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Ein Jack Braden Thriller #4: Die Bestie vom Riverside Drive

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Jane Dabberton war Opfer eines Mordanschlags geworden. Man verdächtigte ihren Mann William und verurteilte ihn. Doch Privatdetektiv Jack Braden, der Jahre später von Daphne Dabberton, der Tochter der Ermordeten, angeheuert wurde, geht davon aus, dass Mrs. Dabbertons Geliebter, Allan Shantham, dem sie zuvor ihren Schmuck ausgehändigt haben soll, der Täter ist. Während einer Befragung beteuert Shantham jedoch seine Unschuld. Da taucht eine schöne Unbekannte auf, die den Detektiv zu bestechen versucht, damit er die Ermittlungen einstellt – wenig später findet Jack Braden die Frau in seinem Wagen – erstochen ...

Leseprobe

Table of Contents

Die Bestie vom Riverside Drive

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

Die Bestie vom Riverside Drive

Ein Jack Braden Thriller #4

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Jane Dabberton war Opfer eines Mordanschlags geworden. Man verdächtigte ihren Mann William und verurteilte ihn. Doch Privatdetektiv Jack Braden, der Jahre später von Daphne Dabberton, der Tochter der Ermordeten, angeheuert wurde, geht davon aus, dass Mrs. Dabbertons Geliebter, Allan Shantham, dem sie zuvor ihren Schmuck ausgehändigt haben soll, der Täter ist. Während einer Befragung beteuert Shantham jedoch seine Unschuld. Da taucht eine schöne Unbekannte auf, die den Detektiv zu bestechen versucht, damit er die Ermittlungen einstellt – wenig später findet Jack Braden die Frau in seinem Wagen – erstochen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Shanthams Fehler war, dass er sich zu spät duckte. Der Schlag traf ihn mit der Wucht eines Dampfhammers genau auf den Punkt. Das war das Ende. Er ging zu Boden und blieb auf dem Rücken liegen, den Mund zu einem kreisrunden ,O‘ geformt, ein Knie leicht angewinkelt, die Arme wie als Symbol hilfloser Kapitulation zur Seite geworfen.

Es war ein kurzer, aber heftiger Kampf gewesen. Shanthams gefürchteter Punsch litt an einer gewissen Schwerfälligkeit, die sich schon im Ansatz verriet. Jack hatte keine Mühe gehabt, mit dem Gegner fertigzuwerden.

„Alle Achtung!“, sagte eine dunkle, weibliche Stimme hinter Jack.

Er wandte sich um. Als er die Blonde sah, griff er unwillkürlich nach seinem verrutschten Schlipsknoten. Er straffte ihn, während die Blonde auf ihn zuschlenderte.

Ihr schulterfreies Kleid schillerte wie Lackleder; es betonte die provozierende Bewegung ihrer Hüften. Die gleiche Herausforderung lag in den dunklen Augen und den vollen, aufgeworfenen Lippen, die lockend und spöttisch zugleich wirkten. „Gehören Sie zu ihm?“, fragte er.

Das Mädchen blickte Jack an. Das Licht einer nahen Straßenlaterne ließ erkennen, dass sie noch sehr jung war — so um die Zwanzig herum. Sie benutzte ein teures Parfüm, aber Jack fand, dass es nicht zu ihrem Typ passte. Bei Tageslicht mochten ihre Augen weniger dunkel wirken — jetzt erinnerten sie an polierten Onyx.

„Er ist der Mann meiner Wahl“, meinte sie.

„Sie haben die Prügelei beobachtet?“

„Es war sehr amüsant“, versicherte das Mädchen. „Der gute Shanty! Er ist nicht mehr so rasch auf den Beinen, wie er zu glauben scheint.“

„Warum hat er mich angegriffen?“

„Das wissen Sie doch, Braden. Er möchte Ihnen eine Lektion erteilen.“

„Ich fürchte, damit wird er noch eine Menge Ärger haben. Wie heißen Sie?“

„Denise Elliot. Eigentlich bin ich überrascht, dass Sie mich nicht kennen. Sie wissen doch sonst alles über Shantys Leben. Lange genug haben Sie ja darin herumgeschnüffelt. Es ist kein Wunder, dass er zurückzuschlagen versuchte ...“

„Er hätte die Finger vom Verbrechen lassen sollen“, meinte Jack Braden.

„Lassen Sie sie denn davon?“

„Ich marschiere in umgekehrter Richtung“, sagte Jack. „Ich bekämpfe das Verbrechen.“

„Ach, hören Sie doch auf!“, meinte das Mädchen spöttisch. „Sie sind Privatdetektiv. Sie tun alles, wenn Sie nur entsprechend bezahlt werden. Hier sind wir ganz unter uns. Sprechen wir offen miteinander. Was kostet Ihr Schweigen?“

„Da sind Sie bei mir auf dem falschen Dampfer“, erklärte Jack.

Das Mädchen lächelte. „Wie viel?“, fragte sie ruhig. „Zehntausend?“

Jack schüttelte den Kopf. „Ich verstehe die Welt nicht mehr! Ihr Aussehen und Ihre Figur könnten dem Hollywoodfilm die Spritze geben, die er so notwendig braucht. Wenn Sie wollten, könnte an jedem Ihrer Finger ein Millionär zappeln! Aber was tun Sie? Sie hängen sich ausgerechnet an einen Gangster vom Schlage Allan Shanthams!“

„Noch ist nicht erwiesen, dass er ein Gangster ist“, sagte das Mädchen.

„Für mich schon.“

„Zwanzigtausend?“

„Verdoppeln Sie immer so rasch den Einsatz? Woher wollen Sie das Geld nehmen?“

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Sie sind also einverstanden?“

„Nein. Ich bin nicht käuflich.“

„Was zahlt Ihnen Ihr Klient?“

„Zweitausend Bucks.“

„Ihnen ist nicht zu helfen!“ Die Stimme des Mädchens senkte sich zu einem Flüstern. „Ich glaube, er kommt zu sich ...“

Jack wandte sich um. Neben Shantham kniete er sich auf das schmutzige Pflaster.

Shantham hatte ein rundes, volles Gesicht. Die ordinär-brutalen Züge kennzeichneten den Erfolgsmenschen einer bestimmten Klasse, den Ellenbogentyp, der weder Skrupel noch Gewissen hat. Shantham war jetzt fünfundvierzig Jahre alt. Jack fragte sich, wie er vor zehn Jahren ausgesehen haben mochte, damals, als die Affäre mit Jane Dabberton seinem Leben eine neue Richtung gegeben hatte.

Zitternd hob Shantham die Lider. Er wälzte den Kopf zur Seite. Als er Jack erkannte, verzog er sein Gesicht zu einer Grimasse.

„Haben Sie sich verletzt?“, fragte Jack.

„Ich weiß es nicht. Helfen Sie mir hoch, bitte“, murmelte Shantham.

Jack griff dem schwergewichtigen Shantham beim Aufstehen unter die Arme. „Mein armer Kopf!“, stöhnte Shantham. Er torkelte zur nächsten Laterne und hielt sich daran fest.

„Ich bringe Sie nach Hause“, sagte Jack Braden.

Shantham hob mit aggressivem Gesichtsausdruck das Kinn. „Kommt nicht in Frage!“, erklärte er. „Ich finde allein in meine Bude! Spielen Sie sich nur nicht als barmherziger Samariter auf! Ich weiß, was davon zu halten ist: Sie wollen bei mir zu Hause herumschnüffeln. Aber daraus wird nichts!“

„Reden Sie ihm doch zu, bitte ...“, meinte Jack und drehte sich nach dem Mädchen um.

Sie war verschwunden. Das Dunkel hatte sie gleichsam verschluckt.

„Was ist los?“, fragte Shantham. Irritiert schob er die Unterlippe nach vorn.

„Miss Elliot!“, rief Jack laut.

Keine Antwort.

„Haben Sie’n Wackelkontakt?“, fragte Shantham.

„Sie stand eben noch hier! Denise — Ihre Freundin!“

Shanthams Augen wurden groß, rund und erstaunt. „Meine Freundin? Fast könnte man meinen, dass Sie auf den Kopf gefallen sind, und nicht ich ...“

Jack zog die Luft durch die Zähne. Dann sagte er: „Versuchen Sie bitte nicht, mich zum Narren zu halten. Das Mädchen hat gesehen, wie wir uns prügelten. Sie bot mir für mein Schweigen erst zehn und schließlich zwanzigtausend ...“

„Welches Mädchen?“, fragte Shantham. Zwischen seinen Augen steilte sich eine tiefe Falte. „Sie sprechen wirklich in Rätseln! Ich kenne keine Denise! Wie soll sie mit Nachnamen heißen? Elliot? Fehlanzeige, Meister!“

„Sie bestreiten, eine blonde und enorm attraktive Freundin dieses Namens zu haben? Sie ist nicht viel älter als zwanzig Jahre.“

Shantham grinste. Das Grinsen wirkte etwas gequält; in ihm spiegelte sich die Erschöpfung, die sich aus den Nachwirkungen des Kampfes erklärte. „Mein Wort darauf, Braden — ich würde gern zugeben, mit dieser Amüsierbiene zu verkehren, aber leider trifft das nicht zu! Die Blondinen, die ich kenne, kommen allesamt aus der Retorte. Zweimal monatlich erblonden sie unter einer Frisierhaube. Meistens haben diese Dämchen die Dreißig schon überschritten, und sie legen keinen Wert auf meine Freundschaft, sondern sie interessieren sich nur für die Leistungsfähigkeit meiner Brieftasche. Das sind die Fakten.“

Jack Braden ließ Shantham beim Sprechen keine Sekunde aus den Augen. Er hatte Shantham inzwischen gut genug kennengelernt, um die kleinen, verräterischen Nuancen in Stimme und Mimik wahrzunehmen, die die Wahrheit von der Lüge unterschieden. Es hatte den Anschein, als ob Shantham nicht schwindelte.

Aber was hatte dann das überraschende Auftauchen des Mädchens zu bedeuten? Was hatte sie beabsichtigt? Weshalb hatte sie den absurden Bestechungsversuch in Szene gesetzt?

„Gehen wir zu Ihnen“, schlug Jack vor.

„Sie werden den Fuß nicht über die Schwelle meiner Wohnung setzen!“

„Okay — wie Sie wollen! Rufen wir die Polizei an ...“

„Damit können Sie mich nicht einschüchtern! Ich werde behaupten, dass Sie mich niedergeschlagen haben! Wie wollen Sie das Gegenteil beweisen? Es gibt keine Zeugen.

„Außer Denise“, sagte Jack.

„Hören Sie auf, von diesem Phantom zu quasseln! Damit gehen Sie mir auf den Wecker.“ Er schluckte plötzlich und in seine Augen trat ein halb überraschter, halb neugierig-nachdenklicher Ausdruck. „Ist sie sehr hübsch?“, fragte er. „Ungewöhnlich hübsch? Ein richtiger Knüller?“

„Hm“, machte. Jack Braden und nickte. „Das kommt genau hin.“

„Etwa so groß?“, erkundigte sich Shantham und hob die Hand bis zur Schulterhöhe.

Jack nickte.

Shantham biss sich auf die Unterlippe. „Das wirft mich um!“, murmelte er.

„Sie geben endlich zu, dass Sie das Mädchen kennen?“, fragte Jack.

„Unsinn. Aber ich habe die Kleine, in den letzten Tagen oft zu Gesicht bekommen. Sie fiel mir aus zweierlei Gründen auf. Erstens ist sie hinreißend schön — und zweitens kreuzte sie immer wieder meinen Weg. Mir dämmerte bereits, dass das kein Zufall sein kann.“

„Wo haben Sie sie getroffen?“

„Mal hier, mal da. Meistens in dieser Straße, wo ich wohne. Wissen Sie, was ich vermute? Das Mädchen ist ’ne Kollegin von Ihnen! Sie schnüffelt hinter mir her!“

„Sie glauben, dass das Mädchen Sie überwacht? In wessen Auftrag sollte das geschehen?“

„Na, sicherlich hat Daphne Dabberton mal wieder die Weichen gestellt! Sie ist doch die Einzige, die mir was am Zeuge flicken möchte ...“

„Daphne Dabberton? Ausgeschlossen! Sie kennen Miss Dabbertons finanzielle Lage. Die junge Dame hat schon Mühe, mich zu bezahlen. Weshalb sollte sie unter diesen Umständen eine zweite Agentur eingeschaltet haben?“

„Vielleicht ist sie mit Ihnen nicht zufrieden! Vielleicht hofft sie, rascher zu Erfolgen zu kommen! Aber da wird sie kein Glück haben. Ich lasse mich von keinem auf’s Kreuz legen!“ Er räusperte sich. „Haben Sie mit der Blonden gesprochen, als mein Bewusstsein sich für’n paar Minuten empfohlen hatte?“

„Ein paar Sätze. Das Mädchen behauptete, dass Sie der Mann ihrer Wahl sind!“ Shantham glotzte Jack an. „Wollen Sie mich auf die Schippe nehmen?“, fragte er.

„Das waren ihre Worte!“, versicherte Jack.

„Was hat sie noch gesagt?“

„Eine ganze Menge. Wollen Sie’s wissen — Wort für Wort?“

„Klar, Mann!“

„Okay, ich bin bereit, darüber zu sprechen. Aber nicht hier! Gehen wir zu Ihnen ...“

Shantham legte die Stirn in Falten. Er überlegte kurz. Dann sagte er: „Meinetwegen! Ich habe nichts zu verbergen. Kommen Sie mit ...“

Auf dem Wege zu Shanthams Wohnung fragte Jack: „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, als Sie plötzlich mit den Fäusten auf mich losgingen?“

„Mir platzte einfach der Kragen, als Sie hinter mir aus dem Wagen stiegen! Glauben Sie, es macht Spaß, immer wieder beschattet zu werden? Ich hatte eine Stinkwut gegen Sie im Bauch ...“

„Sie fangen an, nervös zu werden“, stellte Jack zufrieden fest. „Vorige Woche wäre Ihnen das nicht passiert.“

„Ihre penetrante Aufdringlichkeit muss jeden nervös machen!“, meinte Shantham. „So, hier sind wir.“

Er öffnete die Haustür und knipste das Licht an. Im Hausflur roch es säuerlich-muffig. Sie stiegen die ausgetretenen Stufen zum dritten Stockwerk empor.

Dort blieb Shantham abrupt stehen. „Sehen Sie sich das mal an ...“, stieß er hervor.

Jack folgte Shanthams Blick. Die Wohnungstür war nur angelehnt.

„Wann sind Sie weggegangen?“

„Als ob Sie das nicht genau wüssten! Das war kurz nach neun Uhr ...“

„Ich traf Sie zufällig in Gallocks Bar“, sagte Jack. „Von dort bin ich Ihnen gefolgt.“

Shantham verkniff die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich habe die Tür hinter mir geschlossen, das weiß ich genau. Jemand muss in meiner Abwesenheit in der Wohnung gewesen sein!“ Er schaute Jack ins Gesicht. „Ob der Betreffende noch drin ist?“

„Das wird sich gleich zeigen“, meinte Jack. Er schob die Tür mit der Schuhspitze zurück und lauschte.

Im Wohnungsinneren war es totenstill. Shantham trat neben Jack und legte lauschend den Kopf zur Seite.

„Sollte mich nicht wundern, wenn es einer Ihrer Leute war!“, sagte er misstrauisch. „Dieser bullige Patterson zum Beispiel. Der Ex-Polyp arbeitet doch für Sie, stimmt’s? Er ist mit Hilfe eines Nachschlüssels in die Wohnung eingedrungen, um die Klunkern zu suchen.“

„Abenteuerliche Methoden dieser Art können wir uns nicht erlauben“, sagte Jack. „Das wäre der beste und sicherste Weg, die Lizenz zu verlieren. Gibt es übrigens ein paar Leute, die Sie 'Shanty' nennen?“

„Ja, warum?“

„Die Blondine nannte Sie so. — Wo ist der Lichtschalter?“

„Hier“, sagte Shantham. Er trat über die Schwelle und knipste die Dielenlampe an.

Als er sich in der quadratischen, billardgrün tapezierten Diele umblickte, bewegte er schnüffelnd die Nase, als nähme er einen fremden Geruch wahr.

Jack zählte die weiß gestrichenen Türen.

Die Wohnung bestand aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, der Küche und dem Bad.

„Ich werde Anzeige erstatten!“, sagte Shantham grimmig.

„Gegen wen?“, fragte Jack.

„Gegen unbekannt!“, meinte Shantham. „Ich wette, das wird Sie in Schwierigkeiten bringen! Seit Wochen setzen Sie mich unter Druck, Braden. Jetzt kehre ich den Spieß um!“

„Reden Sie keinen Unsinn. Sagen Sie mir lieber, wie lange Sie noch in der Diele herumzustehen beabsichtigen.“

„Da ist das Wohnzimmer“, meinte Shantham und wies mit der Hand auf eine Tür. „Gehen Sie voran!“

„Angst?“, fragte Jack spöttisch. Er setzte sich in Bewegung und öffnete die Tür.

Im Zimmer war es dunkel; man sah nur den Zipfel eines Teppichs mit Fransen, einen Stuhl und einen Tisch sowie eine Bodenvase, die im Lichtkreis der Dielenlampe lagen. Jack tastete nach dem Lichtschalter. Im nächsten Moment flammte die Deckenbeleuchtung auf.

Shantham verursachte einen gurgelnden Laut.

Dann war es völlig still.

Man hörte nur das monotone Ticken einer Wanduhr. Seltsamerweise schien dieses Geräusch den Eindruck völliger Lautlosigkeit nur zu vertiefen.

Die Blondine stand mitten im Zimmer. Die runden, glatten Schultern schimmerten warm und bronzegetönt im Licht der Lampe. Das Mädchen hielt eine Pistole in der Rechten. Die Waffenmündung war auf die beiden Männer gerichtet; der Zeigefinger mit dem blassrosa lackierten Nagel hatte den Druckpunkt erreicht.

„Hoch mit den Pfoten!“, sagte sie.

Shantham gehorchte sofort.

Jack Braden lächelte nur. „Hallo, Miss Elliot!“, sagte er. „Ich bin entzückt, Sie wiederzusehen! Würden Sie uns bitte erklären, wie die von Ihnen inszenierte Komödie weitergehen soll?“

„Treten Sie ein — Sie und Shantham!“, sagte das Mädchen. Sie sprach nicht laut, aber ihre Stimme hatte einen befehlenden, autoritären Ton, der keinen Widerspruch zu dulden schien.

Hier im grellen Licht der achtarmigen Deckenlampe wurden einige Dinge deutlich, die sich zuvor im diffusen Licht der Straßenlaterne teils richtig, teils falsch gezeigt hatten. Das Mädchen war bedeutend älter als zwanzig; vermutlich hatte sie die Fünfundzwanzig bereits überschritten. Ihre Augen waren nicht dunkel, sondern graugrün. Aber sie war schön, das unterlag keinem Zweifel, fast noch schöner, als Jack sie in Erinnerung behalten hatte.

Shantham hatte sich gefasst. Er behielt die Arme oben, aber er fragte ebenso aggressiv wie wütend: „Was, zum Teufel, treiben Sie hier?“

Die rot schillernde Unterlippe des Mädchens wölbte sich spöttisch nach unten. „Raten Sie mal, Shanty! Sie sind in Druck, mein Lieber. Mit Ihnen geht’s bergab. Ich warne Sie. Lassen Sie die Finger von ...“

Weiter kam sie nicht.

Im nächsten Moment krachte es. Hinter dem Mädchen zersplitterte eine Fensterscheibe. Der Vorhang geriet in Bewegung.

Das Mädchen sprang zur Seite. Sie starrte auf den Vorhang. Er hatte ein Loch und bewegte sich nur noch in sanften, verebbenden Wellen.

Jack ging auf das Mädchen zu.

„Stopp!“, sagte sie scharf und richtete die Pistole auf ihn.

Jack gehorchte. „Ist Ihnen klar, dass auf Sie geschossen wurde?“, fragte Jack.

„Nicht auf mich“, murmelte das Mädchen. Sie blickte schon wieder auf den Vorhang. „Auf meinen Schatten. Nur war der Schütze der Meinung, dass dieser Schatten von Shanty verursacht wurde ...“

„Das ist ausgeschlossen“, keuchte Shantham. Sein Blick wanderte von dem Loch im Vorhang zu dem Aquarell, das auf der gegenüberliegenden Zimmerseite über dem Sideboard hing. Die Kugel war dicht über dem Bild in die Wand gedrungen.

„Interessanter Schusswinkel“, stellte Jack fest. „Der Schütze muss in gleicher Höhe gestanden haben. Wer wohnt auf der anderen Straßenseite, Shantham?“

Shantham gab keine Antwort. Er starrte noch immer die Kugel in der Wand an.

Jack wandte sich an das Mädchen. „Wer sind Sie nun wirklich?“, fragte er.

„Denise Elliot“, erwiderte sie spöttisch. „Ich habe mich doch schon vorgestellt!“

„Ich möchte Ihren richtigen Namen wissen.“

„Es ist der richtige!“, erklärte sie. „Ihr plötzliches Auftauchen in der Wohnung hat mich überrascht“, fuhr sie fort. „Ich war sicher, dass Sie mit Shantham wegen des Überfalls auf der Straße noch einen langen Disput führen würden ...“

Denise Elliot ging während des Sprechens zur Tür. Shantham wich mit erhobenen Armen beiseite. An der Schwelle blieb das Mädchen stehen.

Sie blickte Shantham in die Augen. „Ich hoffe, Ihnen ist jetzt klar geworden, wie gefährlich Sie leben! Vielleicht sollten Sie Ihr weiteres Verhalten danach einrichten ...“

Im nächsten Moment war sie draußen.

Sie schloss blitzschnell die Tür. Man hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte.

„Sie hat uns eingeschlossen!“, stammelte Shantham verblüfft. „Kommen Sie da mit?“ Draußen fiel die Wohnungstür zu.

Jack setzte sich. „Steckt bei Ihnen der Zimmerschlüssel immer auf der Dielenseite?“

„Niemals!“, versicherte Shantham. „Das muss sie besorgt haben, ehe wir in die Wohnung kamen. Offensichtlich hat sie mit jeder Eventualität gerechnet ...“

„Kein Problem, das regeln wir auf meine Weise“, sagte Jack und nahm Anlauf. Beim zweiten Versuch sprang die Tür aus der Verankerung. „Das ist wirklich keine Qualität mehr.“

Er rieb sich die Schulter und fragte: „Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

„Sie machen mir Spaß!“, keuchte Shantham und ballte die Fäuste. „Meine Nerven sind keine Drahtseile. Vorfälle dieser Art knabbern ganz hübsch an ihrer Substanz. Was hat das alles zu bedeuten? Los, sagen Sie etwas! Sie sind doch Detektiv, die Zeitungen preisen Sie doch immerzu als kriminalistisches Phänomen!“

„Die Presse liebt große Worte, darauf können Sie nichts geben. Im Übrigen dürfen Sie versichert sein, dass mich der Fall mindestens ebenso brennend interessiert wie Sie. — Denise Elliot ist also mit der Blondine identisch, die in den letzten Tagen mehrfach Ihren Weg kreuzte?“

„Ja“, nickte Shantham. Er trat an das Sideboard und berührte mit dem Finger vorsichtig die Kugel über dem Bild. „Ein hübscher Brocken“, stellte er fest. „Keine Pistolenkugel. Ob sie wirklich mir gegolten hat?“

„Sie müssen Ihre Situation und Ihre Feinde ja kennen“, meinte Jack.

„Jetzt brauche ich ’n doppelstöckigen Whisky“, meinte Shantham. Er bückte sich und holte eine Flasche 'Four Roses' aus dem Sideboard. „Halten Sie mit?“

„Danke, kein Bedarf!“

Shantham stellte die Flasche auf den Tisch. „Ich bin gleich wieder da“, sagte er und ging hinaus.

Eine Minute später kehrte er mit einem Glas und einer Schale Eiswürfel zurück. „Jetzt hab ich’s!“, sagte er grimmig.

„Nun?“, fragte Jack.

„Das ganze Hickhack ist auf Ihrem Mist gewachsen! Sie haben die Komödie inszeniert, um mich zu verwirren. Aber auf diese Weise kriegen Sie mich nicht klein!“

„Was denn“, meinte Jack verblüfft, „Sie glauben im Ernst, ich könnte das Mädchen und einen Schützen gechartert haben, um Ihnen Angst einzujagen?“

„Warum nicht?“, fragte Shantham. „Ihnen traue ich alles zu!“ Er setzte sich, entkorkte die Flasche und füllte das Glas bis weit über die Hälfte. Als er zwei Eiswürfel hinterher warf, spritzte ein Teil des Getränkes auf die Tischplatte.

„Sie sind nicht sehr geschickt“, spottete Jack. „Aber Geschicklichkeit haben Sie in Ihrem Leben wohl nur ein einziges Mal bewiesen ...“

„Fangen Sie schon wieder an?“, fragte Shantham stirnrunzelnd. „Die Vergangenheit ist tot! Es ist nicht wahr, dass ich die Frau ermordet habe. Und die Juwelen hat sie mir geschenkt.“

„Das hab ich mir schon ein Dutzend Mal angehört. Die Lüge wird durch Wiederholungen nicht glaubhafter.“

Shantham trank. „Ich bin zeit meines Lebens ein Mann ohne Moral gewesen“, gab er überraschend zu, „aber damals, als ich Jane Dabberton liebte, war ich entschlossen, ein neues und besseres Leben zu beginnen ...“

„Sehr hübsch!“, spottete Jack. „Dieser Neubeginn sollte ausgerechnet mit Hilfe der Juwelen geschehen, die Mr. Dabberton seiner Frau geschenkt hatte!“

„Das ist es ja gerade!“, meinte Shantham. „Er hat sie ihr geschenkt, also gehörten sie ihr, nicht wahr? Sie konnte damit machen, was sie wollte. Genau das hat sie getan. Als ich in ihr Leben trat, war sie entschlossen, sich von dem alten Dabberton zu trennen. Sie übergab mir den Schmuck zu treuen Händen; ich sollte ihn verkaufen, ich sollte ihn zu Geld machen. Mit dem Erlös wollten wir gemeinsam ein neues Leben beginnen. Da kam der verdammte Unfall dazwischen ...“

„Der verdammte Unfall!“, echote Jack Braden höhnisch. „Er brachte der Frau den Tod — und Ihnen ein Vermögen. Sie hatten Steine im Werte von hundertdreißigtausend Dollar in den Händen ...“

„Zum Teufel mit den Juwelen!“, unterbrach Shantham. „Es wäre mir lieber gewesen, Jane hätte den Unfall lebend überstanden! Sie war die einzige Frau, aus der ich mir jemals etwas gemacht habe. Jane hätte meinem Leben einen neuen Sinn und eine neue Richtung gegeben. Das Schicksal hat es anders gewollt.“

„Das 'Schicksal' hieß damals Allan Shantham ...“

„Das behaupten Sie!“

„Nicht nur ich. Daphne Dabberton ist der gleichen Ansicht. Ich will ihr helfen, das Unrecht von damals zu sühnen.“

„Ist es ein Unrecht, wenn man sich in eine schöne, begehrenswerte Frau verliebt?“

„Diese Frau war verheiratet.“

„Danach fragt die Liebe nicht! Jane Dabberton hasste ihren Mann. Er war immer in Geschäften unterwegs, er schätzte Seitensprünge, und er kümmerte sich kaum um seine Frau. Kein Wunder, dass sie sich eines Tages entschloss, mit einem anderen Mann auf und davon zu gehen. Dieser Mann war ich!“

„Fassen wir noch einmal zusammen“, sagte Jack. „Sie hatten mit dieser Frau ein Verhältnis. An einem sonnigen Junimorgen verunglückte Jane Dabberton tödlich. Sie fuhr mit dem Wagen gegen einen Baum. Die Polizei untersuchte das Fahrzeugwrack und entdeckte, dass jemand die Bremsen angefeilt hatte. Ohne Zweifel war Jane Dabberton das Opfer eines raffiniert angelegten Mordanschlags geworden. Man verdächtigte zunächst William Dabberton, Janes Mann. In seiner Werkzeugkiste fand man die Feile, mit der die Bremsen beschädigt worden waren. Es gab zwar keine Zeugen, dass er die Tat begangen hätte, und er versicherte bis zuletzt seine Unschuld, aber das half ihm wenig. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er starb vor zwei Jahren in St. Quentin. Er ist noch immer nicht rehabilitiert ...“

„Soll ich deshalb in Tränen ausbrechen? Für mich ist er der Mann, der Janes Tod gewollt und verschuldet hat! Er wusste, dass seine Frau fest entschlossen war, mit mir durchzubrennen. Dabberton war eitel, er war gleichzeitig eifersüchtig. Der Gedanke, dass man ihn mit seiner kleinen Tochter sitzen lassen könnte, überstieg die Grenzen dessen, was er ertragen konnte. Deshalb brachte er seine Frau lieber um!“

„Ich weiß, dass sich die Geschworenen damals eine ähnliche Theorie zurechtgezimmert haben, aber diese Theorie stimmt nicht. Sie waren es, der Jane Dabberton tötete!“

„Das ist absurd!“

„Sie waren nicht hinter der Frau her, sondern hinter ihren Juwelen. Als Sie die Steine hatten, trennten Sie sich von Jane Dabberton auf die scheußlichste und gemeinste Weise, die man sich nur denken kann ...“

Shantham verdrehte die Augen. „Wie oft soll ich mir diesen Unsinn noch anhören?“

„Es ist kein Unsinn. Warum haben Sie damals versäumt, die Steine zurückzugeben?“

„Weil ich keine Lust hatte, in den Fall hineingezogen zu werden! Ist das so verwunderlich? Im Übrigen hatte Jane die Steine mir geschenkt. Hätte ich sie William Dabberton, einem Mann, den ich für ihren Mörder hielt, aushändigen sollen? Nein!“

„Sie vergessen, dass eine Tochter existiert. Daphne Dabberton. Sie hat einen Anspruch auf das Erbgut ...“

„Die Steine gehören mir!“, meinte Shantham kopfschüttelnd. „Ich gebe sie nicht her!“

„Es handelt sich nicht nur um die Steine. Daphne Dabberton wünscht, dass die Unschuld ihres Vaters bewiesen und der wahre Täter bestraft wird ...“

„Okay, das weiß ich nun. Sie haben es mir bis zum Überdruss versichert. Aber weshalb beauftragt sie damit ausgerechnet einen Privatdetektiv? Weshalb geht sie nicht zur Polizei?“

„Sie ist oft genug dort gewesen. Der Fall sei abgeschlossen, hat man ihr bedeutet. Ein Wiederaufnahmeverfahren ist nur möglich, wenn sie konkretes Beweismaterial vorlegen kann ...“

„Und Sie bemühen sich, dieses Material zu beschaffen!“, nickte Shantham grimmig. Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas. „Ich kann verstehen, dass Sie Ihrem guten Ruf als Privatdetektiv gerecht zu werden versuchen. Aber Mätzchen, wie Sie sie heute Abend probierten, verfangen bei mir nicht! Im Gegenteil. Sie laufen nur Gefahr, dabei die Lizenz zu verlieren. Die Polizei liebt keine Konkurrenz, die mit lebensgefährlichen Methoden arbeitet ...“

„Ich weiß nicht, wer auf Sie geschossen hat, Shantham, und ich habe diese Miss Elliot heute zum ersten Mal gesehen. Das ist die Wahrheit.“

Shantham rieb sich das Kinn. „Wenn ich Ihnen nur glauben könnte!“

„Sie müssen doch gemerkt haben, dass zwischen dem Mädchen und mir keine Verbindung besteht!“

„Ach was — das kann Komödie gewesen sein.“

„Denken Sie lieber einmal darüber nach, wer an Ihrem Tod interessiert sein könnte!“

„An meinem Tod?“, echote Shantham stirnrunzelnd. „Das ist doch Quatsch! Warum sollte mich jemand umbringen wollen? Ich habe keine Feinde!“

„Sie werden nicht behaupten wollen, dass ein guter Freund auf Sie geschossen hat.“

„Wer sagt Ihnen denn, dass die Kugel mir gegolten hat? Das behauptet das Mädchen! Eine Blondine, die in fremde Wohnungen eindringt und Menschen, die sie dabei überraschen, mit der Pistole bedroht! Keine sehr glaubwürdige Zeugin, möchte ich sagen! Die Elliot meinte, der Schütze habe auf den Schatten geschossen, um die Person zu treffen, die ihn verursachte. Mag sein, dass das stimmt. Ich bin jetzt sogar sicher, dass es zutrifft! Aber der Schatten war der eines Mädchens — und deshalb glaube ich, dass die Kugel für Denise Elliot bestimmt war! Die kleine raffinierte Katze hat es aber verstanden, die Tatsachen zu verdrehen ...“ Jack Braden schaute Shantham ins Gesicht. Allan Shantham war achtundvierzig Jahre alt; er hatte volle, etwas schwammige Züge mit kalten, grauen Augen, die unter sehr buschigen Brauen berechnend in die Welt blickten. Die vollen, sinnlichen Lippen und die kurze, gerade Nase vervollkommneten das Bild eines stark ichbezogenen Menschen.

An Shanthams Worten war etwas dran. Wenn der Schütze auf den Schatten angelegt hatte, konnte ihm nicht entgangen sein, dass dieser Schatten die Kurven eines Mädchens wiedergab —

Jack erhob sich. „Ich muss jetzt gehen.“ Er hatte es plötzlich eilig, wegzukommen. Vielleicht war die Blondine noch irgendwo in der Nähe.

„Was denn? Sie wollen schon abhauen?“, fragte Shantham verwundert. „Erst drängen Sie darauf, mich in die Wohnung zu begleiten — und dann wollen Sie verschwinden, noch ehe ein richtiges Gespräch zustande gekommen ist! Raten Sie mir, was ich tun soll! Würden Sie mir empfehlen, die Polizei anzurufen?“

„Das bleibt Ihnen überlassen. Ich kann und will nicht für Sie irgendwelche Entscheidungen treffen.“

„Halten Sie mich eigentlich für einen Mörder, Braden?“

„Ja, Shantham — ich bin überzeugt davon, dass Sie damals die Bremsen angefeilt haben!“

„Gehen Sie!“, sagte Shantham mit rauer, plötzlich wütender Stimme. „Hauen Sie ab! Und wagen Sie nicht, mir jemals wieder unter die Augen zu treten, sonst ...“

„Sonst?“, fragte Jack ruhig.

„Sonst nimmt es mit der berühmten Detektei Jack Braden ein schlimmes Ende“, versicherte Shantham. „Mein Wort darauf!“

Als Jack Braden das Haus verließ, war es drei Uhr morgens. Er ging die Straße hinab, langsam, wie suchend. Aber er sah weder das Mädchen noch einen anderen Menschen.

Sein Porsche parkte vor einem hohen, schmalbrüstigen Wohnhaus. Jack öffnete den Wagenschlag. Als er sich bückte, um einzusteigen, zuckte er zurück.

Auf dem Beifahrersitz hockte, in seltsam unnatürlicher Stellung, das Mädchen.

Denise Elliot!

Ihre runden, warm schimmernden Schultern waren nach unten gesunken. Der Kopf ruhte auf der Oberkante der Rückenlehne. Das metallisch schimmernde Blondhaar verdämmerte wie gesponnenes Gold in der Dunkelheit des Fonds.

„Miss Elliot!“, stieß Jack hervor.

Das Mädchen rührte sich nicht. Die Augen waren geschlossen; den Mund hielt sie leicht geöffnet. Ihr Gesicht wirkte wie eine Totenmaske.

Erst jetzt sah er das Messer.

Es steckte bis zum Heft in ihrem Leib.

Das Blut hatte das Kleid durchtränkt; es klebte feucht an dem jungen, schlanken Körper.

Jack besann sich keine Sekunde. Er riss den Hörer von der Halterung des Wagentelefons und alarmierte eine Ambulanz des nächsten Hospitals. Erst dann rief er die Polizei an.

Nachdem er die beiden Anrufe erledigt hatte, griff er nach dem Handgelenk des Mädchens. Der Puls schlug nur noch schwach; fast schien es so, als liefe er aus — wie ein Auto, das im Leerlauf weiterrollt, weil ihm der Treibstoff ausgegangen ist. Man weiß, dass es noch ein paar Dutzend Meter schaffen wird, aber dann muss es stehen bleiben, unwiderruflich. Und wie lange schaffte es noch dieses Herz?

Jack merkte, dass der Kragen ihm am Halse klebte. Wie konnte er verhindern, dass ihm das Mädchen unter den Händen wegstarb?

Er verstand einiges von Notverbänden; er hatte hier und da ein paar medizinische Grundkenntnisse aufgeschnappt — aber ihm fehlte das solide ärztlich-handwerkliche Können, um mit dieser Situation fachgerecht fertigzuwerden. Er konnte und durfte das Messer nicht entfernen; er vermochte nicht einmal zu bestimmen, ob es ratsam war, die Lage des Mädchens zu verändern.

Das Messer hatte einen Holzgriff. Es war etwa in Hüfthöhe in den Körper eingedrungen. Man sah, dass der Täter von unten nach oben zugestoßen hatte. Die Länge der Klinge bestimmte ohne Zweifel den Ausgang dieses Mordanschlages —

Wer war diese Denise Elliot?

Warum konzentrierte sie sich auf Allan Shantham? Warum hatte sie ihn beschattet? Was erhoffte sie sich von dem Eindringen in Shanthams Wohnung? Und was sollte er, Jack Braden, von dem Bestechungsversuch halten, mit dem sie an ihn herangetreten war?

Die Dinge passten nicht zusammen.

Nur Denise Elliot konnte sie erklären. Sie durfte nicht sterben!

„Miss Elliot!“, sagte er.

Die dichtbewimperten Lider des Mädchens bewegten sich kurz; sie bebten wie dürre Blätter im Herbstwind. Dann nahm das Gesicht wieder seine maskenhafte Starre an.

Jack hatte dem Hospital mitgeteilt, was geschehen war. Der Arzt würde also einen entsprechenden Vorrat an Protoplasma mitbringen, um gegebenenfalls an Ort und Stelle eine Bluttransfusion vornehmen zu können. Aber würde diese Hilfe rechtzeitig eintreffen?

Jacks Blick hakte sich plötzlich in dem Dunkel des Hausflurs fest, vor dem der Porsche parkte.

Dort hatte sich etwas bewegt!

Jack stieg aus. Er eilte um den Wagen herum, auf den Torbogen zu, der die Einfahrt bildete.

Ein Mann trat aus dem Dunkel.

Er war groß, hager, knochig, so um die Dreißig herum. Den Kragen des Anzugjacketts hatte er hochgestellt, die Hände hingen schlaff an den Seiten herab.

„Wollen Sie was von mir?“, fragte er. Seine Stimme war flach, gleichmütig — und doch irgendwie drohend, mit einem Unterton von Spannung und Abwehr durchsetzt.

„Wer sind Sie?“, fragte Jack scharf.

„Was geht Sie das an?“

„Seit wann stehen Sie hier?“

„Weiß ich nicht. Warum?“

„Haben Sie beobachtet, wer das Mädchen niedergestochen hat?“

Der Mann schluckte. Er hatte einen ungewöhnlich spitzen, scharf nach vorn ragenden Adamsapfel. „Niedergestochen?“, echote er. Es klang halb erstaunt, halb erschreckt.

„Ja — ich fürchte, sie liegt im Sterben“, sagte Jack ungeduldig. „Es muss hier passiert sein!“

Der Mann machte plötzlich einen Satz nach vorn. Er wollte an Jack vorbei spurten.

Jack ließ geistesgegenwärtig ein Bein vorschnellen. Der Mann stolperte darüber. Er war sofort wieder auf den Füßen. Jack hielt ihn fest. „Stopp, mein Lieber — Sie werden warten, bis die Polizei eintrifft!“

„Lassen Sie mich los!“, keuchte der Mann.

„Mein Name ist Jack Braden. Ich bin Privatdetektiv —“

„Mich kümmert’s einen feuchten Schmutz, wer oder was Sie sind! Sie haben kein Recht, mich festzuhalten ...“

„Und Sie haben kein Recht, wegzulaufen!“, meinte Jack. „Es ist Ihre Pflicht als Staatsbürger, hierzubleiben! Wer sind Sie? Was haben Sie gesehen? Wie kommt es, dass Sie sich im Dunkel der Einfahrt herumdrückten?“

„Weil ich die Blonde gesehen habe!“, sagte der Mann. „Ich war auf dem Heimweg. Da sah ich die Blonde im Wagen sitzen. Allein. Sie hatte den Kopf zurückgelegt, als ob sie schliefe. Ich sah, dass sie schön war. Ich wollte an das Fenster klopfen und sie wecken, aber irgendwie fand ich dazu nicht den Mut. Als ich Schritte hörte, trat ich rasch in den Schatten des Hauseingangs. Sie kamen an den Wagen heran und stiegen ein. Das ist alles! Sie werden vielleicht fragen, weshalb ich im Schatten stehen blieb. Ich wollte Sie beobachten. Sie und das Mädchen!“

„Klingt gar nicht so übel“, meinte Jack. „Die Polizei wird es Ihnen vielleicht sogar abkaufen ...“

„Nein, das wird sie nicht tun!“, sagte der Mann grimmig. „Das ist es ja gerade! Mit den Bullen gibt es bloß Ärger. Sie müssen wissen, dass ich vorbestraft bin. Was glauben Sie wohl, wird die Polizei mit mir anstellen, wenn sie für das Verbrechen einen Sündenbock sucht? Dann bin ich dran!“

„Man kann Sie nicht für etwas bestrafen, was Sie nicht getan haben.“

„Sie machen mir Spaß! Ich habe keine Lust, Opfer eines Justizirrtums zu werden. Lassen Sie mich laufen! Ich schwöre Ihnen, dass ich mit der Geschichte nichts zu tun habe ...“

„Langsam, langsam. So geht es nicht. Erst muss ich wissen, wer Sie ...“

Weiter kam Jack nicht.

Der Fremde schlug plötzlich zu.

Offenbar war er zu der Ansicht gelangt, dass er Jack Braden k.o. schlagen musste, um fliehen zu können.

Jack merkte rasch, worauf die Zuversicht des Hageren gründete. Der Mann war ein ausgezeichneter Boxer.

Er schlug schnell, gezielt und überraschend hart.

Jack hatte sofort die Deckung oben. Er kassierte ein paar Kopftreffer und war gezwungen, rasch und nachhaltig zu kontern. Der Hagere stolperte zurück. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er nicht erwartet hatte, auf einen technisch so versierten Gegner zu stoßen.

Jack schickte einige linke Haken auf die Reise. Er platzierte zwischendurch einige harte, genau angesetzte Körpertreffer, die dem Fremden die Luft nahmen.

Der Hagere hielt jedoch das Tempo mit. Er brachte es sogar fertig, den Kampf zu forcieren. Es war ihm anzumerken, wie leidenschaftlich er auf eine schnelle Entscheidung zu seinen Gunsten drängte.

Jack feuerte zwei Doubletten ab. Dann stach er die Rechte gerade heraus. Er traf das Kinn des Gegners, aber der Schlag landete nicht genau auf dem Punkt. Die Nehmerqualitäten des Mannes waren mindestens ebenso gut entwickelt wie sein Talent, harte und gefährliche Schläge auszuteilen.

Jack dämmerte, dass es beinahe unmöglich war, den Fremden mit einem Blitzangriff von den Beinen zu holen; es war notwendig, ihn zu zermürben — erst dann bestand die Möglichkeit, den entscheidenden Kerntreffer anzubringen.

Aber zunächst war der Kampf noch völlig offen. Der Hagere warf sein ganzes, nicht unbeträchtliches Können in die Waagschale. Erst als er merkte, dass ihm die Mittel fehlten, um mit Jack Braden fertigzuwerden, baute er etwas ab; gleichzeitig bemühte er sich, durch einige Tiefschläge die Situation in letzter Sekunde zu seinem Vorteil zu verändern.

Das überraschte Jack nicht. Er hatte mit einer ähnlichen Reaktion gerechnet. Seine Fußarbeit und die Deckung waren darauf eingestellt.

Das Ende kam überraschend schnell. Jack zog einen linken Haken voll durch.

Der Hagere drehte sich einmal um die eigene Achse. Es sah beinahe grotesk aus, wie eine Szene aus einer Lustspiel-Klamotte, nur war es hier bitterer Ernst.

Der Mann ging zu Boden. Er blieb reglos liegen, das Gesicht dem schmutzigen Pflaster zugewandt, ein Bein leicht angezogen, sodass man unterhalb des verrutschten Hosenbeins die kurzen, karierten Socken sehen konnte.

Jack atmete schwer. Er richtete seine Krawatte.

In der Ferne ertönte das Heulen eines Martinhorns. Es kam rasch näher. Endlich, die Ambulanz!

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921885
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
jack braden thriller bestie riverside drive

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #4: Die Bestie vom Riverside Drive