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Aufstand im Cygnus

2018 139 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Aufstand im Cygnus

Copyright

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Aufstand im Cygnus

von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Stahlberg verlor den Boden unter den Füßen, stürzte, prallte mit dem Schädel neben einer erlöschenden Neon-Leuchtröhre gegen die Decke und wurde wieder auf den Fußboden zurückgeschleudert. Die Vertrautheit des Milieus war wie weggeblasen, der Personen-Lift in eine unschätzbare Ferne gerückt.

Stahlberg erwachte aus einer sekundenlangen Benommenheit. Er riß mit einem Anflug naiven Staunens die Augen auf. Als wesentlichstes Moment des vertrauten Milieus fehlte die Schwerkraft...

 

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Dr. Volker Stahlberg hatte das Schott der Kommandobrücke hinter sich geschlossen und war im Begriff, sich dem Personen-Lift zuzuwenden, um in das Krankenrevier zurückzukehren.

Dr. Stahlbergs Gedanken waren noch bei der Unterredung mit Captain Mike McNamara. Die Vertrautheit des Raumschiffmilieus ließ ihn gedankenlos die rechte Hand heben, um im nächsten Augenblick den Rufknopf des Elevators zu drücken.

Da geschah es.

Dr. Stahlberg verlor den Boden unter den Füßen, stürzte, prallte mit dem Schädel neben einer erlöschenden Neon-Leuchtröhre gegen die Decke und wurde wieder auf den Fußboden zurückgeschleudert. Die Vertrautheit des Milieus war wie weggeblasen, der Personen-Lift in eine unschätzbare Ferne gerückt.

Stahlberg erwachte aus einer sekundenlangen Benommenheit. Er riß mit einem Anflug naiven Staunens die Augen auf.

Als wesentlichstes Moment des vertrauten Milieus fehlte die Schwerkraft. Es war alles zu plötzlich gekommen, als daß Stahlberg die neue Situation sofort als Ganzes erfaßte. Nach kurzer Benommenheit fand er aber schnell zu klarem Denken zurück.

Katastrophe!

Die Beschleunigung hatte ausgesetzt. Das bedeutete bestenfalls einen Maschinenschaden. Er sah die Wand neben sich und konnte sich in Richtung auf den Lift abstoßen.

Ein Haltegriff half ihm, sein Ziel zu erreichen. Er drückte den Rufknopf. Als der gewohnte Erfolg ausblieb, tauchte der erste bange Gedanke auf.

Jetzt nur nicht durchdrehen, Volker! Für den Stromausfall sind die Techniker zuständig. Du hast dich lediglich ins Revier zu begeben.

Während Dr. Stahlberg durch dieses Selbstgespräch zu einem brauchbaren Optimismus zurückzufinden hoffte, hatte er die Kletterstange erreicht, die ihn im Zustand der Schwerelosigkeit ebenso sicher ins nächste Stockwerk bringen konnte wie der Lift. Im Krankenzimmer fand er das Chaos vor. Alle beweglichen Gegenstände schwebten haltlos im Raum, darunter der stöhnende Patient.

„Was macht Ihre Wunde, Foster?“ erkundigte sich der Arzt sofort.

„Zum Teufel, sie schmerzt.“

„Ich meine, ob sie geplatzt ist?“

„Haben Sie nicht noch vor einer Stunde gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen? Haben Sie nicht gesagt, Sie würden schon dafür sorgen, daß ich schnellstens wieder auf die Beine komme? Ich weiß nicht, was dieser Bums zu bedeuten hat. Aber er ist ein schlechter Streich. Soviel Humor hat nicht einmal David Foster, daß er sich das gefallen läßt.“

„Jetzt schweigen Sie und lassen sich zur Koje bringen, verstanden?“

Foster ließ sich zur Koje bugsieren und festschnallen. Stahlberg sah nach der Blinddarmoperationswunde und knurrte zufrieden, daß man noch einmal Glück gehabt habe.

„Je lauter Sie sprechen, um so mehr strengen Sie Ihre Bauchmuskeln an. Wie wenig das in Ihrem augenblicklichen Zustand zu empfehlen ist, brauche ich Ihnen ja wohl nicht mehr zu sagen.“

„Ich werde nur noch flüstern, Doktor. Aber jetzt sagen Sie mir, was passiert ist.“

„Ich kann nichts dazu sagen. Es hat mich auf dem Gang überrascht. Und draußen ging sofort das Licht aus. Auch der Lift ist außer Betrieb. Aber hier ist die Stromversorgung noch intakt. Haben Sie Alarmzeichen gehört?“

„Nein, Doc! Ich habe nichts gehört. Aber das will nichts heißen.“

„Okay, Foster. Verhalten Sie sich ruhig. Ich will sehen, ob ich mit der Brücke Verbindung bekomme.“

Stahlberg drehte am Telefon. Er reagierte nicht.

„Ich gehe in die Zentrale und komme sobald wie möglich wieder.“

Er waren etwa zehn Minuten seit der Katastrophe vergangen, als Dr. Stahlberg den ersten Mann des Führungspersonals traf. Es war Leutnant Ray, der Erste Offizier.

„Hallo, Leutnant, was ist passiert?“

„Keine Ahnung, Doc. Ich weiß nur, daß wir vorerst nichts zu lachen haben werden.“

„Also haben Sie doch eine Ahnung. Ist es so schlimm, daß Sie meinen, es mir nicht sagen zu können?“

„Es ist schlimm. Doch niemand weiß, worum es geht. Und das ist noch schlimmer.“

„Im Revier brannte das Licht noch. Ich war bei Foster. Hat der Captain Alarm gegeben?“

„Wir wollten, doch es ging nicht. Und jetzt fragen Sie nicht soviel, Doc. Kommen Sie mit in die Zentrale.“

Sie arbeiteten sich weiter zum Bug vor und erreichten kurz darauf die Kommandozentralc.

„Gott sei Dank, Leutnant!“ ächzte René Picart, der erste Navigator. „Der Captain hat gesagt, Sie sollen das Kommando übernehmen.“

„Wo steckt er?“

„Er ist mit Riel und Moreira nach achtern gegangen. Es hat keinen Zweck, an den Armaturen herumzufummeln. Kein Meßgerät scheint mehr in Ordnung zu sein.“

Dr. Stahlberg begab sich in eine Ecke. Niemand beachtete ihn.

Leutnant Ray zog sich in den Pilotensessel und schnallte sich fest.

„Ich habe also das Kommando übernommen, Picart. Jetzt brauche ich nur noch etwas Andruck, damit ich navigieren kann. Haben Sie Andruck?“

 

2

Die Frage sollte wohl ironisch klingen, doch niemand wagte zu lachen. Man überhörte sie auch.

„Sie dürften jetzt im Heck angekommen sein“, murmelte Lacy White, ohne damit einen der Anwesenden direkt anzusprechen.

„Wenn sie keine Hindernisse angetroffen haben“, schränkte Picart ein.

„Kann es vielleicht ein Meteor gewesen sein?“ fragte Stahlberg aus seiner Ecke.

„Hören Sie auf, Doc!“ knurrte Picart. „Es war kein Meteor. Die Materie-Warnanlage war bis zum Augenblick der Katastrophe in Ordnung.“

Danach herrschte längeres Schweigen. Die Stille wurde plötzlich zum Strudel, der jeden bangen Gedanken an sich reißen wollte. Die Leblosigkeit des Weltraumes schien sich auszubreiten. Das leise Summen der Maschinen hatte sich monatelang als selbstverständlicher Bestandteil des Bordlebens erwiesen. Man hatte sich daran gewöhnt wie an das Brummen des Radios. Jetzt, als es der totalen Stille des Weltraumes wich, verbreitete es Furcht.

Wir treiben hilflos im All!

Wir stürzen!

Dieser Gedanke war freilich unsinnig. Wenigstens konnte keine akute Gefahr in diesem Sinne bestehen, denn Deneb war nach den letzten Messungen ein halbes Lichtjahr entfernt, und das Raumschiff ‚Pegasus’ fuhr seit Tagen mit geringer Relativgeschwindigkeit.

„Können Sie nicht wenigstens versuchen, den Kurs zu bestimmen?“ wagte Dr. Stahlberg nach Minuten eine erneute Frage. Der Leutnant blieb sachlich, obgleich er nicht weniger gereizt war als alle anderen.

„Die Bildschirme sind ausgefallen. Radar spricht nicht mehr an. Es hat keinen Zweck, Doc, daß Sie solche Fragen stellen. Wir haben alles probiert. Warten Sie jetzt ab, was der Captain herausfindet. Eventuell ist das Beiboot heil geblieben.“

Als der Captain mit Riel und Moreira wenige Minuten später die Zentrale betrat, verriet schon sein Gesicht den Ernst der Lage.

„Wir müssen aussteigen, meine Herren …“

Vier Köpfe ruckten wie auf Kommando hoch.

„Ist das Beiboot in Ordnung, Captain?“

„Ja. – Das Beiboot ist in Ordnung …“ Obgleich diese Nachricht für den Augenblick die Gefahr bannte, klang sie doch nicht sehr hoffnungsvoll. Dreihundertachtzig Lichtjahre vom SOL-System entfernt ist ein Beiboot eher ein Witz als ein Trost.

„Und die ‚Pegasus’ ist nicht mehr zu reparieren?“

„Vielleicht in einigen Wochen.“

„Was sind einige Wochen, Captain! Lieber verspäte ich mich um ein Jahr, als daß ich hier im Raum mein Testament mache.“

„Das Schiff ist verseucht, Leutnant. Wir haben nicht Wochen, sondern höchstens noch zwei Stunden Zeit.“

„Verseucht? Ist der Reaktor …?“

Ray sprach nicht weiter, als McNamara nickte. „Das Heck ist radioaktiv, meine Herren. Wir haben den Strahlenschutz im zweiten Sektor aktiviert und können in Ruhe unsere Sachen packen. Was macht Ihr Patient, Doc? Brauchen Sie Hilfe?“

„Nicht nötig, Captain. Bei der Schwerelosigkeit verfrachte ich Foster allein.“

„Und Ihre Geräte?“

„Ich habe nicht mehr als jeder von uns. Danke, Sir!“

„Sie können gehen“, sagte McNamara an die anderen gewandt. „Wenn Sie fertig sind, Leutnant, lösen Sie mich hier ab. Ich bleibe solange auf der Brücke.“

Ohne Diskussion hangelten sich die Männer hinunter zum Wohndeck. Lediglich Stahlberg zögerte noch.

„Wie konnte der Reaktor platzen, Captain? War es äußere Einwirkung?“

„Natürlich. Aber kein Meteor, wie Sie vielleicht denken. Ich habe nie an diese Möglichkeit gedacht.“

„An welche Möglichkeit?“

„Daß unser Beta-Strahl-Antrieb doch nicht die Sicherheit gewährleistet, wie seine Konstrukteure behauptet haben.“

„Ein Konstruktionsfehler?“

„Vielleicht. Es war mir natürlich nicht möglich, Einzelheiten zu untersuchen.“

„Aber Sie ahnen etwas. Sie haben eine Vorstellung von der Sache. Das ist immerhin wichtig für die Reklamation.“

„Wollen Sie einen Witz machen, Doc?“

„Absolut nicht, ich bin nur Optimist.“

„Der sich jetzt um seinen Patienten kümmern sollte.“

„Zwei Stunden sind eine lange Zeit für mich. Ich brauche nur eine, um Foster und meine Einrichtung zu verstauen. Sagen Sie mir, was Sie festgestellt haben.“

„Es geht nicht um den Reaktor direkt. Ich sagte schon, daß es sich um eine äußere Einwirkung gehandelt hat. Und eine Einwirkung allerdings, die wir selbst erzeugten. Sie wissen, daß die Triebwerke nur auf der Basis von Beta-Strahlung arbeiten …“

„Selbstverständlich. Wir erzeugen aus dem natürlichen Kraftfeld im freien Raum ein positiv geladenes elektromagnetisches Feld. Durch Umwandlung von Neutronen in Protonen entstehen im Treibstoff die zum Antrieb notwendigen Elektronen als Abfallprodukt. Sie werden durch das hinter dem Schiff aufgebaute elektromagnetische Feld gerichtet und erzeugen den Schub für die gewünschte Richtung. Stimmt das soweit?“

McNamara nickte. „Sie haben nur vergessen, daß es auch einen unerwünschten Fall bei der künstlichen Beta-Strahlung gibt.“

„Ich weiß, was Sie meinen. Aber für den Fall, daß sich Protonen in Neutronen umwandeln, haben wir doch einen Moderator, der die dabei entstehenden Positronen unwirksam macht.“

„Wir hatten ihn …“

Dr. Stahlberg begriff, ohne weitere Fragen stellen zu müssen.

„Der Moderator war’s! Demnach sind Positronen ins Triebwerk gelangt. Das ist schlimmer, als wenn eine Kanone nach hinten losgeht. Kann nach einer solchen Katastrophe die ‚Pegasus’ überhaupt noch existieren?“

„Sie tut es, wie Sie sehen. Und wir haben das lediglich dem Umstand zu verdanken, daß das ganze Triebwerk bereits nach den ersten schwachen Fehlreaktionen zum Teufel ging. Im übrigen ist der Schaden derart, daß wir tatsächlich jede Hoffnung für unser Schiff aufgeben müssen. In zwei Stunden also, Doc …“

 

3

Zwei Stunden später legte das Beiboot von den Trümmern der dem Atombrand preisgegebenen ‚Pegasus’ ab.

Die beiden größten Räume des Bootes enthielten zehn Kojen, beziehungsweise zehn Sitzgelegenheiten. Die doppelten Sesselreihen schlossen sich unmittelbar an die Sitze des Captains und seiner navigierenden Assistenten an. Weitere kleinere Kabinen waren für den Arzt, den Koch und für die Vorräte des Maschinisten eingerichtet. Damit hatte sich der bewohnbare Raum erschöpft. Die hydroponische Anlage war in der Kabine des Arztes untergebracht, da dieser gleichzeitig für die Luftversorgung verantwortlich war. Auch für den Funker gab es keinen separaten Platz. Foster, der – solange er gesund war – diese Funktion innehatte, mußte sich mit einer kleinen Ecke neben dem Ersten Offizier begnügen.

„Würden Sie bitte einen Augenblick nach vorn kommen, Doc?“ bat McNamara höflich. Stahlberg zwängte sich durch die Reihen und hockte sich auf den freien Funkersessel.

Er sah die magischen Augen der Empfänger leuchten. Auf drei Skalen glitten die Sucher automatisch über ihre Frequenzbereiche.

„Das Radio ist ja eingestellt.“

„Haben Sie etwas dagegen, Doc?“

„Ich höre nichts!“ rief Foster aus dem Hintergrund. „Los, macht Musik! Radio Luna III hat um diese Zeit mein Lieblingsprogramm. Aber wenn das zu weit ist, nehmt einen anderen Sender.“

„Da käme wohl nur Radio Deneb in Frage“, sagte Leutnant Ray sarkastisch, brachte es aber damit fertig, einigen Leuten ein Lachen zu entlocken. „Wäre es nicht besser, wir funken selbst“, meinte Stahlberg. „Wenn Sie schon mit der Möglichkeit rechnen, daß der Zufall ein anderes irdisches Raumschiff in unseren Bereich führt, dann sollten wir den Leuten auch sagen, welches Pech wir gehabt haben.“

„Okay, tun Sie es, Doktor.“ Stahlberg nahm eine Platte und sprach eine ausführliche Meldung mit Zeit- und Ortskoordinaten darauf. Dann legte er sie in den Recorder und ließ einen ununterbrochenen Hilferuf über alle verfügbaren Wellen ins All strahlen.

Nachdem diese Arbeit getan war, wandte sich der Captain an seine Leute und sagte: „Meine Herren! Wir befinden uns – grob angegeben – im Sektor des Sternbildes Cygnus oder Schwan. Der Hauptstern Deneb ist uns mit fast vier Lichtmonaten Entfernung am nächsten. Mehr als ein paar astronomische und astrophysikalische Messungen sind uns über das Sternbild Schwan und seine Sonnen nicht bekannt. Freilich berechtigt die Wahrscheinlichkeit zu der Annahme, daß einer der Sterne Planeten besitzt. Mehr ist darüber jedoch nicht zu sagen. Der wichtigste Punkt unserer Überlegungen ist zweifellos das SOL-System. Unser Heimatplanet ist jedoch annähernd dreihundertachtzig Lichtjahre von uns entfernt. Jeder von Ihnen weiß, daß unser Boot lediglich für interplanetarische Flüge geeignet ist. Wir haben keinen Hyperdrive und daher nicht die Möglichkeit, die Lichtgeschwindigkeit auch nur annähernd zu erreichen. Bis auf eine geringe Zeitdilatation sind wir also auch mit unserer Bordzeit dem Normalablauf unterworfen. Es ist freilich denkbar, daß wir mit unserem geringen Brennstoff möglichst lange beschleunigen und im freien Fall versuchen, uns dem Heimatsystem zu nähern. Das setzt jedoch voraus, daß wir möglichst bald auf ein Schiff unserer Zivilisation treffen. Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Zufall wächst im Quadrat mit dem Zeitablauf, also von Sekunde zu Sekunde.“

„Das klingt verführerisch“, warf Leutnant Ray ein, „ist es aber offenbar nicht. Die Wahrscheinlichkeit liegt im Augenblick so sehr bei Null, daß wir Jahre brauchen, um überhaupt einen vernünftigen Wert zu erhalten.“

„Ohne Zweifel. Unsere totale Fahrtzeit bis Terra müssen wir mindestens mit tausend Jahren ansetzen. Demnach dürfte also selbst in zehn oder zwanzig Jahren unsere Aussicht, ein Schiff zu treffen, sehr gering sein. Unser heutiger Hilferuf allein kann die Situation aussichtsreicher gestalten. In dreihundertachtzig Jahren erreicht die Funkwelle Terra. Eine Rettungsaktion von der Basis aus käme also auch dann zu spät. Wir können nur hoffen, daß ein Schiff in der Nähe unseren Ruf bereits in den nächsten Wochen oder Monaten empfängt …“

„Hoffen“, sagte Moreira im Refrain. „Also nur hoffen sollen wir.“

„Müssen wir“, verbesserte Ray. „Oder haben Sie einen bessern Vorschlag?“

„In einem Jahr könnten wir Deneb erreichen. Ich finde, wir sollten einen zweiten Versuch, hier etwas zu erreichen, nicht ungenützt lassen.“

„Sie rechnen mit einem bewohnbaren Planeten?“

„Durchaus nicht. Damit rechnen, hieße den Optimismus übertreiben. Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit, im Cygnus-System zu einem Ergebnis zu kommen, weitaus größer. Sollte Deneb trotz allem keine Planeten besitzen, haben wir lediglich ein Jahr verloren, ein Jahr von der Ewigkeit. Das ist nicht viel.“

„Ein Jahr unseres Lebens“, knurrte van Riel. „Das ist sehr viel.“

„Was meinen Sie, Doc?“ fragte McNamara, an Stahlberg gewandt.

„Wir müssen Deneb anfliegen, selbst wenn die Aussichten sehr gering sind. Moreiras Vorschlag ist einen Abstecher wert.“

„Moreiras Vorschlag ist der Rat eines Glücksspielers, der mit gezinkten Karten arbeitet“, sagte Lacy White trocken. Da er weiter keine Erklärung dazu abgab, trafen ihn fragende Blicke.

„Wie soll ich das verstehen?“ fragte der Astrophysiker.

„Sie sind schon immer ein Pessimist gewesen, Doc. Aber im Falle Deneb rechnen Sie sich mehr aus, als Sie zugeben wollen.“

„So, meinen Sie?“

„Allerdings. Ich entsinne mich, daß Sie ein Verfechter der Weizsäckerschen Wirbeltheorie sind.“

„Haben Sie etwas dagegen?“

„Durchaus nicht. Die bisherigen intergalaktischen Expeditionen scheinen diese Theorie zu bestätigen. Wenn Sie aber schon der Meinung sind, daß eine Sonne eher Planeten als keine haben kann, so sollten Sie mit Ihren Prognosen nicht so sparsam sein. Sie sind doch überzeugt davon, daß Deneb Planeten hat, nicht wahr?“

„Man kann nicht behaupten, was man nicht weiß …“

„Es will Sie hier doch keiner festnageln, Doc! Aber wenn Sie schon an Ihre Theorie glauben, dann lassen Sie uns wenigstens daran teilnehmen! Sie haben Ihren Privatoptimismus, und wir? Wir brauchen eine Hoffnung, Doc Moreira! Begreifen Sie das nicht! Mit tausend Jahren bis Terra, mit dreihundertachtzig Jahren für eine Funknachricht und ähnlichen astronomischen Zahlen ist uns nicht gedient. Ich weiß genau, daß wir lediglich für fünf Jahre Verpflegung an Bord haben. Wenn sich fünf Mann noch heute freiwillig aufhängen, reicht es dem Rest für zehn Jahre. Das ist alles.“

Moreira räusperte sich, als wolle er sich von diesem Gefühlsausbruch distanzieren. „Natürlich bin ich überzeugt, daß Deneb Planeten hat, Mr. White. Es handelt sich dabei jedoch lediglich um die Überzeugung des Wissenschaftlers, der sich auf Grund einleuchtender Voraussetzungen entschlossen hat, an eine kühne Idee zu glauben.“

„Bravo!“ rief Captain McNamara und lächelte dem Astrophysiker aufmunternd zu. „Endlich werden Sie leidenschaftlich, Doc! Fliegen wir also Deneb an!“

 

4

Nacheinander waren die Männer zu ihren Kojen gegangen und hatten sich schlafen gelegt. Nur Stahlberg blieb noch neben McNamara sitzen.

„Nicht müde?“

„Nicht sehr.“

„Sie glauben nicht an Denebs Planeten?“

„Ich muß daran glauben. Alles andere mit Rückkehr nach Terra ist reiner Irrsinn. Dieses Boot wird unser Sarg, wenn Deneb keine Planeten hat.“

„Bewohnbare Planeten.“

„Ja, eben.“

Es vergingen drei Tage, in denen McNamara die Männer so viel wie möglich beschäftigte.

„Ein Jahr soll das so weitergehen, Doc. Ich fürchte, schon ein Jahr ist zuviel, um es mit neun Männern auf diesem engen Raum auszuhalten.“

„Ein Jahr ist besser als tausend Jahre. Außerdem dürfte Moreira schon ein paar Monate früher die Möglichkeit haben, das System radioskopisch zu untersuchen. Wir hätten es schlimmer antreffen können. Wie steht es übrigens mit Ihrem Schlafbedürfnis? Ich glaube, ich schicke einmal Ray her, damit er Sie ablöst.“

„Unterstehen Sie sich! Mein Dienstplan ist vollkommen in Ordnung. Ray löst mich in einer Stunde ab. Nicht früher und nicht später.“

„Na gut, dann werde ich mich jetzt um meinen Patienten kümmern.“

Stahlberg begab sich nach hinten. Doch er kam nicht weit. Plötzlich hörte er eine fremde Stimme hinter sich, und sofort stand er wieder neben dem Captain. „Was war das?“

„Eine Stimme aus dem Radio.“ McNamara zeigte wenig Begeisterung. Diese Stimme war zu phantastisch, als daß er daran zu glauben wagte.

„Haben Sie die Welle?“

„Der Sucher rastet automatisch ein, sobald Empfang ist. Aber Sie sehen ja, es tut sich nichts auf der Frequenz. Wir haben uns getäuscht.“

„Das glauben Sie selbst nicht. Wir haben es beide gehört. Der Mann sprach Englisch.“

„Haben Sie verstanden, was er sagte?“

„Sie?“

„Ich glaube, ja. Es ging zwar sehr schnell vorüber, aber das Wort war deutlich.“

„Schreiben Sie es auf einen Zettel. Ich tue das gleiche.“

Das Won hieß Empfang.

„Also stimmt es!“

„Natürlich stimmt es. Nur weiß ich nicht, ob es einer unserer Großväter gesagt hat. Es könnte eine Sendung von der Erde sein. Dann wäre sie dreihundertachtzig Jahre alt und völlig nutzlos für uns.“

„Das Fragment spricht dafür, die Deutlichkeit dagegen. Dieses Wort muß aus dem Cygnussystem stammen, oder von einem Schiff in der Nähe.“

„Nur von einem Schiff, es war englisch, Doktor. Wenn Deneb bewohnte Planeten hat, dann spricht man dort jedenfalls seine eigene Sprache.“

„Es soll mir recht sein, wenn es ein Schiff ist. Sie sollten einen Sender jetzt auch auf dieser Frequenz festlegen. Ist es nicht vielleicht sogar eine internationale Verkehrswelle?“

„Ich werde nachsehen …“

Stahlbergs Verdacht stimmte nicht. Die Welle war offiziell für den interplanetarischen Amateurfunk des SOL-Systems freigegeben. Doch bis Deneb war noch kein Amateur vorgedrungen.

„Irgend etwas stimmt hier nicht“, sagte der Captain. „Wir können nur hoffen, daß wir noch mehr von diesen Wortfetzen auffangen. Ich habe das Tonband gekoppelt, so daß wir jeden Empfang rekonstruieren können.“

Nach der nächsten Schlafperiode teilten sie ihre Beobachtungen der gesamten Besatzung mit. Jeder versuchte, sich wieder neue Hoffnungen zu machen.

Es dauerte eine weitere Woche, bis der ersehnte Empfang erfolgte und automatisch auf die Tonband-Konserve übertragen wurde. Leutnant Ray war allein im kombinierten Piloten- und Tagesraum, während die übrige Besatzung schlief. Er selbst hatte versucht, ein Buch aus der kleinen Bordbibliothek zu lesen, als ihn der plötzlich hereinbrechende Wortschwall aufschreckte.

Es war ein Text, der ihn verwirrte.

„Hallo, Captain! Haben Sie es gehört?“

Ein Schnarchen war die Antwort. Ray ging nach achtern und weckte McNamara.

Der war sofort hellwach, als er die Nachricht hörte. Er stieß auch Stahlberg an. „Kommen Sie hoch, Doc. Ich brauche Sie.“

Der Arzt wurde erst richtig wach, als er Ray das Band umspulen sah.

„Haben Sie etwas aufgenommen?“

„Ja, etwas Seltsames. Doch warten Sie ab. Ich bin gleich soweit.“

Das Band lief.

„… hallo, Doris! Hallo, Doris! Hörst du mich?“

Die Antwort gab eine Frauenstimme: „Guter Empfang, Joe! Hast du etwas bei deinem alten Herrn erreicht?“

„Noch nicht, Liebling. Es war in diesen Tagen nicht günstig. Du weißt, ich muß gutes Wetter abwarten. Und seit die Fabers und Velascos wieder Schwierigkeiten machen, ist es nicht gut, ihn anzusprechen.“

„Aber du sagtest doch, daß die Fahrt morgen losgeht. Sie werden dich nicht mitnehmen.“

„Die Fahrt fällt ins Wasser. Vielleicht klappt es in vierzehn Tagen. Aber der alte Herr kann jetzt nicht weg von hier. Und ohne ihn läßt er die Sache nicht starten. Er will eben überall dabei sein und meint, ohne ihn ginge es nicht. Du kennst ihn ja.“

„Ja, ich kenne ihn. Es ist … Nein, Joe, warum ist das alles so? Manchmal denke ich, du willst gar nicht herüberkommen.“

„Du hast kein Vertrauen zu mir, oder …?“

„Was redest du? Ich will dich sehen. Ich will mit dir reden. Dieser verdammte Sprechkasten ist doch nur ein … Ach, du weißt es schon. Ganze Nächte liege ich wach und weiß nicht, was ich glauben soll.“

„Du sollst glauben, daß ich dich liebe. Und wenn du mich liebst, dann mußt du auf mich warten können. Der alte la Roche ist eben auch ein Problem. Du hast ja überhaupt keinen Einfluß auf ihn. Bin ich denn schuld, daß alles so ist?“

„Nein, du bist nicht schuld. Aber manchmal weiß ich es selbst nicht. Hier draußen ist die Welt zu Ende. Mein Vater hat seine Arbeit. Ich muß ihm helfen, ohne daß ich etwas davon verstehe. Und was ich nicht verstehe, das macht mir keinen Spaß.“

„Spaß?“ lachte der Mann, den sie Joe genannt hatte. „Ich weiß, daß du die Biester fürchtest.“

„Unsinn! Wer fürchtet sich vor Kaninchen? Aber ich finde sie scheußlich. – Du, Joe, sag mir, wann du kommst! Bitte, sag es!“

„Mit dem nächsten Treck. Hör zu, Doris! Du mußt Geduld …“

„Schluß, Joe! Es kommt jemand. Ich muß aufhören.“

„Doris! Hallo, Doris! – Doris …“

Leutnant Ray schaltete ab. „Das war es.“

„Hm“, machte McNamara. „Das ist so gut wie ein Wellensalat, oder meinen Sie, wir hätten ein Hörspiel erwischt? So ein modernes ‚Romeo und Julia’?“

„Wer sendet im Cygnus Hörspiele? – Außerdem deckte sich der Text mit dem Programm. Keine Ansage, keine Fortsetzung. Nein, nein, Captain. Das war eine Lifesendung.“

„Haben Sie eine Richtpeilung vornehmen können?“ fragte Dr. Stahlberg.

„Ja, natürlich. Die Sendung kam aus Richtung Deneb. Genau Deneb.“

„Damit dürfte feststehen, daß die Sonne Planeten hat. Denn so konfus das Gespräch der beiden gewesen ist, sicher ist, daß es nicht an Bord eines Schiffes stattfand.“

„Das möchte ich annehmen“, sagte der Captain. „Nur erscheint es mir voreilig, sofort Schlüsse daraus zu ziehen, die Deneb als terranische Kolonie ausweisen. Wir wissen positiv, daß die Region Cygnus durch Menschen weder besiedelt noch erforscht ist. Und diese Leute haben Englisch gesprochen. Sie haben englische, spanische und französische Namen. Das paßt doch nicht zusammen.“

„Es paßt schon. Denn die Tatsache beweist, daß es so ist. Es liegt nur an uns, eine plausible Erklärung zu finden. Oder wir müssen Geduld haben und noch ein paar Monate abwarten.“

„Weshalb ein paar Monate?“

„Nun, nehmen wir an, diese Romeo- und Julia-Szene stammt von einem Deneb-Planeten. Die Menschen dort werden unseren Hilferuf in einem Vierteljahr empfangen. Ihre Antwort wird ebensolange unterwegs sein. Das sind genau sechs Monate.“

„Ihre Theorie ist zu schön.“

„Natürlich ist sie schön. Wir haben Glück gehabt. Deneb hat einen oder mehrere von Menschen bewohnte Planeten. Dort wird auch Platz für uns sein, bis man uns abholt.“

„Wer sollte uns abholen?“

„Ein Schiff von Terra, von unserer Gesellschaft. Ein Hyperracer macht den Sprung in zwei Monaten. Schließlich darf man erwarten, daß eine menschliche Kolonie auch Kontakt mit dem SOL-System unterhält.“

„Es sei denn, es sind Ausgestoßene.“

 

5

Dr. Stahlberg besprach noch in dieser Stunde eine zweite Platte, die den bisherigen Hilferuf ablösen sollte.

Die Stimmung an Bord hob sich zusehends. Niemand zweifelte daran, daß man in einem knappen Jahr festen Boden unter den Füßen und eine brauchbare Atmosphäre um sich haben werde. Die Frage nach dem Überleben trat in den Hintergrund. Man kehrte zu alltäglicheren und angenehmeren Problemen zurück.

Achtzehn Tage nach der ‚Pegasus’-Katastrophe fing man eine weitere Sendung von Doris und Joe auf. Sie wanderte wiederum ins Archiv und hatte folgenden Wortlaut:

„Hallo, Joe! Hier ist Doris! Hallo, Joe!“

„Hallo, Liebling.“ Die Stimme des Mannes klang freudig. „Ich hab’s geschafft.

.Wir fahren übermorgen. Dann sind wir in fünf Tagen bei euch. Freust du dich?“

„Ja, natürlich. Joe! Ich freue mich wie ein … Aber das kann man im Radio nicht sagen. Das tu ich, wenn du hier bist. Doch komme mir nur nicht auf die Idee, die Expedition noch einmal abzublasen.“

„Ich kann gar nichts abblasen. Im Dorf regiert der Bürgermeister. Und der fährt jetzt endgültig.“

„Um so besser. Wie seid ihr denn mit Velasco und Faber fertig geworden? Haben sie gebeichtet? Oder habt ihr jetzt einen guten Missionar bei euch?“

„Keins von beiden. Faber hat eine Lungenentzündung. Dr. Bertram ließ ihn ins Bett stecken. Und Velasco allein unternimmt nichts. Auf die übrigen Genossen verläßt er sich wohl nicht gern.“

„Na schön. Mir kommt Fabers Lungenentzündung gerade recht. Eigentlich sollte man ja so etwas nicht sagen. Aber weshalb muß der Kerl immer quertreiben. Wenn er nur etwas loyal wäre, brauchten wir dieses ganze politische Theater auch nicht.“

„Hundertfünfzig Menschen sind so gut wie ein Staat, Liebling. Besonders, wenn sie einen ganzen Planeten beherrschen sollen. Doch davon versteht ihr Frauen ja nichts.“

„Natürlich, wir verstehen nichts davon. Wenn wir verheiratet sind, darfst du dir diesen Snobismus abgewöhnen.“

„Vorerst bin ich noch Junggeselle.“

„Nur keine Drohungen, junger Herr. Sonst lasse ich dich von unseren Kaninchen beißen.“

„Du redest, als seien sie deine Haustiere.“

„Vater machte gestern den Vorschlag, sie zu zähmen. Das wäre natürlich das letzte, was ich täte.“

„Wir müssen jetzt Schluß machen, Liebling! Mein Vater kann jeden Moment aus der Sitzung kommen. Verstecke dein Gerät gut, wenn wir kommen. Ich kann dir kein neues bauen.“

„Schon gut, Joe. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, Liebling!“

An Bord des ‚Pegasus’-Beibootes wurden die beiden ‚Romeo und Julia-Dialoge’ zum Tagesgespräch. Die Gewißheit, daß im Cygnus-System die Rettung winkte, wurde von niemandem mehr in Frage gestellt.

Es mußte sich um eine menschliche Kolonie handeln. An dieser Voraussetzung zweifelte niemand. In allen weiteren Erklärungen jedoch gingen die Meinungen auseinander. Mike McNamara ließ sich aus der Bibliothek sämtliche Berichte und Statistiken über intergalaktische Expeditionen geben. Gemeinsam mit Dr. Stahlberg, Dr. Moreira und Leutnant Ray suchten sie nach Anhaltspunkten für eine Cygnus-Expedition. Man fand jedoch nichts.

Moreira war dadurch am wenigsten erschüttert.

„Das besagt nichts, meine Herren. In den letzten dreißig Jahren wurden mehr als hundert Großunternehmungen gestartet. Fünfzehn davon hatten ganze Sippen und Familien an Bord mit dem Ziel, irgendwo an geeigneter Stelle terranische Kolonien zu gründen. Nehmen wir an, es handelt sich hier um eine solche Gemeinschaft. Ihr ursprüngliches Ziel können die Plejaden gewesen sein, oder die Leier, der Adler oder der Herkules.“

„Sie meinen, eine Katastrophe habe sie dann vom ursprünglichen Kurs abgebracht?“ fragte Stahlberg.

„Eine Katastrophe oder auch der eigene Wille. Wer am ursprünglichen Ziel keine geeigneten Lebensbedingungen vorfindet, fährt weiter …“

Es vergingen weitere Wochen. Man wartete auf ein drittes Gespräch.

Doch der Äther schwieg. Hier und da fiel eine ungeduldige Bemerkung.

Obwohl die ersehnte dritte ‚Romeo und Julia-Sendung’ weiter ausblieb, beruhigte man sich an Bord des Rettungsbootes wieder. Man rechnete jetzt auf den Tag, an dem die Antwort auf den Hilferuf eintreffen mußte. In der Zwischenzeit fanden die Wissenschaftler unter ihnen Muße zu theoretischen Studien. Die Männer vom fahrenden Personal begnügten sich mit Glücksspielen um Geld, das sie nicht hatten. Niels Bart sorgte sooft wie möglich für Tonbandmusik, solange es die anderen nicht störte. Und Lacy White dichtete mit David Foster zweihundert Liedstrophen.

Dr. Moreira hatte den 15. November als Stichtag gerechnet, an dem die erste Antwort eintreffen konnte. Die Spannung im Schiff stieg wieder, als der Termin näher rückte. Schon am 13. November gab es keine Musik mehr, wurde nicht mehr gedichtet, um Geld gespielt oder ernsthaft gelernt. Man hockte wieder dicht gedrängt in den Sesseln des Passagierraumes und wartete. Neue Theorien über den Deneb-Planeten wurden aufgestellt und alte variiert. Es gab derbe Bemerkungen dazwischen, mit denen man sich auf Kosten des anderen einen Spaß machen wollte. Doch am 15. November hörte auch das auf. Der Radioempfänger wurde zum Zentrum des Interesses, und jeder versuchte, möglichst einen Platz weit vorn zu ergattern.

Mit der ersten Enttäuschung kam dann auch die Angst zurück. Anfangs zögernd, denn Moreira konnte sich ja verrechnet haben.

16. November … 17. November … 18. November …

Jan van Riel wagte die erste Beleidigung.

„Doc Moreira ist entweder ein Verräter oder Stümper. Ich lasse mich nicht an der Nase herumführen!“

„Reden Sie keinen Unsinn!“ reagierte McNamara sachlich. „Wenn Sie die Berechnung anzweifeln wollen, dann machen Sie selbst eine bessere. Niemand an Bord ist dem anderen dafür verantwortlich, daß die Funkantwort pünktlich erfolgt. Nicht einmal dafür, daß sie überhaupt erfolgt.“

„Schönen Dank, Wissenschaftler sind nie um eine Ausrede verlegen gewesen. Sie spielen den Propheten, und wenn es nicht klappt, redet man von Ungenauigkeiten in der Voraussetzung. Die Schlußfolgerungen sind immer fehlerfrei.“

„Ich bin wieder gesund, Jan!“ rief Foster dazwischen.

„Ja und?“

„Wenn du noch weiter randalierst, schlage ich dich zusammen, daß du nicht mehr in deine Koje paßt!“

„Du fühlst dich wohl stark?“ gab van Riel zurück, schwieg dann aber, als er Leutnant Rays Finger auf der Schulter fühlte. „Sie müßten sich schon mit den übrigen acht schlagen, Riel. Ich glaube, das lohnt sich nicht für Sie.“

„Wie Sie meinen, Leutnant.“

„Dr. Moreiras Errechnung“, verschaffte sich McNamara wieder Gehör, „besagt lediglich, daß frühestens am fünfzehnten November die Antwort hier sein konnte. Niemand von uns weiß, ob unser Ruf überhaupt empfangen wurde. Unser Ziel ist ein unbekannter Planet der Sonne Deneb. Mit annähernd hundertprozentiger Sicherheit darf gesagt werden, daß dieser Planet menschliches Leben beherbergt. Die bisherigen Gespräche zwischen Doris und Joe sind der Beweis dafür.“

„Vorsicht!“ mahnte René Picart. „Verzeihung, Captain. Aber wenn Sie Leuten wie van Riel nicht recht geben wollen, müßten Sie sich weniger bestimmt ausdrücken. Rechnen wir mit dem Fall, daß dieser Planet nicht existiert.“

„Gut, woher kamen dann die Sendungen?“

„Aus der errechneten Richtung, aber aus einer größeren Entfernung.“

„Der Einwurf wird zur Kenntnis genommen“, schaltete sich Moreira ein, als habe er eine Anklage gegen sich zu entkräften. „Ich werde Ihnen beweisen, wie unsinnig Ihre Theorie ist. Der nächste Fixstern hinter Deneb ist eintausenddreihundertfünfzig Lichtjahre entfernt. Da Sie an der georteten Richtung nichts auszusetzen haben, dürfte also nur dieses System für Ihre Annahme in Frage kommen.“

„Natürlich.“

„Nun, vor eintausenddreihundertfünfzig Jahren brach auf Terra das sogenannte Mittelalter an. Ich gestehe Ihnen sogar für jene Zeit die intergalaktische Raumfahrt zu, nicht aber die Existenz einer englischen Sprache mit amerikanischem Akzent.“

Moreira hatte die Lacher auf seiner Seite. Ein jeder an Bord kannte die Liebesgespräche zwischen Doris und Joe auswendig. Sie waren zweifellos moderne Menschen der Gegenwart. Und sie hatten Radiogeräte.

David Foster gab noch ein weiteres Trostpflaster.

„Unsere Deneb-Theorie ist schon in Ordnung, meine Herren. Sie brauchen nur die beiden Aufnahmen in bezug auf ihre Qualität zu vergleichen. Dann merken Sie schon den Unterschied. Die letzte Sendung war bereits wesentlich klarer zu empfangen, und das ist nur auf unsere Annäherung an Deneb zurückzuführen …“

 

6

Am 5. April Bordzeit stand das Boot nach tagelanger Bremsbeschleunigung an der Grenze des Deneb-Systems.

Während der letzten fünf Monate war keine Sendung mehr empfangen worden. Der Hilferuf war ohne Antwort geblieben. Pessimisten wie van Riel und Niels Bart hatten die Spannung wieder hochgepeitscht. Doch noch am selben Tage entdeckte man kurz hintereinander sieben Planeten. Am 6. April fand man fünf weitere.

„Deneb hat dreizehn große Planeten, meine Herren“, gab Mike McNamara in bester Stimmung bekannt. „Nur einen davon brauchen wir …“

Moreira hatte als Astrophysiker alle Hände voll zu tun. Stahlberg, Picart und die beiden Offiziere halfen ihm bei den Berechnungen, so daß man schon ohne direkte Untersuchung von elf Planeten sagen konnte, daß sie für eine Besiedlung durch Menschen nicht in Frage kamen. Es blieben die Planeten Nr. IV und V. Beide besaßen etwa Erdmasse und eine günstige Atmosphäre. Die Nr. IV fiel nach einer kurzen Umrundung ebenfalls aus, da sie eine reine Wasserwelt ohne feste Kontinente war.

„Es bleibt die V“, sagte Stahlberg. „Wir sollten landen.“

„Nicht, bevor wir die Kolonie entdeckt haben. Auf Peilhilfe der Leute dort unten können wir uns nicht verlassen. Es scheint, als haben sie ihre Sender auf den Schrott geworfen. Wie ist es, Leutnant? Machen Sie die Umläufe?“

„Okay, Captain!“

Eine hohe aufgelockerte Wolkendecke ließ eine Welt erkennen, die aus dieser Entfernung von der Erde nicht zu unterscheiden war. Drei Spezialkameras machten laufend Aufnahmen und trugen auf diese Weise ein vollständiges Kartenwerk von Deneb V zusammen. Picart nahm die Auswertung der sofort entwickelten Fotos vor. Und er fand die Siedlung.

„Ich habe sie!“ schrie er vor Freude außer sich. „Hier, Leute! Hier wohnen Menschen!“

Das Bild ging von Hand zu Hand. Flache Steinhäuser standen auf einer weiten Ebene verstreut. Etwa drei Kilometer davon entfernt ragten die Trümmer eines Großraumschiffes in den Himmel.

„Eine gestrandete Expedition.“

„Aber warum funken sie nicht? Sie müssen uns längst mit dem bloßen Auge gesehen haben.“

Überall Achselzucken. „Das Raten hat keinen Sinn mehr. Wenn wir gelandet sind, werden wir alles erfahren. Geben Sie dem Leutnant die Koordinaten, Picart. Und wir werden uns langsam fertig machen. – Halt! Noch einen Augenblick!“

White, Bart und van Riel waren bereits aufgesprungen, um in ihre Kojen zu gehen.

„Ich habe noch eine Erklärung abzugeben“, sagte McNamara in offiziellem Ton. „Ich bin Ihr Kommandant, auch nach der Landung. Jeder einzelne von Ihnen ist mir und seinen Kameraden Disziplin schuldig. Die Leute dort unten aber stehen außerhalb unseres Bordrechts. Sie sind eine Gemeinschaft für sich. Sie waren vor uns da, und deshalb gehört ihnen der Planet, vorausgesetzt, es sind keine eingeborenen Intelligenzen vorhanden. Wir legen Wert auf gutes Einvernehmen. Offizielle Verhandlungen zwischen ihnen und uns sind nur durch mich oder einen von mir Beauftragten möglich. Ich hoffe, das ist soweit klar.“

„Jawohl, Captain!“

„Okay! Ordnen Sie Ihre Privatsachen. In zehn Minuten sind Sie wieder hier auf den Plätzen. Ausrüstung – leichter Expeditionsanzug.“

„Mit Schußwaffen, Sir?“

„Mit Schußwaffen. – Noch eins, White und van Riel, Sie kümmern sich außerdem um die beiden Raupenfahrzeuge. Es ist möglich, daß wir sie sofort brauchen.“

Die Männer traten weg, bis auf Ray, Stahlberg und Foster. Der Funker saß noch immer an seinem Gerät, als warte er auf ein Wunder. Er rief höfliche Anreden und derbe Flüche ins Mikrofon und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Irgend etwas stimmt bei diesen Zeitgenossen da unten nicht, Captain. Entweder sind sie böswillig oder geisteskrank. Sie wollen nichts mit uns zu tun haben.“

„Das werden wir in Kürze sehen. Machen Sie sich fertig, Foster. Dr. Stahlberg wird solange Ihren schweigenden Kasten in Obhut nehmen!“

„Okay, Sir!“ David Foster ging.

„Joes Vater ist also der Bürgermeister“, rekapitulierte McNamara. „Wir werden uns zunächst an ihn wenden. Einen Nachnamen hat der Junge nicht gesagt, nicht?“

„Nicht seinen eigenen. Der Arzt heißt Dr. Bertram, wie ich mich erinnere. Dann gibt es noch zwei etwas undurchsichtige Gestalten …“

„Faber und Valesco, stimmt. Faber hatte Lungenentzündung. Ja, und dann war da der Vater der Doris. La Roche. – Das wäre alles, was wir wissen.“

„Es genügt, Captain. Ich denke, die Herrschaften werden sich sowieso vorstellen.“

 

7

Das Boot landete auf einem hochgelegenen Plateau in der Nähe des großen Raumschiffwracks. Im Dorf war es lebendig geworden. Ein kleiner Raupenschlepper zeitgenössischer Bauart tauchte zwischen den Häusern auf und näherte sich mit minimaler Geschwindigkeit.

„Wir brauchen nur einen Wagen“, entschied McNamara. „Lassen Sie Ihren im Hangar, White, und helfen Sie van Riel bei seinem!“

„Okay, Sir!“

Nachdem jeder seine Nase in die angenehme Luft gesteckt hatte, mußten Leutnant Ray und Picart wieder ins Boot zurück. Sie blieben nach Dienstvorschrift bis zur zeitlich unbestimmten Ablösung an Bord, wie es das terranische Raumrecht auch in ungefährlichen Fällen verlangte.

„Wir werden ihnen entgegenfahren“, entschied der Captain. Fünf Mann saßen auf. McNamara und Stahlberg gingen neben dem Raupenschlitten her. Van Riel mußte im Schrittempo fahren.

Hinter dem fremden Fahrzeug kamen Menschen gelaufen. Das ganze Dorf schien auf den Beinen zu sein. Auch Kinder waren zu sehen.

Das fremde Fahrzeug hielt, als es noch zweihundert Meter entfernt war. Die Dorfbewohner drängten heran and wollten es überholen. Doch ein paar laute Befehle zwangen sie, sich wieder zurückzuziehen.

„Wenn das der Bürgermeister ist, muß ich ihm gratulieren. Er hat seinen kleinen Haufen gut in der Gewalt. Vielleicht ist er sogar sein eigener Polizeipräsident.“

Bei David Fosters hörbarer guter Laune konnte Moreira nicht schweigen. „Sagen Sie nicht ‚kleiner Haufen’ zur Zivilisation dieses Planeten. Die Menschen könnten empfindlich sein.“

Die Menschenmauer bewegte sich nicht mehr weiter, als der kleine Raupenschlitten wieder Fahrt aufnahm.

„Hier fehlt ein Friseur“, sagte White, der durch ein Fernglas sah. „Sie tragen Bärte wie Vogelnester.“

„Hallo, sehen die grimmig aus“, stellte Bart fest, und keiner widersprach ihm.

Die Fahrzeuge hielten kaum zehn Meter voneinander entfernt. Die Männer sprangen ab. Captain McNamara ging auf einen hünenhaften Burschen zu, der sich seinerseits von seinen drei Begleitern gelöst hatte.

„Friede und Wohlstand für Deneb V“, sagte McNamara mit erhobener Hand, in die der andere einschlug.

„Friede und gute Fahrt Ihrer Besatzung. Es ist uns eine Ehre, Freunde von Terra in unserem Reich begrüßen zu können. In wessen Auftrag kommen Sie, Captain?“

„In unserem eigenen“, entgegnete McNamara lächelnd, wurde aber sofort zurückhaltender, als er in dem Gesicht des anderen eine verbindliche Reaktion vermißte. „Wir bitten um Ihre Gastfreundschaft, Bürgermeister. Ich habe doch recht, daß Sie der Bürgermeister sind? – Mein Name ist übrigens McNamara, Mike McNamara.“

„Ich heiße Faber. Woher wissen Sie, daß ich der Bürgermeister bin, und woher kennen Sie diese Titulation?“

„Nun, von Terra, Mr. Faber. Es ist eine Bezeichnung, wie man sie bei einem Anwesen von etwa hundertundfünfzig Menschen instinktiv gebraucht. – Darf ich Sie mit den Herren meiner Besatzung bekannt machen?“

Für eine Weile gerieten die Menschen durcheinander und schüttelten sich die Hände. Fabers Begleiter hießen Velasco, Carter und Raminaz. Sie waren jedoch unverbindlich in ihrer Art wie der Bürgermeister.

Den Männern aus dem Boot ging das an die Nerven. Die meisten von ihnen hatten gestutzt, als sie Fabers Namen hörten, und sich sofort für dezente Zurückhaltung entschieden. Lediglich White glaubte, die Kühle des Empfangs kritisieren zu müssen.

„Mr. Faber! Sie sollten mehr lächeln. Seit Wochen und Monaten freuen wir uns auf die Landung bei Ihnen, und Sie tun, als sei unser Besuch eine alltägliche Sache. Ich möchte aber wetten, wir sind die ersten Gäste seit Ihrer Bruchlandung hier.“

„Mr. White!“ rief der Captain scharf. „Ich denke, Sie überlassen die Verhandlung mir. Ich bin überzeugt, man wird uns Quartiere zuweisen, damit wir uns akklimatisieren können. Bürgermeister Faber und seine Gemeinde erleben nicht täglich eine Überraschung wie diese. Man gewöhnt sich nicht innerhalb von zwei Stunden aneinander.“

McNamaras Rede klang konfus und ohne Überzeugung. Immerhin überbrückte er den peinlichen Augenblick.

„An Quartieren soll es nicht fehlen, Captain“, erklärte Faber dann. „Ich hoffe, Sie wohnen bei mir. Ihre Besatzung werden wir auf die Haushalte meiner Freunde verteilen. Es soll Ihnen an nichts fehlen. Und … denken Sie nicht, daß wir hier humorlos geworden sind. Ich habe durchaus Verständnis für Mr. Whites Enttäuschung. Vielleicht hat er geglaubt, daß es wesentlich feierlicher zugehen müsse, wenn sich Menschen begegnen, die über dreihundertachtzig Lichtjahre voneinander entfernt gewohnt haben. Ich selbst habe es mir auch anders vorgestellt. Denn einmal mußten wir ja damit rechnen, daß wieder Menschen zu uns kommen. Aber wenn der Augenblick da ist, dann ist er zu gewaltig, als daß man die richtigen Worte dafür finden könnte.“

„Ich danke Ihnen, Mr. Faber. Wir freuen uns auf Ihr Dorf und auf seine Menschen. Dürfen wir Ihrem Wagen nachfahren?“

„Aber natürlich! Sie sind vorhin zu Fuß gegangen. Wollen Sie nicht auf meinen Wagen steigen?“

„Danke, gern!“

Die kleine Karawane setzte sich in Bewegung. Die Raumfahrer hatten angenommen, daß ihnen jetzt die Menschenmenge entgegeneilen würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Man wich scheu zurück. Lediglich einzelne Menschen versuchten aus der Reihe auszubrechen und auf den Wagen der Raumfahrer zuzulaufen. Zwei Männer und drei Frauen. Die Menge aber drängte sie zurück und erstickte ihre Rufe.

McNamara wurde noch nachdenklicher bei dieser Szene, genau wie Stahlberg, Moreira und die anderen. Einige Wortfetzen waren zu verstehen gewesen, und die Art, wie man die Reaktion dieser Menschen unterdrückte, ließ darauf schließen, daß Faber hier einen kleinen Polizeistaat errichtet hatte.

„Sie wissen vor Begeisterung nicht, wohin“, sagte Faber steif. „Doch ich werde dafür sorgen, daß Sie nicht belästigt werden.“

Der Captain lächelte einen verbindlichen Dank, denn von diesem Augenblick an hatte er sich entschlossen, zu heucheln. Die aus der Reihe brechenden Menschen hatten lediglich nach ihrer Befreiung geschrien. Sie hatten wissen wollen, ob das Schiff sie endlich nach Terra holte. Nicht mehr und nicht weniger. Bestimmt war keinem der Unterdrückten aufgefallen, daß es sich nur um ein kleines Beiboot handelte, das ihnen keinerlei Hoffnungen geben konnte.

Lediglich ein Umstand gab McNamara noch zu denken. Es waren nur einzelne gewesen, die sich gegen die Absperrung aufgelehnt hatten. Die weitaus meisten Dorfbewohner hatten sich diszipliniert und durchaus im Sinne ihrer sonderbaren Gesetze verhalten.

,Wir werden vorsichtig sein’, nahm sich der Captain vor. ‚Aber ohne Vorurteil.’

Das Dorf war ein Schmuckstück. Die Lehm- und Ziegelhäuser waren im terranischen Gegenwartsstil erbaut und blitzten vor Sauberkeit. Ein jedes lag inmitten eines weiträumigen Gartens. Exotische Pflanzen verschiedener Größe leuchteten in einem frischen, gelblichen Grün. Und über allem lag eine strahlende, weiße Sonne. Zum Zentrum hin standen die Häuser etwas dichter. Offenbar handelte es sich um Werkstätten und Depots. Das einzige zweistöckige Gebäude mochte das Rathaus sein, oder auch der Reichstag. Wie sich bald herausstellte, stimmte diese Annahme. Allerdings war dieses Haus auch gleichzeitig Fabers privater Wohnsitz.

Die beiden Fahrzeuge hielten auf dem Platz vor dem Rathaus. Die Männer sprangen herunter und vertraten sich die Beine.

Faber zeigte auf das zweistöckige Gebäude.

„Mein Haus ist Ihr Haus, Captain. Ich hoffe, es wird Ihnen gefallen.“

„Ich bin überzeugt davon.“ Dr. Moreira hätte es nicht steifer sagen können.

Wenig später erreichte die Schar der Dorfbewohner den Platz. Die Menschen waren gelaufen, als gälte es ein Rennen zu gewinnen, doch in der Nähe des Dorfplatzes bewahrten sie wieder ihre auffällige Zurückhaltung. Sie kamen nicht näher als auf fünfzig Schritte. Lediglich drei Männer lösten sich auf Fabers Zuruf aus der Menge und kamen näher.

„Sie werden bei unseren zuverlässigsten Leuten wohnen, meine Herren, und in den besten Häusern. Sie gestatten, daß ich noch ein paar notwendige Instruktionen gebe.“

„Aber selbstverständlich, Sir!“

Faber ging mit den sechs Leuten einige Schritte beiseite. Das war die letzte Gelegenheit für den Captain, ungestört mit seiner Besatzung zu sprechen.

„Achtung, Leute! Die da drüben wollen unsere Quartierwirte spielen. Für jeden einer. Das heißt, daß sie uns auseinandersperren …“

„Sie trauen ihnen nicht, Captain?“ fragte Bart.

„Unterbrechen Sie mich nicht. Wir haben vielleicht nur ein paar Sekunden Zeit. Ich werde die Einzelwohnungen im Namen aller höflich ablehnen. Begründung: Jeder Offizier ist gewohnt, mit seinem Burschen zu wohnen. Sie, Foster, kommen zu mir. Und Sie sorgen dafür, daß das Funkgerät aus dem Wagen mit ins Bürgermeisterhaus kommt. Einschließlich Morsetaste, für den Fall, daß wir nicht laut sprechen können. Sie, Riel, gehen mit Dr. Moreira, White mit Dr. Stahlberg.“

„Und ich bleibe solo“, ergänzte Niels Bart.

„Sie kommen auch zu mir. Als Captain darf ich mir zwei Burschen leisten. Und achten Sie auf Ihre Waffen. Wenn man etwas gegen uns unternehmen will, wird man es zunächst auf die Pistolen abgesehen haben. Im übrigen sind wir keine Schiffbrüchige, verstanden?“

„Verdammt! Das klingt alles sehr kriegerisch. Glauben Sie, daß es so ernst ist?“

„Vorsicht! Sie kommen zurück. Machen Sie einen Witz, Foster, wenn Ihnen etwas einfällt.“

Der Funker war nicht verlegen drum. Sein Grinsen wirkte durchaus natürlich. „Wir wollen nicht hoffen, Mr. Faber, daß Sie den Weihnachtsmann spielen möchten. Wir haben keine Geschenke für Sie und brauchen deshalb auch keine Gastgeschenke von Ihnen. Sie würden uns nur in Verlegenheit bringen …“

„Das war wieder einmal übers Ziel hinausgeschossen“, mischte sich sofort der Captain ein. „Ich muß um Entschuldigung bitten, Mr. Faber. Mein Bursche scheint zu vergessen, daß wir Gäste sind. Wir wissen nicht, womit wir Ihre Gastfreundschaft wiedergutmachen können. Als wir zur Landung ansetzten, hatten wir keine Ahnung davon, daß uns hier Menschen empfangen würden.“

„Schon gut, Captain“, sagte Faber mit krampfhafter Bemühung um ein freundliches Gesicht. „Unser Planet ist reich genug, um Sie kostenlos zu bewirten. Darf ich Sie jetzt Ihren Gastgebern vorstellen?“

Details

Seiten
139
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922080
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437520
Schlagworte
aufstand cygnus

Autor

Zurück

Titel: Aufstand im Cygnus