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2 x Weltgericht

2018 145 Seiten

Leseprobe

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2 x Weltgericht

Copyright

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2 x Weltgericht

von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 145 Taschenbuchseiten.

 

Es war vier Wochen her, daß Ferdinand Vandenberg einen seltsamen Traum gehabt hatte. Doch da Träume meistens etwas Seltsames an sich haben, vergaß er den Ruf des Phantasiegebildes und ging seinen täglichen Verpflichtungen nach.

Bis zum 14. März 1985.

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Es war vier Wochen her, daß Ferdinand Vandenberg einen seltsamen Traum gehabt hatte. Doch da Träume meistens etwas Seltsames an sich haben, vergaß er den Ruf des Phantasiegebildes und ging seinen täglichen Verpflichtungen nach.

Bis zum 14. März 1985.

In der Nacht vom 14. auf den 15. erschien Klooms zum zweitenmal. Sein Bild ließ nicht mehr als zwei Augen erkennen. Dadurch blieb es hinter der visuellen Deutlichkeit normaler Träume zurück. Aber Klooms machte diesen Nachteil wett, indem er seinen Namen nannte.

Seltsam – dachte Vandenberg während des Frühstücks. Ich sah nur zwei Augen. Sie können ebensogut einem Affen wie einem Menschen gehört haben. Aber er heißt Klooms. Und wer sich selbst vorstellt, dürfte ein Mensch sein.

„Ist dir nicht gut?“ fragte Corinna.

„Wieso, Liebling?“

„Weil du heute die Zeitung auf dem Kopf liest.“

„Entschuldige! Ich dachte an etwas anderes.“

„Denke lieber an den Kaffee, bevor er kalt wird.“

Ferdinand Vandenberg nahm einen Schluck und drehte die Zeitung um.

In den Alpen war ein Segelflugzeug gegen eine Bergwand geflogen und abgestürzt. In Florida hatte ein Hurrikan Verwüstungen angerichtet. Die Volkswagenwerke brachten einen neuen Flug-Wassergleiter heraus.

Er zeigte seiner Frau das Foto.

„Die Aktien sollen demnächst gesplittet werden. Wir könnten drei Anteile ohne Verlust verkaufen. Die andere Hälfte bringt der alte Wagen ein.“

„Ein neues Auto?“

Corinna schwärmte für Autos. Aber diesmal würde sie die Farbe bestimmen wollen.

„Ich weiß“, meinte Vandenberg lächelnd, stand auf und ging in die Garderobe, um seinen Mantel zu holen. „Ein tiefes, leuchtendes Rot.“

„So ungefähr“, sagte sie und gab ihm den Abschiedskuß.

 

 

2

Vandenberg drückte auf den Knopf. Die Garagentür glitt unter das Dach. Von draußen fiel die helle Morgensonne herein. Der Frühling machte bereits erfolgreiche Versuche, sich mit dem Winter zu messen. Ferdinand klappte die Sonnenblende herunter, setzte sich am Steuer zurecht und schlug seinen Terminkalender auf.

15. März 1985.

Anmeldung bei Beckmann & Co. für neun Uhr dreißig. Beckmann jr. war ein aufgeschlossener Mann, dem man nicht erst klarzumachen brauchte, daß eine gute Werbung den Umsatz hebt. Beckmann jr. wußte es selbst. Vandenberg sah zufrieden auf seine Notiz, die ihm für diesen sonnigen Vormittag ein Geschäft von über mehr als dreitausend Mark verhieß. Und das nur die reine Provision!

Er ließ den Motor an. Der Flug-VW rollte auf die Straße. Die Garagentür schloß sich automatisch.

Minuten später erreichte Vandenberg die nächste Start- und Landestraße. Rotlicht zwang ihn, die Fahrt zu drosseln, damit der Vordermann ungehindert abheben konnte. Dann kam das Grün für ihn. Eine Robotanlage forderte ihn durch Lautsprecher auf, sofort auf einhundertzehn km zu beschleunigen. Zwei Hilfstragflächen wuchsen aus den Seiten des Wagens, und eine selbsttätige Kupplung stellte den Motor auf Düsenantrieb um.

Vandenberg flog fünfzehn Kilometer. Er mußte sich also sofort auf die Landung konzentrieren. Doch er hatte mit diesem einen Sprung den gesamten Großstadtverkehr überwunden. Auf der Erde hätte er für die gleiche Strecke fast zwei Stunden gebraucht.

Das Büro von Beckmann & Co. lag im Norden von München.

Neun Uhr zwanzig.

Er würde pünktlich sein. Dreitausend Mark Provision.

Beckmann Juniors Gesicht stand vor Vandenberg wie eine Vision des Erfolgs. Er sah dieses Gesicht noch, als die Gedanken längst aus seiner Kontrolle geraten waren. Die Straße nach Karlsfeld hatte nichts Hypnotisches an sich. Trotzdem war Vandenberg links abgebogen, während er sich nach rechts hätte halten müssen, um Beckmanns Büro zu erreichen.

Er schien völlig gleichgültig, als er seinen Irrtum bemerkte. Er sah nicht einmal auf die Uhr, die auf neun Uhr dreißig stand. Er ließ den Wagen zwei Kilometer weiterlaufen und hielt weit hinter den letzten Häusern der Vorstadt. Zu beiden Seiten der Straße standen Apfelbäume, die auf ihre Blüte warteten. Dahinter lagen eingezäunte Wiesen. Vor ihm begann der Wald.

Er hielt an und stieg aus.

Ferdinand Vandenberg war allein. Niemand sah das Fieber in seinen Augen. Das Wundern, das Entsinnen. Und das Mißtrauen. Er blickte sich um und suchte nach Spuren.

Klooms, dachte er. Klooms hatte ihm diese Lichtung gezeigt. Doch nichts in der Umgebung wollte ihm bestätigen, daß sein Traum einen Sinn gehabt hatte. Hier existierte kein Wesen, dessen Merkmale zwei dunkle Augen waren.

Erst jetzt sah Vandenberg auf die Uhr. Der Termin bei Beckmann & Co. war seit vierzig Minuten verstrichen – dreitausend Mark Provision!

Er jagte mit Höchstgeschwindigkeit zurück. Doch Beckmann jr. hatte den Auftrag bereits der Konkurrenz erteilt. Beckmann jr. erwähnte, daß im Herbst auch für Vandenberg wieder alle Möglichkeiten offenständen. Aber das war im Augenblick ein schlechter Trost.

 

 

3  

Das Leben ging weiter. Vandenberg mußte hart arbeiten, um den Versager bei Beckmann wiedergutzumachen. Und die Arbeit half ihm, den Haß auf Klooms zu vergessen.

Am 23. März machte er nach wechselnden Verkaufserfolgen ein Geschäft, das das Beckmann-Geschäft noch übertraf. Am Abend brachte er eine Flasche Sekt mit nach Hause. Es würden zwei gemütliche Stunden mit Corinna.

Das psychische Hoch hielt sich noch weitere drei Wochen. Dann kam die Vergangenheit zu Ferdinand Vandenberg zurück. Die Nacht zum 12. April war zu kurz, um die Fülle eines Lebens ausschöpfen zu können. Aber sie reichte aus, Änderungen herbeizuführen, die nicht weniger bedeuteten.

Er träumte mit einer Deutlichkeit, daß er sich sogar des Traumes bewußt wurde. Er zweifelte nicht daran, im Bett zu liegen. Er zweifelte nicht, daß es Nacht war. Und doch sah er die Schneise und die Waldlichtung.

„Kommen Sie, Vandenberg! Kommen Sie sofort!“

Zwei Augen standen in der Nacht.

„Klooms!“

Der Schock ließ das Bild zerspringen. Ferdinand war wach. Er spürte die vertrauten vier Wände des Zimmers. Er hörte Corinnas Atemzüge.

 

„Kommen Sie, Vandenberg!“

Er zögerte keinen Augenblick. Er schlich sich aus dem Zimmer, kleidete sich an und ging in die Garage. „Kommen Sie sofort!“

„Keine Sorge, mein Freund. Diesmal tu ich’s! Und es wird endgültig aufhören mit dem Spuk …“ Er griff ins Handschuhfach und entnahm ihm eine sechsschüssige Leicester-Pistole 0,45. Sie war geladen und gesichert. Vandenberg ließ sie in die innere Rocktasche gleiten. Dann prüfte er den Handscheinwerfer. Auch er war betriebsfertig. Das Garagentor schwenkte hoch. Der Wagen rollte auf die Straße.

Start von der Süd-Ost-Bahn. Ein paar Flugminuten. Landung. Wieder dunkle Straßen. Dann Vorstadt, die letzten Häuser. Ein flüchtiger Gedanke an Beckmann & Co. Apfelbäume. Die Wiesen, der Wald.

Die Scheinwerfer des Wagens starrten alte Buchen an und tasteten ins Unterholz. Der Suchscheinwerfer auf dem Dach kreiste langsam. Vandenberg kroch in den Fond zurück, um sicherer zu sein. Von dort blickte er hinaus.

Nichts rührte sich.

Vandenbergs Geduld reichte nicht viel länger als fünf Minuten. Dann sprang er hinaus und stapfte durch das nasse Gras. Doch auch seine Taschenlampe entdeckte ihm nichts Ungewöhnliches, wie es der Traum verheißen hatte.

Er erinnerte sich daran, daß er Geschäftsmann und mit Kalkulationen vertraut war. Die Macht der Gewohnheit ließ ihn eine Bestandsaufnahme machen.

Der Anlaß zu dieser Expedition liegt außerhalb meines Erfahrungsbereiches. Ich müßte mich jetzt fürchten. Doch ich spüre keine Angst. Also glaube ich nicht an den Traum. Mein Unterbewußtsein hat nichts anderes auf der Lichtung erwartet, als ich tatsächlich angetroffen habe. Mein Glaube an Klooms’ Existenz konnte nur deshalb wirksam werden, weil ich einen Sündenbock für das fehlgeschlagene Geschäft mit Beckmann brauchte. –

Vandenberg zitterte etwas. Es war kalt. Er ging zum Wagen zurück, ließ den Motor an und fuhr ein Stück auf die Lichtung, um besser wenden zu können. Der Wagen stand bereits in Richtung der Straße. Warum fuhr er nicht weg?

Es fehlte noch etwas in der Inventur.

Dreimal war Klooms im Traum erschienen und hatte es schließlich fertiggebracht, Vandenberg auf diese Lichtung zu locken. Wenn es heute keine Erklärung gab, würde Klooms ihn weiter belästigen. Die Nächte würden zur Qual werden. Er würde nicht mehr arbeiten können.

Er fuhr bis dicht an die Straße. Dann stieg er aus und rannte zurück. Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er fand die Lichtung ohne Lampe. Und er hielt die Pistole in der Hand.

Sein Schuß fand ein vielfaches Echo. Er hatte horchen wollen, ob ein versteckter Lauscher sich durch eine Reflexbewegung verraten würde. Aber der Widerhall machte ihm jede Beobachtung unmöglich.

Dann bekam er plötzlich Leibschmerzen. Es war ein kurzes Stechen, das sich durch nichts angekündigt hatte. Während er an das Auto dachte, überfiel ihn ein Schwindel. Die Waldwiese unter seinen Füßen schien nachzugeben.

 

 

4

Im nächsten Augenblick war alles anders.

Angenehmes Licht. Es blendete ihn nicht, obgleich es aus der Dunkelheit kam.

„Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr Vandenberg.“

In den Augen lag etwas Vertrautes für Ferdinand. Aber das Gesicht war ihm fremd. Er tippte auf Klooms, wagte den Namen jedoch nicht auszusprechen. Er wollte nicht zugeben, daß der Traum zur Realität geworden war.

„Wer sind Sie?“

„Ich heiße Klooms. War das so schwer zu erraten? – Aber bitte, nehmen Sie doch Platz! Ich weiß, daß Sie ans Sitzen gewöhnt sind.“

Ferdinand wählte den nächsten Sessel.

Was für eine seltsame Redensart … Ich weiß, daß Sie ans Sitzen gewöhnt sind. Schließlich war er Vertreter und kein Büroangestellter. Andererseits … als Mensch liebte er Sessel. Die Bemerkung forderte seine Ironie heraus.

„Ihre Menschenkenntnis ist frappierend, Herr Klooms. Ich sitze tatsächlich gern.“

„Sie sollten Ihren Haß vergessen“, sagte der andere sanft.

„Jedem das Seine. Ich hasse Sie, und Sie bevormunden mich.“

„Tue ich das? Dann entschuldigen Sie bitte. Ich kenne mich in diesen Dingen weniger aus, als Sie meinen …“

„Was heißt das … in diesen Dingen?“

„Alles, was uns beide betrifft.“

Vandenberg war ratlos. Müde fiel er in die Lehne des Sessels zurück.

„Wenn Sie sich nicht auskennen, möchte ich wissen, wie wir den Knoten lösen sollen. Ich weiß gar nichts. Und das ist Ihnen bekannt. Ich kam Ihrer Einladung nur deshalb nach, weil ich endlich eine Aufklärung wünsche. Wie jeder vernünftige Mensch, habe ich von Traumdeuterei niemals viel gehalten, auch wenn der Inhalt unserer Träume seine psychische Ursache in unserem Tagleben findet. Der Hokuspokus, den Sie mit mir anstellen, dürfte außerdem über die private Sphäre eines Traumes hinausgehen. Sind Sie sich im klaren darüber, daß Sie mein individuelles Tabu verletzt haben?“

Klooms war unsicher, wenn er die Rolle in Demut und plötzlichem Schuldbewußtsein nicht absichtlich spielte. Er wählte einen ähnlichen Sessel, wie er ihn seinem Gast angeboten hatte.

„Ich werde Sie wahrscheinlich noch häufiger um Entschuldigung bitten müssen, Herr Vandenberg. Ich glaube, es gehört sich in Ihrer Gesellschaft, daß man seinen Gästen etwas anbietet. Nur bin ich schlecht vorbereitet …“ Klooms zuckte hilflos mit der Schulter. „Es mag Ihnen paradox vorkommen, wenn Sie bedenken, daß ich Sie seit Wochen erwarte. Aber es ist so. Ich lasse mich gern belehren, Herr Vandenberg.“

Der Gestalt gewordene Mann aus den Träumen machte eine Pause.

Vandenberg musterte das Zimmer.

Die glatten, unifarbenen Wände, die spärliche Dekoration durch einen grünen und einen grauen Teppich, die schlichten, unbequemen Sessel sowie der komische, niedrige Tisch wirkten bizarr und supermodern zugleich. Sie waren absolut fremdartig.

Vandenberg griff nach seiner Zigarettenschachtel und hielt sie Klooms hin. Der lehnte nervös und ein wenig erschrocken ab.

„Aber Sie haben nichts dagegen, wenn ich rauche?“

„Keineswegs, Herr Vandenberg. Ich möchte, daß Sie sich hier wie zu Hause fühlen.“

Trotz seines Unbehagens mußte Ferdinand lächeln. Die Situation war zu absurd, als daß man ernst bleiben konnte. Das Lächeln erstarb, als Klooms sich auf ihn stürzte und sein Feuerzeug ausblies.

„Zum Teufel, Herr …!“

„Entschuldigung, Herr Vandenberg. Ich habe wieder etwas falsch gemacht, nicht wahr? Ihr Feuer hat mich erschreckt. Ich bin empfindlich gegen offenes Feuer. Freilich, ich hätte mich erinnern müssen. Schließlich habe ich Sie oft genug rauchen sehen …“

Er ist verrückt, dachte Vandenberg. Wenn er sich in den Kopf gesetzt hat, mich hier festzuhalten … Ich muß auf der Hut sein.

„Haben Sie vielleicht einen Aschenbecher, Herr Klooms?“

Der Mann sprang auf und sah sich in ehrlicher Verzweiflung um. Dann griff er in die Tasche und legte eine runde Metallfolie auf den Tisch. „Wird das gehen?“

Ferdinands Verwunderung war nicht geringer. Er nickte aus lauter Höflichkeit. „Natürlich geht es.“ Dann warf er einen auffälligen Blick auf seine Armbanduhr.

„Meine Frau weiß nicht, daß ich das Haus verließ. Ich möchte unauffällig und vor allem pünktlich zurück sein. Sie verstehen. Selbst in einer harmonischen Ehe kann es zu Mißverständnissen führen, wenn sich der Gatte bei Nacht wegschleicht.“

Klooms versuchte in das Lächeln seines Gastes einzustimmen. Man sah ihm jedoch an, daß er absolut nichts verstand.

„Keine Sorge“, sagte er schließlich. „Sie werden pünktlich zu Hause sein.“

„Ich gebe Ihnen höchstens eine halbe Stunde“, entschied Ferdinand, um endlich eine Linie in das zerfahrene Gespräch zu bringen. „Wo bin ich?“

„In meinem Privathaus. Sie sind hier völlig sicher.“

„Daran habe ich bisher nicht gezweifelt“, log Vandenberg. „Aber wie kam ich hierher? Weshalb haben Sie mich nach Banditenart überfallen und wegschleppen lassen? Sie müssen eine gerissene Methode haben. Trotzdem werden Sie Spuren hinterlassen haben. Und in unserer Stadt findet man jede Stecknadel. Lassen Sie es nicht auf eine Vermißtenmeldung durch meine Frau ankommen.“

Klooms war wieder aufgestanden und ging durchs Zimmer. Es behagte ihm sichtlich, daß er seinen Sessel verlassen hatte.

„Sie müssen jetzt ganz objektiv denken, Herr Vandenberg.“

„Darauf können Sie sich verlassen.“

„Sagen Sie das nicht so leichtfertig“, wehrte Klooms ab. „Freilich, Ihre Chancen stehen im Verhältnis zur menschlichen Durchschnittsmentalität nicht schlecht. Schließlich habe ich Sie unter einigen hunderttausend getesteten Personen als besonders geeignet herausgesucht. Dennoch sind die Erfolgschancen relativ unsicher. Mein Studium der menschlichen Psyche konnte immer nur ein Tasten bleiben. Sie sind nach wie vor eine Unbekannte in meiner Rechnung.“

„Wenn Sie in dieser Manier fortfahren“, unterbrach Ferdinand gereizt, „haben Sie mir bis morgen früh noch nicht klargemacht, worum es hier eigentlich geht.“

„Sie werden Tage brauchen, um es zu verstehen. Tage, Wochen oder Monate …“

Jetzt stand auch Ferdinand Vandenberg auf den Beinen.

„Jetzt ist Schluß. Ich gebe Ihnen zehn Minuten Zeit, mein Herr. Bis dahin haben Sie mir alles erklärt, oder ich gehe so nach Hause.“

„Ihre Ungeduld ist ein wesentliches Hindernis, mich Ihnen deutlich zu machen.“

„Sie halten meine Ungeduld also für vollkommen überflüssig?“

Klooms nickte.

„Einmal das. Und außerdem ist sie gefährlich. Sie beweist, daß Sie vom objektiven Denken weit entfernt sind. Sie setzen Ihre pünktliche Rückkehr und Ihre Abreise von hier in eine zeitliche Beziehung zueinander.“

„Allerdings! Und mit gutem Grund. Sie werden mich durch Ihre Spitzfindigkeiten nicht davon abbringen, pünktlich diesen Raum zu verlassen.“

„Ich bin untröstlich, es Ihnen nicht mit der notwendigen Schonung erklären zu können. Sie können nicht gehen.“

Vandenberg wuchs noch um einige Zentimeter. Er hielt plötzlich seine 0,45 Leicester in der Hand.

„Die nächste Kugel ist für Sie bestimmt, wenn Sie mir nicht sofort den Ausgang zeigen.“

„Meine Türen stehen Ihnen offen. Doch keine davon führt zu Ihrer Frau. Ihre größte Dummheit wäre jetzt, mich zu erschießen. Ich allein weiß, wie Sie hergekommen sind. Ich allein kann Sie zurückbringen. Denken Sie einmal makrokosmisch akausal, Herr Vandenberg. Versuchen Sie es! Und alles, was Sie hier erwartet, wird Ihnen verständlich erscheinen und seinen Schrecken für Sie verlieren.“

„Ich will in fünf Minuten zu Hause sein. Meine Frau erwartet …“

„Ihre Frau erwartet Sie morgen. Oder erst nächste Woche, oder in zwei, drei Jahren. Jede beliebige Zeitspanne stimmt. Sie können es sich aussuchen, solange Sie mein Freund sind.“

Die Erpressung eines Wahnsinnigen!

Vandenberg fühlte die Versuchung, den Finger zu krümmen und diesem Spuk mit Gewalt ein Ende zu machen. Dahinter stand die eigene Hilflosigkeit. Er wußte, daß er ohne Klooms’ Beistand die Lichtung und seinen Wagen niemals würde erreichen können. Diese superpsychische Strapaze ging über seine Kräfte. Seine Stirn glänzte im Angstschweiß.

„Bin ich tot?“

„Nein, Herr.“

„Was bin ich dann?“

„Sie kennen den Sirius?“

„Eine amerikanische Automarke …“

Klooms überwand sein Erstaunen. „Sirius ist ein Stern im Großen Hund, wenn ich mich in Ihrer Terminologie ausdrücken darf. Dieses Haus steht auf Sirius VII, Herr Vandenberg.“

Klooms hatte sich seit langem vorgenommen, es ihm schonend beizubringen. Doch die Menschen schienen in entscheidenden Dingen begriffsstutzig zu sein, auch wenn es sich um durchaus leichtverständliche Zusammenhänge handelte.

„Sie sind der Herr vom anderen Stern. Sie sind ein Monstrum, nicht wahr?“ meinte Vandenberg unbeeindruckt und beinahe belustigt. „Nur wirkt ein Monstrum in Menschengestalt nicht monströs genug.“

„Was verlangen Sie?“

„Etwas Häßliches! Etwas grausam Widerwärtiges. Sie hätten sich etwas anderes einfallen lassen sollen, Herr Klooms.“

„Genügen Ihnen diese Hände?“

Vandenberg erstarrte. Zum erstenmal bemühte er sich, das Gespenst aus seinen Träumen kritischer zu betrachten. Der runde, kahle Kopf, das asketische Gesicht mit einer starken und spitzen Nase – das alles wirkte zu der durchaus zivilisierten Kleidung eines Europäers passend. Klooms konnte einfach nichts anderes als ein Mensch aus Brüssel, Prag oder München sein!

So dachte Ferdinand Vandenberg, bis er die Hände sah.

Die Hände hatten vier Finger. Jeder Finger bestand aus fünf Gelenken. Und jede Fingerkappe endete in einer hornigen, pyramidenförmigen Spitze.

 

 

5

Er wollte weglaufen und kam bis zur Tür. Hier vermißte er Klinken und Knöpfe. Die Tür ließ sich nicht aufstoßen und nicht beiseite schieben.

Er fuhr herum, drückte den Rücken gegen die Wand und starrte keuchend auf Klooms. Der andere blieb bewegungslos.

Gefangen! Ich muß hier heraus!

Klooms zog sich in den Hintergrund des Raumes zurück und machte sich in einer Nische zu schaffen. Die Tür wich nach unten und gab einen Gang frei.

„Sie können gehen, Herr Vandenberg“, sagte Klooms mit trauriger Stimme. „Meine Türen lasse ich offen … Für den Fall, daß Sie es sich anders überlegen.“

Vandenberg hörte die Worte nicht. Er sah nur das Loch in der Wand, das der Ausweg sein mußte. Er stürzte hindurch, lief über den langen Gang, fand ein zweites Loch und stand unter einem nächtlichen Himmel.

Vor ihm leuchtete ein Licht. Er konnte seine Entfernung nicht bestimmen. Er wußte nur, daß es grün war und unter dem schwach erkennbaren Horizont lag.

Er drehte sich um. Aber Klooms folgte ihm nicht. Nur die offene Tür ließ einen scharf begrenzten Lichtkegel ins Dunkel fallen. Die Straße bestand aus glattem Beton.

Er stolperte weiter. Mit unkontrollierten Gedanken. Es gelang ihm nicht, seine Lage zu analysieren. Er hatte auch gar nicht den Ehrgeiz. Es genügte ihm, daß der Schock seine Wirkung verlor und ein großes Wundern zurückließ.

Beton und eine Straße. Ein Himmel und Sterne.

Das war irdisch.

Er ging auf das grüne Licht zu. Sein Schritt wurde sicherer. Er wagte sogar, wieder zu denken.

Schade, daß das Licht grün war. Wäre es blau gewesen, hätte es auf eine Polizeiwache hindeuten können. Und Klooms’ nächster Besucher mußte die Polizei sein, wenn dieser Apostel des Wahnsinns nicht weiteres Unheil anrichten sollte.

Wer vor einen erwachsenen Menschen hintritt und sagt: „Wir befinden uns auf Sirius VII“, der gehört unter die Aufsicht des Staates. Wer sich die Hände bandagiert, künstliche Fingerkappen trägt und damit das Monstrum aus dem Weltall spielt, gehört unter die Aufsicht des Staates. Wer sich hypnotischer Mittel bedient und rechtschaffene Bürger in ihrer privaten Sphäre belästigt, gehört unter die Aufsicht des Staates.

Das Licht war grün.

Es war zu lange grün, um freie Fahrt an einer Verkehrsampel zu bedeuten. Es war auch zu hell, um als ein vertrautes Grün zu gelten. Es war ein monströses Grün.

Vandenbergs Fuß schien plötzlich am Beton der Straße zu kleben.

Bis zu dem grünen Licht war es noch weit, und Vandenberg fragte sich, ob er es jemals erreichen würde.

„Ich will nach Hause!“ schrie es aus ihm heraus.

Die Antwort war ein Rumoren nie gehörter Stimmen und ein Druck gegen seine Stirn. Plötzlich war hektisches Leben um ihn. Lichtkegel schossen auf ihn zu und blendeten ihn. Kühles, rauhes Fleisch faßte nach seinem Gesicht und drückte ihn auf die Straße. Sein Kopf schlug hart auf. Seine Finger fühlten den Beton, der glatt wie ein Spiegel war. Da rannte er weg.

Klooms offene Tür zeichnete noch immer den scharfen Lichtkegel in die Nacht. Vandenberg wählte instinktiv diesen Weg, denn es war der einzige, den er kannte.

 

 

6  

Die Türen schlugen hinter ihm zu.

„Ich sagte ja, daß Sie zurückkommen würden.“

Klooms redete wie ein Mensch. In seiner Stimme lag Genugtuung. Doch Vandenberg hörte ihn nicht. Die Erinnerung an das Ekelhafte machte ihn klein, schwach und wehrlos. Allein Klooms und sein Zimmer schienen in dieser feindlichen Welt einen Schutz bieten zu können.

„Sie haben in mir den Teufel gesehen, Vandenberg. Aber draußen war alles noch teuflischer. Ihre Entscheidung für das kleinere Übel stellt Sie auf eine beträchtliche Intelligenzstufe. Ich habe die Hoffnung, daß wir uns eines Tages gegenseitig verstehen werden.“

Ferdinand Vandenberg saß in einem der unbequemen großen Sessel. Den Kopf hatte er tief zwischen die Schultern gezogen. Er dachte an Corinna und an den Wecker, der bald klingeln würde. Doch er sprach diesen Gedanken nicht aus. Das Problem der pünktlichen Rückkehr war plötzlich unbedeutend geworden. Es gab ein größeres.

„Ich habe Angst, Klooms!“

„Ich kenne die Angst“, versicherte Klooms. „Es ist beruhigend, daß auch Sie sie kennen. Gemeinsame Mentalität verbindet …“

Auch jetzt schien der Mensch nicht zuzuhören.

„Ich habe Durst. Geben Sie mir etwas zu trinken.“

Klooms verschwand aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit einem gefüllten Becher zurück. Schon mit den Lippen schmeckte sein Gast, daß das Getränk hochprozentig wie Apothekerware war.

„Es muß Wasser dazu. So ist es ungenießbar für mich. Nehmen Sie fünfzig Prozent.“

Klooms mixte das Getränk. Seine Freude war ehrlich, als Vandenberg es mit Behagen genoß.

„Sie sprechen meine Sprache sehr gut“, stellte Vandenberg nach einer Pause fest.

„Ich habe sie erlernt.“

„Waren Sie auf der Erde?“

Klooms schüttelte den mageren schlanken Kopf. „Ich habe Sie studiert. Von hier aus. Es genügten vier Gedankenbesuche.“

„Dann sind Sie ein Genie im Vergleich zu uns. Ein Mensch lernt nicht so schnell.“

„Auch ein Sirianer nicht. Aber es gibt Ausnahmen. Und Apparate. Ich bin Wissenschaftler und vielleicht der neugierigste Sirianer, den es gibt. Ich bin der einzige auf diesem Planeten, der Ihre Sprache versteht. Doch Sie können die unsere erlernen.“

„Ich?“

„Natürlich auch mit Hilfe von Apparaten. Ihr Intelligenz-Quotient ist ausreichend dafür. Sie können sich dann ungeniert in unserer Zivilisation bewegen.“

„Ist das erforderlich? Wäre es nicht besser, Sie bringen mich auf meine Lichtung zurück? Ich kann mich nur langsam an Ihre Existenz gewöhnen. Und ich stehe Ihnen später immer wieder zur Verfügung.“

„Ihr Vertrauen zur Relativität ist noch immer sehr gering, Herr Vandenberg. Ich sagte doch, daß Sie auf jeden Fall pünktlich zurückkehren werden. Bei einer Entfernung von acht Lichtjahren kann man der Zeit schon ein Schnippchen schlagen. Ich werde Sie in demselben Augenblick nach Terra bringen, in dem Sie die Lichtung verließen. Sie versäumen also nichts, auch wenn Sie sich Jahre bei uns aufhalten.“

„Ich würde älter werden, Klooms“, gab Vandenberg zu bedenken.

 

 

7

Theerex hatte lange an der Mauer gelehnt und in den Himmel gestarrt. Der Himmel war blau und wolkenlos. Ein paar ferne Punkte irrten darüber hin. Schwarz wie Fliegen auf einer Fensterscheibe. Theerex dachte nicht so weit, daß es sich um Flugkörper handelte, die irgendwelche Sirianer an irgendein Ziel brachten. Wenn er überhaupt an etwas Gegenwärtiges dachte, so war es die Mauer.

Die Mauer, die zwei einander gegenüberliegende Punkte des Horizonts miteinander zu verbinden schien. Die ein Stück vom Himmel abschnitt. Wie eine geometrische Sehne. Der Himmel war nur halb. Die Mauer hatte ein Stück von ihm weggenommen.

Was Theerex nicht sah, schien für ihn verloren zu sein. Wie das fehlende Stück Himmel. Und wie Threesa, die seit vier Jahren nicht mehr da war. Und wie die Stadt, der Garten und das Haus – die auch nicht mehr da waren. Seit vier Jahren.

Zwei Fliegen auf der Scheibe verschwanden im Dunst. Eine dritte wurde größer. Theerex sah, wie die Maschine auf der nächsten Betonpiste niederging und in ein Loch rollte. Dann kam ein Mann heraus und stapfte durch den braunen Sand heran.

Seltsam, daß er sich diese Mühe machte! Warum ging einer zu Fuß, der über eine solche schnittige Maschine verfügte? Sein Geld mußte auch noch zu einem Gleiter reichen.

Und erst das gelbe Dreieck auf der Schulter!

Dieser Herr war eine offizielle Person. Theerex spürte Kälte im Nacken. Von offiziellen Personen hatte er genug. Vier Jahre lang hatten sie ihn gehindert, glücklich zu sein.

„Ich grüße Coold, der ewig lebt“, sagte der Fremde und legte die Hand an die Stirn.

„Ich grüße Coold, der ewig lebt“, antwortete Theerex gehorsam und legte beide Hände an die Stirn. Beide Hände zu nehmen, war das Privileg des kleinen Mannes, der doppelt diente, doppelt treu und doppelt Untertan dem Herrscher war. Zwei Hände an der Stirn bedeuteten Unterwerfung, eine dagegen die Konzession des Edlen an ein Gesetz, das ihm die Freiheit gewährte.

„Du heißt Theerex?“

„Ja, Herr.“

„Ich heiße Klooms.“

„Du ehrst mich mit deinem Namen, Herr.“

„Vor Stunden habe ich dich beobachtet. Jetzt stehst du immer noch hier. Hast du nichts Besseres zu tun?“

„Verzeihung, Herr! Ich bin ein Entlassener. Ich war zu Haus, aber keiner weiß, wo Threesa ist. Alle sagen, sie hätten Threesa nicht gekannt. Und es ist auch keiner da, der mich erkennen will. Und mein Haus habe mir nie gehört. Ich bin vor die Mauer gegangen, bevor sie mich totschlugen …“

„Man schlägt keinen tot! Hüte deine Zunge, Theerex! Oder hast du vergessen, daß jede Behauptung zu beweisen ist? Ich könnte dich in die Stadt mitnehmen, zu dem Haus gehen, das angeblich deins war, und verlangen, daß du mir den Mann zeigst, der dich totschlagen wollte.“

Theerex sah Klooms furchtlos an.

„Ich fürchte kein Gericht, Herr!“

„Solltest du also im Recht sein?“

„Ob Recht oder Unrecht, das ist mir gleichgültig, Herr. Ich ging vor die Mauer, um die Wüste zu finden. Die Wüste wird mich fressen, und wir beide werden keinen Hunger mehr haben.“

Klooms zog die Augenbrauen hoch.

„Wer den Tod sucht, der ist schlecht zu bestrafen. Es sei denn, man hindert ihn am Sterben. Ich werde dich bestrafen.“

„Irgendwann werde ich es schaffen, Herr. In ein paar Tagen … Wer den Tod sucht, der läßt sich nicht hindern.“

Klooms’ Staunen verschwand und machte einem friedfertigen Lächeln Platz. „Du hast mich neugierig gemacht, Theerex. Komm mit! Wir machen ein Experiment.“

„Ich bin nicht sehr zuverlässig, Herr. Du kennst meine Einstellung zum Leben.“

„Ich kenne sie besser als du. Warten wir ein paar Tage! Dann wirst du mir sagen, wer recht hatte.“

Klooms und Theerex gingen durch den braunen Sand bis an das schwarze Loch. Aus dem unterirdischen Parkhangar glitt der Graviator.

„Steig ein!“ befahl Klooms. Theerex gehorchte, und sie starteten nach der Stadt. Sie begann gleich hinter der Mauer, doch sie mußten trotzdem mehrere Minuten fliegen, ehe sie die Gegend erreichten, in der Theerex angab, gewohnt zu haben. Es war keineswegs ein armseliger Stadtteil. Der „Entlassene“ stammte aus einer Gesellschaftsschicht, die über dem sozialen Durchschnitt lag.

„Welchen Beruf hast du?“ fragte Klooms.

„Ich war Volksordner.“

„Du bist es noch. Bis zu deinem Tode. Man kann seinen Beruf nicht aufgeben. Warum hast du dich noch nicht in deiner Dienststelle gemeldet?“

„Ich habe es getan. Man kann mich nicht mehr gebrauchen.“

„Laß deine Lügen nicht Coold zu Ohren kommen! Man braucht jeden bei uns. Was ist also die Wahrheit?“

„Ich ging nach der Entlassung zu Poolar …“

„Wer ist das?“

„Ein Ordnungs-Offizier. Mein alter Vorgesetzter. Er erkannte mich nicht und prüfte meine Papiere, als sei ich ein Fremder. Dann sagte er, ich müsse mich geirrt haben. Ich ging also weg. Threesa ist verschwunden, mein Haus gehört mir nicht mehr, und ich bin auch kein Volksordner mehr.“

„Wenn du solchen Widersprüchen begegnet bist, hättest du ins Hospital zurückkehren und dich beschweren müssen. Die Chirurgen sind verpflichtet, dich in dein altes Amt zurückzuführen.“

„Verzeihung, Herr! Einen solchen Fall hat es noch nicht gegeben. Die Chirurgen wissen bestimmt keinen Rat.“

„Wieso bist du so sicher?“

„Ich habe vier Jahre lang gesehen, wie die anderen entlassen wurden. Keiner kam zurück, um sich Rat und Hilfe zu holen. – Dort drüben, der weiße Block, das ist mein Haus und mein Garten.“

„Eine große Besitzung!“ lobte Klooms. „Wie ist die Adresse?“

„Feld neuntausendsiebenhundertfünfundfünfzig, Block vierunddreißig akr. Ich würde nicht weiter hinuntergehen, Herr. Es hat keinen Sinn. Der Mann, der jetzt dort wohnt, ist ein Staatsflieger.“

„Danke! Es genügt mir. Ich will es nicht auf eine Gegenüberstellung ankommen lassen. Du wolltest sterben, wenn ich dich richtig verstanden habe. Wenn ich dich strafen will, darf ich dich also nicht mit dem Tode bedrohen.“

Klooms erntete einen mißtrauischen Blick von der Seite. Theerex war ein undurchsichtiger Mann. Er gab sich fatalistisch und deprimiert, doch in diesem Verzicht lag eine paradoxe Entschlossenheit. Er war stark im Schwachsein.

Klooms wendete die Maschine und flog nach Norden. Die Ebene verlor sich in ein welliges Hügelland mit weiten, lichten Wäldern. Weit entfernt ragte ein Gebirge auf.

Zwischen den ausgedehnten grünen Flächen der Täler zogen sich Straßen hin. Vereinzelt führten Nebenwege zu prunkvollen Landsitzen, die inmitten gepflegter Parks lagen. Klooms landete.

„Hier wohne ich“, sagte er zu Theerex. „Ich werde dir für eine Nacht Asyl geben. Du sollst es so gemütlich haben, daß du für die nächsten Stunden keine Sehnsucht mehr nach dem Sterben hast.“

Klooms versprach damit nicht zu viel. Wenn Theerex sich auch nicht durch äußeren Reichtum beirren ließ, so fand er die neue Umgebung doch immerhin bemerkenswert. Roboter führten ihn auf sein Zimmer und brachten ihm neue Kleidung. Das lenkte ihn ab. Er dachte wirklich nicht mehr ans Sterben. Vorläufig jedenfalls nicht.

Das Haus hätte für eine Familie mit zehn Kindern gereicht. Doch Klooms war Junggeselle. Theerex zügelte seine Neugier. Er fand, daß es vielleicht doch gut war, wenn er noch lebte. Dieses Haus war groß, vornehm und geheimnisvoll. Aber nicht bedrohlich.

Theerex verzichtete darauf, das weite Haus zu untersuchen. Er fragte auch nicht nach Klooms, als es ihm in seinem Zimmer zu langweilig wurde. Er legte sich aufs Bett und starrte zur Decke. Einschlafen konnte er nicht, trotz seiner Müdigkeit.

Schließlich kam wieder ein Roboter, der sich draußen an der Tür höflich durch ein Klingelzeichen meldete.

„Herein!“ sagte Theerex.

Der Roboter erkundigte sich nach seinen Wünschen.

„Wenn ich etwas zu essen haben könnte … Und … kann man hier auch Sensipsych erleben?“

„Das Erlebnisgerät ist dort im Schrank eingebaut“, teilte der Roboter mit. „Ich zeige es dir, Herr.“

Theerex suchte sich nach einer Karte ein kleines Menü aus. Die Auswahl war reichhaltig wie in einem Gasthaus.

Als er gegessen hatte, war auch das Sensipsych aufgebaut. Er konnte sich wieder hinlegen und auf einem dreiteiligen Stereobildschirm eine große Auswahl von Unterhaltungssendungen genießen. Eine Psychostrahlung versetzte ihn dabei in eine Art Halbschlaf. Die Illusion war auf diese Weise vollkommen.

Im Unterhaltungstraum verlor sich der Sinn für die Zeit. Stundenlang hatte sich Theerex’ Bewußtsein unter Raumbanditen und kosmopolitischen Intriganten aufgehalten. Dann hatte ihn der Schlaf übermannt. Das Sensipsych schaltete sich automatisch aus, als sich die Gedanken des Zuschauers passivierten.

Theerex erwachte in der Abenddämmerung. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Er wußte nicht, was es gewesen war und wartete ab. Der Roboter wiederholte sein Klingeln.

„Ja, bitte!“ sagte Theerex und zog die Schlafdecke bis ans Kinn.

„Der Herr möchte dich sprechen, Herr!“

„Klooms?“

„Ja, Herr.“

„Ich komme in ein paar Minuten.“

Der Roboter nickte und blieb stehen.

„Warum gehst du nicht? Sage es ihm!“

„Ich werde dir helfen, dich anzukleiden.“

„Nicht nötig. Geh schon!“

„Ich werde draußen warten, Herr. Du kennst den Weg nicht.“

„Ach so! Natürlich.“

Theerex ließ sich zu Klooms führen. Durch einen langen schlichten Korridor ging es in einen blumengeschmückten Vorraum. Dann folgte ein Salon mit Glaswänden, hinter denen der große Park sichtbar wurde und durch den freien Blick mit dem Wohnraum ein architektonisches Ganzes wurde.

Klooms kam auf ihn zu und lud ihn ein, sich zu setzen.

„Du wirst geruht haben, Theerex. Wie fühlst du dich?“

„Danke! Es geht mir im Augenblick gut.“

„Also … keine Sehnsucht mehr nach dem Tode, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht. Mein altes Leben taugte nichts mehr. Es war reif zum Wegwerfen. Ein Leben, das ich dem Tode vorziehe, müßte wertvoller sein.“

Klooms sah ihn freundlich an. Dann griff er nach einem Blatt auf dem Tisch und reichte es seinem Gast. Es war das Bild einer Frau.

„Kennst du sie?“

Theerex verlor die Farbe aus dem Gesicht. Erregt griff er nach dem Foto.

„Das ist Threesa, Herr! Woher hast du das?“

„Ich habe es selbst aufgenommen. Vor einer Stunde etwa. Threesa befindet sich in dem Haus, das du dein eigen nanntest.“

Theerex war erregt aufgesprungen.

„Also siehst du, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Das Haus gehört mir. Threesa ist meine Frau. Und dieser Staatsflieger ist ein illegaler Eindringling. Warum komme ich nicht zu meinem Recht? Ich bin ein Bürger wie jeder andere. Wenn ich den Tod verabscheuen soll, muß ich wieder zu Threesa und in mein Haus gehen dürfen.“

„Von dir aus hast du recht …“

„Was heißt: Von mir aus? Ist das Recht nicht etwas, das für alle gleichzeitig und im selben Maße gelten muß? Wenn jeder sein eigenes Recht machen dürfte, könnte ich auch hingehen und diesen Staatsflieger töten. – Ich will das Recht für alle und damit mein eigenes.“

„Ich würde dir gern helfen. Aber wir haben den Widerspruch, Theerex.

Kirii lebt in deinem Haus und hat offenbar auch ein Recht dazu.“

„Kirii? Wer ist das? Der Staatsflieger?“

Klooms nickte. „Du hast mir dein Haus gezeigt, Theerex, und mich neugierig gemacht. Du hast mir von Threesa erzählt und deine vielen Ungereimtheiten, die dir kein Bürger abnehmen konnte. Wenn ich nicht sehr objektiv wäre, hätte ich dich gleich in das Hospital zurückschicken müssen.“

„Statt dessen, Herr, bist du in mein Haus gegangen und hast Threesa gesehen. Du hättest sie auch gleich nach mir fragen sollen. Dann wäre alles geklärt gewesen.“

„Ich machte einen Höflichkeitsbesuch und bin Kiriis Familie völlig unbekannt. Natürlich durfte ich mich nicht verdächtig machen und keine verfänglichen Fragen stellen. Ich wollte nur wissen, ob du die Wahrheit sagst.“

„Nun weißt du es also. Und wie soll es weitergehen?“

Klooms hob ratlos die Schulter.

„Ich habe in der positronischen Bürgerkartei nachsehen lassen. Kirii ist für dein Haus eingetragen. Er lebt dort frei seit zwei Jahren.“

„Frei? Natürlich! Denn er kann nicht mit Threesa verheiratet sein, weil ich es bin.“

„Darüber sagt die Kartei nichts.“

Theerex hatte sich wieder hingesetzt und krallte die Finger in die Lehnen seines Sessels. „Ich bin ein Entlassener, Flerr! Man kann die Vergangenheit nicht einfach ignorieren.“

„Man kann nicht nur, man muß sogar“, sagte Klooms. Aus seinem Gesicht war das Lächeln verschwunden. „Du mußt dich damit abfinden, Theerex. Wahrscheinlich hat man deine Strafe höher angesetzt. Man verweigert dir die Rückkehr in das alte Leben. Du kannst bei mir ein neues anfangen.“

„Das will ich nicht! Lieber sterbe ich! Du hast Threesa gesehen, Herr.“

„Eben. Das beweist, daß du die Wahrheit gesagt hast. Mehr brauche ich nicht, um dich in ein neues Leben einzuführen.“

„Ich will das neue Leben nicht.“

„Schlafe eine Nacht darüber! Warte noch etwas. Wir sprechen morgen noch einmal darüber. Bei mir bist du vorerst sicher.“

 

 

8

Dann kam die Nacht.

Klooms ließ sich durch den Sensipsych unterhalten. Er befand sich gerade auf einer Sportveranstaltung, bei der er selbst als der favorisierte 75-Kart-Läufer starten sollte, als ihn ein Roboter unterbrach.

Unwillig riß er sich den Kontaktreif von der Stirn.

„Weshalb störst du mich?“

„Es ist etwas Wichtiges geschehen, Herr.“

„Rede!“

„Theerex hat das Haus verlassen. Wir mußten ihm vorher einen Stadtplan zeigen.“

„Weißt du, was er gesucht hat?“

„Ein Haus in Feld neuntausendsiebenhundertfünfundfünfzig Block akr vierunddreißig.“

„Danke! Dann ist alles in Ordnung. Ich brauche dich nicht mehr.“

Der Roboter ging hinaus. Klooms stand auf und trat an den Schreibtisch. Dort wählte er eine Nummer am Video. Auf der Scheibe wurde ein kleines, altes Gesicht erkennbar.

„Zu deinem Dienst, Kaarno.“

„Was gibt es?“ fragte der andere.

„Theerex hat das Haus verlassen. Er wird zu Threesa gehen.“

„Das freut mich für dich. Gib mir Bescheid, wenn er zurückkommt.“

„Vielleicht kommt er nicht.“

„Warten wir es ab.“

 

 

9

Die Nacht war schwarz zwischen den Gärten. Die Lichter der fernen City warfen nur einen schwachen Schimmer an den Horizont. Theerex stand auf feuchtem Boden zwischen regennassen Sträuchern. Dicht vor ihm erhob sich eine Mauer. Er schätzte ihre Höhe ab. Im Sprung würde er den Rand erreichen können. Doch die Wand war glatt. Er mußte alle Kräfte konzentrieren und den Schwung des Anlaufs ausnutzen. Schräg auf die Ecke mußte er springen.

Mit dem rechten Fuß stieß er sich ab. Die rechte Hand erfaßte den Sims, die linke griff nach, seine Brust schlug gegen den Stein.

Er hing wie ein Toter an der Mauer, und seine Finger, die sein ganzes Gewicht tragen mußten, starben langsam ab.

Noch einmal konzentrierte er sich.

Es gelang. Kurz darauf lag sein Oberkörper auf der Mauer. Vorsichtig holte er die Beine nach und ließ sich auf der anderen Seite federnd herabfallen. Der Garten war ihm vertraut, als sei er gestern noch hier gewesen. Bei der turmhohen Schwertgerte erreichte er den Südbogen des äußeren Rundweges.

Der Rundweg führte an einem kleinen Zierteich vorbei. Nach einer Linksbiegung lag das Haus vor ihm. Die rückwärtige Terrasse stand offen. Bläuliches, etwas violett getöntes Licht drang aus dem Salon. Es war die Betriebsbeleuchtung für den Sensipsych.

Zwischen dem Weg und der Terrasse lagen zwei Steinstufen. Theerex nahm sie in alter Gewohnheit, ohne zu stolpern. Ungeniert trat er durch die offene Freitür. Aus der Botenecke löste sich ein Schatten und kam mit leisem metallischem Geräusch auf ihn zu.

„Kennst du mich, Robot?“

„Ja, Herr! Du bist Theerex.“

„Na, also“, atmete der Eindringling erleichtert auf.

„Sind Gäste im Haus?“ fragte Theerex.

„Nein, Herr.“

„Also ist Threesa allein?“

„Nein, Herr.“

„Beim ewigen Coold! Wer ist denn hier?“

„Der Herr und die Herrin.“

Ein Nadelstich hätte nicht stärker schmerzen können. Theerex spürte, daß er auch hier an den unüberwindlichen Widerspruch geraten war.

„Ach so, du meinst Kirii“, sagte er gedehnt. „Wer ist denn nun der Herr? Ich oder Kirii?“

Der Robot zögerte keinen Augenblick. „Du bist der Herr, und Kirii ist der Herr.“ Für das künstliche Wesen schien es keine Komplikationen in dieser Hinsicht zu geben.

„Danke“, murmelte Theerex und weilte mit den Gedanken schon woanders. „Du kannst in deine Ecke gehen. Die Nachtwache übernehme ich. Schalte dich ab! Vor morgen früh werde ich dich nicht brauchen.“

„Ja, Herr.“

Theerex sah dem Robot nach und wartete, bis dieser sich selbst abgeschaltet hatte. Erst dann ging er weiter in die entgegengesetzte Ecke des Salons.

Auf einer breiten Doppelliege erkannte er zwei Menschen. Threesa und einen Mann. Dem Mann war er nie begegnet. Es mußte Kirii sein.

Das Blut schoß in seinen Kopf. Dieses Gesicht mußte er sehen! Erregt drehte er sich um und griff nach dem Schalter. Dann zögerte er plötzlich und ließ die Hand sinken.

Nein, er wollte Kirii nicht sehen. Er wollte niemals dieses Gesicht erblicken, das nicht in dieses Haus, in diese Welt und in dieses Leben gehörte. Es mußte dunkel bleiben, und es würde genügen, wenn er die Hände nahm.

Er fühlte die Decke aus kühler Folie über dem Körper des Rivalen. Er fühlte das Kinn und den Hals.

Sekundenlang schien er in Trance zu leben. Dann erschreckte ihn etwas. Seine Hände zuckten zurück.

Er suchte Threesas Gesicht, das in der schwach blau-violetten Sensipsych-Beleuchtung blaß aussah. Trotzdem erkannte er es mit der gleichen Sicherheit, mit der er in seinen Garten und in sein Haus gekommen war. Threesa war nicht älter geworden. Sie war jung wie damals.

Ihre Augen waren geschlossen.

Er küßte sie. Ihre Lippen waren kalt.

Er legte die Hand auf ihre Stirn und bedeckte mit dem Zeigefinger ihre geschlossenen Augen.

„Threesa“, flüsterte er. Dann fühlte er den Stirnreif des Sensipsych-Gerätes, der noch kälter war als ihre Haut. Behutsam löste er den Metallstreifen, der die hochfrequenten Kontakte zu ihrem Gehirn vermittelte.

Sie schlug die Augen auf. Grün funkelte die Iris. Feucht, wie durch eine große Träne. Es mußte ein trauriges Programm gewesen sein.

Threesa hob den Kopf und sah ihn an.

„Liebe Threesa“, sagte Theerex zitternd und küßte ihre feuchten Augen. „Du bist mir nicht böse, daß ich dich gestört habe, Liebling? Ich konnte nicht so lange warten nach all dieser Zeit.“

Sie richtete sich auf und griff mit den vier kalten Fingern ihrer rechten Hand nach seiner Stirn.

„Es macht nichts, Theerex, daß du mich gestört hast. Trotzdem, war es so eilig, mich zu wecken? Du warst früher rücksichtsvoller.“

Ihre Stimme klang rauh. Es lag etwas Zuneigung darin, aber nicht die Freude, die jemand erwartet, der nach vier Jahren endlich zurückkehrt.

Theerex war verwirrt. Plötzlich stellte er fest, daß er über der Sehnsucht vergessen hatte, eifersüchtig zu sein. Der Gedanke an Kirii machte ihn zornig.

„Ich hatte es eilig, weil ich dich liebe, Threesa. Vier Jahre sind eine lange Zeit für einen, der wartet. Du hast dich freilich inzwischen mit Kirii getröstet, und es hätte dir wahrscheinlich nichts ausgemacht, wenn ich noch einmal vier Jahre weggeblieben wäre.“

Sie zog ihn an sich.

„Verzeih, ich hatte an Kirii nicht mehr gedacht. Und ich hatte vergessen, daß es mit dir schon so lange her ist. Als ich erwachte, war mir, als wärest du wie immer vom Dienst gekommen. Und Kirii … das ist natürlich Unsinn. Kirii bedeutet mir nichts. Er war immer hinter mir her und wollte mich heiraten.“ Sie lachte schrill. „Kirii hat es längst aufgegeben. Er kommt nicht mehr zu mir.“

„Willst du behaupten, daß er heimlich in dein Haus eindringt, wenn du den Sensipsych genießt? Daß du nichts davon weißt, daß er neben dir liegt, neben deinem Körper, wenn der Geist ihn verlassen hat?“

„Wie kommst du darauf, daß Kirii das tun würde?“

„Coold lebt ewig, Coold soll uns schützen!“ stöhnte Theerex. Sie verstand seine Verzweiflung nicht. Erst als sie seinem starren Blick folgte und Kiriis Gestalt auf dem anderen Bett liegen sah, reagierte sie mit einem schwachen Schrei.

„Was will er hier? Theerex! Ich habe nichts davon gewußt!“

„Warum sagst du nicht, daß er dein Mann ist? Warum sagen alle Sirianer draußen, daß sie mich nicht kennen und daß Kirii, der Staatsflieger, hierhergehört? Ich bin ein freier Mann, Threesa. Und ich will wieder mit dir leben wie früher, Kirii soll gehen und nie mehr wiederkommen. Nimm ihm den Stirnring ab und schicke ihn weg!“

Sie schien mit allem einverstanden zu sein und Theerex’ Forderung sogar für die einzige Lösung zu halten. Sie nahm den Ring von Kiriis Kopf und schüttelte ihn an der Schulter. Da er sich nicht bewegte, wurde sie ungeduldig.

„Hee! Kirii, steh auf und gehe hinaus! Theerex ist da. Warum kommst du immer wieder her? Ich habe dich nicht gerufen. Steh auf und geh! Theerex ist hier! Hörst du, Theerex!“

Zuerst hatte sie leise gesprochen. Weil Kirii sich aber nicht bewegte, wurde sie lauter. Die letzten Worte schrie sie hinaus.

Als Kirii noch immer nicht reagierte, stieß sie ihn an und schrie weiter. Sie riß ihn vom Bett, daß er Theerex vor die Füße rollte.

„Licht!“ brüllte sie dann. Und weil die Robotschaltung der Zimmerbeleuchtung nicht schnell genug reagierte, noch einmal: „Licht! Licht für Coold, der ewig lebt! Licht für mich!“

Es wurde hell, und sie sahen, daß Kirii tot war.

 

 

10

Threesa erkannte die Würgemale am Hals.

„Er hat sich immer die aufregendsten Abenteuer angesehen und sie auch richtig miterlebt. Aber selbst wenn ein Sirianer im Sensipsych-Kampf einmal umkommt, dann hat das keinerlei Auswirkung auf sein wirkliches Leben. Es muß jemand hier im Zimmer gewesen sein.“

„Ein Roboter?“ fragte Theerex schwach.

„Ein Robot tötet nicht. Du warst es!“

Es dauerte lange, bis er nickte.

„Ich habe es bis jetzt nicht gewußt. Als ich hereintrat und den Boten-Robot abgestellt hatte, trat ich zu euch. Ich habe Kirii nur angefaßt. Dann muß ich wohl zugedrückt haben.“

„Das ist keine gute Verteidigung.“

„Ich will mich nicht verteidigen. Jetzt bin ich froh, daß es so kam. Solange Kirii lebte, wäre er mein Rivale gewesen, ganz gleich, wo er sich aufhielt. Sogar die Nachbarn sagen, Kirii wohne hier und niemand will mich kennen. Nicht einmal die Behörden.“

„Das hast du schon einmal gesagt“, unterbrach sie ihn gereizt. „Was soll ich aber nun mit einem Mörder als Mann? Die Nachbarn werden mit den Füßen auf mich zeigen. Sie werden die Ohren nach vorn klappen, wenn sie mich sehen. Das alles soll ich für dich erleiden, während du im Hospital vergnügliche Versuche an dir machen läßt?“

„Hospitalversuche sind durchaus nicht vergnüglich“, sagte er. „Ich dachte, du liebst mich. Wenn du aber nicht zu mir stehst, kann ich ja wieder vor die Mauer gehen. Ja, ich war schon vor der Mauer. Ich war auf dem Wege in die Wüste. Der Gedanke an dich hat mir geholfen, zurückzukehren.“

Er wandte sich ab und ging langsam zur Gartenöffnung des Hauses. Ehe die Dunkelheit ihn aufnehmen konnte, lief Threesa ihm nach und hielt ihn am Arm fest.

„Geh nicht, Theerex!“

Die grüne Träne in ihrem Auge stürzte ihn in neue Verzweiflung. Warum sagte sie nicht einfach, daß sie ihn liebte? Warum sagte sie nur, daß er bleiben solle? Kirii war tot. Wenn Theerex in die Wüste ging, hätte sie nichts als ein einsames, verachtetes Witwenleben zu erleiden.

„Du bist egoistisch, Threesa. Du denkst nur an dich.“

„Ist deine Liebe zu mir nicht auch nur Egoismus? Ich liebe dich auch, weil ich dich brauche. Wollen wir nicht zusammengehen? Der eine für den anderen? Das ist doch schon Liebe. Man gibt und nimmt auch.“

„Du hast recht“, sagte er. „Komm in den Garten! Ich muß einmal über die Wege und durch die Nacht gehen. Wir wollen überlegen, was zu machen ist. Wenn wir einen Entschluß gefaßt haben, gehen wir ins Haus zurück.“

„Im Haus liegt Kirii.“

„Das weiß ich. Aber er muß verschwinden. Denn ich will nicht ins Hospital zurück. Und du willst keine einsame, verachtete Witwe sein, auf die die Leute mit den Füßen zeigen.“

Details

Seiten
145
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922165
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437545
Schlagworte
weltgericht

Autor

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Titel: 2 x Weltgericht