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Die Tage und die Ewigkeit

2018 200 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die Tage und die Ewigkeit

Klappentext:

Der Inhalt

Der Autor

ERSTER TEIL: DIE FLUCHT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

ZWEITER TEIL: DIE RÜCKKEHR

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

DRITTER TEIL: DIE ENTSCHEIDUNG

1. Kapitel

Rainer Popp

 

Die Tage und die Ewigkeit

 

 

Roman

 

 

 

 

 

Für alle, die unschuldig sind.

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Rainer Popp mit Lothar Jörger, 2018

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Dieser Roman erzählt die Geschichte des Inhabers eines Werbeunternehmens, der im Unterholz eines Hochwaldes bei Göttingen als Einsiedler in einem Erdloch zu überleben versucht. Ein Albtraum hätte ihm nicht mehr an Leid und Entbehrungen aufbürden können. Der Grund: Er hat über Nacht alles verloren, was seins war – die Firma, das Haus, sein Eheweib, sein gesamtes Vermögen. Was ihm bleibt, ist die Kleidung, die er am Leib trägt, ein paar Euro Münzgeld in der Hosentasche und eine Windjacke, die man ihm vor die Tür wirft. Nach mehr als tausend Tagen ohne Kontakt zur Außenwelt begegnen ihm – rein zufällig – zwei Lebewesen, die ihm abermals zur dramatischen Schicksalswendung werden: Er nimmt eine ausgesetzte Hündin zu sich und er trifft, halb erfroren und halb tot, auf eine verheiratete Frau, die ihm das Leben rettet – zunächst.

 

 

***

 

 

Der Inhalt

 

Der Autor

 

ERSTER TEIL: DIE FLUCHT

 

ZWEITER TEIL: DIE RÜCKKEHR

 

DRITTER TEIL: DIE ENTSCHEIDUNG

 

 

Der Autor

 

Rainer Popp, geboren am 24. März 1946 in Staßfurt (Sachsen-Anhalt), ist Buchautor und freier Journalist. Er lebt und arbeitet in Köln.

 

Vor den Sommerferien im Jahre 1951 floh die Familie nach politischer Verfolgung seines Vaters, der als Oberstudiendirektor am heimatlichen Gymnasium Deutsch, Geschichte und Geografie lehrte, aus der damaligen DDR in den freien Teil Deutschlands; zunächst nach Bad Harzburg, dann nach Goslar an den Rand des Harzes.

 

Bereits im Alter von fünfzehn Jahren begann Rainer Popp Gedichte und Erzählungen zu schreiben; erste Veröffentlichungen folgten drei Jahre später. Als Unterprimaner trat er in den Verband deutscher Schriftsteller ein.

 

Seine beruflichen Stationen: Nach seinem Volontariat bei der Goslarschen Zeitung ging er als Chefreporter zum Donau Kurier nach Ingolstadt und danach als Ressortleiter Zeitgeschehen und politischer Redakteur in die Düsseldorfer Zentralredaktion der Westdeutschen Zeitung.

 

Er war Hauptstadt-Korrespondent der Bonner Nachrichtenagentur Deutscher Depeschen-Dienst (ddp) und – in Doppelfunktion – Chefredakteur von RTL-Radio und RTL-Fernsehen; außerdem Programmdirektor von Radio Luxemburg sowie zeitgleich Begründer und Leiter des Frühstücksfernsehens von RTL.

 

Rainer Popp ist Mitglied der 1990 gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus gegründeten Charta Europa, der auch der inzwischen verstorbene tschechische Staatspräsident Vaclav Havel angehörte.

 

 

ERSTER TEIL: DIE FLUCHT

 

 

 

 

 

Roland Fenn fühlte,

wie sein Mund zu zittern anfing.

Ihm war zumute,

als würde

seine eigene Hinrichtung angezählt.

 

 

 

1. Kapitel

 

Der Zugriff aus dem Hinterhalt, von den trällernden Rufen eines Rotkehlchens begleitet, war blitzschnell und überraschend erfolgt in der sommerlichen Schwüle des frühen Nachmittags. Die flache Scheibe der Sonne hing wie ein glühender Pfannkuchen hoch am Himmel, der sich zeigte im reinsten, von Wolken befreiten Blau.

 

Vier uniformierte Polizisten, die in der Deckung von Blättern und Ästen durch das Unterholz angeschlichen kamen, hatten sich, während er die prasselnden Flammen seiner Kochstelle bewachte, von hinten auf ihn gestürzt, hatten ihn umgeworfen, ihn auf die Erde gedrückt, ihn mit dem Kinn vorweg in die Tannennadeln gestoßen, hatten sich auf ihn gesetzt, hatten aus ihren Dienstwaffen zwei Kugeln in die Luft gefeuert, ihm seine Arme auf den Rücken gerissen, hatten ihm den Atem abgedrückt, ihn gefesselt und ihn, der sich aus Leibeskräften wehrte, der strampelte, der um sich biss, der um Hilfe schrie, über den Waldboden die Böschung hinunter bis zum Einsatzwagen geschleift, hatten ihn während der Fahrt vom Fuße des Steilhangs in die Kreisstadt im Schwitzkasten gehalten, hatten ihn mit Fußtritten, Ohrfeigen und Würgegriffen in die Zelle befördert, hatten ihn im Stakkato ihrer kreischenden Kehlen angebrüllt, um ihn einzuschüchtern, hatten anschließend mit Fäusten mehrmals gegen seinen Kopf geschlagen und ihn später, als der Zeitpunkt der Sprengung nur noch fünfzehn Minuten entfernt war, mit der Handschelle an das Heizungsrohr geklemmt.

 

Damit er, wie sie sagten, endgültig seine schmierige Fresse hielt und endlich aufhörte, wie ein Wahnsinniger in diesem Gewahrsam zu toben, war ihm von Oberwachtmeister Ernfried Kolb ein halbvoller Eimer Wasser ins Gesicht gekippt worden.

„Wenn dir das noch immer nicht reicht, du dumme Drecksau, dann können wir dir auch ’ne Spritze in den Arsch verpassen … die wirkt wie ’ne Keule und die legt dich flach aufs Maul, ohne dass du noch einen Mucks machst“, hatte der bullig gewachsene Zwei-Meter-Mann gedroht und dabei gekichert. „Wir wollen keinen Pieps mehr von dir hören … nicht einen einzigen kleinen Pieps … nichts mehr. Es soll hier so still werden wie in der Kirche … Also Schluss mit dem Herumgetobe … und keinen Ton mehr! Hast du mich verstanden, du verlauster Penner? Keinen Ton mehr! Schluss! Ende! Affe tot!“

Er hatte sich vor ihm aufgebaut und drohend seinen Gummiknüppel geschwungen. „Wehe dir, du gibst jetzt nicht sofort Ruhe. Du hast uns schon genug Scherereien gemacht … und ändern kannst du sowieso nichts mehr … Das … das Ding geht hoch, ob du ’s willst oder nicht … Wenn du still bist, kriegst du den Knall sogar mit … Ist ja nicht besonders weit weg von hier …“

Kolb grinste schadenfroh, machte – militärisch korrekt –auf dem rechten Hacken kehrt, warf die Tür hinter sich zu und schob den Riegel vor, der mit einem quietschenden Ruck einrastete.

 

Roland Fenn, der ausgestreckt auf dem Beton lag und dessen Oberkörper verdreht war wie ein Korkenzieher, zerrte an der Fessel und verzog seinen Mund vor Schmerzen, als ihm das chromblanke Stahlband über dem Puls in die Haut schnitt. Blut lief ihm über den Unterarm und rann in den karierten Stoff seines erdverkrusteten Hemdes, das er aufgekrempelt hatte bis zu den Ellenbogen. Seine an den Knien zerrissene Leinenhose, ursprünglich in postgelber Farbe vor langer Zeit in den Handel gekommen, war mit braunen, weißen und grünen Flecken übersät und eingenässt von den Spritzern des Wassers, das nach dem Guss zurückgeschwappt war und nun über Nacken und Stirn aus seinen damenhaft langen, zerzausten, ungewaschenen, schwarzen Haaren tropfte. Seine halb hohen Schuhe aus braunem Leder, von denen der linke ein faustgroßes Loch in der Sohle hatte und der rechte an der Innenseite eine aufgerissene Naht vorzeigte, waren mit Lehm beschmiert. Unter den gekreuzten Schnürbändern, so als hätte sie jemand geschmückt, steckten Tannennadeln, Grashalme und die Blütenblätter von Klee und Löwenzahn. Ein Marienkäfer, der irgendwie und irgendwann während des Kampfes vor der Hütte zwischen die Lasche und seinen Knöchel geraten war, krabbelte an Fenns nackter Wade hoch und bewegte sich im Lauf einer Serpentinstraße auf den dürren Oberschenkel des Einundvierzigjährigen zu.

 

Dieser durchgeprügelte, ein Meter fünfundachtzig große Mensch, dieser Haufen Elend mit ausdrucksvollen, hellgrauen Augen, der einen Anblick bot, als wäre er in einem Straßengraben aufgelesen worden, dieser Verwahrloste, der von Natur aus ein attraktives, fein geschnittenes Gesicht vorzuweisen hatte, dieser Verarmte, der nichts mehr besaß außer einem ausgefransten Taschentuch, dieser geschiedene Mann, der bei klarer Sicht von einem selbstgebauten Hochsitz den Bungalow sehen konnte, in dem seine ehemalige Ehefrau lebt, diesem Gefangenen glitzerte der Tropfen einer Träne zwischen den Wimpern. Roland Fenn knurrte wie ein Hund, er gurgelte, als käme Säure aus den Därmen hochgespült. Der Zorn, der ihm auf der Zunge lag, den schluckte er vorübergehend runter.

 

In diesem Augenblick, unrasiert, wie er war und abgemagert und verdreckt und lausig anzusehen und bis unter seine Schädeldecke angefüllt mit Wut, wirkte er älter, als sein Geburtsdatum auswies. In diesen Sekunden, zu Boden geworfen und hingeschubst, blaugeschlagen und verlacht, sah er gefährlicher aus, als sein Charakter sich grundsätzlich zu gebärden vermochte. In diesem Moment, hilflos und ausgeliefert, wie er sich fühlte, ausgehungert und durstig, wie er Magen und Zunge spürte, unterdrückt und genötigt, wie er sich empfand in seiner Lage, hätte ihn jeder für einen Schwerverbrecher gehalten, der auf seiner Spur des Schreckens nach wochenlanger Flucht geschnappt worden war. Er aber, der verzagt war, der das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, dem die Seele wehtat, er sehnte sich zurück in seine Kindheit und nach dem Trost seiner Mama und nach ihren Küssen und ihren Liebkosungen.

 

Als Roland Fenn noch regelmäßig gebadet und frisiert war, als er Maßanzüge getragen und einen schwarzen Sportwagen gefahren hatte, ähnelte er, den Frauen als attraktiv bezeichneten, auf den ersten Blick dem Geschäftsführer einer Fluggesellschaft oder dem Direktor einer Werft für Segelschiffe. Von Beruf war er Texter gewesen und Inhaber einer Werbeagentur. Er hatte Kommunikationswissenschaften studiert und Psychologie und in beiden Fächern sein Examen mit einer befriedigenden Note bestanden. Das war mehr als sechzehn Jahre her. Und damals, als er seine Vorlesungen besuchte und ihm die Mädchen in Scharen hinterherliefen, hatte er nicht die geringste Vorstellung, dass er, dessen Vater Jurist war, einmal in Beugehaft genommen sowie geschlagen und verhöhnt werden würde bei seiner vorläufigen Festnahme.

 

Wie und warum das alles geschehen war, das, was sich zugetragen hatte, darüber machte er sich keine Gedanken, während er sich aufrichtete und sich mit der Schulter gegen die beigefarbenen Lamellen der Heizung lehnte. In weniger als dreizehn Minuten, so rechnete er sich mit einem Blick auf seine goldene Armbanduhr aus, würde die Detonation erfolgen. Die werden sich um nichts in der Welt verspäten, dachte Fenn. Die legen Wert auf Präzision. Die werden vor Geifer quieken und sich vergnügt die Finger reiben, wenn sie endlich auf den Knopf drücken dürfen und es in einem ohrenbetäubenden Knall bums und rums macht.

 

Er überlegte, was er noch unternehmen könnte, um die bevorstehende Explosion zu verhindern. Zu schreien aus Leibeskräften, würde nichts bewirken. Weiter toben und um sich schlagen, als wäre der Teufel in ihn gefahren, würde ihm vermutlich nur wieder eine Tracht Prügel der Uniformierten einbringen. Und beten zum Herrgott, dazu konnte er sich nicht entschließen. Selbst sein bester Wille war nicht imstande, ihn dazu zu ermutigen. Das Einzige, was ihm übrig blieb als Zeichen der Auflehnung gegen seine widerrechtliche Gefangennahme – er ruckelte ein paar Mal resigniert an der Handschelle.

 

Trotz der Nässe, die seine schäbige Kleidung durchzogen hatte, war ihm nicht kalt. Die heiße Augustsonne, die seit Tagen ihre Hitze aussendete über den mit Fichten bewachsenen Bergen, hatte die schmale, sechs Quadratmeter große Zelle auf angenehme zwanzig Grad angewärmt. Fenn sah erneut auf die Uhr. Es war sechzehn Uhr fünfunddreißig. Noch zehn Minuten, sagte er sich, bis es so weit ist. Dann ist ohnehin Feierabend für die Spezialisten des Sprengkommandos, die auch für die Absperrungen des Gebiets von der Größe eines Karibik-Atolls verantwortlich waren. Er ballte die Faust und presste die Lippen zusammen. Von Hass erfüllte Gefühle von Mord und Totschlag stiegen in ihm auf.

 

Wie lange sie ihn hier festhalten wollten in diesem weiß getünchten Raum, in dem eine mit einer grauen Decke gepolsterte Pritsche stand und ein Waschbecken in die Wand eingelassen war, das wusste er nicht. Niemand hatte ihm gesagt, wie viele Stunden er in Polizeihaft bleiben würde. Durch das vergitterte Fenster sah er ein taschentuchgroßes Stück des blauen Himmels. Er fühlte die Wärme der brennenden Sonne und er hörte einen Vogel zwitschern und später noch einen zweiten.

 

Seinen strengen Eigengeruch, der ihm anhaftete wie Klebstoff, diese Mischung aus trockener Erde und Müll, die von den Poren seiner Haut strömte, den nahm er nicht mehr wahr. Roland Fenn stank wie ein Iltis und eine angefaulte Ratte zusammen. Wäre der Mief eines Eremiten sichtbar in die Luft zu schreiben, er hätte einen Schweif hinter sich hergezogen wie ein Komet. Er hatte in den vergangenen Tagen den Duft angenommen von uraltem Schweiß, von schmutziger Wäsche, vom Qualm eines offenen Feuers, von Asche, von Hasenfell, von Rinde, von Moos und von Efeu, von Steinen und von den abgetropften Säften der Bäume über ihm, als er in Freiheit war.

 

Plötzlich spürte er, wie etwas in der Gegend seiner Leiste kribbelte. Fenn langte an die Stelle in seinem Schoß und kratzte sich. Aber das Kitzeln hörte nicht auf, sondern verlagerte sich in die Nähe der Bauchregion. Doch wohl kein Floh, dachte er und begann, sich mit einer Hand den Schlitz aufzuknöpfen und den Bundverschluss zu öffnen. Er schob seine Unterhose ein Stück nach unten bis über den Ansatz des Schamhaares. Dazwischen entdeckte er den Marienkäfer, der sich tot stellte, als er ihn vorsichtig aufnahm und auf sein angewinkeltes Knie legte. Sechs schwarze Punkte zählte Fenn ab auf den roten Flügeln. Bevor er den Käfer mit der Spitze seines Zeigefingers berühren konnte, um ihn dazu zu bewegen, sich ein paar Zentimeter in Marsch zu setzen auf dem Stoff seiner Hose, flog das Insekt plötzlich auf und, nachdem es vor dem offenen Fenster drei Sturzflüge vollführt und eine Runde gedreht hatte, zwischen den Gitterstäben davon.

 

Hoffentlich ist Lisa so klug gewesen und hat sich weit genug von dem Platz vor der Hütte entfernt, dachte Fenn. Nach den zwei Warnschüssen auf sie, die Kommissar Struwe mit seiner Pistole abgefeuert hatte, war sie im Dickicht verschwunden. Sie wird dort bleiben, bis ich zurück bin, überlegte er. Wenn sie genug Abstand vom Explosionsherd hat, wird ihr nichts passieren, beruhigte er sich. Aber wer weiß: Falls sie doch noch zu dicht dran ist, kann sie verletzt oder sogar getötet werden durch umherfliegende Gesteinsbrocken und zerberstende Balken.

 

Sein Blick auf die Uhr zeigte ihm die verbleibende Zeit bis zur Sprengung an: zwei Minuten und ein Dutzend Sekunden. Roland Fenns Gemütsverfassung näherte sich ihrem Tiefpunkt. Mehr konnte er nicht ertragen. Mehr hielt er nicht aus. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er bewusst Atem holte und ihn langsam durch die Nase ausströmen ließ. Wo bin ich bloß angelangt?, ging es ihm durch den Kopf, während er sich die Rechnung seines unergiebigen Lebens aufmachte, das ihn anfauchte wie eine behäbig fortlaufende Tortur.

 

Noch weniger als eine Minute, sagte er sich und verfolgte den Sekundenzeiger, der das erste Viertel des Kreises passiert hatte und sich auf die Zahl dreißig zubewegte. Roland Fenn fühlte, wie sein Mund leicht zu zittern anfing. Ihm war zumute, als würde seine eigene Hinrichtung angezählt und sie unmittelbar erfolgen.

 

Jetzt drückt einer von diesen beamteten Vollstreckern den Knopf, dachte er. Jetzt erfolgt die Zündung. Jetzt, jetzt gleich, jetzt kommt der Knall. Und so, wie er es sich vorgestellt hatte, genau so passierte es. Nach einer kurzen Verzögerung hörte er einen dumpfen Schlag in der Ferne und dann ein tiefes, ein röhrendes Grollen, das sich zu einem im Widerhall verknoteten Donner auftürmte.

 

Neun Zuckungen später, die sein Herz ausführte, verbreitete sich nach dem ausrollenden Krachen eine lärmende Stille, als hätte der Tod bei ihm vorbeigeschaut und ihn umgebracht. Roland Fenn machte die Augen zu und fand in seiner Rückbesinnung frühere Bilder, auf denen er sich wiedererkannte …

 

Jetzt aber, da die Bruchkante

eines Schattens auf ihn fiel,

begann er zu frösteln.

Minuten später

klapperten seine Zähne aufeinander.

 

 

 

2. Kapitel

 

Die Festtafel, auf der die Speisen des Büfetts angeordnet waren, reichte über die Länge von sechs Räumen quer durch den gesamten Bürotrakt. Mehr als fünfzig verschiedene Gerichte, Kaviar ebenso wie Sellerie-Salat und Thunfischfilet, hatte der Delikatessen-Laden auf Geheiß der Geschäftsführung zubereitet und zu einem Kunstwerk aufgestellt: Jede Schüssel, jede Schale, jeder Bottich ruhte auf unterschiedlich geformten Felssteinen. Zwischen den Meeresfrüchten waren Berge von weißem und schwarzem Kies ausgestreut und Treibhölzer in verschiedenen Größen und Formen hingelegt, als wären sie, mitten hinein in die angebotenen Kostbarkeiten eines Picknicks, zufällig mit der Gischt der Wellen angespült worden an den Strand, an dem sich mehr als hundert geladene Gäste versammelt hatten.

 

Roland Fenn, gekleidet in einen schwarzen Anzug mit schwarzem T-Shirt, stand an der Stirnseite des Tisches. Er war der Hausherr: ledig, erfolgreich, wohlhabend, schlank, gut aussehend, gefühlvoll, kreativ. Er, der charmante Bohemian, das Sonntagskind, dem alles gelang, was es anpackte, hatte zu diesem Empfang gebeten. Es war sein Unternehmen, das an diesem Abend eingeweiht werden sollte. Es war der offizielle Gründungstag seiner Werbeagentur BrainMedia und zugleich der Erstbezug des unter Denkmalschutz stehenden Firmen-Domizils in der Fußgängerzone der Göttinger Innenstadt. Das Gebäude – ein aus Granitquadern errichtetes ehemaliges Patrizierhaus – stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Das rechteckige Foyer, über dem sich ein gefächertes Deckengewölbe erstreckte, war mit abstrakten Gemälden zeitgenössischer Künstler geschmückt. Die Mitte der Halle füllte die sechsgezackte, wie ein Granatsplitter aussehende Bronze-Skulptur eines Turiner Bildhauers aus. In den oberen drei Stockwerken hingen großflächige Aquarelle und mobile Objekte von Akanasi und dem US-Amerikaner Jonathan Jim Poll.

 

Bevor er seine Begrüßungsrede hielt, lächelte Fenn in die Runde und nickte, wenn er zufällig dabei ihre Blicke streifte, den Umstehenden zu, die sich miteinander unterhielten und an den alkoholischen Getränken nippten, die ihnen von den Kellnern gereicht worden waren.

„Ich glaube, du kannst jetzt etwas sagen. Es sind alle da“, hörte er die Stimme von Vera, die neben ihm stand und seine Hand ergriffen hatte. „Die sind hungrig und die wollen was essen … und bevor du nicht deine Ansprache hältst, trauen die sich nicht.“

Vera Mahn, langhaarig blond, vollschlank, ausgestattet mit schwerem Busen, war die Geliebte Fenns und nach ihm die wichtigste Mitarbeiterin in der Agentur. Sie überwachte die Buchhaltung und den gesamten Zahlungsverkehr. Fenn vertraute ihr blind, und er schätzte ihren Sachverstand und ihre Fähigkeiten, Widersachern immer einen Schritt voraus zu sein.

 

Ohne sich zu räuspern, aber mit einem vierfachen Fingerschnipsen gegen sein leeres Glas, aus dem er Portwein getrunken hatte, setzte Roland Fenn in konzentrierter Lautstärke zu seiner Rede an, die kurz war und nicht mehr Inhalt bot, als bei solchen Anlässen üblich. Er beschrieb mit wenigen, aber genauen Worten die Schwerpunkte der Dienstleistung seiner Agentur und wünschte zum Schluss seiner Ausführungen angenehme Stunden.

„Eine Polizeistunde gibt es bei uns nicht. Sie sind herzlich willkommen, solange Sie wollen … und wenn es bis morgen früh ist … Ich bitte Sie … langen Sie jetzt tüchtig zu. Es ist genügend da, und ich hoffe, das Angebot wird Ihren Geschmack treffen … Guten Appetit, meine sehr verehrten Damen und meine sehr geehrten Herren“, sagte er und nahm den höflichen Beifall mit einer leichten Verbeugung entgegen.

Gut gemacht, pflichtete er sich bei und klopfte sich als Eigenlob für seinen perfekten Auftritt in Gedanken auf die Schulter.

„Gut gemacht“, lobte ihn Vera. Sie trug ein halblanges, dunkelrotes Leinenkleid mit tiefem Ausschnitt. Sie lächelte ihn an. Er küsste ihr auf die Wange.

„Danke für die Blumen … Lass uns ab sofort ins Gewühl stürzen … auf getrennten Wegen. Wir haben viele Leute zu beackern … Du weißt schon … neue Kunden ins Haus lotsen … Akquisa nennt man das“, sagte er. „Falls wir uns in diesem Gewimmel aus den Augen verlieren … unser ultimativer Treffpunkt ist das Bett bei mir … irgendwann. Wer zuletzt drin liegt, macht nach dem Aufwachen das Frühstück.“

 

Er ließ Vera stehen und wandte sich zwei Schritte entfernt einem Möbelfabrikanten zu, der einen Monolog in Gang setzte über moderne Kunst und die daraus entstehenden Rückwirkung auf den Zeitgeist. Wie viele Kurzgespräche Roland Fenn an diesem Abend führte, wie viele Male er „interessant“ und „tatsächlich“ und „Ach was“ von sich gegeben, wie oft er „Ich freue mich sehr“ und „Sie haben absolut recht“ gesagt hatte, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, als er, nachdem die letzten Gäste gegangen waren, gegen vier Uhr seinen Wagen startete und zu sich nach Hause fuhr. Der Alkoholpegel in seinem Blut betrug nicht mehr als 0,01 Promille, die von vier kleinen Schlucken stammten.

 

Vera ruhte bereits im Tiefschlaf: nackt, halb zugedeckt, zusammengekrümmt, parfümiert und leblos. Wie schön ihr Körper ist, dachte Roland Fenn, der sich im Schein seiner Nachtischlampe auszog und sich hinter sie rollte. Er spürte ihre Wärme. Er streichelte ihre Schulter. Er drückte seine Wange gegen ihren Rücken. Fenn fühlte keine Müdigkeit. Im Gegenteil: Die Ereignisse dieses Tages hatten seine Aufnahmefähigkeit überstrapaziert und seine Nerven in einen Rausch versetzt, der noch nicht abgeklungen war. Seit heute gibt es kein Zurück mehr, sagte er sich. Die Firma ist etabliert und dazu ein Bankkredit in Höhe von eineinhalb Millionen Euro. Wenn die Geschäfte weiterhin so laufen wie bisher, dann werde ich es schaffen, dachte Fenn. Falls es jedoch bei den Umsätzen zu einem Einbruch kommen sollte, dann bin ich auch mein gesamtes Privatvermögen los, mit dem ich das Darlehen verbürgt habe.

 

Er lag noch mehr als eine halbe Stunde wach; und erst allmählich beschäftigten sich seine Gedanken nicht mehr mit der ungewissen Zukunft seines Unternehmens. Von der Frage, ob es notwendig sei, neues Personal einzustellen, kam er ab, als er bemerkte, dass sich Vera neben ihm rekelte. Sie war seit vier Monaten bei ihm beschäftigt und seit dreiundsiebzig Tagen seine Geliebte. An ihrer Tüchtigkeit und ihrer Effizienz als seine rechte Hand gab es keinen Zweifel.

 

Vera Mahn, die sich auf ein Stellenangebot bei ihm beworben hatte, achtundzwanzig Jahre alt, studierte Betriebswirtin, war eine wandelnde Rechenmaschine. Sie multiplizierte dreistellige Ziffernfolgen und addierte ganze Zahlenkolonnen im Kopf. Sie merkte sich jede Telefonnummer, die sie einmal gehört hatte. Sie kannte jeden Steuertrick und sie war eine hervorragende Buchhalterin, die auf jeden Cent achtete.

„Ich bin so froh, dass du bei mir bist … beruflich und privat“, hatte er ihr vorgestern gestanden. Und sie hatte ihm geantwortet: „Wir beide, du und ich, wir sind ein glänzendes Duo … in jeder Beziehung. Das Schicksal hat uns zueinander geführt … zu einem guten Zweck. Ich spüre das tief in mir … ganz tief … ganz, ganz tief.“

 

Fenn, der erste Schlafreize herannahen fühlte, klammerte sich fester an sie, streckte seinen Arm aus und schob ihn unter ihren Nacken. Vera schnalzte mit ihren Lippen und murmelte ein paar Wortgeräusche vor sich hin, die er nicht verstand. Mit einer Drehung, die von einem Ruck eingeleitet wurde, als würde sie aufschrecken und die flirrenden Aufführungen ihres Traums verlieren, drückte sie ihre Wange gegen seine Achsel und seufzte.

 

Ehe er schwerelos in die Dunkelheit des Unterbewusstseins absackte, ging er noch einmal gedanklich seinen Terminkalender durch, in dem die wichtigsten Vorhaben der vor ihm liegenden Woche notiert waren: Am Montag hatte er ein zweitägiges Arbeitstreffen mit dem Bundesverband der Gebäudereiniger in München. BrainMedia hatte den Zuschlag erhalten für die Prospekt-Erstellung und für die Verteilung einer millionenfachen Postwurfsendung. Am Mittwoch war um neun Uhr die notarielle Erteilung der Prokura für Vera Mahn verabredet, und am Freitagabend stand ihr Einzug in sein Haus bevor. Da sie bislang in einem möblierten Apartment gewohnt hatte, waren nur ihre Koffer abzuholen und ein paar Kartons mit Büchern.

 

Fenn war es gewesen, der den Wunsch geäußert hatte, mit ihr zusammenzuziehen. „Wir arbeiten fast jeden Tag bis in den späten Abend und wir verbringen die Nächte miteinander … dann kannst du auch für immer zu mir kommen“, hatte er seinen Vorschlag begründet. „Das spart Zeit und Geld … Und außerdem bin ich dann nicht mehr allein. Ich hasse das … ein großes Haus, und außer mir ist niemand drin.“

 

Sie war ihm gicksend um den Hals gefallen und hatte ihm einen ekstatischen, fächernden Zungenkuss versetzt.

„Ich bin sehr glücklich darüber“, hatte sie ihm zugeflüstert und dabei mit ihrem Lippen an seinem Ohrläppchen gezupft. „Ich werde dich versorgen nach all meinen Kräften … und ich werde dich pflegen, wenn du krank bist. Ich werde mit dir lachen und mit dir weinen. Ich will deine Frau sein, die dir zur Seite steht … in guten und in weniger guten Tagen … und in ganz furchtbaren.“

 

Die neun Stunden Schlaf, die vor ihm lagen, verbrachte Fenn in der Haltung eines Zinnsoldaten – stramm liegend wie rückwärts in Grundstellung mit den Händen an der Hosennaht aus einem Wachhäuschen gekippt. Nur einmal wälzte er sich herum in einer schnellen Drehung an die äußerste Kante des Bettes.

 

Und er erwachte erst, als Vera nach ihm schaute, weil sie befürchtete, ihm wäre das Herz stehengeblieben und er nicht mehr am Leben.

„Raus aus den Federn, du Langschläfer“, rief sie ihm zu mit einem Lachen in der Stimme. „Der Nachmittag, der ist gleich vorbei.“ Sie zog die Gardinen zurück. „Sieh nur, herrliches Frühlingswetter … und wie hell die Sonne scheint.“

Fenn gab ein träge herausgestöhntes Murren von sich und zog sich die Zudecke weiter über den Kopf.

„Ich mache Kaffee und Toast und Eier … und was du willst, und wir frühstücken zusammen im Bett … und dann lass uns rausfahren in den Wald und spazieren gehen“, schlug sie ihm vor.

 

Während Vera Mahn in der Küche hantierte, ging Fenn ins Badezimmer, duschte sich und putzte sich die Zähne. Es war ihm zuwider, mit zerwühlten Haaren und ungewaschen den Tag zu beginnen und dabei Nahrung und ein Getränk zu sich zu nehmen. Er saß bereits wieder zwischen den Kissen, als Vera mit dem Tablett zurückkam. Sie schlüpfte neben ihn unter die Decke, schmiegte sich an ihn und begann, ihn mit Weintrauben zu füttern. Sie trug nicht mehr ihren Hosenanzug, sondern ein weit geschnittenes, seidenes Hauskleid, aus dem ihr süßlicher Duft in seine Nase strömte.

„Du riechst gut“, sagte er. „Du riechst wahnsinnig gut.“ Seine Hand schnellte in ihren Nacken, kraulte sie dort und fuhr ihr durch das Haar. Ohne, dass er sie in seine Richtung zog, kam sie, die ihre Arme um ihn schlang, mit ihrem roten, gelackten, mit ihrem aufgeworfenem, mit ihrem gewulsten Mund seinen Lippen entgegen, küsste ihn und saugte sich an seiner Zunge fest.

 

Ebenso schnell, wie ein Blitz über den Horizont zuckt, fielen sie übereinander her, rollten ihre Körper parallel zueinander, betasteten sich mit ihren Händen, langten hinein in ihr Fleisch, packten zu, rieben, drückten und kneteten sich, griffen sich synchron an die Stellen, die ihnen Lust verschafften und sie immer häufiger stöhnen ließen. Weder Roland Fenn noch Vera hatten bemerkt, dass die Schüssel mit dem Obstsalat umgekippt war und sie sich auf der Höhe ihrer Hüften in Rosinen, in Stücken von Ananas, in Apfelscheiben, Kirschen und einer Zuckermelange wälzten. Durch die Wellenbewegungen der Matratze und die Stöße, die von seinen Knien und ihren Ellenbogen verursacht wurden, hatte sich auch der Inhalt des Milchkännchens ins Laken ergossen und sich mit dem verlaufenden Gelb der beiden Eier vermischt, das sich in einer dickflüssigen Spur vor einer Falte des Leinenstoffs wie in einer Talsperre aufstaute. Wenige Zentimeter davon entfernt war ein dicker Klecks von Marmelade verschmiert, die Vera in ein Schälchen gefüllt hatte. Als Fenn sich zwischen Veras Oberschenkel grätschte und seine Waden abspreizte, stieß er mit dem großen Zeh gegen die Kanne, die zur Seite fiel und glucksend austropfte.

 

Aber weder das Geräusch des auslaufenden Kaffees noch die anderen kochend heißen, die klebrigen und die glitschigen Flüssigkeiten, auf denen sie herumrutschten, bemerkte das Paar, das sich mit ihren Gefühlen in ihren Häuten eingenäht hatte, das verwoben war in ihrer Leidenschaft, das sich gebärdete, als wollte es sich aufessen, das Töne von sich gab, die sich anhörten wie das Brummen eines Bären, wie Miauen, wie das Wimmern von Welpen. Fenn keuchte, und Vera stimmte mit ein. Sie stöhnte, und er schloss sich ihr an. Sie schrie, und er stieß Laute aus, die dem Lärmpegel eines galoppierenden Pferdes entsprachen.

 

Nach mehr als einer Stunde, in der sich ihre Atemfrequenz verdoppelte und sich ihr Puls verdreifachte, in der sich ihre Lust von allen Seiten befingerte, in der sie sich kratzten und bissen, sich verschlangen und sich abtasteten, am Ende dieser Zeit, in der sie sich abgeleckt hatten und in sich verwachsen waren, als ihr Appetit aufeinander gestillt war, brach er plötzlich über ihr zusammen und blieb, nass vor Schweiß, auf ihrem hingeworfenen Leib liegen. Sie stammelte eine Eruption von Wörtern heraus aus ihrem abgeknabberten Mund, und er, der sich in ihr verspritzt hatte, rang nach Luft – eingepflockt in ihren spuckenden, gefletschten Schoß und nicht im Geringsten darauf vorbereitet, dass sein Schicksal ein Hund war, der mit ihm zu spielen wünschte. Und für Vera, die nur auf ihren Vorteil bedacht war, sollte der Tag kommen, an dem sie von einer Sekunde zur anderen ihre Chance witterte und ihre Interessen durchsetzte – zu ihrem Nutzen und zu seinem Schaden.

 

Während Roland Fenn sich dabei zusah, wie er sich auf Vera ausruhte, der sich erinnerte, wie er jedes Partikel des Geruchs dieser Frau aufgenommen hatte, als wehte er gerade vor seinem Gesicht, in dieser einen Sequenz von Zeitsprung und von einer Rückbesinnung, aus der er mit einem gelüfteten Augenaufschlag auftauchte, spürte er nicht mehr die Feuchtigkeit ihrer erhitzten Haut sondern in einem fließenden Übergang seiner Gedanken und seiner Empfindungen die Kälte der Handschelle, mit der er am Heizungsrohr hing.

 

Die Stille, die sich nach den dumpfen Hieben des Explosionsdonners wie der Verlauf eines abnehmenden Prasselregens aufgetürmt hatte, dröhnte Fenn als schrilles Konzert von Glockenschlägen und Blecheimer-Musik im Kopf. Er schnitt, weil ihn das Hämmern hinter seiner Stirn quälte, eine Fratze mit seinen Lippen und dem Fleisch seiner hochgeschobenen Wangen.

 

Wäre er nicht gefesselt gewesen, er hätte sich mit beiden Händen die Ohren zugehalten und die Stille weggedrückt, die von draußen kam und den Raum bis in jeden Winkel ausfüllte. Sie war das endgültige Ergebnis, das die Zerstörung besiegelte. Sie hielt ihn dazu an, dass er vor Zorneswut überkochte. Sie erschütterte ihn. Sie brachte ihn beinahe um. Sie sagte ihm, dass es unwiderruflich geschehen war. Sie vernichtete jedes Bekenntnis zu irgendeiner Hoffnung, die er solange nicht aufgegeben hatte, bis das ferne Grollen mit der Geschwindigkeit des Schalls in seine Zelle eingedrungen war.

 

Im Winkel der Sonne, die ihn, flach gelegt auf dem Beton, in einem Lichtstreifen angeleuchtet hatte, war Roland Fenn nicht kalt gewesen. Jetzt aber, da die Bruchkante eines Schattens auf ihn fiel, begann er zu frösteln. Minuten später klapperten seine Zähne aufeinander. Er wäre gerne aufgestanden und hätte sich bewegt; die Fessel hinderte ihn jedoch daran, auf die Beine zu kommen und sein Blut zirkulieren zu lassen. Sein Versuch, die Wolldecke von der Pritsche zu ziehen und sie sich überzulegen, scheiterte daran, dass er, angebunden wie er war, mit den Fingerspitzen nicht heranreichte, so sehr er sich auch über die Länge seiner beiden Arme ausstreckte.

 

Er hörte Fußtritte auf dem Gang und dann das trockene Scheuern von Metall, hörte, wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Es war Kolb, der grinsend hereinkam und fragte: „Hast du’s auch mitgekriegt, wie’s gerumst hat? Kam auf die Sekunde genau mit der Präzision eines Uhrwerks … Da sage noch einer, auf Behörden kann man sich nicht verlassen. Der Spuk ist damit vorbei … endgültig … und das ganze Theater, das du Sauhund uns eingebrockt hast … dem Landratsamt und uns allen hier, die wir auf die Einhaltung der Gesetze achten.“

Er beugte sich, die großen, braun belegten Schneidezähne entblößt, runter zu Fenn und sagte: „Ich werd’ dich mal von der Leine abmachen … Wirst wohl nicht mehr rumtoben … Ist ja nun alles vorbei. Und falls du es doch tust, dann schließ’ ich dich wieder an, dann aber so lange, wie du hier bei uns bist … die ganze Nacht. Ich meine das mit vollem Ernst.“

Oberwachtmeister Kolb drehte den Schlüssel herum und klappte die Zwinge auf, in der Fenn gefangen war. „Reib’ dran … hoch und runter, dann schießt das Blut wieder durch“, riet ihm Kolb, der hinzusetzte, als er Fenn den Rücken zugedreht hatte und den Raum wieder verlassen wollte. „Ich komm’ gleich noch mal wieder und bring’ was zu essen mit. Du musst doch schon richtigen Kohldampf haben.“

 

Nachdem Fenn aufgestanden war, schritt er die Maße der Zelle ab und zählte laut mit, wie oft er seine Füße von einer Wand zur anderen aufsetzte. In beiden Richtungen reichten die Zahlen bis fünf. Da er noch immer fror, legte er sich die Decke über die Schultern und ging hastig zwischen Tür und Fensterluke auf und ab. Die Silhouette, die sich im Gegenlicht der abgedunkelten Sonne auf der gegenüberliegenden Mauer in der Tünche abzeichnete, machte aus ihm im Schattenriss von hell und dunkel einen Mönchsbruder, der wie ein aufgescheuchtes Huhn einen Kreuzgang entlang zur Messe eilt.

 

Was soll ich tun, wenn ich hier wieder rausgekommen bin?, fragte sich Fenn. Was haben die von alledem übrig gelassen? Oder ist alles von denen zerstört worden? Haben die alles mitgenommen? Eine Antwort konnte er sich auf keine der Fragen geben. Er würde erst vor Ort sehen, was sie mit seinem Bauwerk angerichtet hatten.

 

Das Abendbrot, das Oberwachtmeister Kolb seinem Gefangenen in die Zelle brachte, bestand aus einem Paar Würstchen, zwei Scheiben trockenem Brot, einem großen Klecks Senf und einer Dose Mineralwasser. „Hab’ ich um die Ecke von ’ner Bude geholt“, sagte er zu Roland Fenn. „Wir sind hier Selbstversorger … gibt keine Kantine, die uns verpflegt.“ Er stellte das Essen auf der Pritsche ab und verließ den Raum wieder.

„Wann lassen Sie mich raus?“, rief Fenn dem Polizisten hinterher, der die Tür bereits zugemacht hatte und der ihn nicht mehr hörte.

 

Mit sieben Bissen, für die er weniger als zwölf Sekunden benötigte, hatte Fenn den Pappteller leer gegessen; den Senf saugte er auf, indem er seine Lippen zu einem Rüssel formte. Das Wasser stürzte er mit vier Zügen hinunter. Seinem Hunger zufolge, den die Schärfe des Senfs noch verstärkte, weil ihm der Speichel im Mund zusammenlief, hätte er liebend gerne die zehnfache Menge verschlungen. Sein Gaumen sehnte sich nach Sahneeis, nach Torte und Melonenscheiben, nach Apfelsinen und Krokant-Schokolade, nach Nudeln und nach Lakritze, nach Spanferkel und Quarkspeise mit Erdbeerfrüchten.

 

Fenn, dessen Spucke in seiner Mundhöhle zu einem ansteigenden See verwässerte, stellte sich bildlich vor, bei welchen früheren Gelegenheiten er Konfekt probiert und von anderen Leckereien gekostet hatte. Er sah sich als Kind seinen Geburtstag feiern, sah sich vollstopfen mit Süßigkeiten, sah sich bei Examensfeiern kauend über Schlachtplatten gebeugt und sich mit Löffeln beidhändig Pudding einfüllen.

 

Wieso gerade jetzt?, fragte er sich. Wieso träume ich gerade jetzt davon, mich bis zum Platzen vollzufressen? Bin doch immer mit der kargen Verköstigung, die mir im Wald zur Verfügung gestanden hat, genügsam gewesen. Er schüttelte sich die Phantasien ab, die sich mit Speisen und Getränken beschäftigten und suchte stattdessen in einem Rückblick nach anderen Fundstellen aus der Vergangenheit, die in ihm haften geblieben waren.

 

Sie drehte sich abrupt um

und verließ das Zimmer.

„Ich gehe zu Bett“,

sagte sie.

„Wir reden morgen weiter … beim Notar.“

 

 

 

3. Kapitel

 

Der zirpende, an den rotierenden Flügelschlag einer Hornisse erinnernde Summton, den die Chip-Membrane des Telefons zum vierten Mal aussendete, veranlasste Roland Fenn dazu, den Brief aus den Fingern zu legen und zum Hörer zu greifen. Der Anruf, der sich zusätzlich mit einem roten Blinkzeichen ankündigte, erfolgte direkt und kam nicht über das Sekretariat.

 

Es war ein Dienstag um kurz vor elf Uhr. Roland Fenn, der am Vortag von einer zweiwöchigen Dienstreise aus den USA zurückgekehrt war, saß im Büro an seinem Schreibtisch und arbeitete die Post durch, die ihm seine Sekretärin Ursula Kleber in die Hand gedrückt hatte, als er, treppauf im Laufschritt, in die Firma gekommen war. Zuvor hatte Fenn im Göttinger Industriegebiet den Inhaber eines Möbelkaufhauses aufgesucht und mit ihm die von der Graphikabteilung erarbeiteten Druckvorschläge eines Prospekt-Logos besprochen.

„Ja, bitte“, meldete er sich freundlich. „Roland Fenn … Was kann ich für Sie tun?“

„Sie sind ja extrem gut aufgelegt. Hier ist Rubecki von TerraNova. Seien Sie gegrüßt.“

„Ich grüße Sie ebenfalls“, sagte Fenn. „Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ist alles während meiner Abwesenheit zu Ihrer Zufriedenheit ausgeführt worden?“

„Gewiss. Bin zufrieden, sehr zufrieden“, antwortete Rubecki. „Aber die Qualität der Arbeit von BrainMedia … das ist nicht der Grund, warum ich anrufe … Hatte es schon in der vergangenen Woche versucht, aber man sagte mir, Sie seien verreist … privat.“

„Was gibt’s denn? Ist es was Wichtiges“, unterbrach ihn Fenn.

„Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie … Und es tut mir sehr leid … gerade bei Ihnen.“

„Sagen Sie bloß, Sie sind in Zahlungsschwierigkeiten?“, fragte Fenn. „Ich rieche das an ihrer Stimme.“

„Schlimmer. Ich komme gerade vom Amtsgericht. Wir sind Konkurs. Es ist aus … Es gibt keine Hilfe mehr. Ich habe bis zur letzten Sekunde gekämpft … Seit heute Morgen ist der Antrag gestellt.“

„Aber … aber“, stammelte Fenn, dem schlagartig bewusst geworden war, was die Bankrotterklärung von TerraNova zugleich für sein Unternehmen bedeutete.

„Aber wir sind in Vorleistung gegangen, wie Sie wissen. Wir haben die Bestellungen für Papier aufgegeben und wir haben den Druckauftrag erteilt … rechtsverbindlich. Wir sind es auch gewesen, die den Versand organisiert haben … wiederum in Ihrem Auftrag.“

Fenn spürte, wie ihm das Blut aus dem Kopf in den Bauch sackte. „Was soll denn nun werden? Sie müssen diese Kosten, für die wir den Kopf hinhalten, in jedem Falle übernehmen. So war es zwischen uns abgesprochen. Hören Sie mir gut zu. Sie können Ihr Wort jetzt nicht brechen. Sie haben es mir gegeben … als Ihr Ehrenwort“, rief Fenn aufgebracht in den Hörer hinein.

„Es liegt nicht daran, dass ich mein Wort nicht halten will. Ich bin nicht mehr in der Lage dazu. Der Konkursverwalter hat jetzt das Sagen … Glauben Sie mir … mir tut es sehr, sehr leid für Sie. Es war überhaupt nicht abzusehen, dass wir so schnell und so massiv in finanzielle Turbulenzen geraten würden …“

„Wissen Sie überhaupt, um welche Summe es sich handelt, die Sie zu verantworten haben, die uns aber in Rechnung gestellt wird?“

Fenn macht eine kurze Pause und betonte dann jede Silbe einzeln. „Ein … hundert … zwei … und … zwanzig … tausend Euro … alles zusammen. Woher soll ich das Geld nehmen? Können Sie mir einen Tipp geben?“

„Es tut mir unendlich leid. Ich kann es nur wiederholen. Und es beschämt mich. Aber auch wir haben gewaltige Ausfälle zu beklagen. Unsere Rechnungen sind ebenfalls nicht beglichen worden … mehrere sogar. Deshalb sind wir selbst in die finanzielle Schieflage geraten. Und diejenigen, die uns die Begleichung unserer Rechnungen schuldig geblieben sind, die sagen uns, sie könnten erst bezahlen, wenn sie selbst ihre Forderungen auf dem Konto haben. Und so wartet einer auf das Geld des anderen … Es ist ein Teufelskreis. Ich brauche Ihnen das ja nicht zu erklären“, bat Rubecki kleinlaut um Verständnis.

„Das weiß ich … selbstredend. Aber … Was soll ich Ihnen antworten? Ich bin entrüstet. Ich bin wütend. Es war abgemacht, dass wir für unsere Arbeit von Ihrer Firma unser Honorar bekommen … und nun bekommen wir nicht nur nicht das, wir werden selbst zur Kasse dafür gebeten, dass wir für sie einen Auftrag erteilt haben, für den wir jetzt belangt werden. Ich erwarte die Rechnung in den nächsten Tagen. Und dann? Soll ich sie an Sie weiterleiten, wie?“ Fenns Stimme überschlug sich.

„Ich glaube, das nützt nicht viel, wenn Sie das tun. Da Sie den Auftrag erteilt haben, wird man sich, vom rechtlichen Standpunkt aus, dementsprechend an Sie halten, zumal bei uns nichts mehr zu holen ist.“

„Da haben Sie recht. Das ist ein verfluchter Mist. Es ist Wahnsinn, purer Wahnsinn ist das, den Sie uns eingebrockt haben …“

„Ich kann nur wiederholen. Es tut mir leid … sehr und noch mal sehr. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen“, beteuerte Rubecki.

„Dann ist ja auch die gesamte Kampagne hinfällig … alles vergeblich gewesen … die Arbeitsstunden und das, was wir erarbeitet haben“, bedauerte Fenn. „Dann können wir alles in den Reißwolf schmeißen und tonnenweise Schnipsel daraus machen.“

„Sie müssen es sogar. Wir können nicht mehr für unsere Firma werben … sie ist zahlungsunfähig und sie befindet sich in einem Konkursverfahren“, sagte Rubecki.

„Aber es ist alles fix und fertig … der gesamte Druck. Und der Vertrieb, der ist ebenfalls organisiert.“

„Ich weiß“, antwortete Rubecki. „Das ist umso schlimmer, dass wir gerade in diesem Augenblick aufgeben müssen … ohne unsere Schuld.“

 

Bevor Roland Fenn weiterredete und eine neue Frage stellte, herrschte eine Zeit lang Schweigen. Rubecki hatte aus seiner Sicht alles gesagt, und Fenn musste zunächst seine Gefühle zähmen, die sich aus Wut zusammensetzten, aus Bergen von Enttäuschung und aus einer Vielzahl von Ängsten. Empört war er allerdings nicht weniger über sich selbst und seine Naivität.

„Hat es Sinn, dass ich mich mit meinen Forderungen in die Reihe Ihrer Gläubiger anstelle?“

„Ich bitte Sie sehr …Versuchen Sie’s … und sei es, dass Sie wenigstens ein paar tausend Euro bekommen“, erwiderte der Vorstandsvorsitzende von TerraNova. „Voraussetzung ist jedoch, dass überhaupt noch etwas bei uns zu holen ist. Soweit wie ich die Zahlen kenne, ist das wohl eher unwahrscheinlich.“

Er beendete das Gespräch mit einem erneuten Ersuchen um Entschuldigung und einem Ausdruck seines Bedauerns.

 

Zunächst war Fenn nicht fähig, sich wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Er rieb sich die Augen, als wollte er sich vergewissern, dass er das Telefonat mit Rubecki nicht geträumt hatte. Er stand auf und stellte sich vor das Fenster. Sein Blick erfasste das Panorama der Dächer und der Giebel. Verdammt und verflucht. Was muss ich jetzt tun?, dachte er und lieferte seine Antwort gleich mit. Ich muss was tun. Ich muss dringend was tun. Wenn ich nicht zahlen kann, dann komme ich in größte Schwierigkeiten. Der Name der Firma ist ruiniert und meiner ebenfalls. So viel Geld ist nicht übrig. Und die Gehälter, die sind in ein paar Tagen fällig. Soll ich mit der Bank sprechen? Und was wird Vera dazu sagen?

 

Fenn setzte sich vor seinen Computer und fragte die Kontostände ab; außerdem wollte er die Spalte mit den ausstehenden Honorarforderungen einsehen. Nach wenigen Klicks wusste er Bescheid. Und die Bilanz, die ihm die Zahlen eröffneten, beruhigte ihn keineswegs, denn die Gelder, die BrainMedia aktuell zur Verfügung standen, reichten gerade aus, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Jede Summe, die darüber hinaus benötigt wurde, war nur durch einen neuen Kredit zu finanzieren.

 

Der Termin, den er mit seinem Wirtschaftsprüfer und Steuerberater für die Mittagszeit in einem Restaurant verabredete, brachte für Fenn kein befriedigendes Ergebnis. Rolf Scheuerlich machte ihm Vorwürfe wegen seines Leichtsinns, für einen Kunden in die Haftung gegangen zu sein, und er tadelte ihn, dass keinerlei schriftliche Abmachungen getroffen worden waren.

„Sie allein … Sie hat man am Haken. Das, was Sie mit TerraNova abgesprochen haben, das interessiert niemanden … schon gar nicht die, denen Sie den Druckauftrag erteilt haben. Die werden sich an Sie halten … und damit auch vor jedem Gericht durchkommen“, hatte Scheuerlich gesagt und den Kopf geschüttelt. „Wie konnten Sie nur so einfältig sein“, hatte er hinzugefügt. „Eventuell kann Ihnen daraus sogar ein Betrugsvorwurf erwachsen, denn schließlich haben Sie einen Auftrag erteilt, den die Finanzmittel Ihrer Firma zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht zugelassen haben. Die Gerichte, die sind da manchmal sehr pingelig und sehr streng in ihrem Urteil.“

„Falls meine Bank von mir ein betriebswirtschaftliches Testat verlangt, könnten Sie das kurzfristig erstellen?“, hatte Fenn gefragt.

„Natürlich kann ich das … sicher. Ich glaube aber, dass Ihnen das nicht viel nützen wird. Die Prognose und die Zahlen dieses Monats sehen nicht nach einer Erhöhung der Kreditlinie aus. Aber versuchen sollten Sie es. Vielleicht haben Sie Glück, und man bewilligt Ihnen eine weitere Überziehung in der von Ihnen gewünschten Größenordnung“, hatte Scheuerlich gesagt.

 

Eine Unterredung mit der Bank verschob Fenn auf den nächsten Tag. Bevor er dort herumbetteln wollte, kam es ihm darauf an, den Rat seiner Frau einzuholen und die Vorgehensweise mit ihr abzusprechen. Ein unbestimmtes Gefühl hinderte ihn jedoch daran, es gleich zu tun und Vera im Büro anzusprechen. Es ist besser, ich mach’ das heute Abend bei uns Zuhause, überlegte er und rief über sein Handy bei Ursula Kleber an, um ihr mitzuteilen, dass er in der Stadt weitere Besprechungen habe und er deshalb heute nicht mehr in die Agentur zurückkommen werde.

„Ihre Frau hat schon nach Ihnen gefragt. Sie wollte wissen, wo Sie abgeblieben sind“, sagte die Sekretärin von Roland Fenn.

„Unterwegs … Richten Sie ihr aus, ich sei unterwegs … Termine … Sie wissen schon“, antwortete er.

 

Den Nachmittag verbrachte Fenn in einem Café und in mehreren Buchhandlungen, in denen er Reisebücher durchblätterte. Er hielt sich am frühen Abend in Kaufhäusern auf, aß im Stehen einen Teller Suppe und fuhr in der dunkelgrauen Dämmerung zurück in die Firma, in der niemand mehr arbeitete. Von dort telefonierte er mit Vera und sagte ihr, er müsste noch ein paar Unterlagen durchsehen. In einer halben Stunde würde er spätestens bei ihr sein.

 

Als sie den Motor seines Wagens hörte, stand sie vom Sofa auf und ging ihm im Flur entgegen. „Hallo“, sagte sie. „Wo bist du gewesen … so lange?“

Ihr Mund berührte flüchtig seine Wange. Eine Umarmung mit ihm unterließ sie.

„Ich war bei Scheuerlich … und hatte dann Besprechungen mit einigen Kunden.“ Fenn ging drei Schritte zurück. „Bin gleich zurück. Mache mich nur ein bisschen frisch“, sagte er.

„Möchtest du was essen … eine Kleinigkeit zumindest? Du musst doch ausgehungert sein.“

„Später vielleicht. Für den Augenblick reicht mir ein doppelter Schluck Calvados.“

 

Er lächelte und ging ins Badezimmer, das im ersten Stock lag. Vera hatte sich umgezogen, wie ihm sofort aufgefallen war. Anstatt des Kostüms, das sie am Tage getragen hatte, war sie jetzt mit einem schwarzen Hosenanzug bekleidet und barfuß.

 

Sie hatte ihm das dickbauchige Glas bereits eingegossen und vor ihn auf den Tisch eine Schale mit Erdnüssen und Chips gestellt.

„Wie war dein Tag?“, fragte sie und beobachtete, wie er den fingerbreit eingeschenkten Alkohol in einem Zug wegkippte.

„Es geht“, antwortete er und machte eine Pause. „Nicht gut, wenn ich ehrlich bin.“

„Was willst du damit sagen?“

„Ich glaube, wir stecken in großen Schwierigkeiten“, gab er zur Antwort. „Und die TerraNova, die ist allein schuld daran.“

„Das versteh’ ich nicht. Was hat Rubeckis Gesellschaft mit uns zu tun, und wieso sind damit Probleme verbunden, die uns betreffen? Wollen die das vereinbarte Honorar nicht zahlen?“ Vera Fenn sah ihren Mann fragend und mit distanziertem Blick an. „Erklär’ mir das bitte.“

In wenigen Sätzen schilderte er ihr den Sachverhalt, den er am Morgen erfahren hatte.

„Wir müssen eine Lösung finden, wie wir aus dem Schlamassel herauskommen“, sagte er. „Hast du eine Idee, was wir machen können?“

„Ist das der Grund gewesen, weshalb du bei Scheuerlich in der Kanzlei warst?“

 

Der Tonfall, in dem sie ihre Frage gestellt hatte, klang plötzlich hart und kalt. Sie schloss ihre Augen und presste die Lippen aufeinander. Und ihre Körpersprache verriet, dass sie in höchste Anspannung versetzt worden war. Ihr Mund zuckte, ihre Finger verkrampften sich. Sie holte tief Luft. Sie warf sich gegen die Sofalehne zurück, schnellte vor und sprang dann hoch. Mit stampfenden Füßen ging sie auf und ab.

„Was hast du?“, fragte Fenn. „Was ist los mit dir? Man denkt ja, du bekommst gleich einen Herzanfall.“

Sie gab ihm keine Antwort, sondern drehte ihm den Rücken zu und schob einige Bücher gerade, die schräg im Regal standen.

„Sag’ schon … Was ist? Warum äußerst du dich nicht? Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Sie sagte immer noch kein Wort und sie begann, an den Blüten der Gladiolen zu zupfen, die in einer großen Bodenvase neben der Tür zur Terrasse steckten.

„Hallo … Madame von und zu … Ich warte auf eine Antwort von dir …“

 

Fenns Stimme bekam eine leichte Schärfe, die sein Unverständnis über ihr Verhalten verriet. Er konnte sich ihr Schweigen nicht erklären.

„Ich sag’ es dir zum letzten Mal … Mach’ jetzt endlich den Mund auf, sonst …“

„Sonst!“, schrie Vera unvermittelt auf. „Sonst, sonst, sonst … Du willst mir drohen. Du hast kein Recht dazu … du nicht. Gerade du nicht. Du … du bist ein … ein … ein Trottel, ein Obertrottel, der alles kaputt gemacht hat … alles, was wir uns in den letzten vier Jahren aufgebaut haben. Wie konntest du so was Idiotisches nur tun … du als Geschäftsmann, für den du dich hältst? Wenn wir die Summe zahlen müssen, und ich sehe nicht, wie wir das vermeiden sollten, dann sind wir am Ende. Du erteilst einen Auftrag im Namen eines anderen, ohne dich rechtlich abzusichern … und dann in dieser Höhe … einhundertzweiundzwanzigtausend Euro! Das ist eine unglaubliche Summe. Aber offensichtlich nicht für dich. Du hast das einfach mal so zugesagt … sogar schriftlich und damit rechtsverbindlich. Ich kann es nicht fassen! Du hattest ja noch nie einen Sinn für Zahlen … überhaupt keinen … und erst recht nicht für Geld.“

 

Veras Gesicht hatte sich verfärbt. Es war zunächst rot angelaufen und dann immer weißer geworden, je lautstärker sie ihre Sätze herausgeschrien hatte. Sie keuchte und hustete. Sie zitterte.

Bei Fenn war es genau umgekehrt gewesen. Sein Gesicht hatte zunächst die Farbe einer gekalkten Wand angenommen und war danach immer roter angestrichen worden mit jedem Wort, das sie ihm entgegengeschleudert hatte. Er fühlte sich wie gegen den Kopf getreten. Er fühlte sich entsetzt. Er fühlte sich niedergestreckt. Er fühlte sich elendig wie noch niemals zuvor in seinem Leben.

„Bist du …?“, setzte er zu sprechen an.

„Ich bin noch nicht fertig“, erwiderte sie scharf. „Entschlossenes Handeln ist jetzt erforderlich, wenn wir das Schlimmste verhindern wollen. Du musst als Geschäftsführer sofort zurücktreten … deine Gesellschafteranteile, die werden wir umschreiben … morgen schon. Und ich brauche eine unwiderrufliche Generalvollmacht von dir, damit ich agieren kann. Und dann sollten wir beten, dass die Zahlungsaufforderungen an uns auf sich warten lassen. Das ist die einzige Chance, die wir haben, um die Agentur zu retten. Ich werde das jetzt eigenverantwortlich in die Hand nehmen, und du, du mischst dich nicht mehr in irgendwelche finanziellen Dinge ein … welcher Art auch immer … Das musst du mir fest versprechen.“ Sie drehte sich abrupt um und verließ das Zimmer. „Ich gehe zu Bett“, sagte sie. „Wir reden morgen weiter … dann aber beim Notar.“

 

Mit zerbrochenem Antlitz, dessen Konturen sich aufzulösen schienen, starrte Fenn seiner Frau nach, mit der er seit zwei Jahren verheiratet war: vierzehn Tage davon bestanden aus der Hochzeitsreise, der Rest waren in der Firma und im Lebensalltag verlaufen – bis eben gerade, bis zu dem schnappenden Geräusch, mit dem die Tür hinter Vera Fenn zugeschlagen war. Seine verkrampften Muskeln ließen es nicht zu, dass er seine Glieder bewegte. Er hatte es auch gar nicht vor, es zu tun. Ihm wäre schwindelig geworden, und er wäre vermutlich zusammengebrochen, hätte er sich hingestellt und den Versuch unternommen, ihr nachzulaufen und eine Versöhnung herbeizureden.

 

In dieser Nacht folgte er seiner Gemahlin nicht ins Ehebett. Er kam nie mehr zurück zu ihr. Doch dass es so kommen würde, das wusste er noch nicht. Er wusste ebenfalls nicht, was Vera vorhatte und zu welchen Schachzügen sie fähig war. Und er wusste nicht, dass sich sein Leben vom Kopf auf die Füße stellen und seine Biografie einen Verlauf nehmen würde, den er mit Spannung in einem Roman gelesen, den er jedoch für die Wirklichkeit ausgeschlossen hätte – erst recht für seine eigene und besonders für die, die er selbst aushalten musste; schon bald.

 

Er hätte sich viele Wendungen in seinem Schicksal vorstellen können. Er hätte es für möglich gehalten, bei einem Autounfall zu sterben oder an Krebs zu erkranken oder der Vater von geistig behinderten Drillingen zu werden oder unschuldig zu lebenslanger Haft verurteilt zu werden.

 

Dass er dort ankommen würde, wo er sich jetzt befand – halb verhungert im Polizeigewahrsam – und dass ihm dieser Lebensabschnitt widerfahren würde, der noch nicht beendet war, dafür hätte weder seine, noch irgendeine andere Phantasie ausgereicht. Dennoch war alles geschehen.

 

In der beginnenden Abenddämmerung dieses Tages, die als riesige Feuerzunge in seine Zelle einbrach, hatte sich Roland Fenn auf seiner Pritsche zusammengerollt. Seine Fäuste klemmten zwischen seinen Beinen. Die Augen hielt er geschlossen. Vielleicht kann ich schlafen, dann vergeht die Zeit schneller, dachte er. Aber seine Gedanken beruhigten sich nicht.

 

Die erste Frage, die er sich zum wiederholten Male stellte: Was ist aus Lisa geworden? Kann sein, dass sie dem Polizeiwagen gefolgt ist und auf mich wartet, falls die mich morgen wieder ziehen lassen, überlegt er. Er lächelte, als er sich die Begrüßung mit ihr vorstellte. Ich werde sie in meine Arme schließen und sie drücken und sie streicheln und sie abküssen und sie nicht mehr loslassen, freute er sich über alle Maßen.

 

Während er seine Stirn gegen die Matratze presste, um es vor seinen Pupillen noch dunkler werden zu lassen, besann er sich darauf, wie niederträchtig Vera vorgegangen war, um sich an ihm zu bereichern. Zuerst plünderte sie sämtliche Bankkonten von BrainMedia, löschte die Firma aus dem Handelsregister, entließ ihren Ehemann und die anderen Mitarbeiter fristlos und gründete eine neue GmbH, bei der sie den Posten der geschäftsführenden Gesellschafterin übernahm. Dann gelang es ihr, ausgestattet mit der Generalvollmacht und selbstsicherem Auftreten, das Haus von Roland Fenn, das als Sicherheit für den Unternehmens-Kredit verbürgt worden war, auf ihren Namen zu überschreiben und ins Grundbuch eintragen zu lassen. Sie hatte dem Leiter der Kreditabteilung überzeugend dargelegt, sie sei als Ehefrau ebenso in der Haftung wie ihr Mann. Ein persönliches notarielles Schuldanerkenntnis, das von ihr verlangt worden war, hatte sie immer wieder hinausgezögert und schließlich verweigert, als ihr die Immobilie samt Grundstück gehörte und ihr auf rechtlichem Wege nicht mehr wegzunehmen war.

 

Eine Annullierung der Vollmacht gelang ihm erst mithilfe seines Anwalts, als es schon zu spät war. Vera war ihm jedes Mal zuvorgekommen und hatte sich hinter seinem Rücken Stück für Stück alles genommen – in weniger als fünf Wochen.

 

Warum sie ihm das angetan hatte, und ob es Hass auf ihn gewesen war oder eine nicht mehr beherrschbare Geldgier, ob ein anderer Mann dahinter stand und er ihr deshalb im Wege war, oder ob sie von Anfang an darauf aus gewesen war, sich mit der Eheschließung sein Vertrauen zu erschleichen, sich seine Firma anzueignen, ihn zur eidesstattlichen Versicherung zu treiben und ihn zum hochverschuldeten Bettler zu machen, darauf erhielt er bisher keine Antwort. Ein Gespräch zwischen ihnen hatte nie stattgefunden. Und Roland Fenn war sich sicher, es würde auch niemals mehr dazu kommen.

 

Vor dem Scheidungstermin hatte er mehrmals versucht, Unterlagen aus der Firma und einen Teil seiner persönlichen Sachen aus dem Haus zu holen. Aber sie hatte es zu verhindern gewusst, indem sie in beiden Gebäuden die Türschlösser auswechselte. Er hatte geschrien, sie solle aufmachen. Er hatte getobt. Er hatte sie beschimpft und gedroht, er werde ihr heimzahlen, was sie ihm angetan hatte.

„Wenn du nicht verschwindest, dann hol’ ich die Polizei“, hatte sie ihm zugerufen. „Dir gehört hier nichts mehr. Und wenn du es dir mit Gewalt nimmst, dann bist du ein Einbrecher und ein Dieb.“

„Ich habe dir vertraut“, hatte er erwidert. „Ich habe geglaubt, du willst mich … du willst uns retten … aber du, du … du Miststück, du hast mich hintergangen … Ich verfluche dich … verfluche dich für alle Ewigkeit.“

 

Nach dem Scheidungstermin, an dem sein Anwalt, er aber nicht teilgenommen hatte, war er ihr nur noch einmal begegnet – für nicht ganze zwei Sekunden, in denen ihr Gesicht hinter einer zurückgeschobenen Gardine erschien.

 

Er wollte zunächst

nur für diese erste Nacht bleiben.

Und die begann

für ihn,

als es draußen noch hell war.

 

 

 

4. Kapitel

 

Der entgeisterte Blick, den ihre weit aufgerissenen Augen aufsetzten, als würde sie in die Fratze eines Ungeheuers starren, galt ihrem geschiedenen Mann, der an das Fenster ihres Schlafzimmer geklopft hatte und nun im fahlen Licht der Dunkelheit vor ihr stand – mit seinen Schuhen in dem Blumenbeet, das Roland Fenn beim Einzug in sein Haus selbst angepflanzt hatte. Vera, die ein rotes Nachthemd anhatte, machte drei schnelle Handbewegungen, als wollte sie eine Fliege wegscheuchen und ließ die Gardine wieder zurückfallen, die sie für einen Moment zur Seite geschoben hatte. Hinter ihr, in Schlafanzughose und nacktem Oberkörper, stand ein Mann, den Fenn in der Dunkelheit des Zimmers nicht sehen konnte.

„Ich will nur was holen … meine Jacke, du weißt schon, die dreiviertel lange, die olivgrüne mit dem dicken Steppfutter“, rief Fenn und klopfte erneut gegen die Scheibe. „Wenn du sie mir nicht selbst geben willst, dann leg’ sie wenigstens vor die Tür. Ich warte hier … und wenn ich die Tür schlagen höre, dann hole ich sie mir. Ich bitte dich … nur die Jacke. Es ist nachts kalt … Reinkommen will ich nicht mehr. Und nie wieder mit Gewalt. Ich geb’ dir mein Wort. Nur die Jacke … nur an der bin ich interessiert. Ich bleib’ hier stehen und ich rühr’ mich nicht von der Stelle“, rief er mit überlauter Stimme, um sicher zu sein, dass sie ihn hinter der Fensterscheibe verstehen würde.

 

Er trat einige Schritte zurück und blieb im Lichtkegel der Straßenlaterne auf dem Rasen stehen. So kann sie mich erkennen und weiß, dass ich mir nicht gegen ihren Willen Einlass ins Haus verschaffen will, dachte er und lauschte in die Stille der Nacht. Er war sich nicht sicher, ob sie seine Bitte erfüllen würde. Die hat wahrscheinlich schon alles von meinen Sachen weggeworfen, überlegte er.

 

Über ihm rauschte der Wind in der Krone eines Ahornbaumes. Plötzlich hörte er das Klappen eines Türschlosses. Und als er zum Hauseingang ging, sah er vor der Tür seine Jacke liegen und daneben einen gelben Schal. Er nahm die beiden Kleidungsstücke auf und hielt sie vor seine Brust. „Wenigstens das … danke“, sagte er und verließ das Grundstück über den Plattenweg, der an der Garage vorbei zum Tor führte.

 

In diesem Moment hatte er von der Welt, in der er bislang Zuhause gewesen war, Abschied genommen, und er hatte die ersten Meter auf einem Weg zurückgelegt, dessen Strecke er nicht kannte, dessen Abzweigungen nicht vorauszusehen waren und dessen Endstation keinen Namen trug. Er las kein Schild, auf dem Hölle geschrieben stand und keins, das ihm ein Paradies versprach. Weder von Glück war die Rede noch vom Tod. Niemand weissagte ihm den Untergang, niemand flüsterte ihm zu, er werde wieder auferstehen und als Rache-Engel zurückkehren. Sein Verlagen nach einem überirdischen Befehl wurde nicht befriedigt und sein stummer Ruf nach beschütztem Geleit nicht erhört. Der Himmel schickte ihm kein Zeichen, und keine Elfe rief ihm zu, dass er sich nicht zu fürchten brauchte.

 

Dieser Mann, der das Neubaugebiet verließ und in irgendeine Richtung marschierte, fühlte nichts außer der Kühle des Windes und er hörte nichts außer dem Gebell eines Hundes und er spürte nichts außer der Einsamkeit, die sich über ihn warf, und er empfand nichts außer der Panik, als wäre er ein kleiner Junge, der ausgesetzt worden war, mitten in einer Steinwüste. Roland Fenn kämpfte gegen die Tränen an, zu denen seine Angst schmolz. Er war umgeben von dieser Nacht, von den Gerüchen des Spätsommers, von den blassen Sternen über ihm und von der Ungewissheit, was er tun sollte – ab sofort. Er zog sich die Jacke über und knotete sich den Schal um seinen Hals. Auf seiner Armbanduhr las er die Zeit ab: Null Uhr und vierzehn Minuten.

 

Ab dieser Sekunde, die bereits vorüber war, als sein Jackenärmel wieder zurück über das Ziffernblatt klappte, breiteten zwei Jahre, sechs Monate und etliche Tage ihre Zeitdauer vor ihm aus, bis er gewaltsam von Polizeibeamten abgeführt, in Gewahrsam genommen und in die Zelle verschleppt werden würde, in der er seine verschränkten Hände aus seinem Schoß nahm und sie kräftig rubbelte, weil sie eingeschlafen waren und nicht er, wie er es beabsichtigt hatte. In einem Seitenwechsel, der seinen Körper von der Wand und sein Gesicht nach zweifacher Drehung an den Rand der Pritsche rollte, federten seine Gedanken rückwärts und malten ihm aus, wie es gewesen war, als er sich entschlossen hatte, bis zum Tagesanbruch wach zu bleiben. Fenn erinnerte sich, mit welchem Proviant, mit welchen Werkzeugen und mit welchen finanziellen Mitteln er damals ausgestattet gewesen war, am Ausgangspunkt seines Spazierganges nach irgendwo, von dem er nicht ahnte, dass er mehr als ein viertel Jahrzehnt dauern würde.

 

Seine Barschaft, die er in einem gefalteten Briefumschlag in der Brusttasche des Hemdes aufbewahrte, betrug einundsechzig Euro und achtundzwanzig Cent. Er führte ein Taschentuch mit sich, einen Kamm, einen Kugelschreiber, eine Brieftasche mit Führerschein und seinen Personalausweis. Seine EC-Karte hatte der Geldautomat drei Tage zuvor eingezogen und ihn wissen lassen, er möge sich mit seinem Kreditinstitut in Verbindung setzen. In seiner linken Hosentasche steckten die zerkrümelten Reste eines Schokoriegels; in der rechten drei Bonbons mit Zitronengeschmack, ein Gummiring und ein Taschenmesser mit nur einer Klinge. Bekleidet war er mit dunkelbraunen Halbschuhen, einer beigefarbenen Popelinehose, einem weißen Hemd und einem dünnen, am Hals geschlossenem blauen Pullover aus Merinowolle. Und seit einer viertel Stunde wärmten ihn die Oliv-Jacke und der Schal. Gepäck hatte er nicht und keine Zahnbürste, keine Seife, kein Rasierzeug; ebenso besaß er keinen Mantel und keinen Regenschirm, kein Auto und keinen Wohnwagen. Roland Fenns gesamter Besitz, der ihm übrig geblieben war, hatte gerade so viel Wert wie der Preis für eine Theaterkarte, wie ein im Foyer getrunkenes Glas Sprudelwasser und die Gebühr für die Parkgarage während der Dauer der Aufführung.

 

An einer Weggabelung, die nach rechts in die Stadt führte und nach links über eine Anhöhe, setzte sich Fenn in den Straßengraben und überlegte, in welche Richtung er gehen sollte. Zurück in die Pension, in der er die vergangenen dreiundzwanzig Nächte verbracht hatte, würde ihn seine letzte Geldreserve kosten. Außerdem lohnt es sich jetzt kaum noch, dachte er. Die Nacht ist ohnehin bald vorbei. Und müde bin ich überhaupt nicht, stellte er fest und spürte zugleich, wie ein Regentropfen auf seine Hand fiel; dann ein zweiter und ein dritter. Sekunden später prasselte ein Wolkenbruch auf ihn nieder, der ihn aus dem Gras aufscheuchte, der ihm Beine machte und ihn, so schnell er konnte, nach einem überdachten Schutz vor dem Guss, der wie aus Kübeln schüttete, suchen ließ. Oberhalb des Hügels, über den die Fahrbahn führte, entdeckte Fenn in etwa zweihundert Metern Entfernung einen Unterstand für Busreisende, auf den er zurannte. Werde dort abwarten, bis es aufgehört hat, entschied er.

 

Aber der Regen ließ nicht nach, und er fiel noch vom Himmel, als der Morgen zu grauen anfing. Fenn, der sich auf der Sitzbank ausgestreckt hatte, war in einen Halbschlaf gefallen, sodass er nicht bemerkte, wie ein Bus stoppte, wie die Tür geöffnet wurde und wie der Fahrer wieder anfuhr, weil die Person, die dort lag, keine Anstalten machte, in das Fahrzeug einzusteigen. Das Motorgeräusch schreckte Fenn hoch, und er sah, wie die schwarzen Auspuffwolken, die der Dieselmotor ausstieß, in seinen Unterstand geblasen wurden.

 

Er dachte: Bloß weg hier. Und mit weiten Schritten, die zwischendurch in Sprünge übergingen, hetzte er in einen Buchenwald hinein, dessen Blätterdächer den Regen von ihm fernhalten sollten. Doch er hielt nicht an, als die ersten dicken Stämme an ihm vorbeisausten, und er verlangsamte nicht sein Tempo, als er Geröll und Baumstämme übersprang. Er lief immer weiter und immer schneller, er vollführte Sätze wie eine Katze und er sprang über Stuken und er rannte Hänge hoch und er stolperte Böschungen runter und er platschte durch Bäche, die sich im Gefälle ihres Laufs überschlugen. Er schnitt mit seinen Schienenbeinen Gassen in Felder von Farnstauden, und er knickte mit seiner Schulter Äste vom Unterholz ab. Er erreichte das Ende des Waldstücks und überquerte eine Wiese, die ihn in einen Birkenhain führte und von dort über Äcker und gerodete Freiflächen an den Aufstieg zu einem mit Fichten bewachsenen Berg von vielleicht dreihundert Metern Höhe. Wenn ich dort oben bin, dann ruh’ ich mich aus, sagte er sich. Seine linke Körperseite tat ihm weh und puckerte, als würde dort Blut rauslaufen. Auf seiner Brust fühlte er ein Gewicht so schwer wie ein Zentner Kartoffeln.

 

Das puderige Licht des Tagesanbruchs, das sich auf der Hälfte des aufgeschlitzten Horizonts zwischen den gläsernen Scheiben des Dunstes durchzwängte, gestattete Fenns einzigem Seitenblick die Einsichtnahme seines Umfeldes, die ihn in der Weite der Ebene schornsteinhohe Riesen und reitende Gespenster sehen ließ. Quader von Nebel schichteten sich auf, Säulen aus blau gefärbter Luft glommen wie Zäune. Der Umfang der Stadt war in der Ferne zu einem grauen Oval geschrumpft, das sich am Ende der Landschaft auflöste und nach und nach von den Strömen des rotflüssigen Glutdeltas der aufgegangenen Sonne übergossen wurde.

 

Trotz der Anstrengung, die er auf sich nahm, um auf den Gipfel zu gelangen, hatte Roland Fenn kein Ziel vor Augen. Er war hier noch nie gewesen und er hatte keine Vorstellung, wo er sich genau befand. Nur so viel wusste er: Irgendwo in den Vorläufern des Gebirges. Er war in Bewegung, er mühte sich ab, er kämpfte sich die Steigung hoch, aber er konnte den Grund nicht nennen, der ihn, mehr als achtzehn Kilometer entfernt von der Innenstadt Göttingens, gegen sieben Uhr früh in diese menschenleere Gegend getrieben hatte.

 

Bevor er die Bergspitze erreichte, musste er auf allen Vieren einen Steilhang von hundert Metern hochklettern und ein Dickicht überwinden, das fast fünfzig Meter tief war. Er bog Zweige weg, er drängte sich gebückt voran, er watschelte im Entengang, er kroch auf allen Vieren, er rutschte auf dem Bauch und zog sich weiter vorwärts, bis er sich wieder aufrichten konnte. Er setzte einen Schritt vor und blieb dann stehen. In diesem Augenblick schob sich die Sonne hinter einer Wolke vor und schickte, wie von einer riesigen Taschenlampe abgestrahlt, ihren Lichtkegel auf die Freifläche. Vor ihm lag eine mit hohem Gras bewachsene Lichtung von der Größe zweier Zirkuszelte. Ein Gürtel von dicht stehenden Fichten, von Fingerhut, von Disteln und Buschwerk umzäunte den kreisrunden Platz wie ein Wall. Das sieht aus wie der Kranz einer Manege, dachte Roland. Oder wie die Umzäunung eines Eilands inmitten irgendeines Ozeans oder wie der Kreis eines Amphitheaters.

 

Es war vollkommen still. Und der Geruch, in den er eintauchte wie in ein Wasserbad, einen dieser Art, einen von dieser Mischung, den hatte er noch nie eingeatmet. Es duftete nach dem modrigen Parfüm von feucht gewordener Erde, nach Vogelnestern, nach Spinnweben, nach Pfützen, nach dem Fell von Mäusen und der Spucke von Eulen. Und als er sich auf den Boden hinlegte und das Gras spürte, als wären es übereinander gelegte Teppiche, als er seine Arme waagerecht zum Querbalken eines Kreuzes ausstreckte und als er sein Gesicht der Scheibe der Sonne zuwandte, hatte Roland das Gefühl, der erste Mensch zu sein, der sich an diesem Ort aufhielt, den er, durchflutet von Ruhe, als magisch empfand. Hier gehören keine Hexen hin, überlegte er. Hier ist nicht der Teufel begraben. Hier kann man Hochzeit machen, oder Gottesdienste feiern oder eine Symphonie komponieren oder ein Theaterstück aufführen.

 

Es hatte aufgehört zu regnen, und Roland, der von den Strapazen des Aufstiegs erhitzt war, band sich den Schal ab, zog sich seine Jacke aus und das Hemd und Schuhe und Strümpfe und die Hose und den Slip. Der leichte Wind, der in mehreren Sprüngen über die Palisaden der Bäume hüpfte, kühlte ihn in seiner Nacktheit ab. Ihn erfasste auf einmal eine Glückswoge, die über ihn schwappte, die ihn einen Schrei ausstoßen ließ voll von lustvoller Festigkeit und von sekundenlanger Dauer. Nach diesem Jauchzer – hell, die Zunge freigelegt und gaumig vorgetragen – brüllte er sich noch etliche Male leer und er brachte seine Kehle so oft in Ekstase, solange noch ein Rest seines alten, hierher gebrachten Lebens in ihm war. Er schrie und schrie und schrie und er räumte sich komplett mit den akustischen Signalen aus, die seine Seele aussendete. Mit dem Schall, der vom Rand der Dickung zurückkam, mit diesem Klang, mit dieser dröhnenden, kreischenden Zusammenballung eines Tons spuckte er alles von sich aus, was ihn bekümmert, was ihn verängstigt hatte und was die Summe all seiner Verzweiflung gewesen war.

 

Schließlich hielt er inne und schnitt sich die Schreie plötzlich vom Mund ab. Er hatte sich zum Schluss seines Ausbruchs selbst zugehört, hatte sich gesehen, diesen nackten Mann, der auf einer Wiese lag und vor sich hin brüllte. Bin ich das gewesen?, fragte er sich erstaunt. War ich das wirklich? Er spürte, wie er zitterte. Ein Schauer zuckte durch seine zusammengepressten Kiefer. Ich bin hier und ich weiß nicht aus welchem Grund. Ebenso könnte ich woanders sein.

 

Er wartete, bis die Klopfschläge seines Herzens in der Vielzahl und in ihrer Heftigkeit nachgelassen hatten, stand danach auf und inspizierte die Lichtung, indem er sie an der Grenze zum Wald in ihrem Rund abschritt. Als er damit fertig war, durchquerte er unter dem blauen Himmel den Kreis in der Diagonalen und zählte im Stillen die Schritte, die er brauchte, um von einem Ende zum anderen zu kommen: hunderteinundfünfzig … hundertzweiundfünfzig … und hundertdreiundfünfzig …

 

In diesem Moment schreckte Fenn aus dem Schlaf hoch und sah sich von zwei Polizisten umringt, die ihn mit ihren vier Händen auf die Pritsche drückten und ihm abwechselnd zuriefen: „Hör’ auf, hier rumzuschreien. Halt die Klappe. Du hast nur geträumt. Es ist nichts … Beruhige dich. Mach das Maul zu. Man hat dein Gebrüll im ganzen Haus gehört … Bist du verrückt geworden?“

Sie ließen von ihm ab, ermahnten ihn nochmals, keinen Lärm mehr zu machen und gingen aus der Zelle.

 

Fenn, der nass geschwitzt war und bleich angelaufen, richtete für einen Augenblick seinen Oberkörper auf und klappte ihn dann zurück auf den Rücken. Nachdem er ein paar Minuten lang bei Bewusstsein geblieben war und die Jetztzeit über sich an der fleckigen Zellendecke in Augenschein genommen hatte, zwängte er seine Gedanken wieder in die Vergangenheit, die ihn an den Rand der Lichtung zurückbrachten, in der er gestanden hatte – unbekleidet, übermüdet, hungrig und durstig.

 

Während sich Roland wieder anzog, verschlang er die Schokoladenreste und zerkaute er die Bonbons, die er aufbewahrt hatte. Aber gesättigt war er längst nicht. Den letzten Bissen – es war eine Scheibe Brot mit Schinken gewesen – hatte er in der Pension verzehrt. Und er musste trinken. Den letzten Schluck – es war Kaffee gewesen – hatte er ebenfalls dort auf der Zunge gespürt.

 

Er kroch durch das Dickicht und lief den Weg, den er gekommen war, zurück ins Tal; dabei prägte er sich einige markante Stellen im Wald ein: einen großen Felsen, den Bachverlauf, der über einen Wasserfall sprudelte, eine Buche, die sich in zwei Stämme und zwei Kronen teilte. An der Bundesstraße ging er in östlicher Richtung auf ein Dorf zu, das er hinter einer breiten Ackerfläche und mehreren Koppeln liegen sah. Er brauchte fast eine Stunde, bis er den Marktplatz erreicht hatte und einen kleinen Lebensmittel-Laden betrat. Er kaufte ein Zweipfundbrot, fünf Schachteln mit Schmelzkäse-Ecken, sechs Eier, eine eineinhalb Liter fassende Flasche Mineralwasser aus Plastik, zwei Wegwerf-Feuerzeuge, ein Glas Pulverkaffee und eine Kasserolle aus Aluminium. Insgesamt musste er dafür elf Euro und zweiunddreißig Cent bezahlen. Die Verkäuferin gab ihm eine Plastiktüte, in die er seinen Einkauf legte.

„Kann ich noch zwei davon haben?“, fragte er in der Annahme, er bekäme sie geschenkt.

„Freilich“, antwortete die junge Frau. „Macht zwanzig Cent extra.“

Roland zögerte kurz, besann sich und legte dann das Geldstück hin.

 

Auf dem Rückweg marschierte er in einem schnelleren Tempo. Der Hunger trieb ihn an. Nach einer knappen dreiviertel Stunde war er wieder auf dem Berg. Sofort fing er damit an, zwischen dem Streifen des Unterholzes und dem Gras der Lichtung sich aus Steinen eine Feuerstelle zu bauen. Er suchte Holz zusammen und zündete es an; über die Flammen hielt er den Topf und schlug drei Eier hinein, die allmählich gebraten wurden. Aber wie sollte er sie zwischen die Zähne befördern? Sie waren am Boden festgebacken, und er hatte weder eine Gabel noch einen Löffel. Schließlich gelang es ihm, die Speise aus Dotter und verkrustetem, schwarz gerändertem Eiweiß mit der Klinge seines Taschenmessers herauszukratzen. Dazu aß er zwei Schreiben Brot, die er mit Käse bestrich. Danach bereitete er sich einen Kaffee zu, indem er Wasser in der Kasserolle heiß machte und das Pulver hinzuschüttete. Dass dort die Reste von Ei und Ruß auf der Oberfläche schwammen, störte ihn wenig.

 

An Schlaf dachte Roland nicht, obwohl er seit mehr als vierundzwanzig Stunden sich nicht hingelegt hatte. Es war kurz vor Mittag. Die Sonne stand direkt über ihm und bestrahlte die Lichtung mit großer Hitze.

 

Den Nachmittag verbrachte er damit, sich für die Nacht einen Unterstand zu bauen. Er wählte im Unterholz fünf Fichten aus, die in einem Kreis zueinander standen. Mit einem dicken Stock haute er die trockenen Äste bis zu einer Höhe von zwei Metern ab und schuf sich einen Raum von gut acht Quadratmetern. Das Dach bildeten die begrünten Zweige, die von den Stämmen abstanden. Obenauf legte er mehrere Lagen Reisig. Den Boden polsterte er rundherum mit Fichtennadeln und mit Gras aus, und als Kopfkissen benutzte er eine Plastiktüte, die er mit Moos und Blättern füllte. An den Seiten schaufelte er mit seinen Händen eine Böschung auf von dreißig Zentimetern. Die Rückfront verstellte er zusätzlich mit Zweigen und Gestrüpp. An der Vorderseite ließ er eine Lücke von einem Meter offen. Das war der Eingang zu seinem Wohnsitz und der Ausgang auf seine Terrasse, die sich auf der Lichtung in einem weiten Rund öffnete.

 

Er legte sich seitwärts in die Mulde, schob den Kragen seiner Jacke hoch, steckte die Hände in die Hosentaschen und schloss die Augen. Morgen werde ich überlegen, was ich tun kann, nahm er sich vor. Hier vegetieren, hier in diesem Loch … das steh’ ich nicht durch. Bin überhaupt nicht darauf eingestellt. Habe kein Wissen und kein Geschick. Bin unpraktisch, bin unbedarft im Überleben, bin nicht jemand, der sich dafür eignet. Und zurück in die Stadt? Wohin ohne Geld? Zu Vera ins Haus? Nie mehr. Lieber im Schlamm leben als mit ihr unter einem Dach. Und in ein Männerwohnheim gehen? Nicht vorstellbar. Soll ich unter der Brücke hausen? Wieder in meinem Beruf neu anfangen? Habe es ja bereits versucht und sieben Absagen auf meine Bewerbungen erhalten. Bin nicht mehr gefragt als gescheiterter Unternehmer. Könnte als Tellerwäscher arbeiten oder als Prospektverteiler; könnte Taxi fahren oder als Hilfsarbeiter auf den Bau gehen. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, irgendwo als freier Mitarbeiter bei einer Zeitung anzuheuern, dachte er. Oder … oder ich … Am liebsten wäre mir, ich schlafe ein und wache nicht mehr auf, dachte er.

 

Schreckensbilder

von Zahnausfall, Sehschwäche

und rissiger Lederhaut

jagten ihm

Ängste ein.

 

 

 

5. Kapitel

 

Die Kälte, die sich um vier Uhr früh ausbreitete, und der Morgendunst, der die Bergkuppe wie mit einem in Stücke gerissenen Wattebausch übersäte, brachen Rolands Schlaf ab, der ihn über fünf Stunden in die Erdmulde gedrückt hatte. Er schlug die Augen auf und er bemerkte, dass er fröstelte. Die Feuchtigkeit, diejenige, die aus der Erde kam und die, die durch die Luft schwebte, war ihm durch bis in die Haut gedrungen. Seine Glieder fühlten sich klamm an. Seine Nase juckte.

 

In seiner Hütte war es noch dunkel, und für einige Momente wusste er nicht, wo er sich befand. Erst als sein Blick durch den offenen Eingang und den Tunnel des Geästs auf den Kreis der Lichtung fiel, die mondhell erleuchtet war, erinnerte sich Roland, dass er am Vortag hier angekommen war. Er rekelte sich und klopfte sich die Verfrorenheit aus den Knochen, ehe er aufstand, auf dem kurzen Weg zu seiner Feuerstelle trockene Zweige abbrach und sich zum zweiten Mal seit seiner Ankunft an seinem Kochplatz einen Kaffee zubereitete. Über den Flammen, die den Topf und das Mineralwasser erhitzten, wärmte er die Hände auf.

 

Beim ersten Schluck verbrannte sich Roland den Mund, als er seine Lippen an den Rand der Kasserolle legte. Ich brauche einen Trinkbecher, überlegte er. Ich brauche noch so viele Sachen, wenn ich hier bleiben will. Im Kopf merkte er sich eine Liste von den Gegenständen, die er dringend benötigte: einen Löffel, eine Pfanne, einen größeren Behälter für Wasser und etwas an Stoff, womit er sich nachts zudecken konnte; eine Decke oder einen Mantel oder zumindest eine Zeltplane, die keinen Regen durchlässt. An den bevorstehenden Winter und an Frostgrade weit unter Null dachte er in diesem Augenblick noch nicht. Denn für diese Jahreszeit hätte er noch einen Ofen gebraucht und Brennholz und eine Petroleum-Lampe; und er hätte ein schneefestes Haus gebraucht aus Bohlen und eine dicht zu verschließenden Tür vor dem Eingang. Und er hätte ein Bett gebraucht und eine warme Zudecke und einen Pullover und lange Unterhosen und dicke Stiefel und ein Paar Socken.

 

Nachdem das Feuer runtergebrannt war, zertrat er die Glut und schob mit der Fußspitze Erde darüber. Für unterwegs steckte er sich eine Ecke Brot ein. Sein Ziel: Er wollte den Bach aufsuchen, aus dem er sich mit Trinkwasser versorgen konnte; außerdem hatte er die Absicht, seine Besorgungen zu erledigen. Wegen der Dunkelheit, die sich abseits der einfallenden Mondstrahlen unter den Ästen der Fichten wie kornfeldergroße Teerflecken ausbreitete, kam er nur langsam voran. Er achtete mit Sorgfalt darauf, nicht über eine vorstehende Wurzel zu stürzen oder auf einer abschüssigen Steinhalde auszurutschen. Aber Roland fühlte sich ohnehin nicht in Eile. Es war erst viertel vor fünf, und das Morgengrauen wartete noch drei Horizonte entfernt auf die Leuchtkraft der Sonne.

 

Um diese Uhrzeit war er noch niemals durch einen Wald gegangen; und er hatte mit eigenen Augen noch niemals eine Finsternis dieser Art gesehen – so durchwebt von glitzernden Fäden, so fließend zwischen den Schatten und ihren Spiegelbildern, so trennscharf und bedrohlich, wenn sich Steilhänge im Gegenlicht vor ihm aufrichteten und sich Böschungen abwärts in die Tiefe hinabließen. Unter seinen Schuhen raschelte Laub, Äste knackten, der Wind brauste in Böen gegen die Baumspitzen.

 

Roland blieb stehen und horchte auf die Geräusche, die mal von links und rechts, mal von oben und mal neben ihm zu hören waren: tropfender Tau, der Schrei eines Vogels, knarzende Birkenstämme, die sich wiegten. Auf der gegenüberliegenden Bergseite sah er die Scheinwerfer eines Fahrzeugs aufblitzen.

 

An der Teerstraße, die durch das weite Tal führte, nahm er wieder den Weg auf das Dorf zu, in dem er seinen ersten Einkauf erledigt hatte. Die Spitze des Kirchturms stieß wie ein winziger Dorn in den aufgerissenen Himmel, den schlierige, rote Flecken und blaue Fäden durchzogen. Im anbrechenden Tageslicht, das von Minute zu Minute seinen Einfallswinkel und zugleich seine Helligkeit erhöhte, machte er die verschiedenen Farben der Felder und Äcker aus: gelb, grün, braun, ocker, umbra.

 

Hinter der Biegung des Weges, auf dem Roland ging, sah er, etwa zweihundert Meter entfernt, am Rande eines Waldstücks einen Wellblech-Karren, an dessen Seitenwand ein Fenster eingelassen war. Gestern ist der mir gar nicht aufgefallen, dachte er. Könnte ein Transformatorenhäuschen sein oder … oder. Ehe er sich weitere Fragen stellte, kletterte er über zwei Weidenzäune und näherte sich dem orange gestrichenen Container. Die Tür war mit einem Vorhängeschloss abgesperrt, dessen Bügel Rost angesetzt hatte. Im Inneren waren zwei Sitzbänke aufgestellt, und, soweit Roland durch das Fenster erkennen konnte, ein Blechofen. An der Rückwand lehnten Schaufeln, Hacken, Äxte und Sägen. Auf dem Tisch standen zwei Bierflaschen und eine Milchtüte.

 

Wird ein Gerätedepot für Waldarbeiter sein, sagte sich Roland, und er fügte mit einem blitzschnellen Gedanken den Entschluss an, sich diese Werkzeuge anzueignen. Die Überlegung, dass er damit einen Einbruchsdiebstahl begehen würde, stellte er nicht an. Als kriminell stufte er sich ebenfalls nicht ein. Im Gegenteil: Für ihn bedeutete diese Entdeckung, dass ihn sein Schicksal sicher geleitete und ihm zu verstehen gab, auf dem Berg zu bleiben und sich dort einzurichten. Es will, dass ich bleibe. Es will, dass ich nicht in meine alte Welt zurückkehre. Es behütet mich, dachte er. Es versorgt mich und es denkt an mich. Es räumt mir die Chance ein, dort oben auf der Lichtung zu überleben. Hätte es mich sonst hierher geführt und mir schon am zweiten Tag meiner Auswanderung diese Schätze vor die Nase gehalten? Ich muss sofort zugreifen, ging es Roland durch den Kopf. Aber wann? Niemand darf mich dabei beobachten. Und wie komme ich hinein in diesen abgeschlossenen Raum?

 

Er fühlte, wie sein Herz schneller zu klopfen begann. Er fühlte Nervosität und Übereifer, fühlte Freude und Anspannung, fühlte Euphorie, die seinen Mund zum Lächeln anhielt. Er schlug vor Begeisterung mit der Faust einen Boxhieb in die Luft und er spürte sich beschenkt, als hätte er Geburtstag.

 

Die Erledigung seiner Einkäufe stand plötzlich nicht mehr im Vordergrund seiner Tagesplanung. Er dachte nicht mehr an das Trinkgefäß und die Pfanne, jetzt hatte er nur ein Vorhaben im Sinn: eine Eisenstange oder ein dünnes, stabiles Rohr zu finden, mit dem er, wenn es dunkel sein würde, das Schloss aufbrechen konnte. Die Suche in unmittelbarer Nähe des Schuppens erbrachte nichts; er fand eine Holzlatte, verstreute Asche und Glassplitter, aber keinen Metallstab, den er als Brechstange benutzen konnte. Den musste er sich an einer anderen Weide aus dem morschen Holz eines Koppeltores herausdrehen. Es war der dreißig Zentimeter lange, fingerdicke Haken, mit dem das schwenkbare Absperrgitter am Pfosten befestigt wurde. Roland versteckte sein Stemmeisen unter einem Stein und setzte seinen Marsch ins Dorf fort.

 

Es war dieselbe Verkäuferin, die ihn bediente. Und als er seine Waren bezahlte, fragte sie ihn, ob er Urlaub auf dem Campingplatz mache. Viele von dort kämen hier einkaufen. Roland nickte, und sie sagte: „Das sieht man gleich bei Ihnen … Ich erkenn’ es an Ihrer Kleidung.“

Er ließ sich eine Tüte geben und verließ das Geschäft. Es war wenige Minuten nach acht Uhr.

 

Da er die Dunkelheit abwarten wollte, die erst in etwa elf Stunden hereinbrechen würde, entschied er sich, zu seinem Versteck zurückzukehren. Unterwegs probierte er das Wasser des Baches, der von seiner Bergspitze nicht weit entfernt war. Er nahm ein paar Schlucke, entkleidete sich und setzte sich in das Wasser, das ihm bis zur Hüfte reichte und nicht wärmer war als vierzehn Grad. Er schnappte nach Luft und prustete. Dann wusch er sich die Brust, die Achseln, das Gesicht, die Ohren und zum Schluss die Haare, die er mit einer Handvoll feinem Kies bedeckte und anschließend hin und her rieb. Zum Schluss der Reinigungsprozedur ließ er sich nach hinten fallen und tauchte unter die Wasseroberfläche, die über ihn rollte wie fließendes Glas, durch das er die Umrisse der Zweige über sich sah und den brennenden Kranz der Sonne, die zwischen den sprudelnden Wellenkämmen in der Brechung ihres Lichts zu Tausenden von Glutbrocken zerplatzte. Roland glaubte, es würde Gold regnen und Kirschen aus Lava. Er blieb so lange dort liegen, bis ihm der Atem ausging und er aus dem Wasser hochkam wie ein springender Lachs.

 

So nass wie er war, zog er sich seine Kleider an und rannte, um sich aufzuwärmen, so schnell er konnte den Steilhang hinauf bis auf seine Lichtung. Dort aß er sein Brot aus der Hosentasche und wickelte zwei Käseecken aus, die er sich auf einmal in den Mund steckte. Auf einen dritten Happen, den er bereits gegriffen hatte und den er sehr gerne noch verzehrt hätte, verzichtete er. Er wollte sich seine Vorräte aufsparen. Eine Mahlzeit am Tag ist genug, sagte er sich.

 

Außerdem war ihm klar, dass sein Geld bald aufgebraucht sein würde und er dann gezwungen wäre, sich selbst zu ernähren. Aber wovon? Hasen fangen und verspeisen? Regenwürmer essen? Von Blaubeeren und Sauerampfer leben? Bucheckern knacken? Vogeleier rauben? Und im Winter, wenn der Schnee einen Meter hoch liegen würde – wie sollte er da zurechtkommen, ohne zu verhungern? Und woher bekomme ich Vitamine? überlegt er. Schreckensbilder von Zahnausfall, Sehschwäche und rissiger Lederhaut jagten ihm Ängste ein.

 

Die Stunden bis zum Abend verbrachte er mit einem Sonnenbad und auf der Suche nach Pilzen. Die Ausbeute, die er nach einem Rundlauf von mehreren Kilometern mitbrachte: vier Maronen und einen Pfifferling. Das waren die einzigen Sorten, die er kannte. Roland legte sie zum Trocknen aus und beschloss, sich von der Hälfte davon und von zwei Eiern am nächsten Tag ein Essen zu braten. Er freute sich darauf, dabei die Pfanne einzuweihen, für die er sechs Euro und fünfzig Cent ausgegeben hatte.

 

Kurz nachdem es schal zu dämmern anfing – das war an diesem letzten Tag im September gegen neunzehn Uhr – lief er runter ins Tal und von dort querfeldein zu der Stelle, an der er den Eisenhaken versteckt hatte. Für die anschließende Strecke bis zum Container-Häuschen, die er im Dauerlauf zurücklegte, brauchte er knappe fünf Minuten. Es war fast dunkel, als er dort ankam, denn dunkle Wolken waren aufgekommen. Der matt schimmernde Halbmond quetschte sich, zugedeckt wie mit einem doppelt gefaltetem Tuch, durch die tief hängenden, walfischgrauen Schwaden. Hoffentlich fängt es nicht zu regnen an, dachte er. Dann ist der Transport der Werkzeuge noch beschwerlicher. Bevor Roland das Vorhänge-Schloss aufhebelte, schaute er sich mehrmals nach allen Seiten um. Er sah niemanden und er hörte niemanden. Kein Hund bellte, kein Fahrzeugmotor brummte. Dem Ruck des Eisens, das er mit ganzer Kraft von seinem Körper wegstieß, folgte ein lauter Knall auf dem Blech. Erst beim vierten Versuch – jedes Mal begleitet von quietschendem, rasselndem Lärm – sprang der Bügel des Schlosses auf.

 

Im Inneren des Raumes konnte Roland nicht seine Hand vor Augen sehen. Der Geruch von Rost und Gummi schlug ihm entgegen. Er stieß mit der Fußspitze gegen ein Vierkantholz, das auf dem Boden lag. Erst als er das Feuerzeug anzündete und damit einzelne Abschnitte der Wände ausleuchtete, erkannt er, wonach er suchte. Er wählte eine Spitzhacke aus, einen Spaten, eine Schaufel, eine Hacke, die von den Arbeitern zum Einpflanzen von Setzlingen benutzt wurde, eine Axt und eine Säge. Das alles warf er sich über die linke Schulter. Verschiedene Kleidungsstücke, die auf mehreren Haken an der Wand hingen, schleuderte er über die Werkzeuge. In die Taschen seiner Jacke steckte er jeweils einen kleinen Karton mit Nägeln. Eine Bank klemmte er sich unter den rechten Arm. Die anderen Werkzeuge, die in einer aufgeklappten Kiste lagen, und weitere nützliche Dinge, die wollte er bei seiner nächsten Tour wegschleppen – noch in dieser Nacht. Roland rechnete sich aus, dass er noch mindestens zwei Mal zwischen dem Container und dem Standort seiner Behausung hin- und herlaufen würde, bevor er alle Gegenstände weggeschafft hatte, die er gebrauchen konnte. Den Abtransport des Ofens, den er unbedingt brauchte, den plante er für die kommende Nacht.

 

Und so, wie er es sich vorgenommen hatte, so präzise führte er seine Beutezüge hintereinander aus. Kaum hatte er, völlig außer Atem, die Geräte und Kleidungsstücke vor seinem Unterstand abgelegt und die Bank daneben gestellt, machte er sich wieder auf den etwa zwei Kilometer langen Weg zurück zum Container und lud sich auf, was ihm nützlich erschien: einen Regenmantel aus Segeltuch, ein Paar Bergstiefel, die ihm zwei Nummern zu groß waren, ein Paar ungefütterte Arbeitshandschuhe, in die seine Hände zweimal hineinpassten, einen Schlapphut aus Filz, eine Blechkanne, einen Dosenöffner, einen Heber für Kronenkork-Verschlüsse, einen Beutel mit Dutzenden von Teelichten und drei leere Joghurtbecher. Außerdem nahm er weitere Werkzeuge mit; darunter einen Fuchsschwanz einen Schraubenzieher, ein Stecheisen, einen Handbohrer, eine Rolle Draht, Isolierband, eine Kneifzange, ein Gärtnermesser, eine Sichel, eine Tüte mit Schrauben und vier Scharniere. Schwer bepackt wie ein überdimensionaler Maulesel, der träge schwankend dahintrottete, verschwand er wieder in der Dunkelheit – einen Tisch, den er, mit der Unterseite der Platte auf den Kopf gesetzt, als Trageplattform für eine schwere Plastiktüte nutzte, in der linken Hand ein Tischbein, in der rechten zwei prall gefüllte Tüten.

 

Nach diesem Gewaltmarsch, der ihn an den Rand eines Zusammenbruchs führte, den er in großer Eile hinter sich brachte, weil er im heraufziehenden Morgenlicht die Entdeckung seines Diebstahls befürchtete, hatte er den Schuppen beinahe vollständig leergeräumt; bis auf den Ofen.

 

In letzter Minute – die Sonne war mit dem oberen Teil ihres Bogens bereits höher gezogen als die Bergränder – erreichte er die Wildnis des Waldes unter den kürzer werdenden Schatten der sich auflösenden Nacht. Roland fand nicht mehr die Kraft, sein Beutegut in Reih und Glied abzulegen. Er warf es ins Gras zu den anderen Dingen, kroch vor Erschöpfung taumelnd in seinen Unterstand und ließ sich fallen.

 

Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, den ganzen Container hier herauf zu schleppen mitten auf die Lichtung – irgendwie, dachte er. Dann hätte ich den Weg nur einmal machen müssen und zugleich ein wetterfestes, heizbares Haus gehabt. Aber ihm war klar, dass seine Muskelkraft allein dazu nicht imstande gewesen wäre.

 

Er hüpfte, er tanzte,

er segelte wie ein Skispringer

und landete krachend

vor dem Stamm

einer mächtigen Fichte.

 

 

 

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922226
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437705
Schlagworte
tage ewigkeit

Autor

Zurück

Titel: Die Tage und die Ewigkeit