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HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #3: Wohin führt dein Weg, Anna?

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

WOHIN FÜHRT DEIN WEG, ANNA

Klapentext:

Roman:

HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN

 

Band 3

 

WOHIN FÜHRT DEIN WEG, ANNA

 

Ein Roman von Franz Mühlbauer

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Wernerimages/123rf.com

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klapentext:

Holzkirchen ist eigentlich ein kleines und sehr idyllisches Dorf im Allgäu. Aber manchmal gibt es Menschen, die trotzdem ihre Heimat verlassen und ihr Glück in der Fremde suchen. Das denkt auch Ludwig Hafner, der eines Tages sein Heimatdorf verlässt. Auch wenn ihn seine Mutter und sein Bruder Florian vermissen, so muss das Leben auf dem Hof weitergehen – und man muss an die Zukunft denken. Deshalb beschließt Johanna Hafner, nach einer Frau für Florian zu suchen. Was sie nicht weiß: Florian hat sich bereits in die junge Anna verliebt. Und während seine Mutter konsequent die Hochzeit plant, überschlagen sich die Ereignisse: nach jahrelanger Abwesenheit kehrt Ludwig wieder nach Holzkirchen zurück. Und das hat einige Überraschungen zur Folge ...

 

 

 

Roman:

Ernst Steiner nahm einen Schluck aus dem Maßkrug und ließ sich das Bier schmecken. Dann blickte er in die Runde. Am Stammtisch hatten sich an diesem Abend einige Männer aus Holzkirchen eingefunden, die Steiner schon seit vielen Jahrzehnten kannte. Auch wenn er selbst lange Jahre in München gelebt hatte und erst nach seiner Pensionierung wieder nach Holzkirchen zurückgekehrt war, so existierte dennoch das Band der Freundschaft mit diesen Männern. Viele freuten sich darüber, dass er der Großstadt den Rücken gekehrt hatte und wieder nach Hause gekommen war. Zurück zu den Wurzeln – wie manche behaupteten. Und wenn man genau darüber nachdachte, so beeinhaltete diese Aussage so manch Wahres.

„Hast du eigentlich die Johanna Hafner noch gekannt?“, fragte der Schuster Alex, der in diesem Jahr die Schreinerei vom alten Schramml übernommen hatte und seitdem mit Erfolg weiterführte. „Es heißt, du hättest die Geschichte mit der merkwürdigen Hochzeit mitbekommen?“

Der pensionierte Kriminalbeamte musste lächeln bei diesen Worten. Weil ihm das zeigte, wie gut der junge Alex sich mittlerweile ins Dorfleben integriert hatte. Dass er sich für die alten Geschichten von damals interessierte, war ein gutes Zeichen. Nämlich dafür, dass er sich nicht nur für das Jetzt und Hier interessierte, sondern auch für die Vergangenheit.

„Warum willst das denn wissen?“, fragte Steiner.

„Es heißt, dass es damals recht turbulent bei den Hafners zugegangen ist“, meinte der Alex und winkte nach drüben zur Theke, damit man ihm einen zweiten Maßkrug brachte. „Ich bin halt neugierig und würd gerne mehr darüber wissen.“

„Das ist schön, Alex“, schmunzelte Steiner. „Ich war damals noch sehr jung und hab das Ganze nur beobachtet. Aber ich kann dir gerne das erzählen, an das ich mich noch erinnere. Die wichtigsten Ereignisse weiß ich noch. Und vielleicht erzählst du sie ja eines Tages auch deiner Familie weiter ...“

„Gerne“, nickte der Alex, während die Bedienung das Bier brachte. „Dann schieß mal los, Ernst.“

„Mach ich“, versprach Steiner. „Dann hör jetzt mal gut zu. Angefangen hat es damals mit der Leitner Toni. Das war die Hebamme in der Gegend hier. Ja, damals gab es noch einige Frauen, die diesen Beruf mit Stolz und Freude ausgeübt haben. Aber auch das ist mittlerweile Vergangenheit. Die Toni war es, die – so denke ich jedenfalls – den ganzen Stein ins Rollen gebracht hat. Auch wenn sie das vermutlich damals nicht geahnt hat ...“

 

*

 

Sie war schon ein Unikum, die Toni Leitner, Hebamme von Beruf. Hätte es damals vor achtundzwanzig Jahren im Allgäu schon so viele Urlauber gegeben wie heute, dann wäre sie bestimmt so etwas wie eine Touristenattraktion geworden.

Toni hatte ihr Leben davor in Kufstein verbracht. Und dort war sie als Gemeindeschwester und Hebamme tätig gewesen. Als sie dann in ihren wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde, kam sie nach Holzkirchen zurück und bewohnte das kleine Häuschen des Bruders. Dieser war schon halbtaub und war es so zufrieden.

Jetzt, wo sie nicht mehr berufstätig war, lebte sie ganz so, wie es ihr passte. Dazu gehörte zuerst einmal das geliebte Tonpfeifchen, ja, und gegen einen gehörigen Schluck aus der Enzianflasche hatte sie durchaus nichts einzuwenden.

»Er ist gut für meine Gicht«, sagte sie immer augenzwinkernd. Jeder schmunzelte nur und ließ sie gewähren. Aber es dauerte nicht lange, so hieß sie nicht mehr Toni, sondern Konni. »Sie hat die Hosen an, also ist sie ein Mann«, sagten die Dörfler.

Wenn Konni gedacht hatte, sich jetzt von der Mühsal des Lebens ausruhen zu können, so irrte sie sich gewaltig. Die Holzkirchener waren ja heilfroh, dass sie bei ihnen lebte. Wenn jetzt eine ins Kindbett kam, so brauchte man nicht immer erst nach Sonthofen zu kutschieren und die Hebamme holen, nein, jetzt hatte man eine an Ort und Stelle. Außerdem verstand sich die Toni auf Heilkräuter und machte Salben und Tinkturen für viele Wehwehchen daraus.

Im Grunde genommen war es der Alten ganz recht, dass sie noch so gebraucht wurde. Erst einmal hatte sie ein großes Mundwerk, und zum anderen steckte sie zu gerne überall ihre Nase hinein. Zwar waren ihre Reden hin und wieder beißend, aber auch das schluckten die Dörfler.

Eine Schönheit war sie ganz bestimmt nicht, und darum ging man nicht einmal so fehl, wenn man sie mit einem Männernamen bedachte. In ihrer Jugend musste sie wohl darunter gelitten haben, aber jetzt, seit sie die Siebzig auf dem Buckel hatte, wagte es keiner, über ihre krummen dünnen Spinnenbeine zu lachen, oder sich über die lange Hakennase lustig zu machen. Es wäre jedem wohl auch schlecht bekommen.

Wie gesagt, auch jetzt übte sie noch immer ihren Beruf aus, wenn man sie rief, oder auch nicht. Toni hatte ein Gespür dafür und oft kam sie schon an, wenn man sie noch gar nicht gerufen hatte.

So auch bei der Johanna Hafner.

Da saß das arme Weib in der Küche auf der Ofenbank, hielt sich den Bauch und stöhnte zum Gotterbarmen. Immer wieder sah sie zur Tür und dachte, kommt der Mann denn immer noch nicht heim? Ich brauch doch jetzt die Toni.

Bei Johanna hatten die Wehen eingesetzt, und darum war sie jetzt ein wenig durcheinander und merkte gar nicht, dass heute erst Freitag war und nicht Samstag. Am Samstag kam der Mann heim. Die Woche über war er mit der Rotte weit oben im Wald beim Holzfällen, und weil der Abstieg am Abend beschwerlich war, blieben die Männer in der Jägerklause und kamen erst zum Samstag heim, nachdem sie vom Rottmeister ihren Lohn erhalten hatten.

Und als Johanna noch vergeblich auf ihren Mann wartete, ging doch tatsächlich die Tür auf und jemand steckte den Kopf in die Stube.

»Hab ich es mir doch gedacht«, sagte Toni befriedigt und schob jetzt auch noch den Rest ihres Körpers in die Stube hinein.

»Toni«, ächzte Johanna. »Du bist da, jetzt kann ja nichts mehr schief gehen.«

»Mein dicker Zeh hat so gezwickt, und da hab ich mir gedacht, das hat was zu bedeuten, geh doch mal zur Johanna, bestimmt ist es schon soweit«, meinte Toni Leitner und stellte ihre umfangreiche Tasche auf den Tisch, hängte den fadenscheinigen Mantel hinter die Tür, zog sich die schweren Bergstiefel aus und stellte diese in den Gang hinaus.

»Arg kalt ist es draußen.«

»Ich konnte nicht mehr nachlegen«, ächzte die Hafnerin. »Das tut verdammt weh, ich glaube ich lege mich jetzt hin.«

»Nichts da«, sagte die Alte resolut. »Soweit ist es noch nicht, bleib du nur dort hocken.«

Johanna wollte aufbegehren, sie sehnte sich nach dem Bett, das Kreuz schien durchbrechen zu wollen, aber da kam schon wieder eine Wehe, und sie konnte nur noch stöhnen. Dabei fiel sie auf die Ofenbank und versuchte sich zusammenzurollen.

Mitten in einer Wehe, riss sie einmal die Augen auf und war sprachlos. Für Minuten vergaß sie den höllischen Schmerz und das Lachen gluckerte in ihr hoch.

Toni hatte nämlich indessen ihre Tasche ausgeräumt. Zuerst einmal zog sie sich dicke Wollstrümpfe über, vom Bruder wohlverstanden. Und weil sie so spindeldürre Beine hatte, aber Füße, so groß wie Elbkähne, wie sie selbst immer schmunzelnd sagte, blieb es nicht aus, dass die Strümpfe immerzu rutschten. Darum nahm sie in aller Ruhe ein paar Einweckringe und rollte diese über die Strümpfe.

Das sah so komisch aus, dass Johanna nicht anders konnte, sie musste lachen, obwohl sie dabei das Gefühl hatte, mitten durchzubrechen.

In dieser Nacht sollte sie noch sehr viel lachen.

Dann sah sie, wie Toni ihr Tonpfeifchen hervorkramte, Glut aus dem Ofen holte und zu schmauchen begann. Dann gingen die blanken Äuglein wieselflink in der Stube spazieren.

»Jaa, sag’ mal.. «, meinte sie möglichst gleichgültig.

Johanna wusste, Toni nahm nie Lohn an, aber wenn man sie brauchte, musste eine Enzianflasche her.

»Sie steht im Schrank, ganz unten«, flüsterte sie.

Toni fand sie sehr schnell, drückte sie liebevoll an die magere Brust und lächelte. Dann schob sie den Schaukelstuhl näher an den Kachelofen, in dem sie inzwischen ein Bullenfeuer entfacht hatte. Gläser verachtete sie in der Regel. Sie trank direkt aus der Flasche.

»Ach, ich hab noch was vergessen«, sagte sie und sprang auf.

Wenige Augenblicke später stand ein Ungetüm von Wecker auf dem Küchentisch.

»Weißt, wegen der Uhrzeit, das muss ich doch vermerken, wegen dem Register. Ich verlass mich lieber auf meine altgediente Zwiebel.«

Danach setzte sie sich wieder hin, und kleine Rauchwölkchen durchschwebten die ärmliche Küche.

»Ja«, keuchte Johanna ganz schwach. »Meinst nicht.. .«

»Ach was«, sagte die Hebamme. »Jetzt bin ich da, und nun geht alles seinen Gang. Es wird noch dauern, was willst dich da schon ins Bett legen? Hier unten in der Küche ist es doch wirklich schön gemütlich.«

Für dich ja, dachte die arme Johanna, aber für mich? Doch sie wagte nicht aufzubegehren. Die Frauen von Holzkirchen hatten alle ziemlichen Respekt vor der alten Toni.

Noch neulich hatte der Bürgermeister gesagt: »Früher, da wär so was verbrannt worden, als Hexe, jawohl.« Das hatte er auch nur gesagt, weil er wütend auf sie war; denn Toni hatte ihm mal wieder die Meinung gegeigt und ihm unmissverständlich erklärt, das Brückchen über den Wildbach müsse erneuert werden. Man könne sich dort den Tod holen.

Das hatte seine Richtigkeit, aber in der Gemeindekasse war mal wieder Ebbe und das hieß dann, der Bürgermeister musste Freiwillige aufrufen, und dazu noch selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Das tat er gar nicht gerne, schließlich war er in Holzkirchen der Großbauer und mit der Arbeit war das so eine Sache, die überließ er gern den anderen, und so hatte er denn ein Bäuchlein angesetzt.

Aber ganz laut mochte er das auch nicht sagen, das mit dem Verbrennen und Hexe und so; denn vor ein paar Wochen hatte die Toni ihm noch ein Furunkel geheilt, es saß ganz akkurat am verlängerten Rückgrat, und das war peinlich gewesen. Aber als er deswegen schon nicht mehr zum Stammtisch gehen konnte, hatte er denn in den sauren Apfel beißen müssen und die Toni kommen lassen. Drei Flaschen Enzian hatte ihn das gekostet.

Toni hatte so ganz eigenartige Preise. Bei den Armen verlangte sie nichts, aber die Reichen wusste sie zu nehmen. Aber das mit dem Verbrennen war ihr dann doch zu Ohren gekommen. Toni konnte warten. Und der arme Bürgermeister würde noch sein blaues Wunder erleben. Irgendwann würde ihn wieder ein Zipperlein anfallen, und dann …

 

*

 

Über eine Stunde saß die Hebamme am Kachelofen, schaukelte sich sanft hin und her und stopfte das Pfeifchen immer wieder neu auf. Johanna stöhnte, dass es Steine hätte erweichen können.

Als Toni aufstand, dachte sie, jetzt könne sie sich endlich ins Bett schleppen. Aber nichts da. Toni holte die alte wurmstichige Wiege hervor, besah sich die dürftige Kinderausstattung und dachte, gleich morgen geh ich zu der Küfner und sie wird was aus ihren vollen Truhen rausrücken müssen. Das geht ja nicht, das arme Wurm soll anständig aufgezogen werden. Die Johanna und der Ludwig sind rechtschaffene Leute, auch wenn sie arm sind.

Danach holte sie die Kübel und stellte sie mit Wasser auf den Herd. Dann kam der Zuber dran. Alles stand parat.

»Meinst nicht?«, stammelte Johanna. Sie hatte schon ganz blutleere Lippen.

»Na«, sagte Toni. »Solange du aufbleibst, umso besser. Also, wenn ihr eine Treppe hättet, würde ich dich rauf jagen, um so schneller kommt dann das Kind. Im Bett, da zieht sich das hin. Stell dich mal hin und lauf ein bisschen, hurtig.«

Johanna dachte, die bringt mich um, ich kann doch nicht mehr, und schrie dann wieder los, weil eine neue Wehe kam.

Wenig später saß sie wie ein Jagdhund jappend auf der Ofenbank und hielt sich den Leib.

Toni saß im Schaukelstuhl, wippte vor und zurück und sagte: »Ich hab mal in einem dicken Buch gelesen, die Indianer, die machen das im Stehen. Weißt, die haben da so eine Stange im Zelt. Daran befestigen sie eine Schlaufe, hängen die Hände hinein und dann lassen sie sich fallen und hocken dann da und drücken.“

»O nein«, keuchte Johanna und musste lachen.

»Schad’, dass ihr keine Stange in der Küche habt.«

»Toni«, unterbrach Johanna die Gedanken der Hebamme.

Ungerührt sprach diese weiter.

»Weißt, hockst dich da hin, wie a Huhn auf der Stangen. Auffangen könnte ich es schon. Musst auch so drücken wie a Huhn, was meinst, Johanna?«

Die arme Frau lachte, bis ihr die Tränen kamen.

»Hör auf, hör auf, ich zerspringe sonst noch. Hühner«, keuchte sie. »Hühner gehen auch zum Eierlegen ins Nest.«

Verdutzt hörte die Alte auf zu rauchen und sagte: »Hast recht, tatsächlich, hast wirklich recht. Meinst, dass die in dem Buch gelogen haben? «

Johanna konnte einfach nicht mehr, sie musste lachen, bis sie fast ohnmächtig wurde, aber dann jagte ein spitzer Schrei die Alte aus ihrem Stuhl.

»Jetzt rasch ins Bett, sonst kriegst dein Kind noch tatsächlich in der Küche.«

Flink wie ein Wiesel konnte sie sein. Johanna merkte gar nicht, wie diese ihr die Kleider vom Leib holte. Wenige Augenblicke später lag sie endlich im Bett. Aber verflixt, dachte sie verzweifelt. Jetzt liege ich hier, und ich möchte schon wieder aufstehen. Es ist ja grässlich.

Sie warf sich herum und stöhnte.

Toni packte Johanna resolut immer wieder auf den Rücken. Befestigte am Bettpfosten einen Strick und gab ihr das Ende in die Hand.

»So, daran ziehst und drückst, verstehst!«

»Ja«, keuchte Johanna, krebsrot im Gesicht. Dann beendete ein Schrei das qualvolle Stöhnen.

»Ich hab’s.ich hab’s«, kreischte Toni.

Wenige Augenblicke später hatte sie etwas Strampelndes in der Hand, das laut schrie.

»Ein Bub, ein Bub!«

Johanna hatte verdrehte Augen und stöhnte aufs neue.

»Ich hab dir doch gesagt, es ist da, brauchst dich nicht mehr anzustrengen. Nun kommt nix mehr.«

Aber das hörte nicht auf, sie wälzte sich hin und her. Da wurde selbst die Toni stutzig und dachte, was ist denn das?

»Jesus, Maria und Josef«, keuchte sie. »Da schlag einer lang hin, da kommt tatsächlich gleich noch eins.«

Sie sah aber, dass es damit noch Zeit hatte. Sie musste ja auch erst mal den Buben versorgen. Und weil niemand mit Zwillingen gerechnet hatte, war selbst die Toni jetzt ein wenig durcheinander. Oder war der Enzian vielleicht schuld daran?

Hastig nahm sie den Knaben und jagte damit in die Küche.

»Schnell baden und dann ab in die Wiege, ich brauche ja die Hände für das nächste.«

Und weil sie alles fix machen wollte und hastig wie sie nun war, stieß sie mit dem Ellenbogen ihren Wecker in den Wasserkübel und merkte es noch nicht mal.

Das arme kleine Wesen wurde ziemlich schnell fertig gebadet und hörte auf mit dem Schreien, weil ihm nun pudelwohl war.

Da hatte er auch schon seine Sachen an und lag zugedeckt in der kleinen alten Wiege. Die Wöchnerin schrie, und die alte Toni jagte in die Schlafkammer zurück.

Toni war für Johanna eine große Hilfe. Und als sie dachte, jetzt müsse sie ganz gewiss sterben, da kam die große Erlösung und ein zweiter Bub fiel in die verrunzelten Hände der Alten.

Toni lächelte breit und ihr Herz wurde richtig weich.

»So a strammes Bübchen. Jesses, wie hübsch!«

Zärtlich nahm sie es an die Brust und trug es in die Küche. Sie versorgte den Buben grad so gut, und nach einer Weile lag er neben dem schlummernden Bruder. Und weil das auf die Welt-Kommen so anstrengend war, schlief er auch erst einmal ein.

Toni kam jetzt in die Schlafkammer und sorgte sich rührend um die Wöchnerin, die nach der Strapaze eingeschlafen war.

»Armes Weib, hast wirklich was aushalten müssen. Ja, ja, und ich hab die ganze Zeit gedacht, die hat sich ja was angefuttert in der Zeit. Und jetzt sind es zwei Buben, da werden die Dörfler wirklich staunen.«

Vor sich hinbrummelnd, wusch und versorgte sie die Johanna, zog ihr ein frisches Nachthemd an, deckte sie sorgsam zu und sagte: »So, jetzt schlaf dich hübsch aus, in Zukunft wirst das nicht mehr können.«

Sorgsam schloss sie die Stubentür und ging in die Küche zurück. Jetzt wurde es draußen schon langsam hell. Die alte Toni hatte ganze Arbeit geleistet und war vollkommen zerschlagen.

In der Enzianflasche war noch ein kleiner Rest.

»Den kann ich gut vertragen, auf den Schrecken«, murmelte sie vor sich hin.

Danach stopfte sie ihr Pfeifchen und lehnte sich in den Lehnstuhl zurück.

»Einen Augenblick verschnaufen, dann werde ich die Küche aufräumen und alles wieder in Ordnung bringen.«

 

*

 

Müde und verschwitzt vom langen Abstieg kam der Xaver nach Hause. Während er durch das Dorf schritt, sein Anwesen lag etwas außerhalb des Ortes auf einem kleinen Hügel, dachte er, nun hatte ich der Johanna versprochen, früher heimzukommen. Bald wird es jetzt soweit sein.

Aber gestern hatten sie noch so gerackert, die dicken Stämme wollten und wollten nicht umfallen. Und Motorsägen hatte man erst viel später. Das war alles noch harte Knochenarbeit, aber er war trotzdem froh, dass er jeden Winter dazuverdienen konnte. Die magere Landwirtschaft und die zwei Kühe gaben wirklich nicht viel her, und die Johanna ging ja auch noch in die Häuser helfen. Sie war schon ein rechtschaffenes Weib. Aber wenn jetzt das Kleine da war, dann würde sie wohl nicht mehr so abkommen können.

Obwohl er hundemüde war, schritt er jetzt doch ein wenig schneller aus. Und dann endlich stand er vor seinem kleinen Häuschen. In der Nacht hatte es noch einmal geschneit.

»Gleich nachher muss ich den Weg freischaufeln.«

Zu Anfang ihrer Ehe, da hatte die Johanna ihn immer mit einem leckeren Essen erwartet. Ja, das verstand sie, aus wenig eine herzhafte Mahlzeit zu machen. Er hatte es nicht bereut, sie genommen zu haben, obwohl sie ja nur eine Dienstmagd gewesen war. Aber er selbst hatte ja auch nicht viel. Das ärmliche Anwesen, damit konnte man keine Bauerntöchter anlocken. Die hätten ihn nur ausgelacht.

»Nanu«, sagte er erstaunt, als er die Tür offenfand. »Soll sie schon auf sein? Aber ich hab ihr doch gesagt...«

Mit einem Ruck riss er die Tür auf und stand sogleich in der winzigen Küche.

Sein erster Blick fiel auf das fürchterliche Durcheinander von Kübeln und Trögen, Eimern und Lappen, in dem Gewühl dazwischen stand doch wahrhaftig die alte kleine Wiege. Er hatte sie immer streichen wollen, war aber nie dazu gekommen.

»Kruzifix«, sagte er verdattert, nahm seine Mütze ab und rieb sich über die Augen. »Der Schnee muss mich blind gemacht haben. Jesses . ..«

Vorsichtig schielte er zwischen den groben Fingern hervor. Aber er konnte noch so oft die Augen zukneifen und wieder aufreißen. Es blieben zwei Kinderköpfe.

»A Missgeburt«, sagte er verdattert und ließ sich auf einen Holzstuhl fallen und starrte weiter in die kleine Wiege.

Ganz langsam hob er den Kopf, und da sah er die Toni im Schaukelstuhl. Und jetzt wusste er auch, was ihn aufgeschreckt hatte!

Toni saß da, in der einen Hand die leere Enzianflasche, in der anderen das kalte Pfeifchen, und sie schnarchte, dass es sich wie eine Säge am Baum anhörte.

Langsam zog ein breites Grinsen über das Gesicht des Mannes. Für einen Augenblick vergaß er das Kind mit den zwei Köpfen und amüsierte sich über Toni. Aber er sah auch, wie alt und erschöpft sie war, und so erhob er sich, holte aus der Ecktruhe eine Decke und wollte sie damit zudecken. Doch im gleichen Augenblick schreckte die Alte hoch und starrte ihn entgeistert an. Für einen kurzen Augenblick konnte sie sich an nichts erinnern.

»Xaver du, ja ja ich komm sofort, selbstverständlich. Ist es mit der Johanna soweit? Ich zieh mich rasch an, ich komm sofort.«

Sie stellte sich mit einem Ruck auf die Beine und wäre fast in den nächsten Kübel gefallen, wenn der Xaver sie nicht gehalten hätte.

»Ach du meine Güte«, sagte sie. »Da muss ich doch tatsächlich eingeschlafen sein. Nein, so was aber auch!«

Toni schimpfte sich selbst gehörig aus. Xaver war so etwas nicht gewöhnt und lachte herzlich.

»Aber Toni, das ist doch normal.«

»Nein«, sagte sie wütend und hatte verkniffene Lippen. »Es ist eine Sauerei, jawohl. Einzuschlafen und nicht die Stube aufzuräumen.«

»Warte, lass die Kübel und Eimer stehen. Das besorge ich, jetzt bin ich ja da.«

»Gut«, sagte sie, ein wenig mit sich versöhnt. »Dann kümmere ich mich um das andere Zeugs. Und hole Holz aus dem Schuppen. Der Ofen geht sonst noch aus.«

Als der Xaver den Kübel mit der Uhr da drinnen raustragen wollte, sagte er augenzwinkernd. »Soll ich den auch fortschütten?«

Toni machte einen langen Hals und starrte entgeistert auf ihre Uhr. Einen kurzen Augenblick wurde sie so etwas wie ohnmächtig. Bis jetzt war ihr das in ihrem ganzen Leben noch nicht passiert.

»Oh, du lieber Gott. ..«

Xaver fischte die alte Uhr aus dem Wasser und trocknete sie ab. Die Zeiger waren auf halb zwölf stehengeblieben. Es war eine sehr hübsche Uhr mit gemaltem Zifferblatt und vergoldet. Ein altes Stück.

In Tonis schmaler Brust tobten zwei Kämpfe nebeneinander. Der eine war die Schande, der andere war die Trauer.

»O Gott, o Gott.«

Zu mehr war sie im Augenblick nicht fähig.

»Was ist denn los?«

Ächzend sagte sie: »Welch a Schande, das ist mir in meinem ganzen Leben noch nie passiert. Oh, du mein Gott, wie werden sie spotten und höhnen.«

Dann liefen ihr die Tränen über das Gesicht. »Die schöne Uhr, meine Mutter selig hat sie mir geschenkt, damals.«

»Hör zu«, sagte der Xaver resolut. »Was deine Uhr ist, ich kann’s nicht versprechen, aber vielleicht krieg ich sie wieder hin. Darauf versteh ich mich.«

»Du meinst, du könntest ...?«

Er rüttelte an der Uhr und sagte: »Zerbrochen ist nichts, ich nehm’ sie auseinander, trockne die Teile und setze sie zusammen, dann wird sie bestimmt wieder gehen. Hier und da noch ein Tröpfchen Öl.«

»Xaver«, sagte Toni feierlich. »Wenn du das schaffst, dann bin ich für den Rest meines Lebens deine beste Freundin.«

Jeder, der die Toni nicht gekannt hätte, der hätte jetzt gelacht. Aber Xaver lachte nicht, er nahm ihre Hand und sagte: »Das ist ein gutes Wort. Jetzt werde ich mir besonders Mühe geben.«

In diesem Augenblick begannen die Buben zu schreien. Toni blickte sie mit düsteren Augen an. Xaver zuckte zusammen.

»Zwei Köpfe?«, sagte er leise.

Toni vergaß die Blamage und lachte. »Nein, du Depp, das sind zwei Buben.«

»Jesses!«

Vier Augen blickten den Vater an. Blau wie der Bergsee droben in den Felsen. Blonde Löckchen. Sie sahen sich so ähnlich wie zwei Eier im Nest.

Xaver lachte und lachte, und seine Brust wurde ganz weit vor Aufregung und Freude. In diesem Augenblick dachte er noch nicht daran, wie er sie satt bekommen sollte. Nein, er war einfach froh und stolz.

»Die Johanna hatte ganze Arbeit geleistet«, sagte er lachend. Als er aber einen Blick auf die Alte warf, sah er zu seiner Verwunderung, dass diese noch immer ganz böse Augen hatte.

»Ist vielleicht was nicht in Ordnung, mit den Buben?«, fragte sie erschrocken.

»Die können gar nicht besser in Ordnung sein, hörst denn nicht die kräftigen Lungen? Aber ich bin nicht mehr in Ordnung«, sagte sie verzagt.

»Wie? Was?«

»Ich bin alt, ich tauge nichts mehr, jetzt wissen sie es alle. Ich...«

»Toni, red keinen Unsinn. Wir alle, sind froh, dass wir dich haben. Und das weißt du auch.«

»Nein«, sagte sie leise. »Ich hab versagt.«

»Aber wieso denn?«

Einmal musste er es doch erfahren. Und so sagte sie düster: »Ich hab zum ersten Mal vergessen, die Uhrzeit aufzuschreiben, und dann, ich weiß nicht, wer zuerst kam.«

Xaver schloss den Mund, blickte sie groß an und dann erst begriff er.

»Du liebes bisschen«, gluckerte er.

»Das ist wichtig, ich muss das tun, wegen dem Register, und jetzt, wer ist der Hoferbe, Xaver, wer?«

Er lachte, fiel auf die Ofenbank und schlug sich auf die Schenkel.

»Das macht doch nichts, Toni, das macht doch nichts, hab ich vielleicht einen Palast zu verschenken? So kriegen sie sich auch nicht in die Haare. Und mit der Uhrzeit, kannst da nicht ein wenig flunkern?«

»Ich habe noch nie geflunkert«, sagte sie würdevoll. »Ich hab es vergessen, also werde ich die Schuld auf mich nehmen. Nun ja, werden die Dörfler halt was zu lachen haben. Aber die Buben, bestimmt werden sie mal böse auf mich sein.«

Von nebenan rief die Johanna.

Jetzt konnten sie nicht mehr an das Malheur denken, sondern mussten zu der Frau. Die Johanna war auch ganz erstaunt, als sie jetzt erfuhr, dass sie gleich zwei Buben das Leben geschenkt hatte.

»Und ich hab gedacht, es wäre einer mit zwei Köpfen«, lachte der Mann.

»Und ich hab meine Uhr in der Nacht ersäuft!«, sagte die Hebamme.

 

*

 

So kamen sie also auf die Welt, der Florian und der Ludwig. Viel Aufsehen machten sie, denn es waren lange keine Zwillinge geboren worden.

Nachdem sich die Hebamme mit einem deftigen Frühstück und einem gehörigen Schluck aus der neuen Flasche gestärkt hatte, packte sie ihre große Reisetasche zusammen, wickelte den Wecker in die Strümpfe ein und machte sich auf zum Pfarrer.

Dort musste jede Geburt und jeder Tod gemeldet werden.

Zuerst druckste sie herum, aber dann sagte sich die Alte, ach was, ich war noch nie feig und erzähle ihm nun die ganze Geschichte. Auch der Herr Pfarrer lachte so lange, bis es in seinem Bauch zu grollen anfing.

»Aber irgend eine Zeit müssen wir doch angeben«, sagte er und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht.

»Also, als der erste Bub da war, da muss ich den Wecker reingeschmissen haben, er ist auf halb zwölf stehengeblieben, also ist der erste um halb zwölf geboren worden.«

»Welcher?«

Treuherzig blickte die Alte ihn an. »Herr Pfarrer ich hab noch nie geflunkert, und will es jetzt auch auf meine alten Tage nicht tun. Ich hätte es gekonnt, aber ich tue es nicht. Ich weiß es also nicht, und darum Herr Pfarrer, darum, können wir da nicht einfach schreiben, sie sind beide...?«

Später würde man sich über diese Kirchenbuchseite wundem. Nicht nur, dass Zwillinge zur gleichen Zeit in der gleichen Sekunde geboren worden waren, sondern die Schrift war auch verwischt. Aber das waren die Lachtränen des Herrn Pfarrers.

Das ganze Dorf lachte herzlich über dieses Malheur der alten Hebamme. Aber wenn sie gedacht hätte, man würde sie jetzt nicht mehr für voll nehmen, so irrte sie sich gründlich.

Bis jetzt hatten sie alle ein wenig Angst vor der Alten gehabt. Aber nun verband sie eine herzliche Freundschaft.

 

*

 

Ja, ja, diese Hafner Buben, sie sorgten schon ganz zu Anfang für Wirbel in dem kleinen Ort Holzkirchen. Johanna, ihre Mutter, hatte wirklich alle Hände voll zu tun, um diese lebhaften Buben anständig zu erziehen.

Und wäre die Toni nicht gewesen, so hätte bestimmt so manches Mal die Not in dem Häuschen Einzug gehalten.

Wie sie es sich vorgenommen hatte, war sie gleich nach der Geburt auf ihren flinken Beinen von Hof zu Hof gegangen und hatte zuerst einmal Kinderwäsche zusammengebettelt. Denn jetzt musste die Johanna ja noch viel mehr haben. Und weil sie doch wegen der Buben nicht mehr in die Häuser zum Waschen gehen konnte, so sorgte die Toni dafür, dass man ihr die Wäsche hinbrachte. Damals, vor achtundzwanzig Jahren, da hatte man noch keine elektrische Waschmaschine. Und was die reichen Bäuerinnen waren, die ließen dann ihre Wäsche von der Waschfrau säubern.

Johanna hatte also Arbeit und rackerte sich redlich ab. Sie war jung und kräftig, und auch der Mann tat sein Bestes, und doch, die Buben waren jung und kräftig und hatten ewig Hunger. Und als sie erst mal größer waren, da zerrissen sie auch alle Augenblicke die Hose und das Hemd.

Toni war recht oft bei ihnen und half noch mit und schimpfte auch die Buben aus. Ja, sie hatte ihr Herz an diese Familie verloren. Denn es war dem Ludwig gelungen, die Uhr wieder zu reparieren. Das vergaß sie ihm nie und nimmer. Deswegen schon ging sie in die Wälder und suchte Pilze und Beeren. Die kochte dann die Johanna ein. In dem kleinen Garten jätete sie und hielt auch die Buben dazu an. Aber Florian und der Ludwig, die hatten nur Flausen im Kopf. Am liebsten streunten sie im Ort herum und machten nur Unsinn.

Johanna war von der vielen Arbeit oft so müde, dass sie mitten am Nachmittag einschlafen konnte. Obwohl sie eigentlich noch sehr jung war, so wurden ihre Haare doch bald grau und das Gesicht bekam einen harten Zug.

Und dann kam noch das größte Unglück mit dem Xaver. Die Buben zählten gerade sechs Jahre und sollten zum Herbst in die Schule kommen, da verunglückte der Xaver tödlich. Das war wirklich ein harter Schlag für die Familie.

Lange konnte sich die Johanna nicht davon erholen. Wieviele Tage sie im Bett lag und starr zur Decke blickte, das konnte nur die Toni sagen, aber sie schwieg sich aus.

Mit dem Großbauern hatte sie eine harte Auseinandersetzung wegen Unterstützung der Witwe seines Holzarbeiters.

»Er hat sich für dich redlich abgeschuftet, und jetzt wirst du die Kosten für die Beerdigung bezahlen und auch der Frau für den Anfang unter die Arme greifen.«

»Ich muss selbst sehen, wie ich weiterkomme«, hatte er gemurrt. »Soll sie doch arbeiten.«

»Tut sie das vielleicht nicht schon die ganze Zeit?«, sagte Toni giftig. »Du sollst wirklich mal in dich gehen, Bauer, sie ist ein redliches Geschöpf, was man von dir gerade nicht behaupten kann. Meinst, ich weiß das nicht, wie du die kleinen Leute zu betrügen versuchst? «

Oha, da bekam er doch ganz erschrockene Augen und machte einen krummen Buckel.

»Was willst denn?«

»Das überleg dir mal hübsch, oder ich geh zum Bürgermeister, und ich glaub’, der hat es gar nicht gerne . . .«

So kam es denn, dass hin und wieder ein Sack Kartoffeln vor der Tür stand, oder ein Korb Obst oder Gemüse und auch mal Fleisch.

Johanna kam langsam wieder zu sich und konnte sich um den Haushalt kümmern. Toni riet ihr: »Du musst die Buben hart anfassen, sonst verwahrlosen sie dir ganz und kommen noch vielleicht auf krumme Gedanken. Du musst sie anhalten zum Arbeiten.«

»Aber es sind doch noch Kinder.«

»Hast du nicht auch in deiner Jugend arbeiten müssen, Johanna, oder hast dich ausruhen dürfen, spielen, wie Kinder reicher Leute?«

»Ach Toni«, sagte sie leise. »Wenn ich dich nicht hätte, ich wüsste gar nicht, was aus mir werden sollte.«

»Du bist jetzt Vater und Mutter zugleich für die Buben.«

»Ja«, sagte sie gehorsam.

Nun war das so, der Florian, der hatte noch Sinn dafür und tat auch, was die Mutter ihm auftrug, zwar widerwillig, aber er tat es. Hingegen drückte sich der Ludwig, wo es nur ging und war immer unterwegs.

Wenn ihm Johanna abends den Hosenboden strammzog, nahm er es mit Gelassenheit hin, rieb sich das zerschundene Hinterteil und sagte dann später in der Kammer zum Bruder. »Und morgen gehe ich wieder fort!«

So tat er es auch. Er war ein tollkühner kleiner Bursche und er konnte einfach alles. Er war ein richtiger »Hansdampf in allen Gassen«.

»Aus dem wird nichts Rechtes«, sagte auch die Toni. Selbst sie verzweifelte an dem Buben. Und sie hatte unendlich viel Geduld mit ihm.

Mit der Schule war das auch so eine Sache. Er hatte einen klugen Kopf, hingegen sich der Florian wirklich anstrengen musste. Und Skilaufen, das konnte er wie der Teufel.

Ja, es waren schon Prachtbuben, das musste man ihnen lassen. Und manch ein Bauer sah mit neidischen Blicken auf die Johanna. Sie selbst hätten gern solch stramme Buben gehabt. Aber nein, diese Johanna, die sie kaum durchfüttern konnte, ihr mussten sie so in den Schoß fallen.

 

*

 

Es blieb nicht aus, dass Johanna hart wurde. Sie musste es schon, um ihren Willen den störrischen Buben aufzuzwingen. Und so wurde sie wie ein Mann, und wenn einer nicht tat, was sie wollte, dann konnte sie ziemlich wütend werden.

Auch jetzt noch, wo die Buben schon die Schule verlassen hatten. Florian mit Ach und Krach und der Ludwig eigentlich mit recht guten Noten.

Selbst der Herr Pfarrer hatte bei der Schulentlassung zu ihr gesagt: »Der hat das Zeug, der könnt’ was lernen.«

Sie hatte ihn nur müde angeblickt und gemeint: »Ich bin froh, wenn er als Lehrbub mir keine Schande macht.«

Da sich der Florian ein wenig mehr um den kleinen Hof kümmerte, so war es beschlossene Sache, dass er den Hof erhielt, und Ludwig sollte Schuster werden.

Dann starb auch noch Toni Leitner, und so wurde Johanna der letzte Mensch genommen, an den sie sich in ihrer Not wenden konnte. Der immer zu ihr gestanden hatte, ihr Trost gab. Es wurde eine schöne Beerdigung. Toni war sechsundachtzig Jahre alt geworden. Sie hatte es verdient, dass sie sich jetzt endlich ausruhen konnte. Ein ganzes Leben hatte sie nie die Hände in den Schoß getan, immer war sie rege gewesen, bis zum letzten Augenblick, dann kam ein Schlaganfall, und sie war wenige Stunden später tot.

Der neue Doktor von Holzkirchen sagte, das sei ein schöner Tod. Aber das tröstete die Johanna kein bisschen. Selbst die Buben waren traurig. Wenn sie auch viel geschimpft hatte, die Toni, so wussten die zwei doch ganz genau, warum sie das immer getan hatte und auch immer zu Recht.

Johanna wurde verhärmt und still und dachte oft, das Leben ist eine arge Plackerei, würde jetzt noch mein Ludwig leben, dann könnten wir es jetzt um so vieles leichter haben, jetzt wo die Buben groß sind und auch schon selbst Geld verdienen. Aber nein, ich muss das alles allein machen. Und dann die Sorgen. Immerzu die Sorgen. Früher als die Buben klein waren, war sie oft verzweifelt gewesen, weil sie nicht wusste, woher sie am nächsten Tag das Brot nehmen sollte, um die hungrigen Mäuler zu stopfen.

Und jetzt war es der Ludwig. Zuerst hatte sie gedacht, wenn er erst mal in der Lehre ist und ordentlich arbeiten muss, dort ist ein Meister, der ihm auf die Finger klopfen wird, so vergehen ihm wohl rasch die Flausen. Aber leider war es nicht so. Und hätte sie gewusst, was in dem Kopf des Jungen vor sich ging, dann hätte sie vielleicht noch was anderes getan.

Wenn sich Ludwig unterhielt, so nur mit dem Bruder und dieser schwieg.

»Weißt, ich halt das nicht mehr aus. Dieses stumpfe Leben. Es macht mich narrisch, verrückt. Ich will nicht mein ganzes Leben schuften und doch arm bleiben, Florian. Ich nicht.«

Der Bruder sah ihn groß an.

»Ja mei, was willst denn anderes tun? Hier gibts doch nix, und du kannst froh sein, dass du ein Lehrbub bist.«

»Lehrbub, mit siebzehn, und dann kriegt man die paar Schillinge und muss sich auch noch alles gefallen lassen.«

»Aber im nächsten Jahr bist doch fertig.«

»Ja, und dann werde ich bestimmt Millionär«, sagte er wütend. »Nein, weißt Florian, ich hab mir das alles ganz gründlich überlegt, ich mache das nicht mehr. Ich gehe fort, weit fort - und eines Tages komme ich wieder und dann bin ich reich, verstehst? Dann hab ich Geld und setze mir hier im Ort ein schönes Haus hin mit allem drum und dran.«

Der Florian hielt das alles natürlich für einen Scherz. Obwohl sie Zwillinge waren und sich äußerlich sehr ähnlich sahen, auch jetzt noch, so waren sie doch im Grunde des Herzens ganz verschieden. Florian konnte sich das gar nicht vorstellen, fortzugehen, in die Fremde. Davor grauste ihm mächtig. Und was der Bruder nicht alles erzählte von fremden Ländern.

»Woher weißt das denn alles?«, hatte er ihn eines Tages gefragt. »Ich mein, das mit der Fremde und so?«

»Aus Büchern und Zeitungen und von Leuten. Und ich sage dir, es stimmt.«

»Na, da musst wohl recht weit gehen, wenn du reich werden willst.«

»Spotte du nur, aber eines Tages wirst neidisch sein und denken, wär ich doch auch mitgegangen. Sag’ Florian, willst es wirklich nicht?«

Der junge Bursche hatte sehr wohl Angst, und es wäre ihm viel wohler gewesen, wenn der Bruder mitgemacht hätte. Zu zweit war alles halb so schlimm. Bis jetzt waren sie doch auch immer zusammengewesen. Und so lockte er ihn immer wieder. Aber Florian wollte nicht einsehen, dass es hinter den Bergen der Heimat, und noch viel weiter um so viel besser und schöner sein sollte.

»Na«, sagte er stur. »außerdem muss ich das Krummet einholen, dann muss der Stall geweißelt werden, und das Dach muss ich auch noch nachsehen. Weißt du, Ludwig, ich will, wie der Vater einst, mich bei den Holzfällern melden, dann verdiene ich Geld und ich sage dir, ich kauf das kleine Stück Grund noch dazu. Die hübsche Wiese, weißt doch, vom Schergel, der ist schon alt und seine Tochter will ja nicht in der Wirtschaft weiterschaffen. Sie will ja alles verkaufen. Aber so viel Geld hab ich leider nicht und werd es auch nicht bekommen.«

»Wenn du mitkommst, dann kannst dir später einen schönen Hof kaufen.«

Florian lachte gutmütig. »Du warst schon immer spaßig. Aber nein, und außerdem, einer muss ja auch bei der Mutter bleiben, verstehst.«

Daran hatte der Ludwig im Eifer eigentlich gar nicht gedacht. Die Mutter! Allein schaffte sie die Wirtschaft nicht mehr, da hatte der Bruder recht. Aber verflixt, er hielt es hier nicht mehr aus. Noch gestern hatte er einen bösen Zank mit seinem Meister gehabt. Er hatte nun mal keine Lust für die Schusterei, und wenn man ihm dann auch noch alle Augenblicke sagt, er müsse obendrein auch noch dankbar sein, da sollte einem nicht der Kragen platzen.

Florian vergaß auch wieder das Gespräch sofort und ging auf die Wiese zurück. Ludwig aber saß da auf dem dicken Stein und hatte eine krause Stirn.

Er starrte auf die Berge mit den grünen Matten, auf denen die Kühe friedlich grasten. Es war wie jeder Tag.

»Zum Einschlafen«, knurrte er vor sich hin. »Ich ertrage das nimmer, ich halte das nicht mehr aus. Ich glaub’, ich hab das Fernweh, ja so was hab ich, und ich werd’ erst glücklich sein, wenn ich fort bin.«

Dann dachte und sinnierte er weiter, es ist ja dann ganz gut, wenn der Florian daheim bleibt, dann hat die Mutter ihn. Mich mag sie ja sowieso nicht so gern, ich mach’ ihr immer so vielen Kummer. Wenn ich fort bin, hat sie mich los, und sie kann in Frieden mit dem Florian leben. Ich schenk’ ihm mein Erbe, das brauche ich gar nicht mehr. Er kann hier bleiben und versauern. Ja, ich werd’ es ihnen allen zeigen, dass ich kein Dummkopf bin, und dass ich es schaffe.

Er presste die Zähne zusammen. Fast wären ihm die Tränen gekommen. Aber so weit ließ er es nicht kommen.

Am nächsten Tag war sein Bett leer.

 

*

 

Johanna starrte ihren Sohn, den Florian, entsetzt an.

»Er wollte schon immer fort, Mutter, lass ihn ziehen«, sagte er. »Ludwig ist nun mal so.«

»Aber das geht doch nicht, er wird umkommen. Und wenn er herumläuft und die Lehre schwänzt, dann wird ihn der Meister nicht mehr wollen.«

Johanna begriff noch immer nicht. Ihr Sohn war nicht nur mal eben nach Sonthofen oder vielleicht nach München, nein, er war viel weiter fort.

Zuerst wartete sie geduldig auf ihn und wollte abends nicht zu Bett gehen. Sie saß wütend in der Küche und sagte: »Wenn er heimkommt, dann setzt es aber was, ja!«

»Mutter, er wird bald achtzehn«, sagte Florian.

»Und?«, sagte sie ärgerlich. »Meinst, dazu hätte ich kein Recht mehr? Ihr seid meine Buben, und wenn einer über die Stränge schlägt, dann hab ich das verdammte Recht, ihm die Ohren langzuziehen.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738922004
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437032
Schlagworte
holzkirchner geschichten wohin anna

Autor

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Titel: HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN #3: Wohin führt dein Weg, Anna?