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Space Agent #3: Clayborn und die Drachenwelt

2018 129 Seiten

Zusammenfassung


Anfangs war der Kristall-Bolide nur ein winziges Etwas auf den Orterschirmen der MORDAIN.
Dann, nach der Auswertung durch den Sensor leuchtete ein helles Signal auf dem Reflexschirm auf. Der Bolide wurde größer und kreuzte in einem Abstand von rund sechstausend Meilen ihren Kurs.
Commander Barry Clayborn drehte an der Vergrößerungsoptik, bis der Suchstrahl den Kristallkörper auf den Reflexschirm projizierte.
Unvermittelt gleißte es in der Zentrale hell auf. Die anfänglich weißen Kristallmuster verwandelten sich schnell zu erschreckender Schönheit.
Der Bolide begann zu erblühen wie eine fantastisch anmutende Pflanze. Kristallblätter gingen strahlend nach allen Seiten auf, in ihrer Mitte erschien das genaue Abbild eines bekannten Riesendiamanten, einer großen Träne ähnlich, die in allen sieben Farben des Spektrums erglühte.
Barrys Blick wurde starr. Veem Chemile, Penza Saratow und der Wissenschaftler Jarl Luden bekamen ebenfalls einen starren, leicht verschleierten Blick.

Leseprobe

Table of Contents

Clayborn und die Drachenwelt

Copyright

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Clayborn und die Drachenwelt

Space Agent 3

SF-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

 

Anfangs war der Kristall-Bolide nur ein winziges Etwas auf den Orterschirmen der MORDAIN.

Dann, nach der Auswertung durch den Sensor leuchtete ein helles Signal auf dem Reflexschirm auf. Der Bolide wurde größer und kreuzte in einem Abstand von rund sechstausend Meilen ihren Kurs.

Commander Barry Clayborn drehte an der Vergrößerungsoptik, bis der Suchstrahl den Kristallkörper auf den Reflexschirm projizierte.

Unvermittelt gleißte es in der Zentrale hell auf. Die anfänglich weißen Kristallmuster verwandelten sich schnell zu erschreckender Schönheit.

Der Bolide begann zu erblühen wie eine fantastisch anmutende Pflanze. Kristallblätter gingen strahlend nach allen Seiten auf, in ihrer Mitte erschien das genaue Abbild eines bekannten Riesendiamanten, einer großen Träne ähnlich, die in allen sieben Farben des Spektrums erglühte.

Barrys Blick wurde starr. Veem Chemile, Penza Saratow und der Wissenschaftler Jarl Luden bekamen ebenfalls einen starren, leicht verschleierten Blick.

 

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Die Männer vernahmen ein harmonisches Klingen. Es war wie das zarte Singen von Äolsharfen, die sacht der Wind bewegte.

Aber hier draußen, mehr als neunzig Lichtjahre von der heimatlichen Erde entfernt, gab es kleinen Wind. Hier herrschte die kalte Unendlichkeit des Alls.

Commander Clayborn riss sich von dem verhängnisvollen Anblick los. Mit steifen Schritten, noch teils im Bann des Kristall-Boliden, ging er auf die Männer zu, rüttelte sie und brüllte sie an. Gleichzeitig hieb seine rechte Hand auf den Schalter am Schirm. Das Bild flackerte noch einmal, erlosch dann in einer Wellenbewegung.

Draußen fiel der Bolide in seiner ganzen Pracht zusammen, die Rosette aus scheinbaren Blättern schloss sich. Damit verdeckte sie auch den schimmernden Stein.

Die Riesenblume, die im All erblüht war, verlor übergangslos ihre hypnotische Wirkung.

„Barry“, stöhnte Veem Chemile, „beinahe hätte es mich erwischt und Jarl ebenfalls. Trotz der Abwehrschulung.“

Clayborn nickte grimmig, sein Blick war wieder fest.

„Mir ging es genau so. Ein schrecklicher und schöner Anblick zugleich. In Zukunft sollten wir vorsichtiger sein.“

„Soviel ich weiß“, ließ sich Penza Saratow vernehmen, „ist es noch nie gelungen, einen dieser rätselhaften Boliden zu bergen. Die Kristalle scheinen einen ungeheuren Wert darzustellen. Wollen wir ihm nach jagen, Barry?“

„Nein, das ist sinnlos. Wir würden ihn nie kriegen, weil sein hypnotischer Einfluss immer stärker wird, je mehr man sich ihm nähert. Und was dann passiert, wissen wir nicht. Ich denke, wir gehen auf unseren alten Kurs zurück.“

Der Bann war jetzt endgültig gebrochen, als der Bolide langsam aus der Orteranlage auswanderte. Clayborn dachte sekundenlang über diese seltene Begegnung nach, dann schüttelte er den Kopf, als wallte er jeden Gedanken daran verdrängen.

Die Mordain raste weiter, ihrem Treffpunkt mit MALACA VII entgegen, den sie in knapp vier Stunden erreichen würde. Dort war eine Einsatzbesprechung geplant, die sie in den Rigel-Sektor führen würde, zusammen mit zwei anderen Schiffen der Terra Control.

Ein dumpfer Schlag ließ die Mordain plötzlich leicht erzittern und brachte sie geringfügig aus dem Kurs.

Clayborn schrak hoch, blickte auf die hufeisenförmig angeordneten Kontrollen der Schaltanlage. Ein paar violette Birnen flackerten.

„Druckabfall an der Polkuppel“, sagte er laut. „Das kommt zwar nur ganz selten vor, aber es passiert eben doch. Vermutlich hat uns ein faustgroßer Brocken getroffen. Merkwürdig, dass der Automat ihn nicht entdeckt hat. Schließen die Schotts, Veem?“

„Sind automatisch geschlossen, Barry. Das war kein Meteorit, das war etwas anderes. Etwas, das sich jedem Ortungsstrahl entziehen kann und für uns und die Sensoren unsichtbar bleibt.“

Clayborn bekam schmale Augen. Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem Panoramaschirm. Im Backbord-Rot-Sektor tauchte etwas auf, eine winzige Kugelgestalt, an den Rändern schwach leuchtend. Ganz langsam wanderte sie ins Bild.

„Warhols Stern“, murmelte Clayborn. „Nach seinem Entdecker Warhol benannt. In diesem Revier haben wir nichts zu suchen, Veem. Wir drehen ab nach Steuerbord.“

Die Entfernung zu Warhols Stern betrug noch sechs Lichtminuten. Jeden Augenblick konnten die Robotstaffeln aufkreuzen und das ausgedehnte Hoheitsgebiet um die Sonne und seinen merkwürdigen Planeten mach unerwünschten Eindringlingen absuchen.

Terras ansonsten starker Arm hatte hier keinen Einfluss. Die Warholer waren eine Rasse für sich, die keiner Föderation eingegliedert war, die keinerlei Kontakt wünschte und sich hermetisch abkapselte. Im Celestial-Atlas war Warhols Stern als Tabu-Welt eingezeichnet. Ein Anflug war verboten, das Eindringen in ihr Territorium allen Schiffen streng untersagt. Terra legte keinen Wert auf intergalaktische Verwicklungen. Und einen Krieg mit Warhol wollte niemand riskieren.

Diesmal sah es aber ganz danach aus, als würde es intergalaktische Verwicklungen geben. Und daran war nur der verfluchte Bolide schuld, dachte Clayborn.

 

 

2

Übergangslos erfolgte ein saugendes Geräusch im Schiff. Gleich danach erfolgte ein hallender Schlag. Wieder war der Schiffskörper getroffen worden. Und wieder hatten die Orterschirme nicht angesprochen.

Die Mordain verlor rapide an Fahrt.

„Penza, zieh dir den Raumanzug über“, knirschte Barry. „Wir müssen die Lecks abdichten. Jarl, das Beiboot klar zum Ausschleusen. Es sieht so aus, als würden sich die Warholer einen Spaß daraus machen, uns lahmzulegen.“

„Können wir die Burschen nicht mit einer Lichtbombe begrüßen“, meinte Penza Saratow, der gerade dabei war, seinen mächtigen Körper in einen Raumanzug zu zwängen.

„Können wir nicht“, entgegnete Barry knapp. „Außerdem wissen wir nicht einmal, wo sie stecken. Und wenn sie ganz besonders schlechte Laune haben, dann erzeugen sie um uns ein zeitlich instabiles Feld, in dem wir solange hängen, bis wir verhungert sind.“

Clayborn ließ die Magneteinrastung einschnappen, überprüfte dann kurz die Verständigung. Sie klappte ausgezeichnet.

Am Schleusenschott drehte er sich noch einmal um.

„Sobald wir draußen sind, Veem“, sagte er eindringlich, „versucht ihr, mit langsamer Fahrt nach Steuerbord auszuweichen. Geht das nicht, drehst du das Schiff so, dass sein Heck immer in Richtung Warhols Stern zeigt.“

„Und wenn sie euch draußen angreifen?“

„Dann flüchtet ihr sofort, ohne Rücksicht auf uns, und fliegt zum Treffpunkt. Dort wird man dann entscheiden, was weiter zu geschehen hat. Wir dichten die Lecks ab und fliegen neben euch her. Später, sobald wir aus dem Hoheitsgebiet heraus sind, nehmt ihr uns an Bord. Komm, Penza“, wandte er sich an den Riesen von Droom.

Die beiden Männer verschwanden im Schleusenhangar, wo die beiden Beiboote auf den Magnetschienen lagen. Sie kletterten hinein und schwebten ein paar Sekunden später sanft nach draußen.

Die Raumanzüge trugen sie nur für den Fall der Fälle, obwohl in, dem Beiboot sekundenschnell eine Atmosphäre hergestellt werden konnte, die der in der Mordain entsprach.

Ganz langsam umrundeten sie das Schiff. Der Bugstrahler leuchtete die Außenwandungen ab.

„Da, am Maschinenraum“, ließ sich Saratow über den Helmsprech vernehmen, „da hat es eingeschlagen. Sieht tatsächlich nach einem ganz gewöhnlichen kleinen Meteor aus.“

„Das werden wir später von innen feststellen. Ich glaube nicht daran. Es war etwas anderes.“

Barry hob das Schiff leicht an, brachte es in die Position, in der man Reparaturarbeiten ausführen konnte, ohne das Schiff zu verlassen. Die Nase des Beibootes zeigte nun auf das scharfkantige, gezackte Loch.

Eine kleine Stahlplatte wunde ausgeschwenkt, ein Greifarm brachte sie an den gezackten Spalt.

Saratow, einer der fähigsten Ingenieure, drückte auf die Knöpfe. Augenblicklich setzte der Verschmelzungsprozess ein. Die Platte fügte sich fugenlos ein, warf ein paar Blasen, die sofort wieder erstarrten, als sie kalt wurden. Innerhalb kurzer Zeit war das Metall wieder fugenlos und glatt.

„Zur anderen Seite, Penza. Wir müssen mit der Reparatur so schnell wie möglich fertig werden.“

Saratow glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als die Mordain sich ohne jeden ersichtlichen Grund plötzlich entfernte. Ganz langsam nur, aber das Beiboot fiel merklich zurück.

Die beiden Männer sahen sich verblüfft an.

„Wir entfernen uns, nicht sie“, brachte Penza schließlich ungläubig hervor. „Sieh doch nur!“

Clayborn schob den stufenlosen Fahrthebel nach vorn. Die Instrumente schlugen aus. Das Beiboot hätte jetzt nach vorn jagen müssen, aber das war nicht der Fall. Immer noch entfernte es sich über Heck vom Mutterschiff. Dabei wuchs die rückläufige Geschwindigkeit mit jeder Sekunde mehr.

„Die Warholer“, sagte Clayborn ganz ruhig. „Ich glaube, diese Leute treiben es auf die Spitze. Versuchen wir es noch einmal.“

Er schob den Hebel bis zum Anschlag vor. Der Antrieb lief auf voller Kapazität er war jedoch nicht in der Lage, die rückläufige Geschwindigkeit auch nur im geringsten zu beeinflussen.

„Was ist los mit euch?“, krachte es aus dem Lautsprechergitter. „Meine Anordnung von vorhin gilt immer noch“, befahl Barry. „Sofort zum Treffpunkt fliegen, falls das möglich ist. Wir wissen noch nicht, was hier passiert, aber es sieht so aus, als wollten die Warhols es darauf ankommen lassen.“

„Aber wir haben das Hoheitsgebiet nicht verletzt“, ertönte Jarl Ludens ruhige Stimme. „Das dürfte für die Warhols schwerwiegende Folgen haben.“

Clayborn gab sich ruhig und gelassen. Noch bestand keine Gefahr.

„Ich werde Warhol rufen“, sagte er. „Ich verlange eine Erklärung. Ihr dreht jetzt ab. Ende!“

„Ende“, seufzte Veem.

Saratow schaltete das Funkgerät auf eine andere Frequenz. Dann stellte er sehr ruhig den Fahrthebel auf Null.

Es fand weder eine Beschleunigung statt, noch geschah etwas anderes. Mit gleichbleibendem Tempo jagte das Beiboot irgendwohin, gesteuert von unsichtbaren Kräften.

Clayborn gab das Erkennungszeichen des Bootes und rief pausenlos den Robotsender Warhol.

Der Lautsprecher schwieg. Niemand antwortete.

„Ich weiß, dass Sie mich hören“, sagte Clayborn. „Ich bestehe darauf, dass Sie uns sofort aus dem Feld entlassen. Wir haben Ihr Hoheitsgebiet nicht verletzt!“

„Sie wollen uns nicht hören“, knurrte Penza ärgerlich. „Vermutlich lachen sie sich halbtot über uns.“

Clayborn ärgerte sich über die Hilflosigkeit. Was immer sie auch unternahmen, es gelang nicht. Warhols Technik war gigantisch, selbst die Mordain hätte da nicht weitergeholfen.

Sie hätten sich zur Wehr setzen können, dachte Clayborn. Aber die Folgen wären vermutlich zu groß geworden und hätten in letzter Konsequenz zu einem Krieg führen können.

„Sie werden eine saftige Strafe ansetzen, Barry“, tröstete sich der Riese. „Und danach müssen sie uns wieder laufen lassen, ob sie wollen oder nicht. Die Warhols wissen genau, was auf dem Spiel steht. Sie kennen ihre Grenzen.“

„Sie provozieren, und ich möchte bezweifeln, ob sie sich um gewisse Grenzen kümmern.“

Er versuchte es noch einmal auf der Frequenz, aber immer noch gab es keine Antwort. Aus dem Gerät kam nur Rauschen, mehr nicht.

Der Riese schlug verärgert mit der Faust auf das Schaltpult.

„Mir gefällt nicht, wie sie uns behandeln, und dann gefällt mir nicht, dass wir so hilflos sind. Wenn man wenigstens mit einem von den Kerlen Kontakt bekäme.“

„Das bannst du haben“, sagte Barry. „Sieh mal auf den kleinen Monitor. Da kommt etwas!“

Penzas Kopf fuhr blitzschnell herum, wie eine Kugel, die sich auf einem massigen Gelenk drehte.

„Tatsächlich“, dehnte er. „Eine Robot-Staffel. Wie sehen die Warhols aus, Barry?“

„Humanoid. Mehr wissen wir kaum über sie. Lass die Finger von dem Waffenschalter, Penza. Wir können mit dem kleinen Geschütz nichts ausrichten.“

„Das war nur zu meiner eigenen Beruhigung gedacht.“

Ihre Fahrt wurde merklich abgebremst. Welche Kräfte auf das Schiff einwirkten, wussten weder Clayborn noch Saratow. Es konnte sich um eine Art Traktorstrahl handeln oder um gepolte Magnetfelder, selbst Antigravlinien konnten es sein.

Links und rechts von ihnen tauchten jetzt gleichzeitig seltsam geformte Platten auf. Sie waren etwa hundert Meter lang, und knapp siebzig breit. Ein Antrieb nach dem herkömmlichen Prinzip war nicht zu erkennen.

Auf den Plattformen wuchsen Kuppeln in die Höhe, trichterförmige Rohre richteten sich auf das Beiboot.

„Da kommen noch mehr, Barry!“

Clayborn schlich ein unbehagliches Gefühl über den Rücken. Es war das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit, das Gefühl, nicht zu wissen, was einen in den nächsten Minuten erwartete.

Seine Hand zuckte zum Waffenschalter. Da sah er Penzas verzerrt grinsendes Gesicht. Sofort riss er die Hand zurück.

„Diesmal war es nur zu meiner Beruhigung gedacht.“

Noch mehr der seltsam geformten Dinger tauchten auf und kreisten sie von allen Seiten ein.

Dann meldete sich übergangslos und ohne jede Einleitung wieder Veems Stimme. Diesmal klang sie erleichtert.

„Ihr habt Nullfahrt erreicht, Barry! Wir selbst kommen kaum vom Fleck. Könnt ihr aus eigener Kraft zurückkehren?“

„Zurückkehren?“, fragte Clayborn. „Seht ihr denn nicht, dass wir hoffnungslos festsitzen? Mindestens acht Robot-Staffeln haben uns eingekreist.“

„Ist das dein Ernst, Barry?“

„Natürlich! Seht doch auf die Schirme.“

„Auf den Schirmen ist nichts zu sehen. Nur das Boot. Und im Hintergrund Warhols Stern. Dann stimmt es also doch, dass sie ein Mittel haben, das jeden Orterstrahl blockiert und nicht mehr reflektiert. Um uns herum herrscht erdrückende Leere.“

„Abwarten“, versprach Barry. „Ihr könnt augenblicklich gar nichts unternehmen. Versucht, den Antrieb zu reparieren. Uns wird man sehr wahrscheinlich auf den Planeten bringen.“

„Und als Spione liquidieren“, setzte Jarl hinzu. „Die machen sich doch nicht die ganze Mühe, nur um euch zu verwarnen.“

„Dann hätten sie uns jetzt gleich erledigen können. Es steckt also etwas anderes dahinter.“

Damit war der Sprechfunk unterbrochen. Veem und Luden vernahmen nichts mehr auf der Frequenz.

Inzwischen waren die Plattformen näher gekommen. Schlanke Raketenköpfe reckten sich drohend in ihre Richtung. Und dazwischen schimmerten die Abstrahlrohre einer unbekannten Geschützart.

Ohne ihr Zutun schwang das Beiboot langsam herum. An Bord arbeitete kein Aggregat. Die Zeiger standen in Nullstellung.

Dann wich Penza rein automatisch zurück, als sich eines der merkwürdig geformten Rohre dicht an die Scheibe schob und sie abtastete. Das Rohr erinnerte an einen langen Rüssel, der alles befühlte, betastete, bevor er zugriff.

Der kleine Monitor erlosch, als der „Rüssel“ auf der Außenhülle entlangschabte, dann weiterglitt, als suche er etwas Bestimmtes.

„Lass auf jeden Fall den Helm geschlossen“, warnte Barry Clayborn seinen Ingenieur, der ratlos um sich blickte, mal auf das Rohr starrte, dann wieder auf den Monitor blickte.

In den paar Sekunden, die vergangen waren, hatten unsichtbare Kräfte das Beiboot ausgerichtet und wieder beschleunigt. Clayborn sah es mit wachsendem Unbehagen.

Um die Mordain, die immer noch einsam und allein ihre Bahn durch das All zog, kümmerte sich niemand. Langsam wanderte sie aus dem Sektor aus, bis sie in der Schwärze unsichtbar wurde und verschwand.

Jetzt ging der Flug in Richtung Warhols Stern weiter, immer rasender, immer schneller. Die Robotstaffeln hatten sich der Geschwindigkeit angepasst. Auf einer der Plattformen blinkte nun ständig ein schwaches Licht.

Und dann geschah etwas, mit dem weder Barry noch Penza gerechnet hatten. Der Bolide tauchte wieder auf!

Diesmal erschien er wie hingezaubert zwischen den fliegenden Plattformen und schwebte dann ganz nahe an das linke Sichtfenster des Beibootes heran.

Barry schloss sofort die Augen, wandte den Blick ab. Penza drehte den Kopf zur Seite.

Aber die strahlende, unnatürliche Helligkeit, die der Bolide verbreitete, drang durch die geschlossenen Lider hindurch wie das Feuer einer nahen Sonne. Das Bild fraß sich in ihre Gehirne, ließ sich nicht abschalten. Es war da, es war beherrschend.

„Was bezwecken sie damit, Barry?“, fragte Penza mühsam.

„Ich ... ich weiß nicht. Lange halte ich das nicht aus.“

Die Kraft, die von dem Boliden ausging, schlug alles in ihrem Bann. Da half weder die Clume-Disziplin noch etwas anderes. Nichts und niemand konnte sich dem Einfluss entziehen.

Clayborn öffnete gegen seinen Willen die Augen — und sah die wilde, fantastische Schönheit der rosettenartigen Blütenblätter, die sich in strahlender Pracht immer weiter öffneten, bis sie den Blick auf den riesigen Diamant freigaben.

Von da ab reagierten ihre Gehirne nur noch ganz träge. Eine große Gleichgültigkeit kam über sie.

Clayborn lehnte sich zurück. Aus den Augenwinkeln sah er noch, wie auch Penza den Kopf anlehnte und dann schlief.

Noch versuchte Clayborn, dagegen anzukämpfen. Eine halbe Minute lang schaffte er es. Dann fiel er zurück, schloss die Augen. Seine Sinne stumpften ab, begannen in anderen Dimensionen umherzuwandern und verlöschten dann langsam.

Das Beiboot raste weiter — auf Warhols Stern zu. Genauer gesagt, auf den Planeten der grünlichen Sonne.

 

 

3

Clayborn schätzte, dass etwa vier Stunden seither verstrichen waren. Er kam langsam wieder zu sich. Auf seiner Uhr waren drei Stunden, fünfzig Minuten vergangen.

Er fühlte sich frei und unbeschwert und sah sich um. Er blickte in Penzas Augen, die noch einen leicht verklärten Blick hatten.

Die Schleuse des Beibootes war geöffnet. Luft drang herein, die an die Sterilität medizinischer Stationen erinnerte.

„Gehen wir hinaus?“, fragte Penza. „Ich nehme an, dass man es von uns erwartet. Wir sind zur selben Zeit aus der Starre erwacht.“

„Uns bleibt keine andere Wahl.“

Clayborn stand auf, drehte sich um und ging hinaus.

Draußen sah er zunächst nur einen großen Platz, der sich fast bis zum Horizont erstreckte. Weit hinten zog sich eine Hügelkette entlang, dicht davor standen zwei Raumschiffe terranischer Herkunft. Vermutlich hatte man sie auch zwangsgelandet.

Vor dem Schiff standen sie. Reglos, ohne Ausdruck in den harten arroganten Gesichtern. Vier Leute waren es, zwei Männer und zwei Frauen in graublauen Uniformen. Ihre Hände hielten fast lächerlich kleine Intotronwaffen.

Sie hatten die annähernde Größe von Menschen, wirkten aber feiner und zierlicher und irgendwie zerbrechlicher. Ihre Augen ähnelten Perlen, ihr Blick war anmaßend und überheblich.

Kurz streiften ihre Blicke den Commander, dann wunderten sie weiter, blieben an Penza hängen, eine ganze Weile lang.

Clayborn gab die Blicke ebenso kalt zurück. Er sagte kein Wort. Es war ohnehin fraglich, ob sie hier zu einer normalen Verständigung kamen. So abgekapselt wie die Warhols lebten, war es gut möglich, dass sie kein Wort Intergalaktisch beherrschten.

Aber darin hatte der Commander sich getäuscht. Sie beherrschten die Sprache perfekt.

Eine der Frauen trat einen Schritt vor. Unter ihrer Dienstmütze lugten silberfarbene Haare hervor, ein Stich ins Bläuliche ließen sie gekünstelt wirken. Ein Abzeichen über der linken Brust gab Clayborn Rätsel auf.

Es zeigte den Planeten Warhol, darüber die grünliche Sonne und dicht neben dem Planeten den Schattenriss eines anderen, eines Transplaneten. Noch wusste Clayborn nicht, was der Transplanet darstellte.

„Ihre Namen“, kam es kalt und schneidend von den Lippen der Frau.

Clayborn zuckte die Schultern. „Barry Clayborn, Terra!“

Der Blick wurde fast verächtlich. Die Lippen verzogen sich leicht.

„Penza Saratow, Droom“, dröhnte die Stimme des Riesen auf.

„Dienstgrade?“

„Commander!“

„Ingenieur!“

„Was führt Sie in unser Gebiet?“

„Wir hatten nicht die Absicht, Ihr Hoheitsgebiet zu verletzen“, sagte Clayborn mit harter Stimme. „Und soviel mir bekannt ist, haben wir es auch nicht verletzt. Ich verlange, dass man uns sofort wieder freilässt und sich in aller Form entschuldigt. Wir sind in einer wichtigen Mission unterwegs gewesen, trafen auf einen Boliden und gingen auf Ausweichkurs. Das ist alles.“

Die Frau trat noch weiter vor. Ihre Augen schimmerten wie künstliche Perlen, matt, mit einer leichten Eintrübung darin anstelle einer Pupille.

„Das ist nichts weiter als eine Schutzbehauptung. Unsere Robotinsel hat Sie automatisch unter Beschuss genommen, sobald Sie in die verbotene Zone einflogen. Sie Schüsse waren nur als Warnung gedacht, aber Sie missachteten das! Ein Frevel, der Sie teuer zu stehen kommen wird.“

„Sie unterliegen hiermit unserer eigenen Gesetzgebung und werden danach abgeurteilt“, ließ sich der eine Mann vernehmen. Auch seine Stimme klang kalt und verächtlich.

Clayborn verzichtete auf einen Protest. Es würde nichts nützen. Sie würden sich nur lächerlich machen.

„Und wie bestraft Ihre Gesetzgebung das Eindringen in Ihr Hoheitsgebiet?“, fragte er spöttisch. „Sollen wir zehntausend Credits Strafe zahlen, oder inhaftieren Sie uns sechs Wochen?“

„Ihr Spott ist fehl am Platz, Commander Clayborn. Unsere Gesetze sind streng, aber gerecht. Vermutlich wird man Ihnen die Wahl zwischen Tod oder Leben lassen.“

Clayborn glaubte, sich verhört zu haben. „Die Wahl zwischen Tod oder Leben?“, fragte er. „Ich glaube, diese Wahl dürfte uns nicht schwerfallen.“

„Klar, wir bevorzugen das Leben“, warf Penza ein.

Die vier Uniformierten verzogen die Gesichter. Die Frau warf ihnen einen hochmütigen Blick zu.

„Das Leben kann weitaus unangenehmer als der Tod sein“, sagte sie weise. „Sie hören wieder von uns. Morgen wird man Sie abholen.“

Clayborn und Penza blickten sich total verblüfft an, als die Umrisse der vier Leute plötzlich in den Konturen verschwamm en und instabil wurden, als verwandelten sich ihre Körper in gasförmige Materie. Ein kurzes Flimmern hing sekundenlang in der Luft.

Dann waren alle vier verschwunden. Die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatten, war leer.

„Teleporter“, ächzte Penza fassungslos. „Ich habe noch nie einen Teleporter gesehen, immer nur davon gehört.“

„Ja“, sann der Commander. „Ich habe mich darüber gewundert, dass es weit und breit kein Fahrzeug gab. Aber deswegen müssen es noch keine Teleporter sein.“

„Du denkst an Projektionen?“

„Möglich. Holografische .Projektion auf der Basis von Laserstrahlen, bei dem ein stereoskopisches Bild durch Interferenz einer Primärwelle mit einer vom Gegenstand veränderten Sekundärwelle entsteht. Das wirkt echt und dreidimensional. Die Tonübertragung geschieht dabei auf einer anderen Basis.“

„Dann befanden sich diese Leute also irgendwo in der Stadt, standen gemütlich beieinander und strapazierten unsere Nerven durch eine reine Holografie. Alles andere wurde einfach weggeblendet.“

„So ähnlich muss es gewesen sein. Vermutlich wird auch jedes Wort belauscht, das wir miteinander sprechen.“

„Dann schweigen wir eben“, schlug Penza vor. „Oder wir versuchen, das Boot zu starten. Vielleicht funktioniert es.“

„Ganz bestimmt nicht“, dämpfte Clayborn den Optimismus seines Freundes. „Man hat uns sogar unsere Waffen gelassen. Findest du das nicht merkwürdig?“

Penza zuckte nur die massigen Schultern. Er sah hoch.

Die Sonne, mit einem Stich ins Grünliche, war warm und mild. Am Himmel gab es keine Wolken. Es hatte den Anschein, als würde es hier nie Wolken geben. Er wies auf die beiden Schiffe, die weiter hinten an der Hügelkette standen.

„Terranische Schiffe von Prospektoren“, erklärte er fachmännisch. „Sie scheinen schon lange hier zu stehen. Kannst du die Namen erkennen, Barry?“

„Nein, wir können es aber feststellen, im Schiff, mit Hilfe der Vergrößerungsoptik.“

Penza ging kommentarlos ins Beiboot zurück, während Clayborn auf dem sandigen Boden entlangwanderte. Er marschierte ein paar hundert Meter vom Boot weg, und dabei hatte er das Gefühl, als würde die Luft um ihn herum immer zähflüssiger und dichter.

Er machte noch ein paar Schritte in der gleichen Richtung.

Der atmosphärische Druck verstärkte sich augenblicklich. Und dann konnte er die Luft regelrecht fühlen. Er kam nur noch zentimeterweit voran, danach ging es nicht mehr weiter.

Seine Finger tasteten sich vor und trafen auf Widerstand.

Es musste sich um einen hochverdichteten Schirm handeln, der unsichtbar in der Landschaft hing. Wieder eins der Rätsel, die so verblüffend wirkten.

Clayborn ging in die andere Richtung. Das Resultat war das gleiche. Um sie herum befand sich eine Glocke von großen Ausmaßen, die alles hermetisch abschloss.

Sie waren gefangen, ohne Bewacher, ohne feste Konstruktionen wie einen Bau oder Gitter. Ein sicheres und stabiles Gefängnis!

Penza kehrte zurück. Sein Gesicht drückte Ärger aus.

„Die beiden Schiffe sind seit mehr als acht Jahren terranischer Zeitrechnung verschollen, Barry. Das eine ist die Skylight, das andere Spacewalker. Der Rost frisst bereits an ihnen.“

„Wer weiß, was mit ihnen geschehen ist“, meinte Clayborn. Und wieder beschlich ihn dieses merkwürdige Gefühl der Verlassenheit.

„Wir sind von einer Glocke aus komprimierter Luft umgeben, Penza“, klärte er den Riesen auf. „Ich habe es eben versucht. Man kann nur ein paar hundert Meter in einer Richtung laufen, danach geht es nicht mehr weiter. Uns bleibt vorerst nichts anderes übrig, als es uns so bequem zu machen, wie es geht. Ich denke, wir essen etwas und trinken einen starken Kaffee. Weshalb sollen wir uns unnötige Sorgen machen?“

„Hm! Du hast recht. Das hilft uns auch nicht weiter. Morgen haben wir einen schweren Tag vor uns. Da geht es um die Wahl zwischen Tod oder Leben. Was mag das nur für ein Leben sein?“

„Sicher ein Hundeleben. Der Tod dürfte direkt eine Erlösung sein. Du hast ja gehört, was die Frau gesagt hat.“

Penza verlegte sich aufs Grübeln. Aber auch das half ihm nicht weiter. Er kam nicht dahinter, was damit gemeint war.

Sie kehrten ins Boot zurück, nachdem auch Penza noch einmal die Barriere abgetastet hatte.

Sie erwies sich als stabiles Gefüge. Sobald man weiter vordrang, wurde die Luft knapp, das Atmen immer schwieriger, und man ruderte hilflos mit den Armen herum, als befände man sich in einem dichten, unsichtbaren Brei.

„Mit den Raumanzügen müsste es gehen“, meinte der Riese verdrossen und trank einen Schluck Kaffee.

Clayborn winkte sofort ab.

„Selbst wenn es uns gelingt, dürfte der Ausbruch gleich bemerkt werden. Und wenn wir hinter der Barriere sind, was tun wir dann? Wir kennen gar nichts von Warhol, seinen Bewohnern, seiner Fauna und Flora. Wir würden nicht weit kommen.“

„Von seinen Bewohnern wissen wir zumindest, dass es hochmütige kalte und arrogante Geschöpfe sind. Nur hilft uns das keinen Schritt weiter. Was werden Veem und Luden machen?“, sorgte er sich.

„Wenn das Schiff nicht zu schwer beschädigt ist, werden sie versuchen, MALACA zu erreichen, oder zumindest einen Funkspruch abzusetzen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann werden sie vermutlich auf uns warten, nehme ich an.“

Einer spontanen Eingebung folgend, ging Clayborn zum Sender hinüber und stellte ihn ein.

„Clayborn ruft Mordain“, jagte er seinen Spruch hinaus. Viermal hintereinander. Und dann: „Mordain, bitte kommen!“

Penza gesellte sich zu ihm und lauschte auf ein Zeichen. Es kam keins. Nur das ewige Rauschen war zu hören, geheimnisvolle Stimmen, die aus der Ewigkeit wisperten.

„Das Gerät ist einwandfrei in Ordnung“, meinte Saratow, nachdem er den Sender kurz untersucht hatte. „Daran liegt es also nicht. Und der Sender auf dem Schiff arbeitet ebenfalls einwandfrei. Dafür verbürge ich mich.“

„Also liegt es an den Warhols. Es geht weder ein Funkspruch hinaus, noch kommt einer an. Schalte ab, Penza.“

Resigniert griff der Riese nach dem Schalter. Dann ließ er sich in den Sessel zurückfallen und schloss die Augen. Er tat so, als schliefe er, aber Clayborn kannte ihn besser.

Der schwer gebaute Mann machte sich Sorgen, nicht so sehr um seine eigene Zukunft. Er sorgte sich um seine Kameraden, die irgendwo dort oben herumflogen, vielleicht manövrierunfähig waren und genauso auf einen Funkspruch warteten wie sie auch.

Clayborn wusste ebenfalls nicht, was er beginnen sollte. Die Landschaft dort draußen war trist und öde, das Wetter war immer das gleiche, und zu sehen gab es auch nichts als den großen Platz und ganz hinten die beiden Schiffe, deren Besatzung wahrscheinlich längst nicht mehr am Leben war.

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Aber er konnte nicht schlafen. Zu viel ging ihm durch den Kopf.

 

 

4

„Es liegt nicht am Sender“, sagte der Wissenschaftler. „Es liegt an einer Überlappungszone, die hier irgendwo in der Nähe erzeugt wird und die keinerlei Funkwellen hindurchlässt. Barry wird es schon öfter versucht haben. Und die MALACA können wir ebenfalls nicht erreichen.“

Die Mordain zog eine Riesenschleife nach der anderen. Den Fehler im Antriebssystem hatten sie immer noch nicht gefunden. Vermutlich lag auch hier eine Störung durch die unsichtbare Robotflotte vor, wie Luden ganz richtig vermutete.

Sie hielten das Schiff zwar nicht fest, aber sie gaben den Block auch nicht frei, der es ihnen gestattete, sich wieder frei und unabhängig im Raum zu bewegen.

„Wenn sich in vierundzwanzig Stunden immer noch nichts Entscheidendes getan hat“, meinte Veem Chemile, „dann müssen wir auf eigene Faust handeln. Ich schlage vor, wir machen ein Beiboot klar und lassen uns ebenfalls festnehmen.“

„Das ist zu übereilt“, widersprach der Wissenschaftler. „Ich halte es für besser, wenn wir achtundvierzig Stunden warten. Bis dahin haben wir vielleicht einen besseren Überblick. Und dann können wir immer noch handeln, ohne etwas voreilig zu provozieren.“

„Du hast recht“, gab Veem zu, „aber ich halte es einfach nicht aus, hier tatenlos herumzusitzen. Wenn man wenigstens eine Kreisbahn um diesen Planeten einschlagen könnte, um zu beobachten, was da vor sich geht.“

„Die Warhols lassen uns nicht einmal mehr auf tausend Meter weiter herankommen. Und wenn sie auch noch die Mordain schnappen, sind wir völlig hilflos. Ich habe einen anderen Plan, Veem, den werde ich dir jetzt auseinandersetzen.“

Sie berieten lange miteinander, stellten immer wieder neuen Thesen auf und verwarfen sie dann, weil sie keiner genauen Prüfung standhielten.

Es war nicht so einfach, sich dem Planeten zu nähern, ja es war sogar ausgeschlossen, ungesehen auch nur auf eine Lichtminute oder weniger heranzukommen.

Im Maschinenraum, den sie später aufsuchten, standen sie ebenfalls vor einem Rätsel.

Das Leck war abgedichtet, Trümmerstücke, die irgendwelche Maschinenteile zerstört hätten, gab es nicht. Der Antrieb reagierte normal, aber der Partikelausstoß war gleich null. Es fehlte der Schub, der das Schiff in Bewegung setzte.

Sie hatten es auch schon mit dem Antigravantrieb versucht. Aber der funktionierte überhaupt nicht mehr. Gravolinien ließen sich nicht mehr ausnutzen.

Nach etlichen Stunden angestrengter Suche gaben sie auf. Sie gingen in die Zentrale zurück und warteten.

Etwas anderes blieb ihnen nicht übrig. So vergingen die ersten achtzehn Stunden.

 

 

5

Als Barry erwachte, hatte er das Gefühl, jahrelang geschlafen zu haben. Penza Saratow saß schon seit mehr als einer halben Stunde vor der Schleuse und starrte zum Horizont.

Nichts rührte sich. Alles blieb still und ruhig.

Nach einem ausgedehnten Frühstück kehrte wieder die Langeweile bei ihnen ein. Der Sender gab immer noch keinen Ton von sich. Eine Antwort erhielten sie nicht.

„Die werden sich doch hoffentlich nicht den Spaß machen und uns hier bis in alle Ewigkeit sitzen lassen“, murrte der Riese. „Zutrauen würde ich es ihnen. Wir sitzen hier in der Falle, bis unsere Vorräte aufgebraucht sind, und verhungern anschließend.“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als nur ein paar hundert Meter weit links von ihnen ein Gleiter auftauchte.

Diesmal handelte es sich um keine dreidimensionale Erscheinungsform. Die beiden Frauen, die den Gleiter flogen, waren echt.

Mühelos durchstießen sie die Barriere, landeten und stiegen aus.

Die eine kannten sie schon. Es war die gleiche vom Tag vorher, die das seltsame Zeichen auf der Jacke trug.

„Freut mich, Sie diesmal wirklich begrüßen zu können“, sagte Clayborn ironisch. „Gestern haben wir leider nur ihr Schattenbild gesehen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte die Frau scharf.

,„Das kommt vom Nachdenken. Haben Sie auch einen Namen?“

„Ich bin nicht geneigt, Ihnen Auskunft zu geben, Commander Clayborn. Es genügt, wenn wir den Ihren wissen.“

„Wenn das für die Höflichkeitsregeln auf Warhol gilt, habe ich keine Einwendungen“, meinte Clayborn gelangweilt. „Und nun sagen Sie uns gefälligst, was Sie wollen!“

„Zunächst werden Sie das Beiboot dort hinüberfliegen!“

Ihre Hand streckte sich aus und deutete in jene Richtung, in der auch die beiden anderen Schiffe standen.

„Ich denke nicht daran“, widersprach Clayborn. „Das Boot liegt hier ebenso gut wie dort drüben. Was ist mit den Männern geschehen, die hier gelandet sind?“ Das Mädchen mit dem hochmütigen Blick gab keine Antwort. Sie ignorierte die Frage völlig.

Die andere, die ihr auf eine eigenartige Weise ähnelte, fuhr arrogant dazwischen.

„Tun Sie, was Ihnen befohlen wird! Sie haben sich hier widerspruchslos allen Anordnungen zu fügen, sonst ...“

„Mir hat niemand etwas zu befehlen. Am allerwenigsten Sie“, sagte Clayborn kalt und verletzend. Er sah nicht ein, aus welchem Grund er das Beiboot woanders hinfliegen sollte. Und von den beiden Frauen ließ er sich schon gar nicht herumkommandieren.

Die beiden sahen sich an, die eine sagte etwas in ihrer Sprache.

„Wenn Sie sich weigern, wird das die Strafe verschärfen!“

„Ich weigere mich immer noch“, blieb Clayborn hartnäckig.

„Wie Sie wollen. Steigen Sie in den Gleiter! Sie auch!“

„Uns gefällt es hier ganz gut. Ich denke nicht daran, den Gleiter zu besteigen.“

„Dann werden wir Gewalt anwenden!“ Offenbar hatte sich den beiden noch niemand widersetzt, denn sekundenlang berieten sie untereinander in ihrer Sprache.

Daraufhin zog die eine ihre Waffe und richtete sie auf Clayborn. Die andere holte etwas aus der Tasche ihrer Uniform, das wie eine silberne Schlange aussah. Spielerisch hielt sie es in der Hand. Das silbrige Ding bog und wand sich, dann glitt es plötzlich durch die Duft und zischte auf Saratow zu.

Der Riese kam nicht mehr dazu, eine Ausweichbewegung zu machen. Das Ding war einfach zu schnell.

Es umschlang seinen Körper wie ein glühender Draht, fesselte seine Arme und presste sie an den Oberkörper, bis er sich nicht mehr rühren konnte.

Genau die gleiche Schlange schoss auch in der nächsten Sekunde auf Clayborn zu, umschlang seinen Hals und zog sich zu. Die elektronische Fessel, ein teuflisches Ding, begann zu würgen, sobald er sich dagegen wehrte. Wie Klammern aus glühendem Stahl presste sie seinen Hals zusammen, zog sich immer enger, bis er rote Kreise vor den Augen sah und keine Luft mehr bekam.

Die beiden Frauen lächelten überlegen. Zum ersten Mal sah Clayborn eine bewusste Mimik in ihren kühlen Gesichtern.

„Besteigen Sie jetzt den Gleiter!“, hörte Clayborn wie aus weiter Ferne ihre Stimme.

Seine Hände fuhren zum Hals, versuchten, zwischen Hals und die elektronische Fessel zu greifen, um den mörderischen Würgegriff zu lockern.

Aber die Fessel zog sich nur noch mehr zusammen.

Und dann erhielt er den ersten elektrischen Schlag. Er war so stark und brannte so heiß durch seinen Körper, dass es ihn fast umwarf. Elektrische Entladungen durchtobten ihn.

Da erst gab er nach, widerwillig und in dem Gefühl, der Unterlegene zu sein.

Saratow knirschte mit den Zähnen, als sie im Gleiter Platz nahmen. Die beiden weiblichen Polizisten schenkten ihnen keinen Blick. Während die eine den Gleiter steuerte, war die andere damit beschäftigt, ihr Gesicht anzumalen. Eine typisch weibliche Eigenart, dachte Clayborn. So schnell konnte die nichts erschüttern.

Er musterte die Frau genauer und unauffällig, wie er glaubte. Aber dann merkte sie es doch und gab den Blick kühl und überlegen zurück.

„Starren Sie mich nicht so an!“, fauchte sie. „Was fällt Ihnen ein! Drehen Sie sich um!“

„Sie sind wunderschön“, grinsend.

„Das Kompliment kann nicht zurückgeben!“, kam es aus ihrem Mund.

Details

Seiten
129
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922240
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
space agent clayborn drachenwelt

Autor

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Titel: Space Agent #3: Clayborn und die Drachenwelt