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Sun Koh Taschenbuch #28: Männer unter dem Eis

©2018 169 Seiten

Zusammenfassung

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.
Gegen die Expedition, die mit Kapitän Bardeny in einem supermodernen Tauchboot den Pol zu erreichen versucht, scheinen sich die Mächte des Schicksals verschworen zu haben. Nach einem Unfall sitzen die Männer ohne Aussicht auf Rettung im ewigen Eis fest. Jeder weiß, daß dem ersten Opfer der Tragödie bald weitere folgen werden – und jeder kann der nächste sein. Als Sun Koh das Boot aus dem Eis herauszuschmelzen versucht, ergreift ein skrupelloser Mann die Gelegenheit zur Flucht – mit dem einzigen Mittel, das Rettung verspricht. Den sicheren Tod vor Augen, faßt die Expedition einen Plan. Doch bald ist nur noch eine Handvoll Männer übrig. Am Ende mit ihren Kräften, beginnt für sie erst jetzt die wahre Hölle…

Leseprobe

Table of Contents

Männer unter dem Eis

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

8.

Männer unter dem Eis

Sun Koh Taschenbuch #28

Phantastisches Abenteuer

von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 169 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.

Gegen die Expedition, die mit Kapitän Bardeny in einem supermodernen Tauchboot den Pol zu erreichen versucht, scheinen sich die Mächte des Schicksals verschworen zu haben. Nach einem Unfall sitzen die Männer ohne Aussicht auf Rettung im ewigen Eis fest. Jeder weiß, daß dem ersten Opfer der Tragödie bald weitere folgen werden – und jeder kann der nächste sein. Als Sun Koh das Boot aus dem Eis herauszuschmelzen versucht, ergreift ein skrupelloser Mann die Gelegenheit zur Flucht – mit dem einzigen Mittel, das Rettung verspricht. Den sicheren Tod vor Augen, faßt die Expedition einen Plan. Doch bald ist nur noch eine Handvoll Männer übrig. Am Ende mit ihren Kräften, beginnt für sie erst jetzt die wahre Hölle… 

Die phantastische Abenteuer-Serie SUN KOH von Freder van Holk erschien zum ersten Mal in den 1930er Jahren und wurde nach dem zweiten Weltkrieg in jeweils unterschiedlich bearbeiteten Heft- und Buchausgaben neu herausgebracht – zuletzt in einer Taschenbuchausgabe Ende der 1970er Jahre.

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Hauptpersonen Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1.

Das Vermessungsschiff »Neptun II« hob und senkte sich träge unter den langen Wellen, die unter ihm hindurchliefen und die letzten brüchigen Eisschollen trugen.

Im Funkraum stand Kapitän Gaadburn vor der großen Meßkarte mit ihren halbfertigen Schraffuren und ließ die Ergebnisse der bisherigen Lotungen und Messungen lebendig werden. Ein Stück von ihm entfernt lehnten Sun Koh und Hal Mervin an der Tischkante und hörten aufmerksam zu. Am Funkpult saß der Funker mit den Klemmen am Ohr und horchte nach hinten, während er seine Lampen beobachtete.

»Die Schwelle ist also vorhanden«, faßte der Kapitän zusammen, »aber es handelt sich mit einer schon fast an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit um eine Bruchschwelle. Trotz der Jahrtausende und ihrer Sedimente sind die Bruchlinien noch klar feststellbar, und die Bodenproben bestätigen den Befund. Wir haben Basalte heraufgeholt, die…«

»Danke«, unterbrach Sun Koh. »Das würde also bedeuten, daß wir jetzt die nördliche Bruchlinie des ehemaligen atlantischen Kontinents unter Kontrolle bekommen?«

»Es sieht so aus.«

»So weit nach Norden reichte Atlantis?« fragte Hal. Sun Koh nickte.

»Ja. Atlantis lag im Nordatlantik, und unter diesem Breitengrad war damals das Klima erheblich milder als jetzt. Der Golfstrom, der jetzt Europa zugute kommt, wärmte damals das nördliche Atlantis auf.«

Der Funker riß den dünnen Papierstreifen ab, der sich aus seinem Apparat herausschlängelte, erhob sich und trat an den Kapitän heran.

»Auf Seenotwelle, Kapitän.«

Kapitän Gaadburn überflog die Morsezeichen und gab sie an Sun Koh weiter.

»SOS – SOS – Tauchschiff ›Nautilus‹, 86 Grad nördlich und 110 Grad östlich – haben Maschinenschaden – sind aufgestiegen, aber es ist uns nicht mehr gelungen, durch die Eisdecke hindurchzukommen. Wir bitten dringend um Hilfe und erwarten Antwort. SOS – SOS – Tauchschiff…«

Die Blicke der Männer trafen sich. Nach einer Pause sagte Sun Koh nachdenklich: »Die ›Nautilus‹ ist nicht zum erstenmal unter dem Eis. Für ein Marineboot ist es etwas merkwürdig, so unverschlüsselt zu senden, vor allem in dieser Position, nicht wahr?«

»Hm, falls es die amerikanische ›Nautilus‹ ist«, überlegte der Kapitän laut. »Der Name scheint seit Jules Verne eine besondere Anziehung zu besitzen. Versuchen Sie, Sprechverbindung zu bekommen.«

»Ja, Sir. Sie senden allerdings sehr schwach.«

Er kehrte zu seinem Platz zurück.

»Auf jeden Fall schlecht«, meinte Kapitän Gaadburn. »Diese Position – das ist russisches Hoheitsgebiet. Und die Russen lieben es nicht besonders, wenn…«

»Sie lassen auch niemand in Seenot, aber es fragt sich, ob man an diese Leute herankommt. Eisbrecher nützen dort nichts, Flugzeuge…«

»Die Sprechverbindung, Capt’n«, meldete der Funker. »Hallo, hier Vermessungsschiff ›Neptun II‹ auf Sendung. Versuchen Sie durchzukommen.«

Er reichte dem Kapitän und Sun Koh Kopfhörer zum Mithören und sprach dabei weiter: »Gut, gut, Sie kommen. Sehr leise, aber wir hören. Geben Sie Ihre Nationale und die Situation. Ich schalte um.«

»Tauchschiff ›Nautilus‹«, kam leise und zischelnd die Antwort. »Eigentümer und Kapitän Wilbur Bardeny, Heimathafen New York. Wir senden mit voller Kraft, haben aber nicht mehr viel Reserve in den Batterien. Falls die Verbindung abreißt, bitten wir Sie, sich an James Mallin, den Sekretär von Kapitän Bardeny, zur Veranlassung alles Weiteren zu wenden. 16 Cypress Hills, Brooklyn. Das ist die Adresse von Kapitän Bardeny. Wir befinden uns auf Polfahrt unter dem Eis. Gestern bekamen wir Maschinenschaden. Wir versuchten aufzusteigen. Das gelang uns zunächst, doch dann brannten die Wärmeleitungen durch, so daß wir auf halbem Weg steckenblieben und einfroren. Wir befinden uns ungefähr fünf Meter unter dem Eis, können uns aber nicht mehr selbst freimachen. Mit Sauerstoff und Nahrung sind wir ausreichend versorgt, aber wir können uns nicht gegen die zunehmende Kälte schützen. Dazu bedrückt die Ungewißheit über unser Schicksal. Wir bitten Sie, sofort Mallin in New York zu verständigen. Sie erreichen ihn auf der gleichen Welle. Unsere Sendeenergie reicht offenbar nicht mehr bis New York. Hören Sie uns noch?«

»Wir haben alles gehört«, antwortete der Funker. »Sie sind jedoch kaum mehr hörbar. Hören Sie auf zu senden. Sie werden den Rest für die Peilung brauchen. Senden Sie erst wieder, wenn Sie Anweisung dazu erhalten. Wir werden alles tun, um Sie herauszuholen. Schluß.«

Er blickte zu Sun Koh auf. Dieser nickte ihm zu und nahm den Hörer ab.

»Gut. Rufen Sie jetzt auf 18,72 unseren Vertreter in New York. Enßlen heißt er.«

Der Funker nickte zurück und widmete sich seinen Skalen. Etwas später meldete er: »New York. Hallo, New York – Mr. Enßlen persönlich für Mr. Sun Koh – wir warten – Mr. Enßlen? Moment, bitte…«

»Hallo, Mr. Enßlen? Sun Koh. Ich brauche einige Angaben über einen Kapitän Wilbur Bardeny, Heimatadresse 16 Cypress Hills, Brooklyn, New York, und dessen Sekretär James Mallin.«

»Moment, bitte, ich gebe sofort Auftrag. Sie meinen diesen Bardeny, der im Tauchboot zum Nordpol wollte?«

»Das wird der richtige sein.«

»Eine umstrittene Persönlichkeit, soviel ich weiß. Er besaß einen guten Namen als Forscher, doch jetzt halten ihn die einen für einen Wirrkopf und die anderen nur für einen Pechvogel. Er war der erste, der unter der Eisdecke des Polargebietes zum Nordpol vorstoßen wollte. Er hat darüber viel Lärm gemacht und die Reklametrommel rühren lassen, was das Zeug hielt. Das ist aber schon viele Jahre her. Damals kaufte er auch der Marine ein altes Tauchboot ab, ließ es umbauen und bereitete sich mit großem Pressetamtam auf die Tauchfahrt unter dem Eis vor. Leider bekam das Boot dann Maschinenschaden, bevor es überhaupt richtig an das Polareis herangekommen war. Bardeny mußte sich kläglich abschleppen lassen und sah sich dem allgemeinen Gelächter preisgegeben. Seitdem ist es still um ihn geworden. Der Erfolg, von dem er geträumt hat, fiel dann der ›Nautilus‹ zu, dem amerikanischen Marineboot, das als erstes unter dem Eis den Nordpol erreichte.«

»Befindet sich Bardeny in New York?«

»Das lasse ich eben durch meinen Sekretär… Aha, er ist eben fertig mit Telefonieren. Miß Ellinor Bardeny, die Tochter des Kapitäns, befand sich am Apparat. Sie erklärte, ihr Vater sei verreist, aber sie wisse nicht, wohin. Mr. Mallin, der Sekretär, befindet sich irgendwo in der Stadt und kommt erst am Abend zurück.«

»Danke. Bitte, stellen Sie weitere Nachforschungen an, insbesondere darüber, ob sich Kapitän Bardeny ohne Wissen der Öffentlichkeit auf einer neuen Tauchbootfahrt befinden könnte. Ich bin in wenigen Stunden persönlich bei Ihnen. Schluß.«

»Komische Familie!« murmelte Hal Mervin. »Bardeny steckt am Nordpol und friert bis auf die Knochen, seine Tochter weiß von nichts, und der Herr Sekretär macht einen Stadtbummel.«

»Jetzt die Zentrale«, wies Sun Koh den Funker an. »Verlangen Sie Abteilung 0/16. Wir werden einige Spezialanweisungen brauchen. Hal, gib Nimba Bescheid. Wir starten in Kürze nach New York. Bis dahin läßt du mich besser allein.«

»Bis dahin bessere ich mich allein«, murmelte Hal und verschwand.

 

*

 

Ellinor Bardeny war ein junges Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren. Sie war hübsch, wirkte vor allem aber deshalb sympathisch, weil sie schlicht und ungekünstelt blieb.

»Am Telefon wurde mir gesagt, daß es sich um eine Angelegenheit handelt, die meinen Vater betrifft«, sagte sie, nachdem sie Sun Koh begrüßt hatte.

»Ja«, bestätigte er. »Ich hatte allerdings immer noch gehofft, Ihren Vater selbst sprechen zu können.«

»Da müßten Sie schon nach Europa fahren«, erwiderte sie lächelnd. »Er ist dort auf Reisen. Ich habe selbst seit fast zwei Wochen keine Nachricht von ihm und weiß nicht einmal, wo er sich jetzt befindet.«

Sun Koh hatte das Gefühl, einen Umweg machen zu müssen.

»Vielleicht begegne ich ihm noch durch Zufall. Hat Ihr Vater übrigens nicht einmal den Versuch gemacht, den Nordpol im Unterseeboot zu erreichen?«

Das Gesicht des jungen Mädchens überschattete sich.

»Ja, das stimmt, aber wenn Sie ihn treffen, sprechen Sie besser nicht davon. Mein Vater hat den Schlag nie recht verwinden können. Er ist leidenschaftlicher Forscher und hat schon manchen hervorragenden Erfolg gehabt. Als er damals schon kurz nach Antritt seiner Reise umkehren mußte, weil er sich in technischen Dingen auf andere verlassen hatte, hat ihn der Spott unverständiger Leute fast zerbrochen. Er hat sich nur schwer darüber hinweggesetzt, daß man alle seine bisherigen Verdienste vergaß und ihn gewissermaßen zum Harlekin machte. Ich habe ihn fast in Verdacht, daß er jetzt auch nur unterwegs ist, um die Vorbereitungen für eine neue Expedition zu treffen, die seine Ehre wiederherstellen soll.«

Wenn Kapitän Bardeny sich auf Nordpolfahrt befand – seine Tochter war bestimmt ahnungslos.

»Ernsthafte Menschen werden ihn sicher nicht verurteilen«, sagte er. »Ich selbst hoffe jedenfalls, ihn noch kennenzulernen. Für heute müßte ich mich wohl an Mr. Mallin, den Sekretär Ihres Vaters, wenden. Könnten Sie mir noch heute eine Unterredung mit ihm ermöglichen?«

Sie sah ihn aufmerksam an.

»Mr. Mallin wird wie alle Tage sehr bald eintreffen. Aber Sie wollten doch mit mir etwas besprechen, das meinen Vater betrifft?«

»Es betrifft Ihren Vater vermutlich gar nicht«, sagte er zögernd. »Ich habe ganz zufällig eine Funknachricht aufgefangen. Sie stammt angeblich von einem Tauchschiff, das sich unter der Leitung eines Kapitäns Bardeny auf der Fahrt zum Nordpol befindet. Ich wollte nun gern erfahren, ob Ihr Vater etwas mit dieser Angelegenheit zu tun hat.«

Das junge Mädchen war sehr blaß geworden.

»Also doch«, flüsterte sie, »also doch. Meine Ahnung.«

Sun Koh sah, wie mühsam sie sich beherrschte. Er war froh, daß er ihr nicht die volle Wahrheit gesagt hatte.

»Sie nehmen an, daß Ihr Vater diese Expedition leitet?«

»Ja, er ist es bestimmt.«

»Sie wußten bereits davon?«

»Nein, aber ich befürchtete es insgeheim. Ich war so unruhig. Vater verhielt sich beim Abschied so merkwürdig. Und dann war er vorher schon immer unterwegs gewesen, manchmal gleich wochenlang. Aber ich dachte nicht, daß es schon soweit ist. Ich ahnte nur, daß er nicht eher Ruhe finden würde, als bis ihm eine Ausführung seiner damaligen Absichten geglückt ist, aber ich glaubte immer, er stehe noch in den ersten Vorbereitungen.«

Sun Koh schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe nicht, warum er Ihnen seine Absichten verschwiegen haben sollte.«

Sie lächelte traurig.

»Ich hätte ihn nicht fahren lassen. Vielleicht hätte ich sogar die Presse mobil gemacht. Das wäre Grund genug für ihn gewesen, nicht zu fahren. Er fürchtete die Öffentlichkeit und sagte manchmal, daß er auf allerstrengste Geheimhaltung achten würde, wenn er sich wieder einmal auf Expedition begeben würde.«

»Es scheint Ihnen also möglich, daß er sich jetzt im Polargebiet befindet, ohne daß jemand davon weiß?«

»Es ist sicher. Mallin müßte allerdings im Bilde sein.«

»Die Nachricht, die ich auffing, war eigentlich für ihn bestimmt.«

»Also weiß er genau Bescheid«, sagte sie mit einem Anflug von Ärger. »Können Sie mir sagen, was die Nachricht enthielt? Wie geht es meinem Vater?«

»Zweifellos gut«, beruhigte Sun Koh. »Eigentlich handelte es sich nur um eine Mitteilung, daß alles wohlauf sei. Mr. Mallin wird die Nachricht sicher aufgefangen haben. Sie besitzen doch Empfangsapparate?«

»Mehrere, sogar einen kleinen Kurzwellensender. Sie haben die Nachricht sicher gestern abend aufgefangen, nicht wahr, denn sonst war ja Mallin nicht im Haus.«

»Es war gestern abend«, log Sun Koh abermals. »Ich entnahm übrigens aus ihr, daß sich Ihr Vater schon auf der Rückreise befindet und bald wohlbehalten wieder einzutreffen gedenkt.«

»Gott sei Dank«, sagte sie aufatmend. »Übrigens scheint Mallin jetzt zu kommen.«

Sie klingelte und gab dem erscheinenden Diener Anweisung, Mr. Mallin herzubitten.

Mallin, der bald darauf erschien, war ein großer Mann Mitte der Dreißig mit dunklem Teint und glattem, schwarzem Haar. Haltung, Bewegung und ein fast ausdrucksloses Gesicht verrieten sehr viel Beherrschung. Er war sicher ein vorzüglicher Sekretär, wenn man auf Unauffälligkeit und Schweigsamkeit achtete.

Ellinor Bardeny stellte vor und griff unmittelbar darauf schon an.

»Ich erfahre eben, Mr. Mallin, daß sich mein Vater auf Expedition im Polargebiet befindet. Mit welchem Recht haben Sie mir das verschwiegen?«

Mallin verbarg seine Überraschung leidlich geschickt hinter einem Hüsteln. Sein Blick flackerte zu Sun Koh hinüber.

»Äh, Ihr Vater ist doch in Europa und…«

Sun Koh griff ein.

»Ich fing gestern abend, wahrscheinlich zu gleicher Zeit mit Ihnen, eine Nachricht aus dem Polargebiet auf, die für Sie bestimmt war. Das Tauchboot Kapitän Bardenys teilte mit, daß es sich auf der Rückfahrt vom Nordpol befinde und…«

Sun Koh setzte unwillkürlich ab, weil Mallin plötzlich alle Merkmale eines Schreckens zeigte. Eine Winzigkeit später fuhr er fort: »… und daß sich an Bord alles wohl befinde. Die Nachricht wird Ihnen nichts Neues bringen, nicht wahr?«

»Allerdings nicht«, sagte Mallin etwas heiser. »Ich – Ihr Vater wollte es so, Miß Bardeny.«

»Trotzdem hätten Sie mir davon erzählen können«, beharrte sie.

»Sie müssen Mr. Mallin schon entschuldigen«, mischte sich Sun Koh wieder ein. »Er handelte ja nur seinen Anweisungen gemäß. Im übrigen bitte ich, mich verabschieden zu dürfen. Es genügt mir, die Bestätigung zu haben, daß die aufgefangene Nachricht keine Täuschung war. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mr. Mallin, würde ich Sie allerdings noch bitten, mir Ihren kleinen Sender vorzuführen. Es handelt sich sicher um eine Spezialkonstruktion, und ich interessiere mich ungemein für solche Dinge.«

Mallin deutete Sun Kohs Blicke richtig.

»Sicher, der Apparat ist ganz bemerkenswert. Es wird mir ein Vergnügen sein.«

»Wird mein Vater heute wieder Nachricht geben?« fragte das junge Mädchen.

Mallin hob die Schultern.

»Ich weiß nicht, aber es ist leicht möglich. Ich würde sie Ihnen sofort überbringen.«

»Das will ich hoffen!«

Sun Koh verabschiedete sich und ging zusammen mit Mallin hinaus.

Nach Minuten standen sich die beiden Männer in einem dunkel gehaltenen Arbeitszimmer gegenüber. Mallin wies auf die Sessel.

»Wenn ich Sie recht verstand, wollen Sie mich unter vier Augen sprechen?«

Das klang höflich, verriet aber doch, daß die Antipathie gegenseitig war.

»Ja«, bestätigte Sun Koh, »es würde mich freuen, wenn Sie mir nähere Mitteilungen über Mr. Bardenys Expedition machen würden.«

»Dazu bin ich leider nicht befugt«, lehnte Mallin ziemlich schroff ab. »Ich bin angewiesen, die Expedition als Geheimnis zu wahren, bis Mr. Bardeny zurückkehrt. Sie sahen ja selbst, daß sogar seine Tochter nichts davon wußte.«

»Ganz recht. Nachdem ich aber durch einen Zufall Mitwisser geworden bin, hat sich die Sachlage doch wohl geändert. Außerdem besagte doch die gestrige Nachricht, daß Mr. Bardeny sich bereits auf der Rückkehr befinde.«

Mallin ging glatt in die Falle und gab damit Sun Koh die Bestätigung, die er brauchte.

»Das ist richtig«, erwiderte er. »Aber bevor sich Mr. Bardeny nicht wieder hier befindet, muß ich bedauern.«

Sun Koh ließ einige Sekunden verstreichen.

»Vielleicht haben Sie recht, Mr. Mallin. Es kann sich ja immer noch allerlei ereignen. Können Sie sich eigentlich jederzeit mit Kapitän Bardeny in Verbindung setzen?«

»Gewiß – das heißt, es kommt natürlich ganz auf die atmosphärischen Verhältnisse an.«

»Aber gestern abend haben Sie gut empfangen?«

»Ausgezeichnet.«

»Das ist recht bemerkenswert, Mr. Mallin.« Sun Koh ging zum Angriff über. »Sie haben gestern abend eine Nachricht empfangen, die überhaupt nicht gesendet wurde.«

Mallin zog die Brauen scharf zusammen.

»Das – soll wohl ein Scherz sein?«

»Nein«, gab Sun Koh kurz zurück. »Ich habe diese Nachricht frei erfunden.«

Mallin legte die Handflächen gegeneinander und ließ sie langsam aneinander vorbeigleiten, eine Geste, durch die er seine Erregung ableitete.

»Ah«, erwiderte er überlegen. »Dieses Zusammentreffen ist in der Tat bemerkenswert. Ich habe die Nachricht jedenfalls wirklich empfangen. Übrigens, woher stammen denn Ihre Kenntnisse von Mr. Bardenys Nordpolfahrt?«

»Warum lügen Sie, Mr. Mallin?« fragte Sun Koh zurück.

Mallin streckte sich.

»Ich muß doch sehr bitten!«

»Sie lügen«, beharrte Sun Koh. »Ich halte es für ausgeschlossen, daß Sie überhaupt eine Nachricht von Mr. Bardeny empfangen können. Dazu würde ein ganz außergewöhnlich konstruierter Apparat gehören, den Sie sicher nicht im Besitz haben.«

»Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?« meinte Mallin hochfahrend.

»Ich besitze einen solchen Empfänger von außergewöhnlichen Eigenschaften und konnte trotzdem Mr. Bardenys Botschaft nur ganz schwach aufnehmen. Denn ich fing tatsächlich eine Nachricht auf.«

»Aber Sie sagten doch eben…«

»Meine Nachricht ist erst einige Stunden alt«, unterbrach Sun Koh. »Sie besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß das Tauchboot im Eis eingefroren ist und sich die Besatzung als verloren betrachtet, wenn nicht bald Hilfe kommt.«

Mallin ruckte schnell vor.

»Ach!«

Es war zwar eine große Überraschung für Mallin, aber keine schmerzliche.

»Die Sendung erwähnt Sie als den Mann, der Hilfe zu bringen imstande ist«, fuhr Sun Koh fort. »Ich kam zu Ihnen, um Sie zu verständigen. Sie verstehen wohl, daß ich die volle Wahrheit nicht in Gegenwart von Miß Bardeny sagen wollte.«

»Durchaus, durchaus«, versicherte Mallin hastig. »Es ist besser, wenn sie nichts erfährt, solange noch Hoffnung besteht. Ich habe ja Mr. Bardeny immer von dieser unglücklichen Expedition abgeraten.«

»Nun, vorläufig ist ja noch kein Unglück geschehen. Sie werden zweifellos alles tun, um Mr. Bardeny und seine Leute zu retten.«

Mallin strahlte jetzt vollkommene Sicherheit aus.

»Selbstverständlich. Es wird alles geschehen, was in meinen Kräften steht. Sie haben mich hoffentlich vorhin nicht mißverstanden. Ich befand mich gewissermaßen in einer Zwangslage, da ich nicht wußte, ob Sie mich etwa nur aushorchen wollten. Man hat mich nun einmal zum Schweigen verpflichtet. Ich kann Ihnen aber jetzt gestehen, daß ich bereits seit einigen Tagen ohne Nachricht bin und mir deswegen bereits die größten Sorgen mache. Ich bin Ihnen ungeheuer dankbar dafür, daß Sie mich von dem Hilferuf verständigt haben. Mr. Bardeny ließ mich gewissermaßen als Vertrauensmann zurück. Er wollte nicht, daß die Öffentlichkeit von der Expedition erfährt, bevor er nicht erfolgreich zurückgekehrt ist. Nur wenn ein Hilferuf von ihm käme, sollte ich die Öffentlichkeit aufmerksam machen und um Hilfe angehen. Das wird nun natürlich sofort geschehen, unverzüglich.«

Sun Koh unterdrückte ein Gefühl des Widerwillens. Der Mann sprach so, als dächte er in Wirklichkeit etwas ganz anderes.

»Dann dürfte aber Miß Bardeny doch von der Lage ihres Vaters erfahren?« Mallin breitete die Hände aus.

»Das wird sich allerdings kaum vermeiden lassen. Ich will natürlich versuchen, zunächst ganz im stillen eine Hilfsexpedition zusammenzustellen, aber…«

»Zusammenstellen?« unterbrach Sun Koh. »Hat Kapitän Bardeny nicht bereits alles für den Fall geregelt, daß ihm ein Unglück widerfährt?«

Mallin lächelte überlegen.

»Aber ich bitte Sie! Ein Forscher, der erfolgreich zurückkehren will, tut das nicht, wenn nicht aus Überzeugung, so aus Aberglaube. Doch innerhalb einiger Tage wird eine Hilfsexpedition unterwegs sein, um den Bedrängten beizuspringen.«

Sun Koh blickte sehr unmutig.

»Sie scheinen deren Lage zu verkennen. Wenn das Tauchboot eingefroren ist, kann nur eine Störung der Wärmeversorgung vorliegen. In dem Boot wird es sehr schnell so kalt sein wie im Eis selbst. Was glauben Sie denn, wie lange es ein Mensch in einem solchen Eissarg aushält?«

»Mr. Bardeny ist gut mit Polarkleidung ausgerüstet«, schwächte Mallin ab. »Zweifellos wird die Besatzung einige Zeit aushalten. Ist Ihnen angegeben worden, wie tief das Boot liegt?«

»Noch einige Meter unter dem Eis.«

»Ah, man müßte also versuchen, mit Sprengungen heranzukommen. Eine genaue Ortsangabe haben Sie sicherlich.«

»Sehr genau. 86 Grad nördlich und 110 Grad östlich, das kann ein Gebiet von einigen tausend Quadratkilometern bedeuten. Mit Hilfe von Funkpeilungen könnte die genaue Lage des Bootes allerdings leicht bestimmt werden, vorausgesetzt, daß das Boot noch senden kann.«

Mallins Hände glitten wieder aneinander vorbei.

»Sehr interessant, in der Tat sehr interessant. Ich werde auf Ihre Hinweise Rücksicht nehmen. Ich bin davon überzeugt, daß es gelingen wird, die Eingeschlossenen zu retten.«

»Dann sind Sie ein Optimist«, antwortete Sun Koh trocken. »Welche Maßnahmen dachten Sie zu treffen?«

Mallin überlegte anscheinend.

»Hm, ich werde sofort ein Schiff ausrüsten lassen und…«

»Sie scherzen wohl?« erkundigte sich Sun Koh scharf. »Bevor ein Schiff überhaupt in jene Gegend vordringt, sind die Leute längst tot. Die Rettung ist nur durch Flugzeuge möglich.«

»Natürlich.« Mallin lächelte geschmeidig. »Ich dachte auch an Flugzeuge. Das Schiff erwähnte ich nur, weil es doch unter Umständen als Stützpunkt für die Flugzeuge nötig sein könnte. Man müßte Flugzeuge chartern. Es wird zweifellos gelingen, mutige Flieger zu finden, die an einer solchen Rettungsexpedition teilnehmen wollen.«

Sun Koh begriff nicht, wie Bardeny diesen Mann als seinen Vertrauensmann hatte zurücklassen können. Mallins Beweggründe waren noch nicht klar, aber entweder war er seiner Aufgabe überhaupt nicht gewachsen, oder er wollte ihr einfach nicht gewachsen sein. Auf alle Fälle war er nicht der Mann, der Bardeny Rettung bringen konnte.

»Kapitän Bardeny braucht sofort Hilfe«, sagte Sun Koh. »Ich ersehe aus allem, daß Sie ihm diese nicht bringen können. Ich werde also die Rettung selbst versuchen.«

Mallins Hände preßten sich um die Armlehnen.

»Sie? Ja, können Sie denn…«

Sun Koh erhob sich.

»Ich habe die Mittel zur Verfügung und werde sofort abfliegen.«

Mallin stand ebenfalls auf.

»Ach«, murmelte er, »das ist ja großartig. Sie glauben wirklich, daß es Ihnen gelingen wird?«

Sun Koh gefiel das Lauern in den Augen des anderen nicht.

»Ich hoffe es«, gab er kurz zurück. »Bitte, sagen Sie Miß Bardeny einstweilen nichts über die Lage ihres Vaters, damit sie sich nicht unnötig beunruhigt.«

»Sie wollen doch nicht etwa schon gehen?« sagte Mallin schnell. »Erlauben Sie wenigstens, daß ich Ihnen einige Aufschlüsse gebe. Es dürfte für Sie sehr wichtig sein, wenn Sie genau im Bilde sind, zum Beispiel über die Beschaffenheit des Tauchbootes.«

»Allerdings«, gab er überrascht zu, »es wäre für mich wertvoll, noch einige technische Einzelheiten kennenzulernen.«

»Sehen Sie«, meinte Mallin, »ich werde mir erlauben, Ihnen das Modell des Tauchbootes vorzuführen. Daran kann ich Ihnen alles erklären. Wenn ich Sie bitten dürfte, mir zu folgen? Wir müssen allerdings in den Keller hinunter, denn Mr. Bardeny konnte sein Wasserbecken ja nicht hier oben in der Stube einbauen.«

Der Vorschlag machte Sun Koh wieder mißtrauisch. Er beschloß, doch lieber auf der Hut zu sein.

»Ich folge Ihnen«, willigte er ein.

Mallin schritt voran, wobei er sich wiederholt entschuldigte. Sie gingen über einige Flure und Treppen zu einem Seitentrakt des Gebäudes und kamen schließlich in den Keller, nachdem Mallin eine eiserne Tür geöffnet und dabei erklärt hatte: »Miß Bardeny war natürlich noch nie hier unten. Ihr Vater sorgte dafür, daß seine Versuche ihr verborgen blieben. Wir hatten hier unten ein Wasserbecken mit einer regelrechten Eisdecke, unter der Mr. Bardeny sein Modellboot fahren ließ. Jetzt steht natürlich das Boot unten im Trockenen. Sie entschuldigen wohl, wenn ich als Ortskundiger vorausgehe.«

Sun Koh hatte wenig dagegen einzuwenden. Er mißtraute noch immer. Erst als Mallin einen großen Kellerraum öffnete und das fast metergroße Modell eines Tauchbootes mit starken Rückenschienen sichtbar wurde, verschwand sein Mißtrauen.

Es verschwand genau in dem Augenblick, in dem es am nötigsten gewesen wäre.

Sun Koh ging neben Mallin auf das Modell zu.

»Das ist es«, meinte Mallin. »Sie können alle Einzelheiten genau erkennen. Es ist selbst innen… Doch einen Augenblick, ich will nur die Pendellampe holen, dann können Sie jede Einzelheit verfolgen. Sie werden staunen, wie vollkommen Mr. Bardeny alles berücksichtigt hat und wie ausgezeichnet…«

Sun Koh achtete nicht darauf, daß Mallin zur Tür ging. Er nahm wirklich an, daß er noch die Pendellampe holen wollte. Erst als die Tür plötzlich hart zuschlug, erwachte sein Mißtrauen wieder.

Mallins Schritte verhallten zunächst, wurden aber wenig später wieder hörbar. Er kam zurück. Jetzt mußte er vor der Tür stehen.

Sun Koh trat schleunigst zur Seite. Sollte ein Angriff erfolgen?

»Hallo, Mister«, kam die Stimme Mallins durch die Eisentür. »Hören Sie mich? Die Tür ist versehentlich zugeschlagen und der Schlüssel in das Schleusenloch gefallen. Bitte, entschuldigen Sie, aber Sie müssen sich eine Weile gedulden.«

»Nehmen Sie den Schlüssel doch aus dem Schleusenloch heraus!« rief Sun Koh zurück, aber Mallin entfernte sich schon wieder.

Ein merkwürdiges Verhalten.

Sun Koh zog die Sprechdose aus der Tasche und verständigte Hal, der draußen auf der Straße im Wagen saß, in dem beide gekommen waren. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit dem Tauchmodell, das wirklich hervorragend in allen Einzelheiten ausgearbeitet war.

Zweifellos benutzte Bardeny zu dieser Expedition kein Boot, das für seine besonderen Zwecke umgearbeitet war, sondern eine Spezialkonstruktion. Das bewiesen schon der gedrungene Bau des Bootskörpers und das durch die Außenhaut durchdringende Gitterwerk. Schnellfahrten konnte man damit nicht abhalten, aber stabil und druckfest war es sicher. Das Gitterwerk, das am großen Boot wohl aus starken Eisenschienen bestand, mußte alle Stöße abfangen. Hervorragende Einzelheiten gab es nicht, selbst das Ausstiegluk schmiegte sich fast in die Außenhaut ein.

Die Innenausrüstung des Tauchbootes war vorzüglich im Modell dargestellt, aber Sun Koh konnte aus ihr nicht viel ersehen. Das ganze Modell war letzten Endes nur eine nette Spielerei, der praktische Wert des Bootes ließ sich danach nicht beurteilen.

 

*

 

Hal Mervin langweilte sich am Steuer des Wagens. Als Sun Kohs Anruf kam, wollte er sofort in Tätigkeit treten, aber Sun Koh untersagte es ihm.

»Ich komme jederzeit allein hier heraus«, sagte er. »Mir liegt daran, daß Mallin beobachtet wird. Falls er das Haus verläßt, was sehr wahrscheinlich ist, wirst du ihm folgen. Es ist immer noch nicht recht klar, welche Absichten er hat.«

»Aber wenn er Sie einsperrte?«

»Er hat schon Vorsorge für eine Entschuldigung getroffen. Warte jedenfalls ab und folge unter Umständen Mallin.«

Hal wartete ab. Es dauerte gar nicht lange, da kam ein Diener herausgestelzt.

»Na, was bringen Sie denn Schönes?« erkundigte sich Hal wohlwollend.

Der Diener hüstelte. »Sie haben doch einen Mr. Sun Koh hierhergefahren, nicht wahr?«

»Stimmt.«

»Ich soll Ihnen ausrichten, daß er das Haus durch den rückwärtigen Ausgang verlassen hat. Sie müßten in die Parallelstraße fahren, an die der Park auf der anderen Seite stößt. Mr. Sun Koh hatte es allerdings sehr eilig, so daß Sie ihn möglicherweise nicht mehr erreichen.«

Hal kniff die Augen zusammen.

»Hat er Ihnen das selbst gesagt?«

»Mr. Mallin beauftragte mich, Ihnen diese Botschaft auszurichten.«

Hal hatte eine drastische Bemerkung auf der Zunge, aber er beherrschte sich.

»Na schön«, antwortete er gleichmütig, »dann will ich mal losfahren.«

Er kurvte fort, blieb aber dicht hinter der Ecke der nächsten Kreuzung stehen, stieg aus und stellte sich so an die Ecke, daß er den Eingang des Bardeny-Grundstückes überwachen konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

Nach zehn Minuten fuhr ein Wagen vor. Ein älterer Herr stieg aus.

Hal fand das wichtig genug, um in größtmöglicher Deckung die Straße hinunterzuschlendern und sich auf der dem Haus abgewandten Seite des Wagens an den Fahrer heranzuschlängeln.

»Hallo«, sagte er, »seit wann hat denn Mr. Brown einen neuen Fahrer und einen neuen Wagen?«

Der Mann am Steuer schielte verständnislos.

»Wieso? Wie meinen Sie das? Ich bin doch schon sechs Jahre bei Doktor Carper.«

»Ach«, machte Hal verwundert, »war es nicht Mr. Brown, der aus dem Wagen stieg? Dr. Carper, sagten Sie? Da muß ich mich aber getäuscht haben. Meinen Sie den Arzt?«

»Natürlich«, brummte der andere. »Das weiß doch jedes Kind.«

»Ich bin eben kein Kind«, konterte Hal, um vertraulich fortzufahren: »Wissen Sie, bei einem Arzt möchte ich ja nun nicht gerade fahren. Der Dienst muß doch furchtbar schlecht sein. Tag und Nacht auf der Achse. Das wäre nichts für mich.«

Der Fahrer taute unter der Anteilnahme auf.

»Ja, jedermanns Sache ist es nicht.«

»Meine bestimmt nicht. Andere Leute legen sich um die Zeit bald schlafen, und Sie müssen immer noch unterwegs sein. Jetzt sitzen Sie ewig lange hier herum, bis Ihr Arzt drin mit der Behandlung fertig ist, dann geht’s an eine neue Stelle. Oder ist er nur zum Vergnügen hier?«

»Da kennen Sie Doktor Carper schlecht. Alles beruflich.«

»Das muß immerhin ganz interessant für Sie sein. Sie erfahren doch so allerhand über das, was vorgeht. Oder wird Ihnen Dr. Carper nichts erzählen?«

»Na, schon eine ganze Masse. Er ist bei vielen Leuten Hausarzt, da weiß unsereins auch bald Bescheid. Er wird mir nachher sicher so ganz beiläufig sagen, was mit Mr. Mallin los war.«

»Wer ist das?«

»Der Sekretär von Mr. Bardeny, dem das Haus gehört.«

»Ach, dieser Mallin ist wohl krank?«

Der Fahrer zuckte mit den Schultern.

»Was weiß ich. Als Doktor Carper einstieg, sagte er, ich solle hierherfahren, Mallin habe Kopfschmerzen. Nachher werde ich schon mehr hören.«

»Soso«, murmelte Hal. »Kopfschmerzen hat er. Na, dann guten Abend.«

Er kümmerte sich nicht um die berechtigte Verwunderung des Mannes, sondern ging in das Grundstück hinein. Dabei holte er die Sprechdose heraus und machte Sun Koh Mitteilung.

»Ich befinde mich immer noch in dem Keller«, sagte Sun Koh. »Das Modell hat mich so in Anspruch genommen, daß ich die Zeit darüber vergaß. Also gut, stelle Mallin. Ich werde auch bald erscheinen.«

Hal wurde in der Vorhalle von dem gleichen Diener aufgehalten, der ihn weggeschickt hatte.

»Was wünschen Sie?« erkundigte sich dieser.

»Ich möchte Mr. Mallin sprechen.«

»Bedaure sehr, Mr. Mallin ist nicht zu sprechen. Er ist krank.«

»Erzählen Sie das Ihrer Oma«, entgegnete Hal derb. »Vor einer halben Stunde war er noch gesund.«

»Der Arzt ist bei ihm. Da kommt er gerade.«

Hal ging dem Arzt entgegen und streckte ihm freundschaftlich die Hand hin.

»Wie geht es Ihnen, Doktor? Immer noch rüstig auf den Beinen? Was macht Mallin? Fehlt ihm etwas Ernstliches?«

Dr. Carper, ein älterer, sehr merkwürdiger Herr, blickte erstaunt, schüttelte aber die gebotene Hand und erwiderte mechanisch: »Hat nichts zu besagen, vermutlich eine kleine Gehirnerschütterung. Einige Tage Bettruhe. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Hal Mervin«, sagte Hal. »Ich bin der Vetter von Mr. Mallin. Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich ihm einen kleinen Besuch abstatte?«

»Nicht aufregen«, beschwor der Arzt hastig, denn Hal hatte seine Antwort gar nicht erst abgewartet, sondern war die Treppe hinaufgelaufen. Da er sich oben erst umsehen mußte, holte ihn der Diener ein.

»Was erlauben Sie sich!« entrüstete er sich. »Sie sind doch gar nicht mit Mr. Mallin verwandt! Verlassen Sie sofort das Haus, oder…«

»Bleiben wir bei ›oder‹, und führen Sie mich zu Mr. Mallin«, schlug Hal vor. »Ich muß ihn sprechen. Wenn Sie noch lange Umstände machen, schlage ich Lärm, daß das Haus zusammenläuft. Ich habe ihm eine wichtige Bestellung auszurichten.«

Der Diener nahm eine drohende Haltung ein.

»Verlassen Sie das Haus, sonst muß ich Sie mit Gewalt entfernen!«

Hal klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter.

»Sie haben Mut, mein Lieber. Also Ihre Pflicht haben Sie nunmehr getan. Von mir aus können Sie jederzeit erzählen, ich hätte Sie gezwungen. So, nun seien Sie hübsch vernünftig. In dieser Richtung, nicht wahr?«

Der Diener hielt ihn am Arm fest.

»Warten Sie wenigstens, bis ich Sie gemeldet habe.«

»Na schön«, fügte sich Hal, »melden Sie mich.«

Er wartete aber nur ab, bis der Diener eine Tür öffnete, dann eilte er hinterher.

»Furchtbar nett von Ihnen, mir den Weg zu zeigen«, sagte er lachend. »Nun können Sie verschwinden.«

Im matt erhellten Zimmer, in dessen Türrahmen die beiden standen, regte es sich.

»Was ist?« tönte es kläglich aus einer Ecke.

Der Diener stotterte vor Aufregung.

»Ich – der Herr, der den anderen Herrn, der…«

»Ich habe Mr. Sun Koh hergefahren«, mischte sich Hal ein. »Sie haben wohl nichts dagegen, Mr. Mallin, daß ich Sie um eine Auskunft bitte.«

»Ich – ich verstehe Sie nicht. James, Sie können gehen.«

Hal schloß die Tür hinter sich und trat an das breite Lager heran, auf dem Mallin mit einem nassen Lappen auf der Stirn lag.

»Sind Sie krank, Mr. Mallin?« erkundigte Hal sich.

Mallin ächzte schwach.

»Mein Kopf! Gehirnerschütterung. Was wollen Sie?«

Hal angelte sich mit dem linken Fuß einen Stuhl heran und setzte sich.

»Vor allem möchte ich von Ihnen gern wissen, wo Mr. Sun Koh geblieben ist. Sie ließen mir bestellen, er habe das Haus auf der Rückseite verlassen, aber dort habe ich ihn auch nicht entdecken können.«

»Ich weiß nicht«, stöhnte Mallin. »O mein Kopf, mein Kopf! Unter dem Kissen…«

»Was ist denn unter dem Kissen?«

»Unter dem Kissen…«

Hal beugte sich vor, um unter dem Kissen nachzusehen. Da schnellte Mallin plötzlich auf, legte ihm die Hände würgend um den Hals und warf sich auf ihn.

Hal reagierte instinktiv mit einem Fausthieb, traf aber nicht. Dann wälzte er sich herum, angelte mit den Händen, erwischte schließlich Mallins Nase und drückte sie so heftig zurück, daß Mallin mit einem Aufschrei losließ. Im nächsten Augenblick richtete Hal die Pistole auf ihn.

»Hände hoch, Sie verflixter Gauner!«

Mallin hob die Hände nicht, sondern streckte sich stöhnend und wimmerte: »Mein Kopf, mein Kopf.«

Die Tür ging auf. Sun Koh erschien.

»Er spielt den Kranken«, berichtete Hal, »dabei hat er vorhin versucht, mich zu erwürgen. Ein ganz heimtückischer Bursche!«

Sun Koh packte Mallin kurzerhand vorn bei der Brust, hob ihn hoch und setzte ihn auf den Stuhl. Hal schaltete inzwischen das große Licht an.

»So, Mr. Mallin«, sagte Sun Koh ernst, »nun wollen wir einmal offen miteinander reden. Welches Interesse haben Sie daran, die Rettung des Kapitäns zu hintertreiben? Warum haben Sie mich eingesperrt?«

Mallin schien sich nur mühsam zu entsinnen.

»Eingesperrt? Ach, der Schlüssel. Er fiel in die Schleuse.«

»Dort lag er. Sie brauchten ihn nur herauszunehmen, wie ich es tat.«

»Ich – ich wußte es nicht. Ich dachte, er fiel tief hinunter.«

»Warum gaben Sie Ihrem Diener nicht den Auftrag, mich zu befreien? Und warum versuchten Sie, meinen Begleiter fortzuschicken?«

»Mein Kopf«, jammerte Mallin. »Ich habe es James gesagt, aber mein Kopf. Ich weiß nicht mehr.«

Er spielte so überzeugend, daß Sun Koh nicht klug aus ihm wurde.

»Hal, rufe den Diener her!«

Hal brauchte nur die Tür zu öffnen. Der Diener stand schon draußen und lauschte.

»Sie heißen James?« fragte Sun Koh, nachdem der Diener eingetreten war.

»Ja«, bestätigte der Diener, »aber ich begreife nicht…«

»Wußten Sie, daß ich im Keller eingeschlossen war?«

Der Mann zitterte förmlich.

»Nein, aber…«

»Mr. Mallin gab Ihnen Auftrag, meinen Begleiter mit dem Wagen wegzuschicken?«

»Ja, aber…«

»Was wollen Sie sagen?«

»Ich – es war so: Mr. Mallin kam nach oben. Er taumelte und hielt sich die Stirn. Als ich ihn erschrocken fragte, was geschehen sei, sagte er, er habe sich gestoßen. Ich solle sofort einen Schlosser anrufen.«

»Das hat er wirklich gesagt?«

»Ja, aber er wurde dabei fast ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, sagte er dann, ich solle den Wagen wegschicken, denn Mr. Sun Koh sei auf der Rückseite des Hauses fortgegangen. Ich fragte ihn wegen des Schlossers, aber er schien sich nicht mehr zu entsinnen, davon gesprochen zu haben. Darauf rief ich den Hausarzt an und gab dann diesem Herrn Bescheid.«

Sun Koh hatte den Eindruck, daß der Diener die Wahrheit sagte.

»Verbinden Sie mich mit dem Arzt.«

Der Diener bediente den Apparat, der auf dem Tisch stand, dann reichte er Sun Koh den Hörer. Dr. Carper befand sich selbst am anderen Ende der Leitung. Er erklärte Sun Koh, daß Mallin wahrscheinlich irgendwo aufgeschlagen sei, wie die Prellung auf der Stirn beweise. Es sei nicht ausgeschlossen, daß dabei eine geringfügige Erschütterung des Gehirns stattgefunden habe. Gedächtnisschwund, Wahnvorstellungen und Anfälle seien dabei ausgeschlossen, aber man wisse ja bei Erschütterungen des Gehirns nie genau, wie der einzelne reagiere, und es sei deshalb nicht unmöglich, daß die erwähnten Erscheinungen doch auftreten könnten. Er halte es doch für ratsam, eine abermalige Untersuchung vorzunehmen.

Sun Koh hängte ein, schickte den Diener hinaus und wandte sich dann an Mallin.

»Vielleicht haben wir Ihnen unrecht getan, Mr. Mallin. Wahrscheinlicher ist, daß Sie sehr geschickt Ihre Rolle spielen. Berücksichtigen Sie auf alle Fälle, daß wir mit Kapitän Bardeny zusammen zurückkehren werden. Sollte dann irgend etwas nicht in Ordnung sein, werde ich Sie zur Rechenschaft ziehen.«

Mallin erwiderte nichts. Sun Koh und Hal Mervin überließen ihn sich selbst.

»Das ist ein ganz großer Schwindler«, behauptete Hal, während sie zurückfuhren.

»Sehr wahrscheinlich«, stimmte Sun Koh bei. »Aber er hat sich gut gedeckt. Man kann ihm nichts nachweisen.«

»Er ist ein Gauner«, beharrte Hal, »aber er hält sich Möglichkeiten offen. Wissen Sie, wie er mir vorkommt? Ich kannte da einen, der mit mir zusammen Page im ›Excelsior‹ war. Er mauste wie ein Rabe, aber man konnte es ihm nie recht nachweisen. Er holte zum Beispiel einem Gast eine Pfundnote aus der Manteltasche und schob sie unter den Nachttisch. Vermißte der Gast sie nicht, so hatte er gewonnen, schlug er Lärm, so kroch er selbst mit herum, bis sie von ihm oder anderen gefunden wurde. Lauter solche Tricks hatte er, aber stets brachte er das Gestohlene erst woanders unter, wo es auch durch Zufall hingeraten sein konnte. Das ging natürlich auch nur eine Zeitlang, dann warf man ihn hinaus. Aber von der Sorte ist Mallin. Er gibt dem andern wie dem Schicksal eine Chance, weil er zu feige ist.«

»Gut beurteilt«, lobte Sun Koh. »Hoffentlich ist ihm bei dieser Gelegenheit aufgegangen, daß er trotzdem erheblich zu Schaden kommen kann. Bardenys Rettung können wir ihm natürlich nicht anvertrauen. Wir müssen selbst fliegen.«

»Fein, Sir!«

Sun Koh lächelte flüchtig.

»Bei fünfzig Grad Kälte wirst du bald anders darüber denken.«

»Ich werde mir einen Nasenwärmer zulegen.«

»Untersteh dich.«

 

2.

Die Maschine summte mit achthundert Kilometern Durchschnittsgeschwindigkeit unentwegt nach Norden. In den ersten Stunden überwachte Nimba allein Steuer und Wetter, später leisteten Sun Koh und Hal, die Schlaf nachgeholt hatten, ihm Gesellschaft.

Die Landschaft glitt mehr und mehr in die Hülle des ewigen Eises hinein. Es wurde langweilig, hinunterzustarren. Die automatische Wärmeregulierung brachte noch nicht einmal die Temperaturänderungen zum Bewußtsein.

Die Nacht wich dem weißen langen Tag der Polarzone. Die Sonne kam nicht mehr recht hoch, aber Eis und Schnee verstärkten ihre schwachen Strahlen bis zur Blendung.

Die Maschine hielt sich ständig auf dem siebzigsten Grad westlicher Länge. Das war der kürzeste Weg, der nach dem Überfliegen des Nordpols direkt auf den gesuchten Schnittpunkt zuführen mußte. Immerhin handelte es sich um eine Strecke von fast sechstausend Kilometern.

Die Zeit verstrich.

Die weiße Einöde zeigte so wenig Abwechslung, daß die drei im Flugzeug oft das Empfinden hatten, über ihr stillzustehen.

Mittag.

»Wir müssen den Nordpol bald erreicht haben«, stellte Sun Koh nach einem Blick auf die Apparate fest. Die Landschaft selbst zeigte keine Hinweise.

»Nichts zu sehen«, beschwerte sich Hal.

»Ein geographischer Punkt«, sagte Sun Koh nachdenklich. »Wieviel Heldenmut, Opfer, Entbehrungen und Mühen sind ihm gebracht worden.«

»Eigentlich sinnlos.«

»Höchstens zwecklos. Aber das heroische Ideal beginnt erst dort, wo die Zweckmäßigkeits- und Nützlichkeitsfragen aufhören.«

Der Polpunkt blieb zurück.

Eine Stunde später war die Kreuzungsstelle zwischen dem sechsundachtzigsten Breitengrad und dem Längengrad ungefähr erreicht. Sun Koh setzte den Sender des Flugzeugs in Tätigkeit.

Erst kräftig, dann aber merklich schwächer werdend, kamen die Antwortzeichen: »Wir hören. Es geht uns schlecht. Die Kälte ist furchtbar. Einige von uns sind schon trübsinnig geworden. Wann werden Sie kommen?«

»Wir befinden uns schon in unmittelbarer Nähe«, funkte Sun Koh tröstend zurück. »Ihre Rettung ist gesichert. Bitte, senden Sie einfach weiter, solange der Strom reicht, damit wir Sie anpeilen können!«

Lange Pause, dann tickte es: »Wir senden weiter.«

Sun Koh stand selbst am Peilapparat und gab Nimba, der das Steuer führte, Anweisungen.

»Wenn sie nur einige Minuten aushalten, dann haben wir sie. Tiefer, Nimba, einen Strich West.«

Die Peilung arbeitete recht genau, aber erst die Feinpeilung konnte entscheiden, ob es gelang, die Eingeschlossenen zu retten. Die Zeichen wurden immer schwächer.

»Immer noch ein Quadratkilometer Spielraum«, flüsterte Sun Koh besorgt. »Herunter, Nimba, fünfzig Meter.«

Minuten voller Spannung verstrichen. Die Spirale, in der sich das Flugzeug bewegte, wurde immer enger.

Die Zeichen des Tauchbootes blieben aus.

»Stopp«, befahl Sun Koh, »senkrecht hinunter! Ich denke, wir haben sie.«

»Direkt unter uns?« fragte Hal.

»Einige hundert Quadratmeter Spielraum. Wir müssen immerhin mit einer gewissen Brechung und Ablenkung rechnen.«

Die Maschine setzte auf.

Das Eis war wie abgefegt, glatt, schneelos, mit kleinen Höckern, die aber das Gesamtbild der Umgebung nicht beeinträchtigen konnten.

Die drei Männer zogen sich im warmen Flugzeug die Polarkleidung an.

Das Umziehen war recht mühsam. Danach hatten sich die drei stattlich verbreitert.

»Du wirst wohl kaum durch die Tür kommen, Nimba«, prophezeite Hal.

»Und du siehst endlich mal wie ein Mann aus«, entgegnete Nimba grinsend.

Sun Koh öffnete die Tür spaltbreit. Sofort schlug beißend scharf die Kälte herein. Am Körper spürten sie sie nicht, im Gegenteil, sie schwitzten, aber das Gesicht empfand sie um so stärker.

»Wir müssen unsere Haut erst ein bißchen an die Kälte gewöhnen, sonst werden wir bald schwarz vor Frost.«

»Scharf wie Pfeffer«, meckerte Hal und hob die Nase.

»Du bleibst vorläufig hier und läßt die Maschine leer weiterlaufen«, ordnete Sun Koh an. »Wir brauchen dann den Strom für die Heizkabel.«

»Da brauchte ich doch den Pelz nicht erst überzuziehen!«

»Die Tür bleibt auf. Sobald die Maschine angefroren ist, mußt du mithelfen. Vorläufig besteht noch Gefahr, daß sie weggleitet.«

»Und wenn sie anfriert, kommen wir nicht wieder los.«

»Nicht zu befürchten.«

Die Tür wurde vollends geöffnet. Rund fünfzig Grad Polarkälte eroberten sich trotz der allerdings gedrosselten Heizung die Kabine. Hal fühlte seine Haut zu Leder werden.

Sun Koh und Nimba standen schon draußen. Hal reichte ihnen an. Das Heizkabel glitt als dünne Schlange hinaus, die Pumpe folgte, dann die Transformatoren, die Widerstände und verschiedener Kleinkram. Kaum waren die Sachen draußen, so beschlugen sie sich mit weißen Schichten. Der Atem der Männer quoll wie dicker Rauch.

Das Heizkabel wurde an der Stelle, die Sun Koh am hoffnungsvollsten erschien, zu einer weiten Schleife von rund zwanzig Meter Durchmesser gelegt.

»Wir müssen vor allem die genaue Lage ermitteln. Später können wir uns darauf beschränken, das Ausstiegluk freizuschmelzen«, erklärte er. »Die Anschlußblöcke, Nimba. Laß den Motor laufen, Hal.«

Details

Seiten
169
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922271
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
taschenbuch männer
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Titel: Sun Koh Taschenbuch #28: Männer unter dem Eis