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ROY MATLOCK #13: Jagd auf 52.000 Dollar

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Jagd auf 52.000 Dollar

Klappentext:

Roman:

ROY MATLOCK

 

Band 13

 

Jagd auf 52.000 Dollar

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Der Eisenbahnmarshal Roy Matlock hat den Bewohnern der Stadt Wamsutter im Kampf gegen eine skrupellose Banditenhorde geholfen. Die Bande ist vernichtet. Marshal Maurer und seine Stadt atmen auf - aber nicht für lange. Denn der Marshal hat 52 000 Dollar sicherstellen können – die Beute aus mehreren Überfällen.

Sam Bloomfield und seine Freunde erfahren davon. Von dieser Minute an sind sie entschlossen, das Geld an sich zu bringen. Und Roy Matlock muss wieder kämpfen – aber diesmal nicht in der Stadt, sondern in der Einsamkeit einer winterlichen Wildnis ...

 

 

 

 

 

 

Roman:

Durch das kleine Stück Scheibe, das Roy Matlock vom Eis befreit hatte, konnte er den Mann gegenüber vor dem „Whiskyfass“ Saloon sehen. Es war ein großer, wettergegerbter Mann, der eine dicke Felljacke trug; ein dunkelblonder Mann mit bernsteinfarbenen Augen.

„Ist er noch da?“, fragte Marshal Maurer.

Roy Matlock nickte und wandte sich um. Er blickte zuerst den Marshal, dann die drei Deputies an. Sie standen rechts neben dem Gewehrständer und schienen sich zu langweilen.

„Ja, er ist noch da“, sagte Roy Matlock. „Er blickt herüber.“ Er schaute auf den Geldscheinberg auf dem Schreibtisch und lächelte. „Und ich kann mir denken, wieso er und seine Freunde noch hier sind.“

„Ich auch“, knurrte der Marshal und schob ein paar der Scheine zur Seite. „Das ist Ihr Geld, Matlock.“

Roy ging näher, nahm das Geld an sich und steckte es in die Tasche seiner Wolffelljacke.

„Sie sind nur fünf“, sagte der Marshal. „Sie werden wissen, dass sie das Geld nicht holen können.“

Roy Matlock wandte sich ab und ging zum Fenster zurück. Drüben vor dem Saloon stand der Mann immer noch neben dem Schneehaufen. Wie Rauch kam der Atem weißgrau aus seinem Mund.

„Aus seinen Augen leuchtet Hunger“, sagte Roy leise. „Geldhunger, Marshal. Vielleicht fällt ihm und seinen Freunden doch etwas ein. Ich würde zusehen, dass das Geld aus der Stadt verschwindet.“

„Wohin?“

„Dorthin, wohin es gehört.“

„Blanding hat es zusammengeraubt. Es gehört der Eisenbahn und verschiedenen Postgesellschaften. Alle kennen wir gar nicht. Wir wissen auch nicht, wie es aufgeteilt werden muss.“

„Es müsste nach Cheyenne gebracht werden, Marshal. Die Bahn kann sich dann darum kümmern, dass es gerecht aufgeteilt wird. Das ist nicht Ihre Sache. Aber ich kann hier gerne unterstützend tätig sein Sie wissen ja, dass ich für die Union Pacific arbeite.“

„Seit zwei Tagen ist kein Zug mehr gekommen, Matlock. Die Telegrafen sind in beiden Richtungen unterbrochen. Wamsutter ist von der Außenwelt abgeschnitten, verstehen Sie?“

„Vielleicht kommt heute noch ein Zug.“ Roy blickte immer noch zu dem Mann hinüber, der reglos in der Kälte stand.

„Glaube ich kaum“, brummte Dean Haller, einer der Deputies. „Die Laramie Range sind sicher zugeschneit.“

„Dann müsste immerhin noch der Weg nach Rock Springs frei sein“, erwiderte Roy Matlock und drehte sich um.

Marshal Maurer, der untersetzte, wuchtige Mann, schob das Geld in einen nicht sehr großen Ledersack und schnürte ihn zu.

„Irgendwann wird ein Zug kommen und das Geld mitnehmen“, sagte er. „Bis dahin behalte ich es.“ Er blickte von einem seiner Männer zum anderen.

Dean Haller, Dan Olsen und Jace Salida grinsten ihn an.

„Natürlich“, sagte Olsen. „Und wir werden dafür sorgen, dass sich daran nichts ändert.“

Roy Matlock ging zur Tür und öffnete sie. Die Kälte drang in das Office herein. Das Feuer im Kanonenofen prasselte heftiger. Roy ging hinaus und schloss die Tür. Mit schnellen Schritten überquerte er die schneebedeckte, hartgefrorene Straße, ging an dem hartgesichtigen, wettergegerbten Bloomfield vorbei und betrat den Saloon.

Vor der Theke stand Rose Trogan, das mittelgroße, schlanke Mädchen mit den roten Haaren und dem schmalen, weißen Gesicht.

„Nein“, knurrte der Keeper. Sein verbittertes Nörgelgesicht schien sich zusammenzuziehen. „Tut mir leid, Rose, kann ich nicht machen.“

Roy Matlock war stehengeblieben. Er sah die vier Männer, von denen er wusste, dass sie zu Sam Bloomfield gehörten. Die Männer lachten rau, blickten aber nicht Roy, sondern das Mädchen an.

„Verstehst du ihn?“, fragte der eine seinen Nachbarn. „Er weigert sich, dem netten Mädchen Arbeit zu geben. Er muss verrückt sein.“

„Ja, Clark, er muss verrückt sein“, bestätigte der Mann.

Roy Matlock ging zur Theke weiter und lehnte sich dagegen. Das Mädchen blickte ihn hilflos an.

„Warum wollen Sie Rose nicht helfen, Ogden?“, fragte er. „Ich weiß, ihr wollt sie aus der Stadt haben, weil sie euch an Blanding erinnert.“

„Weil sie seine Geliebte war“, zischte der Keeper scharf. „Er war ein Bandit, und sie hat von seinem Treiben gewusst und ihn unterstützt.“

„Sie war krank. Er hat ihr das Leben gerettet. Sie sollten die Dinge so sehen, wie sie sind, Ogden. Ich glaube nicht, dass die Stadt schuldlos ist.“

„Was geht Sie das eigentlich an, Mr. Matlock?“, fragte der Keeper.

„Nichts. Ich wollte Ihnen nur einen Rat geben, Mr. Ogden.“

„So?“

„Ja.“

„Was für einen Rat?“

„Beschäftigen Sie Rose Trogan, damit sie zu Geld kommt. Sie würde die Stadt sicher verlassen, sobald sie in der Lage ist, eine Fahrkarte zu kaufen. Nicht wahr, Rose?“

„Natürlich. Ich will nichts als eine Fahrkarte bis in die nächste Stadt, Mr. Ogden. Ich habe nie mehr gewollt.“

Der Keeper schüttelte den Kopf und sagte: „Es bleibt dabei. Ich habe nicht die geringste Veranlassung, mich mit den Leuten der Stadt zu überwerfen. Überhaupt, ich beschäftige keine Mädchen mehr. Wamsutter ist eine friedliche Stadt geworden.“

Roy Matlock griff nach dem kalten Arm des Mädchens und zog es mit sich an einen Tisch.

„Immerhin habe ich das gestohlene Geld wiederbekommen“, erklärte er. „Schütteln Sie nicht den Kopf, Rose. Ich sehe, dass Sie den gleichen Hunger haben wie ich.“ Er hob den Kopf. „Ogden!“

Der Keeper kam um die Theke herum.

„Einen Whisky!“, rief einer der vier Männer, die auf der anderen Seite des breiten Mittelganges saßen.

Ogden blieb unentschlossen stehen.

„Ich hatte zuerst gerufen“, sagte Roy Matlock in die entstandene Stille und lächelte die vier Männer freundlich an. Er ahnte, was sie wollten. Es war langweilig für sie, und vielleicht dachten sie auch an das Geld in Maurers Office. Vielleicht wussten sie längst, dass er wesentlich an der Vernichtung von Blandings Bande beteiligt gewesen war. Und vielleicht wollten sie jetzt das Kräfteverhältnis in der Stadt verändern - zu ihren Gunsten.

Plötzlich stand der fünfte Mann - Sam Bloomfield - im Saloon. Er wippte auf den Zehenspitzen und grinste den Keeper herausfordernd an.

„Haben Sie nicht gehört, dass mein Freund einen Whisky verlangte?“, fragte er.

Roy spürte die kalte Hand des Mädchens auf seinem Arm und blickte es an.

„Die Männer haben von dem Geld gesprochen“, flüsterte Rose Torgan. „Und von Ihnen, Roy. In Ihnen sehen sie die größte Gefahr.“

„Wofür?“

„Sie wollen das Geld.“

Der Keeper stand immer noch unentschlossen im Gang.

Roy Matlock lehnte sich zurück.

„Wir haben Zeit“, sagte er.

Aus Sam Bloomfields Gesicht verschwand das Grinsen wie weggewischt.

Roy lächelte ihn gewinnend an. Bloomfield schien jedoch zu erkennen, dass es blanker Hohn war.

Ogden ging erleichtert zur Theke zurück und schenkte einen Whisky ein. Als er damit an den Tisch der Männer kam, sagte einer von ihnen: „Nimm ihn wieder mit. Jesse will ihn nicht mehr.“

Bloomfield ging zu einem Tisch und lehnte sich leicht dagegen. Er grinste wieder.

Der Keeper ging wortlos zur Theke zurück. Er stellte das volle Glas ab, dann kam er erneut auf Roy Matlock und das Mädchen zu.

„He!“, rief da ein anderer der Männer. „Ich will noch Sodawasser!“

„Sofort.“

„Jetzt!“ Der Mann sprang auf.

Roy Matlock sah, dass es ein sehr junger, blonder Mann mit hellen Augen war. Er hatte etwas Hitziges und Wildes an sich.

Der Keeper war abermals stehengeblieben. Bloomfield grinste breit.

„Es ist vielleicht besser, Sie bedienen Lamp“, meinte Bloomfield. „Er ist Texaner - ein sehr hitziger Texaner, verstehen Sie?“

Der Keeper hustete dünn und blickte Roy Matlock über die Schulter an.

„Natürlich, Ogden. Wir haben wirklich Zeit“, sagte Roy Matlock.

Der Keeper zuckte die Schultern und ging wieder zur Theke.

Lamp Tryon, der junge Texaner, kam um dem Tisch herum und auf Roy und das Mädchen zu. Er blieb vor ihrem Tisch stehen, beugte sich vor und griff nach der Kante der Tischplatte.

„Was sind Sie nur für ein Kerl?“, fragte er zischend. „Wieso kann man von einem Feigling behaupten, er hätte die Bande Blandings zerschlagen? Ihr Job als Eisenbahn-Marshal bedeutet nicht, dass Sie unfehlbar sind.“

„Wer behauptet das?“

„Jeder in dieser Stadt erzählt es.“

„So? Ich habe die Leute nicht aufgefordert, es zu erzählen, junger Mann. Gehen Sie hinaus und sagen Sie den Männern, dass niemand mehr davon reden soll.“

Das Gesicht des Texaners überzog sich mit flammender Röte. Roy Matlock sah, dass die anderen abwartend auf ihren Stühlen saßen. Sam Bloomfield hatte sich umgewandt und schien warten zu wollen, was weiter geschah.

Tryon schleuderte den Tisch mit einer jähen Bewegung zur Seite.

Rose Trogan stieß einen Schrei aus. Roy Matlock stand auf den Beinen, noch bevor Tryon sich wieder aufgerichtet hätte. Seine Faust stach vorwärts und traf den jungen, hitzigen Texaner gegen die Kinnspitze.

Tryon wurde von der Wucht des Hiebes rückwärts geschleudert und flog über den nächsten Tisch hinweg. Der Stuhl, den er umriss, zerbarst.

Rose Trogan stieß wieder einen Schrei aus.

Roy Matlock wirbelte herum. Durch die Drehung entging er der Kugel, die mit einem dumpfen Pochen hinter ihm in die Wand fuhr. Bloomfield hatte den Revolver in der Hand. Der Knall des Schusses hing noch im Saloon. Aus der Mündung des Revolvers kräuselte sich ein dünner, grauer Rauchfaden.

Roy Matlock sprang zur Seite und griff zur Waffe. Die anderen; standen nun ebenfalls.

Bloomfield schoss wieder. Die Kugel zog einen hellen Strich auf eine Tischplatte, dann ging sie abermals vorbei.

Roy Matlock schoss zurück. Seine Kugel riss Bloomfields Felljacke am linken Ärmel auf.

Da bewegten sich die anderen. Aber in der nächsten Sekunde flog die Tür auf. Marshal Maurer und zwei seiner Deputies stürmten mit Schrotgewehren in den Händen herein.

„Halt!“, rief der Marshal mit schneidender Schärfe. „Bloomfield, wenn Sie noch eine Weile leben wollen, dann lassen Sie den Colt fallen!“

Die beiden Deputies hatten ihre Waffen auf die drei anderen Männer gerichtet.

Die Waffen klirrten auf den Boden.

„Es war ja nur ein kleiner Spass“, sagte Bloomfield und grinste unglücklich. „Sonst wäre er längst tot, Marshal. Das können Sie glauben.“

Roy Matlock schob den Colt in das Holster und blickte auf Lamp Tryon, der sich gerade erhob und sein Kinn betastete. Die Augen des jungen, wilden Texaners hatten sich verdunkelt, und ohne die Lage richtig zu verstehen, fluchte er grimmig und stieß den Tisch, der zwischen ihm und Roy Matlock stand, zur Seite.

„Lamp!“, rief Bloomfield scharf. „Es war nur ein Spaß, verstehst du!“

Verwirrt wandte Tryon sich um.

„Der Marshal ist da“, sagte Roy Matlock mit einem Lächeln.

„Dean, sammeln Sie die Waffen ein und nehmen Sie die Patronen heraus!“, kommandierte der Marshal.

Haller hob die Waffen auf und entlud sie auf einem Tisch. Dann trat er zurück.

Roy Matlock ging zu dem Mädchen und lehnte sich neben ihm an die Wand. Er sah, dass der Marshal unentschlossen war. Sicher wusste er nicht, was er mit den Männern nun anfangen sollte.

„Ihr habt alle fünf Pferde“, sagte Maurer schließlich. „Nehmt eure Revolver und die Pferde und verlasst die Stadt. Jetzt auf der Stelle. Verstanden?“

Bloomfield wandte sich um.

„Wir sind nicht taub. Marshal“, gab er zurück, ging zu dem Tisch, auf den Haller die Revolver gelegt hatte, und griff nach seiner Waffe. Er schob sie in das Holster und nickte den anderen zu.

 

*

 

Roy Matlock wandte sich vom Fenster ab, als die drei Männer aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Der im Schnee dumpf klingende Hufschlag wurde schwächer und verlor sich schließlich.

„Die sind wir los“, sagte der Marshal. „Noch einmal versuchen sie es nicht.“ Er blickte Roy an. „Wie lange bleiben Sie noch in der Stadt?“

„Bis ein Zug kommt. Sie wissen doch, ich will nach Cheyenne.“

„Und Sie, Rose?“

„Sie wird die Stadt verlassen, sobald sie kann“, sagte Roy Matlock schnell. „Mit dem nächsten Zug.“

„Ich habe kein Geld.“

„Wenn der nächste Zug kommt, werden Sie Geld haben“, sagte Roy.

Marshal Maurer klemmte seine Parker unter den Arm und ging hinaus. Seine beiden Deputies folgten ihm.

Roy Matlock stellte den Tisch und die Stühle an ihre Plätze und setzte sich.

Rose lehnte immer noch an der kalten Saloonwand. Ogden stand hinter der Theke und hustete verlegen.

„Wie ist es denn nun mit Steaks und Kartoffeln?“, erkundigte sich Roy Matlock.

Der Keeper ging in die Küche und schmetterte die Tür hinter sich zu.

Rose setzte sich.

„Diese Stadt hasst mich so sehr, dass ich niemals mit einem Zug von hier wegfahren werde“, sagte sie leise. „Ich werde laufen müssen.“

„Bei dem Wetter jetzt kommen Sie keine fünf Meilen weit, Rose. Ich habe Geld - genug für uns beide, um nach Cheyenne zu kommen.“

„Ich will nicht nach Cheyenne.“

„Wohin denn dann?“

„Das weiß ich noch nicht. Das werde ich vermutlich erst erfahren, wenn ich dort bin. Alles weitere wird sich irgendwann heraussteilen.“ Roy Matlock drehte sich eine Zigarette und brannte sie an. „Auf jeden Fall werde ich sicher keine Ruhe haben. Ein neuer Job bedeutet auch immer ein gewisses Risiko.“

„Ich würde Ihnen helfen, wenn ich könnte.“

„Sie können nicht, Rose“, sagte er schroff. „Es ist gut, dass Sie nicht können. Nehmen Sie von mir fünfzig Dollar an? Sie können davon leben, bis ein Zug kommt, auch wenn darüber noch eine ganze Woche vergeht. Es reicht dann auch noch für eine Fahrkarte.“

Sie blickte ihn an, und er sah den Hoffnungsschimmer in ihren Augen. Aber sie schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, dass es an sich eine Beleidigung ist“, sagte Roy Matlock. „Aber nicht in unserem Fall. Sie haben mir sehr geholfen, Rose. Sie haben es verdient. Sagen Sie nicht nein.“

Sie griff nach seiner Schulter und presste sie zusammen, so sehr sie konnte.

„Sie sind der einzige, der nett zu mir ist, Roy. Ich werde das nie vergessen. Das verspreche ich Ihnen. Nein, ich nehme Ihr Geld nicht. Aber solange wir zusammen sind, will ich Ihre Hilfe gern in Anspruch nehmen.“

 

*

 

Sam Bloomfield parierte sein Pferd. Die vier anderen Männer folgten seinem Beispiel.

Clark Bassett, der mittelgroße, etwa fünfunddreißigjährige Reiter mit den dunklen Augen und dem schmalen Bart über der Oberlippe, beugte sich über den Hals seines Pferdes, um durch den aufgewirbelten Schnee besser sehen zu können.

Jesse O’Neil, der hartgesichtige Mann mit der rauhen Stimme, sagte: „Es ist ein Reiter, Clark.“

Ned Pherson griff nach dem Colt. Er war ein kleiner, schmächtig wirkender Mann, der ein dreieckiges Wolfsgesicht hatte. Er sah nicht intelligent, aber sehr bösartig aus.

„Lass das, Ned“, murmelte Bloomfield, der die Hände aneinander rieb, um sie zu wärmen. „Sieht aus, als wäre es ein Postreiter.“

„Postreiter?“, fragte Pherson, während er den kalten Coltkolben zögernd losließ. „Der hat vielleicht etwas bei sich, was wir gebrauchen könnten.“

„Unsinn. Heute schickt kein Mensch noch Wertsachen mit einem Postreiter von Osten nach Westen oder umgekehrt.“

Der Reiter war nun so nahe gekommen, dass sie ihn alle fünf deutlich erkennen konnten. Er trug einen langen Wollmantel, auf dem eine dünne Schneeschicht lag. Quer über den Knien hatte er sein Sattelgewehr, das er jetzt anhob und mit der Kolbenplatte gegen die Hüfte stemmte. Fünf Yards von den Männern entfernt hielt er an.

„Hallo“, rief Bloomfield. „Kommen Sie von Rock Springs? Warum fährt die Bahn nicht? Die Schienen sind freigefegt.“

„Eine Brücke ist eingestürzt“, erwiderte der Postreiter und kam näher.

Bloomfield blickte auf den warmen, grauen Atem des Pferdes, der in die Luft stieg und zerflatterte.

„So, eingestürzt“, murmelte er.

„Ja. Ungefähr vierzig Meilen von hier entfernt, Mister. Es wird so schnell kein Zug mehr fahren. Die Laramie Range sind zugeschneit.“

„Wann wird die Brücke wieder aufgebaut?“, wollte Tryon, der junge Texaner, gespannt wissen.

„Nicht bevor es taut. Wahrscheinlich erst, wenn der Fluss, über den sie führte, kein Hochwasser mehr hat.“

„Aha“, sagte Bloomfield. „Sie sind unterwegs, um diese Nachricht nach Wamsutter zu bringen, was?“

„Ja.“

„Dann wollen wir Sie nicht aufhalten.“ Bloomfield nickte dem Mann zu und ritt um ihn herum.

Seine Freunde folgten ihm.

Der Postreiter verschwand im wirbelnden Schnee.

Bloomfield winkte den anderen, dichter neben ihm zu reiten.

„Das Geld wird in Wamsutter bleiben“, sagte er.

„Wenn sie es nicht mit einer Kutsche fortbringen“, schränkte der Texaner ein.

„Mit einer Kutsche? Was glaubst du, wie weit würde sie kommen, Lamp? Sie bleibt in der ersten Schneewehe hoffnungslos stecken."

„Was nützt uns das alles?“, knurrte Pherson. „Sie haben uns aus der Stadt gejagt und werden nun aufpassen, dass wir nicht mehr zurückkommen.“

„Sicher werden sie aufpassen“, sagte Bloomfield. „Wir müssen ein paar Tage vergehen lassen. Sie vergessen uns bald. Dann kommen wir zurück. Wir kommen, wenn es dunkel ist. Ich habe schon einen Plan.“

„Und wo wollen wir bleiben, bis es soweit ist?“, fragte Bassett. „Ich habe jetzt schon, kalte Füße.“

„Erinnert ihr euch an den alten Farmer, den wir trafen, als wir hierher kamen? Bis zu ihm ist es höchstens noch eine Stunde.“

„Der war froh, als wir wieder verschwunden waren“, meinte Lamp Tryon.

„Stimmt. Diesmal wird er sich über nichts mehr freuen. Du wirst es machen, Lamp.“

„Was?“

„Ihn aus dem Weg räumen“, sagte Pherson und grinste. „Oder gefällt es dir nicht?“

Tryon blickte sie der Reihe nach an. „Ihr wollt doch einen alten Mann nicht einfach über den Haufen schießen?“, fragte er scharf.

„Wir wollen eine Hütte, einen warmen Ofen, genug zu essen und trinken und unsere Ruhe“, erwiderte Bloomfield. „Das alles bekommen wir nur, wenn wir allein sind.“

„Ihr wollt ihn also umbringen?“

„Was hast du dagegen? Matlock wollten wir auch töten. Oder etwa nicht?“

„Matlock ist ein Mann, der sich wehren kann“, sagte der junge Texaner.

„Und wie er sich wehren kann“, sagte Pherson und grinste noch schärfer.

Der junge Texaner trieb sein Pferd so heftig herum, dass es gegen das Tier Phersons prallte und der überraschte Mann aus dem Sattel stürzte.

Doch Pherson rollte über den Boden, sprang flink auf und hatte den Colt in der Faust.

„Aufhören!“, schrie Bloomfield. Pherson ließ den Colt langsam sinken. Der junge Texaner saß bleich im Sattel.

„Ich brauche jeden von euch“, sagte Bloomfield. „Wenn wir das Geld haben, könnt ihr euch umbringen, wenn es euch dann noch Spaß macht. Ned, steig auf!“

 

*

 

„Was wollt ihr schon wieder?“, fragte der alte Mann unfreundlich und hob das Gewehr etwas an, so dass die Mündung auf Bloomfield gerichtet war. „Ich habe euch gesagt, dass ich zu wenig habe, um euch Essen geben zu können.“

„Vielleicht haben wir inzwischen Geld“, sagte Bloomfield.

„Woher solltet ihr Geld haben?“

„Vielleicht hatten wir gestern schon Geld und wollten es nur nicht ausgeben.“ Bloomfield lehnte den Ellenbogen auf das Sattelhorn. „Aber heute geben wir es vielleicht aus, alter Mann“

„Verschwindet!“, knurrte der Farmer. „Ich will euer Geld nicht. Ich kann nicht in die Stadt, um Lebensmittel zu holen. Reitet weiter. Für Geld bekommt ihr anderswo, was ihr haben wollt.“

„Sehr unfreundlich“, sagte Clark Bassett. „Weißt du, das schätzen wir nicht sehr, alter Mann.“

Der Siedler fuhr herum, und plötzlich zeigte die Sharps auf Bassett.

Ned Phersons Hand tastete sich zum Revolver hinunter.

Lamp Tryon ritt auf den alten Mann zu, hielt aber an, als der Alte das Gewehr auf ihn anschlug.

„Sehen Sie nicht, dass meine Freunde und ich nicht weiterreiten?“, fragte der Texaner heiser. „Wir werden hierbleiben. In zwei oder drei Tagen sind Sie uns los und sehen uns nie mehr wieder. Nehmen Sie das Gewehr herunter! Hören Sie nicht?“

„Ich schieße dich aus dem Sattel, mein Junge, wenn du jetzt nicht die Hände hebst!“, knurrte der alte Mann.

In diesem Moment zerriss das Peitschen des Schusses alle anderen Geräusche. Es war ein Revolverschuss. Der alte Mann taumelte in die Brust getroffen rückwärts, prallte gegen die Wand der Hütte und drückte ab.

Lamp Tryon sah den Feuerstoß und spürte den heißen Atem des Geschosses, das an seinem Gesicht vorbeiging. Der Rückschlag riss dem alten Mann das Gewehr aus der Hand. Er röchelte dumpf, fiel auf den Boden und rollte halb um sich selbst, um auf dem Gesicht liegenzubleiben.

Lamp Tryon war mit einem Satz aus dem Sattel und zerrte den Mann, den er an der Jacke packte, herum.

„Mörder“, hauchte der alte Mann. „Ihr Mörder ...“

Das Licht seiner Augen brach langsam.

Lamp Tryon ließ ihn los, richtete sich auf und wandte sich um.

Ned Pherson grinste, während er den Rauch von der Mündung des Colts blies.

„Ned hat dir das Leben gerettet“, sagte Bloomfield. „Trage ihn hinter die Hütte und decke ihn mit Schnee zu. Los, Lamp, beweg dich!“

Lamp Tryon starrte sie an; er schien nicht verstanden zu haben.

„Er hätte besser bei seiner Mannschaft bleiben und wieder nach Hause reiten sollen“, meinte Bassett. „Er ist das Urbild eines Viehtreibers. Ein Romantiker, der neben einer Kiste Geld glatt verhungert.“

„Ned, du Schwein!“, zischte der junge Texaner. Er ging auf Pherson, der immer noch den Revolver in der Hand hatte, zu.

Pherson spannte den Hammer und drehte die Trommel mit dem Zeigefinger eine Raste weiter.

Da stand Tryon neben ihm.

„Was hast du gesagt, Lamp?“, erkundigte sich Pherson freundlich.

„Du bist ein Schwein, Ned. Ich werde dir dafür geben, was du brauchst.“ Tryon griff blitzartig zu, drehte am Bein des Banditen und zog dann so heftig daran, dass Pherson aus dem Sattel stürzte, sich fing und in den Schwinger lief, den Tryon schlug.

Pherson taumelte rückwärts, trat in ein Loch und fiel in den verharschten Schnee. Auf dem Rücken liegend hob er den Revolver.

Tryon, der sich auf den Mann werfen wollte, blieb mit leicht ausgebreiteten Armen stehen. Er hatte einen Revolver, aber er wusste, dass es zu spät war, um ihn noch ziehen zu können.

„Jetzt fährst du zur Hölle, Tex!“, sagte Pherson.

„Und du hinterher, Ned“, hörte Tryon den Bandenführer sagen. Dann drang das scharfe Schnappen eines Repetierverschlusses an seine Ohren.

Pherson wurde bleich. Wie von einem Gewicht gezogen sank sein Revolverarm nach unten.

„Ich habe gesagt, dass ich jeden Mann benötige“, erinnerte der Bandenführer. „Daran hat sich nichts geändert. Lamp, du gewöhnst es dir ab, über meine Befehle nachzudenken. Oder willst du das Geld nicht mehr?“

Tryon wandte sich um. Er hörte, wie Pherson hinter ihm aufstand und sich den Schnee von der Hose schlug.

„Ich will das Geld, aber ich will nicht, dass alte, wehrlose Männer ermordet werden“, stieß Tryon hervor. „Ich gehe an jeden heran. An jeden, verstehst du!“

„Ja, du musst deswegen nicht schreien, Lamp. Ich weiß, wie die jungen Männer in Texas denken. Wir brauchen die Hütte. Und es wird alles so gemacht, wie ich sage. Wie ich sage, verstanden. Du wirst es nicht bereuen. In ein paar Tagen gehört dir soviel Geld, dass du dir in Texas eine große Ranch bauen kannst.“

„Ja“, erwiderte Tryon und blickte zu Boden.

„Die reichen Männer sind alle nicht anders zu ihrem Geld gekommen“, fuhr Bloomfield fort. „Daran musst du denken, mein Junge.“

„Ja“, sagte Tryon noch einmal.

„Gut. Dann schaff den Toten jetzt hinter die Hütte und decke ihn mit Schnee zu.“

„Denkst du, die Wölfe finden ihn dann nicht?“

„Sie finden jeden. Aber wir bekommen kein Loch in den hartgefrorenen Boden.“

Lamp Tryon blickte über die Schulter. Pherson grinste schon wieder. Da ging der junge Texaner an den Pferden vorbei, hob den Toten vor der Hütte auf und trug ihn fort.

„Ich verstehe dich nicht, Sam. Warum machst du dir mit ihm so viel Mühe?“, knurrte Bassett.

Bloomfield schaute ihn an.

„Weil es sich bei ihm lohnt, Clark. Er ist noch ein Junge. In ihm ist noch etwas, das eigentlich mit seinen Kinderschuhen hinter ihm geblieben sein sollte. Er wird lernen, wie ein Mann zu denken. Weißt du nicht, was er für uns wert ist?“

„Er ist ziemlich flink.“

„Nicht nur das, Clark. Er ist auch intelligent und furchtlos. Und er ist ein Mann, der seinem Freund nicht in den Rücken schießen wird. Auch dann nicht, wenn es um sehr viel Geld geht, das nur einer haben kann. Er würde es teilen.“

„Denkst du, wir nicht?“, zischte O’ Neil.

„Ich würde keinem von euch so wie ihm trauen“, gab der Bandenführer zurück. Er stieg ab und warf Pherson die Zügel zu.

„Hättest du wirklich auf mich geschossen?“, fragte Pherson.

„Dachtest du, ich bluffe, Ned?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich habe nicht geblufft, Ned. Ich hätte dich erschossen, bevor du ihn töten konntest. Er hätte dich vielleicht ersetzen können. Du kannst es nicht.“ Bloomfield ging auf die Hütte zu.

Die drei Banditen blickten sich gegenseitig an. Dann stieg Bassett ab.

„Reden wir nicht mehr davon“, sagte er. „Sam hat an dem Tex einen Narren gefressen.“

Jesse O’Neil stieg nun ebenfalls ab. „Wir hätten ihm nie begegnen dürfen“, zischte er. „Irgendwie ist er mir unheimlich. Dir nicht, Clark?“

Bassett wandte sich um und lächelte O’Neil an.

„Nein, mir nicht“, gab er zurück. „Verstehe ich nicht“, brummte Pherson.

„Es ist ganz einfach. Sam hat ihn so geschildert, wie er ist. Lamp will Gerechtigkeit unter seinen Freunden. Er wird nicht nur fair sein und auf sich aufpassen. Er passt auch auf die anderen auf. Auf jeden von uns. Und er wird dafür sorgen, dass einer dem anderen nicht zu einem Unfall verhilft. Deshalb ist er mir nicht unheimlich.“

Bassett ging hinter dem Bandenführer her und betrat die niedrige, halb dunkle Hütte, in der es angenehm warm war.

 

*

 

„Kein Zug“, sagte Marshal Maurer und starrte den Ledersack auf dem Tisch an.

„Nein, kein Zug“, erwiderte der Postreiter. „Es sieht nicht so aus, als würde sich das Wetter in den nächsten vier Wochen ändern.“

„Wenn kein Zug mehr kommt, wird mancher Reiter die Stadt passieren“, sagte Roy Matlock und blickte auf das dunkler werdende Lichtpünktchen an seiner Zigarette. „Jeder Mann in der Stadt weiß, was hier liegt. Jeder Fremde, der sich eine Stunde im Saloon aufhält, wird es erfahren.“

„Eben“, knurrte der Marshal.

Dan Olsen schlug gegen den glatten dunklen Kolben seines Revolvers.

„Und weiter?“, fragte er. „Was ist schon dabei, wenn es die Fremden erfahren, Marshal? Haben Sie Bloomfield und seine Freunde schon vergessen?“

„Das meine ich auch“, mischte sich Haller ein. „Hierher kann kommen, wer will. Wir haben die Stadt in der Hand.“ Roy Matlock zog an seiner Zigarette, ging zum Schreibtisch des Marshals und drückte sie in der Aschenschale aus.

„Es trägt Unruhe in die Stadt“, murmelte Maurer. „Zweiundfünfzigtausend Dollar sind ein Vermögen. Hunderte von Männern würden ihren besten Freund dafür umbringen. Ist es wirklich nicht möglich, mit einer gut bedeckten Kutsche bis Rock Springs durchzukommen?“

Der Postreiter schüttelte den Kopf. „Ganz unmöglich, Marshal. Die Kutsche würde irgendwo in einer Schneewehe steckenbleiben. Reiter kommen durch. Aber auf dem Weg bis Rock Springs warten hundert Höllen. Ich glaube, Sie überschätzen die Gefahr.“ „Meinen Sie?“

„Ja. Gehen Sie zu den Männern und sprechen Sie mit ihnen. Erklären Sie jedem Mann und jeder Frau, was passieren könnte, wenn Fremde von dem Geld erfahren und wenn sie sich in Scharen in der Stadt festsetzen. Erklären Sie es so, dass die Leute Angst bekommen und kein Wort sagen. Dann werden es die Fremden auch nicht erfahren und weiterziehen. Sie werden nach Westen reiten in der Hoffnung, die Union Pacific hätte doch noch eine Arbeit um diese Zeit.“

Roy Matlock ging zum Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Der kalte, beißende Wind wirbelte Schneewolken in die Höhe. Eine Gestalt, die Roy nicht erkennen konnte, hastete auf der anderen Straßenseite vor dem Saloon nach rechts.

Plötzlich war ein Loch in der Schneewand, und Roy Matlock erkannte, dass es Rose Trogan war, die da drüben lief. Dann war der wirbelnde Schnee wieder vor ihr, und sie verschwand wie eine Fata Morgana. Roy Matlock war mit ein paar Schritten an der Tür und riss sie auf. Heulend strich der Wind herein.

„Wohin wollen Sie denn?“, rief der Marshal.

Roy achtete nicht darauf. Er zog die Tür hinter sich zu und sprang zur Fahrbahn hinunter. Er war jetzt sicher, Rose erkannt zu haben. Unruhe erfüllte ihn. Er hatte sie im Saloon zurückgelassen und ihr gesagt, dass sie auf ihn warten sollte.

Nirgends sah er jemanden. Nur wer dringend etwas zu erledigen hatte, verließ sein Haus und setzte sich der klirrenden Kälte aus. Rose konnte nichts zu erledigen haben.

Roy Matlock hatte die Straße überquert und sprang zum Gehsteig hinauf. Er blickte in der Richtung, in der sie gegangen war, konnte sie aber auch jetzt nicht sehen.

Schnell ging er weiter. Unter der Kälteeinwirkung schien sein Gesicht zu Glas zu erstarren. Tausende von Nadeln schienen seine Kleidung zu durchstechen und die Haut zu treffen.

Er ging an zwei Häusern vorbei und erreichte einen Zaun, hinter dem ein schneebedeckter Hof lag. Ein heulender Windstoß fegte Roy Matlock entgegen und schleuderte ihm den aufstiebenden Schnee ins Gesicht. Er sah die Lampe, die über der Tür des Mietstalles hing, und mit ihrem Licht vergeblich gegen das Treiben ankämpfte.

„Geht Sie das etwas an?“, fragte eine helle, scharf klingende Stimme, die er sofort erkannte.

„Es geht mich nichts an, aber es ist Wahnsinn“, knurrte der Stallmann. „Ich habe etwas gegen Wahnsinnige, Miss Trogan.“

„Seien Sie doch froh, wenn ich fort bin.“

„Ich bin nicht wie die anderen“, meldete sich der Stallmann wieder. „Ich weiß, wieso Sie so werden konnten. Nein, ich werde nicht zulassen, dass Sie in den Tod reiten.“

Roy Matlock war stehengebliieben. „Satteln Sie jetzt mein Pferd, sonst mache ich es selbst“, sagte Rose Trogan scharf.

„Ich werde es nicht satteln, Miss. Aber ich werde vielleicht den Marshal holen.“

„Wozu?“

„Er wird Sie einsperren, bis Sie zur Vernunft gekommen sind.“

„Sie bleiben hier, bis ich aus der Stadt bin. Dann findet mich niemand mehr.“ Roy Matlock ging weiter. Er hörte den Schnee unter seinen Stiefeln knarren.

„Ich hole den Marshal!“, rief der Stallmann.

Ein scharfes, metallisches Schnappen erreichte Roy Matlocks Ohren. Er blieb wieder stehen und blickte gebannt auf das trübe, schwankende Lichtpünktchen der Stallampe.

„Sie bleiben hier und satteln das Pferd!“, kommandierte Rose Trogan. Ihr Stimme klang gepresst.

„Schießen Sie sonst wirklich?“, erkundigte sich der Stallmann. „Das ist ja lachhaft, Miss.“

„Sie sollten nicht lachen. Satteln Sie das Pferd. Wenn Sie es nicht tun, werden Sie sehen, dass ich abdrücke.“

„Sie würden die ganze Stadt alarmieren. Der Marshal würde schneller hier sein, als Sie Ihr Pferd gesattelt haben. Also, lassen Sie den Unsinn.“

Roy Matlock spürte die Kälte auf einmal nicht mehr. Langsam ging er weiter, lief in den Hof hinein und erreichte das offene Rechteck der Stalltür. Noch ein Schritt, dann stand er auf der Schwelle und die Wärme des Stalles wehte ihn an, während die Kälte noch über seinen Rücken strich und seinen Nacken gefühllos zu machen drohte.

Der alte Stallmann blickte ihn über die Schulter des Mädchens hinweg an.

Roy Matlock blickte auf den Revolver, den Rose Trogan in der Hand hielt. Die Waffe war auf den Stallmann gerichtet.

„Was sagen Sie dazu?“, fragte der alte, lederhäutige Mann. „Sie will mich zwingen...“

„Ich habe alles gehört“, unterbrach Roy den Mann.

Rose wandte sich um. Ihre Hand mit der Waffe sank herab. Dann fiel ihr der Kopf auf die Brust.

„Warum?“, fragte Roy Matlock, obwohl er sich denken konnte, was sie zu diesem Schritt getrieben hatte.

Rose hob den Kopf.

„Warum?“, fragte er noch einmal schärfer, als sie schwieg. „Draußen in der zugeschneiten Prärie kann nur der Tod warten.“

„Vielleicht ist mir das gleichgültig“, erwiderte sie leise.

Roy Matlock ging auf sie zu und nahm ihr den Revolver aus der Hand.

„Es ist gut, dass Sie gekommen sind, Mr. Matlock“, murmelte der Stallmann. „Und es ist schade, dass die Menschen in dieser Stadt so verbohrt sind. Aber sie werden ihre Meinung nicht ändern. Sie glauben, die Gerechtigkeit für sich gepachtet zu haben.“

Roy nickte dem Mann nur zu, griff nach dem Arm des Mädchens und sagte: „Gehen wir, Rose.“

„Warum lassen Sie mich nicht machen, was ich will, Roy?“, fragte sie und unternahm einen schwachen Versuch, ihren Arm zu befreien.

„Weil ich mich für Sie verantwortlich fühle.“ Er schob ihren Revolver in die Tasche und zog sie mit sich in den Hof hinaus. Der Wind fiel sie mit elementarer Kraft an, und Roy Matlock spürte, wie sehr das Mädchen zitterte.

„Wir werden schön vernünftig bleiben“, rief er ihr durch das Heulen zu. „Eines Tages wird ein Zug kommen, mit dem wir fahren. Dann können Sie wieder machen, was Sie wollen.“

 

*

 

Roy Matlock ließ die leere Flasche aus der Hand fallen, hörte sie auf die Dielen schlagen und darüber rollen. Er lag auf seinem Bett und blickte die Decke über sich an. Es war fast dunkel in dem großen Zimmer. Rötlicher Flammenschein fiel aus dem Ofen. Die angenehme Wärme wirkte einschläfernd auf ihn. Er hörte, dass das Mädchen am Fenster sich bewegte.

„Jetzt ist der Postreiter schon drei Tage fort“, sagte Rose Trogan.

Roy Matlock lauschte auf das Zausen des Windes an der Hauskante und unter den Dachsparren.

„Ja“, erwiderte er.

„Und was hat sich geändert?“, fragte sie scharf. Ihre Schritte näherten sich. Dann stand sie in der Lichtbahn der Flammen. Schattenrisse zuckten in ihrem Gesicht auf und nieder. „Was hat sich geändert?“, fragte sie noch einmal.

Roy hatte die Beine mit einem raschen Schwung aus dem Bett genommen und stand in der nächsten Sekunde auf den Füßen.

„Nichts hat sich geändert“, erwiderte er. „Nichts. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass es eines Tages Frühling werden muss. Sie sind zu ungeduldig, Rose.“

Sie presste die Hände gegeneinander.

„Ich denke daran, dass Ihr Geld bald alle sein wird, Roy. Ich habe Ihnen geholfen, es auszugeben. Der Winter wird noch nicht vorüber sein, wenn auch Sie nichts mehr haben.“

Das Schnauben eines Pferdes drang durch das Wimmern des Windes von der Straße zu ihnen herauf.

Roy Matlock blickte zum Fenster. Die Dunkelheit sank mit einer Plötzlichkeit über die Stadt, dass es schien, als würde ein Vorhang über den Himmel gezogen. Eiskristalle wurden vom Wind klirrend gegen die Fensterscheibe gestoßen.

Unten vor dem Saloon gab jemand ein Kommando, das Roy aber nicht verstehen konnte.

„Warum sagen Sie nichts?“, fragte das Mädchen.

„Was soll ich denn sagen?“, gab er zurück. „Wenn unser Geld alle ist, wird sich irgendwie wieder welches finden.“

„In dieser Stadt?“

„Ich habe bis heute noch nicht den Versuch unternommen, etwas zu verdienen. Aber ich glaube, es ist auch in dieser Stadt möglich, Rose.“

Roy wandte sich ab und ging zum Fenster. Das Haus des Marshals war nur noch undeutlich zu erkennen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922073
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
matlock jagd dollar

Autor

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Titel: ROY MATLOCK #13: Jagd auf 52.000 Dollar