Lade Inhalt...

Die Raumflotte von Axarabor #27: Die Falle auf Iridano

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #27: Die Falle auf Iridano

Axarabor, Volume 27

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

image
image
image

Die Falle auf Iridano

image

Die Raumflotte von Axarabor -  Band 27

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 69 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Vor Jahrtausenden haben sich hier Siedler ohne erkennbaren Grund gegenseitig umgebracht. Keiner hat überlebt. Und jetzt ist die Crew der Psychonauten hier ansässig. Bis jetzt ist noch nichts geschehen. Bis heute...

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Cover 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Es war eine ziemlich illustre Gesellschaft, bestehend aus sieben Wesen:

Ein Cyborg, nur noch knapp zur Hälfte so etwas wie ein Mensch, eine noch jung erscheinende, ziemlich archaisch wirkende Frau in einem viel zu knappen Lederkostüm, ein Schuppenmann, der mehr an eine Echse als an einen Menschen erinnerte, eine lebende Mumie – jedenfalls sah er so aus -, ein schmächtiges, zerbrechlich wirkendes Männlein, ein Muskelprotz wie er im Buche stand und nicht zuletzt eine atemberaubende Schönheit. So schön, dass sie nicht nur Menschen gefiel.

Und einer hatte das Wort, während er sich in der Runde aufmerksam umschaute – der Echsenmann:

„Auch Grüni hat gewisse Bedürfnisse, wie wir wissen. Diese sollten wir nicht ignorieren. Und ihr wisst selber, welche Bedürfnisse es sind bei einem Schimmelpilz. Er ist unser Kamerad, also müssen wir für ihn sorgen, weil wir für ihn verantwortlich sind. Es ist eine Kameradschaft auf Gegenseitigkeit: Er hilft uns, also werden wir auch ihm helfen.“

„Und in welcher Weise?“, erkundigte sich Kanot Borglin, der Cyborg, der nur noch knapp zur Hälfte ein lebendes Wesen mit menschlicher Gestalt war.

„Na, wie wohl?“, meinte Derwinia Tuamor anzüglich. Sie war einmal mit Kanot Borglin verheiratet gewesen, aber aus Liebe wurde schließlich Hass. Nur weil es schon rund hundert Jahre her war und Kanot Borglin inzwischen begriffen hatte, dass sich die schöne Derwinia inzwischen tatsächlich zum Guten gebessert hatte, bestand dieser Hass nicht mehr.

„Richtig!“, hielt Phillis von den Sternen ihr bei, was nicht so oft vorkam. Sie zupfte an ihrem viel zu knappen Lederkostüm. „Und Xirr wird wohl wissen, wovon er spricht. Weil Grüni von seinem Heimatplaneten Kssorr stammt.“

Sie sah sich beifallheischend um.

Xirr Prromman, der Echsenmensch, nickte dazu.

„Und ich weiß auch schon, wie wir Grüni helfen können: Es gibt tief im Süden ein riesiges Sumpfgebiet. Groß wie ein mittlerer Kontinent. Ich war schon öfter dort, weil mich dieses Gebiet sehr an meine Heimatwelt erinnert. Wir müssen unser Raumschiff dorthin bringen.“

„Du warst schon öfter dort?“, wunderte sich jetzt Forsan Kumir, der überaus muskulöse Schönling. Nach Meinung von Phillis von den Sternen eindeutig homosexuell veranlagt, weil er noch niemals Anstalten gemacht hatte, sie zu erobern. „Wie denn?“

„Überwiegend mit dem Beiboot, wenn ihr alle anderweitig euch beschäftigt habt. Leider nie mit dem Raumschiff, was mir Grüni hoffentlich nachsieht. Aber auch ein paarmal hat mich unser Teleporter Baldyr hin teleportiert.“

Er deutete auf Baldyr Sholan, der eher aussah wie eine Mumie als ein Mensch.

Baldyr wand sich unbehaglich.

„Ja, ich habe es gewagt, mehr als einmal sogar, aber ehrlich, ich kann keinem von euch empfehlen, sich das vor Ort anzutun oder auch nur anzusehen. Höchstens mit Raumanzug. Ich sage dazu nämlich nur ein Wort: Stechmücken!“

„Moskitos?“, rief Phillis erschrocken.

„Ja, Moskitos, nicht Millionen und nicht Milliarden. Eigentlich noch viel mehr!“

„Ein Wunder, dass sie sogar Appetit haben auf dich“, meinte dazu Forsan Kumir.

„Was soll das denn wieder heißen?“, regte sich Baldyr prompt auf. „Kann ja nicht jeder so ein unerträglicher Schönling sein wie du.“

Forsan lachte nur, wie über einen Witz. Und entschuldigte sich sogar:

„Sorry, mein Freund, ich wollte dir wirklich nicht zu nahe treten. Ich meine ja nur, du siehst nicht gerade so aus, als könntest du die Biester überreichlich mit Blut versorgen.“

„Dann kannst du dir sicherlich vorstellen, was sie mit einem wie dir anstellen würden!“

Jetzt wurde Forsan Kumir schlagartig blass.

Xirr Prromman winkte beschwichtigend ab.

„Alles klar. Es kommt eigentlich nur einer in Frage, der das Raumschiff hinfliegen kann, und das bin ich allein. Ich fühle mich dort natürlich besonders wohl, wie ihr euch denken könnt, und Baldyr hat durchaus recht: Für jeden, der kein Echsenmensch ist, entpuppt sich diese Sumpflandschaft als grausame Falle. Ich wollte es nur deshalb zur Sprache bringen, weil ich euer Einverständnis erhoffe.“

„Nun, bist du nicht unser Boss?“, fragte Kanot Borglin.

„Ja und nein. Ich bin zwar euer Kommandant, aber eine solche Entscheidung kann und darf ich nicht allein fällen. Ich kann doch nicht einfach unser Raumschiff entführen, ohne das mit euch abzusprechen.“

„Also gut, Xirr, mein Einverständnis hast du auf jeden Fall.“

Jetzt hoben alle die Hand.

Xirr schaute in die Runde.

„Also alle einverstanden?“

Sie nickten nur.

Vor allem Solan Pronn sagte kein Wort dazu. Alles andere hätte sie auch sehr gewundert. Solan Pronn sagte so gut wie nie etwas. Der zerbrechlich wirkende Mann war nicht nur ein begabter Techniker, sondern vor allem ein überaus fähiger Suggestor.

Er hatte viele Jahre diese Fähigkeit vor aller Welt verstecken müssen, um nicht aufzufallen. Niemand sollte wissen, dass er ein Psioniker war. Weil bei ihm praktisch jedes Wort ein hypnotischer Befehl sein konnte, hatte er gelernt, lieber den Mund zu halten.

Zwar wirkten seine Fähigkeiten nicht auf seine psionischen Freunde hier im Kreis, aber er konnte seine alte Gewohnheit nicht so einfach ablegen und blieb nach wie vor äußerst wortkarg.

Es war jedenfalls beschlossene Sache. Xirr konnte zufrieden die Runde verlassen und an Bord gehen, um allein mit dem Raumschiff ohne Namen in die Sumpfregion zu fliegen.

Grüni, der leuchtende Schimmelpilz, der an Bord wirklich jede Decke und jede Wand bedeckte, außer einer einzigen Wand in der Zentrale, dort, wo die Kontrollen sich befanden... Er würde sich über diesen Ausflug sehr freuen. Der Aufenthalt in der geliebten Umgebung würde ihn für einige Zeit von Grund auf erfrischen.

image
image
image

2

image

Das Adakoni-Kartell bestand aus einhundert Syndikaten, die nicht nur einhundert Planeten terrorisierten, auf denen sie sich stationiert hatten, sondern auch den gesamten Weltraum im Umkreis von vielen Lichtjahren. Zum Beispiel als Piraten.

Nicht nur deshalb war das Adakoni-Kartell der Raumflotte von Axarabor ein lebender Dorn im Auge. Ständig bemühte sich die Flotte, jene hundert Zentralwelten der Syndikate ausfindig zu machen, um sie vom Terror zu befreien. Bislang vergeblich.

Nur einmal, in einer beispiellosen Aktion, hatten sie herausgefunden, wo sich Welten des Adakoni-Kartells befanden. Alle diese Welten waren befreit worden, immerhin die Hälfte des gesamten Kartells der Syndikate. Aus vorher nämlich zweihundert Welten waren somit eben einhundert geworden.

Der bislang größte Sieg über das Adakoni-Kartell.

Alles Dinge, an die der oberste Führer des Kartells, derjenige, dem sogar die mächtigen Syndikatsbosse Tribut zollten, während er geheimnisvoll und unangreifbar erschien, in diesem Augenblick denken musste.

Großmogul Tscholu Fandamino, wie sich dieser geheimnisvolle Führer nannte, hatte von seinen Informanten schon vor längerer Zeit erfahren, dass es Welten gab ganz besonderer Art. Axarabor hatte diese Welten zu verbotenen Welten erklärt. Aus gutem Grund, wie gemunkelt wurde.

Ein paar wenige dieser Welten erschienen dem Großmogul jedoch interessant genug, dass er beschloss, sich einmal näher damit zu beschäftigen. Natürlich mit der gebotenen Vorsicht.

Überhaupt war er ein äußerst vorsichtiger Geselle. Sonst hätte er sich in der Führung des Kartells nicht so lange halten können. Immerhin einhundert Syndikatsbosse, von denen jeder einzelne überhaupt nicht gewöhnt war, allein nur auf Gegenrede zu stoßen, geschweige denn, dass auch nur einer von ihnen gewillt war, jemanden über sich anzuerkennen.

Mit der einzigen Ausnahme eben namens Großmogul Tscholu Fandamino, von dem niemand so genau wusste, wie er überhaupt aussah, geschweige denn, wie man an ihn herankommen könnte. Als wäre er nicht nur unangreifbar, sondern würde sich verändern können wie ein sprichwörtliches Chamäleon.

Fandamino selbst wusste natürlich, warum das so war. Er litt unter einer äußerst ausgeprägten Paranoia, die ihn ständig zu extrem überhöhter Vorsicht zwang. In seinem speziellen Fall sicherlich ein Glück und kein Fehler. Die meiste Zeit trat er nicht persönlich in Erscheinung, sondern schickte einen seiner zahlreichen Doppelgänger.

Logisch, dass niemand sagen konnte, wie er in Wirklichkeit aussah, denn er wählte seine Doppelgänger nur nach ihren Eigenschaften aus, niemals nach ihrem Aussehen. Deshalb ähnelte kaum einer dem anderen, und am wenigsten ähnelten sie ihm. Obwohl sie seine Rolle spielen sollten, sobald es darauf ankam.

Einige seiner Doppelgänger waren im Laufe der Zeit bereits regelrecht verschlissen worden. Genauer: Man hatte sie umgebracht. Also zwar das einerseits ein äußerst begehrter Job, weil hoch dotiert, andererseits allerdings auch so etwas wie eine tödliche Falle für jeden, der ihn übernahm.

Auch daran musste er jetzt denken, während er sich unterwegs befand zu einer jener rätselhaften Welten, die sein Interesse geweckt hatten.

Ja, aus gutem Grund gehörten sie zu den verbotenen Welten. Auf ihnen hatten bereits Siedler versucht, Fuß zu fassen. Anfangs war alles gut gegangen. Bis sie sich irgendwann nicht mehr gemeldet hatten.

Nachforschungen hatten ergeben, dass sie sich gegenseitig umgebracht hatten! Ohne erkennbaren Grund wohlgemerkt.

Zunächst hatte man nur die Leichen beseitigt, alle Spuren des tödlichen Dramas entfernt und einfach neue Siedler abgesetzt. Alles war ja schon vorhanden. Warum also sollte man es auf Dauer brach liegen lassen?

Bis nach Ablauf nur eines weiteren Jahres das Drama sich wiederholt hatte!

Und bei jedem Versuch wiederholte es sich erneut.

Welten dieser Art, die man später zu besiedeln versucht hatte, waren schon nach dem ersten gescheiterten Versuch gesperrt worden. Man wollte kein weiteres Risiko mehr eingehen, zumal bis heute niemand wusste, wie es ausgerechnet auf solchen Welten dazu hatte kommen können.

Ja, genauso eine Welt hatte Großmogul Tscholu Fandamino im Visier. Sie kreiste um eine Sonne namens Iridano. Ein gelber Zwergstern wie angeblich die Sonne Sol über der sagenhaften Erde, von der angeblich alle Menschen stammten. Für ihn nur ein dummer Mythos, völlig uninteressant.

Im Gegensatz zu jenem Planeten in der habitablen Zone von Iridano.

image
image
image

3

image

Der zweite Planet der Sonne Iridano war von seinen neuen Bewohnern schlicht und einfach HOFFNUNG genannt worden. Sie, die sie nur inoffiziell Mitglieder der Raumflotte von Axarabor waren, mit einem Raumschiff der ganz besonderen Art, das eher einer rostigen Blechbüchse denn einem Raumschiff ähnelte und überdies noch nicht einmal einen Namen hatte, hatten diese Welt als ihre Basis zugeteilt bekommen.

Eine ganze Welt nur für sie allein! Alles war bereits vorhanden, nachdem man die Leichen der Siedler schon vor langer Zeit beseitigt hatte und es keinerlei Spuren mehr gab des damaligen Massakers.

Für sie allein.

Wie hätten sie das ablehnen können?

Zumal sie sich durchaus zutrauten, nicht so zu enden wie die Siedler. Weil sie keine normalen Menschen waren, sondern sogenannte Psioniker, mit Fähigkeiten, die jeden von ihnen zu einer Art Superhelden hätte werden lassen. Falls sie das gewollt hätten.

Xirr Prromman, der Kommandant dieser illustren Crew aus Psionikern, die sich selbst Psychonauten nannten, startete mit dem namenlosen Schiff und steuerte dieses mitten in das gigantische Sumpfgebiet hinein. Ganz allein, wie abgemacht.

Es war nicht leicht, hier einen geeigneten Landeplatz zu finden, in den das Schiff nicht sogleich nach der Landung tief einsank. Aber er schaffte es dennoch. Zumal er eben nicht zum ersten Mal hier war und sich bereits ein wenig auskannte.

Schon als er die Außenschleuse öffnete und die feuchtheiße Luft von draußen hereinließ, spürte er, wie Grüni regelrecht aufatmete.

Er wusste ja, wie sich Schimmelpilze verbreiteten, auch, dass eigentlich jeder der Crew an Bord ständig Sporen mit bekam und mit sich herumtrug. Denn Schimmelpilze sprengten solche Sporen von sich ab und schleuderten sie meterweit. Sie schwebten überall in der Luft an Bord und wurden eingeatmet.

Aber natürlich schadete ihnen Grüni nicht, weil Grüni eben ihr Freund war. Sobald sie sich in einer Séance vereinten, verbanden sie sich geistig mit Grüni und verhalfen ihm dadurch zu einer echten Intelligenz.

Das war, als würde er jedes Mal aus einem andauernden Dämmerzustand erwachen. Für ihn natürlich jedes Mal ein besonders Erlebnis, nicht nur für sie.

Jetzt stand nur Xirr telepathisch mit Grüni in Verbindung. Das reichte nicht, ihn aus seinem Dämmerzustand zu befreien. Somit handelte Grüni in erster Linie rein instinktiv. Und seine Instinkte sagten ihm durchaus, dass hier draußen eine für ihn sehr angenehme Umgebung wartete.

Also schoss er seine Sporen hinaus.

Mehr noch: Er begann, aus der Schleuse zu wachsen. Er breitete sich nach draußen hin aus, strebte in diese eigentlich menschenfeindliche Umgebung wie sich eine Pflanze nach dem Licht dreht.

Gleichzeitig spürte Xirr, wie sehr Grüni das gefiel. Es machte Grüni einfach überglücklich, und er würde sich hier nicht nur erholen, sondern er würde neue Kraft schöpfen können für lange Zeit, in der sie vielleicht wieder irgendwo im All unterwegs sein mussten, um irgendeine Mission zu erledigen, die der gewählte Hochadmiral von Axarabor ihnen vielleicht wieder persönlich aufgetragen hatte.

image
image
image

4

image

Der Luxuskreuzer Fandamino erreichte sein Ziel. Der Großmogul, wie immer allein an Bord, checkte noch einmal die Daten, wie sie ihm bekannt waren, und verglich sie mit dem, was ihm seine Scanner verrieten, natürlich unterstützt von der Bord-KI.

Keine Abweichungen.

Die naheliegende Frage war nun, wo sich wohl die Siedlung befand. Er hatte keinerlei Informationen darüber, ob sie überhaupt noch existierte. Aber warum eigentlich nicht?

Großmogul Tscholu Fandamino benötigte eine Weile, bis er endlich fündig wurde. Immerhin eine einzige Siedlung auf einem kompletten Planeten. Ohne ungefähre Angaben hätte er sie wohl erst nach Tagen oder gar Wochen gefunden, aus dem Orbit heraus.

Er lenkte sein Raumschiff über die Siedlung, nur noch tausend Kilometer von der Planetenoberfläche entfernt.

Sicherheitshalber war der Ortungsschutz voll aktiviert. Das machte ihn zwar nicht vollkommen unsichtbar, aber immunisierte ihn gegenüber jeder üblichen planetaren Kontrolle. Falls man ihn nicht bereits vermutete, und wieso sollte man das?

„Was hat die Siedler hier dazu gebracht, sich gegenseitig umzubringen? Nicht gleich, sondern mit einer zeitlichen Verzögerung von immerhin rund einem Jahr!“, murmelte er vor sich hin.

Ein Gedanke kam ihm, der ihn erschrocken zusammenzucken ließ:

Schwarzer Mantel!

Was er als Schwarzer Mantel bezeichnete, war der größte Alptraum, den man sich denken konnte. Er bezeichnete ihn so, weil er so aussah. Eben wie ein schwarzer Mantel. Der sich bewegte, ein Eigenleben führte, nicht einfach nur sinnlos herumflatterte, sondern ein ganz klares Ziel hatte.

Dieses Ziel hieß Großmogul Tscholu Fandamino!

Um Tscholu Fandamino... zu töten!

Was, wenn es hier so etwas durchaus Ähnliches gab, was schließlich den Siedlern zum Verhängnis geworden war?

Es wurde sogar noch fantastischer:

Was, wenn Schwarzer Mantel auf einer solchen Welt sogar seinen Ursprung hatte? Vielleicht sogar... genau auf dieser Welt hier zu seinen Füßen?

Er schüttelte den Kopf, wie um einen Alpdruck los zu bekommen. Doch es gelang ihm noch nicht einmal, dabei seine chaotisch werdenden Gedanken zu ordnen.

Die Erinnerung. Sie saß zu tief.

Immer wieder war es Schwarzer Mantel nämlich gelungen, ihn zu finden, ja, immer wieder. Ohne dass er auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, was für ein Motiv Schwarzer Mantel hatte und woher er stammte.

Obwohl er natürlich alles tat, damit dies nicht geschah. Sogar seine beispiellose Karriere beim Adakoni-Kartell, wo er als anfänglicher Außenseiter sich rasend schnell nach oben gearbeitet hatte, war im Grunde genommen nur dank seiner immensen Angst vor Schwarzer Mantel möglich gewesen. Denn nur wer ganz oben war und sämtliche Sicherheitsvorkehrungen nutzte, die man sich nur in einer solchen Position überhaupt leisten konnte, der konnte es schaffen, einer dermaßen grausigen Bedrohung auf Dauer zu entgehen.

Wenn überhaupt, hieß das!

Und dann hatte ihn Schwarzer Mantel doch wieder gefunden und sogar gestellt. In einer für Fandamino ausweglosen Situation. Und hatte sich auf ihn gestürzt, um ihm alle Lebenskraft auszusaugen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Großmogul Tscholu Fandamino hatte nämlich ein gut gehütetes Geheimnis, einmal abgesehen von Schwarzer Mantel: Er war unsterblich! Das hieß nicht nur, dass er niemals alterte, sondern das hieß sogar, dass selbst schwerste Verletzungen ihn nicht auf Dauer töten konnten.

Einmal hatte ihn sogar eine Detonation zerrissen. Er war später einfach wieder erwacht, völlig unverletzt. Ohne sich auch nur im Geringsten zu erinnern, wieso das so war. Nur seine Kleidung war natürlich zerfetzt geblieben.

Allein ein Ding in diesem Universum konnte ihn auslöschen: Eben Schwarzer Mantel!

Doch genau in diesem entscheidenden Moment, als seine Sinne bereits schwanden, als der Tod bereits mit eisigen Krallen nach ihm griff, um ihn zum ersten Mal endgültig dem Leben zu entreißen... tauchte Roter Mantel auf.

Das klang nicht nur verrückt, das war es auch. Der mächtigste Mann des bekannten Universums, zumal ein Unsterblicher, wurde verfolgte von einem Ding namens Schwarzer Mantel, und genau dann, als Schwarzer Mantel endlich über ihn triumphieren konnte, tauchte ein weiteres eigentlich unmögliches Ding auf, das aussah wie ein roter Mantel? Wie bitte?

Und dennoch war es so gewesen.

Es war noch gar nicht so lange her, doch die Szene hatte sich dermaßen in seine Erinnerung gefressen, um niemals wieder daraus gelöscht werden zu können. Auch weil er sie nicht allein aus eigener Erfahrung durchlebt hatte, sondern weil es Aufzeichnungen und Zeugen von dieser Szene gegeben hatte.

Er hatte sich alles erzählen lassen, aus verschiedener Perspektive und hatte sich natürlich auch diese Aufzeichnungen angesehen, als unumstößlichen Beweis.

Kurz schloss er die Augen, um alles noch einmal zu durchleben und zu sehen:

Die Uniformierten eröffneten ohne Befehl das Feuer. Eine reine Angstreaktion, wie es schien.

Die Kugeln trafen alle ins Ziel. Dort, wo sich Schwarzer Mantel befand, der sich davon jedoch in keiner Weise beirren ließ.

Er glitt unaufhaltsam näher an Großmogul Tscholu Fandamino heran.

Ja, er glitt. Er ging nicht. Als wäre er tatsächlich nur ein wehender schwarzer Mantel, ohne Kopf und ohne Beine.

Trotzdem konnte er sich zügig vorwärts bewegen, und sein Ziel war für jeden eindeutig:

Eben Großmogul Tscholu Fandamino, den man natürlich nur hinter vorgehaltener Hand – Prinz der Tränen - zu nennen wagte!

Schwarzer Mantel hatte den Großmogul noch nicht ganz erreicht, da rissen die Uniformierten plötzlich ihre Waffen herum. Sie hatten ein neues Ziel. Nicht mehr Schwarzer Mantel, dem sie mit ihren Waffen nicht beikamen, sondern... Großmogul Fandamino!

Als hätte Schwarzer Mantel jetzt die Uniformierten in seiner Gewalt.

War das denn nicht so ähnlich wie auf diesem Planeten dort unten gewesen, wo sich irgendwann die Siedler gegeneinander umgebracht hatten?

Doch weiter: Er hatte es damals selber gar nicht mitbekommen, sondern nur anschließend in den Aufzeichnungen gesehen. Weil er zur sprichwörtlichen Salzsäule erstarrt war, keinen Finger mehr rühren konnte und nur noch auf Schwarzer Mantel stierte, der auf ihn zu flatterte, jetzt nicht mehr ruhig gleitend, sondern wie eine aufgeregte Riesenkrähe, kurz bevor sie ihre Krallen in ihr Opfer schlug.

Nur der Präsident dieser Welt war noch Herr über seine eigenen Sinne und sah es!

Er schrie unwillkürlich und wich zurück. Er stierte auf die Szene und wollte seinen Sinnen nicht mehr glauben.

Da war der ahnungslos erscheinende Großmogul, ahnungslos zumindest was die Waffen der Sicherheitsleute betraf, die auf ihn gerichtet waren.

Da war Schwarzer Mantel – schon kurz vor seinem erklärten Ziel.

Die Waffen knatterten los. Keine der Kugeln verfehlte auf diese kurze Distanz ihr Ziel.

Aber keine konnte den Großmogul verletzen, weil dieser in einer unbewussten Handlung schon beim ersten Anblick von Schwarzer Mantel seinen tragbaren Schutzschirm aktiviert hatte.

Die Kugeln brachten den Schutzschirm an den Rand seiner Belastbarkeit. Um den Großmogul herum irrlichterte es. Das Knattern der energetischen Entladungen war beinahe so laut wie das Knattern der Schüsse.

Die Uniformierten ballerten so lange auf den Großmogul, bis sie keine Munition mehr in den Magazinen hatten. Sie lauschten auf das Klicken, das ertönte, wenn sie versuchten, einen weiteren Schuss abzugeben, und dann wurde ihnen auf einmal bewusst, was sie getan hatten.

Sie ließen ihre Waffen fallen, als wären sie ihnen zu heiß geworden, und wichen ebenfalls von dem Großmogul zurück.

Schwarzer Mantel war bei ihm. Endgültig. Unwiderruflich.

Für Großmogul Tscholu Fandamino gab es keine Rettung mehr. Er war verloren.

So viele Jahre war es ihm zuletzt gelungen, sich vor Schwarzer Mantel erfolgreich zu verstecken. Nun war seine Flucht zu Ende.

Das wusste allerdings nur er. Alle anderen, auch die Menschen, die eigentlich hier, in dieser Eingangshalle des Raumhafengebäudes, nur arbeiteten, ahnten es nicht einmal. Sie sahen jenes flatternde Etwas, das aussah wie ein schwarzer Mantel, sahen den Großmogul, dessen Schutzschirm ihm zwar gegen die Kugeln geholfen hatte, aber ein Wesen, das mühelos das schwere Sicherheitsschott von draußen durchschreiten konnte, als würde es gar nicht existieren, das wurde auch von einem solchen Schutzschirm nicht aufgehalten.

Das Irrlichtern, das den Körper des Großmoguls immer noch umspielte, obwohl keine weiteren Kugeln mehr auftrafen, erlosch – und mit ihm der Schutzschirm.

Schwarzer Mantel breitete sich über Fandamino aus, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es gab keine Gegenwehr.

Sogar sein Schrei blieb stumm. Man konnte nur sehen, dass er den Mund weit aufgerissen hatte. Dann verdrehte er die Augen.

Alle in der Halle wurden Zeugen der Vorgänge. Auch die Uniformierten, die im Nachhinein nicht begreifen wollten, was sie getan hatten.

Aber nicht sie waren schuld am Untergang des Großmoguls, sondern Schwarzer Mantel, was auch immer das für ein unheimliches Wesen war, das so aussah.

Warum tat es dies? Was hatte es eigentlich gegen den Großmogul?

Der Präsident erinnerte sich in diesem Moment an die Worte des Großmoguls, dass, wenn er zu Tode kam, das Kartell ihn rächen würde. Ohne Rücksicht darauf, ob die Siedler hier an diesem Tod Schuld trugen oder nicht.

Auch er hatte jetzt das Gefühl, als würde eine eiskalte Hand nach seinem Herzen greifen.

Er zitterte wie Espenlaub und wünschte sich nichts sehnlicher als dass der Großmogul gegen diesen übermächtig erscheinenden und vor allem unbesiegbaren Todfeind doch noch eine Chance bekam.

Und dann kam diese Chance!

Sie kam den gleichen Weg wie Schwarzer Mantel, nämlich von draußen, durch das als schier unüberwindbar geltende Sicherheitsschott.

Alle schauten jetzt dort hinüber.

Es flatterte genauso wie Schwarzer Mantel, vielleicht noch eine Spur aufgeregter. Und es war vor allem schneller bei dem Großmogul, der in diesem Moment aussah, als wollte er sich allmählich auflösen. Als wäre er nur noch eine Illusion.

Er verlor seinen Körper – irgendwie!

Zumindest war das der Eindruck, den alle Zuschauer gewannen und wie es auch in den Aufzeichnungen festgehalten wurde.

Sollte er selber so werden wie Schwarzer Mantel?

Doch dieser ließ tatsächlich von seinem Opfer ab.

Großmogul Tscholu Fandamino, der jetzt überhaupt nicht mehr wirkte wie der Prinz der Tränen, fiel haltlos zu Boden. Wie ein großer Lumpen. Als wäre das nur noch seine Kleidung, in der kein Körper mehr steckte.

Aber da war sein Kopf, der heraus ragte. Durchaus gegenständlich, nicht als hätte er sich gerade noch auflösen wollen. Und seine Hände, die sich krampfhaft öffneten und schlossen.

Ein Zittern ging durch den verrenkt wirkenden Haufen am Boden.

Schwarzer Mantel machte Anzeichen zu fliehen.

Doch es war zu spät. Der Dritte im Bunde war schon da.

Und er war genauso beschaffen wie Schwarzer Mantel, unterschied sich von ihm lediglich in der Farbe.

Denn es war Roter Mantel!

„Irre!“, hörte der Präsident jemanden fassungslos murmeln.

Es dauerte Sekunden, bis ihm bewusst wurde, dass er dies selber ausgesprochen hatte.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922066
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437506
Schlagworte
raumflotte axarabor falle iridano

Autor

Zurück

Titel: Die Raumflotte von Axarabor #27: Die Falle auf Iridano