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Unternehmen Dunkelstern

©2018 150 Seiten

Zusammenfassung

Eine furchtbare Seuche hat die Menschenrassen des Mars und der Erde fast vollständig ausgelöscht. Nur rund 700 Überlebende sind es, die sich nun auf dem Marsmond Deimos darauf vorbereiten, das Sonnensystem zu verlassen.
In vier Männern jedoch wird das Heimweh nach der Erde übermächtig. Sie entwenden ein Raumschiff und fliegen zu dem Planeten zurück, obwohl dort der Tod auf sie wartet. Captain Neubert verfolgt sie mit einem anderen Schiff, doch vergeblich. Die Deserteure landen auf Terra, und sein Schiff muss ohne sie zum Deimos zurückkehren.
Zwischen Erde und Mars lag seit Jahrhunderten ein Saugfeld, das alle atomare Energie an sich zog, nun aber plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Es hatte seinen Ursprung bei einer Dunkelsonne, die sich langsam dem System Sol nähert, und die Planeten besitzt. Der Gedanke liegt nahe, dass es dort Intelligenzwesen gibt, die für diese Vorgänge verantwortlich sind. Ob sie wissen, dass ihr erloschenes Gestirn in etwa 200 Jahren mit der irdischen Sonne zusammenstoßen muss?
Die Wissbegier erwacht in dem Raumfahrer, und so macht sich Captain Neubert schließlich mit einem der neuen Marsschiffe und zehn Gefährten auf den Weg dorthin. Es ist ein Weg ins Ungewisse, und niemand weiß, wie das „Unternehmen Dunkelstern“ ausgehen mag.

Leseprobe

Table of Contents

Unternehmen Dunkelstern

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Unternehmen Dunkelstern

Science Fiction-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

 

Eine furchtbare Seuche hat die Menschenrassen des Mars und der Erde fast vollständig ausgelöscht. Nur rund 700 Überlebende sind es, die sich nun auf dem Marsmond Deimos darauf vorbereiten, das Sonnensystem zu verlassen.

In vier Männern jedoch wird das Heimweh nach der Erde übermächtig. Sie entwenden ein Raumschiff und fliegen zu dem Planeten zurück, obwohl dort der Tod auf sie wartet. Captain Neubert verfolgt sie mit einem anderen Schiff, doch vergeblich. Die Deserteure landen auf Terra, und sein Schiff muss ohne sie zum Deimos zurückkehren.

Zwischen Erde und Mars lag seit Jahrhunderten ein Saugfeld, das alle atomare Energie an sich zog, nun aber plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Es hatte seinen Ursprung bei einer Dunkelsonne, die sich langsam dem System Sol nähert, und die Planeten besitzt. Der Gedanke liegt nahe, dass es dort Intelligenzwesen gibt, die für diese Vorgänge verantwortlich sind. Ob sie wissen, dass ihr erloschenes Gestirn in etwa 200 Jahren mit der irdischen Sonne zusammenstoßen muss?

Die Wissbegier erwacht in dem Raumfahrer, und so macht sich Captain Neubert schließlich mit einem der neuen Marsschiffe und zehn Gefährten auf den Weg dorthin. Es ist ein Weg ins Ungewisse, und niemand weiß, wie das „Unternehmen Dunkelstern“ ausgehen mag.

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

 

 

1.

Das Bildsprechgerät sprach an, und Leutnant Carsten betätigte dessen Bedienungsknöpfe. Die kleine Bildfläche wurde hell und zeigte gleich darauf den Kopf von Captain Ter Meuten, der in der Kuppelstadt auf Deimos das Amt des Versorgungs- und Verpflegungsoffiziers bekleidete. Egon Carsten, Adjutant des Stationskommandanten, nickte ihm freundlich zu.

„Was hast du auf dem Herzen, Frans? Der Commander ist leider im Augenblick nicht hier, er musste zum Zahnarzt.“

Der Südafrikaner lächelte zurück.

„Es ist fast eine Wohltat, zu wissen, dass selbst Jenkins vor Dr. Lenzen auch nicht mehr ist als wir, auch nur ein Patient, der sich zusammenduckt, wenn der Bohrer zu surren beginnt. Wenn er zurückkommt, sag ihm bitte, dass wir unbedingt bald Wasser brauchen, unsere Vorräte werden höchstens noch drei Tage lang reichen.“

Der Leutnant zog die Augenbrauen hoch. „Wenn das so weitergeht, werden wir wohl doch bald rationieren müssen, der Verbrauch ist unbedingt viel zu hoch. Zwar wird jeder Tropfen von der Kanalisation aus in die Elektrolysestation geleitet und dort für unsere Luftversorgung weiterverwendet, doch die Anlagen dort sind bereits überlastet, wie mir Mr. Lafonte gestern mitgeteilt hat. Unsere Sauerstofftanks sind voll, Lafonte weiß nicht mehr, wohin per mit dem Anfall soll, der unseren täglichen Bedarf übersteigt.“

Der Captain hob die Schultern. „Schuld daran dürften wohl vor allem unsere Damen sein, die ihr Reinlichkeitsbedürfnis ein wenig übertreiben. Sie sind es von früher her so gewohnt und denken nicht daran, dass die Station jetzt fast doppelt soviel Menschen beherbergt wie damals, als sie noch allein hier lebten.“

Leutnant Carsten lächelte schief.

„Ich glaube nicht, dass die Mädchen allein schuld sind, Frans. Unsere Männer sind fast durchweg auf Brautschau, soweit sie noch keine Partnerin gefunden haben und bemühen sich deshalb naturgemäß, ihrerseits immer möglichst proper zu wirken, was die Frequentierung der Badestation erheblich steigert.“

Ter Meulen nickte. „Das mag sein, Egon. Nun, Jenkins wird wohl beide Parteien zur Vernunft bringen; wenn ein einfacher Appell an die Vernunft nichts nützt, auf einen Befehl von ihm wird doch jeder hören. Im Augenblick führt aber kein Weg daran vorbei, dass wir einen Diskus hinunter auf den Mars schicken, um unsere Vorräte zu ergänzen.“

Der Adjutant wiegte den Kopf.

„Im Moment ist nur Diskus II startklar, der andere war ja nur behelfsmäßig repariert worden und hat beim letzten Flug wieder Schwierigkeiten gemacht. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis unsere Techniker ihn wieder in Ordnung bekommen. Obendrein sind unsere Deuteriumvorräte für die Antriebe auch schon sehr knapp. Die Gewinnung von Schwerem Wasser war schon auf der Ende ein schwieriges Problem; hier ist es noch weitaus schwieriger, weil dieses auf dem Mars nur im Verhältnis von 1:100 000 vorkommt. Leider sind wir für diese Flüge auf die Diskusraumer angewiesen, weil die großen Schiffe für unsere endgültige Abreise aus dem solaren System vorbereitet werden, sonst wäre alles viel einfacher für uns.“

Er nickte seinem Gesprächspartner zu. „Gut, Frans, ich werde Commander Jenkins unterrichten, er wird dann schon wissen, was er zu tun hat.“

 

*

 

Die Kuppelstadt auf dem Marsmond Deimos war viele Jahrhunderte alt.

Von den menschengleichen Marsianern erbaut, hatte sie einst die Funktion einer Raumstation gehabt, als Marsbewohner noch das solare System mit ihren Schiffen durchkreuzten. Später, als die Luft- und Wasserarmut ihres Planeten sie zum Kampf um ihr nacktes Dasein zwangen, war sie verlassen worden. Nun erfüllte sie wieder neues Leben, denn 713 Menschen bot sie ein vorläufiges Asyl.

Vierhundert Mädchen vom Mars und dreihundertdreizehn Männer von der Erde – sie waren die letzten Menschen im Sonnensystem.

Über den Mars war das Unheil zuerst gekommen.

Auf der Erde dachte man zu dieser Zeit noch an keine Raumfahrt. Dort stürzte das Attentat eines serbischen Nationalisten auf den Thronfolger der Habsburger Monarchie die Völker in einen weltweiten Krieg, in dem viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Auf der Erde starben einige Millionen auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges – auf dem Mars eine ganze Planetenrasse von 120 Millionen Menschen!

Irgendwoher aus Weltraumtiefen kommend, hatte ein Schwarm von Myriaden winziger Mikroben den Planeten erreicht. Diese erwachten nach jahrtausendelanger Reise wieder zum Leben und stürzten sich auf die Marsmenschen, um sie fast vollständig auszulöschen. Nur vierhundert junge Mädchen waren wie durch ein Wunder dem Ansturm der tödlichen Viren entgangen.

Sie lebten weiter, doch eine Übersiedlung zur Erde verbot sich von selbst, weil sie die Seuche mit sich gebracht hätten. Erst im Jahre 1991 konnten sie daran denken, als die Viren den Mars verließen und sich auf neue Wanderschaft begaben. Das erste Raumschiff der Erde, die MARS I, näherte sich dem Roten Planeten, und es wurde durch die Amazonen des Mars aus Raumnot gerettet, ein erster Kontakt zwischen Mars und Erdenmenschen war hergestellt. Inzwischen aber hatten die Mikroben die Erde erreicht und begannen auch hier ihr tödliches Werk. Nur dreihundert Männer in einer Raumfahrt-Ausbildungsstation unter dem ewigen Eis der irdischen Antarktis überlebten den „Roten Tod“.

Sie lebten weiter, doch es war ein sinnloses Dasein, denn auf der Erde gab es keine einzige Frau mehr, um die Spezies Mensch fortpflanzen zu können. Erst als es gelang, den Kontakt zwischen den Mädchen vom Mars und den Männern von der Erde herzustellen, war der Fortbestand menschlicher Intelligenz gesichert.

Die dreizehn Männer der MARS I unter ihrem Piloten Ralf Neubert hatten fast Übermenschliches geleistet, als sie die Technik der weit überlegenen marsianischen Raumfahrt beherrschen lernten, aber es war ihnen doch gelungen, die dreihundert Männer aus ihrem Gefängnis im ewigen Eis zu befreien. Nunmehr waren die Überlebenden beider Menschenrassen vereint und lebten gemeinsam in der alten Station auf dem kleinen Marsmond; doch das solare System bot ihnen keine Zukunft mehr. Die Erde war durch die Viren verseucht, und auch der ohnehin unwirtliche Mars stand einem neuen Angriff der vermutlich mit Kollektivintelligenz ausgestatteten Erreger offen. Als einzige Alternative blieb den Menschen die Auswanderung zu fremden Sternen, mit den Raumschiffen des Mars ein durchaus lösbares Problem. Auf sie bereiteten sich die Überlebenden vor, welche nun vereint auf Deimos lebten.

 

*

 

Die Laune von Commander Jenkins, einst Befehlshaber in der Antarktisstation „James Füller“ und nun in gleicher Eigenschaft auf dem Marsmond Deimos tätig, war ausgesprochen schlecht.

Der Zahnarzt hatte ihn unter Schmerzen, von seinen beiden einzigen noch vorhandenen Backenzähnen befreit, wobei „befreit“ in Anführungsstriche zu setzen war …

„Ich werde die Leute schon auf Vordermann bringen“, grollte er. „Sie denken wohl, sie konnten es hier ebenso handhaben wie in der Antarktis, wo wir mitten im Eis saßen und herausschmelzen konnten, soviel wir wollten. Carsten, sorgen Sie dafür, dass umgehend eine Bekanntmachung herausgeht, die zu äußerster Sparsamkeit im Umgang mit Wasser anhält. Die Badeanstalt wird ab sofort nur noch an zwei Tagen in der Woche geöffnet, Ausnahmen gibt es nur für diejenigen Männer, die besonders schmutzige Arbeiten durchführen müssen. Alles klar?“

„Jawohl, Sir“, schmetterte der Adjutant, um dann etwas weniger lautstark zu fragen: „Wie wird es aber mit den Mädchen, beziehungsweise Frauen, Sir? Gelten die Anordnungen auch für sie?“

Jenkins zog die Brauen hoch.

„Wie kommen Sie denn auf diesen Unsinn? Die Marsianerinnen sind von klein auf gelehrt worden, Wasser als Mangelware anzusehen und werden ganz von selbst zurückstecken, wenn sie hören, wie es im Augenblick steht. Im Übrigen setzen Sie sich am besten mit Captain Neubert in Verbindung, damit er ein paar Männer für den Wassertransport vom Mars freistellt; er weiß am besten, wen er bei den Arbeiten an den Schiffen entbehren kann.“

Eine halbe Stunde später hatte Egon Carsten die Bekanntmachung ausgeschrieben, legte sie dem Commander zur Unterschrift vor und begab sich dann vor das Hauptgebäude der Station, in welchem die Kommandantur untergebracht war. Er heftete sie ans Schwarze Brett, klemmte sich dann die Durchschläge unter den Arm und marschierte hinüber zum Wirtschaftsgebäude, denn es war Mittagszeit. Wenig später hatte er die Blätter an die bereits anwesenden Abteilungschefs verteilt und begab sich nun auf die Suche nach Ralf Neubert, den er im kleinen Speisesaal zusammen mit einigen Männern seiner früheren Besatzung von der MARS I antraf.

Neubert war Deutscher, jetzt 29 Jahre alt, dunkelblond, nur mittelgroß, aber von kräftiger Statur. Aus der Zahl von vierzig Mondpiloten hatte man ihn ausgewählt, die erste Expedition zum Roten

Planeten zu führen, was für seine Qualitäten sowohl in fachlicher wie auch menschlicher Hinsicht sprach. Er trug eine einfache Arbeitskombination wie seine Kameraden und winkte dem Leutnant schon von Weitem zu.

„Kommen Sie herüber, Carsten, hier bei uns ist noch ein Platz für Sie frei. Sie können sogar eine Portion echtes Eisbein mit Sauerkraut bekommen; wir haben immer noch von den Vorräten aus der MARS I, wenn sich auch die Tiefkühltruhen schon bedenklich geleert haben.“

Carsten nickte erfreut. „Besten Dank, Captain, ich nehme gerne an. Mit der synthetischen Nahrung aus der hiesigen Lebensmittelfabrik habe ich mich noch immer nicht recht anfreunden können. Gewiss, das Zeug ist nahrhaft und vitaminreich, es schmeckt auch nicht übel, aber selbst das künstliche Fleisch isst sich wie ein irdischer Pudding. Ich bin immer froh, wenn es einmal zwischendurch Marsgemüse gibt, das ist wenigstens etwas Echtes.“ Der Pilot lachte.

„Ja, mein Lieber, es geht uns allen nicht anders. Wenn wir erst einmal auf die große Reise gehen, wird es wohl auch mit dem Frischgemüse aus sein, von den Algen abgesehen, welche die Herren Botaniker zu züchten gedenken. Die wenigen Nutzpflanzen, welche Ihre Männer aus der Antarktisstation mitgebracht haben, fallen kaum ins Gewicht; sie werden hauptsächlich zur Samengewinnung gezogen, damit wir später, wenn wir einen neuen Heimatplaneten gefunden haben, wieder einen bescheidenen Gartenbau betreiben können.“

Egon Carsten, ebenfalls Deutscher, zwei Jahre jünger als Ralf Neubert, groß, dunkel und schlank, nickte dem strohblonden Schweden Olle Jensson, dem zierlichen schwarzhaarigen Italiener Tino Baruzzi und dem athletischen Schwarzen Rex Farrell zu, nahm Platz und ließ es sich schmecken. Erst nach Beendigung der Mahlzeit kam die Unterhaltung wieder in Gang.

„Was gibt es neues bei Ihnen, Leutnant?“, erkundigte sich Ralf Neubert. Carsten berichtete über die Misere in der Wasserversorgung und kam dann auf sein Anliegen zu sprechen.

,,Sie sollen ein paar Männer abstellen, Captain, die hinunter zum Mars fliegen, um Wasser zu holen. Das muss in den nächsten zwei Tagen geschehen, wenn wir Anschluss halten wollen.“

Der Pilot überlegte kurz.

„Ich würde gern selbst fliegen, doch leider bin ich noch für mindestens zwei Wochen unabkömmlich. Nun, ich habe da ein paar Männer, die ich entbehren kann, weil sie mit den marsianischen Anlagen nicht ganz mitkommen und uns mehr Ungelegenheiten als Nutzen bringen; die Bedienung der Pumpen auf dem Planeten erfordert keine besonderen Kenntnisse. Die Führung des Diskusschiffes kann Corporal Lund übernehmen, er ist von Miss Sorty ausgebildet worden und kennt sich auch in der Navigation gut aus. Notfalls kann er immer noch auf Automatsteuerung schalten, die Daten für den Flug zum Marsnordpol sind der Maschine einprogrammiert. Sie können also Commander Jenkins Bescheid sagen, dass die Männer morgen früh fliegen und voraussichtlich am Abend wieder zurück sein werden. An uns soll es nicht liegen, wenn das Wasser knapp ist.“

Der Adjutant nickte. „In Ordnung, Captain, ich werde es dem Chef bestellen.“

Neubert zog eine komische Grimasse.

„Bitte nennen Sie mich nicht immer wieder Captain, wenn es nicht gerade unbedingt sein muss.

Ich bin auch als Raumpilot immer nur Zivilist gewesen, und Jenkins hat mir diesen Rang nur verliehen, um mir gegenüber den jungen Kadetten die nötige Autorität zu geben, ebenso wie meinen Gefährten, die alle Leutnants geworden sind. Wenn wir einmal auf fremde Welten kommen und dort andere Intelligenzen antreffen sollten, was ja nicht ganz ausgeschlossen ist, wird man uns nicht nach Dienstrang oder Titel fragen, sondern ganz einfach alle als MENSCHEN klassifizieren!“

 

 

2.

Das „Wasserhol-Kommando“ bestand aus Corporal Lund, Corporal Mytschenkow, den Sergeanten Roberts und Lintorf. Alle vier hatten in der irdischen Antarktisstation zum Ausbilderstab gehört, nachdem sie ihre reguläre Dienstzeit als Angehörige der kleinen irdischen Raumflotte hinter sich gebracht hatten.

Sie trugen die jetzt hauptsächlich verwendeten marsianischen Raumanzüge, die sich nur unwesentlich von den modernen irdischen Konstruktionen unterschieden. In den Gürteln der Anzüge baumelten die unförmigen Säurespritzpistolen, ohne die an einen Aufenthalt im Freien auf dem Mars nicht zu denken war. Dort gab es, seit die Marsianer vor rund sechzig Erdenjahren der Seuche zum Opfer gefallen waren, Unmengen von Korjabs, gepanzerte Fluginsekten, etwa zehn Zentimeter lang und mit einem Giftstachel versehen. Zwar bot ein Raumanzug genügend Schutz gegenüber ihren Stichen, doch die Insekten griffen meist in derartig großen Schwärmen an, dass in ihrer Gegenwart an ein vernünftiges Arbeiten nicht zu denken war. Nur die von den Spezialwaffen verspritzte Säure vermochte sie in die Flucht zu treiben, denn die zerfraß Flügel und Chitinpanzer, was diese mit Spuren von Intelligenz begabten Geschöpfe des Mars bald erkannten, und sie zum Einstellen ihrer Angriffe veranlasste.

Die Schotten des Hangars hatten sich geschlossen, und die Pumpen waren dabei, die kostbare Atemluft ins Innere der Deimosstation abzuziehen.

Corporal Lund saß im Pilotensitz und beobachtete mit missmutigem Gesicht die Instrumente, die ihm die Druckminderung im Hangar anzeigten. Endlich war das Vakuum hergestellt, Lund drückte auf einen Knopf am Armaturenbrett, und das dadurch ausgelöste Funksignal ließ die Außenschleuse aufschwingen. Ein weiterer Griff, die beiden hintersten Antriebsdüsen des Fahrzeuges traten in Aktion und ließen es langsam durch die Schleuse schweben, bis es sich über dem natürlichen Boden des winzigen Mondes befand.

Vor rund dreißig Jahren hatten russische Wissenschaftler die These aufgestellt, die beiden Marsmonde Phobos und Deimos wären möglicherweise künstliche Gebilde und von den Bewohnern des Mars als Raumstationen verwendet worden. Dem war nicht so, wie die Praxis bewiesen hatte. Beide Marssatelliten waren natürlichen Ursprungs, und nur Deimos trug die alte Kuppelstadt, die nun von den Überlebenden der Menschheit zu neuem Leben erweckt worden war.

Als der Diskus genügend Abstand von der Station gewonnen hatte, ließ Lund ihn abkippen, bis er vertikal zum Boden des Mondes stand. Ein kurzer Schub aus allen ringförmig angeordneten Düsen genügte, und schon blieb Deimos hinter ihnen zurück, und das Schiff fiel nun antriebslos dem Mars entgegen, dessen riesige Wölbung unmittelbar hinter dem nahen Mondhorizont auftauchte. Die schiffseigene Schwerkraftanlage sorgte dafür, dass die Verhältnisse an Bord unverändert blieben, ungeachtet der jeweiligen Lage des Fahrzeuges. Wo vorher unten gewesen war, war auch jetzt noch unten, wenigstens erschien es den Männern so.

„Soweit wären wir also“, stellte Lund fest und brannte sich eine Zigarette an. Noch gab es Rauchwaren, die man von der Erde mitgebracht hatte, doch die Vorräte waren klein und ihr Ende trotz Rationierung bereits abzusehen.

„Bleibt es bei dem, was wir besprochen haben?“, fragte Roberts gespannt.

Lund nickte. „Selbstverständlich“, gab er knapp zurück.

Mehr wurde in den ersten Minuten von den Männern nicht gesprochen, denn die Station war noch nahe, und die Frequenz ihrer Helmgeräte konnte möglicherweise abgehört werden. Erst als mehrere tausend Kilometer zurückgelegt waren, meldete sich auch Lintorf zum Wort.

„Ich möchte die Gesichter auf Deimos sehen, wenn die Herren morgen umsonst auf Diskus II und auf ihr Wasser warten werden“, grinste er. „Auf die Idee, dass wir mit dem Schiff zur Erde fliegen wollen, ist bestimmt noch niemand gekommen.“

 

*

 

Längst nicht alle Männer der ehemaligen Raumfahrt-Ausbildungsstation „James Füller“ waren seinerzeit mit der Evakuierung zum Mars einverstanden gewesen. Infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse unter dem Eis eingeschlossen, hatte keiner der dreihundert die furchtbaren Ereignisse während des sechstägigen Wütens der Seuche miterlebt. Auch das darauffolgende Jahr, in welchem Ralf Neubert mit seinen Männern und den Marsmädchen ihre Rettung aus dem Gefängnis unter dem Eis vorbereitete, hatte trotz immer wiederholter Versuche keinen Funkkontakt mit der Außenwelt mehr gebracht; ein Umstand, der auch die ärgsten Zweifler vom völligen Aussterben der irdischen Menschheit hätte überzeugen müssen.

Trotzdem gab es noch einige, die darauf beharrten, es müsse noch Überlebende außer ihnen geben, und es wäre ihre moralische Pflicht, auf der Erde auszuharren, um später einmal zusammen mit diesen eine neue Zivilisation aufzubauen. Andere wieder waren der Meinung, man brauche nur lange genug unter dem ewigen Eis auszuhalten, um dem Roten Tod, wie man die Seuche genannt hatte, ein Schnippchen schlagen zu können. Alle Anzeichen hatten darauf hingewiesen, dass die tödlichen Viren planmäßig zu handeln wussten, sich ihrer Umwelt und deren Gegebenheiten also durchaus bewusst waren. Wenn nun, so folgerten sie, die Erreger erkannten, dass es nirgends mehr Menschen gab, würden diese die Erde nach einiger Zeit ebenso verlassen wie einst den Mars, um sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen. Man brauche nur in gewissen Abständen Freiwillige hinauszuschicken, um die Probe aufs Exempel zu machen. Sobald diese am Leben blieben, wäre bewiesen, dass die Erde frei von Viren sei und man könnte dann zusammen mit den Amazonen vom Mars den Planeten neu besiedeln, anstatt sein Heil irgendwo im Weltraum zu suchen.

Commander Jenkins hatte sich nicht um diese Besserwisser gekümmert und die Auswanderung, vorerst zum Marsmond und später voraussichtlich zum Centauri-System, war planmäßig vorangetrieben worden. Dessen ungeachtet war bei allen Männern die Sehnsucht nach der verlorenen Erde geblieben, bei den meisten allerdings nur als ein Wunschtraum, auf dessen Erfüllung man nicht mehr rechnen konnte. Nur einige wenige träumten immer noch davon, zur Erde zurückkehren zu können, und sei es auch nur für wenige Tage. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wie es dort stand.

Zu diesen Unverbesserlichen gehörten die vier, die nun mit dem Diskusschiff unterwegs waren.

Es war kein Zufall, dass gerade sie sich zum Wassertransport gemeldet hatten, als Neubert Männer hierfür suchte, denn sie hatten schon länger für eine solche Gelegenheit geplant und sich während der Teilnahme an früheren Transporten von den Gegebenheiten überzeugt. Ein Flug zur Erde mit einem Diskusraumer war kein Problem. Wenn diese Schiffe auch nach marsianischen Begriffen längst veraltet waren, so waren sie doch allem, was die Erde an Raumfahrttechnik aufzubieten hatte, weit voraus. Sie besaßen vollwertige Andruckneutralisatoren, eigene Schwerkrafterzeuger und starke Schutzschirmprojektoren, welche sie gegen das Saugfeld eines Dunkelsternes absicherten, das seinerzeit fast die Expedition Ralf Neuberts zum Mars hätte scheitern lassen. Auch ihre Geschwindigkeit ließ sich soweit steigern, dass sie bei der derzeitigen Konstellation von Erde und Mars ein Erreichen der Erde innerhalb von zehn Tagen ermöglichten. Lund und seine Begleiter wussten, was sie taten, als sie die Gelegenheit ergriffen, welche ihnen dieser Auftrag bot.

Sie wollten die Erde wiedersehen, das alte Europa, aus dem sie alle vier stammten. Sie wussten, dass sie damit ein Risiko eingingen, dass dieses Unternehmen ihren Tod bedeuten konnte, doch im Grunde glaubten sie nicht an diese letzte Konsequenz. Ein Jahr war vergangen, seit die Seuche über die Erde hinweggerast war, und wenn diese Viren wirklich so etwas wie eine Kollektivintelligenz besaßen, lag die Annahme nahe, dass sie sich längst von dem Planeten wieder entfernt hatten, nachdem er ihnen keine neuen Opfer mehr bieten konnte.

Die Männer bedachten nicht, dass diesen Mikroben Zeit kaum etwas bedeuten konnte. Was war schon ein irdisches Jahr gegenüber den vielen Jahrtausenden, welche sie für das Überwinden der riesigen Abgründe zwischen den einzelnen Sternsystemen brauchten? Ihr Verhalten ließ sich auch nicht annähernd voraussagen; es war aber wahrscheinlich, dass sie keine Eile haben würden, der Erde wieder den Rücken zu kehren, darüber waren sich die Experten klar.

Lund, Mytschenkow, Roberts und Lintorf waren keine Experten!

Der Corporal behielt den Kurs in Richtung Marsnordpol bei, bis das Schiff dem Sichtbereich des schnell laufenden Deimos entkommen war. Dann, in der Deckung durch den Planeten, ließ er den Antrieb mit voller Kraft arbeiten und stieß in den freien Raum hinaus.

Weit vor dem Schiff stand seitlich von der Sonne ein heller Stern mit bläulichem Licht – die Erde …

Wie vorauszusehen war, fiel niemandem in der Deimosstation im Anfang etwas auf. Normalerweise dauerte die Wasserübernahme auf dem Mars fast dreißig Stunden, denn dort gab es nur eine behelfsmäßige Pumpanlage mit sehr geringer Förderleistung und die Tanks, die man eigens in den Diskus eingebaut hatte, waren groß. Erst als das Schiff am Abend des zweiten Tages noch nicht zurückgekehrt war, erkundigte sich Captain Ter Meulen in der Kommandantur, wo denn nun das Wasser bliebe.

Commander Jenkins verwies ihn an Captain Neubert, der vorschlug, noch einige Stunden zu warten. Niemand dachte an etwas Böses, und erst kurz vor Mitternacht beschloss Neubert, das Schiff über Funk anzurufen.

Er bekam keine Antwort. Lund vernahm wohl in seinem Empfänger die Rufe, doch er hütete sich, seinerseits ein Lebenszeichen zu geben. Jede Stunde, die er so gewann, war wertvoll für ihn und seine Begleiter, denn er rechnete mit einer Verfolgung, wenn der wahre Sachverhalt erst einmal in der Deimosstation bekannt geworden war.

Nach einer halben Stunde brach Neubert die ergebnislosen Kontaktversuche ab und ließ sich bei Commander Jenkins zu einer Beratung melden.

Jenkins hatte immer noch Schmerzen im Unterkiefer, doch er als alter Soldat ließ sich nichts davon anmerken. Der Chefpilot gab ihm seinen Bericht ab und bat dann um seinen Rat.

Der Kommandant hob die Schultern. „Welchen Rat kann ich Ihnen schon geben, Neubert, Sie sind doch der Raumfahrtexperte. Meinen Sie, dass den Männern unten auf dem Mars etwas zugestoßen sein könnte?“

Ralf Neubert hob beide Hände. „Bisher ist immer alles glatt abgegangen, und ich kann mir eigentlich nicht denken, was da wohl passiert sein könnte. Die Korjabs können den Männern nicht gefährlich werden, dafür haben sie ja ihre Säurepistolen, und andere Gefahren gibt es da unten nicht. Vielleicht hat es diesmal nur etwas länger gedauert, und die Männer übernachten auch heute noch in der Raumscheibe, ehe sie wieder abfliegen; das wäre meiner Ansicht nach die einzige plausible Erklärung.“

Jenkins nickte. „Das würde auch die Nichtbeantwortung der Funkanrufe motivieren, denn eine Wache haben sie bestimmt nicht ausgestellt. Immerhin wäre es aber die Pflicht Corporal Lunds gewesen, uns zu verständigen, ich werde ihm gehörig den Kopf waschen, wenn er zurück ist. Gut, gehen wir also schlafen, morgen früh können Sie dann das Schiff wieder anrufen; ich denke, dann wird sich alles auf klären.“

Doch auch am nächsten Morgen kam keine Antwort von Corporal Lund, und nun machten sich Jenkins und Neubert ernstlich Sorgen. Sie kamen schließlich überein, ein kleines Raumboot hinunter auf den Mars zu schicken, um an Ort und Stelle nach dem Rechten zu sehen.

Eine Stunde danach flog Rex Farrell mit der Amazone Nisa, die vor Kurzem seine Frau geworden war, mit dem Beiboot ab. Vierzig Minuten später empfing Neubert, der seine Arbeiten unterbrochen hatte und sich in der Raumfunkstation aufhielt, seinen Alarmruf.

„Mache dich auf einiges gefasst, Ralf – ich kann weder von der Besatzung noch von der Raumscheibe nur die geringste Spur entdecken!“

„Das gibt es doch gar nicht“, protestierte der Chefpilot. „Hast du auch genau nachgesehen?“

Der Schwarze ließ ein humorloses Lachen hören.

„Sehr genau, mein Lieber, und dass ich einen Diskusraumer übersehe, ist wohl nicht gut möglich. Außerdem sind sämtliche Eingänge der Pumpstation vollkommen mit Schnee verweht, und ringsum sind keinerlei Spuren zu sehen. Das lässt nur den einen Schluss zu: Die Männer sind überhaupt nicht hier gewesen!“

Ralf Neubert stieß hörbar die Luft aus. Gepresst erkundigte er sich: „Was schließt du daraus, Rex?“

Rex Farrell zog die Augenbrauen hoch.

„Ich weiß, dass es absurd klingt, was ich jetzt sagen werde, ich sage es aber trotzdem. Lund und seine Männer haben uns überlistet – sie sind zur Erde geflogen!“

Sein Kamerad und Freund nickte schwer.

„Absurd ist es schon, doch ich hege dieselbe Befürchtung, Rex, Oh, diese Narren …“

 

 

3.

Die nächsten Stunden brachten Ralf Neubert viel Arbeit und eine Menge Probleme,

Die Deimosstation besaß auch eine Raum-Ortungsanlage, die nun unverzüglich in Betrieb genommen wurde. Im Anfang gab es einige Schwierigkeiten, denn die lange nicht benutzte Apparatur zeigte einige Mängel, doch gegen Mittag funktionierte sie einwandfrei. Kaum zehn Minuten darauf zeigten die mit starker Vergrößerung arbeitenden Bildschirme des marsianischen Hyperwellen-Radar einwandfrei das Abbild des in Richtung Erde dahinrasenden Diskusschiffes.

Die Entfernungsbestimmung ergab, dass der Raumer bereits zwanzig Millionen Kilometer zurückgelegt hatte. Er flog mit der höchsten für diesen Typ erreichbaren Geschwindigkeit und musste demnach in ungefähr acht Tagen die Erde erreichen, die zur Zeit 120 Millionen Kilometer vom Mars entfernt war.

„Können Sie sie mit einem der großen Schiffe einholen, Neubert?“, fragte Commander Jenkins, der ebenfalls zugegen war. Der Pilot lächelte grimmig.

„Ich könnte schon – wenn die Schiffe startklar wären! Ihr Umbau ist in vollem Gange, eine Menge Leitungen musste unterbrochen werden, und das macht sie auf Wochen hinaus fluguntüchtig. Startklar ist allein das sechste, kleinere Schiff. Es ist wohl ebenso schnell wie die großen und schafft die Strecke bis zur Erde innerhalb von fünf Tagen, an eine sofortige Verfolgung der Deserteure ist aber trotzdem vorerst nicht zu denken. Wir brauchen unbedingt Wasser für die Station, und dieses Schiff ist das einzige, das wir im Moment für den Transport benutzen können!“

Commander Jenkins ließ einen langen Soldatenfluch vom Stapel, doch das änderte nichts an den Gegebenheiten. In fliegender Eile wurde nun ein Aktionsprogramm aufgestellt, das sowohl eine Versorgung der Mondstation mit dem lebensnotwendigen Wasser, wie auch ein Abfangen der Deserteure vor Erreichen der Erde ermöglichen sollte.

Das „kleine“ Schiff war immerhin 150 Meter hoch und, wie alle neueren Typen der marsianischen Technik, in Granatform gebaut. In fliegender Hast holte Ralf Neubert seine alten Kameraden von der MARS I zusammen, und startete bereits dreißig Minuten später zum Marsnordpol. Dort hieß es dann für ihn fünfzehn Stunden lang warten, bis die Pumpen der kleinen Station genügend Wasser aus der Tiefe geholt hatten, um die Menschen auf Deimos zwei Wochen lang versorgen zu können, wenn sie sich entsprechend einschränkten. Knapp fünfundzwanzig Minuten dauerte der Rückflug, doch dann vergingen abermals vier kostbare Stunden, ehe die Tanks des Raumers in die der Mondstadt entleert waren.

Neubert und seine Kameraden schliefen während dieser Zeit, doch früher, als es ihnen lieb war,

wurden sie wieder aus den Betten geholt, um dem Diskus nachzujagen. Sie alle hatten sich in der letzten Zeit mit Marsmädchen verheiratet, und diese ließen es sich nicht nehmen, sie auf ihrem Flug zu begleiten. Auch Jonathan Blower, vormals Berichterstatter der WORLD PRESS AGENCY, und der japanische Biologe Dr. Ishiga mit ihren Frauen Nurja und Amzaf gingen mit ihnen auf die Reise.

Die veralteten Diskusraumer benutzten für ihre Triebwerke noch Deuteriumplasma, wogegen die Energiegewinnung der neueren Typen zur Versorgung der Photonentriebwerke in sogenannten Nullpunkt-Meilern stattfand. Reiner Kohlenstoff wurde darin unter Beigabe eines gasförmigen Katalysators bis zum absoluten Kälte-Nullpunkt abgekühlt, worauf eine begrenzte Anzahl von Kohlenstoffatomen mit einem vollkommenen Zusammenbruch der atomaren Struktur reagierte. Es kam zu einer kalten Kernfusion, bei der gewaltige Kernbindungsenergien frei wurden. Ein starkes Magnetfeld hielt diese gefangen und ließ sie durch Abnahmepole in Transformer fließen, die sie dann, entsprechend dem jeweiligen Bedarf, entweder als Arbeitsstrom oder als freie Teilchen weitergaben. Letztere wurden riesigen Zyklotronen zugeführt und von diesen als Lichtphotonen in die Antriebsaggregate geleitet, welche auf diese Weise Leistungen erzielten, von denen die irdischen Techniker des 20. Jahrhunderts nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Die irdischen Raumfahrer beherrschten diese Kräfte wohl; doch weder sie, noch die mit ihnen gekommenen Professoren Grenholm und Kingsley verstanden die Funktionsweise der marsianischen Anlagen bis zur letzten Konsequenz, denn die Technik der Männer von Kulmoy war um zehntausend Erdenjahre älter als ihre.

Mit sicheren Griffen, als hätte er nie etwas anderes getan, bediente Ralf Neubert die Schalthebel und knöpfe des marsianischen Raumschiffes. Sicher startete der Raumer von dem kleinen Mond, Neubert ließ die Nullpunkt-Meiler auf höchste Leistung gehen und nahm Kurs auf die ferne Erde. Lächelnd nickte er seiner jungen Gattin Geja zu.

„Wir haben getan, was wir können, ob es genug ist, wird sich noch erweisen. Immerhin verdanken wir es Lund und seinen Genossen, dass wir die Erde noch einmal aus der Nähe werden sehen können – die Erde, die wir ebenso lieben wie diese Männer auch!“

 

*

 

Immer schneller wurde das Schiff, doch Captain Neuberts Gesicht bekam jedes Mal einen Anflug von Besorgnis, wenn er an den Vorsprung dachte, den die Flüchtlinge hatten. Theoretisch war die Leistungskraft seines Schiffsantriebs unbegrenzt, man konnte mit ihm ohne weiteres die Lichtgeschwindigkeit erreichen, wenn man lange genug beschleunigte. Bedauerlicherweise konnte der Antrieb jedoch nur mit 50 g arbeiten, und das war ein bedeutsames Handikap. Diese Beschleunigung, für Menschen nur durch die ausgleichende Wirkung der Andruckneutralisatoren zu ertragen, lag unvergleichlich höher als bei den bisher entwickelten Raumfahrzeugen der Erde, und doch hätte Neubert etwas dafür gegeben, mit dem doppelten Wert beschleunigen zu können. Er konnte den Raumer wohl auf eine Spitzengeschwindigkeit von fast zweieinhalb Millionen Stundenkilometer bringen, diese aber nur für kurze Zeit beibehalten, da die relativ geringe Distanz zwischen Mars und Erde ihn bald wieder zum Abbremsen zwang. Der Diskusraumer erreichte zwar nur 30 g Maximalbeschleunigung, doch die zwei Tage Vorsprung glichen dies fast wieder aus.

Olle Jensson bekam wieder einmal Gelegenheit, sich als Funker zu betätigen und versuchte in Abständen von drei Stunden, eine Verbindung mit den Verfolgten herzustellen, doch anfänglich vergebens. Erst, als sie bereits zwei Drittel der Strecke zurückgelegt hatten, bequemte sich Lund dazu, die Anrufe zu beantworten. Plötzlich leuchtete der Bildschirm des Hyperfunkgerätes auf und brachte sein Bild in die Zentrale von Neuberts Schiff.

„Was wollen Sie eigentlich von uns, Captain?“, fragte er mit gleichmütigem Gesicht. „Mit welchem Recht will man uns verbieten, die Erde aufzusuchen, wenn wir mit Ihren Plänen nicht mehr einverstanden sind?“

„Sie sind schließlich immer noch Soldaten der Raumflotte und unterstehen dem Befehl von Commander Jenkins“, erinnerte ihn Ralf Neubert. Lund lachte misstönend auf.

„Finden Sie das nicht selbst lächerlich, was Sie da sagen, Captain? Eine Raumflotte der Erde gibt es nicht mehr, und damit ist meiner Ansicht nach auch die Befehlsgewalt des Commanders illusorisch geworden. Wir sind es Leid, uns Vorschriften machen zu lassen und haben es deshalb vorgezogen, unsere eigenen Wege zu gehen.“

Neubert lächelte müde. „Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, wohin wir kämen, wenn alle Männer so dächten? Individualismus ist schön und gut, und im gewissen Rahmen ist in normalen Zeiten nichts dagegen einzuwenden. Leider haben wir jetzt aber durchaus keine normalen Zeiten, dafür aber eine bedeutsame Aufgabe. Wir haben die Gelegenheit, die Menschheit vor dem restlosen Aussterben zu bewahren, und das ist ein Ziel, dem sich jeder unterzuordnen hat, ihm gegenüber werden alle persönlichen Belange vollkommen bedeutungslos. Können Sie das wirklich nicht einsehen?“

Der Corporal hob die Schultern.

„Das ist Ihr Standpunkt, wir haben den unseren, und danach richten wir uns. Wir sind nicht daran interessiert, eine jahrelange Reise zu fremden Sternen mitzumachen, wir wollen zurück auf die Erde, auf der wir geboren und ausgewachsen sind.“

„Auf der Sie aber wahrscheinlich auch sterben werden“, hielt ihm Ralf Neubert entgegen, „so wie im vorigen Jahr viereinhalb Milliarden Menschen gestorben sind. Meinen Sie, die Viren werden Ihnen zuliebe eine Ausnahme machen, und Sie am Leben lassen?“

Lund schüttelte den Kopf. „Das nicht gerade, aber wir meinen, dass die Seuche als erloschen anzusehen ist. Es ist mehr als ein Jahr vergangen, seit die letzten Menschen gestorben sind, woher soll da jetzt noch eine Gefahr kommen? Wir glauben vielmehr, dass es auf der Erde noch eine gewisse Zahl von Überlebenden gibt, mit denen zusammen wir uns ein neues Leben aufbauen können, ohne in den Raum auswandern zu müssen.“

Der Captain sah ihm ernst in die Augen.

„Wollen Sie klüger sein als unsere Experten, Lund? Unter uns befindet sich ein Dutzend erfahrene Mediziner, und diese sind alle übereinstimmend der Ansicht, dass die Seuche keineswegs als erloschen anzusehen ist. Die Viren dürften sich in latentem Zustand noch überall auf der Erde befinden, und sofort wieder aktiv werden, wenn neue Befallsobjekte auftauchen. Wollen Sie wirklich mit offenen Augen in Ihr Verderben laufen?“

Lund grinste hämisch.

„Hindern Sie uns doch daran, wenn Sie können, Captain! Es kann sein, dass Sie uns noch vor Erreichen der Erde einholen, doch was wollen Sie dann tun? Uns mit Ihren Maschinenpistolen abschießen? Das würde Ihnen nicht einmal mit einem Geschütz gelingen, denn wir wissen recht gut, wie wirksam die Schutzschirme des Diskusschiffes sind. Wir sind gestern einem etwa metergroßen Meteor begegnet und konnten nicht mehr rechtzeitig ausweichen, doch wie Sie sehen, ist uns nichts passiert. Wie wollen Sie uns also daran hindern, auf der Erde zu landen?“

Hier schaltete sich Geja Neubert, die solange schweigend zugehört hatte, in das Gespräch ein. „Corporal, wenn Sie schon nicht auf den Captain hören wollen, dann aber vielleicht auf mich? Ich habe das große Sterben auf dem Mars miterlebt und weiß, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie nicht noch zur Vernunft kommen. Die Viren haben sich noch viele Jahre lang auf dem Mars gehalten und uns förmlich belagert, obwohl wir immun waren. Wenn es nun, wie Sie annehmen, wirklich noch Überlebende auf der Erde geben sollte, so wird es denen nicht viel anders ergehen! Glauben Sie wirklich, dass Sie unter diesen Vorzeichen mit dem Leben davonkommen werden?“

Corporal Lund blieb unbelehrbar.

„Ich finde Ihre Sorge um uns rührend, Mrs. Neubert, doch auch Sie werden uns nicht mehr von unserem einmal gefassten Entschluss abbringen. Wir werden die Erde übermorgen erreichen und zuerst in Moskau landen, wo Mytschenkow zu Hause ist, und später meine Heimat Bornholm, Millrath im Rheinland und Exeter in England aufsuchen, wo Lintorf und Roberts herstammen. Sollten wir wirklich keine Überlebenden mehr finden, weder dort noch an anderer Stelle, werden wir uns einen Platz suchen, wo es noch einigen Komfort gibt, und es uns dort gemütlich machen. Da die Inkubationszeit der Seuche durchschnittlich drei Tage beträgt, werden wir wohl spätestens am vierten Tage merken, ob es sie noch gibt oder nicht. Im letzteren Falle ist es unser persönliches Pech, wir haben dann aber wenigstens die Gewissheit, auf der Erde zu sterben.“

Nun schob sich Rex Farrell vor das Aufnahmeokular. „Lassen sie es gut sein, Geja, diese Leute sind unbelehrbar, Sie verschwenden hier nur Ihre Worte.“ Sein schwarzes Gesicht blieb unbewegt, als er sich dann dem Deserteur zuwandte. „Lund, Sie und Ihre Genossen mögen sich im Moment wohl recht überlegen fühlen, weil Sie wissen, dass wir keine Waffen besitzen, um Sie an Ihrem Vorhaben zu hindern, doch in ein paar Tagen werden Sie bestimmt etwas anders denken. Wir haben die Erde oft genug umkreist und wissen, wie trostlos es dort aussieht. Moskau zum Beispiel ist fast restlos abgebrannt, und in Düsseldorf ist das Atomkraftwerk in die Luft geflogen und hat die ganze Umgebung radioaktiv verseucht; zwei von Ihnen werden also von ihrer Heimat nur noch Schutt vorfinden. Möglich, dass es an den anderen Orten besser aussieht, aber schon nach wenigen Stunden werden Sie zur Besinnung kommen. Sie werden das beklemmende Gefühl verspüren, die einzigen Menschen auf der Erde zu sein! Schließlich werden Sie es nicht mehr aushalten, werden all Ihren falschen Heroismus vergessen und nur noch den einen Wunsch haben, die Erde recht schnell wieder zu verlassen. Das aber werden wir zu verhindern wissen, denn wir können es nicht zulassen, dass Ihr Schiff wieder in Richtung Mars startet. Sie würden den Roten Planeten ja auf keinen Fall mehr lebend erreichen, denn die Viren werden Sie zu finden wissen, Sie würden aber mit dem Diskus Millionen der Erreger mit in den Weltraum bringen, die bald darauf bei uns auftauchen würden, denn sie kennen den Mars ja bereits. Tun Sie also, was Sie wollen. An einer Landung auf der Erde können wir Sie tatsächlich nicht hindern – dass Sie anschließend aber auch nicht mehr von dort starten können, darauf gebe ich Ihnen mein Wort!

Ralf Neubert wollte noch etwas einwerfen, doch schon hatte der Schwarze den Sender abgeschaltet. So fragte er nur: „Hast du da nicht mehr versprochen, als wir halten können, Rex? Wie willst du es verhindern, dass Lund wieder starten kann?“

Farrell zeigte ein grimmiges Lächeln.

„Ich weiß schon, was ich sage, Ralf. Wir besitzen zwar keine wirksamen Waffen, wie Lund ganz richtig bemerkt hat, doch ich weiß trotzdem, wie wir es anfangen müssen, um den Diskus so zuzurichten, dass er nie wieder aufsteigen kann. Mögen diese Narren auf der Erde umkommen, wenn sie Lust dazu verspüren – dass sie auch den kläglichen Rest der Menschheit noch in Gefahr bringen, werden wir auf jeden Fall verhindern können.“

 

 

4.

Kurz nach Lunds Streitgespräch mit den Verfolgern zeigte sich erstmals eine Opposition gegenüber dem Anführer der Deserteure. Sie ging von Lintorf aus, den die Argumente Neuberts und Farrells doch beeindruckt hatten.

Er schwieg einige Zeit mit nachdenklichem Geeicht, um dann unvermittelt zu fragen: „Was ist,

wenn Neubert wirklich Recht behält, Lund? Gewiss, ich hänge an der Erde und gäbe manches dafür, dort auch unter primitiven Verhältnissen leben zu können; doch nur dort hinzukommen, um zu sterben, behagt mir durchaus nicht. Sollten wir es uns nicht doch noch einmal überlegen?“

Lund sah ihn überrascht und befremdet an.

„Glaubst du wirklich an den Unsinn, den uns der Captain und seine Leute vorreden, Dolf? Bis jetzt hast du doch immer sehr lautstark behauptet, die ganze Entwicklung unter den Überlebenden auf Deimos ging eindeutig auf eine Diktatur unter Jenkins und Neubert hinaus, der du dich keinesfalls unterwerfen möchtest! Wo bleiben jetzt plötzlich deine Ansichten über das unbedingte Anrecht jedes selbständig denkenden Menschen auf restlose individuelle Freiheit?“

Lintorf zog eine Grimasse. „Es ist eben doch nicht ganz ausgeschlossen, dass Neubert Recht behält, nicht wahr? Die Angst hast du ja im Stillen auch, wenn du es auch nie zugeben wirst. Ich möchte einen Kompromiss vorschlagen. Wir können uns unsere Heimatorte zuerst einmal von oben betrachten, ohne zu landen, und danach unser späteres Vorgehen einrichten.“

Lunds Gesicht verfinsterte sich. „Deine Bedenken beruhen wohl hauptsächlich auf Neuberts Angabe, dass deine Heimat zerstört sei, wie ich annehme. Vorher hast du jedenfalls den Mund immer am weitesten aufgemacht, wenn es darum ging, auf ihn und Jenkins zu schimpfen. Du bist schon immer ein Egozentriker gewesen, der sein Vergnügen darin fand, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, nach Möglichkeit auf Kosten anderer, doch diesmal kommst du damit nicht durch. Wir haben alles gemeinsam geplant und sitzen nun, wörtlich zu nehmen, in demselben Boot, vergiss das nicht. Du wirst dich wohl oder übel der Mehrheit beugen müssen, und da du allein gegen uns drei stehst, erübrigt sich alles weitere Diskutieren.“

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921946
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
unternehmen dunkelstern

Autor

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Titel: Unternehmen Dunkelstern