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Privatdetektiv Tony Cantrell #50: Beifall für eine Leiche

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Beifall für eine Leiche

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Beifall für eine Leiche

Privatdetektiv Tony Cantrell #50

von Earl Warren

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Als Chad Webster vermisst wird, beauftragt seine Frau den Privatdetektiv Tony Cantrell aus Chicago, ihren Mann zu finden. Cantrell kennt Chad Webster, einen international bekannten Pistolenschützen, persönlich und beginnt sofort mit seinen Ermittlungen. Dabei stößt er auf eine perfide Publikumsattraktion, die sich nur eine Gangsterorganisation ausgedacht haben kann: Ein Killer und ein Meisterschütze leisten sich bei einem Duell einen Kampf auf Leben und Tod. Das Ganze wird gefilmt und sensationslüsternen Zuschauern für viel Geld vorgeführt. Ein lukratives Geschäft für die Gangster und weitere Filme sollen folgen. Cantrell und sein Team wollen das unter allen Umständen verhindern ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Chad Webster - Er ist der Erste, der vor der Kamera stirbt.

Nora Hayden - Sie hat ein Faible für Filme, aber nicht für solche mit echten Leichen.

Frank DeWinter - Für Geld tut er alles, und wer ihm im Weg ist, muss sterben.

Don Watley - Ein heruntergekommener Kameramann erlebt ein Comeback besonderer Art.

Lewis Phelps - Er ist selbst dann noch clever, als er schon tot ist.

... und das Cantrell-Team.

 

 

1

Wer von ihnen eine Filmrolle bekam, konnte sein Testament machen, denn der Tod vor der Kamera war echt.

Chad Webster saß mit gefesselten Händen und verbundenen Augen im Wagen. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Der Wagen hielt, und die rechte hintere Tür wurde geöffnet.

Hände packten Chad Webster. Man war ihm beim Aussteigen behilflich. Er wurde über holpriges Kopfsteinpflaster geführt.

„Vorsicht, Stufe“, sagte eine tiefe Männerstimme.

Er machte einen Schritt auf dem Stufenabsatz und blieb stehen.

„Wir nehmen dir jetzt die Fesseln und die Augenbinde ab“, sagte die gleiche Stimme. „Dann kriegst du die Waffe, und es geht los, verstanden? Entweder verdienst du dir hundertfünfundzwanzigtausend Dollar, oder du bist ein toter Mann.“

„Ihr wollt also wirklich Ernst machen?“, fragte Chad Webster.

Seine Kehle wurde trocken.

„Der Knabe macht mir Laune“, sagte eine andere Stimme. „Was glaubst du denn, weshalb wir uns die ganze Mühe gemacht und den Rummel aufgezogen haben? Halt deine Flossen ruhig. Los, nimm ihm die Handschellen ab!“

Die Handschellen wurden aufgeschlossen und weggenommen. Jemand zog die schwarze Augenbinde von Chad Websters Kopf. Er blinzelte ins trübe Licht einer verschmutzten Lampe über einer großen und schweren Stahltür. Drei Männer standen bei ihm. Einer hatte eine kurzläufige Maschinenpistole unter dem Arm.

Er trug einen Bowlerhut auf dem Kopf und kaute Kaugummi.

Webster schaute sich um. Sie befanden sich auf einem Fabrikhof in einer finsteren, abgelegenen Gegend. Es musste ein Lager und Industrieviertel sein, irgendwo in der Randzone von Chicago.

Webster sah die Positionslichter einer Maschine, die in die Anflugschneise einflog.

Webster wusste aber nicht, um welchen Flughafen es sich handelte.

Ein Mann öffnete jetzt die Tür. Im Innern der großen Halle war es völlig dunkel. Sie war leer, und sie sollte als Arena für einen Zweikampf auf Leben und Tod dienen. Für ein Duell zwischen dem Meisterschützen Chad Webster und einem Topkiller der Unterwelt.

Der Killer wurde durch eine andere Tür in die Halle geschickt. Chad Webster hörte ein Geräusch. Sicher war gerade die Tür geöffnet worden.

Ein Gangster gab ihm ein Päckchen. Es war schwer und mit fester Schnur verschnürt.

„Hier“, sagte der Mann, „eine Colt Combat Commander, fünf Magazine und eine Schachtel Munition. Du hast die gleichen Chancen wie der andere. Ich habe auf dich gewettet. Geh jetzt rein!“

Der Gangster mit dem Bowlerhut hob auffordernd die Maschinenpistole. Chad Webster schaute die drei Männer noch einmal an. Er musste gehorchen, nicht nur sein Leben, auch das seiner Frau und seines Kindes standen auf dem Spiel.

„Na gut“, sagte er. „Aber ich wiederhole noch einmal: Ich bin gezwungen worden.“

„Rein, los, los, los! Die Kameraleute wollen anfangen.“

Chad Webster zuckte mit den Schultern und betrat die dunkle Halle. Hinter ihm schlug die schwere Tür krachend zu.

Er sah einen Lichtschimmer auf der anderen Seite der Halle und die Silhouette eines Mannes, der schnell ins Dunkel trat. Dann wurde auch diese Tür mit lautem Krach geschlossen.

Es war jetzt stockdunkel in der Halle.

„Zwei Minuten bis zum Beginn des Duells“, dröhnte eine blecherne Lautsprecherstimme. „Macht euch fertig. Auf ,Los‘ geht es los!“

Webster bewegte sich von der Tür weg. Nervös zerrte er an der Verschnürung des Päckchens. In der Dunkelheit war es nicht so einfach, es zu öffnen. Aber dann hatte Webster den Öllappen in der Hand, in den die Pistole eingewickelt war. Er steckte die Ersatzmagazine in die rechte und das Munitionspäckchen in die linke Tasche seiner schwarzen Lederjacke.

Dann nahm er das Magazin aus der Waffe, prüfte, ob es gefüllt war, und schob es wieder ein. Er spannte den Schlitten der Coltpistole und entsicherte die Waffe.

Das Spannen verursachte ein metallisches Geräusch, das ihm sehr laut vorkam. Webster trug Tennisschuhe. Er machte ein paar Schritte, bis er an die Wand stieß, und blieb dort stehen. All seine Sinne waren angespannt.

Irgendwo in der großen Fabrikhalle befand sich ein Gangster, mit einer Pistole oder einem Revolver bewaffnet, der ihm den Garaus machen wollte. Es gab nicht die geringste Lichtquelle. Dennoch sollte das Duell gefilmt werden.

Kameraleute befanden sich auf einer Galerie oder in einem erhöhten Raum, und Infrarot-Scheinwerfer leuchteten die Halle mit dem menschlichen Auge nicht sichtbarem Licht aus. Mit Spezialfilmen und -filtern für die Filmkameras sollte jede Phase des Kampfgeschehens auf genommen werden.

So war es Chad Webster erklärt worden. Die Gangsterorganisation versprach sich ein großes Geschäft von dem Killerfilm. Der Reiz für den Zuschauer lag darin, dass er die Aktionen von Chad Webster und seinem Gegner sah wie am hellen Tag. Die beiden Duellanten aber tappten im Dunkeln.

Natürlich filmten die Kameraleute, die weder Chad Webster noch sein Gegner sehen konnten, hinter kugelsicheren Scheiben. Sie beobachteten durch Infrarot-Nachtsichtgeräte, die mit den Kameras gekoppelt waren, was sich unter ihnen abspielte.

Von der Technik her war so etwas keine Schwierigkeit.

„Die Zeit ist um!“, dröhnte die Lautsprecherstimme wieder. „Los!

Freddy oder Chad, einer muss sterben! Zeigt, was ihr könnt!“

Die Stimme hallte von den Wänden der hohen leeren Halle wider. Die Oberlichtfenster waren verhängt, damit nicht der geringste Lichtschimmer hereinfiel. Chad hörte ein leises gleichmäßiges Surren. Eine Filmkamera verursachte dieses Geräusch.

Die Pistole in der Hand, schlich er an der Wand entlang.

„He, Chad, wo bist du?“, rief eine Stimme irgendwo in der Halle. „Komm her, damit ich dich abknallen kann. Ich habe schon eine Menge Leute für weniger Geld abserviert.“

Ein Lachen folgte. Chad Webster konnte nicht feststellen, woher die Stimme kam. Der Killer hatte sich umgedreht, die Hände wie einen Schalltrichter an den Mund gelegt, und sprach zur Wand.

Webster unterdrückte einen Fluch. In der Halle war es kalt, es roch nach Maschinenöl. Der Boden hatte ein paar kleine Unebenheiten. Nach dem, was er vor dem Eintreten von dem Gebäude gesehen hatte, schätzte Chad Webster, dass die Halle dreißig Meter lang und fünfzehn bis zwanzig breit war. Hoch war sie fünf bis sechs Meter.

Mehr wusste Chad Webster noch nicht. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hatte sich immer noch nicht damit abgefunden, kaltblütig auf einen Menschen schießen und ihn töten zu müssen.

Chad Webster hatte im vorigen Jahr die US-Meisterschaft im Pistolenschießen gewonnen. Er war für die Olympiade im Gespräch. Er war Schusswaffenexperte und Meisterschütze, aber kein Mörder. Es war eine Tatsache, dass Chad Webster noch nie einen Menschen getötet hatte, weder mit noch ohne Schusswaffe.

Und jetzt sollte der Meisterschütze sich auf Leben und Tod mit einem Killer schießen.

„Chad, du Ratte!“, rief der Killer wieder. „Los, melde dich, damit wir es schnell hinter uns bringen.“

Chad Webster, der im Dunkeln tappte, stieß mit dem Pistolenlauf gegen einen schmalen Eisenpfeiler. Es gab ein leises Geräusch.

Sofort krachten von der anderen Hallenseite zwei Schüsse. Chad sah das Mündungsfeuer. Eine Kugel pfiff eine Handbreit an seinem Kopf vorbei. Er duckte sich und lief ein paar Schritte weg.

Er zauderte einen Moment, zurückzuschießen. Und dann hörte er schnelle, leise Schritte, und er wusste, dass es zu spät war. Der Killer hatte die Position gewechselt.

Chad Webster schluckte. Es gab keine andere Möglichkeit, der Killer oder er. Er durfte nicht noch einmal zögern. Auf dem Schießstand war er dem Killer sicher meilenweit überlegen. Aber hier sah es anders aus.

Webster gelangte ein eine Ecke der großen Halle. Er war bemüht, kein Geräusch zu verursachen. Er überlegte, was er nun tun wollte. Irgendwo in der Dunkelheit wartete sein Gegner.

„Du feige Sau!“, rief die Stimme wieder, deren Herkunft nicht zu erkennen war. „Du erbärmlicher Halunke, los, schieß doch, schieß! Du bist doch so ein großes Ass! Machst du dir etwa in die Hosen vor Angst?“

Der Gangster wollte Chad Webster reizen. Aber so dumm war der nicht, dass er darauf hereinfiel.

Lange Minuten herrschte Stille. Dann hörte Chad Webster ein Klirren. Seine Nerven waren so angespannt, dass er fast geschossen hätte. Aber er beherrschte sich im letzten Augenblick.

Eine Patronenhülse war auf den Betonboden gefallen. Vorher, gleich nach den Schüssen, hatte Chad Webster dieses Geräusch nicht gehört. Die Lösung war einfach. Der Killer benutzte einen Revolver.

Jetzt hatte er die abgefeuerten Patronenhülsen aus der Trommel genommen und eine weggeworfen. Er wollte auf das Mündungsfeuer schießen, wenn Chad Webster auf den Laut hereinfiel und feuerte.

Aber Chad tat ihm den Gefallen nicht. Er wartete. Ein paar Minuten vergingen, und wieder klirrte es. Das Geräusch kam Chad überlaut vor. Er grinste verzerrt.

Ewig konnte er diese Nervenbelastung nicht aushalten. Vielleicht lauerte der Killer nur ein paar Schritte von ihm entfernt in der Finsternis. Vielleicht schlich er lautlos umher, stieß ihm im nächsten Moment den Revolverlauf zwischen die Rippen und schoss ihn nieder.

Eine ungeheure Wut stieg in Chad Webster auf. Wut gegen die Gangster, die ihn in diese Sache hineingezwungen hatten, und Wut gegen den Killer, von dem er nur den Vornamen kannte: Freddy. Der Halunke hatte seine Freude an diesem Spiel. Er hatte sich freiwillig für das Todesduell zur Verfügung gestellt, wegen des Geldes.

Er sollte mit einer Kugel ausbezahlt werden.

Chad zog einen seiner Tennisschuhe aus. Er wartete einen Moment, dann warf er ihn weg. Als der Schuh auf den Boden fiel und einen dumpfen Laut verursachte, krachten Schüsse. Sie dröhnten in der großen leeren Halle wie Kanonenschläge. Dem Klang nach musste es sich um einen schweren Magnumrevolver handeln.

Kugeln jaulten als Querschläger durch die Halle. Chad sah am Mündungsfeuer, dass die Schüsse sehr niedrig abgefeuert wurden. Der Killer hatte sich zu Boden geworfen. Er war zehn Meter von Chad Webster entfernt.

Das alles zu registrieren, hatte bei Chad Webster nur Sekundenbruchteile gedauert, und dann schoss er auch schon. Die Colt Commander in seiner Faust spuckte Feuer. Chad jagte zwei Schüsse hinaus, steppte zur Seite und schoss wieder.

Er wechselte sofort die Position. Er hörte einen Schrei, und dann schabte Stoff über Beton. Der Killer wälzte sich zur Seite. Er schoss nicht mehr. Beim Aufzucken seiner Mündungsfeuer hatte Chad Webster undeutlich einige seiner Umrisse gesehen.

Chad zog auch den zweiten Tennisschuh aus, denn nur mit einem Schuh lief es sich nicht gut. Er hörte schmerzvolle Atemzüge, die der Killer zu unterdrücken versuchte. Chads Pistolenlauf schwenkte umher.

Er zielte in die Dunkelheit. Dort etwa musste der Killer liegen oder kauern. Chad überlegte, ob er abdrücken sollte. Er zögerte. Der Killer stöhnte. Ja, es gab keinen Zweifel, dort musste er sein, und er war verwundet.

Chad legte die Hand an den Mund und flüsterte zur Seite hin.

„Wirf die Waffe weg, sonst mache ich dich fertig. Du hast keine Chance!“

Es war ein scharfes, zischendes Flüstern. Der Killer versuchte es. Er schoss. Chad feuerte sofort zurück und jagte seine letzten drei Kugeln hinaus. Wieder hörte er einen Aufschrei. Er glitt zur Seite, wobei er auf eine ausgeschleuderte Patronenhülse trat und für einen Moment strauchelte.

Aber er fiel nicht. In der Dunkelheit an die Wand gepresst, wechselte er das leere Magazin gegen ein volles aus. Der Killer stöhnte erbärmlich.

Es gab jetzt keinen Zweifel mehr darüber, wo er sich befand. Chad hob die Pistole.

„Nicht schießen, Kumpel“, jammerte der Verwundete in diesem Augenblick, als könne er ihn sehen. „Bitte, ich bin erledigt, ich gebe auf.“ Chad zögerte. Er sagte sich, dass der Killer Freddy im umgekehrten Fall mit ihm kein Erbarmen gehabt hätte. Aber er brachte es nicht fertig, abzudrücken und alle sieben Kugeln hinauszujagen.

„Ich sterbe sowieso“, röchelte der Killer. „Eine Kugel steckt in meinem Bauch. Aahhh, diese Schmerzen du hast mich ... alle gemacht.“

„Wirf die Waffe weg!“, sagte Chad scharf. „Ich will sie fallen hören.“

„Kann nicht ... kann mich nicht bewegen. Aahhh! Revolver liegt unter mir.“

Der Killer stöhnte derart, dass Chad glaubte, er liege tatsächlich im Sterben. Er atmete erleichtert auf. Es war vorbei, und er lebte noch. Die Nachwirkungen der nervlichen Anspannung ließen seine Hand zittern.

„Ich komme zu dir“, sagte Chad zu dem Killer. „Aber ich warne dich. Versuche bloß nichts!“

Der Killer stöhnte nur. Er atmete laut und röchelnd. Chad Webster trat näher. Sein rechter Fuß stieß gegen einen am Boden liegenden Körper. Er trat in etwas Feuchtes. Blut.

„Die Waffe!“, sagte Chad Webster.

„Unter mir“, röchelte der Killer. „Kann mich nicht rühren. Kugel hat Rückgrat ... oohhh!“

Chad bückte sich. Seine Hand glitt über den am Boden liegenden Körper. Da spürte er eine Berührung, und im nächsten Augenblick hatte der Gangster seine Pistolenhand gepackt. Er riss Chads Hand mit der Waffe zur Seite, stieß dem über ihm stehenden Mann die Revolvermündung gegen die Brust und drückte ab.

Chad Webster spürte einen ungeheuer harten Schlag gegen die Brust, noch einen und noch einen. Der Killer jagte alle sechs Geschosse des schweren Magnum-Revolvers in ihn hinein. Er schoss Chad Websters Brustkasten buchstäblich in Stücke.

Der Meisterschütze blieb tot neben dem Killer liegen, ohne noch einen Schuss abgegeben zu haben. Freddy setzte sich auf. Er war wirklich verwundet, aber bei Weitem nicht so schwer, wie er getan hatte.

Es roch scharf nach Kordit und süßlich nach Blut.

„He, Jungs!“, rief der Killer. „Ich habe das verdammte Schwein erwischt. Macht die Kohlen locker, aber vorher brauche ich einen Arzt. Ich hoffe, ihr habt alles ordentlich im Kasten.“

An den beiden Querseiten der Halle flammten Scheinwerfer auf. Der Killer schützte seine Augen mit erhobenem Arm vor dem grellen Licht. Er blinzelte.

„Ja, Freddy, es ist alles in Ordnung, der Film ist gelaufen“, sagte die blecherne Lautsprecherstimme. „Ton und Bild, alles ist gut aufgenommen. Das war der heißeste Streifen, den ich je gedreht habe.“

Der Killer konnte den Sprecher nicht erkennen. Seine noch an die Dunkelheit gewöhnten Augen sahen die Kamera auf der Galerie vorne und die zweite Kamera in dem von einem Eisenträger gestützten erhöhten Raum nicht. Beide Kameras wurden von kugelsicheren Scheiben geschützt.

„Holt einen Arzt!“, rief Freddy, der in einer Blutlache neben Chad Websters reglosem Körper saß. „Sonst blutet euer Star aus.“

 

 

2

Tony Cantrell war mit Arbeit überhäuft und durchaus nicht froh darüber, dass er noch einen Fall hinzubekam. Aber es handelte sich um das Verschwinden eines alten Bekannten, eines guten Freundes fast, und da konnte er nicht nein sagen. Cantrell sagte Vera Webster also am Telefon zu, er wolle sich um das Verschwinden ihres Mannes Chad kümmern.

Dann legte er auf. Er war allein in dem Bungalow in der Clinton Street in Western Springs. Silk und Butch, seine beiden Mitarbeiter, waren beruflich unterwegs. Und Carol, seine hübsche Frau, kaufte in der City ein.

Das hieß, dass Cantrell sich selber um die Sache kümmern musste. Nachdem er einmal die Zusage erteilt hatte, wollte er nichts aufschieben. Er schaffte sich also auf dem Schreibtisch Platz und legte Steuerbescheid, Akten und alles, was ihn umgab, zur Seite.

Die Aprilsonne fiel durch das breite Panoramafenster ein. Cantrell musste seine Augen durch eine dunkle Brille vor dem hellen Sonnenlicht schützen. Er war seit einer Netzhautverpflanzung nach einem Säureattentat nachtsichtig, allerdings auch empfindlich gegen helles Tageslicht.

Cantrell fragte telefonisch im Police Headquarters nach, wo man ihm nichts über Chad Webster sagen konnte, außer dass er seit acht Tagen verschwunden war. Dann rief er ein paar Kontaktleute und Verbindungsstellen in der Unterwelt an. Der bekannte Rechtsanwalt und Privatdetektiv besaß ausgezeichnete Verbindungen.

Seine Gesprächspartner versicherten ihm, sie wollten nachhören, ob jemand etwas über Chad Webster wisse. Cantrell dachte sich, dass er fürs Erste genug in die Wege geleitet hatte, und kümmerte sich den Rest des Nachmittags um andere Dinge.

Gegen Abend, kurz nachdem Carol zurückgekommen war, klingelte das Telefon. Whisper Tim meldete sich, Cantrells bester V-Mann. Von Whisper Tim hieß es, er könne sogar das Gras wachsen hören.

Cantrell nahm in der Diele ab. Er erkannte den V-Mann schon an seiner charakteristischen heiseren Flüsterstimme. Whisper Tim sprach aus einer Telefonzelle, wie der Verkehrslärm verriet.

„Sie wissen, wer dran ist. Sie wollen was über Chad Webster wissen, den Meisterschützen, Gewinner des Landespokals und so weiter. Gehen Sie heute Abend um einundzwanzig Uhr ins 'Palace' in der 18. Straße in Berwyn, dann werden Sie erfahren, was mit ihm passiert ist. Das Geld für die Information will ich auf dem üblichen Weg auf mein Konto haben.“

Sie hatten einige Stunden zuvor schon über den Preis gesprochen. Cantrell merkte, dass Whisper Tim auflegen wollte.

„Augenblick mal. Kannst du mir nicht mehr sagen?“

„Ich kann schon, aber ich will nicht. Es ist eine brandheiße Sache, zu heiß für mich. Im 'Palace' erfahren Sie für fünfzig Dollar Eintritt alles, was Sie wissen wollen.“

Er hatte eingehängt. Cantrell schaute ärgerlich auf den Hörer.

„Etwas Unangenehmes?“, fragte Carol, die aus einem der Räume in die Diele getreten war.

„Das weiß ich noch nicht“, sagte Cantrell. „Ich gehe übrigens heute Abend ins Kino.“

„Ins Kino? Ich denke, du hast soviel zu tun? Welcher Film wird denn gezeigt?“

„Das weiß ich nicht, aber es muss etwas Besonderes sein. Es kostet nämlich fünfzig Dollar Eintritt.“

 

 

3

Das „Palace“ war ein heruntergekommenes kleines Kino in der Nähe der Friedhöfe bei den Miller Meadows Woods am Des Plaines River. Hier war eine ganze Friedhofstadt entstanden, ein Viertel, größer als manches andere. Seine Einwohner lagen in Gräbern und Grüften und waren mit Abstand die friedlichsten und ruhigsten von Chicago.

In Berwyn allerdings war von Ruhe und Frieden wenig zu spüren. Es war ein Arbeiterviertel. Als Cantrell sich beim „Palace“ nach einem Parkplatz umsah, fuhr mit Höllenlärm eine Motorradrotte von Halbstarken vorbei.

Fenster öffneten sich, und es wurde geschimpft und geflucht.

Cantrell fiel es auf, dass in der Nähe des schäbigen Kinos viele teure Wagen standen. Er parkte den Chevrolet Chevelle Malibu in einer Seitenstraße und stieg aus. Er war allein. Wenn bei der Sache nichts herauskam, dann reichte es, wenn er seine Zeit vergeudete.

Der große, schlanke Anwalt trug eine Pistole in dem Schulterholster unter der Wildlederjacke. Cantrell, ohne Hut und trotz der Dunkelheit mit dunkler Brille, ging zum Kino. Ein paar Leute, meistens Männer, gingen vor ihm hinein.

Vor dem Eingang stand ein kräftiger Mann mit wüstem, zerschlagenem Gesicht. Ein typischer Schläger, der bestimmt nicht zu seinem Vergnügen hier wartete.

Er musterte Cantrell. Der Anwalt ging weiter, um nicht aufzufallen. Das Kino war alt, der holzgedielte Boden des Foyers ausgetreten. Zwei Männer standen noch vor der Kasse. Sie waren schnell abgefertigt.

Neben der Kasse hatte sich ein hagerer Mann mit schwarzem Lederhut, schmalem Oberlippenbärtchen und blauem Anzug aufgebaut. Der Anzug wirkte teuer und zeigte ein weißes Muster von stilisierten Sägefischen.

Cantrell hätte so ein Ding nicht angezogen. Mr. Sägefisch hatte stechende Augen und trug ohne Zweifel eine Schusswaffe unter der Achsel.

Cantrell kam mehr und mehr zu der Überzeugung, dass er hier richtig war. Er trat an die Kasse und zückte die Brieftasche. Eine Vorankündigung und Filmbilder für die Abendvorführung hatte er nicht gesehen.

Aber das allein hatte noch nichts zu sagen. Es gab genügend Pornofilme, für die keine Reklame gemacht werden durfte.

„Eine Karte“, sagte Cantrell.

An der Kasse saß ein Mann mit schmalen Schultern, eine Zigarette im Mundwinkel. Er riss eine Karte ab.

„Fünfzig Dollar.“

„Habt ihr keine billigeren?“

„Hören Sie, Mister, Sie wissen doch, was für ein Film das ist? Eine einmalige Sache. Alle Plätze fünfzig Dollar, das muss es Ihnen wert sein. Oder sind Sie etwa zufällig hereingeschneit?“

„Nein, nein“, sagte Cantrell gleich. „Ein Freund hat mich hergeschickt. Natürlich will ich den Streifen sehen. Ich dachte, man könnte ein wenig handeln.“

„Nein.“

Mr. Sägefisch betrachtete Cantrell schon abschätzend. Er zahlte seine fünfzig Dollar, bekam die Karte und nickte Mr. Sägefisch zu. Vor dem Eingang zum Zuschauerraum wurde die Karte abgerissen.

Drinnen gab es nur eine ganz schwache Beleuchtung. Die Glühbirnen waren fast erloschen. Eine Platzanweiserin führte Cantrell durch das Dämmerlicht zu einem Platz in der Mitte.

Er nahm die dunkle Brille ab.

Er sah bei dieser Beleuchtung ausgezeichnet, aber die anderen Zuschauer nicht. Die Leinwand zeigte noch nichts. Die Beleuchtung war so schlecht, damit die Zuschauer einander nicht erkennen konnten.

Cantrell war gespannt, was für ein Streifen gezeigt werden würde, und was er mit Chad Webster zu tun hatte. Der Anwalt musste nach wie vor an einen Pornofilm denken, an einen besonders brutalen vielleicht. Aber wie konnte ein solcher Film etwas mit Chad Webster zu tun haben?

Webster war Schusswaffensachverständiger und Schießtrainer in ein paar Schießklubs. Er trainierte auch die Polizei und gab Lehrgänge beim FBI. Cantrell und seine Mitarbeiter hatten gelegentlich unter seiner Anleitung geübt oder ihn bei Schießwettbewerben oder im Schießklub getroffen.

Das Kino war zu drei Vierteln besetzt. Cantrell wartete geduldig. Zwanzig nach neun erlosch das schwache Licht völlig, und die Vorführung begann. Es gab keine Reklame und auch keinen Vorfilm.

Getränke und Süßigkeiten waren nicht im Zuschauersaal verkauft worden. Man konnte sich im Foyer an einem Verkaufsstand etwas holen, wenn man wollte.

Musik erklang, und eine Schrift und ein Symbol erschienen auf der Leinwand. Zwei gekreuzte Schwerter, und darunter die Worte „Gladiator Film“. Dann war ein Sprecher mit einer Gesichtslarve zu sehen, ein jüngerer Mann, gut aussehend wie ein Fernsehansager.

Er saß auch hinter einem Tisch wie ein Fernsehansager und lächelte freundlich in die Kamera. Vor sich hatte er ein Blatt Papier, auf das er ab und zu einen Blick warf.

„Meine Damen und Herren“, sagte er, „sehr verehrte Filmbesucher. 'Gladiator Film' zeigt Ihnen heute einen Film, wie Sie noch nie einen gesehen haben. Sie haben Ihre Freude an harten Streifen, an aufregenden Kämpfen und spannenden Auseinandersetzungen. Sicher haben Sie sich auch schon überlegt, dass doch eigentlich alles, was man Ihnen in dieser Richtung in Kino und Fernsehen bietet, ein Betrug ist. Wenn jemand im Film stirbt, wissen Sie genau, dass er nicht wirklich tot ist. Bei einem Kampf auf Leben und Tod im Kino denken Sie daran, dass tatsächlich keiner zu sterben braucht. Je nachdem, wie gut die Schauspieler, der Regisseur und das Drehbuch sind, gelingt es, bis zu einem gewissen Grad darüber hinwegzutäuschen. Aber die wirkliche Spannung eines Kampfes auf Leben und Tod, den echten Nervenkitzel, den kann man auf diese Art nicht erzeugen. Das haben Sie noch nie kennengelernt, bis heute Abend. Meine Damen und Herren, 'Gladiator Film' versichert Ihnen, dass der Mann, der bei uns auf der Leinwand stirbt, hinterher nicht wieder aufsteht und seine Gage kassiert. Dieser Mann ist und bleibt tot. Genießen Sie daher die nervenzerreißende Spannung eines echten Duells auf Leben und Tod, eines Kampfes, bei dem es um alles geht.“

Der Sprecher erläuterte nun die Regeln des Duells, das von „Gladiator Film“ arrangiert worden war. Cantrell wollte seinen Ohren nicht trauen. Er hatte schon mit allen möglichen Arten von Verbrechen zu tun gehabt, aber mit so etwas noch nicht.

Sollte Chad Webster sich etwa für so ein Projekt hergegeben haben? Worte rauschten an Cantrells Ohr vorbei. Duell im Dunkeln, Infrarotfotografie, zwei ausgezeichnete Schützen, Kampf auf Leben und Tod, echter Nervenkitzel.

Chad Webster musste doch wissen, dass er wegen Mordes angeklagt wurde, wenn er bei so etwas mitmachte. Und was war mit den Kameraleuten, mit den Cuttern und all den anderen, die man brauchte, um einen solchen Film herzustellen?

Cantrell wollte es immer noch nicht recht glauben. Gewiss, es gab Anhaltspunkte dafür, dass die Mafia ins Filmgeschäft drängte. Schon war ein echter Sexualmord Interessierten für viel Geld im Film gezeigt worden. Der Killerfilm eines Reporters namens Bob Hanlon, der jetzt hinter Gittern saß, hatte auch Zuschauer gefunden.

Und es sollte sogar einen Mann geben, einen Taucher und Haifischjäger, der gegen ein Honorar von einer Million Dollar in einem Unterwasserkäfig gegen einen Mörderhai kämpfen wollte. Ein Produzent wollte den Kampf „machen“ und life und als Aufzeichnung im Fernsehen übertragen lassen.

Aber Cantrell hatte die beiden ersten Fälle immer für schlimme Ausnahmen gehalten, den letzten für ein verrücktes Projekt, das nie realisiert werden würde. Und jetzt musste er feststellen, dass mitten in Chicago offenbar schon ein Killerfilm gezeigt wurde.

Der Ansager redete über die Tradition des Duells und des Zweikampfes, über eine verständnislose und allzu verweichlichte Regierung, die ihren Bürgern das Recht der freien Entscheidung beschnitt, und über andere Dinge. Es gab Zwischeneinblendungen von Filmszenen, auch Aufnahmen von Vietnam und anderen Kriegsschauplätzen.

Dann wurden die beiden Todeskandidaten gezeigt, wie der Ansager mit einer Larve versehen. Cantrell erkannte Chad Webster sofort. Den anderen Mann hatte er nie gesehen.

„Dieser Mann ist ein Gangster“, sagte der Ansager. „Ein Topkiller, der sich damit brüstet, schon über ein Dutzend Menschen erschossen zu haben.“

Der blonde Killer wurde von hinten im Freien vor ein paar Mannscheiben gezeigt, Pappkameraden, die hinter Büschen und Felsen aufgebaut waren. Auch ein paar Flaschen standen auf Steinblöcken.

„Und jetzt sehen Sie Freddy, den Starkiller, in Aktion!“, rief der Ansager.

Der blonde Killer trug seinen Revolver in einem Gürtelholster. Er zog und schoss, aus der Hüfte, in Combatstellung und über den gestreckten Arm visierend. Cantrell musste zugeben, dass er ein ausgezeichneter Schütze war.

Jeder Schuss war ein Treffer. Und der blonde Freddy lud mit dem Schnellader seinen Smith & Wesson Magnumrevolver so schnell nach, wie Cantrell es noch nie gesehen hatte.

Dann wurde Chad Webster auf einem Schießstand gezeigt.

„Dieser Mann ist ein Profischütze“, erläuterte der Ansager. „Er hat bei vielen Wettbewerben hervorragend abgeschnitten und ist ein international bekannter Meister. Es gibt nicht wenige Leute, die behaupten, er sei der beste Pistolenschütze der Vereinigten Staaten. Mehr kann ich nicht sagen. Sehen Sie jetzt den Meisterschützen Chad.“

Chad Webster, schoss auf dem Schießstand mit der Schnelligkeit und Präzision, die Cantrell bei ihm kannte. Die Scheibe fuhr heran, und die Zuschauer konnten die Trefferergebnisse sehen. Jeder Schuss hatte das Zentrum der Scheibe zumindest berührt.

Die Hintergrundmusik begann wieder. Der Ansager und die beiden Duellanten waren verschwunden. Man sah stattdessen eine leere Fabrikhalle. Dann wurde eine der beiden Filmanlagen gezeigt, die Kamera auf der Galerie hinter der kugelsicheren Scheibe. Zwei Infrarotscheinwerfer waren hinter der Kamera montiert, und sie war mit einem Infrarot-Nachtsichtgerät gekoppelt.

„Und jetzt ist es so weit!“, erklang die Stimme des Ansagers. „Sie sehen nun das einmalige Duell im Dunkeln zwischen dem Starkiller und dem Meisterschützen. Bedenken Sie immer, dass die beiden Duellanten im Gegensatz zu Ihnen nichts sehen können. Sie werden auf Ihre Kosten kommen.“

Nun begann es. Die beiden Männer tappten im Dunkeln umher. Jeder versuchte zu erraten, wo der andere sich befand, um ihn umbringen zu können. Cantrell beobachtete die Zuschauer. Ihre Gesichter waren angespannt. Steif und verkrampft saßen sie da in Erwartung der peitschenden Schüsse, die einem Menschen den Tod bringen sollten.

Cantrell zweifelte nicht mehr,daran, dass wirklich ein Mann sterben sollte.

Chad Webster oder jener Killer Freddy. Für hundertfünfundzwanzigtausend Dollar sollte einer von ihnen den anderen umbringen.

Der Ansager hatte es gesagt.

Cantrell wollte nicht nur dasitzen und warten, wen es erwischte. Es war höchste Zeit, dass er etwas unternahm. Er stand auf, drängte sich durch die Sitzreihe. Bemerkungen wurden laut.

„Versperren Sie mir nicht die Sicht, Mann! Was glauben Sie, wofür ich fünf zig Dollar bezahlt habe?“

„Müssen Sie denn gerade jetzt hier herumtanzen? Jeden Augenblick kann einer von den beiden abgeknallt werden.“

„Hau ab, Typ! Ich will sehen, wer ins Gras beißt!“ Chad Webster stieß auf der Leinwand mit dem Pistolenlauf gegen einen Eisenpfeiler, und die ersten Schüsse des Gangsters krachten. Cantrell sah, dass Webster zögerte zurückzuschießen.

Es machte ihn noch skeptischer. Wenn Chad sich freiwillig für die Sache hergegeben hatte, warum schoss er dann nicht? Der Killer huschte zur Seite, und die beiden Männer auf der Leinwand lauerten wieder in die Dunkelheit.

Cantrell stand am Ende der Sitzreihe. Er verließ nun das Kino. Die Platzanweiserin stand wie gebannt vor dem Eingang. Cantrell ging an ihr vorbei. Er wollte sich den Vorführer und die Filmrollen holen.

Ehe er die Tür schloss, warf er einen letzten Blick auf die Leinwand. Immer noch schlichen die beiden Gegner umher.

Cantrell betrat den kurzen Gang, der zu den Toiletten führte. Hier ging keine Treppe nach oben. Er ging hinaus ins Foyer. Der bullige Schläger war hereingekommen und stand mit Mr. Sägefisch zusammen. Der junge Bursche hinter dem Verkaufsstand gähnte.

„Ich gehe jetzt rein“, sagte der Bullige gerade. „Den Film will ich mir nicht entgehen lassen.“

„Du wirst ihn schon noch sehen“, sagte der schlanke, drahtige Gangster mit den Sägefischen auf dem Anzug. „Du weißt, was wir zu tun haben.“

„Was soll denn schon passieren?“, maulte der Bullige. „Nichts wird passieren. Gerade haben sie geschossen. Das muss ich sehen, dagegen sind alle anderen Filme kalter Kaffee.“

„Du bleibst.“ Mr. Sägefisch hatte nun Cantrell gesehen, und er fragte: „Suchen Sie etwas Bestimmtes, Mister?“

Im Hintergrund des Foyers führte eine Treppe nach oben, die kaum besser war als eine Hühnerleiter. Hier konnte man zum Vorführraum gelangen.

Cantrell sah, dass der Mann, der vorher an der Kasse kassiert hatte, nicht mehr da war.

„Ich will mal ein Wort mit dem Vorführer reden“, sagte Cantrell freundlich.

Mr. Sägefisch und der Schläger wechselten einen Blick, und dann trat der bullige Schläger an Cantrell heran.

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass sich die Metropolitan Police mächtig für eure private Filmvorführung interessieren wird.“

Der Schläger schaute zu Mr. Sägefisch, und dieser nickte. Da schlug der Schläger zu. Seine Faust raste auf Cantrells Kopf zu. Aber der Anwalt hatte längst damit gerechnet, und er war vorbereitet.

Cantrell duckte sich, verpasste dem Bulligen einen Leberhaken und einen knallharten Schlag mit der Karatefaust auf den Solarplexus. Er musste hart zuschlagen, sonst machten sie ihn fertig.

Der Bullige taumelte zurück. Cantrell sah die Rechte von Mr. Sägefisch im Jackettausschnitt verschwinden. Der Anwalt sprang vor, packte den wankenden Schläger und stieß ihn gegen Mr. Sägefisch, der gerade einen handlichen Revolver unter dem Jackett hervorzog.

Der Schläger brachte Mr. Sägefisch aus dem Gleichgewicht. Cantrell hatte Zeit, seine 38er Pistole zu ziehen. Er zielte auf den Gangster mit dem Lederhut und dem Anzug. Der Schläger ging lautlos und in Zeitlupe zu Boden. Sein Gesicht war verzerrt, die Augen traten hervor.

Mr. Sägefisch wollte den Revolver auf Cantrell richten.

„Das würde ich an Ihrer Stelle lassen!“, sagte der Anwalt scharf. „Oder hat Ihnen der Film da drinnen Laune gemacht, eine Kugel einzufangen? Lassen Sie sofort die Waffe fallen!“ Mr. Sägefisch hielt den Revolver zur Seite.

„Was soll das? Bist du ein Polyp? Man wird doch wohl noch mal ins Kino gehen dürfen.“

„Ich bin Privatdetektiv. Mich interessiert, wo Chad Webster abgeblieben ist. Lass den Revolver fallen, sonst schieße ich dir den Arm weg! Ich sage es nicht noch einmal.“

Mr. Sägefisch knirschte mit den Zähnen. Er ließ den Hammer des Revolvers einrasten und die Waffe auf den Boden fallen. Cantrell kickte sie in die am weitesten entfernte Ecke. Aus dem Augenwinkel beobachtete er den Jungen hinter dem Verkaufsstand.

Aber der riss nur Mund und Augen auf und dachte nicht daran, einzugreifen. Cantrell befahl dem drahtigen Gangster, die Arme hochzunehmen.

Er packte den bulligen Schläger am Genick und schleifte ihn zu dem Verkaufsstand.

Mr. Sägefisch musste mitkommen. Cantrell ließ den Bulligen liegen und wartete ab, dass er wieder auf die Beine kam. Der junge Verkäufer schüttelte fassungslos den Kopf.

„A...a...aber, Mister, was versprechen Sie sich davon?“, fragte er.

„Sei ruhig, du kriegst dein Teil auch noch. Wenn wirklich einer von den beiden Männern im Film stirbt, machen sich die Kameraleute und alle anderen, die mitgewirkt haben, der Beihilfe zum Mord schuldig. Und ihr drei habt euch auch strafbar gemacht, indem ihr bei der Vorführung und dem Vertrieb dieses Killerfilms mitgeholfen habt.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921984
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell beifall leiche

Autor

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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #50: Beifall für eine Leiche