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CALLAHAN #14: Straße der Wölfe

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Als wir das Wind-River-Tal verließen, waren wir acht Männer. Fünf von uns würden es nie wiedersehen. Hier unten im staubigen Tal lief uns der Schweiß in der sengenden Sonne aus allen Poren. Aber die Berge vor uns waren auch jetzt im Hochsommer schneebedeckt. Dort hinauf mussten wir. Was uns magnetisch anzog und alle Gefahren vergessen ließ, die auf uns lauerten, war das Gold. Keiner von uns war jemals ganz da oben gewesen. Und doch wussten wir mit Sicherheit, dass es da Gold gab. Nur dass auch die Hölle auf uns wartete, das ahnte von uns keiner...

Nicht nur ein Western, sondern auch ein spannender Abenteuerroman, der auf dramatische Weise das Schicksal einiger mutiger Männer schildert, die unter Einsatz ihres Lebens nach Gold suchen und ernüchtert wieder in die Zivilisation zurückkehren. Der bekannte Westernautor Glenn Stirling lehnte diesen Roman bewusst an den berühmten Roman DER SCHATZ DER SIERRA MADRE von B.Traven an.

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Straße der Wölfe

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 14

 

Straße der Wölfe

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Als wir das Wind-River-Tal verließen, waren wir acht Männer. Fünf von uns würden es nie wiedersehen. Hier unten im staubigen Tal lief uns der Schweiß in der sengenden Sonne aus allen Poren. Aber die Berge vor uns waren auch jetzt im Hochsommer schneebedeckt. Dort hinauf mussten wir. Was uns magnetisch anzog und alle Gefahren vergessen ließ, die auf uns lauerten, war das Gold. Keiner von uns war jemals ganz da oben gewesen. Und doch wussten wir mit Sicherheit, dass es da Gold gab. Nur dass auch die Hölle auf uns wartete, das ahnte von uns keiner...

 

Nicht nur ein Western, sondern auch ein spannender Abenteuerroman, der auf dramatische Weise das Schicksal einiger mutiger Männer schildert, die unter Einsatz ihres Lebens nach Gold suchen und ernüchtert wieder in die Zivilisation zurückkehren. Der bekannte Westernautor Glenn Stirling lehnte diesen Roman bewusst an den berühmten Roman DER SCHATZ DER SIERRA MADRE von B.Traven an.

 

 

 

Roman:

Der Pfad, der in steilen Serpentinen aufwärts führte, war kein Problem für uns. Keiner von uns war ein Anfänger. Jeder hatte sich auf irgendeine Weise schon in der Wildnis bewähren müssen.

Wir besaßen vier Pferde und zwölf Maultiere. Acht davon waren mit den Packlasten beladen. Die Tiere und die Packlasten waren unser Kapital. Die Anschaffung hatte uns ein Vermögen gekostet. Keiner von uns besaß noch sehr viel Bargeld.

Das größte Kapital aber, das wertvollste Stück, hatte Captain Rick Bentley in seiner Tasche.

Wir nannten ihn immer noch Captain. obgleich er schon vor zwei Jahren aus der Armee entlassen worden war. Er hatte nur einen Arm. Den anderen hatte er im Kampf gegen Apachen verloren. Die Armee gab ihm einen Orden, und dann wurde er entlassen. Man wollte keinen Captain mit nur einem Arm haben. Dabei war er ein Mann in der vollen Blüte seiner Jahre, eine Kämpfernatur, und in meinen Augen ein prächtiger Bursche.

Die Karte, die er wie einen Schatz in seiner Innentasche trug, hatten wir von einem Goldsucher, auf den Abe Winnigall und ich in Atlantic City gestoßen waren. Als wir den Goldsucher fanden, lag er im Sterben. Man hatte ihn seiner gesamten Ausbeute beraubt und niedergestochen

Abe Winnigall und ich halfen ihm, und als Dank vermachte er uns die Karte, als ihm klar geworden war, dass er sie nie mehr verwenden konnte.

Zwei Nuggets hatten die Mörder bei ihm nicht gefunden. Auch die schenkte er uns. Und wir hatten sie bitter nötig bei der Anschaffung des Materials, was zu dieser Expedition in die Berge nötig war.

Auch einen Rat hatte er uns noch auf den Weg mitgegeben. Den Rat nämlich, nicht mit einer primitiven Ausrüstung ins Hochgebirge zu ziehen und nicht mit zu wenig Männern. Er war nur mit einem. Freund oben gewesen. Der Freund hatte die Berge nie mehr verlassen. Es müsste, so hatte uns der sterbende Goldsucher geraten, eine regelrechte Expedition sein. Viele tüchtige Männer, denn nur dann bestünde eine Chance, größere Mengen Gold zu Tal zu bringen.

Nun waren wir unterwegs. Allen voran Captain Bentley, der jetzt zwar Zivil trug, aber immer noch aussah wie ein Offizier, der vor seiner Truppe reitet. Ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, sehnig und mittelgroß.

Hinter ihm ritt Abe Winnigall, den ich schon lange kenne. Er war einer der berühmtesten Treibherdenführer, die texanische Herden nach Kansas getrieben hatten. Aber dann, vor einem Jahr, hatte Abe furchtbares Pech. Als er das ganz große Geschäft machen wollte und mit einer Herde auf eigene Rechnung von Texas bis hinauf nach Wyoming zog, geriet er in ein Unwetter. Infolge einer Stampede verlor er mehr als die halbe Herde. Der wenig später erfolgende Angriff von hungernden Sioux-Indianern kostete ihn ein Drittel der Mannschaft und den Rest der Herde.

Abe Winnigall gab aber nicht auf. Der dickköpfige Texaner verfolgte die Sioux-Indianer und nahm ihnen einen großen Teil des Viehs wieder ab. Aber die Tiere waren bei dieser Hetzerei vom Fleisch gekommen. Als er sie endlich in Atlantic City verkaufen wollte, reichte der Erlös dafür, seine Männer auszuzahlen. Was noch blieb, war weit weniger, als er seinerzeit in Texas für den Ankauf des Viehs ausgegeben hatte.

In Atlantic City traf ich dann auch Jesse Richmond, einen quirligen, drahtigen Burschen, der ebenfalls früher einmal mit mir zusammen auf dem Treibherden-Trail geritten war. Jesse hatte in einem Pokerspiel eine ganze Menge gewonnen, und damit besaß auch er das Startkapital für unsere Expedition.

Durch den Captain kamen Otto Weber und Joshua Todd zu uns. Otto Weber hatte schon einmal das ganz große Geld als Goldsucher in Colorado gemacht. Das war vor fünf Jahren gewesen. Vor einem halben Jahr hatte er, bis auf einen kleinen Teil, alles seiner Frau und den Kindern vermacht und sich dann scheiden lassen. Otto Weber war derjenige von uns, der etwas von Gold verstand. Ein Experte sozusagen; und dem man schon vor fünf Jahren nachgesagt hatte, dass er die berühmte goldene Nase besäße, dass er sozusagen Gold wittern würde, wenn es irgendo welches gab.

Weber war ein muskulöser, breitschultriger Mann. Er hatte etwa die Figur von Abe Winnigall; war nur nicht so groß wie er. Und, wie mir schien, war er wenigstens sechzig. Er war der Älteste von uns, und dennoch ein harter Bursche. Er wurde von Joshua Todd begleitet, einem Schwarzen. Wie er an Joshua gekommen war, wussten nur diese beiden. Aber der Mann hing in abgöttischer Treue an Weber. Und einmal war die Rede davon, dass Weber ihm das Leben gerettet habe. Aber wie und wo wusste von uns keiner.

Ein Mann war durch Abe Winnigall zu uns gekommen, weil er ihn von früher kannte und er einmal für ihn geritten war. Auch mir war John Colfax bekannt. Es war nach dem Krieg gewesen. Er hatte, wie ich auch, damals den ersten Trail mit nach Wichita gemacht.

Inzwischen waren allerdings einige Jahre vergangen. John musste jetzt schon über vierzig sein. Ein stämmiger, untersetzter knochenharter Bursche, ein Dickkopf vor allen Dingen, der nicht so leicht aufgab.

Und mit Jesse war William Belknap gekommen. Hager, strohblond, mit leuchtend blauen Augen, zwei eingeschlagenen Vorderzähnen und den Händen voller Lassonarben war er der Cowboy schlechthin. Ich glaubte damals nicht, dass Bill, wie wir ihn nannten, je etwas anderes getan hatte, als mit Rindern umzugehen. Aber jetzt lockte ihn, wie uns alle, das Gold.

Abe und ich hatten von Anfang an darauf geachtet, dass jeder, der mit uns kam, hart genug sein würde, um das, was vor uns lag, auch durchstehen zu können. Wir hatten, so meinten wir, eine gute Auswahl getroffen. Und doch sollte sich heraussteilen, dass viele von uns nicht annähernd so hart waren, wie sie sein mussten, um diese Hölle zu überleben, in die wir hineingeraten würden.

 

*

 

So abgebrüht wir waren, am Abend des ersten Tages hatten wir noch den Kopf voller Flausen. Wir machten Scherze, redeten vom Gold, das wir finden wollten, und ein paar von uns erzählten ganz offen ihre Träume, was sie mit dem Reichtum dann anfangen würden. Jeder hatte da so andere Ideen. Ich ertappte mich ja selbst dabei.

Verrückte, die wir waren!

Es war noch immer heiß. Die Sonne hatte die Felswände erhitzt wie die Steine eines Backofens. Noch als sie längst hinter den Wipfeln der Wind River Mountains versunken war, strahlten die Steinmassen die Wärme aus.

Wir hatten uns ein Feuer entfacht und lagerten im Schutze einer etwas überhängenden Felswand. Es war ein fantastischer Lagerplatz. Ein kleiner, aber frisch sprudelnder Creek schoss vom Felsen herunter an unserem Lagerplatz vorbei. Wir hatten das Wasser aus erster Hand; quellfrisch und klar.

Aber wir hatten bis jetzt noch kein Wild entdeckt. Es schien, als gäbe es hier keine erlegbaren Tiere. Nur Eidechsen und Insekten; davon wimmelte es. Aber zum Glück hatten wir auch noch keine Schlangen entdeckt.

Ich hatte die sogenannte Friedhofswache, das ist die Wache von Mitternacht bis zwei Uhr morgens. Als mich Abe weckte, hörte ich unten aus dem Tal das Geheul von Kojoten. Doch sonst war alles still. Hier oben regte sich nichts. Sogar der ständig fächelnde Wind hatte sich um diese Nachtstunde total gelegt.

Ahnungsvoll, sah ich hinauf zu den Gipfeln dieser Felsgiganten. Ich kannte nur von zweien den Namen. Den einen, den höchsten, nannten sie Union Peack. Er war über viertausend Meter hoch. Ein Stück weiter ragte eine andere Spitze empor, und das sollte, so hatte mir Weber gesagt, der Fremont Peak sein. Auch so ein Gigant von über viertausend Metern.

Es war Mondschein. Das volle Licht des Erdtrabanten ließ den Schnee von oben auf den Bergen bläulich erscheinen; darunter waren die Felsen violett bis schwarz.

Als ich so da hinaufblickte, hatte ich zum ersten mal das Gefühl, dass nicht alles so glatt gehen würde, wie es von uns vorausberechnet war. Natürlich hatten wir Schwierigkeiten einkalkuliert. Von Weber, der sich hier oben recht gut auskannte, wussten wir eine Menge über die Berge. Vor allen Dingen der Captain hatte viele Erfahrungen, was das Gebirge anging. Er war vor drei Jahren noch hier oben gewesen, bevor sie ihn nach Arizona gegen die Apachen geschickt hatten. Und hier in den Bergen, das hatte er uns gesagt, konnte man schon einige Überraschungen erwarten. Und beiläufig hatte er einmal von einem Schneesturm im Juni erzählt.

Jetzt war Juli! Ich konnte mir keinen Schneesturm dort oben vorstellen. Der Schnee da oben glänzte am Tag, wenn die Sonne draufschien. Auch jetzt tat er es im Mondlicht. Das war der Beweis, dass die oberste Schicht angetaut war und nachts wieder gefror.

Ich war noch nie im Leben auf so einem Felsgiganten gewesen; nicht in dieser Höhe. Aber der Captain hatte uns erzählt, dass die Luft da oben ziemlich dünn war und alle Anstrengung doppelt auf den Körper einwirkte. Deshalb hatten wir nicht zuviel Gepäck mitgenommen. Vor allen Dingen Proviant.

Was mich etwas beunruhigte, war noch immer der Mangel an Wild. Wir hatten heute, statt frisch Erlegtes zu verzehren, von unserem mitgenommenen Proviant nehmen müssen. Er musste lange reichen. Wer wusste, ob es da oben etwas gab. Zwar hatte der Captain behauptet, da oben sei es besser als hier unten, aber ich hegte da, ehrlich gestanden, erhebliche Zweifel.

In dieser ersten Nacht geschah nichts. Auch der nächste Tag ging gut vorüber. Wir bemühten uns, unsere Kräfte einzuteilen und ließen den Tieren Zeit. Und als es steiler wurde, saßen wir ab und führten Pferde und Maultiere bergauf. Der Captain hatte jetzt die Führung übernommen. Er nahm sich Zeit, aber wir kletterten stetig weiter.

An diesem zweiten Tag machte sich schon bemerkbar, wer das Marschieren nicht gewohnt war. Das galt am meisten für Winnigall, John Colfax, Bill Belknap und Jesse Richmond. Zum Teil galt es auch für mich selbst. Der Captain, Weber und Joshua schienen eine Ermüdung infolge des Marschierens überhaupt nicht zu kennen. Bei dem Schwarzen kam es mir so vor, als würde der mit jedem Schritt, den er bergauf ging, lebhafter.

Ich merkte bei mir selbst, dass ich die letzte Zeit sehr viel geritten war. Das Laufen war ich so richtig nicht mehr gewohnt, aber ich hatte Mokassins angezogen, um nicht in den hochhackigen Reitstiefeln laufen zu müssen. Abe, John, Jesse und Bill hatten auf meinen Rat hin auch vorgesorgt. Trotzdem ging besonders Bill am Abend dieses zweiten Tages, wie er selbst sagte, „auf den letzten Füßen“. Er hatte sich Blasen gelaufen und schlurfte mit Mühe die letzten Schritte bis zum erwählten Lagerplatz.

Dieser Lagerplatz ließ uns schon ahnen, dass wir nicht immer so wunderbar die Nacht verbringen konnten wie tags zuvor. Zwar befanden wir uns wieder in der Nähe eines kleinen Wasserfalls, der von einem herunterstürzenden Bach verursacht wurde, aber es existierte praktisch keine ebene Fläche. Nicht einmal der Pfad, den wir heraufmarschiert waren, hatte sich verbreitert. Aber noch war es überhaupt kein Pfad. Wir wussten nicht, wie es weiter oben aussehen würde. Da gab es nur Vermutungen.

Den Goldsucher hatte ich nicht mehr fragen können. Auf seiner Karte, die Abe in der Tasche hatte und ab und zu herausnahm, existierte nur eine gestrichelte Linie. Doch bis jetzt stimmte die Zeichnung sehr genau mit den landschaftlichen Gegebenheiten überein. Der Pfad, dem wir folgten, verlief auf einen Bergeinschnitt zu, und ich glaubte, dass dort so eine Art Pass sein musste, den wir überqueren mussten. Was hinter diesem Einschnitt lag, wusste keiner von uns. Auch der Captain nicht.

An diesem zweiten Abend wurden wir schon etwas schweigsamer. Und es stellte sich auch heraus, dass Bill nicht der einzige war, der sich Blasen gelaufen hatte, auch Abe schien wunde Füße zu haben. Aber da wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Abe schwor auf Rindertalg und schmierte sich damit die Füße ein, während Bill dem Rat Otto Webers vertraute und eine Salbe benutzte, die Weber in einer Blechdose bei sich führte. Es sollte sich heraussteilen, dass diese Salbe besser als Rindertalg war. Aber der Vergleich war erst am nächsten Tag möglich.

Es herrschte eine allgemeine Spannung. Die Fröhlichkeit war wie weggeblasen. Der erste, wirklich anstrengende Tag lag hinter uns, obgleich es keine Komplikationen gegeben hatte. Aber die Steigungen hatten erheblich zugenommen. Wir mussten den ganzen Tag zu Fuß gehen, die Möglichkeit, im Sattel zu sitzen, bot sich nicht mehr. Sie sollte sich auch am nächsten und am übernächsten Tag nicht bieten.

Am nächsten Tag dann erwartete uns eine handfeste Überraschung. Der Weg, so schmal, dass gerade ein Pferd auf ihm gehen konnte, fiel linker Hand von uns steil ab, rechts ragten die Felsen auf. Im Laufe des Vormittags erreichten wir eine Stelle, wo ein Felssturz stattgefunden hatte und unser Pfad jäh endete. Diese schmale Felsstufe, der wir bis hierher gefolgt waren, wurde von dem Felssturz unterbrochen. Der hatte die halbe Wand mitgenommen, und es ging nicht weiter.

Es war nicht einmal möglich, dass wir an den Tieren vorbeikamen, um nach vorn zu gehen. So schmal war die Felsleiste, auf der wir uns befanden. So konnten wir uns nur zurufen, aber damit taten wir keinen Schritt mehr nach vorn.

Der Captain rief nach hinten:

„Unser Pfad ist von einer Lawine weggerissen worden. Die Geröllstrecke ist etwa fünfzig Schritt breit. Man müsste versuchen, hinüber zu kommen. Aber das Geröll ist lose. Die Tiere werden abrutschen. Ich werde sehen, dass ich eine Gasse anlegen kann.“

Da hatten wir unser erstes Problem. So etwas lässt sich niemals vorausberechnen. Das Aller schlimmste war, wir konnten die Tiere nicht wenden, wir konnten nicht einmal nach vorn. Aber das mussten wir, denn der Captain konnte ja diese Gasse, die er anlegen wollte, nicht allein schaufeln.

Auf allen vieren wie ein Tier arbeitete sich Abe Winnigall unter dem Maultier des Captains nach vorn. Jetzt waren sie schon zwei, und er hatte seinen Spaten mitgebracht.

„Schafft ihr es?“, rief Weber, der ziemlich in der Mitte des Zuges war.

„Wir versuchen es!“, brüllte Abe nach hinten.

Ich war übrigens ganz am Schluss. Jetzt verfluchte ich diese Tatsache natürlich.

Es hieß warten. Was die beiden da vorn schaufelten, konnte ich mir denken.

Die Lawine hatte eine Art Straße in den Felsen gerissen. Man hätte auch Fluss dazu sagen können. Es ging steil hinunter; aber dennoch war Geröll liegen geblieben. Schon ein Tritt auf diese Geröllstrecke konnte alles erneut in Bewegung setzen. Der Schotter würde dann wie Wasser fließen; steil genug war es dafür. Und nun versuchten die beiden vorn Geröll abzuschippen, so etwas wie einen Pfad, eine Ebene zu bauen. Und ich konnte mir vorstellen, dass immer wieder neues Geröll von oben nachrutschte.

Aber nun hatten wir wenigstens Glück im Unglück. Dadurch, dass diese Lawine offenbar schon vor längerer Zeit niedergegangen war, vielleicht schon im vorigen Jahr, hatte sich das Geröll gesetzt. Es lag fester, als wir zu hoffen wagten. Und nach vier Stunden hatten die beiden so eine Art Gasse geschaffen. Zuerst führten sie das Maultier des Captains hinüber; einer nahm es vorn, der andere ging hinten. Wenn das Tier daneben trat oder nur zu weit seitlich am Rande die Hufe aufsetzte, konnte der ganze mühsam errichtete Pfad wegrutschen. Dann war alles umsonst.

Es klappte. Auch das Packtier des Captains kam gut hinüber und dasselbe geschah mit beiden Maultieren von Abe Winnigall. Aber dann kam ein Pferd. John Colfax hatte gemeint, dass sein Cowpony im Gebirge genau so trittsicher sein würde wie ein Maultier. Jetzt musste es den Beweis erbringen.

Mit dem Reitpferd klappte es. Da hatten wir alle ziemliche Bedenken gehabt. Doch der Fuchs lief diszipliniert und ruhig und tatsächlich sehr trittsicher auf die andere Seite. Dann holten sie das Maultier, das die Packlast trug. Und hier passierte es dann.

Ich sah nur wenig von dem Vorgang. Aber ich erkannte, dass sie das Maultier ebenso zur anderen Seite führten, wie sie das vorher mit den drei anderen Tieren gemacht hatten. John nahm sein Maultier am Kopf, und der Captain ging hinter dem Tier und hielt es am Schwanz.

Als sie so ziemlich in der Mitte waren, hörten wir alle, wie der Captain rief: „Vorsicht, Junge, da ist eine Wespe. John, sieh zu, dass du rüberkommst, sie fliegt dem Muli unter dem Bauch herum!“

Die Wespe war schneller. Vielleicht lag es auch daran, dass der Captain versucht hatte, sie zu verscheuchen. Hinterher weiß man tausend Ratschläge.

Jedenfalls keilte das Maultier plötzlich aus. Um ein Haar wäre der Captain getroffen worden. Er blieb natürlich stehen, wich zurück, das Maultier machte noch einen Sprung nach vorn, geriet dabei mit der Hinterhand nach links, verlor den Halt, und das war so, als hätte es eine schmale Brücke überquert und wäre mit den Hinterbeinen danebengetreten.

Vergeblich versuchte John sein Packtier noch zu halten. Aber am Ende hätte es ihn noch mitgerissen. Es stürzte, schrie dabei, rutschte dann auf der Hinterhand sitzend, überschlug sich. Aber alles ging noch relativ langsam. Man hatte das Gefühl, einfach hinterherspringen und das Tier festhalten zu können. Aber dabei wäre derjenige ebenfalls mitgerissen worden.

Plötzlich begann der ganze Schotter, auf dem das Maultier nach unten kollerte, wie Wasser zu fließen. Wie in einem Strom bewegte sich das Maultier schneller und schneller talwärts. Es überschlug sich, es drehte sich, und die schwere Packlast ließ es gar nicht mehr hochkommen. Dann aber war die Geschwindigkeit so schnell, dass ein Rauschen des abfließenden Schotters bis zu uns herauf ertönte.

Es gab da unten so etwas wie eine Schwelle, und danach schien der Fels fast senkrecht zum Tal hin abzufallen. Wie ein Wasserfall schoss der Schotter mit dem sich drehenden, herumwirbelnden Maultier über diese Schwelle hinweg.

Aus der Schlucht herauf ertönte ein brausender Ton, der immer stärker anschwoll, und dann aber, als sich das Geröll wieder festigte, mit einem Mal abbrach. Eine Staubwolke wehte bis zu uns herauf und wurde vom Südwind weggetrieben.

Alle Mühe war vergebens gewesen. Zwar standen jetzt drei Tiere auf der anderen Seite, aber der Pfad war wieder verschwunden. Mit viel Glück hatten der Captain und John sich retten können.

Jetzt stand John drüben und der Captain auf unserer Seite. Aber sie waren mittlerweile drei, und sie wurden vier, als sich Joshua an Webers Maultier vorbeizwängte und dann ebenfalls mithalf, noch einmal einen Pfad anzulegen.

Bis in die Dunkelheit hinein dauerte es, dann gelang es uns im Fackelschein, die Tiere auf die andere Seite zu bringen. Es klappte diesmal.

Wir hatten Lassos gespannt, die wie Führungsleinen den Weg für die Tiere markierten, dass sie ja nicht noch einmal daneben traten. Aber es gab nicht einmal mit den drei anderen Pferden Schwierigkeiten. Warum nur hatte das mit dem Packtier von John passieren müssen? Seine ganze Ausrüstung war damit verloren. Dank einer Wespe!

 

*

 

Wir zogen nicht mehr sehr weit. Als wir eine Stelle hatten, wo wir halbwegs lagern konnten, schlugen wir das Lager auf. Uns waren acht Stunden Zeit verloren gegangen.

John verfluchte sein Pech. Die Tatsache, die ganze Ausrüstung verloren zu haben deprimierte ihn, obgleich wir ihn trösteten und ihm versprachen, dass wir ihm natürlich das Nötigste zur Verfügung stellen würden.

Es beschäftigte ihn aber so, dass er, als ich dann um 10 Uhr die Vormitternachtswache hatte, sich zu mir setzte, weil er nicht schlafen konnte.

„Es ist vielleicht am besten“, sagte er, „wenn ich umkehre, einfach zurückgehe. Was will ich ohne Ausrüstung da oben? Ich falle euch zur Last. Da ist ja auch Proviant verloren gegangen. Bis jetzt haben wir kein Wild gefunden, nichts. Wovon sollen wir denn leben?“

Das fragte ich mich auch. Unser mitgenommener Proviant würde nicht lange reichen, wenn es uns nicht gelang, Wild zu erlegen. Es sah aber wirklich nicht danach aus. Ich konnte es gar nicht begreifen, zumal wir noch bei Tage kreisende Greifvögel gesehen hatten. Und wo die waren, musste es auch Wild geben.

Der Captain beteuerte ja immer wieder, dass da oben Wild sein musste. Aber was für Wild? Dickhornschafe vielleicht.

John fing wieder an zu schimpfen und zu jammern. Schließlich wurde es mir zuviel.

„Nun hör doch auf!“, sagte ich. „Du hast ein Maultier verloren. Mein Gott, es gibt Schlimmeres. Es ist nicht schön. Aber besser ein Maultier als ein Mann.“

Er hob überrascht den Kopf. Ich konnte allerdings seine Mimik in der Dunkelheit nicht erkennen.

„Vielleicht hast du recht, Jed“, meinte er. „Aber ich habe das Gefühl, von uns fliegen auch noch ein paar auf die Nase.“

„Das haben wir uns von vornherein alle miteinander gesagt, dass die ganze Geschichte kein Honiglecken ist. Es geht um Gold! Dieser Bursche, den Abe und ich aufgelesen haben, hatte Gold.“

„Vielleicht hat er sich das nur zusammengeredet.“

„Unsinn! Abe weiß so gut wie ich, dass dieser Kerl das Gold gehabt hat. Er war nur allein, verstehst du. Er ist die ganze Zeit allein gewesen, als er zurücklief. Und dann kam er in die Stadt und hat in seiner Freude, wieder unter Menschen zu sein, allen möglichen von seinem Fund erzählt. Ich sagte doch, er war allein. Und wenn ein Mann allein ist und seinen Partner verloren hat, dann sehnt er sich nach Menschen. Und du weißt, was Weber immer sagt: Wessen Herz voll ist, dem läuft der Mund über.“

Er nickte. „Du hast recht. Es kann so gewesen sein. Aber hat er dir erzählt, wie es da oben ist?“

Ich schüttelte den Kopf. „Hat er nicht. Dazu war keine Zeit. Begreifst du nicht, er hatte einen Messerstich in die Lunge erhalten, als wir ihn fanden. Soviel Zeit ist nicht gewesen.“

„Na ja, ich weiß schon. Abe hat die Geschichte ja schon fünfzig mal erzählt.“

„Nun hör auf herumzujammern wegen des Mulis und der Packlast. Die Sachen sind unwiderruflich weg. Aber es ist ja nichts weiter passiert. Wir helfen dir ja.“

„Mein Gewehr war dabei. Ein wunderbares Gewehr. So etwas gibt es nicht noch einmal. Eine Extraanfertigung für mich. Die Büchse stammte aus der Zeit, als ich Marshal in El Paso gewesen bin.“

„Vergiss es! Du bist nicht mehr Marshal, und hier tut es auch ein Gewehr von uns. Ich wollte nur, es gäbe etwas zu schießen. Solange wir kein Wild finden, müssen wir unseren Proviant aufessen. Und das ist schlecht, verstehst du? Verdammt schlecht!“

„Vielleicht ist vieles andere auch schlecht“, meinte er. „Ich glaube, ich sollte mich schlafen legen.“

„Versuch es wenigstens. Morgen geht die Wanderei wieder los. Und immer bergauf, mein Junge, immer bergauf! Wer weiß, was hinter dem Pass ist!“

„Wenn es ein Pass ist“, erwiderte er. „Es sieht so aus, als ginge es dahinter immer noch weiter nach oben. Eine Himmelsleiter ist das, aber kein Weg.“

Am nächsten Tag musste ich noch oft an seine Bemerkung von der „Himmelsleiter“ denken.

 

*

 

Auch am nächsten Tag war strahlender Sonnenschein. Aber wir merkten, dass die Luft allmählich dünner wurde. Obgleich wir wenig tranken, schwitzten wir, und unsere Kleidung war durchnässt wie nach einem Regen. Auch die Tiere keuchten, schnaubten und wurden immer langsamer. Dabei hatten wir die Packlasten aufgeteilt, so dass die Reittiere auch einen Teil der Packlast schleppen mussten, denn zum Reiten bot sich offensichtlich vorerst keine Gelegenheit mehr.

Am Morgen des nächsten Tages zogen wir beizeiten weiter. Noch am Vormittag erreichten wir das, was wir ursprünglich mal für einen Pass gehalten hatten. Es war nur kein Pass. Hinter diesem Bergeinschnitt ging es, genau wie John befürchtet hatte, weiterhin bergauf, und wir sahen von hier aus das gewaltige Felsmassiv des Union Peak. Es sah aus, als gäbe es in dieser Richtung kein Weiterkommen mehr. Und tatsächlich endete nach einiger Zeit diese Felsleiste an einem Schotterhang. Auch das waren Reste eines Lawinenniedergangs. Der Schotterhang reichte bis zu einem Felskamm hinauf. Ob wir wollten oder nicht, es gab gar keine Wahl. Wir mussten offensichtlich den Schotterhang empor und dann über den Felskamm hinweg.

„Es wäre besser“, meinte Weber, „einer ginge voraus und sähe sich an, ob es da hinten auch irgendwie weitergeht. Dann können wir anderen auf sein Zeichen hin mit den Mulis und den Pferden versuchen hinaufzukommen.“

Wir waren alle einverstanden. Ich meldete mich freiwillig, für die anderen zu erkunden. Ich machte das nun einmal gern.

Ohne Pferd, nur mit dem Gewehr, arbeitete ich mich über den Schotter nach oben. Schon so war es schlimm genug. Immer wieder rutschte man weg, trat Gestein los, das dann in die Tiefe polterte und noch mehr loses Gestein mitriss. Jedesmal drohte es zu einer Lawine zu werden.

Aber ich kam gut nach oben und erreichte den Felsenkamm. Bis jetzt würde es möglich sein, mit den Maultieren und den Pferden hinauf zu gelangen.

Als ich mich umdrehte und zurück sah nach unten, sah ich meine Gefährten und die Tiere winzig klein in der Tiefe.

Der Felsenkamm war höher, als sich von unten aus angesehen hatte. Aber ich fand so etwas wie einen Einschnitt, durch den man die Tiere bringen konnte.

Nach Meinung des Captains, der sich aber nicht mehr sehr genau erinnern konnte, erstreckte sich hinter dem Felsenkamm ein weites Tal. Ich würde es gleich ergründen können. Zunächst war es wichtig zu erfahren, ob wir mit den Maultieren und den Pferden durchkommen würden.

Tatsächlich gab es da oben in dieser gewaltigen Felswand einen Spalt, der von unten wie ein dünner Riss im Fels ausgesehen hatte, sich aber nun, da ich davorstand, als breit erwies. Breit genug, dass wir mit den Tieren hindurchkommen konnten und auch die Packlasten nicht abzuschnallen brauchten.

Ich benötigte fast eine halbe Stunde, bis ich durch diesen schluchtartigen Einschnitt hindurch war. Und dann sah ich das Tal. Es lag, umgeben von gewaltigen Bergen, wie eine Schüssel vor mir. Ziemlich in der Mitte befand sich ein See. Sein Wasser wirkte von hier aus tiefblau. Die Bergriesen spiegelten sich mit ihren weißen Mützen in der Oberfläche des Wassers. Es war ein herrliches Bild.

Ich blieb ein paar Sekunden lang stehen, um es mir anzusehen. Die Entfernung bis zu diesem See mochte schätzungsweise zwei Kilometer betragen. Man konnte sich täuschen in dieser glasklaren Luft, zumal der See weit tiefer lag als jene Stelle, auf der ich mich befand. Und dann entdeckte ich noch etwas. Um es genauer sehen zu können, zog ich das Spektiv aus der Tasche, stellte es auf Schärfe ein, suchte den Rand dieses Sees ab. Plötzlich sah ich sie: Dickhornschafe; wie von mir erwartet. Ich zählte mehr als zwei Dutzend. Überwiegend handelte es sich um Jungtiere.

Sie schienen mich aber trotz der großen Entfernung gewittert zu haben. Der Wind stand auf sie zu. Ich beobachtete, wie sie die Köpfe hoben, und vor allen Dingen ein etwas seitlich stehender größerer Bock immerzu in meine Richtung starrte. Ganz genau konnte ich das nicht sehen. So gut war mein Spektiv nicht.

Aber plötzlich machte dieser einzeln stehende Bock einen regelrechten Luftsprung und jagte dann auf den grünen Mattenhang zu, der rechter Hand zu einer der Steilwände hinführte, die den Rand dieses Bergkessels bildeten. Im selben Augenblick raste die gesamte Herde aus dem Stand heraus dem großen Bock nach. Sie entwickelte ein unheimliches Tempo, obgleich es ziemlich bergan ging.

Dann verschwanden sie zwischen den Felsen. Es musste da eine Felsspalte oder eine Schlucht geben, die ich von hier aus nicht sehen konnte. Jedenfalls waren sie mit einem Mal weg. Aber es gab mir Hoffnung, dass wir Wildbret erlegen konnten. Und damit waren unsere Proviantprobleme wieder einmal gelöst.

Dieses Tal sah so verlockend aus. Der herrliche See da unten, die grünen Hänge, die Felsen, die das Tal abschirmten, und der Sonnenschein, der alles schöner machte, der es regelrecht vergoldete. Dass dieses Tal für uns eine tragische Bedeutung haben sollte, ahnte ich nicht im entferntesten. Aber es war so.

 

*

 

Zunächst einmal signalisierte ich den anderen, dass die Passage frei wäre, und sie kamen mit den Tieren herauf. Es dauerte dann noch gut vier Stunden, bis wir einen günstigen Platz in der Nähe des Sees erreicht hatten und dort unser Lager aufschlugen.

Es war das erste gute Lager. Rundum Gras für die Tiere und auch für uns Aussicht auf frisches Fleisch. Der Captain und Jesse Richmond machten sich sofort auf die Jagd, während die anderen Brennmaterial holten, die Packlasten abluden, absattelten, Feuer schürten und unsere drei Kessel mit Wasser füllten und über die Feuer hängten.

Übrigens konnte man hier vom See aus die Stelle gut erkennen, in der die Dickhornschafe verschwunden waren. Es war tatsächlich eine Schlucht. Nur nicht sehr breit. Der Grund stieg ziemlich steil an, und dort hinein waren der Captain und Jesse gegangen. Wir konnten sie aber nicht mehr sehen, aber wir hörten sie. Dann plötzlich fiel irgendwo in dieser Schlucht ein Schuss. Wie Donnerhall kam es aus den engen Felswänden heraus, und auf der anderen Seite dieses Bergkessels hallte das Echo wider. Unmittelbar danach fielen noch zwei Schüsse.

„Das sieht aus, als hätten sie Erfolg gehabt“, meinte Abe, der sich zu mir gesellte und in den Händen ein Stück Riemen hielt.

Ich nickte nur, sah auf den Riemen und entdeckte, dass der abgerissen war. Er stammte offenbar von der Verschnürung der Packlast. „Was ist damit?“, fragte ich. „Soll der geflickt werden?“

Abe schüttelte den Kopf. „Nein, nein! Ich habe einfach kürzer geschnallt. Sag mal, Callahan, der Plan ist genau. Auch dieser See ist eingezeichnet. Aber da ist etwas, was ich nicht begreife. Sieh’s dir doch mal an!“ Er holte den Plan aus der Tasche, kauerte sich hin und schlug ihn auseinander. „Siehst du, hier ist der See.“ Er deutete auf eine Stelle der Skizze, wo der See tatsächlich eingetragen war. „Aber hier neben dem See ist ein Ausrufezeichen. Was könnte das bedeuten?“

„Wir sollten den Captain fragen. Er ist doch schon einmal in dieser Gegend gewesen.“

„Sagt er“, meinte Abe. „Aber er ist nicht mehr sicher. Er könnte auch irgendwo anders gewesen sein.“

Otto Weber kam näher. Er hatte sich seine Pfeife angezündet, blieb dann neben uns stehen und sah interessiert auf die Karte. „Alles richtig?“, wollte er wissen.

„Bis jetzt ja“, erwiderte ich. „Abe wundert sich nur über das Ausrufezeichen neben dem See.“

Weber machte schmale Augen und blickte in die Runde. „Sieht an sich ganz friedlich aus, hier. Und ich glaube, die Jungs haben auch Glück gehabt und etwas erlegt. Da drüben, da kommen sie!“

Er deutete zu der schmalen Schlucht hinüber und tatsächlich konnte ich die beiden sehen, wie sie den Schotterhang herunterkamen. Sie schienen etwas zu schleppen. Also hatten sie Wildbret erlegt. Gute Aussichten für uns alle.

Mir fiel das Ausrufezeichen wieder ein. Ich sah Weber an und erkannte, dass er ebenfalls daran zu denken schien. Er biss sich auf der Unterlippe herum, strich sich nachdenklich über seinen gewaltigen Schnauzbart und meinte dann: „Er muss sich etwas dabei gedacht haben! Vor was will er warnen? Vor dem Wasser? Das Wasser scheint mir gut zu sein. Es ist kristallklar und riecht nicht schlecht. Und die Tiere saufen es, denn es wimmelt hier unten von Spuren und Fährten.“

Ich nickte. Außer den Fährten der Dickhornschafe hatten wir auch Spuren von Pumas gesehen. Aber auch die von anderen kleineren Räubern, wie Mardern und Frettchen. Und natürlich gab es noch unzählige Abdrücke von Vogelfüßen.

Ich sah Weber wieder an. Er war ein besonnener, ein ruhiger Mann, und er hatte mehr Erfahrung als irgendein anderer von uns. Das hatte ich sehr bald gemerkt.

„Ich glaube nicht, dass es das Wasser ist“, meinte er. „Ich nehme an, die Gefahr droht von den Bergen aus. Felssturz vielleicht, Lawine. Aber die Felsen wirken massiv. Höchstens die Schlucht. Da drüben, wo die beiden jetzt kommen. Es sieht aus wie eine Lawinenstraße.“

„Ich glaube, wir sollten uns nicht allzuviel Gedanken machen. Wir müssen eben wachsam sein“, erwiderte ich.

Abe lachte. „Wachsam müssen wir sein, wenn wir Gold gefunden haben. Sieh dir die Jungs an! Die reden schon wieder von Gold und vom Reichtum. Sie teilen Dinge auf, die sie noch gar nicht besitzen.“

Er blickte zu John Colfax und Bill Belknap hinüber, die sich lachend ausmalten, wie es sein würde, wenn sie beide reich wären. Bill sprach vor allen Dingen von Mädchen. Das schönste wäre ihm dann gerade noch gut genug.

„Das ist noch harmlos“, meinte Weber mit einem kurzen Blick auf die beiden. „Aber wenn wir das Gold haben, geht der Ärger wirklich los. Es ist ein Zeug, das alle verrückt macht. Man muss schon sehr viel besessen haben, um kaltblütig zu sein. Ich glaube nicht, dass junge Menschen das überhaupt können. Man muss, denke ich, in meinem Alter sein, um damit fertig zu werden und sich zu beherrschen. Und auch da ist es noch schwer. Wenn man das erst in den Händen hält und sich ausmalt, was man dafür bekommen kann, dann geht es los. Es ist ein Teufelszeug. Ich hätte besser an diesem Trail nicht mitgemacht. Aber da seht ihr es. Auch ein Mann, der so alt ist wie ich, kommt nicht davon los. Es ist wie ein Rausch, der einen überkommt, wenn man es hat. Es beginnt schon, wenn man irgendwo fündig ist.“

Ich hatte schon einmal Gold gesucht, mit sehr mäßigem Erfolg allerdings. Ich wusste nur, dass es eine unheimliche Arbeit ist, eine Schinderei. Und oft genug verdient man, wenn man so arbeitet, woanders dasselbe. Aber nirgendwo ist die Chance so groß, mit einem Schlag reich zu werden, so reich, dass man ausgesorgt hat. Aber die wenigsten Goldsucher, die reich geworden sind, haben diesen Reichtum richtig angelegt, haben etwas daraus gemacht.

 

*

 

Wir kamen nicht mehr dazu, weiter über dieses Thema zu sprechen, denn nun wurden die beiden Jäger mit großem Hallo begrüßt. Jeder von ihnen hatte ein Jungtier erlegt. Jungtiere waren um diese Jahreszeit schon fast erwachsen. Die nächsten Minuten vergingen mit dem Abhäuten, wobei am liebsten jeder geholfen hätte. Dann trat Joshua in Aktion. Er weidete die Tiere aus, strich ihr Äußeres mit Öl ein und bereitete die Spieße vor.

Als das Wildbret schließlich über dem Feuer gedreht wurde, standen wir alle rundum und sahen erwartungsvoll, wie sich nach und nach der Braten zu bräunen begann. Joshua ließ es sich nicht nehmen, das Wildbret selbst zu begießen. Und obgleich keiner von uns nur einen Tropfen Alkohol getrunken hatte, brandete die Stimmung hoch. Wir sangen, und Jesse spielte dazu mit seiner Mundharmonika. Dann begann Abe Winnigall zu tanzen. Wir anderen standen im Kreis herum und klatschten den Takt mit den Händen. Indessen drang der Duft des Bratens immer deutlicher in unsere Nasen und ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Unsere Tiere grasten und hatten seit Tagen wieder Frischfutter. Das Gras hier oben war ziemlich dünn, aber doch saftig genug, und es stand reichlich zur Verfügung, so dass die Maultiere und die vier Pferde sich nähren konnten. Allerdings mieden sie jene Stellen, wo die Dickhornschafe gefressen hatten. Aber.es war genug da, und unsere Tiere konnten sich das Futter im ganzen Bergkessel suchen. Weglaufen würde gewiss keines der Tiere.

Allerdings mussten wir aufpassen. Die Pumaspuren waren eine eindringliche Warnung, und unsere Maultiere würden, wenn wir nicht über sie wachten, eine Beute der Pumas werden.

Als es dunkelte, loderten die beiden Feuer so hoch, dass der Lichtschein an den Felswänden widerspiegelte. Der ganze Talkessel war von einem rötlichen Schimmer erfüllt.

Die Braten waren längst gar, und Joshua hatte das Fleisch verteilt, soweit wir es gleich essen wollten. Das übrige wurde in Portionen zerlegt, mit feinem Salz außen bestreut und in erhitzte Leinensäcke gepackt. So konnte sich das Fleisch lange halten.

Noch einmal schlug die Stimmung hohe Wellen. Wir sangen nach dem Essen, und schließlich debattierten wir wieder über das Gold. Stundenlang wurde von nichts anderem geredet. Jeder ließ seinen Träumen freien Lauf. Mir fiel allerdings auf, dass der alte Weber und ich diejenigen waren, die am wenigsten über Gold sprachen. Vielleicht war es das, was uns anzog. Wir saßen noch eine Weile beieinander und erzählten uns, aber was wir redeten, hatte mit Gold nichts zu tun.

Schließlich teilte der Captain die Wachen ein, und ich bekam die letzte vor dem Morgen. Da wollte ich keine Zeit mehr versäumen und legte mich bald schlafen. Obgleich die anderen noch lachten, sangen und laut redeten, schlief ich schnell ein.

Aber es sollte kein sehr langer Schlaf werden.

 

*

 

Ich hatte das Gefühl, gerade eine halbe Stunde geschlafen zu haben, als mich ein Schuss weckte. Dass es ein Schuss war, begriff ich nicht sofort. Aber ich schreckte hoch, und da knallte es schon wieder. Ich sah etwas weiter entfernt aufblitzen und hörte dann Jesse Richmond brüllen: „Pumas! Jungs, Pumas! Kommt, helft mir!“

Die beiden Feuer waren bis zur Glut heruntergebrannt, aber da hatte schon Abe Winnigall eine der Fackeln heraus, hielt sie in die Glut und schon brannte sie an.

Als ich aufsprang, sah ich, wie Otto Weber mit seiner großkalibrigen Sharps-Büffelbüchse losrannte.

Ich lief ihm mit meiner Winchester hinterher. Aber ich sah noch nichts Richtiges. Der Fackelschein hatte mich geblendet, und ringsum war es stockdunkel, wie es mir vorkam.

Aber bald konnte ich die Umrisse der Gegenstände besser erkennen.

Ein paar von unseren Maultieren liefen an mir vorbei, rannten auf das Feuer zu, als wüssten sie, dass dort Schutz zu finden war.

„Weiter drüben sind noch die Pferde!“, rief mir Weber zu. „Wir müssen versuchen, sie zurückzutreiben.“

Wir liefen auf die Felswände zu.

Plötzlich krachte wieder ein Schuss! Und unmittelbar danach sah ich einen Schatten tief über dem Boden dahinhuschen: ein Puma!

Ich riss mein Gewehr hoch und schoss. Gleichzeitig hatte Weber geschossen. Seine Sharps donnerte wie eine Kanone. Und der Puma überschlug sich plötzlich, stieß ein eigenartiges Geräusch aus und blieb dann liegen.

„Ich glaube, wir haben ihn beide getroffen“, rief Weber keuchend, als er zu dem erlegten Puma hastete.

Plötzlich sah ich rechts von mir eine Bewegung, und ich hörte Jesse brüllen: „Es sind zwei! Es sind zwei!“

Ein zweiter Puma! Er sprang, flog durch die Luft auf Weber zu.

Ich hatte das Gewehr schon an der Hüfte, feuerte auf den fliegenden Schatten, hebelte durch ... aber es gab keinen zweiten Schuss, denn jetzt landete der Puma direkt auf Webers Rücken.

Der alte Goldsucher stolperte nach vorn, stürzte, und ich jagte auf den Puma zu, holte mit dem Gewehrkolben aus, um zuzuschlagen, aber da rollte der Puma schon zur Seite, und Weber, der hingefallen war, richtete sich auf.

Der Puma, zuckte noch, und ich wollte ein zweites Mal auf ihn schießen, doch Weber sagte:

„Es ist gut. Du hast ihn verdammt gut getroffen. Danke.“

„Bist du verletzt?“, fragte ich.

„Oh nein, mein Junge. Er hat mich nur umgerissen. Da habe ich immer gedacht, ich stünde fest auf meinen Beinen. Ein schwerer Bursche.“

Jetzt kamen sie von allen Seiten, auch Abe mit der Fackel. Da sahen wir sie liegen.

Jesse tauchte auf. „Habt ihr sie erwischt? Da drüben sind noch zwei. Denen habe ich ein paar vor den Latz geknallt. Aber, zum Teufel, sie haben zwei von unseren Maultieren erwischt. Wir müssen danach sehen Die Tiere sind weggelaufen. Aber ich wette, sie sind schwer verletzt.“

Das eine fanden wir wenig später. Ihm war von einem Puma der Bauch aufgerissen worden. Die Gedärme hingen heraus. Aber das Tier stand noch; stand mit hängendem Kopf, die Ohren zur Seite. Ein entsetzlicher Anblick. Ich ging hin, nahm meinen Revolver und gab dem Tier den Gnadenschuss. Damit war es von seinen Qualen erlöst.

„Es ist mein Tier“, sagte Joshua. „Jetzt hab’ ich nur noch eins.“

Er irrte sich. Er hatte keins mehr. Denn das andere fanden wir wenig später. Es hatte sich noch bis zum Wasser geschleppt und war dort zusammengebrochen und vielleicht sogar im Wasser ertrunken, weil ihm die Kraft gefehlt zu haben schien, sich weiter zum Ufer zu schleppen.

Wir zerrten das Tier heraus. Trotzdem meinte ich im Schein der Fackel gesehen zu haben, dass sich das Wasser an dieser Stelle schon rot gefärbt hatte.

Später stellte sich heraus, dass Weber doch etwas von dem Angriff des Pumas zurückbehalten hatte. Seine Jacke war hinten aufgefetzt und auf seinem Rücken zog sich eine blutige Spur von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte. Joshua verarztete den alten Goldsucher.

 

*

 

Von da an dachte niemand mehr an Schlaf. Es war übrigens zwei Uhr morgens, und nicht, wie ich gedacht hatte, kurz nach dem Einschlafen gewesen, denn es war auf Jesses Wache geschehen.

Die Maultiere und die Pferde waren so aufgeregt, dass wir noch eine Weile brauchten, sie zu beruhigen.

Als es dann hell wurde, häutete Bill Belknap die vier Pumas ab. Jener, der Weber angesprungen hatte, war ein Männchen. Die anderen waren Weibchen.

Keinem von uns war aufgefallen, dass sich der Himmel zugezogen hatte. Wir bemerkten es erst, als es hell zu werden begann. Von der Sonne war nichts zu sehen. Die Gipfel der Berge waren von Wolken umhüllt. Dabei herrschte eine eigenartige Schwüle. Es war eigentlich so wie vor einem Gewitter.

Wenn es Gewitter gibt, dachte ich, sollten wir uns einen besseren Platz suchen, einen, wo wir geschützt sind. Etwa unter überhängenden Felsen oder dergleichen. Ich wandte mich daher an den Captain.

„Als ihr da oben wart“, fragte ich ihn, „und die zwei Dickhornschafe erlegt habt, gab es da irgend etwas, wo wir uns unterstellen könnten?“

Offenbar hatte er auch schon daran gedacht, aber er schüttelte den Kopf. „Da ist nichts. Im Gegenteil. Dort besteht noch die Gefahr, dass wir eine Menge Zeug auf den Kopf bekommen; oder ist dir etwas auf gefallen?“, wandte er sich an Jesse.

Der hatte zugehört und schüttelte den Kopf.

Otto Weber, der an seinem Packen hantiert hatte, kam herüber. „Das gefällt mir nicht. Das sieht nach Gewitter aus. Gewitter hier in den Bergen sind eine schlimme Sache.“

„Dann besser hier als irgendwo da oben“, meinte Colfax.

„Ich weiß nicht“, erwiderte der Alte. „Soviel besser ist das gar nicht. Vielleicht sollten wir wirklich sehen, dass wir eine andere Stelle finden. Hier ist Wasser; das gefällt mir nicht. Wasser zieht die Blitze an. Wenigstens müssen wir an eine andere Stelle gehen. Weiter dort hinüber, wo die Sträucher sind.“ '

Er war von allen der einzige, glaube ich, der richtig begriff, was uns hier drohte. Auch der Captain, der hier schon in dieser Gegend gewesen war, hatte hier sicher noch kein Gewitter erlebt. Denn er sagte:

„Es wird genügen, wenn wir ein Stück vom Wasser weggehen. Ich glaube nicht, dass wir irgendwo anders sicherer sind als hier. Wir werden Sturmleinen über die Zelte spannen, da kann gar nichts geschehen.“

Ich war skeptisch. Ich kannte das Hochgebirge., Nicht nur die Windböen waren gefährlich; das Schlimmste für uns bedeuteten die Blitze. Andererseits sagte ich mir, dass John Colfax recht hatte, wenn er meinte, wir wären woanders auch nicht sicherer als hier. Sollten wir also ruhig hierbleiben.

Ohne ein Wort zu verlieren und sich um die Diskussion zu kümmern, die jetzt entbrannte, lief der Alte los und holte seine Maultiere. Eines davon drückte er Joshua in die Hand und sagte: „Darauf legst du deinen Packen.“ Dann lud er seine eigene Packlast auf, nahm sein Maultier am Zügel und marschierte los.

„Wo willst du hin?“, rief ich ihm zu.

„Ich hab’ es euch doch gesagt. Weg vom Wasser.“

Joshua folgte Weber, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dasselbe zu tun wie Weber.

Abe Winnigall kratzte sich im Nacken, sah erst mich an, blickte dann auf Weber und Joshua, schnappte sich dann ebenfalls seinen Packen und tat es dem Goldsucher nach.

In dieser Frage schieden sich bei uns die Geister. Der Captain hatte John Colfax und Bill Belknap auf seiner Seite. Jesse kam zu mir und sagte: „Ich mach’ es so wie du. Würdest du mir vielleicht mal verraten, was du machst?“

„Mir gefällt keines von beiden“, erwiderte ich. „Der Alte ist da hinten nicht sicher, und hier am Wasser taugt der Platz auch nichts bei einem Gewitter. Ich glaube, wir haben noch Zeit.“

„Willst du etwa weiterziehen?“.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922042
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
callahan straße wölfe

Autor

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Titel: CALLAHAN #14: Straße der Wölfe