseinrichtungen auch ein schlechtes Zeugnis ausstellen.«

»Alte Gewohnheit«, erklärte Lepont. »Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir uns zu den Safes begeben.«

»Noch einen Augenblick«, bat Sun Koh. »Ich möchte nicht nur diesen Kasten hinterlegen, sondern außerdem ein Konto bei Ihnen eröffnen.«

»Ausgezeichnet«, freute sich der Bankdirektor.

»Die Deckung für dieses Konto wird Ihnen etwas ungewöhnlich erscheinen«, fuhr Sun Koh fort. »Ich beabsichtige nämlich, der Bank von Frankreich eine gewisse Menge Barrengold zu verkaufen.«

Lepont stutzte. In einer Zeit, in der Gold fast ausschließlich im Besitz der Staaten zu finden war, berührte es seltsam, wenn ein Privatmann Barrengold anbot. Aber um so besser.

»Selbstverständlich«, sagte er schnell. »Gold ist stets willkommen, auch bei unserer Bank. Wir müßten selbstverständlich zunächst eine Feinheitsprüfung vornehmen und würden den Gegenwert dann auf Ihr Konto gutschreiben. Um welche Menge handelt es sich, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«

»Zwei Tonnen.«

Lepont beugte sich ruckhaft vor.

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922325
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437857
Schlagworte
taschenbuch gold katakomben

Autor

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Titel: Sun Koh Taschenbuch #32: Gold in den Katakomben