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Finsteres Herz

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Finsteres Herz

Klappentext:

Roman:

Finsteres Herz

von

Bernd Teuber

 

Krimi

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Gerhard Fleming wird von einer U-Bahn überfahren. Die Polizei geht von einem Unfall aus. Doch seine Frau ist anderer Meinung. Sie glaubt, dass ihr Mann ermordet wurde. Deshalb bittet sie den pensionierten Kriminalhauptkommissar Wolfgang Mauritz um Hilfe. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine Reihe von Morden an jungen Mädchen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ereignet hatten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gerhards Tod und den Kindermorden?

Was ist damals wirklich geschehen?

Auf der Suche nach Antworten folgt Wolfgang Mauritz den Spuren in die Vergangenheit.

 

Ein neuer Kriminal-Roman mit Wolfgang Mauritz, der Hauptfigur aus "Das Grab ohne Namen", einen der erfolgreichsten Krimis der Edition Bärenklau!

 

 

 

Roman:

Graue Wolken hingen am Himmel.

Es war nicht kalt. Die Straßen glänzten vor Nässe, und die Bäche in den Rinnsteinen schwollen langsam aber beharrlich an. Die Abflüsse hatten es längst aufgegeben, das unablässig vom Himmel herabstürzende Wasser aufnehmen zu wollen. Hannover schien allmählich in einem grauen Ozean zu versinken.

Gerhard Fleming ging mit schnellen Schritten durch den strömenden Regen zu der breiten, steil in die Tiefe führende Treppe. Das blaue Schild mit dem großen weißen ‚U‘ und den stilisierten Stufen darauf war durch den Wasserschleier kaum zu erkennen. Eine Frau mit einem Kinderwagen fiel ihm auf. Eine blonde Frau, nicht älter als dreißig. Sie trug Jeans und ein helles Jackett, das vollkommen durchnässt war.

„Warten Sie, ich fass mit an.“

Er packte den Kinderwagen an der Vorderseite und trug ihn gemeinsam mit der Frau die Treppe hinunter. Der knapp zweijährige Knirps musterte staunend sein Gesicht. Die Frau bedankte sich, schenkte ihm ein freundliches Lächeln und wandte sich ab. Auf den von kaltem Neonlicht erhellten Bahnsteigen drängten sich ungewöhnlich viele Menschen; mehr als sonst zu dieser Tageszeit. Wahrscheinlich hatte hatten die meisten vor dem plötzlichen Regenschauer hier unten Zuflucht gesucht. Das schlechte Wetter würde der Üstra einen Rekordumsatz bescheren.

Fleming drängte sich durch die Menschenmenge Richtung Bahnsteig und stellte sich im hinteren Bereich auf. Ein Blick auf das Hinweisschild – Königsworther Platz, 16.45 Uhr. Nur noch ein paar Minuten. Glück gehabt. Seine Augen wanderten über die schweigend wartende Menge. Dicht gedrängt stand sie an der Bahnsteigkante. Wie der Heringsschwarm vor dem Haifischmaul. Er war zwischen Bauarbeitern, Studenten und einem kichernden Pärchen eingekeilt. Seine rechte Hand umklammerte den Griff einer dunkelbraunen Aktentasche. Links, etwa zehn Schritte entfernt, entdeckte er die blonde Frau. Sie schnitt ihrem Kind Grimassen. Fleming konnte den Kleinen im Kinderwagen wegen der Menschenmenge nicht sehen. Aber er hörte ihn schreien.

Hinter ihm ertönte ein melodiöses Summen. Er blickte sich um. Zwischen Papierkorb und Bank lehnte ein Bettler an der Wand. Sonnenbrille, rote Baseballkappe unter grauem Haar und in einen schmierigen Trenchcoat gehüllt. Ein paar Krücken lagen neben seinen ausgestreckten Beinen. Er blies „Heimat deine Sterne“ auf einem mit Pergamentpapier bedeckten Kamm. Ein Blinder, ein Obdachloser oder ein Schwerbeschädigter – jedenfalls tat er was für seinen Lebensunterhalt …

Fleming kramte ein Zwei-Euro-Stück aus der Hosentasche und warf es in die leere Zigarrenschachtel des Mannes. Der schien es nicht mal zur Kenntnis zu nehmen. Aus dem Tunnel schwoll das Rauschen des Zuges an, näherte sich mit singendem Ton, polterte verhalten und rollte auf Metall. Ein Ruck ging durch die Menge. Die blonde Frau blickte nach rechts in die Richtung, aus welcher sich der Zug näherte. Alles blickte nach rechts. Und drängte gleichzeitig an die Bahnsteigkante heran.

Die Druckwelle, die er in dem Tunnel vor sich herschob, wirbelte Staub und Zeitungen auf, und sorgte dafür, dass die empfindlicheren Reisenden sich umdrehten und die Schultern nach vorn zogen. Fleming trat an den Rand des Bahnsteigs. Das Rauschen wurde lauter. Wie ein überdimensionaler Pfeil rutschte der Zug aus dem Tunnel.

Ein entsetzlicher Laut ging durch die Menge. Frauen schrien, Männer brüllten, Bremsen kreischten, und über allem schwebte ein hoher Schrei, der nicht aufhören wollte. Jetzt erst hielt der Zug. Der spitze Schrei ging in ein krächzendes Wimmern über und verstummte schließlich ganz. Zwei Streifenpolizisten erschienen. Mit den Ellenbogen arbeiteten sie sich durch die Menge. Die Menschen wichen zurück, bildeten einen dicht gedrängten Halbkreis vor einem der mittleren Wagons, schrien, krümmten sich, schlugen die Hände vors Gesicht, und einige drehten sich um und warfen sich gegen die Mauer aus Leibern hinter ihnen, um die Flucht zu ergreifen.

Als würde dort, in dem menschenleeren Halbkreis vor dem Wagon eine sprungbereite Raubkatze lauern. Die Polizisten arbeiteten sich vorwärts. Kein Raubtier lauerte dort. Fassungslos starrten die Beamten zu der blutüberströmten Gestalt, die unterhalb des Bahnsteigs auf den Schienen lag. Seine rechte Hand umklammerte die hellbraune Aktentasche.

Der Zugführer war ebenfalls ausgestiegen. Sein Gesicht war bleich. Er zitterte am ganzen Körper.

„Ich konnte es nicht verhindern“, sagte er beinahe hysterisch zu dem jüngeren Polizisten. „Ich fuhr genau wie immer in die Station ein, drosselte das Tempo und da fiel er mir direkt vor den Zug. Ich konnte weder bremsen noch sonst etwas tun.“

„Schon gut“, sagte der Beamte. „Es vermutet ja keiner, dass Sie ihm auf dem Bahnsteig nachgefahren sind.“

„Hat sonst noch jemand den Vorfall beobachtet?“ fragte der ältere Polizist, während er sich umsah.

„Ich, ich!“ Es war ein junger Mann, der vor Aufregung zappelte. „Ich stand ganz vorn. Ich hab‘ alles gesehen! Ich stand ganz vorne.“

„War jemand neben ihm?“ fragte der Polizist. „Wär‘s möglich, dass einer ihn gestoßen hat?“

„Nein.“ Der junge Mann verwarf das mit einem spöttischen Ton, der seiner Nervosität entsprang. „Er war ganz allein, und stand hier, als würde er auf den einfahrenden Zug warten und einsteigen. Und dann auf einmal sprang er aus heiterem Himmel! Beinahe mir ins Gesicht!“

„Haben Sie sonst noch jemanden auf dem Bahnsteig bemerkt?“

„Natürlich, hier standen eine Menge Leute.“

„Und hat sich einer von ihnen verdächtig benommen?“

„Verdächtig?“

„Ja, benahm er sich irgendwie ungewöhnlich?“

Der junge Mann zögerte. Er schwankte zwischen der Lust zum Fabulieren und der Wahrheit. „Ich glaube da drüben bei der Treppe stand einer und las die Zeitung“, sagte er. „Ich glaube es, aber sich Sicherheit kann ich es nicht sagen.“

„In Ordnung. Sie müssen sich noch zu Verfügung halten, bis Ihre Aussage aufgenommen wurde.“ Der ältere Polizist wandte sich an seinen jungen Kollegen. „Was ist mit dem Lokführer?“

„Steht unter Schock. Aber er glaubt nicht, dass der Mann gestoßen wurde.“

„Weißt du schon, wer es ist?“

„Nein.“

„Dann finden wir es mal heraus“, sagte der Ältere. „Steig hinunter und such nach seinem Ausweis.“

„Sollten wir nicht erst auf den Notarzt warten?“

„Wozu? Der kann ihm auch nicht mehr helfen.“

Der junge Polizist blickte über den Rand des Bahnsteigs auf den blutigen Klumpen Fleisch, der dort lag und schluckte.

„Jetzt sei kein Angsthase“, sagte sein älterer Kollege. Er wusste, dass die Aufgabe nicht einfach war, aber er neigte auch nicht dazu, den Nachwuchs zu verwöhnen.

Vorsichtig ließ sich der jüngere Polizist über die Kante hinunter und starrte dabei auf den Verunglückten, als könne sich dieser erheben und ihn angreifen. Er zog die Brieftasche aus der zerrissenen Jacke und klettere auf die Bahnsteigrampe zurück.

„Damit hast du dir einen Orden verdient“, murmelte der Ältere anzüglich. Er öffnete die Brieftasche, durchsuchte den Inhalt und warf einen Blick auf den Ausweis. „Gerhard Fleming“, sagte er leise. „Oh, verdammt.“

„Gibt es ein Problem?“ wollte der Jüngere wissen.

„Ich kannte den Mann. Damals auf der Polizeischule war er einer der Ausbilder.“

 

 

 

Das grelle Sonnenlicht drang durch die Ritzen der Jalousie. Die Vögel zwitscherten ununterbrochen. Wolfgang Mauritz schloss die Augen und streckte sich. Er genoss das herrliche Gefühl, nicht mehr als Kommissar arbeiten zu müssen und ausschlafen zu könen.

Das Wetter schien so schön zu sein, dass es allerdings schade wäre, den ganzen Tag in der Wohnung zu verbringen. Er musste sich mal erkundigen, was seine Frau Carla vorhatte. Vielleicht unternahmen sie eine Fahrt ins Grüne. Er wollte das beim Frühstück mit ihr besprechen. Seit seinem Ruhestand war das Frühstück immer ein Ereignis, weil man es endlos in die Länge ziehen konnte. Inzwischen hatte sie es sicher schon hergerichtet. Vielleicht stellte sich beim Duschen der Hunger ein.

Wie spät war es eigentlich?

Er öffnete ein Auge und blickte auf den Wecker. Zwölf Uhr fünfundvierzig? He, wann war er denn ins Bett gekommen? Was hatte er gestern überhaupt getan? Wolfgang erhob sich, ging ins Badezimmer und erledigte seine Morgentoilette. Nachdem er sich angezogen hatte, ging er in die Küche. Zu seiner Überraschung war der Frühstückstisch noch nicht gedeckt. Neben dem Ausguss standen benutzte Gläser, Teller und ein Kochtopf.

„Carla!“ rief er. „Carla!“

Während er durch die Wohnung ging, überkam ihn die dumpfe Ahnung, dass sie vielleicht einige Besorgungen machte. Doch dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Was war nur los mit ihm? Wurde er allmählich vergesslich? Carla konnte gar nicht da sein. Sie war für einige Tage nach Oldenburg gefahren, um ihre Cousine zu besuchen. Wolfgang schüttelte den Kopf. Wie konnte er das nur vergessen? Hing es mit seinem Alter zusammen?

Der sechsundsechzigjährige Wolfgang Mauritz war ein stattlicher Mann, der etwas zu viel Gewicht mit sich herumtrug, was bei seiner Größe aber nicht weiter auffiel. Vielleicht hätte der Bauch etwas dünner sein können. Das weiße Haar war kurz geschnitten, dafür ließ er die schwarzen Augenbrauen ungehindert wachsen. Dunkle Augen lagen tief neben einer fleischigen, gekrümmten Nase, dazu ein vorspringendes Kinn und ein breiter Mund. Es war ein freundliches Gesicht, das sich aber durch eine kleine Lippenbewegung und ein geringfügiges Senken der Lider in eine beunruhigende Maske verwandeln konnte.

Im Grunde genommen genoss Wolfgang die Tatsache, dass er nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit fahren musste, andererseits vermisste er diese Tätigkeit auch. Er hatte keine Aufgabe, der er sich widmen konnte.

Die Wohnung von Wolfgang und Carla Mauritz lag im fünften Stock eines neuen städtischen Wohnblocks. Sie war nicht besonders groß, bot aber genug Platz für zwei Personen. Es gab eine schmale Diele, dahinter Wohn- und Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Badezimmer und eine winzige Küche. Sie hatten diese Wohnung vor etwa sieben Jahren bezogen, weil das alte Mietshaus abgerissen wurde, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen.

Wolfgang und Carla versuchten, ihren Lebensabend so angenehm wie möglich zu verbringen. Mindestens zwei Mal im Jahr machten sie einen ausgedehnten Urlaub, gingen hin und wieder ins Theater oder ins Kino oder besuchten eine Konzertveranstaltung. Aber das alles konnte nichts daran ändern, dass er sich langweilte.

Genau in diesem Moment klingelte es. Wolfgang erwartete keinen Besuch. Vielleicht ein Vertreter, dachte er. Abermals klingelte es. Wolfgang erhob sich vom Stuhl und verließ die Küche. Bevor er die Tür erreichte, klingelte es zum dritten Mal. Diesmal noch länger.

„Da hat es aber jemand eilig“, sagte Wolfgang, während er den Türöffner betätigte. Obwohl er keinen Grund dafür sah, glaubte er plötzlich, dass dieser Besuch etwas Unangenehmes zu bedeuten hatte. Er öffnete die Wohnungstür und trat in den Flur zurück. Eine fremde Frau kam mit langsamen Schritten die Treppe empor. Vor der Tür blieb sie stehen. In ihrem blassen Gesicht wirkte der Mund wie ein heller Strich.

„Wer sind Sie?“ fragte Wolfgang.

„Mein Name ist Waltraud Fleming. Ich möchte Sie gerne in einer sehr dringenden persönlichen Angelegenheit sprechen“, sagte sie.

„Fleming?“ Wolfgang runzelte die Stirn. „Diesen Namen habe ich doch schon einmal gehört. Damals auf der Polizeischule gab es einen Mann, der Gerhard Fleming hieß. War ein prima Kerl.“

In ihre müden Augen kam ein Ausdruck, der Erleichterung und Hoffnung anzeigte.

„Dann erinnern Sie sich also noch an ihn? Ich dachte, Sie würden ihn nicht mehr kennen.“

„Aber selbstverständlich erinnere ich mich. Ihn vergisst man nicht so leicht. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Er machte eine einladende Handbewegung. „Bitte, kommen Sie doch herein.“

Wolfgang führt Frau Fleming ins Wohnzimmer, einen großen, hellen Raum mit modernen, bequemen Möbeln. Er deutete auf einen der Sessel. „Nehmen Sie Platz.“

Sie setzte sich. Wolfgang ließ sich auf dem breiten Sofa nieder. Schweigend blickten sie sich an.

„Ich habe gehört, dass Gerhard später selber Ausbilder wurde. Stimmt das?“

Frau Fleming nickte. „Ja, er hat oft von Ihnen gesprochen“, sagte sie mit leiser Stimme. „Seiner Auffassung nach sind Sie einer der vertrauenswürdigsten Menschen, die er je kennengelernt hat.“

„Das freut mich.“

Wolfgang fragte sich, weshalb sie so bleich und krank aussah. Er bemerkte auch, dass sie sehr erregt war.

„Was haben Sie für Sorgen, Frau Fleming? Sie haben doch Sorgen, oder nicht?“

„Ja, ich weiß, dass ich Sie eigentlich nicht damit behelligen sollte, aber ...“

Ihre Stimme brach ab. Sie senkte den Kopf und suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch.

„Nun bleiben Sie mal ganz ruhig“, redete Wolfgang etwas unsicher auf sie ein. „Wenn ich etwas für Sie tun kann, dann tue ich es. Aber sagen Sie mir doch zuerst in aller Ruhe, was los ist.“

Sie beherrschte sich mühsam, betupfte mit dem Tuch ihre Augenwinkel und blickte ihn dann an.

„Gerhard ist tot, Herr Mauritz. Jemand hat ihn vor die U-Bahn gestoßen.“

„Gestoßen? Haben Sie das schon der Polizei gemeldet?“

„Die wollen mir nicht helfen.“

Ihr bleiches Gesicht wurde bitter.

„Sie behaupten, es sei ein Unfall gewesen. Ich kann das gar nicht verstehen. Alle benehmen sich so fürchterlich gleichgültig. Es sieht fast so aus, als wäre ihnen egal, was mit Gerhard passiert ist.“

„Sie ballte die Hände zu Fäusten.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass es kein Unfall war. Gerhard wurde ermordet.“

Plötzlich kam Wolfgang der bestürzende Gedanke, dass diese blasse, ängstliche Frau vor ihm vielleicht geistesgestört sein könnte.

„Ich bin nicht verrückt, Herr Mauritz“, sagte sie ruhig. „Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass ich es bald werde, wenn mir nicht jemand hilft.“

Sie öffnete ihre Handtasche und holte einige Papiere sowie eine Fotografie heraus.

„Sehen Sie sich das bitte einmal an. Dann sind Sie überzeugt, dass ich Gerhards Frau bin.“

Wolfgang blickte kurz auf eine Heiratsurkunde und dann auf das Foto. Darauf war Gerhard Fleming mit seiner Frau zu sehen. Er hatte seinen Arm um sie gelegt, ein kleiner Mann mit einem markanten Kinn und festem Blick. Wolfgang erkannte ihn sofort wieder.

„Ja“, sagte er und gab ihr die Papiere zurück. „Aber wieso glauben Sie, dass ich Ihnen behilflich sein kann, Frau Fleming?“

„Ich weiß nicht, ob Sie mir helfen können, aber an wen soll ich mich sonst wenden? Glauben Sie mir, mein Mann wurde ermordet.“

Wolfgang holte tief Luft. Wortlos starrte er die Frau eine Zeitlang an. Gleichzeitig spürte er, wie ein seltsames Gefühl seine Wirbelsäule hochzukriechen schien. Es war jenes prickelnde, fast stechende Gefühl, das er immer dann verspürt hatte, wenn er wusste, dass er sich in Gefahr begab. Wolfgang machte es sich auf dem Sofa bequem und nickte Frau Fleming aufmunternd zu.

„Lassen Sie uns von vorne anfangen“, sagte er. „Erzählen Sie mir alles über Ihren Mann. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Alles, was ich bisher von ihm weiß, ist, dass er viele Jahre als Ausbilder gearbeitet hat.“

„Ja, stimmt. Vor drei Jahren ist er dann pensioniert worden“, antwortete Waltraud Fleming. „Nebenbei beschäftigte er sich mit der Erforschung seiner Heimat und veröffentlichte auch einige Artikel über die Geschichte Hannovers während des 30-jährigen Krieges. Vor zwei Jahren bat ihn der Vorsitzende des Ebersholzer Schützenvereins anlässlich des 150-jährigen Bestehens, eine Chronik zu verfassen.“

„Ebersholz?“

„Ja, das ist eine kleine Stadt, etwa 30 Kilometer nördlich von Hannover.“

Wolfgang nickte. „Ich weiß. Und wie ging es weiter?“

„Gerhard trug in mühevoller Arbeit ein großes Archiv zusammen, dass ihm als Grundlage für die geplante Chronik dienen sollte. Aber bevor er sich näher damit befassen konnte, hat man ihn ermordet.“

„Und Sie glauben, seine Nachforschungen waren der Grund dafür?“

„Ja, ganz bestimmt. Gerhard sagte, er sei da auf etwas gestoßen. Eine alte Geschichte.“

Nervös zuckten ihre Hände im Schoß.

„Und dann begann das mit den Anrufen. Mehrmals am Tag - und manchmal sogar mitten in der Nacht – klingelte das Telefon. Wenn er dann den Hörer abnahm, wurde er auf das Übelste beschimpft und man drohte ihm.“

„Inwiefern?“

„Wenn er nicht aufhört, rumzuschnüffeln, würde er es bereuen.“

„Konnten Sie feststellen, wer der Anrufer war?“

Waltraud Fleming schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht. Die Stimme war verzerrt. Aber ich bin davon überzeugt, dass diese Person meinen Mann vor die U-Bahn gestoßen hat.“

„Und Sie haben auch nicht die geringste Ahnung, auf was für eine Geschichte Ihr Mann da gestoßen war?“

„Nein, er hat zwar einige Andeutungen gemacht, aber nichts Konkretes. Vielleicht steht etwas darüber in seinen Unterlagen.“

„Wo befindet sich das Material?

„Draußen in meinem Auto.“

Sie ballte ihre Hände und kämpfte gegen die Tränen an.

„Ich muss wissen, wer ihn getötet hat, Herr Mauritz.“

 

 

 

Mit langsamen Schritten ging Wolfgang in sein Arbeitszimmer. Die Unterredung hatte ihn mehr angestrengt, als er sich selbst zugeben wollte. Noch immer umklammerten seine Hände das Paket, das ihm Frau Fleming überreicht hatte. Mechanisch begann er, die Schnur aufzuknoten. Das braune Packpapier raschelte, und darunter kam ein rechteckiger Pappkarton zum Vorschein.

Wolfgang hob den Deckel ab. Seine Brauen zogen sich zusammen. In der Schachtel befanden sich, Fotos, Zeichnungen, Kopien alter Dokumente und eine graue Mappe. Wolfgang breitete den Inhalt auf dem Schreibtisch aus. Dann setzte er sich und begann, das Material zu sichten. Er hatte keine Ahnung, ob er etwas finden würde oder wonach er eigentlich suchte, aber er hoffte, dass die Papiere ihm zumindest einen Anhaltspunkt geben würden.

Methodisch begann er, jedes Blatt Papier zu studieren. Natürlich las er nicht alles, doch er überflog die Spalten, um festzustellen, ob etwa irgendein Wort oder Satz eingekreist oder unterstrichen war. Während er jeden einzelnen Bogen ohne Erfolg in seinen Händen umdrehte, überlegte er, ob er überhaupt auf der richtigen Spur war. Im Grunde genommen klang Frau Flemings Geschichte doch recht seltsam. Würde man wirklich einen Menschen nur deshalb umbringen, weil er eine Chronik für einen Schützenverein anfertigte? Wolfgang seufzte.

Dann fiel sein Blick auf die graue Mappe. Er schlug sie auf und staunte. Der Inhalt entpuppte sich als Kopie einer Ermittlungsakte. Sie enthielt mehrere beschriebene Blätter und alte Schwarz-weiß-Fotografien. Mochte der Himmel wissen, wie Gerhard da herangekommen war. Wolfgang sah sich zuerst die Fotos an. Vier Bilder zeigten junge Mädchen. Zwei davon konnte man ohne Weiteres als hübsch bezeichnen, während die beiden anderen von der Marke Mauerblümchen waren.

Acht weitere Fotos zeigten verschiedene Hinterhöfe und Häuser. Es handelte sich um typische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Der Anblick von den übrigen fünf Fotos ließ Wolfgang unwillkürlich zusammenzucken. Sie zeigten zerstückelte Kinderleichen. Nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, entdeckte er einige Fotokopien von Zeitungsartikeln, die mehr als sechzig Jahre alt waren. Sie stammten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und waren über Wochen hinweg im Lokalteil der Hannoverschen Zeitung als kleine Einspalter oder Polizeimeldungen aufgetaucht. Dass es in einer Großstadt wie Hannover Mord und Totschlag gab, war normal – sofern man zynisch genug sein konnte, Gewalttaten dieser Art überhaupt als normal zu bezeichnen. Doch die beschriebenen Morde hatten sich nicht in Hannover ereignet, sondern in einem Ort namens Ebersholz.

„Schützt eure Kinder“, lautete die Überschrift des ersten Artikels, der am Dienstag, den 19. März 1946 veröffentlich worden war. Und diese Warnung schien nur allzu berechtigt, wie Wolfgang bei genauerer Betrachtung des Textes feststellte.

Ein bedauerlicher Vorfall – das Verschwinden der Schülerin Rosa Kücking aus Ebersholz – gibt Veranlassung, die Eltern allgemein darauf hinzuweisen, dass heute bei der Beaufsichtigung der Kinder besondere Sorgfalt geboten ist. Es genügt nicht, die Kinder auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Notwendig ist darüber hinaus, ihnen zur Abwendung von Gefahren Verhaltensmaßregeln zu geben und sie zu ermahnen, sich besonders nach Einbruch der Dunkelheit nicht ohne Begleitung von Erwachsenen in unbelebten Gegenden aufzuhalten und sich nicht von fremden Personen durch Zureden oder Anbieten von Geschenken zum Mitgehen verlocken zu lassen.

Von der seit Mitte Februar vermissten 12-jährigen Rosa Kücking aus Ebersholz fehlt noch jede Spur. Es wird vermutet, dass an dem Kind ein Verbrechen begangen worden ist. Das Kind ist 1,50 Meter groß, von schlankem Wuchs, mittelblond, mit langen Zöpfen. Es war bekleidet mit einem dunkelblauen Mantel, rotbrauner Strickmütze und Schal, blauem Rock, grau-braunem Pullover mit Reißverschluss und braunen Halbschuhen. Wer hat Rosa gesehen und kann nähere Angaben machen? Sachdienliche Mitteilungen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Als Nächstes beschäftigte sich Wolfgang mit der Ermittlungsakte. Sie stammte aus dem Jahr 1946 und war von einem Hauptkommissar Kurt Dahlke angelegt worden.

 

 

 

Mittwoch, 13. März 1946.

Ein heftiges Gewitter tobte über Ebersholz. Mit aller Macht jagte der Wind die dunklen Wolken über den Himmel und zerrte an den Wipfeln der Bäume. Doch von alledem schien die junge Frau gar nichts mitzubekommen. Gedankenverloren betrachtete Hannelore Fehling die Regentropfen, die monoton gegen das Fenster prasselten und dann, Tränen gleich, an der Scheibe herabliefen.

Unwillkürlich warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor halb sieben und von Rosalie fehlte noch immer jede Spur. Dass ihre Tochter die Zeit beim Spielen vergessen haben könnte, schied inzwischen wohl aus. Auch bei den Schulfreundinnen hatte Hannelore nachgefragt. Aber niemand hatte etwas von Rosalie gesehen oder gehört.

Ein Blitz zuckte über den Himmel. Kurz darauf grollte der Donner und ließ Hannelore zusammenzucken. Eine dunkle Ahnung hatte mittlerweile von ihr Besitz ergriffen. Irgendetwas musste Rosalie zugestoßen sein. Dieses Verhalten sah ihr gar nicht ähnlich. Unruhig begann Hannelore im Wohnzimmer umherzulaufen. Sie konnte die Untätigkeit und die Warterei kaum noch ertragen.

Ein neuerlicher Donnerschlag drohte sie vollends aus der Fassung zu bringen. Doch im nächsten Augenblick wurde die Haustür aufgeschlossen. Das musste ihr Mann Konstantin sein. Er hatte die Nachbarschaft nach Rosalie abgesucht. Schnell lief sie ihm entgegen.

„Hast du sie gefunden?“

Ängstlich sah Hannelore an Konstantin vorbei, doch ihre Tochter konnte sie nirgendwo entdecken. Er war allein.

„Nein, bisher nicht“, lautete dann auch seine Antwort. „Aber ich suche weiter. Es ist schon ziemlich dunkel draußen, und deshalb wollte ich eine Taschenlampe holen.“

Hannelore nickte. Nur mit Mühe konnte sie die aufsteigende Panik unterdrücken. Es hilft niemandem, wenn du jetzt hysterisch wirst, rief sie sich selbst zur Ordnung. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Konstantin nahm sie tröstend in seine Arme.

„Ich finde sie schon“, sagte er leise. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe jetzt bei der Suche Hilfe.“

Mit Tränen in den Augen sah Hannelore zu ihrem Mann auf.

„Was meinst du?“

„Ich war eben bei der Polizei. Sie schicken zwei Beamte her.“

„Nur zwei? Das reicht doch niemals.“

Konstantin zuckte mit den Schultern. „Im Augenblick können sie leider nicht mehr tun. Aber falls wir Rosalie nicht finden sollten, wird morgen früh eine großangelegte Suchaktion eingeleitet. Das hat man mir auf dem Revier fest zugesagt.“

 

 

 

Als das Mädchen erwachte, spürte sie zuerst die eisige Kälte, die sie umgab. Dann wurde ihr die Dunkelheit bewusst. Es war so finster, dass sie nicht mal die Hand vor Augen sehen konnte. Rosalie hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befand. Nur eines wusste sie ganz sicher: Dies war nicht ihr Kinderzimmer. Sie lag auf einem kalten rauen Boden aus Stein.

Nur sehr langsam kehrte die Erinnerung zurück. Rosalie kam gerade aus der Schule, als sie von diesem Mann angesprochen wurde. Er sagte, ihrer Mutter sei etwas zugestoßen, und er würde sie zu ihr ins Krankenhaus bringen. Das Mädchen stieg in seinen Wagen und dann …

An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Benommen kam Rosalie hoch. Sie hatte Schwierigkeiten, aufrecht stehen zu bleiben. Ihre Glieder waren vom langen Liegen taub und kraftlos. Das Blut pulsierte nur zögernd durch die Adern. Sie machte sich daran, ihren Aufenthaltsort zu untersuchen. Der Boden bestand aus Steinen, ebenso die Wände. Der Raum war nicht besonders groß, kaum fünf Schritte von einer Wand zu der anderen.

Rosalie tastete sich an der Mauer entlang, bis sie eine Tür erreichte. Sie war offenbar sehr stabil und mit Eisen beschlagen. Es gab weder einen Riegel noch eine Klinke. Sie bückte sich. Die Tür ging nicht ganz bis zum Boden. Durch einen Spalt kam Luft herein. Fassungslos verharrte Rosalie einige Minuten in der Dunkelheit. Doch dann kam plötzlich Leben in das Mädchen. Mit beiden Fäusten begann sie, gegen die Tür zu hämmern.

„Hilfe“, rief Rosalie, so laut sie nur konnte. „Hört mich jemand? Bitte, lasst mich hier raus!“

 

 

 

Schweigend saß Hannelore Fehling auf dem Sofa und hing ihren Gedanken nach. Die Angst um Rosalie schnürte ihr förmlich die Kehle zu, und die Befürchtung, dass hinter dem Verschwinden ihrer Tochter ein Verbrechen stecken könnte, nahm immer konkretere Formen an. Schließlich erhob sie sich, trat ans Fenster und blickte in die finstere Nacht hinaus. Obwohl der Himmel mittlerweile nahezu wolkenlos war, konnte man weder den Mond noch die Sterne sehen. Auch der Regen hatte inzwischen nachgelassen. Hannelore schloss die Augen.

„Bitte, lieber Gott“, flüsterte sie. „Gib mir meine Tochter wieder. Bitte!“

Gegen Mitternacht kehrte ihr Mann zurück. Als sie den Schlüssel im Türschloss hörte, lief sie ihm sofort entgegen.

„Habt ihr Rosalie gefunden?“

Konstantin schüttelte den Kopf. „Nein, bisher nicht.“

Angsterfüllt sah Hannelore ihn an. „Aber ihr hört doch nicht auf zu suchen, oder?“

„Doch“, antwortete er. „Für diese Nacht schon. Die beiden Polizisten sind auch heimgegangen. Wir müssen erst ein wenig schlafen und etwas essen. Sobald es hell wird ...“

„Ihr könnt doch nicht einfach aufgeben. Rosalie ist irgendwo da draußen. Sie wird Angst haben, und frieren und hungrig sein.“

Konstantin nahm seine Frau in die Arme. „Ich weiß“, sagte er leise. „Aber es ist nicht so kalt. Die Nacht im Freien wird Rosalie allerhöchstens eine Erkältung einbringen. Wir sind erschöpft und brauchen dringend eine Pause. Morgen früh geht die Suche weiter. Dann werden wir auch mehr Unterstützung durch die Polizei bekommen. Mehr Beamte, die sich an der Suche beteiligen, und vielleicht auch ein paar Leute mit Hunden. Als mach dir bitte keine Sorgen. Wir werden unsere Tochter schon finden. Ich verspreche es dir.“

 

 

 

Erschöpft hielt Rosalie inne.

Ihre Hilferufe und ihre Schläge gegen die schwere Holztür blieben offensichtlich ungehört. Außerdem hatte sie nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand. War das hier ein Keller oder ein Lagerraum? Sie wusste es nicht. Aber da es hier keine Fenster gab, musste es sich um etwas Unterirdisches handeln. Rosalie setzte sich auf den Boden, zog die Beine an und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Holztür, die sie daran hinderte, ihr Gefängnis zu verlassen.

Kein noch so kleiner Lichtschimmer durchdrang die Finsternis. Das Mädchen war müde und erschöpft. Ihre Kehle schmerzte von den vielen Hilferufen, und die Hände, mit denen sie gegen die Tür geschlagen hatte, brannten furchtbar. Aber gerade diese Müdigkeit, die ihre Angst ein wenig dämpfte, ließ es zu, das Rosalie nachdenken konnte. Vielleicht ist diese Tür nicht der einzige Ausgang, überlegte sie. Und vielleicht sollte sie herausfinden, ob es noch einen Zweiten gab.

Wenn es nur nicht so dunkel wäre. Sie konnte überhaupt nichts sehen. Und kalt war es auch. Rosalie richtete sich auf und begann vorsichtig die Wände abzutasten. Plötzlich wurde der Luftzug, der unter der Tür hereinströmte, stärker. Das konnte nur eines bedeuten. Irgendwo musste eine Tür geöffnet worden sein. Rosalie lauschte in die Dunkelheit. In der Ferne waren Schritte zu hören. Und sie kamen näher. Das Mädchen hörte, wie ein Schlüssel in das Schloss geschoben und umgedreht wurde. Ein kräftiger Fußtritt ließ die Tür nach innen aufschwingen. In der Öffnung erschien eine große, dunkle Gestalt. Rosalie begann zu schreien.

 

 

 

Freitag, 22. März 1946.

Den ganzen Vormittag über hatte Heinz Wuttke schon ein unruhiges Gefühl. Eigentlich gab es keinen besonderen Grund dafür, trotzdem spürte er, dass irgendetwas in der Luft hing. Der Zweite Weltkrieg war seit einem Jahr zu Ende und hatte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, mit mehreren Millionen Toten und Verletzten. Deutschland lag ausgeblutet am Boden und befand sich noch weitgehend unter dem Eindruck der gemeinsamen Schaffung einer Nachkriegsordnung durch die Alliierten. Die im Potsdamer Abkommen vereinbarte Entnazifizierung erreichte ihren ersten Höhepunkt im Nürnberger Prozess, der mit mehreren Todesurteilen und einer Reihe von Haftstrafen für die Größen des NS-Regimes endete.

Doch in dem niedersächsischen Ort Ebersholz nahm man von diesen Ereignissen nur am Rande Notiz. Zwar hatte die Stadt nicht durch die unmittelbaren Kriegseinwirkungen gelitten, doch dafür gab es ein anderes Problem. Nachdem die Provinzhauptstadt Hannover durch den Fliegerangriff in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 in Trümmer gelegt worden war, flüchteten die Bewohner in solcher Zahl nach Ebersholz, dass sie nur mit Mühe untergebracht werden konnten.

Verschärft wurde die Situation noch durch den ungeheuren Zustrom von Vertriebenen aus den Ostgebieten. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Anzahl der Einwohner mehr als verdreifacht und mit ihr die Anzahl der Straftaten. Vor allem der Schwarzmarkthandel blühte, aber auch Einbrüche und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Als Heinz Wuttke um die Ecke bog, wo die kleine Kneipe lag, überlegte er einen Augenblick, ob er nicht doch ein Glas Wasser trinken sollte. Seine Kehle war wie ausgedörrt. Seit acht Uhr war er nun schon auf den Beinen, und es wurde höchste Zeit, dass er ein wenig Flüssigkeit in seinen Magen bekam. Wenn er dienstfrei hatte, trank er zwei oder drei Flaschen Wasser im Laufe des Tages. Nicht etwa im Anschluss an die Mahlzeiten, sondern nur so zwischendurch.

Er hielt Ausschau, ob er irgendwo in der Gegend einen Vorgesetzten entdeckte, aber weit und breit war er der Einzige, der eine Polizeiuniform trug. Natürlich konnte jemand vom Revier auftauchen, sobald er das kleine Lokal betreten hatte, aber das machte nichts. Die Hauptsache war, dass man ihn nicht gerade in dem Augenblick sah, wenn er hineinging.

Mit schnellen Schritten überquerte er die Straße. Rechts spürte er das schwere Gewicht der Pistole. Wuttke würde sich nie an dieses Ding gewöhnen. Inzwischen war er fünfundvierzig Jahre alt und kein Anfänger mehr, trotzdem spürte er jeden Tag von Neuem das Gewicht der Pistole am Gürtel.

In dem niedrigen rauchgeschwängerten Lokal war nicht viel Betrieb. An der Theke standen ein paar verkommene Gestalten und redeten über Gott und die Welt, während sie ihr Bier tranken und ab und zu Nachschub verlangten.

„Morgen“, sagte Wuttke, schob seine Mütze ein wenig nach hinten und blickte sich um.

Der Mann hinter dem Tresen lächelte. „Guten Morgen, Wachtmeister. Was darf‘s denn sein?“

„Geben Sie mir ein Glas Wasser“, erwiderte Wuttke.

Der Mann verschwand im Nebenraum, kehrte kurz darauf mit einem Glas Mineralwasser zurück und stellte es auf die Theke.

„Bitte sehr.“

Wuttke leerte das halbe Glas in einem Zug. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Lippen.

„Das tat gut. Ich fühle mich wie neugeboren.“

Er trank den Rest, holte ein paar Münzen aus der Hosentasche und legte sie auf den Tresen. Die Männer, die neben ihm standen, unterhielten sich leise, seit Wuttke die Kneipe betreten hatte. Sie waren keine Verbrecher. Es handelte sich mehr um das übliche Vorurteil gegen die Polizei, das sie vorsichtig werden ließ, sobald eine Uniform in ihrer Nähe aufkreuzte. Wuttke tippte an seinen Mützenschirm und verließ das Lokal.

Auf der Straße herrschte der übliche Betrieb eines Werktages. Die Uhr am Kirchturm zeigte kurz vor elf. Gemächlich bummelte der Polizist weiter die Tour, die er zurückzulegen hatte. In einer Entfernung von ungefähr hundert Metern sah er einen Wagen, der mit hoher Geschwindigkeit näherkam. Schon schüttelte Wuttke den Kopf, weil der Fahrer nicht daran dachte, sein Tempo zu drosseln.

Doch auf einmal quietschten die Bremsen und das Fahrzeug kam wenige Schritte vor dem Polizisten zum Stehen. Erst jetzt erkannte Wuttke, dass eine Frau am Steuer saß. Ihr blondes Haar lag in großen Wellen um den zierlichen Kopf. Mit aufgeregten Gesten winkte sie.

Wuttke drehte den Kopf, aber es gab niemanden in seinem Rücken, der sich angesprochen fühlte. Also musste das Winken ihm selbst gelten. Er trat an den Wagen heran, tippte grüßend mit der Hand an die Mütze und sagte: „Guten Morgen. Na, wo brennt es denn?“

Noch bevor sie den Mund öffnete, wusste er, dass etwas passiert war. Etwas Schreckliches. Die Augen der Frau waren geweitet, ihr Gesicht blass. Und sogar die roten Lippen schienen ihre Farbe verloren zu haben. Dabei machte sie eigentlich keineswegs den Eindruck einer hysterischen oder ängstlichen Person.

„Gut, das ich Sie treffe, Wachtmeister“, sagte sie ein wenig atemlos, machte eine Pause und fügte dann hinzu: „Ich bin noch völlig durcheinander.“

„Beruhigen Sie sich erst einmal", entgegnete Wuttke in seiner gutmütigen Art. „Und, dann erzählen Sie mir, was eigentlich passiert ist.“

Die Frau hob den Kopf. Sie war nicht älter als Mitte dreißig, obwohl sie bedeutend jünger aussah. Ihre makellos gepflegte Haut hatte noch nicht das winzigste Fältchen. Genau wie ihr eigenes Aussehen, verriet auch das hellbraune Kostüm, das sie trug, die vermögenden Verhältnisse, aus denen diese Frau stammen musste.

„Steigen Sie ein“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Was ich gefunden habe, müssen Sie sich selbst ansehen.“

Heinz Wuttke nickte. Das war das Beste. Was er selbst sah, brauchte er sich nicht beschreiben zu lassen. Die Frau drehte den Zündschlüssel und blickte nach allen Seiten, bevor sie den Wagen mitten im Verkehr geschickt wendete. Wuttke sah ihr bewundernd zu. Er hätte es selbst nicht besser machen können. Nachdem sie einige Minuten geradeaus gefahren waren, bog die Frau in eine schmale Seitenstraße ein. Rechts und links ragten die Brandmauern der Häuser empor. Der Weg war nicht besonders breit, aber man konnte trotzdem mühelos hindurchfahren.

Er endete auf einem Hof, in dem es drei kleine Hinterhäuser gab. Eines war flach und hatte ein schräges Glasdach, was ihm das Aussehen eines Künstlerateliers verlieh. Die beiden anderen Gebäude zählten je drei Stockwerke, waren aber so schmal, dass neben der Haustür höchstens zwei Räume liegen konnten.

Die Frau stoppte den Wagen, stieß die Tür auf und schwang sich mit geschmeidigen Bewegungen vom Sitz. Wuttke stieg ebenfalls aus und sah fragend zu seiner Begleiterin hinüber.

„Dahinten“, sagte sie. Ihre Stimme klang heiser. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand deutete sie auf einen winzigen Gang zwischen dem Atelier und dem mittleren Hinterhaus.

„Warten Sie hier“, sagte Wuttke.

Mit einer schnellen Bewegung rückte er seine Mütze zurecht und marschierte in die angezeigte Richtung. Der Gang zwischen den beiden alten, halbverfallenen Gebäuden war ziemlich kurz. An seinem Ende gab es einen kleinen Platz, der von einer zwei Meter hohen Mauer eingegrenzt wurde. Ein stinkender Müllhaufen lag dort.

Und ein Rumpf.

Der eines Kindes, wie man auf den ersten Blick erkennen konnte. Kopf, Arme und Beine waren abgetrennt worden. Wuttke kam näher und beugte sich über die Leiche. Sofort trat er wieder den Rückzug an, ohne irgendetwas berührt zu haben. Er kannte seine Vorschriften für solche Fälle. Im Vorbeigehen rief er der Frau noch zu, sie möge sich eine Minute gedulden. Aus einem Tabakwarengeschäft rief er die Mordkommission Hannover an.

Als er zu der Frau zurückkam, erkundigte er sich: „Wann haben Sie die … hm … die Leiche gefunden?“

„Vor ein paar Minuten. Ich bin sofort umgekehrt und wollte zum Polizeirevier fahren“, erwiderte die Frau.

„Sie haben sich demnach nicht lange hier aufgehalten?“

„Nein. Bestimmt nicht.“

„Haben Sie etwas berührt? Die Leiche vielleicht? Oder irgendetwas, das herumlag?“

„Nein, mich ekelte viel zu sehr, als dass ich etwas hätte anfassen können.“

Wuttke nickte verständnisvoll. Er zog sein Notizbuch hervor und fragte: „Wie ist Ihr Name?“

„Maria Tiefenbach.“

Wuttke schrieb. Ohne sie anzusehen, forschte er weiter: „Und die Anschrift?“

Sie nannte ihm Straße und Hausnummer.

„Gut. Setzen Sie sich bitte wieder in Ihr Fahrzeug. Meine Kollegen werden sicher gleich kommen.“

Tatsächlich dauerte es kaum zehn Minuten, bis zwei Streifenwagen vor der Einfahrt hielten und mehrere Beamte ausstiegen. Sofort fanden sich auch ein paar Neugierige ein. Sie wurden von den Polizisten zwar immer wieder aufgefordert, weiterzugehen, doch es nützte nicht viel. Ging wirklich der eine oder andere, fand sich rasch Ersatz. So beschränkten sich die Polizisten darauf, den Bereich unmittelbar vor der Einfahrt freizuhalten.

Heinz Wuttke und ein Kollege sprachen mit dem ranghöchsten Beamten. Es war ein ruhiger Mann mit faltenreichem Gesicht und unendlich geduldigem Blick. Das, was er hier zu sehen bekam, überraschte ihn aufgrund seiner langjährigen Erfahrung nicht besonders. Im Krieg hatte er ähnlich schlimme Dinge gesehen. Trotzdem biss er die Zähne aufeinander und atmete tief durch. Dann warf er einen kurzen Blick auf den grausigen Fund. Seiner Schätzung nach lag die Leiche etwa zehn bis zwölf Stunden hier, vorausgesetzt, er berechnete die Witterungsbedingungen einigermaßen richtig.

Mit knappen ruhigen Worten gab er seine Anweisungen. Er war froh, dass er seinen Leuten die ekelhafteste Arbeit ersparen konnte. Das war die Sache der Mordkommission. Er und seine Männer konnten sich darauf beschränken, die Fundstelle zu sichern.

 

 

 

Fünfzig Minuten später trafen Hauptkommissar Kurt Dahlke und sein Kollege Erwin Stolte von der Mordkommission aus Hannover am Fundort ein. Der Bereich war weiträumig abgesperrt worden. Zwei uniformierte Polizisten verscheuchten die Neugierigen. Zumindest versuchten sie es. Doch die Menschen dachten gar nicht daran, so einfach nach Hause zu gehen.

Kommissar Dahlke und sein Kollege Stolte passierten die Absperrung. Rein äußerlich ließ sich kaum ein größerer Gegensatz denken, als der zwischen diesen beiden Männern. Kommissar Stolte war klein, drahtig, elegant und immer sehr höflich. Dahlke war ein Bär, breitschultrig, wuchtig und grob. Bei jeder Bewegung schnaufte er wie ein Walross.

Nachdem er die Absperrung hinter sich gelassen hatte, packte er den nächsten Polizisten am Ärmel, zog den Erschrockenen dicht an sich heran und bellte: „Gibt es hier auch einen Chef, oder wird bei euch abgestimmt, ob ihr mal was tun wollt?“

Der Angesprochene hatte keinen Sinn für Dahlkes eigenartigen Humor. Schüchtern stotterte er, dass es selbstverständlich ein Einsatzleiter gäbe und dieser der Polizeioberrat Lamprecht sei.

„Und wo finde ich den Polizeirat?“

Er konnte nichts dafür, dass seine Stimme so klang, als käme sie aus acht starken Lautsprechern. Bei ihm war alles zu riesig, zu groß und zu mächtig ausgefallen. Einschließlich der Stimme.

„Da – dahinten.“

Der Beamte zeigte auf einen Mann mit faltenreichem Gesicht, der mit den Leuten des Spurensicherungsdienstes vorn am Beginn des schmalen Weges stand. Dahlke ließ den Polizisten los und marschierte mit Riesenschritten auf die Gruppe zu.

„Tag“, sagte er.

Die Männer fuhren herum, als wäre in ihrem Rücken plötzlich eine Granate explodiert. Lamprecht erkannte den Kommissar, lüftete höflich seinen Hut und entgegnete freundlich: „Guten Tag, Herr Dahlke. Gut, dass Sie den Fall bearbeiten, denn – ehrlich gesagt – die Geschichte ist ziemlich … scheußlich.“

„Scheußlich?“ fragte Dahlke. „Das sind doch wohl die meisten Kriminalfälle. Es kommt nicht gerade sehr häufig vor, dass ein Mörder zur Polizei geht und dort seine Sünden beichtet.“

„Da haben Sie leider recht“, antwortete Lamprecht. „Obwohl das durchaus zu begrüßen wäre. Aber es gibt sicherlich unterschiedliche Stufen der Scheußlichkeit. Und dieser Fall scheint mir zu der obersten Stufe zu gehören.“

„Wieso denn das?“

Lamprecht winkte einem älteren Mann zu, der bis jetzt schweigend bei den anderen gestanden hatte, nun aber seine Nickelbrille zurechtrückte und näherkam.

„Darf ich bekannt machen?“ fragte Lamprecht. „Das ist Hauptkommissar Dahlke von der Mordkommission Hannover und sein Kollege Kommissar Stolte. Dies ist Doktor Schwarz, Polizeiarzt. Er ist erst in der vorigen Woche auf eigenen Wunsch von Oldenburg nach Ebersholz versetzt worden.“

Dahlke betrachtete den Mann interessiert. Schwarz hatte sich in den letzten zwanzig Jahren als Polizeiarzt einen Namen gemacht. Er besaß große Erfahrung in der kriminalistischen Auswertung biologischer Spuren und war Fachmann für Blutgruppenbestimmungen.

„Freut mich, dass wir so eine Kapazität kriegen konnten“, sagte Dahlke und zerquetschte dem Arzt beinahe die rechte Hand. „Ich habe gehört, dass Sie jetzt für uns arbeiten, aber leider ergab sich noch keine Gelegenheit, Sie kennenzulernen.“

Der Arzt verzog schmerzlich das Gesicht und schüttelte die rechte Hand.

„Sie gehören hoffentlich nicht zu den Menschen, die einem bei jeder Begegnung immer von Neuem die Hand geben wollen“, seufzte er. „Um ein Haar hätten Sie mir meine Finger zermalmt.“

Dahlke sah verduzt auf seine Riesenpranke und auf die zarte, fast zerbrechlich anmutende Hand des Doktors. Ein verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Oh, verflucht!“ knurrte er. „Ich vergesse immer, auf die schwache Konstitution meiner Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen wehgetan habe.“

Der Arzt winkte ab. „So schlimm war es nicht.“

Kommissar Stolte mischte sich ein. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns einen Überblick über das Ergebnis Ihrer ersten Untersuchungen geben würden.“

„Ja, natürlich“, nickte der Arzt. „Kommen Sie bitte mit.“

Gespannt folgten Dahlke und Stolte dem Doktor, der auf das verschlossene Fahrzeug des städtischen Leichenschauhauses zuging. Er sprach mit dem Fahrer und dieser öffnete die hintere Tür des Wagens. Eine Bahre, die auf vier Rädern stand, befand sich darin. Doktor Schwarz schlug die Decke zurück. Dahlke trat näher.

„Oh!“ entfuhr es ihm unwillkürlich, als er den Rumpf sah.

Der Arzt nickte stumm. Eine Weile betrachteten sie die Leiche. Schließlich räusperte sich Dahlke und wandte sich ab. Doktor Schwarz gab ein Zeichen, dass man die Leiche wieder zudecken könne, und ging mit den beiden Kriminalbeamten ein paar Schritte zur Seite.

„Hat man – hm – das Mädchen gefoltert?“ fragte Dahlke. Für seine gewöhnliche Lautstärke sprach er diesmal sogar leise.

Doktor Schwarz nahm die Brille ab und blickte gedankenverloren vor sich hin. „Nein“, sagte er. „Soweit ich bisher erkennen konnte, nicht. Die Verstümmelungen wurden post-mortem beigebracht. Das Instrument muss sehr scharf gewesen sein.“

Dahlke runzelte die Stirn und fragte: „Ein Messer? Oder vielleicht eine Säge?“

„Möglich. Es könnte sich auch um eine Axt handeln.“

„Gibt es schon einen Hinweis auf die Identität des Mädchens?“ wollte Stolte wissen.

Der Arzt schüttelte bedächtig den Kopf. „Nein, noch nicht. Erst einmal müssen wir den Kopf finden.“

„Aber es könnte sich um das Kind handeln, dass seit einigen Tagen vermisst wird?“ forschte Stolte weiter.

„Ja, vermutlich. Um eines von beiden.“

„Es werden zwei Kinder vermisst?“ fragte Dahlke.

„Ja“, bestätigte Doktor Schwarz. „Einer der Polizisten erwähnte vorhin so etwas.“

„Wieso weiß ich nichts davon?“

„Sie kümmern sich doch nicht um Vermisstenfälle. So etwas gelangt gar nicht auf Ihren Schreibtisch. Nur wenn eine Leiche gefunden wird, vergleichen Ihre Beamten sie mit der Vermisstenliste.“

Nach einigen Minuten sagte Dahlke: „Es ist wohl so, dass ich nicht alles zu wissen brauche, nicht wahr?“

„Bestimmt nicht absichtlich“, wehrte der Arzt ab. „Menschen haben keinen Einfluss darauf.“

„Wurde das Mädchen vergewaltigt?“, wollte Dahlke wissen.

Doktor Schwarz zuckte mit den Schultern. „Das kann ich erst nach der Obduktion mit Bestimmtheit sagen. Aber es deutet einiges daraufhin.“

Kommissar Dahlke ließ seinen Blick umherschweifen und winkte dann Heinz Wuttke zu sich.

„Kennen Sie sich hier aus?“ fragte er den Polizisten.

„Ja.“

„Das sieht nach einer ziemlich belebten Gegend aus.“

„Ja“, stimmte Wuttke ihm zu. „Hier ist immer was los.“

„Hm. Das kann nur bedeuten, dass der Täter sein Opfer nachts abgelegt hat, denn am Tag hätte ihn einer der Anwohner beobachten können.“

„Und es muss sich um einen Ortskundigen handeln“, ergänzte Wuttke, „denn nachts ist es hier stockfinster.“

In diesem Moment wurde Dahlke etwas klar. Der Täter wollte, dass die Leiche gefunden wird. Andernfalls hätte er sie irgendwo verschwinden lassen. Aber er legte sie hier ab, damit alle sehen konnten, was er getan hatte.

Dahlke schüttelte den Kopf.

Manchmal war die Polizeiarbeit wirklich zum Kotzen. In diesem Fall ganz bestimmt. Er spürte das. Es gab Fälle, bei denen man von vornherein das Gefühl hatte, gegen Wände zu rennen, was immer man auch anstellte. Das hier war so ein Fall. Wahrscheinlich gelang es, die Tote zu identifizieren, aber spätestens beim Motiv für den Mord würde es dann hapern und man bekam ganze Kompanien von Verdächtigen, mit denen man sich wochenlang beschäftigen durfte. Vermutlich ohne Ergebnis.

„Scheiße“, murmelte Dahlke voller Überzeugung.

 

 

 

Noch am gleichen Tag liefen die Ermittlungen im Mordfall des unbekannten Mädchens an. Zuerst wurde mit Hunden nach den übrigen Körperteilen gesucht. Bis zum Einbruch der Dunkelheit konnten zwei Arme, ein Bein und der Kopf sichergestellt werden. Die spurenkundliche Arbeit an der Fundstelle und ihrer Umgebung brachte keine nennenswerten Hinweise. Präzisere Angaben erhoffte man sich durch die Leichenöffnung.

Die Obduzenten fanden eine Reihe wichtiger Details, die sowohl für die Todesursache, als auch für die Identifikation von besonderem Wert waren. Am nächsten Vormittag wussten die Kriminalisten, dass es sich bei der aufgefundenen, unvollständigen Leiche um ein etwa 13 bis 15 Jahre altes und 130 bis 140 cm großes Mädchen handelte. Die massiven Unterblutungen im Genitalbereich waren der Beweis für erzwungenen Geschlechtsverkehr.

Ihr Tod musste durch Strangulation eingetreten sein. Das Zungenbein war geborsten. Die Untersuchung der Knochenstümpfe an den Armen, Beinen und des Halses begründete den Verdacht, dass sie nach Todeseintritt durch ein Hiebwerkzeug, vermutlich eine Axt, abgetrennt wurden. Die Liegezeit betrug etwa drei bis vier Stunden. Die Summe aller Befunde zur Todesart und Todesursache bestätigte die Vermutung eines Lustmordes an dem Mädchen. Bemerkenswert war außerdem, dass jemand dem Kind eine Haarlocke abgeschnitten hatte. Ob es der Täter war, konnte nicht eindeutig festgestellt werden, aber die Vermutung lag nahe.

 

 

 

Kommissar Dahlke und seine Kollegen hatten sich für die Dauer der Ermittlungen im „Hotel Eden“ in Ebersholz einquartiert. Die Vorteile lagen auf der Hand. Das Kommissariat in Hannover war durch einen Bombenangriff zerstört worden. Aufgrund der Rohstoffknappheit gab es auch nicht genug Benzin, um ständig zwischen Hannover und Ebersholz hin- und herfahren zu können.

Bereits am nächsten Tag vertiefte sich Kommissar Dahlke in den Leichenöffnungsbericht und notierte sich wichtige Ergebnisse, die er zur Planung der weiteren Ermittlungsschritte benötigte. Dann ließ er sich vom Ebersholzer Polizeirevier alle ungeklärten Vorgänge von vermissten Mädchen der letzten zwölf Monate aus dem ganzen Bezirk bringen. Am frühen Nachmittag lag ein Stapel der angeforderten Akten auf dem Tisch in seinem Hotelzimmer. Gemeinsam mit den Kollegen begann er mit einer groben Sortierung.

Es wurden jene beiseitegelegt, in denen die Mädchen jünger als 10 oder älter als 16 Jahre waren. Den Rest prüften sie mit großer Sorgfalt. Blatt für Blatt verglichen sie die Daten über die Personen und die Zeiten ihres Verschwindens mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen. Immer wieder legten sie dann eine neue Akte zu denen, die bereits aussortiert waren.

Doch plötzlich hielt Dahlke inne. Seine bisherige Gelassenheit war gewichen, und sein Jagdfieber entfacht. Er las, blätterte, las, blätterte. Dann reichte er seinem Kollegen die Akte. Stolte überflog die Meldung. Rosalie Fehling wurde seit Mitte März vermisst. Ihre Mutter hatte die Anzeige erstattet.

„Unser totes Mädchen“, sagte Dahlke.

Interessiert begann Stolte, den Vorgang gewissenhaft zu lesen. Dann nickte er. „Ja, du hast recht.“

Nun besprachen sie das weitere Vorgehen. Die Angaben zur Personenbeschreibung in der Vermisstenanzeige waren nahezu identisch mit denen des toten Mädchens. Das Abtrennen der Extremitäten und die Art der Leichenbeseitigung waren ein aus der Erfahrung geborenes wichtiges Indiz dafür, dass zwischen dem Opfer und seinem Mörder keine enge Beziehung bestand.

Eine lebhafte Diskussion begann. Jeder durfte seine Version vorbringen und begründen, bis Dahlke schließlich sagte: „Gut, lassen Sie uns zusammenfassen. Unser Opfer wurde zuerst entführt, dann an einen abgelegenen Ort gebracht, dort vergewaltigt und erwürgt. Anschließend zerstückelte der Täter die Leiche und legte sie an dem späteren Fundort ab. Aufgrund der Ausführung des Verbrechens halte ich einen Fremdtäter für wahrscheinlich. Außerdem muss er das Kind über einen längeren Zeitraum irgendwo gefangen gehalten haben, da zwischen der Entführung und dem Auffinden der Leiche rund eine Woche vergangen ist.“

Was nun folgte, war Routine. Die Männer wussten, worauf es ankam. Ermittlungsaufträge wurden formuliert und kriminaltechnische Untersuchungen geplant. Zudem mussten sämtliche Männer überprüft werden, die schon einmal wegen eines ähnlichen Verbrechens in Erscheinung getreten waren. Die Jagd auf den Mörder begann. Und Kommissar Dahlke hatte die traurige Pflicht, die Eltern vom Tod ihrer Tochter zu informieren.

 

 

 

Die Gegend gehörte nicht zu den vornehmsten von Ebersholz und das dreistöckige, graue Haus in der Osterstraße passte sich konsequent seiner Umgebung an. In dem Gebäude waren überwiegend Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht.

Dahlke ging auf den Eingang zu. Die Tür stand offen. Links daneben auf einer Holzbank saß ein alter Mann und rauchte Pfeife. Dahlke warf einen Blick auf die Schilder am Klingelbrett. Die meisten Namen waren kaum zu entziffern. Dahlke wandte sich an den alten Mann.

„Entschuldigung, können Sie mir sagen, ob hier eine Familie Fehling wohnt?“

„Zweiter Stock rechts. Immer dem Geschrei nach.“

Dahlke bedankte sich für die Auskunft, ging in den Hausflur und stieg behäbig die knarrenden Stufen empor. Bereits auf dem ersten Treppenabsatz konnte er den lauten Streit zwischen einem Mann und einer Frau hören. Als der Kriminalbeamte vor der Tür im zweiten Stock ankam, schien die Auseinandersetzung zu eskalieren. Die Stimmen wurden immer lauter. Plötzlich ertönte der Schrei einer Frau.

Mit einem Sprung war Dahlke an der Tür und trat sie mit dem Fuß auf. Vor ihm lag ein kurzer Flur. Der Kommissar stürmte in die Wohnung. Er fand eine offenstehende Zimmertür und wich überrascht einen Schritt zurück. Auf dem Boden lag eine Frau. Verzweifelt versuchte sie, die Hände eines Mannes zu entfernen, der sich über sie geworfen hatte und sie würgte.

Sofort war Dahlke bei ihr und riss den Angreifer zurück. Der Mann war für einen Augenblick irritiert, doch dann warf er sich mit einem Wutschrei auf seinen neuen Gegner. Aber ehe er dazu kam, den Hals des Kommissars zu umfassen, hatte Dahlke ihn mit einer wohlgezielten Rechten auf den Teppich befördert. Der Mann erhob sich nicht wieder. Seine geschlossenen Augen verrieten, dass dieser kräftige Schlag seinen Geist in das Land der Träume geschickt hatte.

Dahlke beugte sich über die Frau, die regungslos am Boden lag. Ihre Unterlippe war aufgeplatzt und blutete.

„Hallo?“

Langsam schlug sie die Augen auf.

„Darf ich Ihnen helfen?“

Sie nickte schwach.

Dahlke half ihr hoch und trug sie zur Couch.

„Ich danke Ihnen.“

Sie reichte ihm die Hand und versuchte ein schwaches Lächeln. Mit einer fahrigen Geste wischte sie sich das Blut von der Lippe.

„Frau Fehling?“ fragte er.

„Ja.“

„Sagen Sie mir bitte, wie ich Sie vor diesem Mann schützen kann? Sie können unmöglich hier bleiben. Wenn er wieder zu sich kommt, könnte er Sie ein zweites Mal bedrohen. Und dann käme meine Hilfe vielleicht zu spät.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921977
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
finsteres herz

Autor

Zurück

Titel: Finsteres Herz