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Die Raumflotte von Axarabor #28: Planet der Ausbeuter

2018 69 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #28: Planet der Ausbeuter

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Planet der Ausbeuter

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 28

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 69 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Gorgon war eine Welt wie sie friedlicher gar nicht mehr sein könnte. Bis das Syndikat kam und ausgerechnet diese Welt zu einer Hölle machte, in der die einheimische Spezies der Gorgonen vor allem eines tun müssen: Leiden bis in den Tod! Sie sind zu friedfertig, um sich zu wehren. Doch sie sind nicht allein...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein kleiner Mensch?“, wunderte sich der Gorgone.

Erik wirkte wie ein Fünfjähriger. Er hatte strahlend blaue Augen, einen lockigen Blondschopf und wirkte gerade so, als müsste man ihn unbedingt beschützen.

Jetzt lächelte er gewinnend. Dabei belauschte er allerdings die Gedanken des Gorgonen und wusste von daher, dass ein solches Lächeln überhaupt keine Wirkung auf diesen hatte. Also stellte er es wieder ein.

„Ja, ein kleiner Mensch. Schon richtig erkannt!“, pflichtete er dem Gorgonen bei.

Er betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, die unförmige Gestalt, groß wie ein Mensch, aber absolut fremdartig wirkend. Der Gorgone war fleckig gelb, völlig haarlos, hatte große Augen ohne Brauen, anstelle einer Nase zwei Luftlöcher, einen eigentlich viel zu großen Mund, der bis zu den Ohren gereicht hätte, ja, hätte es überhaupt Ohren gegeben. Wenn man genau hinsah, erkannte man kleine Löcher, die sich öffnen und schließen konnten. Darüber hörten die Gorgonen.

Erik wusste es nur deshalb, weil er eben heimlich die Gedanken belauschte. Nur die oberflächlichen. Eigentlich konnte er bis in die tiefsten Tiefen der Erinnerungen vordringen, aber an den Gorgonen war etwas, was ihn bisher davon abgehalten hatte. Obwohl er sich bereits seit drei Wochen auf dem Planeten Gorgon befand.

„Ihr seid alle nackt!“, stellte Erik jetzt überflüssigerweise fest.

Der Gorgone lachte.

„Natürlich sind wir das, denn unsere Körper sind die Kleidung!“

Erik wusste außerdem auch noch, dass kein Mensch solche gorgonischen Aussagen verstand. Nicht nur, dass niemand die Gorgonen auch nur im Geringsten ernst nahm. Die Menschen hier auf Gorgon taten den Einheimischen sogar schlimme Dinge an.

Die Gorgonen waren selbst absolut friedfertig, um nicht zu sagen gemütlich. Erik kannte sie als ausgesprochen fröhlich. Es sei denn, ein Mensch war in ihrer Nähe.

Aus den Gedanken von Menschen wusste er, dass man mit den Gorgonen etliche Experimente angestellt hatte. Immer zu Ungunsten der Gorgonen natürlich.

Überhaupt hatten die Menschen diese Welt hier Gorgon genannt und ihre Ureinwohner Gorgonen. Sie selbst hatten nämlich weder für ihre Welt noch für ihre Art einen Namen. Weil auch kein einzelner Gorgone namentlich benannt wurde.

Eine mehr als seltsame Welt, wenngleich friedlich – hätte es hier keine Menschen gegeben.

Als die Menschen hierhergekommen waren, hatte es weltweit nur ein paar Millionen Gorgonen gegeben, weit verteilt. Inzwischen war ihre Zahl auf weniger als eine Million geschrumpft.

Erik taten die Gorgonen unendlich leid, doch das hätte er ihnen niemals gezeigt. Sie brauchten kein Mitleid. Was sie brauchten, das war tätige Hilfe. Aber wie sollte er ihnen überhaupt helfen können? Ein Gorgone würde niemals eine Waffe auch nur anfassen geschweige denn benutzen.

Die Menschen hier hatten sie deshalb Gorgonen genannt, weil sie anfangs der Meinung gewesen waren, diese Wesen würden sich von Steinen ernähren. Angeblich hatte es in fernster Vergangenheit einmal einen Mythos gegeben von Steinfressern, die anscheinend so ähnlich aussahen wie hier die Ureinwohner. Wovon sich die Gorgonen tatsächlich ernährten, hatte niemand herausbekommen, und die Gorgonen schwiegen sich darüber aus.

Erik hätte es erfahren können. Ganz leicht. Indem er einfach in ihrer Erinnerung gewühlt hätte. Und wieso brachte er das nicht fertig? Nur weil sie ihm leid taten?

Nein, es musste etwas anderes sein. Erik wusste nur nicht was. Die Gorgonen jedenfalls waren für alle Menschen ein bleibendes Rätsel, sogar für ihn, Erik. Trotz seiner Möglichkeiten, die er eben nur nicht gegen sie einsetzen konnte.

Er dachte an die Formulierung zurück, ihre Körper wären ihre Kleidung. Diese unförmigen, geschlechtslosen Gestalten? Es gab weder eine Öffnung für flüssige Ausscheidungen noch eine Öffnung für feste Ausscheidungen. Weil sie überhaupt keine Ausscheidungen hatten? Aber jedwedes lebendes Wesen hatte das.

Nur die Gorgonen nicht!

„Du kleiner Mensch, was willst du?“

„Du hast anscheinend keine Erfahrung mit kleinen Menschen, wie?“

„Ich habe kleine Menschen bisher nur aus der Ferne gesehen. Wir dürfen uns ihnen nicht nähern. Es scheint, als würden sich die Menschen irgendwie fortpflanzen. Sagt man nicht so? Wenn dann die Frucht aus dem Leib kriecht des Weibchens, ist sie noch ziemlich klein und hilflos. Sie braucht viel Zuwendung, bis sie auch nur so groß wird wie du jetzt bist.“

„Das siehst du schon richtig“, gab Erik ihm recht.

„Aber wieso hast du die Menschenstadt verlassen und kamst hierher, in die Enklave?“

„Weil dies hier eben eine Enklave ist, und ich finde das schrecklich.“

„Aber was ist denn daran schrecklich? Die Menschen haben sie uns überlassen. Das war doch ein anständiger Zug von ihnen.“

„Anständiger Zug?“, entrüstete sich Erik und hatte Mühe, sich wieder zu beruhigen. „Die Menschen haben euch den ganzen Planeten weggenommen, spielen sich hier als die Herren auf, machen euch zu Sklaven und teilweise sogar zu Spielzeug bis in den Tod, völlig ohne die geringste Rücksicht. Ja, selbst wenn es einen von euch das Leben kostet.“

„Das ist schon in Ordnung“, behauptete der Gorgone gutmütig. „Früher haben sie sehr viele von uns einfach so umgebracht. Heute ist es nicht mehr so schlimm.“

„Und das nennst du in Ordnung?“

„Nun, viele wurden früher so lange gequält, bis sie tot waren. Die Menschen nannten das dann Experimente. Sie wollten unser Geheimnis ergründen. Jetzt tun sie das nicht mehr.“

„Euer Geheimnis ergründen? Ohne Erfolg jedenfalls!“ Erik nickte heftig. „Das ist der einzige Sieg, den ihr jemals errungen habt: Ihr habt euer Geheimnis bewahrt. Und das ist in Ordnung?“, wiederholte er.

„Selbstverständlich ist es das, kleiner Mensch. Irgendwie bist du völlig anders als die anderen Menschen. Kommt mir das nur so vor, weil ich noch niemals Gelegenheit hatte, mit einem kleinen Menschen zu sprechen?“

„Du weiß allerdings schon, warum das so ist? Warum kein Gorgone jemals mit einem kleinen Menschen gesprochen hat? Übrigens nennt man solche kleine Menschen Kinder.“

„Nein, ich weiß es nicht.“

„Dann lass es mich dir sagen: Weil sie den Kindern einreden, ihr würdet sie fressen!“

„Aber wir fressen doch niemanden!“

„Natürlich nicht, aber die Menschen reden ihren Kindern das so ein, und selbst wenn diese Kinder irgendwann erwachsen sind, hassen sie euch. Es würde auf dieser Welt überhaupt kein Gorgone mehr existieren, würdet ihr nicht als nützlich gelten. Zwar sehr eingeschränkt nützlich, aber immerhin hat es eure Art erhalten.“

„Du redest gerade so, als würdest du die Menschen nicht leiden können“, stellte der Gorgone ungerührt fest.

„Nicht leiden können? Die Menschen? Das ist richtig und falsch zugleich. Ich habe nämlich nichts gegen Menschen, aber nur so lange sie sich auch wie Menschen zu benehmen wissen.“

„Aber sie benehmen sich doch wie Menschen!“, widersprach der Gorgone lahm.

Erik lachte humorlos, obwohl der Gorgone das nicht einschätzen konnte. Seine Art kannte nur lockere Fröhlichkeit oder die totale, gutmütige Zurückhaltung. Dieses Gespräch, das er gerade mit einem der ihren führte, war in dieser Ausführlichkeit wahrscheinlich das erste seiner Art seit Menschen vor Jahrzehnten überhaupt hier gelandet waren.

„Wie kannst du das wissen? Du kennst ja nur diejenigen von Gorgon. Aber es wird dich vielleicht überraschen, dass es außer dieser Welt hier noch viele, viele andere gibt. Ich weiß, ein Gorgone kann sich das nicht vorstellen, weil ihr nur zweidimensional denkt. Ihr haltet eure Welt für das ganze Universum und versteht nicht, woher die Menschen überhaupt kommen konnten. Ich sage es dir trotzdem: Von anderen Welten eben. Und dort gibt es solche Menschen, wie ihr sie kennt, aber es gibt auch völlig andere Menschen, überwiegend sogar.“

„Die so sind wie... du?“

„Oh, jetzt wird es sogar noch komplizierter für dich, tut mir leid: Sie sind auch nicht wie ich. Sie sind das, was man als normal bezeichnen könnte. Und sie würden euch das niemals antun, was die Menschen hier euch antun.“

„Das verstehe ich nicht“, gab der Gorgone tatsächlich zu.

„Ich weiß. Nicht weil du dumm bist, sondern weil es nicht in euer Weltbild passt. Aber vielleicht bin ich nur deshalb hierhergekommen, um genau dieses Weltbild zu korrigieren?“

„Korrigieren? Aber wieso?“

„Es hat keinen Sinn, es dir erklären zu wollen. Ich werde es dir und Deinesgleichen zeigen müssen.“

„Zeigen? Inwiefern?“

„Ich bleibe bei euch, wenn ihr nichts dagegen habt. Du weißt ja jetzt, dass ich einem Gorgonen niemals etwas tun würde. Aber vielleicht verstehst du zumindest, dass ich umgekehrt alles tun werde, um euch zu beschützen vor diesen bösen Menschen?“

„Böse Menschen?“

„Ja, bei den normalen Menschen heißen sie Adakonis, weil sie Angehörige des Adakoni-Kartells sind. Und dieser Planet hier ist das Gorgon-Syndikat.“

Erik sagte das, obwohl er gleichzeitig wusste, dass der Gorgone das nicht begreifen konnte. Weil Gorgonen halt eine völlig andere Denkweise hatten als Menschen.

Für einen Augenblick zweifelte er mal wieder daran, dass er die selbst gestellte Aufgabe überhaupt jemals bewältigen konnte, als Einzelner, der überdies aussah wie ein kleiner Fünfjähriger.

Zwar hatte er ungeahnte Fähigkeiten und Kräfte und war in Wirklichkeit weitaus älter als fünf Jahre, aber die Befreiung von Gorgon von den Menschen? Wobei kein einziger Gorgone wohl als Hilfe in Frage kam, obwohl es doch einzig und allein um sie selber ging?

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Am Rande der Enklave gab es eine Sammelstelle. Die Gorgonen waren angewiesen, dort jeden Morgen zu warten. Transporter kamen, um die an diesem Tag benötigten Sklaven abzuholen. Gleichzeitig brachten sie die Sklaven vom letzten Morgen zurück. Nicht immer alle, weil sich der eine oder andere zu Tode schuftete.

So genau hatte Erik das noch nicht in Erfahrung bringen können, welchem Zweck dies alles diente. Da gab es zwar eine Mine, etwa zwanzig Kilometer tief in den Bergen, in der ein seltener Stoff von Hand geschürft werden musste, weil jegliche Energieträger ihn angeblich verunreinigten, aber die Gorgonen wurden nicht nur dafür missbraucht, wie er glaubte.

Ohne jegliche Bezahlung natürlich. Ihr einziger Lohn war, am Leben bleiben zu dürfen. Und sogar diesen Lohn bekamen sie nicht immer und nicht alle.

Erik musste sich wieder einmal eisern beherrschen, um diesen in sich aufkeimenden Groll nicht zuzulassen. Er würde ihn nur zu Handlungen verleiten, die er nicht mehr kontrollieren konnte.

Also ging er mit seinem neuen Freund zu dieser Sammelstelle, rechtzeitig bevor die Transporter kamen. Einige hundert Gorgonen würden es ihnen gleichtun. Auf der ganzen Welt gab es unzählige dieser Enklaven. Dies hier war nur eine.

„Ich werde dir einen Namen geben, wenn du erlaubst“, sagte er unterwegs zu dem Gorgonen.

„Einen Namen? Wozu?“

„Weil ich ein kleiner Mensch bin. Wir geben uns gegenseitig Namen, damit wir uns ansprechen können.“

„Aber man kann sich doch gegenseitig ansprechen ganz ohne Namen“, wunderte sich der Gorgone.

„Das mag ja sein, aber halt nur, wenn man selber ein Gorgone ist. Und ich bin keiner, wie du bestimmt weißt.“

Erik hatte es sarkastisch klingen lassen wollen, doch natürlich kannten Gorgonen keinen Sarkasmus. Sie hätten ihn auch nicht verstanden, hätte er es zu erklären versucht.

Er betrachtete den Gorgonen und spürte diese grenzenlose Sympathie für dieses Wesen. Ein dermaßen starkes Gefühl, das er seit dem Verlust seiner geliebten Eltern nicht mehr verspürt hatte.

Es war erloschen, als er hatte zusehen müssen, wie sie grausam umgebracht worden waren, genauso wie alle Siedler auf der Welt, auf der er geboren worden war... Seine Mutter hatten sie erst brutal vergewaltigt. Immer wieder, bis sie endlich tot war – erlöst von diesem Grauen.

Und das alles nur, weil die Adakoni-Piraten, diese Ausgeburten der Hölle, Vergnügen daran fanden! Ansonsten völlig sinnlos.

Nur einen einzigen Überlebenden hatte es geben: Erik! Und nur deshalb, weil seine PSI-Kräfte ihn beschützt hatten.

Ach, wäre er damals, mit echten fünf Jahren, schon so stark gewesen wie heute. Niemand hätte zu sterben brauchen, außer den verfluchten Adakoni-Piraten!

Überhaupt, das Adakoni-Kartell, dieses Sammelsurium des schlimmsten Abschaums im bekannten Universum...

Schon wieder hatte er alle Mühe, sich zu beherrschen.

Der Gorgone bemerkte es trotzdem.

„Du bist mir ein seltsamer kleiner Mensch“, stellte er fest.

„Ich weiß!“, gab Erik nur zurück und schaute ihn wieder an.

„Ich nenne dich Paul! Es sei denn, du hast was dagegen?“

„Nein, habe ich nicht. Wozu auch? Aber wieso Paul?“

„Weil Paul irgendwie zu dir passt. Paul und Erik. Klingt das nicht wie die Namen zweier bester Freunde?“

„Keine Ahnung. Sag du es mir, kleiner Mensch.“

„Erik!“

„Ja, Erik, kleiner Mensch.“

Erik musste unwillkürlich lachen.

Der Gorgone wusste aus Erfahrung, dass Menschen damit so etwas wie Fröhlichkeit ausdrückten. Also gab er sich ebenfalls fröhlich.

Fast hatten sie den Sammelpunkt erreicht.

„Warum wolltest du schon so früh hier sein, Erik?“

„Weil ich die Lage sondieren muss und dafür natürlich eine gewisse Zeit benötige.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Du wirst es erleben, und ich hoffe sehr, dass ich dich dabei nicht erschrecken werde.“

„Mich erschrecken?“

„Was auch immer geschehen wird, erinnere dich genau an das, was ich dir jetzt sage, an jedes Wort: Nur die Bösen kommen zu Schaden! Niemals die Guten!“

„Die Bösen? Die Guten?“

„Die Menschen, die du kennst, das sind böse Menschen. Gute Menschen hast du noch niemals in deinem Leben kennengelernt. Das hat kein Gorgone jemals zuvor. Alle diese Menschen hier gehören zu den Bösen. Verstehst du das?“

„Ich kann es nicht verstehen, weil ich nur diese kenne.“

Erik sah überrascht auf. Die Logik des Gorgonen erschien ihm bestechend. Sie bewies, dass der Gorgone durchaus eine ausgeprägte Intelligenz besaß. Nur seine Denkweise war von der eines Menschen dermaßen verschieden, dass er vieles niemals begreifen würde.

Allerdings, soviel wusste Erik definitiv nach drei Wochen auf Gorgon, war es umgekehrt sogar noch schlimmer: Alles, was die Gorgonen betraf, würde auf ewig ein Buch mit sieben Siegel bleiben für Menschen. Nicht für alle Menschen, aber vor allem für all diejenigen, die dem Adakoni-Kartell zugehörten.

Der Abschaum des Universums!, wie Erik sie insgeheim stets nannte.

Während der Gorgone ihn aufmerksam beobachtete, sondierte Erik wie versprochen die Lage. Er wusste, aus welcher Richtung die Transporter kommen würden, wo sie die Gorgonen vom Vortag entlassen würden, um anschließend das Stück weiter zu fahren zur heutigen Sammelstelle.

Und was für Erik ganz wichtig war, bei dem, was er beabsichtigte: Alles wurde genauestens überwacht und aufgezeichnet. Die Kameras waren schier überall.

Von den Hunderten von Gorgonen, die hier auf ihren Abtransport warten würden, weil man es ihnen befohlen hatte, waren erst wenige angelangt. Es blieb Erik also genügend Zeit für die Vorbereitungen.

Allerdings spielten sich diese Vorbereitungen in erster Linie für die Gorgonen unsichtbar ab. Die bereits angekommenen Gorgonen warfen zwar neugierige Blicke zu ihm hin, wobei ersichtlich wurde, dass sie noch niemals einem Kind so nah gekommen waren, aber Erik ließ sich dadurch nicht stören.

Und sein neuer Freund, der Gorgone Paul, achtete sowieso nur noch auf ihn.

Anscheinend versuchte er zu ergründen, was Erik vor hatte. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte es ihn wahrscheinlich nervös gemacht, weil er so gar keine Ahnung davon bekam. Als Gorgone jedoch blieb er ruhig und gefasst.

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Die Transporter kamen. Es waren insgesamt fünf, wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Jeder einzelne ein richtig großer Panzerwagen ohne Fenster, außer am Führerhaus.

Erik beobachtete ganz genau, was geschah. Die Transporter wurden begleitet von Wachpersonal in schimmernden Rüstungen. Nicht nur am ganzen Körper geschützt, sondern auch bis an die Zähne bewaffnet. Jeder Einzelne von ihnen saß auf einer Art Motorrad, das allerdings keine Räder hatte, sondern knapp über dem Boden schwebte.

Seltsam, dachte Erik, die Motorräder haben keine Räder, aber die Transporter.

Wer sie steuerte, konnte man nicht sehen, weil die Scheiben am Führerhaus von außen undurchsichtig waren. Aber vielleicht gab es ja gar keine Fahrer, und die Transporter fuhren autonom?

Erik nahm sich nicht die Zeit, die Begleitmannschaft zu zählen. Er schätzte ihre Anzahl nur. Fünfzig schwer bewaffnete Männer und vielleicht auch Frauen – das konnte man dank der Rüstungen nicht so genau sehen.

Was, bei Setna, sollte das eigentlich? Ging es denn nicht um die schon übertrieben gutmütigen Gorgonen?

Sie aßen nicht, sie tranken nicht, sie pflanzten sich nicht fort. Zumindest war nichts dergleichen erkennbar. Sie sahen alle beinahe gleich aus und trugen nicht einmal Namen. Sie würden niemals auch nur der sprichwörtlichen Fliege etwas zuleide tun. Trotz aller Demütigungen, trotz der Unterdrückung, all des Mordens und der Folter... Und dann hatten die Wachleute dieses menschlichen Abschaums offensichtlich dermaßen Angst vor ihnen?

Erik forschte in ihren Gehirnen, fand darin jedoch nichts anderes als Routine. Eigentlich hatte keiner von denen wirklich Angst.

„Solltet ihr aber!“, murmelte er kaum hörbar vor sich hin.

„Bitte?“, fragte Paul.

Erik ignorierte es. Er konnte jetzt keine Konversation pflegen. Er musste sich auf die selbstgestellte Aufgabe konzentrieren, und damit hatte er mehr als reichlich zu tun.

Ungeduldig wartete er darauf, dass die Gorgonen von gestern abgesetzt waren. Wenn ein Gorgone nicht schnell genug war, setzte es Hiebe vonseiten der Wachleute, die dafür noch nicht einmal von ihren Schwebestühlen abstiegen, wie Erik diese seltsamen fliegenden Dinger nannte.

Schwebestühle gefiel ihm besser als Motorräder, zumal diese Dinger eben gar keine Räder besaßen.

Er knirschte mit den Zähnen, als er die Brutalität mit anschaute, die den armen Gorgonen zuteil wurde. Doch keiner der Betroffenen machte auch nur Anstalten, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Erik wusste es aus den Gehirnen der beteiligten Söldner: Sie labten sich an ihrer eigenen Brutalität und redeten sich dabei auch noch ein, die Gorgonen wären nur deshalb so gutmütig, weil diese Demonstration von Macht und Gewalt sie einschüchterte.

„Elender Abschaum, elender! Ihr werdet für alles bezahlen!“, versprach Erik. Diesmal laut genug, dass Paul es verstehen konnte.

Zumindest akustisch. Inhaltlich sicher nicht.

Erik kümmerte sich jedoch nicht darum, denn die Transporter setzten sich wieder in Bewegung.

Die Sammelstelle der Wartenden wurde angesteuert.

Die Gorgonen, die hier ausharrten, benahmen sich ruhig und diszipliniert. Etwas anderes wäre auch von Gorgonen nicht zu erwarten gewesen.

Erik wartete, bis die Transporter stoppten und sich die hintere Laderampe herabsenkte. Sie hatten das Innere der Transporter verschlossen. Jetzt konnte Erik direkt hinein sehen. Dieses Innere war völlig leer.

„Aber wenn die Söldner dich jetzt hier sehen, Erik...“, gab Paul auf einmal zu bedenken. „Wie werden sie reagieren?“

Hatte Paul auf einmal Angst? Um sich oder um ihn?

Erik lachte nur.

„Sie sehen mich nicht. Nur die Gorgonen dürfen mich sehen. Den Abschaum-Menschen erlaube ich es nicht.“

„Das kannst du?“

„Ja, das kann ich!“, antwortete Erik – und sah, dass unweit etwas aus dem Schatten trat. Es war beinahe drei Meter groß, hatte ein riesiges Maul und ähnelte doch sehr einem blutrünstigen Raubsaurier aus der Vorzeit.

Jetzt riss er das riesige Maul auf und stieß ein ohrenbetäubendes Röhren aus.

Erst dadurch wurden alle hier auf das Untier aufmerksam.

Mit einem einzigen Satz sprang es an einen der Transporter heran.

Die ersten Gorgonen setzten sich gerade in Bewegung, um über die Laderampe an Bord zu gehen.

Die meisten schreckten jetzt vor dem röhrenden Untier zurück. Ein paar jedoch schafften es nicht mehr rechtzeitig.

Das Untier stieß auf einmal einen Feuerstrahl aus, der die vorderen fünf Gorgonen erfasste.

Sie brannten sofort lichterloh, flohen schreiend, kamen aber nicht weit.

Immer noch schreiend brachen sie zusammen und verbrannten weiter am lebendigen Leib.

Das Wachpersonal verhielt sich stocksteif vor Entsetzen. Keiner griff ein. Sie ließen ihre Waffen stecken.

Bis sie ihre Schrecksekunde überwunden hatten.

Sie schossen.

Kugeln klatschten in den schuppenbedeckten Leib des Ungeheuers.

Das Untier schüttelte sich nur, wandte sich von den Gorgonen ab und an die erstbesten Söldner, die geschossen hatten, um erneut einen Feuerstrahl auszustoßen.

Das Feuer war dermaßen heiß, dass die Schwebestühle, auf denen die Söldner saßen, explodierten.

Aber auch die gepanzerten Anzüge verkrafteten das Feuer nicht. Sie begannen zu rauchen. In den künstlichen Gelenken gab es kleinere Detonationen.

Jetzt erst rissen auch die nicht betroffenen Söldner ihre Waffen aus den Halftern und eröffneten das Feuer auf den feuerspeienden Saurier.

Die Kugeln erwischten ihn zwar, doch er hatte noch genügend Kraft, die nächsten Söldner anzuspringen und sie mit gezielten Hieben durch die Luft zu schleudern.

Er schickte ihnen einen mächtigen Feuerstrahl hinterher.

Bei jeder Detonation in den künstlichen Gelenken der Panzeranzüge wusste Erik, dass die Wirkung im Innern verheerend war. Sie verletzten nicht nur ihre Träger, sondern töteten sie.

Der Saurier sprang beiseite und entging dadurch den nächsten Schüssen.

Die bereits einkassierten Treffer schienen ihn nur wenig zu beeinträchtigen.

Er sprang erneut, um nicht getroffen zu werden, kam dadurch jedoch den wartenden Gorgonen wieder ziemlich nah, die so schnell nicht ausweichen konnten, weil sie sich gegenseitig behinderten bei der Flucht.

Mit ein paar kräftigen Hieben tötete er gleich mehrere Gorgonen, bevor er sich mit einem weiteren Sprung von ihnen abwandte und jetzt auf eine andere Gruppe von Söldnern zu preschte.

Sie feuerten zwar auf ihn, doch er erreichte trotzdem sein Ziel und ließ ihre Schwebestühle explodieren, um anschließend auch noch ihre Kampfanzüge zu rösten.

Die Schreie der sterbenden Söldner in ihren Rüstungen übertönten alles.

Die Gorgonen gaben sich für ihre Verhältnisse ziemlich entsetzt, aber jetzt war das Untier weit genug von ihnen entfernt, so dass sie ihre Flucht unterbrachen und zusahen, wie der Saurier einen Söldner nach dem anderen erledigte, bis er im Kugelhagel der Überlebenden zusammenbrach und ein letztes Röcheln von sich gab.

Doch dann geschah etwas eigentlich völlig Unmögliches: Er löste sich im nächsten Augenblick in Nichts auf.

Kaum war dies geschehen, ertönte erneut ein urweltliches Röhren.

Sämtliche Köpfe fuhren herum, und niemand traute mehr seinen Augen: Die nächste Bestie tauchte auf.

„Was – was ist das?“, fragte Paul an Eriks Seite.

„Man nennt das Gorlo. Beeindruckend, nicht wahr? Und garantiert tödlich. Ich glaube nicht, dass schon jemals jemand die unmittelbare Begegnung mit einem Gorlo überlebt hat.“

Paul sah ihn aus seinen großen, ausdruckslosen Augen an.

„Aber die getöteten Gorgonen...“

„Ja?“

„Die waren doch gar nicht echt!“

Das überraschte Erik jetzt doch. Er erwiderte den Blick des Gorgonen.

„Das weißt du?“

„Ja, ich habe es gespürt!“

„Aber wie kannst du so etwas spüren?“

„Es ist halt so.“

„Soll das heißen, wenn ein echter Gorgone stirbt, dann spürt man das als Gorgone? Muss man dafür in der Nähe sein oder funktioniert das auch auf die Entfernung?“

„Egal, wo er sich befindet: Wenn einer stirbt, wissen es alle.“

„Dann habt ihr alle es jedes Mal mitbekommen, wenn dieser menschliche Abschaum Gorgonen tötete? Millionenfach in all den Jahren?“

„Ja!“

Erik schüttelte fassungslos den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Geschehen.

Der zweite Gorlo starb soeben im Kugelhagel.

Als diesmal wieder ein urweltliches Röhren erscholl, war es wesentlich lauter als zuvor. Kein Wunder, denn jetzt erschienen gleich zwei neue Gorlos auf der Bildfläche. Wie aus dem Nichts. Um die verbliebenen Söldner in die Zange zu nehmen.

Ganz offensichtlich in der Absicht, jeden Einzelnen von ihnen zu töten.

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Die Söldner hatten keine Chance. Ihre Rüstungen nutzten ihnen nichts – nicht gegen einen solchen Gegner. Diese Rüstungen waren nicht gegen das offenbar ultraheiße Feuer gefeit, das von den Gorlos ausgespien wurde.

Obwohl Gorlos normalerweise überhaupt kein Feuer speien konnten: Diese hier allerdings schon!

Kaum war ein Gorlo erledigt, tauchte der nächste auf. Es schien keinerlei Beschränkung dafür zu geben.

Und alles wurde aufgezeichnet von den vorhandenen Kameras. Natürlich auch, dass als erstes Gorgonen getötet worden waren.

Das war wichtig, damit die Beobachter nicht den Gorgonen die Schuld für das gnadenlose Massaker an der Sammelstelle der Enklave gaben. Es hätte ansonsten einen Rachefeldzug gegeben. Dabei war fraglich, ob auch nur einer der Gorgonen in der Enklave überlebt hätte.

Die Söldner, die verblieben, versuchten zu fliehen.

Seltsamerweise kam keiner von ihnen auf die Idee, in das Führerhaus eines der Transporter zu steigen, um diesen dann als Fluchtfahrzeug zu benutzen. Sie versuchten es mit ihren Schwebestühlen. Zunächst. Und dann sogar zu Fuß, weil ein Schwebestuhl nach dem anderen in einer heftigen Explosion verging.

Dann ging einer der Gorlos, die inzwischen zu dritt waren, hinüber zum erstbesten Transporter und riss die Zugangstür aus den Angeln. Der Gorlo hatte eine solche Kraft, dass es ihm auf Anhieb gelang.

Details

Seiten
69
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922233
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437740
Schlagworte
raumflotte axarabor planet ausbeuter

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #28: Planet der Ausbeuter