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Circle C-RANCH #29: Hilferuf aus Mexiko

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Hilferuf aus Mexiko

Klappentext:

Roman:

Circle C RANCH

 

Band 29

 

Hilferuf aus Mexiko

 

Ein Western von Bill Garrett

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Zwei Cowboys von der Circle C-Ranch wurden aus dem Hinterhalt erschossen. Als Buster Tom Copper und seine Männer die Toten finden, entdecken sie Spuren, die in Richtung Grenze führen. Und die Art und Weise, wie die Cowboys ums Leben gekommen sind, sagt Buster Tom genug. Wer mit einem Gatling-Maschinengewehr wahllos auf Menschen schießt, der hat jede Menge Dreck am Stecken.

Cliff Copper, der älteste Sohn des Ranchers, ist der US Marshal von Tucson, und er setzt sich sofort auf die Fährte der Mörder. Er ahnt jedoch nicht, dass in Tucson noch weitere Männer nur darauf warten, dass er die Stadt verlässt. Dann beginnt ihr Teil eines finsteren Planes, der nicht nur Cliff Copper in große Schwierigkeiten bringen wird, sondern auch die Mexikanerin Conchita Aragusta. Sie ist Cliffs Verlobte ...

 

 

 

 

 

Roman:

Der Himmel schien ein einziger greller Fetzen Sonnenlicht zu sein, in den kein Mensch hineinschauen konnte. Dabei hatte der Wind, der aus der Wüste kam, den ganzen Tag über noch zugenommen. Er trieb wahre Wolken von Sand und Staub vor sich her. Doch er brachte nicht die geringste Kühlung. Er war eher noch heißer geworden.

In dieser Gluthölle aus Hitze, Trockenheit und Staub sahen die Männer der Circle C Ranch eine kompaniestarke Patrouille der Grenzkavallerie hineinziehen und verschwinden.

Hep Waller, der kleine untersetzte Cowboy, den man nur anzusehen brauchte, um zu erkennen, was in ihm steckte, raufte sich das Haar und spuckte in den Sand. „Also, wenn ihr mich fragt, so heißt das Krieg! — Krieg gegen Mexiko! Das sieht doch ein Blinder.“ '

Buster Tom, der Boss der Circle C Ranch, der eigentlich Tom Copper hieß, verzog das Gesicht.

„Hep, du bist ein ziemlicher Spinner!“, brummte er. „Krieg gegen Mexiko! Die ziehen zu einer Übung aus.“

„Es wird Krieg geben!“, sagte Hep laut und störrisch.

„Warum eigentlich nicht, Boss?“, meinte Pedro, der Mexikaner, „östlich von Tucson sind die Blaujacken gestern schon südwärts gezogen. Stimmt’s, Jimmy? Wir haben sie gesehen.“

Jimmy, der jüngste Sohn des Ranchers, nickte. „Stimmt, Boss! Eine Abteilung soll gestern abend in Tucson Quartier bezogen haben.“

„Ach, das ist doch idiotisch!“, polterte Buster Tom mit Stentorstimme. „Krieg mit Mexiko! — Aber von mir aus soll sich die Schädel gegenseitig einschlagen, wer mag. Nur nicht auf meinem Land. Da ist Frieden, und den werde ich auch zu verteidigen wissen. Mit Krallen und Zähnen. Nun geht an die Arbeit!“

Die Cowboys wandten sich sofort ab und liefen zum Sattelplatz. Nur Jimmy, der jüngste Copper, und Hep Waller blieben neben Buster Tom unter dem Vordach stehen.

In Buster Toms lederhäutigem Antlitz zuckte es sofort. „Na, was ist denn mit euch? Braucht ihr beiden vielleicht einen Tritt, um endlich in Gang zu kommen?“

Er blickte von einem zum anderen und ging ins Haus. Die Tür flog hinter ihm ins Schloss, dass es wie ein Gewehrschuss knallte.

„Der Boss entwickelt sich vielleicht zum Sklaventreiber!“, schimpfte Hep verdrossen und warf Jimmy einen wütenden Blick zu. „Bei dem kommt es mit dem Alter. Doch jetzt ist er erst fünfzig. Lass ihn mal siebzig werden, da scheucht er uns wie Hühner! Vergesslich wird er auch. Warum machst du denn dein Maul nicht auf und erinnerst ihn, dass er uns eine Extraarbeit aufbrummen wollte?“

Jimmy nahm den Hut ab und fächelte sich Kühlung zu. „Zu wem soll ich denn noch etwas sagen? Er ist ja schon weg! Bei dieser Affenhitze macht es mir nichts aus, hier zu warten, bis er wieder auftaucht.“

„Du scheinst seinen Tritt nicht zu kennen!“

„Ach was!“, schnaufte Jimmy.

„Als ob die verdammte Arbeit nicht mal einen einzigen verdammten Tag liegenbleiben könnte!“, knurrte Hep gereizt. „Ich habe einmal als ganz kleiner Junge ein Buch gelesen. Ich erinnere mich noch an den ersten Satz. Er stand ganz allein auf einer Zeile: Die Hitze brüllte! Wie konnte ich den Mann, der das geschrieben hat, nur für einen Idioten halten?“

„Das kann ich schon verstehen“, erwiderte Jimmy. „Und wie ging es weiter?“

„Was?“, fragte Hep und sah ihn verständnislos an.

Jimmy setzte den Hut auf. „Nun, in diesem Buch!“

„Das habe ich in die Ecke gefeuert, weil ich mir gedacht habe, dass nach solchem Mist nichts Gescheites mehr kommen kann. Aber dieser Mann muss ein Schlaukopf gewesen sein.“

„Die Hitze ist um uns, ich höre nicht einen Ton“, grinste Jimmy.

„So?“, meinte Hep gedehnt. „Aber ich höre etwas. Hufschlag!“

Sie blickten beide nach Westen. Auch die Männer, die drüben vor dem Stall die Pferde gesattelt hatten und gerade wegreiten wollten, hielten ein und schauten am Gerüst des Windrades vorbei auf die Hügelkette im Westen. Dann tauchte da oben schon ein Reiter auf. Er flog förmlich über den Höhenrücken hinweg und kam im gestreckten Galopp zur Ranch gejagt.

„Das ist Sten!“, brummte Jimmy und schüttelte den Kopf. „Wie kann er das Pferd bei dieser Hitze so treiben?“

„Ja!“, knurrte Hep. „In dieser brüllenden Hitze!“

Augenblicke später riss Sten das Pferd vor dem Haupthaus in den Stand. Buster Tom, der den Reiter gehört hatte, kam heraus.

„Was ist denn los, Sten?“, rief er verwundert. „Könnt ihr nicht warten, bis die Ablösung draußen ist?“

Sten stieg vom Pferd. Er war klatschnass vom Schweiß. „Boss!“, würgte er heraus. „Wir haben da draußen zwei Tote, und drei andere fehlen. Die Burschen, die Sie in der vorigen Woche neu eingestellt haben, müssen sich in der Nacht in die Haare geraten sein. Anders ist das nicht zu erklären.“

„Mein Pferd!“, rief Buster Tom. Von einem Augenblick zum anderen waren sie alle in Bewegung. Eine Minute später jagten sie im dichten Pulk von der Ranch auf die Weide hinaus. Sten führte die Männer an.

 

*

 

Die Neuen hatten auf der Westweide Wache gehabt, dicht am Rand der Wüste. Zwei von ihnen lagen tot im Sand. Die anderen waren nirgends zu sehen.

Buster Tom stieg als einziger vom Pferd und ging zu den Männern. Er wollte sie herumdrehen, zuckte aber entsetzt zurück.

„Du meine Güte“, sagte er und wandte sich den Männern zu. Dabei erbleichte er bis unter die Haare. „Die müssen ja mit einer Maschinenkanone erschossen worden sein.“

Jimmy, Hep und der Ranchvormann schwangen sich aus den Sätteln. Sie wollten sich die Toten aus der Nähe betrachten, hielten aber nach ein paar Schritten ein, als sie die zerfetzten Gestalten erkannten.

„Sten!“, keuchte Buster Tom. „Von den neuen Leuten hat keiner eine Maschinenkanone besessen. Die haben sich unmöglich gegenseitig umgebracht. Habt ihr denn nichts gehört?“

Sten schüttelte den Kopf. „Nicht einen Ton, Boss!“

Buster Tom sah seinen Sohn und Hep an. „Los, reitet in die Stadt! Cliff soll herauskommen. Das ist blutiger Mord gewesen. Also hat es den Marshal zu interessieren. Bewegt euch! Reitet! Macht schon! Und vergesst nicht, was ich euch aufgetragen habe.“

Jimmys Blick war auf eine Reihe Wagenspuren gefallen. „Was ist denn das da?“, meinte er.

„Zum Teufel, tu was ich dir gesagt habe!“, bellte Buster Tom. „Cliff soll sich das alles ansehen kommen.“

Jimmy und Hep wandten sich prompt ab, liefen zu den Pferden und stiegen in die Sättel. Dabei sahen sie sich an.

„Auf diese Weise wollte ich nun wirklich nicht zu einem Bier kommen“, brummte Hep. Dann jagten sie los.

 

*

 

Zwei Stunden später ritten sie in Tucson ein, hielten vor dem Marshal Office die schweißnassen Pferde an und glitten aus den Sätteln. Sie stolperten die Stufe hinauf und trommelten gegen die Tür. Doch das Office war verschlossen. Ohne ein Wort zu verlieren, machten sie kehrt und liefen zum Hotel hinüber, mit langen schwingenden Schritten. Als sie den Balkon betraten, kam Rip O’Hagan heraus.

„Hallo!“ rief er freundlich und blieb stehen. „Was, zum Teufel, bringt euch schon am frühen Morgen in Schweiß?“ Sie begrüßten Rip O’Hagan, den ehemaligen Marshal von Tucson, und Jimmy erkundigte sich nach seinem Bruder.

Rip O’Hagan grinste durchtrieben und wies zum Marshal Office. „Da drüben steckt er. Wo soll er denn sonst sein? Was ist denn los? Brennt es auf der Circle C?“

„Im Office ist er nicht!“, schnaufte Jimmy. „Wir kommen ja von da.“

„Wenn ich dir sage, er ist drüben, dann kannst du mir das glauben“, grinste Rip O’Hagan. „Er ist eben bloß blind und taub.“

„Schläft er noch?“, fragte Hep verwundert.

Rip O’Hagan zuckte die Schultern. „Auf jeden Fall ist Conchita vor zwei Stunden hinübergegangen, um ihm das Bett zu machen und das Office aufzuräumen.“

Hep pfiff und schob sich den Hut tiefer in die Stirn. Jimmy machte auf der Stelle kehrt und rannte zum Office zurück. Hep wollte ihm folgen, aber er wurde von Rip O’Hagan festgehalten.

„Was gibt es denn? Wo brennt es denn?“, wollte Rip O’Hagan wissen.

„Wir haben auf der Ranch zwei Tote!“

„Zwei Tote?“

Hep nickte und schob sich den Hut wieder aus der Stirn. „Ja! Erschossen. Mit einer Maschinenkanone. Zwei von den neuen Leuten. Wir können nicht einmal feststellen, wer sie sind. Die anderen drei Neuen sind spurlos verschwunden.“

„Was sagst du da? Mit einer Maschinenkanone erschossen, he?“

„Was starrst du mich so an, Rip?“, schnaufte Hep. „Ich habe das doch nicht getan.“

Rip O’Hagan blickte zum Marshal Office. Dort stand Jimmy und trommelte gegen die Tür. „Komm!“, sagte Rip O’Hagan und ergriff Hep am Arm. „Das interessiert nicht nur den Marshal, sondern auch die Offiziere, die im Hotel wohnen.“

Er wollte Hep ins Hotel ziehen. Doch Hep machte sich los und rannte auf die Straße. Aber er stoppte mitten auf der Fahrbahn, machte kehrt und sprang auf den Balkon zurück. Rip O’Hagan hatte die Tür geöffnet und wollte sich ins Hotel begeben.

„Was für Offiziere, Rip?“

„Wohnt ihr da draußen auf dem Mond?“, knurrte Rip O’Hagan. „Ist euch das viele Militär nicht aufgefallen?“

„Es wird Krieg geben, stimmt’s?“, fragte Hep und warf einen Blick zum Office, vor dessen Tür Jimmy immer noch stand.

„Krieg geben? Zwei Tote habt ihr, denke ich! Hast du da die Schnauze nicht schon voll? Ihr seid mittendrin, du Hornochse! Irgendwelche Halunken haben oben in Prescott ein Armeedepot ausgeräumt und befinden sich mit einem Arsenal von geklauten Gewehren und Munition auf dem Weg nach Mexiko. Die Karawane besteht aus zehn Wagen. Schwerbeladenen Wagen! Aber sie haben auch zwei leichte Karren dabei, auf denen je eine Gatling montiert ist. Damit haben sie vor vier Tagen keine fünfzig Meilen von hier entfernt eine Armeestreife von zweihundert Mann zusammengeschossen. Begreifst du jetzt, an wen ihr da draußen geraten seid?“

Jimmy kam zurück. „Im Office ist kein Mensch, Rip!“, schimpfte er. „Zum Henker, ihr müsst doch wissen, wo der Marshal ist.“

Rip O’Hagan holte tief Luft. „Junge! Bist du nicht einmal imstande, eine so einfache Arbeit zu erledigen, eine Frau von einem Mann zu trennen und umgekehrt?“

Rip O’Hagan schob die beiden auseinander und stapfte los. Jimmy und Hep schlossen sich an. Während sie die Straße überquerten, berichtete Hep, was er eben von Rip O’Hagan erfahren hatte.

Rip O’Hagan trat mit Wucht gegen die Office-Tür, trommelte mit den Fäusten dagegen und fluchte wie ein Kastenteufel.

Da wurde drinnen der Riegel zurückgezogen. Die Tür ging auf. Cliff, Jimmys Bruder, trat auf die Schwelle. Er knöpfte sich das Hemd über der Brust zu und blickte verärgert von einem zum anderen. „Ja!“, brummte er schlecht gelaunt. „Ich habe es begriffen. Irgend etwas ist passiert. Zum Teufel, was?“

Conchita stand am Gewehrschrank und ordnete sich das Haar. Als sie die Männer erblickte, kam sie langsam zur Tür - langsam und mit wiegenden Hüften. Die junge Mexikanerin war ein ausgesprochen hübsches Mädchen. Sie war mittelgroß, dunkelhaarig und besaß Augen, deren Blick einen Mann um den Verstand bringen konnte, auch dann, wenn sie es nicht darauf anlegte. Ihre Figur war geradezu hinreißend. Sie war nicht schlank, aber auch nicht üppig. Alles saß dort, wohin es gehörte, vor allem in den richtigen Proportionen. Sie war schlechthin eine Frau, die für jeden Mann eine glatte Herausforderung darstellte. Aber sie hatte mehr Qualitäten. Viermal in der Woche gab sie den Kindern Unterricht, oft half sie Dr. Mills als Krankenschwester. Und außerdem war sie mit Cliff verlobt.

Sie blieb hinter Cliff stehen, umfasste seine Brust und schmiegte den Kopf an seiner Schulter, den Blick auf die drei Männer gerichtet, die nichts anderes tun konnten, als sie anzustarren.

„He?“, knurrte Cliff Copper. „Ich habe euch drei Narren etwas gefragt! Seid ihr vielleicht nur hergekommen, um mich in meiner Ruhe zu stören?“

„Cliff, es ist etwas passiert“, krächzte Rip O’Hagan und nickte Conchita lächelnd zu.

„Ja!“, stieß Cliff grollend hervor, während er sich aus Conchitas Griff befreite. „Erfahre ich vielleicht endlich, was?“

„Wir haben auf der Circle C zwei Tote!“, sagte Jimmy stockend.

„Der Waffentransport ist aufgetaucht“, warf Rip O’Hagan ein. „Die Männer, von denen Jimmy redet, sind mit einer Gatling umgebracht worden.“

„Das ist genau die Nachricht, die ich in meinem Frieden gebrauchen kann!“, polterte Cliff. „Wartet, ich sattle mein Pferd!“ Er drehte sich um. „Conchita, Liebling, es ist mein verdammter Job, mich hier um alles zu kümmern. Aber ich bin bald zurück. Das verspreche ich dir!“

„Aber Cliff, lass dich in deiner Arbeit nicht aufhalten“, sagte Conchita. Sie küssten sich. Dann lief Cliff durch die Hintertür hinaus.

Jimmy grinste und lüftete den Hut.

„Tut mir leid, Conchita! Aber er wird nicht lange mit der Sache zu tun haben.“

„Das macht doch nichts“, erwiderte sie. „Hep, wie geht es dir?“

Hep trat von einem Bein auf das andere, spreizte sich wie ein Pfau und schob den Hut hin und her. „Mir geht es prächtig, Conchita. Vor allem, wenn ich dich sehe.“

Cliff hatte in kurzer Zeit gesattelt und führte seinen Braunen auf die Straße. „Na, los!“, rief er. „Worauf wartet ihr?“

Hep und Jimmy zogen die Hüte und liefen zu den Pferden.

„Rip!“, rief Cliff, während er sich in den Sattel schwang. „Gib solange auf Conchita acht!“

Rip O’Hagan ergriff sofort Conchitas Arm und winkte den drei Männern gelassen zu. „Das werde ich schon besorgen.“

Cliff, Jimmy und Hep rissen die Pferde herum und jagten aus der Stadt. Rip O’Hagan und Conchita sahen ihnen nach. Rip schloss dann das Office ab und führte Conchita zum Hotel zurück, wo seine Frau schon auf ihn wartete.

Rip O’Hagan trennte sich in der Halle von Conchita, um sich zu den Offizieren zu begeben, die im Frühstücksraum saßen. Doch bevor er dem Colonel und seinen Begleitern berichten konnte, musste er erst seiner Frau Rede und Antwort stehen.

„Du Kavalier!“, empfing sie ihn und maß ihn mit einem blitzenden Blick von oben bis unten.

„Ich verstehe kein Wort“, sagte er und grinste.

Sie warf die Arme kurz hoch. „Nicht einmal, als wir uns gerade kennengelernt hatten, hast du mich so behutsam über die Straße geführt.“

„Julie! Sie gehört zu Cliff Copper, und er ist mein Freund!“

„Da bin ich vielleicht froh, dass Cliff dein Freund ist. Ich bin mir bloß nicht sicher, ob sie das auch weiß.“

„Warum sagst du so etwas?“

„Weil ich Augen im Kopf habe!“, zischte Julie, rollte mit den Augen, wie es Conchita nicht besser gekonnt hätte, und rauschte ab in die Küche.

Rip O’Hagan seufzte, schüttelte den Kopf und ging zu den Offizieren, um ihnen mitzuteilen, was er von den Circle C-Männern erfahren hatte.

 

*

 

Die sechs Männer hatten in dem kleinen Hotelzimmer gerade Platz. Der älteste von ihnen war ein großer stämmiger Grauschopf. Er lag auf dem Bett und starrte missmutig zur Decke.

Einer der Männer stand am Fenster und schaute auf die Straße hinab. Die anderen saßen auf Hockern und Stühlen und blickten schlecht gelaunt auf Kilroy, der auf dem Bett lag und sie alle vergessen zu haben schien.

„Also, wenn ihr mich fragt, so würde ich sagen, eine sichere Spur von Kilroys Bruder finden wir nur, wenn der Treck entdeckt worden ist“, sagte der Mann am Fenster und blickte gespannt zum Bett. „Dann erst haben wir eine reelle Chance, Rache zu üben.“

„Dem stimme ich zu“, ließ sich einer der anderen vernehmen. „Wir finden deinen Bruder nur, wenn wir von der Kavallerie oder irgendwelchen Polizistenhunden auf seine Fährte gebracht werden.“

„Redet nicht!“, versetzte Kilroy gereizt. „Nach eurer Meinung seid ihr außerdem gar nicht gefragt worden.“

Die Männer schwiegen. Der Mann am Fenster schaute wieder angestrengt auf die Straße hinab. Er hieß Luther Creasy und zählte zu den gefürchtetsten Revolvermännern in Nord-Arizona. In Tucson kannte ihn noch kein Mensch. Er beobachtete, wie der Marshal in Begleitung von zwei Männern die Stadt verließ.

„Cliff Copper reitet aus der Stadt“, sagte er lächelnd. „Wie ist es, Kilroy, sollten wir da nicht wenigstens die Bank in diesem Nest ausnehmen?“

„Halt dein Maul!“, schimpfte Kilroy und drehte sich auf dem Bett. „Wir haben anderes vor. Wichtigere Dinge!“ Luther Creasy lächelte. Aber nicht über Kilroys Geschimpfe. Er beobachtete, wie Rip O’Hagan mit Conchita Aragusta die Straße überquerte. Kurz darauf hörte er sie unten in der Halle. Die Zimmertür war nur angelehnt, so dass das Stimmengewirr den Treppenschacht herauf ins Zimmer drang.

Nun vernahmen auch die anderen Conchitas Stimme.

„Die Spießer in Tucson wissen gar nicht, was sie an so einer Frau haben“, sagte einer der Männer und leckte sich die Lippen.

„Du mit deinen Weibergeschichten!“, brummte Kilroy. „Lass mir bloß dieses Mexikanerweib in Ruhe! Der Marshal hat sich auf sie eingeschworen, und mit dem möchte ich nichts zu tun haben.“

Luther Creasy holte das Rauchzeug aus der Tasche und drehte sich eine Zigarette. „Trotzdem, Kilroy!“, erklärte er gelassen. „Diese Conchita wäre genau das, was uns fehlt. Ich meine, das Leben wäre lustiger für uns. Für uns alle.“

Kilroy verzog angewidert den Mund.

„Ich kann Mexikanerweiber nicht ausstehen.“

„Diese Conchita ist eine besondere Rasse und Klasse“, sagte Luther Creasy.

„Wir ziehen trotzdem allein weiter!“, versetzte Kilroy gereizt.

Luther Creasy rauchte gelangweilt. Die anderen beobachteten ihn und Kilroy. Kilroy starrte teilnahmslos zur Decke. Bis sie endlich Hal die Treppe heraufkommen hörten.

Luther Creasy ließ sofort die Zigarette fallen und zertrat sie mit dem Absatz. Die Männer blickten gespannt zur Tür. Kilroy stützte sich auf die Ellenbogen.

Hai war ein schlanker Bursche von zwanzig Jahren. Er kam herein, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. „Warum lasst ihr die Tür auf? Man kann unten jedes Wort verstehen, das hier oben gesprochen wird.“

Kilroy zog die Bandana vom Hals und wischte sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken. „Um diese Jahreszeit sind Hotelzimmer in dieser verdammten Gegend die reinsten Backöfen. Gibt es etwas?“

„Ich denke, wir sind am Zug“, lächelte Hal. Ihm fehlten die Schneidezähne. Wenn er lächelte, sah man seine gewaltigen Eckhauer feucht glänzen. „Ich denke, wir sind am Zug, und ich denke auch, dass wir verdammt schnell sein müssen, Kilroy.“

Spannung machte sich breit. Luther Creasy reckte sich. Kilroy schwang die Beine vom Bett.

„Rede, zum Teufel!“, polterte Kilroy. „Du weißt, dass ich langatmige Einleitungen nicht leiden kann. Beim Tod nicht!“

Im Hotel war plötzlich reges Leben. Luther Creasy blickte zum Fenster hinaus. Die drei Offiziere der Unions-Kavallerie verließen das Hotel und stiefelten zum Mietstall, in dem sie ihre Pferde untergestellt hatten.

„Auf einer Ranch in der Nähe sind Tote gefunden worden“, sagte Hal und fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Hals. „Erschossen von einer Maschinenkanone!“

Kilroy stand mit einem Satz auf den Beinen. Auch die Männer erhoben sich. Luther Creasy legte die Faust auf den Revolverkolben.

„Woher, zum Henker, willst du das wissen?“, schnaufte Kilroy.

„Rip O’Hagan hat es eben von der Straße hereingebracht“, sagte Hal und lächelte. „Der Colonel hat sich daraufhin sofort auf den Weg gemacht.“

Kilroys Kopf flog herum.

Luther Creasy nickte. „Well, die Offiziere verlassen die Stadt. Vermutlich werden sie jetzt die gesamte Unionskavallerie auf die Beine bringen. Ich glaube, wir müssen tatsächlich sehr schnell sein.“

Kilroy lief in dem engen nach Schweiß riechenden Raum einmal auf und ab. Dann blieb er vor Luther Creasy stehen.

„Luther!“, schnaufte er. „Mein Bruder verfügt über zwanzig Mann! Wir aber sind gerade sieben.“

„Wenn wir das Geschäft nicht versuchen, wird es die Armee abschließen“, sagte Luther Creasy und zuckte die Schultern.

„Eben!“, fauchte Kilroy. „Wenn es uns wirklich gelingen sollte, die Wagen zu erobern, werden wir sie gegen die ganze Armee zu verteidigen haben. Davon rede ich ja.“

„Die Grenze ist nicht weit“, sagte Luther Creasy. „Die Armee wird zurückbleiben. Dieser verdammte Marshal bereitet mir da größeres Kopfzerbrechen!“

Kilroy starrte ihn an. „Ich weiß schon, du willst das Frauenzimmer mithaben.“

„Wir hätten unseren Spaß. Wir alle!“

„Wie stellst du dir das vor?“

Luther Creasy lächelte. „Ich kenne mich aus mit Frauen. Ihr würde es nichts ausmachen. Gar nichts! Wenn sie nur zu etwas kommt. Außerdem können wir uns auf diese Weise den Marshal vom Hals halten.“

„Rede nicht!“, polterte Kilroy. „An den Marshal glaubst du nicht wirklich. Dir geht es nur um dieses Frauenzimmer.“

Luther Creasy schwieg sich aus. Kilroy wandte sich um und blickte von einem zum anderen. Sie hatten alle immer nur unter Männern gelebt. Jahraus, jahrein. Das waren sie leid. Er sah es ihnen an. Und es war eine Belastungsprobe. Die ganzen Tage schon hatte er gespürt, dass diese Mannschaft auseinanderzubrechen drohte. Er begriff mit einem Schlag, wie er die Männer bei der Stange halten konnte.

Er wandte sich Luther Creasy wieder zu und nickte. „Also gut! Meinetwegen. Ihr wisst vermutlich längst, wie ihr die Frau aus der Stadt schaffen könnt?“

Luther Creasy grinste zäh. „Well, wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht.“

„Wir haben aber nicht viel Zeit!“, gab Kilroy zu bedenken.

Luther Creasy grinste und nickte einem der Männer zu. „Besorg den Wagen, Sarge! Beeil dich! Wir machen es genau so, wie wir es uns vorgestellt haben.“

„Einen Wagen!“, schnaufte Kilroy. „Ihr seid wohl verrückt geworden? Wir müssen todsicher in die Wüste hinein.“

„Doch nur bis hinter die Stadt“, sagte Luther Creasy. „Wir lassen den Wagen gleich hinter dem Stadtrand stehen.“

„Also gut!“, versetzte Kilroy. „Du und Sarge, ihr erledigt das. Wir aber reiten aus der Stadt, und wir werden, verdammt noch einmal, nichts mit der Sache zu tun haben, wenn ihr auffliegt. Lasst euch das schnell noch durch den Kopf gehen.“

Luther Creasy nickte sofort. „Well, Sarge und ich werden die Sache erledigen.“

„Sattelt die Pferde!“, schnarrte Kilroy.

Die Männer griffen nach ihren Gewehren und Packen und verließen das Zimmer. Nur Kilroy und Luther Creasy blieben zurück.

„Wir werden zunächst zu dieser Ranch reiten, auf der die Männer mit einer Maschinenkanone erschossen worden sind“, sagte Kilroy.

Luther Creasy grinste. „Es wird darauf hinauslaufen, dass wir nach Süden müssen. Da kenne ich deinen Bruder. Wir treffen uns also in dieser Richtung.“

„Aber komm mir nicht mit einem Wagen angefahren!“

Luther Creasy hob abwehrend die Hände. „Wir benötigen den Wagen nur, um die Mexikanerin aus der Stadt zu bringen.“

Kilroy musterte ihn mit ausdruckslosem Blick. „Du musst verrückt geworden sein, wegen einer Mexikanerin ein solches Risiko einzugehen“, sagte er langsam. „Ich bin ebenfalls verrückt, dass ich es auch noch zulasse.“

„Es gibt gar kein Risiko!“

„Darauf verlasse ich mich auch!“, schnarrte Kilroy, machte kehrt und stapfte aus dem Zimmer.

Luther Creasy ging zum Fenster zurück und wartete dort, bis er Sarge mit einem Zweispänner um das mitten auf der Fahrbahn stehende Stadthaus gefahren kommen sah. Dann verließ auch er den mit stickiger Luft und mit dem Geruch von Sattelleder und Schweiß angefüllten Raum.

Die Männer stiegen vor dem Hotel auf die Pferde. Kilroy sprach noch mit Rip O’Hagan, der ihnen einen guten Ritt nach Kalifornien wünschte. Luther Creasy blieb auf der Treppe stehen und drückte sich gegen die Wand. Rip O’Hagan begleitete Kilroy hinaus. Sarge fuhr mit dem Wagen hinten in den Hof. Augenblicke später schlich sich Sarge unten durch die Halle und kam zu Luther Creasy herauf.

„Der Wagen steht unten“, grinste Sarge. „Ein viersitziger Zweispänner!“

„Decken?“

Sarge nickte. „Uns fehlt nur noch die Frau.“ Er zog den Colt und ließ die Walze rotieren.

Luther Creasy schüttelte den Kopf und zog das Messer, das er in einer verborgenen Scheide im Ärmel stecken hatte. „Den Tod fürchtet sie bestimmt nicht“, erklärte er raunend. „Aber um ihre hübsche Larve wird sie sich eher sorgen.“

Rip O’Hagan kam von draußen herein. Die beiden glitten lautlos die Treppe hinauf. Der Hotelier und Saloonbesitzer lief durch die Halle und verschwand in der Küche. Draußen ritt Kilroy mit den Männern aus der Stadt.

„Rasch jetzt!“, zischte Luther Creasy, „Sehen wir zuerst in ihr Zimmer hinein.“

„Sie sitzt im Speiseraum!“, zischte Sarge. „Allein! Ich habe sie durch das Fenster sehen können.“

 

*

 

Sie stiegen die Stufen behutsam hinab, durchmaßen die Halle und betraten den Flur. Luther Creasy ließ das Messer wieder im Ärmel verschwinden. Als sie vor der Tür des Speiseraumes stehenblieben, schickte er Sarge mit einem Blick weiter. Nachdem Sarge das Haus durch die Hintertür verlassen hatte, schaute er sich noch einmal spähend um, klopfte an und betrat den Speiseraum.

Conchita Aragusta saß am letzten Tisch und war damit beschäftigt, sich eine Patience zu legen. Sie sah kurz auf, lächelte freundlich und neigte sich wieder über das Spiel.

Luther Creasy ging schnell auf sie zu. „Na endlich sind die Blaujacken weg, Ma’am“, raunte er. „Seit heute Morgen hockt ein wildfremder Bursche im Stall, der Stein und Bein schwört, für Sie eine Nachricht aus Hermosillo zu haben. Von Ihrem Vater.“

Conchita fuhr hoch und erbleichte. „Um Himmels willen!“

„Ein Verrückter, nicht wahr?“, sagte Luther Creasy und hakte die Daumen hinter den Revolvergurt. „Na, dem breche ich gleich sämtliche Knochen.“

Er wollte kehrtmachen. Doch sie hielt ihn fest. „Warten Sie, Mister Creasy!“

Luther Creasy sah sie zweifelnd an. „Ma’am, der Kerl sieht mir nach einem entflohenen Sträfling aus.“

„Mister Creasy!“, flehte sie. „Bitte, passen Sie auf, dass uns niemand beobachtet oder überraschen kann. Ich werde es Ihnen später erklären.“

Luther Creasy trat zur Seite, um ihr den Weg freizugeben. Erklären brauchte sie ihm nichts. Er war längst im Bilde. Conchita Aragusta war die Tochter eines Mexikaners, den Benito Juarez enteignet hatte, weil er die Freundschaft zu einem ehemaligen Offizier Kaiser Maximilians nicht aufgeben wollte. Nun lebte Conchitas Vater in Hermosillo und trieb schlecht und recht Handel mit Vieh und Landeserzeugnissen. Es gab in Tucson Leute, die das Creasy erzählt hatten.

Er wunderte sich deshalb nicht, dass sie an ihm vorbeihastete und zur Tür rannte. Im Gegenteil! Er hatte genau diese Reaktion von ihr erwartet. Er ließ sie vorangehen, sah sich auf der Schwelle kurz um und folgte ihr dann rasch zur Hintertür. Dort holte er sie ein, ergriff sie am Arm, was sie geschehen ließ, und schob sie in Sarges Fäuste, der sie zu dem Zweispänner führte.

Erst dort am Wagen zögerte sie und wehrte sich gegen Sarges Griff. Sie wandte sich um und blickte Luther Creasy in die Augen. Luther Creasy erkannte mit einem Schlag, dass sie begriff, welches Spiel in Wirklichkeit im Gange war. Er packte sie, stieß sie auf den Wagen hinauf, zog das Messer und setzte es ihr an den Hals.

„Nur eine falsche Bewegung, Ma’am!“, zischte er ihr ins Gesicht. „Ich schwöre Ihnen, dass Sie in Zukunft jedem Spiegel aus dem Wege gehen werden.“

Er sprang zu ihr hinauf, stieß sie zu Boden und duckte sich, da Sarge eine Decke über sie warf.

Sarge war sofort auf den Fahrersitz des Wagens gesprungen. Den Bruchteil einer Sekunde später rollte der Zweispänner schon ab.

Conchita wehrte sich gegen die Decke. Doch Luther Creasy wälzte sich auf sie und hielt ihr die Klinge vor das Gesicht.

„Ich schneide dir ein Kreuz in die Larve!“, zischte er mit Schärfe in der Stimme.

Conchitas Widerstand erschlaffte. Sarge trieb die Pferde zum Galopp und lenkte das Gespann auf die Straße. Die Fliehkraft drückte Luther Creasy und das Mädchen gegen das Bordbrett, dass er dje Hand mit dem Messer sinken ließ, um sich abzustützen. Darauf schien sie nur gewartet zu haben. Sie bewegte sich wie eine Raubkatze, drehte und wand sich unter ihm hervor und biss und kratzte ihn.

Doch der Wagen war schon aus Tucson hinausgerollt. Luther Creasy lachte roh, griff zu und hielt Conchita mit einer Faust gepackt. Dagegen ließ er sie eine Weile ankämpfen, bis sie von selbst die Aussichtslosigkeit einsah und aufgab.

Luther Creasy ließ sie los und setzte sich auf. Blut lief ihm über das Gesicht. Sie hatte ihm mit den Fingernägeln eine tiefe Wunde unter dem rechten Auge gerissen. Er spürte den Schmerz und presste die Hand gegen die Verletzung. Dabei blickte er ihr in das von Schweiß und Tränen verschmierte Gesicht.

Sarge drehte sich nach ihnen um und grinste, als er die Verletzung in Luther Creasys Gesicht entdeckte. „Mexikanerinnen haben scharfe Krallen. Wusstest du das nicht?“

„Halt das Maul!“, brummte Luther Creasy verärgert.

Sarge trieb die Pferde noch einmal mächtig an. Kurz darauf hielt er in einer Mulde abseits der Poststraße. Luther Creasy stieg ab und befahl Conchita den Wagen zu verlassen. Sarge fuhr dann sofort zurück, um die Reitpferde zu holen.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte Conchita den langen Revolvermann.

„Nichts weiter!“, erwiderte Luther Creasy. „Wir reisen nach Mexiko, und Sie werden uns ein Stück begleiten. Zu unserer Sicherheit und zu Ihrer eigenen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921892
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
circle c-ranch hilferuf mexiko

Autor

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Titel: Circle C-RANCH #29: Hilferuf aus Mexiko