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TRAIL LEGENDEN #3: Mein Freund Jonny

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Mein Freund Jonny

Klappentext:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

TRAIL LEGENDEN

 

Band 3

 

Mein Freund Jonny

 

Ein Western von Larry Lash

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Sie waren Freunde, Jonny Hayes und Dav McDonald. Als Will Texter ihnen sterbend den Auftrag gab, den Erlös für eine Treibherde auf die Hackmesser-Ranch zu bringen, da wurde dieses Geld zunächst eine Quelle wachsenden Misstrauens zwischen den beiden Freunden, dann aber schweißte sie der Kampf um die Erledigung ihres Auftrages noch mehr zusammen. Für Jonny aber war es bitter, auf der anderen Seite einen Bruder zu wissen, der ein Schuft wurde, für den .er alles geopfert hatte, Heimat und Ehre und Gloria Dunn, das Mädchen seiner Träume.

Als er mit seinem Freunde in die Heimat zurückkehrt, hat sich vieles geändert. Ein Raubrancher terrorisiert mit seinem Bruder das Land, und es bleibt Jonny und Dav McDonald nichts anderes übrig, als mit rauchenden Colts die Entscheidung herbeizuführen...

 

 

 

 

 

1.

 

 

„Misch dich nicht ein!"

Hart, ungewohnt kalt klang Jonny Hayes' Stimme. David McDonald glaubte sich verhört zu haben. Er gab sich nicht einmal die Mühe, sich nach seinem Partner umzublicken, der irgendwo wie er im Gestein liegen musste, langgestreckt auf dem harten Granitfelsen, der einem bereits die Kälte der Nacht durch das Gebein trieb. Yeah, David reckte sich nur und starrte über den Lauf seiner, auf einen Stein gelegten Winchester hinweg in die Tiefe. Seine Finger krümmten sich um den Hahn. Über dem Lauf hinweg visierte er einen der heidnischen Reiter an, die zur letzten Attacke den Wagenzug angingen.

Dreihundert Hunkpapa-Sioux! Es waren hochgewachsene, geschmeidige Reiter mit wehenden Federhauben, schwarzen Haaren, in teuflischer Art mit den Kriegsfarben bemalt, die ihre bronzenen Gesichter zu grässlichen Masken machten. Sie stürmten zum dritten mal gegen die brennende Wagenburg an, die ihre Kriegspfeile sturmreif geschossen hatten. Dreihundert grell bemalte Teufel, deren markerschütterndes Kriegsgeschrei durch Mark und Bein ging, stürmten von allen Seiten zu Pferde auf die Wagenburg zu, ungeachtet ihrer Toten, die beim Kreisjagen von den Reittieren geschossen wurden und unter die Hufe kamen. Dreihundert wilde Teufel gegen eine Handvoll weißer Männer, deren Karabiner- und Winchesterschüsse unter den Wagenrädern durch die brennenden Planen hindurehstachen, deren letzte Verzweiflung in dieser Abwehr detonierte.

David McDonald nahm sich einen der federgeschmückten leibhaftigen Teufel aufs Korn. Schon wollte er abfeuern, den bedrängten Männern dort unten helfen, doch in diesem Augenblick wurde ihm die Winchester aus der Hand geschlagen. David McDonald schnellte herum, um sich auf den Gegner zu werfen, doch es war kein Gegner, der ihm die Waffe aus der Hand geschlagen hatte, es war niemand anders als Jonny Hayes. Jonny hielt seinen 45er Colt in der Rechten. Die Mündung seiner Waffe war auf David gerichtet, den es so verwirrte, dass er mitten in der Bewegung erstarrte und heiser ausstieß:

„Bist du wahnsinnig?"

In diesen Worten lag Anklage und Verwirrung zugleich, Nichtverstehen und Trotz waren deutlich herauszuhören.

„Ich habe dich gewarnt, Dav, und ich wusste trotzdem, dass du es tun würdest. Was glaubst du wohl, was ein Schuss von uns auslösen würde?"

„Diese Frage solltest du dir vorlegen", entgegnete Dav wütend, wieder nach seiner Winchester langend. Die hagere Gestalt seines Partners bewegte nur den Colt ein ganz klein wenig höher, eine Geste, die typisch für Jonny war, und die Dav genau kannte, eine Bewegung, die ihm das Blut in den Adern zu Eis werden ließ.

„Dir ist der lange Ritt von Dodge durch das Indianerland nicht gut bekommen, was?", höhnte Dav. „Damned, was soll das? War die Sonne zu heiß? Willst du keinen Finger krümmen für das Wagencamp dort unten? Willst du sie von den roten Teufeln niedermetzeln und skalpieren lassen? Das kannst du doch nicht wollen!"

Jonny stand ein wenig seitlich von McDonald, so dass er vom Tal her nicht gesehen werden konnte. Es war eine Position, die McDonald nur zu gut kannte, die schon so manchen Mann herausgefordort hatte, doch jene, die Jonny so erlebt hatten, bevorzugten es, zu schweigen.

Yeah, in diesem Augenblick war Jonny Hayes McDonald fremd. Er spürte die ungeheure Kälte, die von dem schlanken, hochgewachsenen Mann ausging. David hatte den Eindruck, als hätte er die erste Begegnung mit seinem Partner. Himmel, sie waren jahrelang Sattelgefährten gewesen, hatten als Zureiter und Cowboys, als Frachtwagenfahrer und als Scouts gearbeitet. Sie hatten in wilden Städten ihre Colts verkauft und als Pokerspieler manche Stadt ausgenommen. Rau waren sie beide, rau und wild, ein fast zügelloses Gespann, das durch die Hölle reiten würde. Es waren zwei Männer, die in den Goldfeldern gearbeitet und selbst manchmal hart am Rande des Gesetzes gestanden hatten.

David McDonald war jedoch äußerlich das Gegenteil seines Partners. Er war ein kräftiger, breitschuitriger Riese mit grünen, flammenden Augen und feuerrotem Haarschopf, ein Mann mit ungeduldigem Wagemut und manchmal unbeherrschtem Temperament. Kein Wunder also, dass Jormys Stellungnahme ihn tief erschütterte, dass er es kaum glauben mochte, ihn in der typischen Stellung eines Revolvermannes zu erleben, der nicht nur bluffte. Wie aus Stein gehauen war sein Gesicht.

Während er seinen Colt tief an die Hüfte gepresst auf seinen Partner gerichtet hielt, tönte von unten aus dem Tal das Verzweiflungsgeschrei der Todgeweihten, verhallte im Triumphgeheul der Hunkpapas die letzte Hoffnung der Verlorenen. Stille sank nieder. Die brennende Wagenburg warf ihr gespenstisches Licht in die Nacht hinein.

„Reiten wir weiter!", bestimmte Jonny.

Es war sonderbar, dass Jonny den Ton angab und nicht McDonald, in dessen Inneren Hass gegen Jonny entbrannte, der nicht eine Kugel für die Überfallenen abgefeuert hatte. Er begriff noch nicht, dass Jonny so handeln musste, weil sie nur wenig Munition hatten und das Abfeuern eines einzigen Schusses dreihundert siegestrunkene Sioux vom Stamm der Hunkpapas ihnen auf die Fährte gehetzt hätte. Sie besaßen nur zwei abgetriebene Sattelpferde und ein noch abgetriebeneres Lasttier, das an der Longe mitgeführt werden musste. Nein, der Hass keimte in McDonald auf, ein Hass, der langsam zu schwelen begann und sein ganzes Ich zu vergiften drohte, entflammt in der Minute, da Jonny ihm zu helfen verbot. David war davon überzeugt, dass ihr Eingreifen eine Wendung in die Ereignisse unten im Tal den Eingeschlossenen in der Wagenburg gebracht hätte, so sehr war er von seinem Können, von seinem Mut, seiner Unschlagbarkeit überzeugt, dass er selbst dreihundert wilde Sioux herausgefordert hätte.

Langsam rutschte er von dem kalten Stein, indem er seine Winchester vorsichtig an sich nahm, und folgte Jonny zwischen den mannshohen Felsen dorthin, wo die drei staubverkrusteten, abgetriebenen Pferde warteten.

Erst jetzt bei den Pferden, nachdem Jonny seine Colts in die Halfter zurückgesteckt hatte, knurrte er Jonny böse an:

„Ich verstehe dich nicht mehr! Wenn nun Frauen und Kinder bei dem Treck gewesen sind, wenn nun ..."

Er brach ab, wagte das Entsetzliche nicht weiter auszusprechen. Er stand da, wie benommen von seiner eigenen Phantasie.

„Sohn des Sattels", hetzte er durch die Zähne, als er statt einer Antwort nur einen eigenartig dunklen Blick seines Partners erhielt. „Denk doch an deine Eltern! Hast du eine Schwester? Hast du je ..."

„Sprich nicht weiter!"

„Aber es muss dir einmal gesagt werden, Jonny", keuchte David seinen Partner an.

„Es waren weder Kinder, noch Frauen, noch Greise beim Treck", klang es hart zurück.

McDonald, der sich bereits in den Sattel schwingen wollte, sah mit Erstaunen, wie Jonny in seinen Satteltaschen kramte und Lappen herausholte, spürte, dass der Partner mehr gesehen haben musste als er selbst, und fragte zurück:

„Woher willst du das wissen?"

„Fang lieber gleich damit an, die Hufe der Pferde zu umwickeln!"

Jonny begann sofort mit dieser Arbeit, wobei er sagte:

„Die Hunkpapas haben einigen Handelsvertretern den Weg in die Hölle gezeigt. Es waren Weiße wie du und ich. Aber das war auch alles, was sie mit uns beiden gemeinsam hatten."

„Jonny, woher willst du das wissen?"

„Ich habe es gestern schon gewusst, genauer gesagt, von dem Augenblick an, als wir auf die Fährte der Wagenkarawane stießen. Ich habe mir diese Fährte genau angesehen, und ich sage dir, diese Männer hatten Handelswhisky geladen, jenes Gesöff, das die Indianer hohl brennt und jeden Weißen, der es in sich hineinschüttet, Amok laufen lässt. Außerdem hatten sie billige Wolldecken, Munition und alte Gewehre geladen. Ich will dir nicht lange erklären, was ich alles fand, aber eines ist sicher: die Hunkpapas gaben Menschen den Tod, die wertvolle Pelze für schlechte Gewehre, billiges Feuerwasser und schlechte Decken eintauschen wollten. Sie fegten Menschen von der Welt, die ihnen Unheil brachten. Dav, ihnen brauchst du keine Träne nachzuweinen. Sehen wir lieber zu, dass wir viele Meilen zwischen uns und die Hunkpapas bringen. Fang an, die Hufe deines Pferdes zu umwickeln! Wir werden leise reiten müssen wie Diebe in der Nacht, und vergiss eins nicht, dass wir gestern fünf dunkle Punkte hinter uns sahen."

Dav schluckte schwer. Yeah, er erinnerte sich, aber er wollte jetzt nicht daran denken. Er war zu aufgeregt und zu verbittert, um diese Warnung ernst zu nehmen.

„Will Texter kann sie nicht hinter uns hergeschickt haben, Jonny."

„Ich kenne diesen Will nicht gut genug, Dav. Er übergab dir das Geld, das er als letzter von fünf Cowboys der Hackmesser-Ranch-Crew retten konnte. Es sind immerhin dreißigtausend Dollar, und er trennte sich nur davon, weil er selbst schwerverwundet und wohl nicht mehr recht bei Besinnung war."

„Jonny, wir haben für ihn alles getan, ihn an einen Ort geschafft, wo er genesen wird. Du warst einverstanden, als ich dich fragte, ob du mit mir reiten und die dreißigtausend Dollar nach Texas zur Hackmesser-Ranch bringen willst. Du sahst darin einen Fingerzeig des Schicksals, auf den rechten Weg zurückzukommen! Du warst es, dem die Sache besonders gefiel, der zu mir sagte, dass es für uns beide eine Chance wäre, ein neues Leben zu beginnen. Aber vielleicht gefiel es dir nur, weil Will Texter sagte, dass eine Frau die dreißigtausend Dollar bekommt, Gloria Dunn, die Erbin der Hackmesser-Ranch."

Er stieß seine Worte schroff heraus, beobachtete Jonny dabei scharf. Doch der ließ sich anscheinend nicht stören, sondern umwickelte die Hufe weiter und sagte fast sanft:

„Machen wir uns nichts vor! Geben wir doch zu, dass uns beide Gloria interessiert! Es ist für sie wohl nicht ohne Bedeutung, dass das Geld von der verkauften Treibherde zurückkommt zur Hackmesser-Ranch. Dennoch kommt, möchte ich sagen. Schließlich werden wir ihr sagen müssen, dass es einen wilden Kampf in Dodge gab, fünf Hackmesser-Cowboys in den Staub der Mainstreet fielen, und es nur Will Texter gelang, angeschlagen und schwer verwundet, wie er war, zu flüchten. Ich denke weiter, Dav. Gewiss, wir fanden ihn und brachten ihn gut unter. Aber was wissen wir, wie jene Gegner, die über die Hackmesser-Crew kamen, weiter handelten? Wir wissen nicht, ob sie nicht doch Will Texters Unterschlupfwinkel ausmachten und von ihm unsere Namen und unsere Route erfuhren."

„Meinst du, dass sie einen Schwerkranken durch die Hölle schickten?"

Jonny nickte, ohne dabei aufzusehen. Sein Gesicht wirkte düster.

„Genau das befürchte ich, Dav. Schon allein die Tatsache, dass man gegen die Hackmesser-Crew in Dodge teuflisch verfuhr, sagt deutlich genug, mit welch üblen Kerlen wir rechnen müssen. Schließlich war die Hackmesser-Mannschaft eine der härtesten auf dem Trail. Sie vollbrachte mit einer Randvoll Cowboys ungeahnte Leistungen und trieb eine große Longhornherde von Texas nach Dodge. Sie war die erste, die nach dem Winter ihre Treibherde in Marsch brachte, die erste, die eine große Herde in Dodge verkaufte, also auch die erste, die eine große Geldsumme bekam. Und das brachte die Schufte aus Dodge in Bewegung. Mich überläuft es heiß und kalt, wenn ich daran denke, was sie Will Texter angetan haben könnten."

„Glaubst du, dass man Will ..."

„... dass man ihm noch so zusetzte, dass er alles sagte, und dass man hinter uns her ist, Buddy", unterbrach ihn Jonny, ohne die geringste Erregung zu zeigen, „und man weiß genau, zu welcher Kategorie Menschen wir beide gehören. Schließlich waren wir in Dodge nicht unbekannt. Ein ,So long’’ für Will Texter!"

„Sage das nicht! Noch ist nicht erwiesen, dass. Will von der Welt ging, noch nicht!"

„Denke, was du willst, Dav", entgegnet e Jonny Hayes, „du hast immer noch nicht begriffen, wie schmutzig diese verdammte Welt ist und wie gemein oft die Menschen, die sie bevölkern. Du hast in Dodge die Augen nicht weit genug offen gehabt, denn sonst würdest du wissen, dass es keine zügellosere, keine schlimmere Stadt gab, keine, die so wie sie die Horden gesetzloser Kerle anzog. Ich will dich nicht ändern, aber du kannst mir manchmal verteufelt leid tun, Du glaubst noch zu sehr an das Gute im Menschen, und allen Enttäuschungen zum Trotz glaubst du es immer noch."

„Und du?"

Jonny erhob sich. Er hatte seine Arbeit erledigt und reckte sich. Seine Augen waren noch düsterer geworden.

„Ich war zwölf Jahre alt, als alle meine Illusionen zerstört wurden. Darum sage ich noch einmal: So long, Will Texter, so long, Hackmesser-Crew! Reiten wir, Buddy, die Hunkpapas beginnen ihren großen Skalptanz. Die beste Gelegenheit für uns, davonzukommen. Dreihundert wilde Wölfe möchte ich nicht hinter mir haben."

In der Tat, rings in den Bergen flackerten Feuer, deren Schein von tiefziehenden Wolken zurückgespiegelt wurde. Der monotone, aufpeitschende Rhythmus bespannter Trommeln dröhnte durch die Nacht.

Während Dav eine Gänsehaut über den Rücken lief, schienen die dumpfen Laute bei Jonny eine gegenteilige Wirkung auszuüben.

Sein leises Lachen klang wie befreit.

„Solange sie tanzen, solange es Nacht ist, werden sie uns nicht stören. Ein Glück, dass wir es nicht mit Apachen zu tun haben."

„Mir genügt es auch so", unterbrach ihn Dav.

„Eigentlich solltest du doch keine Abneigung gegen die Apachen haben. Fünf Jahre hast du doch unter ihnen gelebt!"

„Das stimmt, und darum weiß ich genau, was wir zu erwarten hätten, Dav", war die lakonische Antwort.

Sie stiegen in die Sättel. Jonny nahm das Packpferd näher an sein Reittier heran. Es schien, als wäre der Missklang zwischen ihnen endgültig von bei. Doch es schien nur so, denn Dav, der hinter Jonny ritt, sah seinen Partner mit ganz anderen Augen.

Wie ein Apache ritt dieser, etwas vornüber gebeugt, wie schläfrig, und nur der Himmel mochte wissen, was für Gedanken wirklich hinter Jonnys Stirn sich bewegten.

Dreißigbausend Dollar waren auf dem Packpferd verstaut, versteckt unter dem Proviant. Dreißigtausend Dollar aber waren ein riesiges Vermögen für zwei Männer ihres Schlages, für Männer, die von der Hand in den Mund lebten, die es nicht wagen durften, an die Zukunft zu denken. Mit dreißigtausend Dollar konnte man den großen Schritt nach vorn tun, konnte sich Wunschträume erfüllen, konnte man ein ganz neues Leben beginnen. Beide ritten bisher immer hart auf der Grenzlinie. Beide hatten sich rau durchs Leben geschlagen. Dreißigtausend Dollar aber waren ein Vermögen, das endgültig entscheiden konnte, ob sie sich auf diese oder jene Seite des Zaunes stellen wollten.

Schweigend ritt Dav hinter seinem Trailgefährten drein, voll von düsteren Gedanken. Er fragte sich, ob die Sache mit den Whiskyhändlern stimmen konnte. Zum ersten mal in dieser Partnerschaft, die fünf lange Jahre durch dick und dünn geführt hatte, zweifelte Dav an der Wahrheit von Jonnys Geschichte. Es quälte ihn, quälte ihn wie der Gedanke an das ihm vor die Nase gehaltene Eisen des Freundes. Waren sie es noch?

Er lachte auf. Jonny fragte sogleich nach dem Grund dieses Lachens.

„Ich habe mir soeben einen prächtigen Witz erzählt, Jonny."

„Erzähl ihn laut, so dass ich mitlachen kann: Es ist besser, mit einem Lachen durch die Hölle zu reiten, als mit vor Angst schlotternden Gliedern, aber erzähle die Witze leise, damit die Hunkpapas uns nicht hören."

„Gerade das habe ich soeben getan", sagte Dav spöttisch, und weiter ritten sie durch die Nacht, die dunkel und voller Spannung war, von der man nicht wusste, wann sie zu einem gespenstischen, schrecklichen Leben erwachen konnte. Leise pfiff der Wind in den Felsklippen, auf denen große Steinbrocken lagen, die irgendwann von den höhergelegenen Regionen vom Wasser, Schnee und Eis heruntergetragen worden waren. Das Tam-Tam der Trommeln aber schwang ständig vor und hinter ihnen, als wären sie von den Trommlern umringt.

Es war Dav, als hätte er sich eine unsichtbare Last aufgepackt, von dem Augenblick an, als Jonny ihn mit der Waffe bedrohte. Es kam ihm vor, als stöhnten hilfeflehende Stimmen aus den Klippen und Tannen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Nur zu lebendig war das unheimliche Bild der brennenden Wagenburg und den wild anstürmenden Siouxhorden.

Zwei Männer auf dem Trail quer durch das Indianerland auf dem Weg nach Texas. Zwei Männer, die einem schwer verwundeten Cowboy der Hackmesser-Ranch das Versprechen gegeben hatten, den Erlös der Herde zurückzubringen zur Ranch.

 

*

 

Gegen Morgen kamen sie auf dem Kamm eines mächtigen Hügelrückens an und schlugen ihr Camp auf. Hinter ihnen gut sichtbar und im grauen Morgendunst sich schwarz abzeichnend der Santa-Fé-Trail und der Cimarron-River. Vor ihnen aber lag nun Oklahoma, ein freies, wildes Land, das größtenteils aus weiten, baumlosen Ebenen bestand. Es war kaum damit zu rechnen, dass die Hunkpapas, die sie in der Nacht abgehängt hatten, sich noch weiter südwärts wenden würden. Ihre Jagdgebiete lagen hoch im Norden, in Wyoming. Es war bezeichnend für diesen Stamm, der viele Hunderte von Meilen durchstreifte, ewig hungrig gleich wilden Wölfen.

„Oklahoma!" Dav sprach es laut vor sich hin. Er sprach es mit Bewunderung und auch ein wenig Sehnsucht, denn dieses Land war nicht so trostlos, wie es den Anschein hatte. Es hatte zahllose Seen und Flüsse, und das wunderbare Gebirge, die Sawtooth-Mountains und die Kiamochi-Berge. Es gab herrliche Wälder, viel Wild, kühle Täler und heitere Höhen. Von diesem Land hatten die Treibherden-Cowboys sehr unterschiedlich berichtet; die einen in lobenden, die anderen in abfälligen Tönen. Oklahoma war .kein unbekanntes Land mehr, seit der Trailweg nach Dodge-City erschlossen worden war und die vielen tausend überschüssigen Rinder nach dem brudermordenden Krieg Süd gegen Nord in Kansas einen neuen Markt in den Städten Dodge-City und Abilene eröffneten. Aber es war immer noch ein wildes Überraschungsland, voll düsterer Geschehnisse und einsamen, am Trailrand gelegenen Gräbern, voll wirbelnder Staubschleier, die Mensch und Tier den Atem nehmen konnten.

„Lege dich hin, ich übernehme die erste Wache", sagte Jonny.

Dav nickte nur. Nach den langen Stunden im Sattel, nach den vielen Strapazen, die sie bereits hinter sich hatten, war er zu müde, um zu reden. So nahm er seinen Sattel und seine Deckenrolle, suchte sich einen geschützten Platz zwischen den Steinen, rollte sich, angezogen wie er war, in die Decke, legte seinen Kopf auf den Sattel und schlief auch sofort fest ein.

Die Sonne brannte bereits hell, als er erwachte. Er fuhr in die Höhe, die Decke mit einem Fluch von sich werfend. Der Schreck lähmte ihn fast; denn nur sein eigenes Pferd stand noch auf dem Campplatz. Jonny aber war mit seinem Reittier und dem Gepäckpferd, das die dreißigtausend Dollar trug, verschwunden.

Noch nie war Dav so rasch munter wie jetzt. Mit einem lauten Fluch fuhr er in die Höhe, wischte sich über die Stirn, als wollte er das Bild fortwischen, das seine Augen sahen, als wollte er die nackte Wahrheit nicht begreifen.

Jonny war fort, und mit ihm dreißigtausend Dollar! Nur darum wollte also Jonny die erste Wache halten, nur um sich abzusetzen. Die Hölle über den verräterischen Schuft, den dreißigtausend Doblar verrückt gemacht hatten, yeah, die Hölle über ihn!

Dav taumelte zurück. Deutlich waren die Trittsiegel der beiden verschwundenen Pferde. Das war einleuchtend genug. Jonny war zum Schuft gewerden, ein größerer Schuft als jener Boss, der die Hackmesser-Crew auf offener Straße von seinem rauen Rudel anfallen ließ, yeah, ein schlimmerer Schurke als Steward Faller, auf dessen Konto das Leben von fünf Hackmesser-Cowboys kam; denn bald würden die Trittsiegel seiner Pferde verlöschen, so dass es selbst einem Indianer schwer fallen würde, Jonny zu folgen. Diese verteufelte Kunst hatte er bei den Apachen gelernt. Der Gedanke, dass die Spur schon bald verlöschen und jede Verfolgung sinnlos werden würde, ließ Davs Blut fast kochen.

Yeah, von Jonny wusste man nicht, wohin er sich wenden, welchen Weg er einschlagen würde. Jedenfalls nicht mehr in Richtung Texas war er zu suchen!

Gloria Dunn würde vergebens nach den Reitern Ausschau halten, die ihr den Erlös der verkauften Herde bringen würden. Will Texter hatte einem Unwürdigen diese schwere Aufgabe anvertraut.

Unwillkürlich tasteten seine Hände nach den Colts, hoben sie an und stießen sie fest zurück. Der Groll zog Dav die Kehle eng und enger, so dass er nur schwer Luft holen konnte. Er warf einen schnellen Blick in die Runde. In diesem schwierigen Gelände musste Jonny schon viel Boden gewonnen haben. Aus ... vorbei ... die große Chance vertan! Niemals wieder würde er in einen Spiegel sehen können. Er dachte an Will Texter, dem er diesen Treuedienst versprochen hatte. Fünf gute Boys hätten also umsonst ihr Leben eingebüßt. Der Kampf wäre umsonst gewesen.

 

*

 

Der Frühlingsmorgen war dunstverhangen. Die Kälte der Nacht hatte auf das frische Grün Raureif gezaubert. Dav rollte seine Decke zusammen, schulterte sie und seinen Sattel, trug beides zu seinem Pferd hin, um es aufzusatteln und zu zäumen und es von seiner Hobbelung zu befreien. Das Tier war nicht weit vom Camp abgewandert, und das war gut so. Dav hatte es jetzt eilig und war so voller Zorn, dass jede Verzögerung diesen Zorn noch gesteigert hätte.

Doch als er aufsteigen wollte, sah er über die Satteldecke hinweg, weit hinten im Süden rotgrauen Staub aufquirlen. Er stutzte, sagte sich dann aber, dass es keinen Grund zur Besorgnis gab. Auf dieser Route zog sicherlich eine Treibherde nach Norden, die man jetzt im Dunst natürlich noch nicht genau erkennen konnte, da sie zu viele Meilen weit entfernt war, um sich ein klares Bild zu verschaffen. Es würde von nun an Herde auf Herde aus Texas getrieben, Longhornrinder aus Texas weiten Auen, die in Kansas gegen blanke Dollars getauscht werden sollten. Kansas konnte den Rindersegen aus Texas weiterleiten zu den großen Schlachthäusern im Osten und den Konservenfabriken der Millionenstädte. Was aber kümmerte es ihn, Dav! Er hatte eine andere Aufgabe zu erledigen. Er würde sich an Jonnys Fährte klammern und so lange reiten, bis er Jonny vor seine Colts bekam.

Yeah, so dachte er und zuckte zusammen. Aus den Klippen dröhnte laut ein Winchesterschuss. Die Detonation schien augenblicklich eine ganz andere Stimmung über die Landschaft zu legen. Aus, vorbei der süße Friede, vorbei die erhabene Stille der Wildnis, die über dem Land lag.

Ein einziger Schuss nur? Nein, im nächsten Augenblick krachte und barst es, wieherte irgendwo schrill ein Pferd.

Dav aber, der aufgesprungen war und sein Pferd in schneller Gangart hügelan trieb, hörte von oben her aus den Klippen Jonnys ruhige Stimme:

„Sitz ab! Wenn du weiterreitest, bist du gleich im Schussfeld unserer Freunde. Lass dein Pferd hinter den Steinen! Du würdest mich entlasten, wenn du die rechte Flanke unter deine Kontrolle bringst."

Dav wusste selbst nicht mehr, was ihn mehr überraschte, Jonnys Stimme oder seine Warnung. Er war in der Tat so überrascht, dass er anhielt, so überrascht, dass er zum zweiten mal an diesem Morgen zu fluchen begann, und es waren wahrhaftig keine schön gefärbten Saloonflüche. Vom Sattel seines Pferdes aus rief er:

„Warum hast du mich nicht geweckt?"

Yeah, das fragte er, obwohl die Kugeln weiter ins Gestein pfiffen, Splitter durch die Gegend flogen und sich manche Kugel als Querschläger verwandelte und heulend davonfegte.

„Tut mir leid, Buddy. Ich habe unsere Freunde im Auge gehabt und zu spät erkannt, dass ich dich hätte wecken sollen."

„Sicherlich nagelten sie dich gerade fest, als du auf und davon wolltest?"

„Meinst du, weil ich das Packpferd und mein eigenes gleich mit heraufnahm? Nur eine Vorsichtsmaßnahme, Dav! Du wirst es nicht glauben, unsere Freunde sind aus Dodge, und sie haben Verstärkung bekommen. Steige sofort ab!" Er sagte es so freundlich und leichthin, als wäre er auf einem Schießstand und gerade dabei, auf Scheiben zu schießen.

„Jonny, du hättest zu mir herunterreiten können."

„Daran habe ich auch gedacht, aber sie haben meinen guten alten Pinto niedergeschossen. Ich liege hinter ihm. Noch im Tode gibt er mir Dekkung", klang es von oben herab. „Denke daran, dass uns Steward Fallers Rudel gestellt hat und sorge dafür, dass wenigstens für dich ein Ausschlupfloch bleibt."

Das sagte er, und es war für Dav kaum zu fassen. Wieder einmal war er wie vor den Kopf gestoßen und im Zweifel, ob er es für eine Lüge halten oder für eine selbstverleugnende, opferbereite Tat ansehen sollte.

Doch er kam nicht dazu, lange darüber nachzudenken. Eine Kugel sauste so nahe an seiner Nasenspitze vorbei und schlug so dicht seitwärts in die Steinwand, dass sein Pferd erschreckt mit allen Hufen zugleich in die Luft ging und ihn aus dem Sattel warf.

 

 

2.

 

 

So ein Geschoss konnte selbst die schönste Unterhaltung beenden, vor allem, wenn es ein Pferd aufbocken, einen Reiter aus dem Sattel schleudern ließ. Die rechts stehende Gebüschgruppe reichte nicht als Deckung gegen den Feind aus. Recht unsanft landete Dav auf dem Boden. Zum Glück verstauchte er nicht seine Glieder. Yeah, zum Glück zeigte es sich, dass hartes Training und der ständige Umgang mit Pferden eine katzenhafte Geschmeidigkeit zur Folge hatten, die ihm jetzt besonders zugute kam. Er sprang hinter sein Pferd und angelte im Laufen die Winchester aus dem Sattelschuh heraus, hetzte zum Gebüsch und ließ sich fallen. Im Augenblick interessierte es ihn nicht, ob sein Reittier den Schreck überwunden hatte und stehengeblieben war, sondern seine ganze Aufmerksamkeit hatte sich auf die Gegner gerichtet.

Dav McDonalds Zorn aber war wie eine dunkle Woge, die ihn mitriss, die ihn zwang, Dinge zu tun, die ein gewöhnlich Sterblicher als Heldentat bezeichnen würde. In dieser Hinsicht stand er seinem Freund Jonny in keiner Weise nach. Im Gegenteil, er war es, der im Kampf sich als besonders draufgängerisch zeigte.

Er achtete nicht auf die Dornen, die ihm blutige Striemen rissen, nicht auf das faulige Land, das seine Kleidung verdreckte und in seinem Gesicht kleben blieb, nicht auf den fauligen Geruch, der seine Geruchsnerven übel belastete. Nein, in wenigen Augenblicken erreichte er den Klippenrand, schob sich vorsichtig mit der Winchester vor, und, yeah, zuckte zusammen. Es standen nicht fünfPferde, sondern gleich ein Dutzend unten im Tal am Föhrenhain. Dazu einige gut ausgerüstete Packpferde mit Futter- und Proviantsäcken, wie man sie nur Pferden auflud, wenn man einen langen Trail durchführte. Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass zwei Gruppen sich vereinigt hatten zum gemeinsamen Angriff, und dass sie sich nicht von ungefähr getroffen hatten. Die Ausrüstung der Pferde war für einen Trail durchs Indianerland bestimmt. Die Pferde wurden von einem Mann bewacht. Alle anderen Reiter hatten sich am Hang verteilt und kamen langsam näher.

Von oben von den Klippen feuerte Jonny. Dav kannte den Klang seiner Winchester genau, er unterschied sich von anderen Feuerwaffen. Jonny schoss in Abständen, als sparte er bereits mit seiner Munition.

Und jetzt mischte Dav mit. Er hatte nur gewartet, bis er das gleißende Licht einer Mündungsflamme aufleuchten sah. Ein dumpfer Schrei kam aus der Tiefe. Jemand schrie Befehle. Davs neue Position brachte auf dieser Flanke den Angriff ins Stocken.

Jonny sagte von oben herab: „Jetzt weißt du es."

„Ganz genau, Jonny!"

„Siehst du, dass sie eine Frau bei sich haben?"

Dav antwortete nicht sogleich. Diese Nachricht erschreckte ihn tief.

„Mach keine Witze, mir ist nicht danach zumute. Ich sehe nur Pferde, die für einen langen Trail ausgerüstet sind."

„Pferde mit dem Hammer-Brandzeichen. Du kennst es doch noch gut aus Dodge, oder?"

„Yeah", keuchte Dav, „das heißt also, dass uns die gesamte Bande gegenübersteht."

„Und das heißt auch, dass Steward Faller selbst mit dabei ist, dass er Dodge als Hauptquartier aufgab und anderswo sein Glück versuchen will. Ich frage mich nur, was ihn mit dem Rest der Bande in die Sättel holte."

„Vielleicht hängt das mit der Frau zusammen?"

„Eine Vermutung, weiter nichts. Sie werden es uns wohl kaum erzählen."

„Yeah, Jonny."

Jonny gab keine Antwort mehr. Noch zweimal versuchte Dav, Jonny anzurufen. Vergeblich. Hatte ihn eine Kugel getroffen? War er bereits aus dem Spiel?

Dav beobachtete sorgfältig das Gelände, jede Falte, jede Klippe und das freie Gebiet. Steine polterten zu Tal. Deutlich höfbar kamen die Gegner näher, aber sie schossen jetzt nicht mehr, sondern versuchten wohl, innerhalb der Deckungen ganz nahe zu kommen, um dann zum letzten Schlag auszuholen. Zum dritten mal wechselte Dav seine Stellung.

Eine volle Stunde lang geschah nichts weiter mehr. Drunten im Tal bei den Banditenpferden steckte sich der Wächter eine Zigarette an, tat so, als ob nicht der Tod überall lauerte. Aber das war auch nur ein Zeichen dafür, wie hart die Hammer-Crew war, die durch die Hunkpapas nicht aufgehalten werden konnte. Es war ein Zeichen dafür, dass all die Kerle auf Tod und Leben ritten und selbst in solchen Situationen eiskalt einen Glimmstengel zwischen die Lippen nehmen konnten, yeah, dass diese Kerle nicht nur in Dodge die ganze Stadt in Verwirrung bringen, sondern auch wie Wölfe durch das Land reiten konnten.

Und bei ihnen sollte eine Frau sein?

Was für eine Frau?

Davs Zorn wuchs. Aus unerklärlichen Gründen nahm er für diese Frau Stellung, obgleich er nicht wusste, wer sie war. Aber er sagte sich, dass keine Frau etwas bei dem Verein zu suchen hatte, und dass es wohl keine Frau gab, die freiwillig einen Gewaltritt mitmachte, wenn sie nicht ganz besondere Gründe dafür hatte.

Doch weiter in dieser Richtung nachzudenken, war ihm unmöglich. Die Sorge um Jonny nahm Überhand. Warum hörte man seine Winchester nicht mehr? Warum meldete er sich nicht? Plötzlich wurde Davs Verdacht gegen Jonny wieder wach, und zwar so stark, dass es sein Herz fast stillstehen ließ. Hatte Jonny nur darauf gewartet, dass Dav eingriff, damit er sich selbst lösen und mit den dreißigtausend Dollar auf und davon gehen konnte?

Dav musste Gewissheit haben, mochte geschehen, was da wollte, und sollte er mitten durch die Hölle gehen. Er kroch zurück, erhob sich aus dem Gebüsch und rannte zu seinem Pferd. Nichts geschah. Stille lag über der Landschaft. Sicherlich war man noch nicht nah genug herangekommen. Dav wollte das nützen. Er zog sein Pferd hinter sich her, eine Geröllhalde hinauf, die in die Klippen führte. Auf halbem Wege dorthin blieb er wie angewurzelt stehen.

Etwas unterhalb von ihm, zwischen einigen mannshohen Steinen, bewegte sich ein dunkler Schatten.

Da Dav die Winchester umgehängt trug, griff er sofort zum Colt und hob ihn aus dem Halfter, Aber die schussbereite Waffe sank nieder.

„Jonny!"

„Komm her!", keuchte der und winkte ihm zu.

Dav gehorchte. Als er mit seinem Pferd zwischen den Steinen bei Jonny war, hielt er an. Seine Wangenmuskeln zuckten.

„Ich frage dich, was eigentlich gespielt wird", keuchte er Jonny an. Doch der erwiderte den flackernden Blick fest mit seinen dunklen Augen.

„Dort oben ist das Nest leer. Ich habe es vorgezogen, die Höhenluft aufzugeben. Jemand von den Gegnern hat die gegenüberliegende, höhergelegene Wand bestiegen. Dieser Jemand ist ein ausgezeichneter Scharfschütze. Sieh dir das an."

Er hob bei diesen Worten seinen Stetson ab, bohrte mit dem Zeigefinger in das Ein- und Ausschussloch hinein und wirbelte den Stetson um den Finger.

„Und dann habe ich nachgesehen, wie man von hier fortkommt."

„Und dabei das Sattelpferd mitgenommen?"

„Ich weiß nicht, was dich daran so aufregt? Hättest du es für richtiger gehalten, wenn ich es auf den Klippen von den Schützen hätte abschießen lassen? Mir genügt, dass mein Sattelpferd eine Kugel erwischte", erklärte Jonny düster, so tuend, als überhörte er das Misstrauen in Davs Stimme. „Ich habe genug!"

„Und jetzt sollten wir wohl verschwinden?"

„Yeah", erwiderte Jonny. „Komm!"

„Ich denke, wir sind umringt?"

„Dazu müsste man eine ganze Armee in diesem Gelände aufbieten und nicht zwölf beutegierige Hundesöhne. Nein, komm nur! Bis jetzt hat es mir gefallen, etwas Blei zu vergeuden, doch nun nicht mehr."

Er setzte seinen durchlöcherten Stetson wieder auf und ging voran durch ein richtiges Labyrinth, in dem es eine Unmenge von Gassen und Wegen gab.

„Ich frage dich, weshalb es dir jetzt nicht mehr gefällt, der Hammer-Mannschaft eine Lektion zu erteilen. Ich frage dich, weshalb du dieser von allen Staaten geächteten Mannschaft den Rücken zeigen willst?"

„Du verstehst mich falsch, Buddy", erwiderte Jonny mit leisem Lachen. „Es wäre verkehrt, diesen Burschen den Rücken zu drehen. Sie würden trotzdem ihre Waffen heben und uns eins aufbrennen. Ich weiß sehr genau, wozu diese Burschen fähig sind."

Es war erstaunlich, wie sicher er sich in diesem Gewirr vorwärtsbewegte. Auch das hatte er gewiss bei den Apachen gelernt. Es war erstaunlich, dass er das Packpferd hier hingebracht hatte und wieder zurückgekommen war, um Dav zu holen.

Dav aber wurde es heiß und kalt bei dem Gedanken, dass er Jonny bereits vor der Mündung gehabt hatte. Er wollte etwas sagen, doch Jonny winkte ihm zu, das Pferd anzuhalten und stehenzubleiben. Leise sagte Jonny:

„Jetzt wissen sie, dass wir davongeflogen sind." Seine scharfen Ohren mochten Geräusche gehört haben, nach denen er die Weiterentwicklung der Situation beurteilen konnte. Auch das war eine Begabung, die Dav nicht besaß.

Trotz des Sonnenlichtes wirkte Jonny wie ein hagerer schwarzer Schatten, Er stand leicht gekrümmt und hielt den Kopf etwas schräg, als lausche er aufmerksam. In seinem Gesicht stand ein feines Lächeln.

„Ich frage dich nochmals, weshalb wir es nicht richtig austragen", knurrte ihn Dav an. „Wenn wir es jetzt nicht tun, werden wir es an einem anderen Tag serviert bekommen. Bis Texas und zur Hackmesser-Ranch ist noch ein weiter Weg. Hunderte von Gelegenheiten werden die Hammer-Kerle bekommen, und sie werden sie nutzen,"

 

*

 

Jonny gab keine Antwort, sondern schritt rasch weiter aus. Der Moosteppich machte den Hufschlag von Davs Pferd fast lautlos. Ärgerlich über das Schweigen folgte ihm Dav bis zu einem Felstor, denn dort blieb Jonny abermals stehen und sagte: „Geh voran!"

Dav blickte überrascht, doch fuhr er betroffen im nächsten Augenblick zurück und blieb dann nach Luft ringend stehen.

„Das ist der Grund", hörte er Jonny sagen. „Die Lady hält das Kriegsspiel nicht mehr aus. Es belastet zu sehr ihre Nerven. Sie kann nicht mehr, und deshalb ..."

Er brach ab, weil sein Partner Dav ihm gar nicht zuhörte, sondern wie benommen auf das Mädchen bückte.

„June!", keuchte Dav verstört. Yeah, es war June Grant. Die gleiche June, die er und Jonny schon in Dodge gekannt hatten. Aber dennoch wirkte sie ganz und gar anders, fast fremd.

Noch nie hatte man sie in Dodge in Männerkleidung gesehen, wenn ihr diese Kleidung auch den weiblichen Reiz nicht nahm, im Gegenteil, ihre Figur noch mehr betonte, so war es für Dav ein ungewohntes Bild.

Er kannte sie nur als strahlende Erscheinung in Seidenkleidern, weitem Dekollete, mit glitzerndem Schmuck angetan, hochhackigen Schuhen, als ein Mädchen, nach dem sich die Männerwelt in Dodge verzehrt hatte, von dem man sprach, und dessen Stimme man immer im Gedächtnis behalten würde, von dem man sagte, dass sie eine Unmenge Geld verdiente und für keinen zu haben war.

Und jetzt war sie hier und schaute ihn an. Sie stand aufrecht. Ihre dunkelblauen Augen waren ein wenig vom Staub gerötet, aber es waren die gleichen seelenvollen Augen mit den langen, schwarzen Wimpern, die er in Dodge nur zu oft gesucht hatte. Es waren ihre hellblonden Haare, yeah, es war einfach June Grant, und es war, als hätte Jonny mit einem geheimen Zauberspruch sie hierher berufen.

„Wenn dir deine Augen nicht aus dem Kopf fallen, dann fange ganz normal zu denken an", riet ihm Jonny, der sich nun neben ihn stellte. „Du hast ihr doch mal versprochen, dass du sie mit nach Texas nehmen würdest. Nun will sie dich beim Wort nehmen."

Yeah, Dav hatte ihr das mal gesagt, halb scherzend, halb im Emst. Er entsann sich genau, wie sie ihn abgewiesen hatte.

Aber jetzt war sie hier. Das war eine Tatsache, die man nicht wegwischen konnte und die Jonny auch sogleich erklärte, wohl um Dav aus der Bestürzung zurückzuholen.

„Du bist ohne sie abgeritten, und sie schloss sich Steward Faller an. Sie ahnte nicht, mit weichem ehrenwerten Gentleman sie sich einließ und wem sie sich anvertraute. Sie erfuhr es erst, als sie auf die fünf Kerle trafen, die man uns nachgeschickt hatte. Madam, so ist es doch?"

„Nicht ganz so einfach, Jonny", erwiderte sie. „Mein Boss empfahl mich an Mister Faller, als er hörte, dass ich nach Texas zu meinen Eltern zurückwollte. Ich habe nicht wissen können, wer Faller wirklich war. Ich suchte eine schnellreitende Crew, mit der ich reiten, der ich mich anschließen konnte, um so schnell wie möglich nach Texas zu kommen. Ich vertrage nicht eine Reise in einer rumpelnden und holpernden Stagecoach. Ich wollte so schnell wie möglich nach Texas, um meinen Eltern helfen zu können, ihnen mit meinen Ersparnissen beizustehen, damit sie die Ranch halten können."

„Was ist mit Ihren Eltern, June?"

„Sie stehen vor dem Ruin", klang es hastig zurück. „Sie werden alles verlieren, wenn ich ihnen nicht helfe. Aus dem Brief, den sie mir schrieben, geht das deutlich hervor. Es muss schon schlimm stehen, wenn meine Eitern sich an mich wenden. Ich bin die einzige Tochter. Ich kann nicht zusehen, dass sie ihren Lebensunterhalt verlieren und man sie von der Ranch jagt. Nur darum war mir jeder Trupp recht, der nach Texas ritt, dem ich mich anschließen konnte."

„Sie ritten mit Faller. Belästigte er Sie, June?", wollte Dav wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, er hielt seine Hand schützend über mich. Er hielt mich fern seiner Horde und ritt mit mir weit voraus oder weit hinter seinen Leuten. Anfangs habe ich das nicht so sehr beachtet, aber dann wurde mir klar, weshalb er das tat. Er wollte verhindern, dass ich üble Bemerkungen hörte, dass ich die Blicke dieser Männer spürte. Er wollte, dass ich keinen Verdacht schöpfe und nicht belästigt würde. Aber seine Beschützerrolle ging jäh zu Ende, als der zweite Trupp zu uns stieß und ihm gemeldet wurde, dass ihr beiden nur wenige Meilen voraus seid.

Zu spät konnte er seinen Leuten ins Wort failen. Ich wusste plötzlich, wer mein Begleiter in Wirklichkeit war, was für eine üble Rolle er in Dodge gespielt hatte. Er scheute sich dann nicht, die Maske abzunehmen und mir zu erklären, dass er unter dem Namen „Schwarzer Hammer" sehr bekannt sei. Yeah, er war eingebildet auf diesen traurigen Ruhm, richtig stolz, als er mein Erblassen bemerkte, und er sagte gönnerhaft: ,Nur keine Sorge, wir nehmen Sie schon mit nach Ludville."

„Nach Ludville?", unterbrach sie Dav, „Allmächtiger, genau dort wollen wir hin!"

„Jonny sagte es mir bereits", fuhr sie weiter fort. „Nun, Faller verlangte meine Ersparnisse. Ich sagte ihm, dass ich sie auf der Bank in Dodge hätte und nicht so dumm gewesen sei, sie mit auf den Trail zu nehmen. Er aber lachte mich aus und wurde zudringlich. Von diesem Moment an weiß ich nur noch eins: Ich habe meinem Pferd die Sporen eingesetzt und bin Hals über Kopf geflüchtet."

„Das stimmt, Madam", unterbrach Jonny ihre Ausführungen, „Zuerst sah ich Sie und dann die Kavalkade, die Ihnen folgte. Ich konnte diesen Reitertrupp stoppen und Ihnen einen kleinen Vorsprung verschaffen. Dav ist ein gescheiter Boy, der sicherlich alles genau begriffen hat. Nun wäre noch zu erwähnen, warum Faller Dodge-City verließ."

„Nicht nur Faller verließ die Stadt, sondern mit ihm viele üble Burschen. Die Regierung schickte Truppen dorthin und einen Mann namens Earp mit seinen Brüdern Virgil und Morg!"

„Die Kerle kenne ich", unterbrach Jonny, „aber nicht deshalb ist vielen der Boden in Dodge zu heiß geworden. Von nun an werden von Tag zu Tag mehr Cowboys mit ihren Treibherden Dodge bevölkern, und das ist etwas, das viele raue Rudel zwingt, das Feld zu räumen. So hat es auch Faller getan und ist unterwegs, um ein neues Feld für seine Tätigkeit zu finden."

„June Grants Boss scheint ihm einen guten Tipp gegeben zu haben", warf Dav ein. „Ich verstehe, Junes Boss war ein großer Mann in Dodge. Es ist anzunehmen, dass er seine Verbindungen zu jenen rauen Rudeln hatte und sogar selbst einer von ihnen war. Um so scheußlicher ist es, dass er June dieses antat."

Das Mädchen hatte aufmerksam zugehört, jetzt trat sie einen raschen Schritt auf die beiden Männer zu und sagte erregt:

„Juan Deming wollte mich nicht gehen lassen. Ich hatte aber meinen Vertrag bei ihm nicht erneuert. Er war sehr aufdringlich, und ich musste ihn mehrere Male zurechtweisen. Es ist schon möglich, dass er mich mit voller Absicht diesen Banditen zuspielte. In Dodge wäre er nicht der einzige Keeper, der mit Banditen unter einer Decke steckt."

„Sicherlich erhielt Faller von Juan Deming die Nachricht, dass Sie Ihr Vermögen abgeholt hatten, Madam! Aber trotz allem, Sie hätten mit der Postkutsche reisen sollen und sich keineswegs einer Crew anvertrauen dürfen."

„Erspare dir die Vorwürfe, Dav", entgegnete Jonny, „dadurch wird nichts an der Tatsache geändert, mit der wir uns jetzt abzufinden haben. Gehen wir!"

Er setzte mit dieser Bemerkung der Unterhaltung ein Ende und schritt durch das Steinlabyrinth weiter, wo das Pferd von June Grant neben dem Packpferd stancl.

„Wir wollen es nicht auf die Spitze treiben. Wenn auch zur Durchsuchung dieses Gebietes eine Kompanie Staatetroopers einen ganzen Tag brauchte, durch Zufall können wir eher eine Begegnung, mit der Horde haben, als uns lieb ist. Faller geht es jetzt nicht nur um das Geld."

Bei diesen Worten sah er June an, die sehr bleich und gefasst war, deren Augen dunkle Schatten zeigten.

„Ich möchte nicht zur Last fallen", entgegnete sie, „ich werde versuchen, alles zu tun, um euch einen dritten Trailpartner zu ersetzen. Dabei habe ich den Wunsch, nie wieder unter Fallers Gewalt zu stehen."

„Madam, wir stehen Ihnen bei", sagte Jonny schlicht, als handele es sich um einen kleinen Spazierritt. Man konnte den Eindruck gewinnen, als wäre man nicht mitten im Indianerland auf einem gefährlichen Trail, der selbst für die harten Mannschäften von Treibberdencowboys jeden Tag neue und bittere Überraschungen bringen konnte. Es schien so, als fände er sich mit den gegebenen Tatsachen leicht ab. Anders hingegen dachte Dav. Er beurteilte die Situation von seinem Standpunkt aus. Mochte June wie ein Mann reiten, mochte sie gewillt sein, einen Trailpartner zu ersetzen. Sie war und blieb eine Frau und war dazu begehrenswert.

Aber das war nur ein Teil des Kummers. Dav dachte an Faller und das raue Rudel.

Seine Zähne knirschten. War es nicht ein Hohn des Schicksals, dass die Frau, die er gebeten hatte, seine Frau zu werden, die ihn immer in seine Schranken verwiesen hatte, plötzlich auf seine und Jonnys Hilfe angewiesen war?

„Sitz hinter mir auf", forderte er von Jonny, der zu Fuß vor dem Packpferd herging, nachdem er June die Steigbügel gehalten und ihr in den Sattel geholfen hatte.

By Gosh, warum tat er das? Hatte sie nicht selbst verlangt, wie ein Trailpartner behandelt zu werden? Himmel und Hölle, auf den Gedanken, Dav den Steigbügel zu halten, war Jonny nie gekommen, und es wäre ihm auch sicher nicht im Traum eingefallen. Wenn er weiter so höflich sein würde, konnte es noch gemütlich werden. Ludville war noch weit entfernt, und sie hatten nur zwei Pferde. Woher sollte man ein neues Sattelpferd nehmen, das war die große Frage, die Dav laut aussprach.

„Yeah, warum sollen wir uns etwas vormachen. An die Pferde unserer Gegner werden wir wohl nicht kommen. Glaubst du, dass Curly Bratt, der düstere Curly, John Milton, Slim David und die anderen alle aus der rauen Mannschaft weniger Verstand haben als wir? Es sind ausgekochte, hartgesottene Boys, erfahren auf allen wilden Trails, mit allen Wassern gewaschen. Glaubst du, dass sie sich nicht ausrechnen können, wann sie uns vor ihren Eisen haben?"

„Lass sie nur rechnen, Dav, June steht unter unserem Schutz." Er betonte es so, dass es keinen Zweifel geben konnte, wie ernst er es meinte. „Wir sind jetzt für sie verantwortlich, als ob sie unsere Schwester wäre, und ich möchte, dass auch du sie so behandelst, Dav."

Er blickte sich um, und mit Augen, in denen ein Leuchten stand, sah er Dav fest an. Es erlosch zwar gleich wieder, aber die Drohung, die aus seinem Blick kam, traf Dav mitten ins Herz.

Indianeraugen, musste Dav denken. Yeah, wenn auch Jonny keinen Tropfen Indianerblut in seinen Adern hatte, so zeigte doch seine Haltung deutlich, dass die Jahre, die er bei den Apachen verbracht hatte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen warem Etwas war an ihm haften geblieben, das mit Worten nicht zu erklären, dafür um so deutlicher zu fühlen war.

June sagte kein Wort. Es war, als wäre sie verstummt von der Feindseligkeit, die spürbar zwisehen den beiden Männern stand und eine Spannung schuf, die jeden Moment zu zerreißen drohte. Wahrhaftig, sie konnte nicht ahnen, dass Dav sich Gedanken machte und nicht mehr so felsenfest davon überzeugt war, dass Jonny ihn hatte wecken wollen, dass Davs Gedanken immer quälender wurden und seine Fantasie ihm immer bösere Bilder schuf. Yeah, hätte es nicht so sein können, dass Jonny ihn in der Tat mit dem Mädel verlassen wollte? Mit dem Mädel und den dreißigtausend Dollar?

Auch Jonny hatte sich in Dodge für June interessiert, und in ihrer Gegenwart waren seine Augen immer aufgeflammt, als hätte sich in ihnen ein besonderes Licht entzündet. Und die Zweifel, die Dav abermals anflogen bei dem Gedanken über Jonnys Verhalten beim Anblick der Wagenburg, kamen erneut und viel stärker als zuvor.

June nahm die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, wahr mit dem feinen Empfinden einer Frau, die eine Situation nicht nach den gesprochenen Worten beurteilte, sondern sozusagen eine unsichtbare Witterung aufnahm. Und die sagte ihr, dass sich zwischen ihren unfreiwilligen Begleitern und Beschützern etwas anzubahnen begann, dessen Folgen noch nicht zu übersehen waren. Es schien, als ob die ruhige, fast lässige Art Jonnys Dav reizte, ausfallend zu werden. An den Blicken der beiden erkannte sie das Abschätzen und Abwägen, als ob sie beide sich manchmal feindlich gegenüberstanden.

Noch hielten sie sich zurück, noch unterdrückten sie ihre Gefühle, noch hielten sie sich in Zaum, noch vermied jeder einen offenen Streit, obwohl es drohend wie Gewitterwolken in der Luft schwebte. Der kleinste Anlass konnte diese Spannung zur Explosion bringen, die Freundschaft jäh zerreißen.

 

 

3.

 

 

Es kam die Nacht. Dunkel und weich legte sie sich über die Stille, die nur gelegentlich vom dumpfen Muhen der vierhundert Longhornrinder unterbrochen wurde. Ab und zu hörte man die verwehten Laute menschlicher Stimmen. In der Ferne sah man das rot leuchtende Feuerauge eines Campfeuers, hinter dem sich die schwarzen Konturen des Küchenwagens gegen den helleren Nachthimmel abhoben'.

Acht Mann stark war die Treibherdencrew, die sich das Abendessen einverleibte und nach Cowboyart auf den Hacken saß, das Geschirr in den Händen. Sie aßen Bohnen mit Speck, eine Mahlzeit, die jeden Tag aufs neue serviert wurde.

Acht Tage lang hatte es Bohnen mit Speck gegeben. Kein Wunder, dass die Stimmung der Leute nicht gerade himmelhochjauchzend war; kein Wunder, dass niemand etwas sagte nach dem harten Treiben. Was das bedeutete, konnte nur ein Mann nachempfinden, der die Parole beim Treiben kannte: „Reite und schlucke Staub, falle aus dem Sattel und leg dich schlafen, und wenn du wach bist, steige auf und reite, reite und schlucke wieder Staub, schwitze und schwing die Bullpeitsche, lass deinen Colt krachen, wenn ein Stier zu störrisch wird, achte aber nicht nur auf den gewaltigen Hörnerwall, sondern schau nach allen Seiten, hab deine Augen überall und deine Hände immer bereit, heißes Blei aus den Läufen deiner Waffen zu jagen. Yeah, reite, arbeite, dürste und kämpfe, achte darauf, dass die Herde marschiert, dass sie keinem unbekannten Waserloch zurast, dessen Wasser sie vergiften könnte. Achte darauf, dass man gleichmäßig treibt, kein Geräusch, kein Blitzstrahl, kein beweglicher Schatten die ganze Herde in Stampede bringt und sie über dich und dein Pferd hinwegrast. Nimm deinen Stetson ab, Treibherdenreiter, wenn verwehte Gräber am Trailweg auftauchen. Grüße die, die Reiter waren wie du, die gewaltsam zur letzten Ruhe kamen und reite weiter! Reite Tage und Wochen, arbeite an der Herde, bis du aus dem Sattel fällst, bis du kein Glied mehr regen, kannst, deine Knochen nicht mehr im Leibe spürst."

Kein Wunder, dass niemand sprach. Sie waren zu müde, um sich am Campfeuer etwas zu erzählen. Ihre Witze zündeten nicht mehr. Einer war den anderen leid. Sie konnten sich gegenseitig nicht mehr leiden. Kein Wunder, wenn sie nur vom Endziel des Trails, von Dodge, träumten, von dem wilden Leben, dem Vergnügen, von Betriebsamkeit unter Menschen, von Tanzhallen, Saloons, Spielhöllen, von Frauen und davon, mit vollen Händen ihr so sauer verdientes Geld auszugeben, das in Dodge ihnen ausgezahlt werden würde.

Yeah, sie träumten davon, in Dodge zu vergessen, dass drei gute Cowboys auf diesem Trail ihre Gräber fanden. Aber so war es nun einmal, die reißenden Ströme, Stampeden, Indianer forderten Opfer. Wenn es nicht Jim war, so konnte es Andy sein, oder es konnte einen selbst treffen. Nicht daran denken, Cowboy! Steige in deinen Sattel und bleib an der Herde! Reite und arbeite, schlucke den Staub! Nur der Himmel wusste, mit welchen Gedanken sich die Männer quälten.

Ein Pfiff von der Herde schreckte sie alle auf. Und dann erhoben sie sich, ließen die Blechteller stehen. Lautlos wie Indianer verschwanden sie vom Campfeuer, ohne dass es ihnen der Vormann zu sagen brauchte. Nur der Koch knurrte:

„Schon wieder eine unliebsame Überraschung", wobei er sich aber ebenso eilig vom Campfeuer in die Dunkelheit zurückzog.

Von dorther, wo die Pferderemuda stand, klang die scharfe Stimme eines Cowbyos:

„Ich habe euch im Visier! Hebt die Hände und reitet zum Campfeuer. Dort wird man euch unter die Hutkrempe schauen!"

„Gent, man sollte eine Lady niemals auffordern, die Hände zu heben, das ist ausgesprochen unhöflich."

„Großer Gott, eine Frau, hier?", kam es zurück,

„Heh, Camp", rief die sonore Männerstimme zurück, „wir kommen!"

Zwei Pferde schälten sich aus dem Dunst der Nacht. Zwei Reittiere und ein Packpferd. Im Sattel des vorderen Pferdes saßen zwei Männer, im Sattel des dicht aufgeschlossen gehenden zweiten Pferdes sah man eine knabenhaft schlanke Gestalt, die das Packpferd an der Longe führte.

„Eine eigenartige Kavalkade", sagte der Vormann bei diesem Anblick, wobei er seinen Colt fester fasste. Er wartete, bis die Reiter in das Camplicht geritten waren und anhielten. Fast erschrocken ließ er den Colt los. Der Flammenschein enthüllte deutliich, dass es kein Knabe, sondern eine Frau war. Der Anblick war für die im dunkeln lauernde Treibherdenmannschaft wie eine Fata Morgana. Es war, als hielten die Männer den Atem an.

Jemand sagte heiser: „John, kneife mich in den Arm, ich träume wohl!"

Leises Gekichere kam von einer anderen Stelle her. Der Vormann trat in den Lichtkreis. Er war noch immer sehr vorsichtig, misstrauisch, ein alter Tiieibherdenboss mit ergrauten Haaren, ein Mann, der genau wusste, dass man nichts geschenkt bekommt auf dem harten Traill, und dass die Vorsicht in allen Situationen vor die Höflichkeit und Gastfreundschaft gestellt werden musste. Er gab seinen Leuten einen Wink zu verharren, wollte ganz sicher sein.

„Tut mir leid, Gents, dass ich euch mit der Lady etwas kühl empfange, aber ich habe schon erlebt, dass man schöne Frauen als Lockvögel ausfliegen ließ." Er sagte es herbe, als ob die schlimmen Erinnerungen ihm noch jetzt schwer zu schaffen machten, und fügte, als ob er eine Erklärung beifügen musste, hinzu: „Im allgemeinen reist keine Lady durch dieses Land."

„Manchmal kommen Ausnahmen vor", erwiderte Jonny, der, ohne dazu aufgefordert zu werden, vom Pferd geglitten war.

„Wie ihr seht, haben wir ein Reittier verloren und kamen nur hierher, um euch um ein Reittier zu bitten."

Er steuerte sofort auf den Kern der Angelegenheit zu, die sie hierhergeführt hatte. Cowboys lieben Offenheit und offene Worte. Ein beifälliges Gemurmel kam von den Männern her, von dem man aber nicht sagen konnte, ob es nur der Offenheit oder June galt.

„Vielleicht wollt ihr vier frische Pferde haben?", fragte der Vormann mit einem Blick auf die abgetriebenen Tiere am Campfeuer.

Jonny lachte leichthin. „Das, Gent, wäre zwar ein Wunschtraum, aber es lässt sich nicht mit unserem Geldbeutel vereinen."

„Rede nicht um den heißen Brei herum, Jonny", fiel ihm Dav vom Sattel her scharf ins Wort. „Sage dem Gents, was für Nachtfalken hier umherschwirren, und dass wir nur eine Chance haben, wenn wir unsere Pferde tauschen und ein Pferd dazu kaufen können. Sag es diesen Männern nur! Sag ihnen, dass Steward Faller, den man auch den Schwarzen Hammer nennt, mit seiner üblen Mannschaft durch die Gegend reitet und jeden Augenblick hier aufkreuzen kann."

Es war plötzlich, als hätten die ehrlichen Worte eine neue Situation geschaffen und alles ausgelöscht, was sich bereits zum Guten wenden wollte.

Jemand aus dem Hintergrund sagte:

„Wenn ihr selbst zur Hammer-Mannschaft gehört, könnt ihr gleich umkehren. Die Topfhenkel-Crew wird mit jedem Teufel fertig!"

„Du hast etwas in die falsche Kehle bekommen", erwiderte Dav dem im Hintergrund stehenden Sprecher, den er leider nicht sehen konnte. „Wir sind vor diesen Schuften auf der Flucht. Es geht nicht um meinen Partner und mich, es geht um die Lady."

„Wenn es nur darum geht, lasst sie hier! Wir werden schon für ihre Sicherheit sorgen", meldete sich ein anderer. Gelächter klang auf. Recht unangenehm war die Situation, die deutlich zeigte, wie hart und rau diese Treibherdenmannschaft war. Jemand meldete sich.

„Vormann, wenn ich die beiden Nachtfallken nicht schon einmal gesehen habe, will ich umgekehrt auf einem wilden Maulesel bis zum Mond reiten. Beide sah ich vor einem Jahr als Spieler in Dodge."

Das Gelächter brach ab. In diesem Moment zeigte es sich, dass Cowboys, vor allem Treibherdenboys, eine tiefe Abneigung gegen Spieler hatten. Neugierig kamen die Männer näher, wagten sich mit griffbereiten Händen, die über den Kolben schwebten, näher an das Campfeuer heran.

Ein grauhaariger, scharfgesichtiger Reiter sagte trocken:

„Ich erkenne sie jetzt genau, Hayes und McDonald, by Gosh, zwei harte Burschen! Man hat sich viel von ihnen an den Campfeuern erzählt, aber dass sie als Mädchenwärter reiten, ist neu!"

Diesmal lachte niemand. Der Witz schien nicht zu zünden, im Gegenteil, die unsichtbare Drohung zu erhöhen. Dav und Jonny spürten die Misstrauenswelle, die ihnen entgegenschlug und sich verdichtete. Das Mädchen war es, das mit ihren Worten die Spannung zerschlug.

„Wer meine Begleiter auch sein mögen, es sind Männer, denen eine Frau sich in diesem wilden Land unbedenklich anschließen kann. Werden wir die Pferde bekommen, oder nicht?"

Das klang sehr entschlossen und so, als ob sie ihre Begleiter bitten würde umzukehren, falls ihr Wunsch sich nicht erfüllte.

„Wir haben euch vom Schwarzen Hammer und seiner Bande berichtet. Ihr habt selbst einen Blick auf unsere Pferde getan, weigert ihr euch jetzt noch?"

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922011
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
trail legenden mein freund jonny

Autor

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Titel: TRAIL LEGENDEN #3: Mein Freund Jonny