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Ein Jack Braden Thriller #3: Ratten unter sich

2018 145 Seiten

Zusammenfassung

Nachdem Chester Nordlinger und sein Cadillac Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht wurden, beauftragt der übellaunige Multimillionär den Privatdetektiv Jack Braden damit, den Verursacher der Karambolage zu finden. Der Detektiv ist wenig interessiert an dem – wie er glaubt – unbedeutenden Fall und setzt seinen Mitarbeiter George Patterson darauf an. Doch dann ergibt sich eine Verbindung zu einem Einbruch in die Atlantic Merchant Bank in Manhattan, bei dem eine knappe halbe Million Dollar gestohlen wurde. Die Prämie für die Wiederbeschaffung ist nicht ohne, aber noch spannender ist für Braden die Tatsache, dass auch sein Freund, FBI-Agent Tony Gilford, an der Sache dran ist – schließlich versucht er Gilford und dem FBI immer eine Nasenlänge voraus zu sein ...

Leseprobe

Table of Contents

Ratten unter sich

Copyright

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Ratten unter sich

Ein Jack Braden Thriller #3

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.

 

Nachdem Chester Nordlinger und sein Cadillac Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht wurden, beauftragt der übellaunige Multimillionär den Privatdetektiv Jack Braden damit, den Verursacher der Karambolage zu finden. Der Detektiv ist wenig interessiert an dem – wie er glaubt – unbedeutenden Fall und setzt seinen Mitarbeiter George Patterson darauf an. Doch dann ergibt sich eine Verbindung zu einem Einbruch in die Atlantic Merchant Bank in Manhattan, bei dem eine knappe halbe Million Dollar gestohlen wurde. Die Prämie für die Wiederbeschaffung ist nicht ohne, aber noch spannender ist für Braden die Tatsache, dass auch sein Freund, FBI-Agent Tony Gilford, an der Sache dran ist – schließlich versucht er Gilford und dem FBI immer eine Nasenlänge voraus zu sein ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Um 9.17 Uhr drehte Jerry Canini den Schweißapparat ab, schob sich die Brille auf die Stirn und griff mit den Asbesthandschuhen nach der glühenden Schiene, die im Eisenbeton verankert war.

Der heiße Stahl bog sich nach außen, brach an der Schweißstelle durch und fiel dann auf die Matratze, die unter dem Loch auf dem schmutzigen Steinboden lag. Sofort verbreitete sich ein Geruch von verbranntem Stoff, bis Jerry Canini die Stahlschiene zur Seite schob.

Er drehte sich um und nickte seinen beiden Begleitern zu.

„Macht euch an die Arbeit“, knurrte er und wies mit dem Kinn auf die Ziegelmauer hinter dem Loch im Beton. „Das ist das letzte Hindernis, bevor wir an den Zaster kommen.“

Der Schwarzhaarige mit den Schultern wie ein Preisringer blickte auf die Uhr.

„Wir sind dreizehn Minuten vor Schema“, erwiderte er zögernd.

Jerry Canini war schon dabei, das Schweißgerät in seine Bestandteile zu zerlegen.

„Na, und wenn schon?“, knurrte er ärgerlich. „Der Laden ist ohnehin leer, und je schneller wir unsere Arbeit hier erledigen, umso rascher können wir wieder verschwinden. Mach schon voran!“

Der Schwarzhaarige zuckte die breiten Schultern und griff nach dem Brecheisen. Es war so fein zugeschliffen, dass man sich mit seiner Schneide fast rasieren konnte.

Dafür hatte Jerry Canini gesorgt. Alles, was Jerry Canini anfasste, wurde gründlich erledigt. Er konnte es sich nicht erlauben, einen Fehler zu machen. Nicht in seinem Beruf. Einem Bankräuber bringt ein Fehler, auch wenn er noch so klein ist, nur die unangenehme Bekanntschaft mit dem Zuchthaus. Das hatte Jerry Canini in seiner Jugend schon einmal kennengelernt, und er verlangte nicht nach einem Wiedersehen.

Während der Schwarzhaarige mit dem Brecheisen hantierte und mit Kraft und Geduld den ersten Ziegelstein lockerte, verpackte Jerry Canini sein Werkzeug sorgfältig in eine Leinentasche. Der Schweißkopf passte in ein Abteil, die beiden Zylinder in zwei abgepasste Fächer, und als er die Tasche schließlich verschnallt hatte, konnte man sie leicht für eine Reisetasche halten.

Jerry Canini war mit der Wahl seines Objektes genauso sorgfältig gewesen wie mit seinem Werkzeug. Die Atlantic Merchant Bank lag im Geschäftsdistrikt Manhattans, und einige diskrete Fragen hatten ergeben, dass ihr Tresor durchschnittlich eine halbe Million Bargeld enthielt. Ein netter Ertrag für die Arbeit von zwei Wochen und eine Barauslage von dreitausend Bucks.

Natürlich war ein Vermögen dieser Größe durch alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Es wäre Wahnsinn gewesen, die Bank auf normalem Weg zu betreten. Die Türen und Fenster waren durch eine erstklassige Alarmanlage geschützt. Für einen erfahrenen Mann wäre diese Alarmanlage allerdings kein Problem gewesen. Sie war zwar an die Polizeizentrale angeschlossen, aber mit ein wenig Erfahrung kann man jedes Problem überwinden. Dazu gab es allerdings noch mehrere Photozellen, die einen zweiten Alarm auslösten und gleichzeitig alles fotografierten, was den Stromkreis durchbrach.

Um diese Gefahr zu überwinden, musste man schon Fachmann sein, und Jerry Canini kannte sich zwar mit Tresoren aus, aber nicht auf dem Gebiet der Fotografie.

Es war auch nicht nötig gewesen, sich auf konventionelle Weise an den Tresor heranzuarbeiten. Der bedeutete eine harte Nuss. Er war nicht nur durch eine Kombination, sondern auch durch eine Zeituhr geschützt, die erst am folgenden Morgen ablief. Selbst wenn es Canini gelungen wäre, die Kombination zu lösen, hätte ihm das Zeitschloss immer noch eine unüberwindliche Aufgabe gestellt.

Aus diesem Grund war er von Anfang an skeptisch gewesen, als ihn seine Kumpane vor drei Monaten besucht hatten, um ihm ihren Plan zu schildern. Nur aus Neugier und Berufsinteresse hatte er sich den Betrieb etwas genauer betrachtet. Es hatte sich gelohnt. Schon beim ersten Erkundigungsgang hatte er eine Möglichkeit erkannt, wie der Laden vielleicht laufen konnte.

Er hatte diese Erkenntnis für sich behalten, bis er sich über seine Gewinnbeteiligung klar gewesen war. Außer ihm waren noch drei Männer an diesem Einbruch beteiligt: die beiden, die sich im Augenblick mit der Ziegelwand befassten, und der dritte, der dafür sorgen würde, dass sie ihren Verdienst in Ruhe ausgeben konnten. Jerry Canini hatte zwei Fünftel der Beute verlangt. Ein wenig zu viel, hatten seine Kumpane gemeint, aber sie hatten sich schließlich breitschlagen lassen, weil sie erkannt hatten, dass sie ohne ihn das Ding nicht drehen konnten.

Erst als sie sich geeinigt hatten, rückte Jerry Canini mit einer Kapitaleinlage heraus, die dazu diente, den Mietvertrag für einen bescheidenen Tabakladen zu erwerben, der neben der Bank still und leise blühte, aber seinem früheren Besitzer zu wenig Verdienst einbrachte.

Jerry Canini war diskret im Hintergrund geblieben, während einer seiner Kumpane sich als der neue Besitzer des Tabakladens aufspielte, eine Aufgabe, für die Jerry weder die Fähigkeit noch die Geduld hatte. Tagsüber hatte ein junges Mädchen den Betrieb geregelt. Und jede Nacht hatten Jerry Canini und seine beiden Freunde unten im Keller geschuftet.

Die Spuren davon waren noch immer deutlich sichtbar. Zuerst hatten sie die Kellerwand durchbrochen und die Ziegelsteine säuberlich in einer Ecke aufgeschichtet. Dann gab es einen Meter Erde, bis sie die Grundmauern der Bank erreichten. Sie hatte den drei Männern wenig Problem bereitet. Wesentlich schwieriger war die Betonmauer der Bank gewesen. Sie hatten nur langsam arbeiten und nur Tungstenstahlbohrer benutzen können, um nicht zu viel Lärm zu machen.

Es hatte elf Tage lang gedauert, bis sie die Stahlschienen erreicht hatten. Aber jetzt waren sie nur noch durch ein paar Ziegelsteine und zehn Minuten von einem Vermögen entfernt.

Der Schwarzhaarige lockerte vorsichtig den ersten Ziegelstein. Er grinste vor sich hin, als er dahinter die gähnende Dunkelheit sah.

„Wenn ich jetzt ein Mäuschen wäre, könnte ich schon an dem grünen Zeug knabbern“, grinste er.

Jerry Canini antwortete ihm nicht. Er schob ihn zur Seite und richtete den Strahl der Taschenlampe durch das Loch. Vor sich sah er die massive, gepanzerte Tür des Tresors. An der rechten Seite waren die stählernen Kassetten des Kassierers aufgestapelt, und links gab es einen hohen, dunkelgrünen Blechschrank. Der musste das Geld enthalten. Daneben reihten sich auch noch eine Anzahl von Depositsafes.

„Mach weiter!“, bestimmte er. „Aber sei vorsichtig. Ich nehme an, dass es hinter dieser Wand ein Regal für die alten Dokumente gibt.“

Die nächsten Ziegelsteine bedeuteten für das Brecheisen kein Hindernis. Der Mörtel zwischen ihnen spritzte in alle Richtungen, als der kräftige Schwarzhaarige sich mit der Mauer befasste. Zehn Minuten später klaffte ein Loch, das groß genug war, um einen Mann durchzulassen.

Jetzt kam auch der dritte vom Bund näher. Er hatte am Eingang des Kellers Wache gehalten, aber jetzt blickte er zufrieden auf das Loch im Mauerwerk, und dann schob er die verstaubten Aktenbündel, die dahinter lagen, einfach zur Seite.

„Jetzt wollen wir mal sehen, wie es in der Schatzkammer aussieht“, meinte er vergnügt und kroch durch das Loch. Dann ließ er sich von dem Schwarzhaarigen die Brechstange nachreichen.

Jerry Canini zog die beiden Leinenbeutel aus dem Gürtel und folgte seinem Kumpanen. Noch bevor der mit der Brechstange den Blechschrank bearbeiten konnte, hielt ihn Jerry davon ab. Erst als er die Wand um den Schrank abgeleuchtet hatte und keinen Draht entdeckte, der zu einem Warnungssystem hätte führen können, nickte er zustimmend.

Das Schloss des Schrankes war dem Brecheisen nicht lange gewachsen. Schon nach einigem Ruckeln sprang die Tür auf. Sie quietschte laut dabei. Aber jetzt brauchten sie sich keine Sorgen mehr um den Lärm zu machen, den sie hier veranstalteten. Der Tresor war genauso schallsicher, wie er einbruchsicher sein sollte. Aber selbst die beste Sicherung hat irgendwo einen schwachen Punkt, und in diesem Fall hatte ihn Jerry Canini gefunden.

Allerdings wollten die Verbrecher ihr Glück nicht glauben, als sie auf die sorgfältig geschichteten Geldbündel blickten, die dicht nebeneinander in dem Schrank lagen.

„Mann, es wird ein Vergnügen sein, den Zaster auszugeben“, knurrte Caninis Begleiter atemlos. „Endlich mal nicht mehr jeden Schein dreimal umdrehen zu müssen, bevor man ihn ausgibt! Kann mir keine größere Wonne vorstellen.“

„Mund halten!“, knurrte Jerry Canini, der zwar selbst von diesem Reichtum beeindruckt war, aber im Augenblick daran dachte, ihn und sich selbst in Sicherheit zu bringen. „Pack die Miezen lieber ein, bevor du ans Ausgeben denkst.“

Dann griff er mit beiden Händen zu und verstaute die Bündel in seinem Sack. Er wusste genau, was er mit seinem Anteil anfangen würde, und seine Kumpane würden sich wundern, wenn sie das erst einmal erkannten. Aber Canini verließ sich nur ungern auf seine Freunde. Wenn es denen an die eigenen Hälse ginge, würden sie ihn verraten, ohne sich darüber große Gedanken zu machen.

Die beiden Säcke füllten sich erstaunlich rasch, während der Schrank sich im gleichen Maße leerte. Bei so viel Geld blieb Jerry Canini nicht einmal mehr Zeit, mitzuzählen. Als er endlich das letzte Bündel verstaut hatte, schätzte er, dass er eine Viertelmillion besaß, vielleicht sogar mehr.

„Los! Jetzt aber nichts wie raus!“, befahl er, während er schon zur Lücke huschte und den Geldsack durchschob.

Sein Kumpan hinter ihm war seinem Beispiel nicht gefolgt. Er hatte sich aufgerichtet, und eine Hand verschwand unter der Jacke.

Genau in dem Augenblick, in dem er die hässliche, kurzläufige Automatic zog und sie auf Jerry Canini richtete, drehte sich dieser noch einmal um.

„So komm schon ...“, brachte er noch heraus, bevor ihm die Worte im Hals stecken blieben. Als er auf die Pistole starrte, wurde ihm mit einem Schlag klar, dass er seine Pläne nicht mehr verwirklichen konnte. Seine Freunde waren ihm zuvorgekommen, und er hatte sich recht dumm benommen, in diese Falle zu gehen.

„Was soll das bedeuten?“, fragte er in das brütende Schweigen hinein.

Die grauen Augen des anderen blickten ihn ausdruckslos an. Um die schmalen Lippen hing ein überlegenes Lächeln.

„Das Ende, Jerry“, sagte er gleichgültig. „Du hast deine Aufgabe ausgeführt. Damit bist du überflüssig geworden. Wir können es nicht riskieren, dass du uns die Cops anhängst. Sie werden an deiner Arbeitsweise erkennen, wer dahintersteckt; aber du wirst ihnen nicht mehr verraten können, wo wir oder das Geld sind. Schade, aber wir haben keine andere Wahl.“

Jerry Canini wusste genau, dass der andere jedes Wort seiner Drohung ernst meinte und dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Mit einem verzweifelten Sprung warf er sich zur Seite und rollte über den Boden, um die Brechstange zu erreichen. Es war die einzige Waffe, die er benutzen konnte, um sich zu verteidigen.

Der Bursche mit der Pistole ließ ihn gerade die Fingerspitzen danach ausstrecken, bevor er den Finger krümmte. Dann hallte die Explosion plötzlich in dem stählernen Tresor wider, und der scharfe Korditgeruch füllte den Raum.

Ein erschreckend großes Loch breitete sich auf Jerry Caninis Brust aus und verfärbte seinen Overall, aber das spürte der Verbrecher schon nicht mehr, denn er war tot.

Sein Mörder steckte ohne große Eile die Pistole weg, schob seinen Geldsack nach draußen und stieg hinterher.

Der Schwarzhaarige schien auf einmal die Ruhe verloren zu haben. Aber sein Kumpan ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Er drückte ihm einen der Säcke in die Hand und fischte den anderen vom Boden auf.

„Los, verschwinden wir von hier, bevor sich die Cops für uns interessieren. Wenn sie Jerry finden, müssen wir schon längst über alle Berge sein, und dann können sie lange nach uns suchen.“

Dann schob er den Schwarzhaarigen vor sich her den engen Gang hinunter. Er schenkte dem Tresor keinen Blick mehr. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis die Cops erfuhren, was sich hier abgespielt hatte.

 

 

2

Chester Nordlinger lehnte zufrieden in der Polsterung seines Cadillacs, Modell 1964, und rechnete mit einem Gehirn wie eine Kalkulierungsmaschine nach, wie viel Verdienst diese abendliche Besprechung ihm einbringen würde.

Zwanzig Prozent im ersten Jahr bei einem Umsatz von 1,3 Millionen bedeuteten 260 000 Dollarchen. Und das war erst der Anfang. Der Vertrag lautete nur auf ein Jahr, aber in diesem Jahr würde Hannan vollkommen von ihm abhängig werden. Die Nordlinger Warenhäuser verkauften seine ganze Produktion und finanzierten die Vergrößerung der Hannan-Fabrik. Vielleicht nicht ganz. Hannan würde einen Bankkredit aufnehmen müssen. Einen Kredit, den er kurzfristig zurückzahlen musste, es sei denn, dass er den Vertrag mit Nordlinger erneuerte. In einem Jahr würde der Vertrag erneuert werden, das wusste Chester Nordlinger schon längst. Nur würde seine Verdienstspanne dann dreißig Prozent betragen, und das musste Hannan durch Produktionserhöhung einsparen.

Nordlinger war ein harter Businessman, der sich an jedem Geschäft beteiligte, das einen angenehmen Verdienst abwarf und ihn nicht mit den Gesetzen in Konflikt brachte. Seine Geschäftspartner — die ihn anfänglich für den rettenden Engel gehalten hatten — nannten ihn später meist ganz anders. Aber darüber lachte Nordlinger nur, solange er kassierte. Hörte er auf zu kassieren, dann weinte Mr. Nordlinger, denn nichts bedeutete für ihn auf dieser Welt mehr als Geld. Er war nicht geizig, aber wenn sein Privatkonto unter zehn Millionen sank, dann glaubte er vor dem Bankrott zu stehen. Zu dieser Krisis war es allerdings seit zehn Jahren nicht mehr gekommen, weil Chester Nordlinger eben ein so eifriger und harter Businessman war.

Hannan hatte er auf zwei — vielleicht zweieinhalb Millionen eingeschätzt, bis die Karre entweder in die Brüche ging oder Hannan genug verdient oder gelernt hatte, sich umzustellen.

Nordlinger sutzelte zufrieden an seiner Zigarre herum. Die Geschäfte blühten, und er war glücklich.

Seine Ruhe verschwand aber ziemlich rasch, als plötzlich ein Scheinwerferpaar auf den Cadillac zuraste und erst im letzten Augenblick abschwang. Dann gab es einen Knall, der den Cadillac trotz seiner zwei Tonnen Eigengewicht aus der Bahn riss.

Chester Nordlinger wurde in die Polsterung gedrückt, wieder nach vorn katapultiert, und dabei spuckte er die Zigarre noch auf den teuren Wintermantel, während er sich klar wurde, dass irgendein Irrsinniger den Cadillac gerammt hatte.

Seine ersten Gedanken galten seiner Brieftasche. Jemand wollte ihn hier ausrauben!

Die Zigarre brannte schon ein Loch in den Autoteppich, als sich Nordlinger erschrocken auf die Knie zog und aus dem Fenster lugte. Dabei erkannte er rasch, dass er sich geirrt hatte.

Der andere Wagen war zwar selbst durch den Anprall ein wenig aus der Fahrt gekommen, aber als Nordlinger sein schwammiges Gesicht gegen die Rückscheibe presste, hatte sich der andere Fahrer von seinem Schrecken erholt und riss den Wagen herum. Nordlinger sah gerade noch die Rücklichter um die Ecke verschwinden. Wenn er nicht ein so ausgezeichnetes Gedächtnis für Zahlen gehabt hätte, dann würde er sich die Zulassungsnummer kaum so rasch eingeprägt haben. So aber stand sie in sein Gehirn geätzt. 1477 — 6 M.

Sein nächster Gedanke galt dem Cadillac. Versichert war er zwar, aber das linderte den Schmerz nur teilweise. Versicherungen machten immer Schwierigkeiten, wenn es darum ging, einen Schaden zu ersetzen. Sie erfanden dann Entschuldigungen. Zum Beispiel Fahrerflucht.

Der Gedanke, dass dieser Spaß sein sauer verdientes Geld kosten konnte, stachelte Chester Nordlinger an.

„Was machen Sie denn, Thomas?“, fuhr er den Chauffeur an. „Los, hinter dem Kerl her, bevor er verschwindet.“

Thomas, der Chauffeur, hatte seine fünf Sinne noch immer nicht richtig beisammen, aber er war daran gewöhnt, von seinem Chef herumkommandiert zu werden. Deshalb gehorchte er automatisch. Er ließ den Motor anspringen, der bei der Karambolage abgewürgt worden war, und drehte am Lenkrad herum, das sich erstaunlich schwer drehen ließ. Der Cadillac zuckelte nach vorn, es gab ein Schleifen und Kratzen, und dann erstarb der Motor wieder.

Thomas warf einen beunruhigten Blick auf seinen Chef und stieg rasch aus. Dadurch erkannte er ziemlich rasch den Grund seiner Schwierigkeiten. Wo der Cadillac um den Kühler und die Kotflügel herum einmal recht rassige Linien gezeigt hatte, war das Blech verbeult und schleifte am rechten Vorderreifen.

In diesem Augenblick waren seine Gefühle mit denen seines Chefs identisch, der sich ebenfalls aus dem Wagen schob und betrübt auf den Schaden starrte. Thomas hätte heulen können. Weniger, weil der Wagen seine formschönen Linien verloren hatte, sondern weil jetzt durchaus die Aussicht bestand, dass er seinen Posten verlieren konnte. Vielleicht schob ihm sein cholerischer Chef die Schuld an diesem Unfall in die Schuhe.

Zum Glück kam es nicht so weit, denn im gleichen Augenblick rauschte ein Streifenwagen der Polizei an, und zwei baumlange Polizisten marschierten mit gezücktem Notizblock auf den Cadillac zu.

Es dauerte gute zehn Minuten, bis Chester Nordlinger den Beamten erklärt hatte, was sich ereignete, und ihnen die Nummer des Wagens genannt hatte.

Einer der Polizisten schüttelte bedächtig den Kopf.

„Bezweifle, dass wir damit weit kommen werden, Mr. Nordlinger“, sagte er. „Ich schätze, es handelt sich um einen gestohlenen Wagen, sonst hätte der Fahrer wohl angehalten. Wir werden natürlich die Sache überprüfen, aber wenn Sie meine Meinung wissen wollen, dann haben Sie Pech gehabt. Es waren wahrscheinlich ein paar Jungs, die sich einen Wagen ausgeliehen haben. Morgen werden wir ihn vermutlich auf irgendeinem Parkplatz finden, aber es wird uns wenig nützen.“

„Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gefragt, Officer!“, erwiderte Nordlinger hitzig. „Sie müssen diese unverantwortlichen Lümmel finden! Wozu ist denn die Polizei hier, wenn nicht, um anständige Bürger zu beschützen?“

Der andere Polizist starrte ihn bissig an. Er war schon achtzehn Stunden im Dienst, und der Ton Nordlingers gefiel ihm herzlich wenig.

„Mein Kollege hat Ihnen doch schon gesagt, dass wir uns darum kümmern werden, Mister“, knurrte er. „Aber wenn Sie glauben, dass Sie Recht auf eine Sonderbehandlung haben, nur weil Sie einen protzigen Cadillac fahren, dann haben Sie sich getäuscht. Die Polizei hat zu viel zu tun, um Ordnung zu halten, als dass man aus jedem Verkehrsunfall eine Weltkrise machen kann. Wir werden unser Bestes tun. Und jetzt schaffen Sie endlich Ihren Schlitten zur Seite. Sie halten hier ja den Verkehr auf!“

Chester Nordlinger zitterte innerlich vor Wut über diese Frechheit, aber weil sich in der Zwischenzeit schon eine Menschenmenge versammelt hatte, drückte er sich schweigend in seinen verbeulten Wagen. Die Nummer des Polizisten hatte er sich eingeprägt. Dessen Vorgesetzte würden noch einmal von ihm hören!

Mit vereinten Kräften drückten draußen die beiden Polizisten und der Chauffeur das Blech so weit zurecht, dass der Cadillac es unter eigenem Dampf wenigstens zur Garage schaffen konnte.

Thomas ließ sich furchtsam hinter das Steuer fallen und blickte seinen Chef fragend an.

„Wohin jetzt?“, erkundigte er sich, als ihm Nordlinger keine Beachtung schenkte.

„Zum Cadillac-Vertrieb in der 74. Straße“, knurrte der endlich. „Glauben Sie vielleicht, ich werde in den nächsten Tagen in dieser verbeulten Dose herumfahren und mich auslachen lassen? Der Wagen wird sofort zur Reparatur gebracht, und man soll mir dort einen anderen leihen, um nach Hause zu kommen. So viel ist man mir als gutem Kunden ja schließlich schuldig.“

Thomas fuhr vorsichtig ab. Er bezweifelte, dass die Zweigstelle noch offen war, aber er wagte es nicht, seinem Chef in dessen jetzigen Verfassung zu widersprechen.

Er atmete erleichtert auf, als in der Garage noch immer Licht brannte. Während sich der Leiter des technischen Dienstes den Schaden betrachtete, stampfte Chester Nordlinger ärgerlich davon, zu dem Schild, das ihm im Vorbeifahren aufgefallen war.

Vor der Nummer 241 blieb er stehen und beugte sich nach vorn. Wirklich — „Bradens Detektiv Institut“ stand da, und um ein Stockwerk höher erschien der Name ein zweites Mal. Anscheinend wohnte der Inhaber dieses winzigen Unternehmens im gleichen Haus.

Chester Nordlinger stieß mit seinem dicken Zeigefinger auf die Glocke und läutete recht energisch. Als er den Summer hörte, drückte er die Tür auf und marschierte zum Lift. Sein Ärger war noch immer nicht verraucht, sonst wäre er nicht auf den verrückten Gedanken gekommen, seine Probleme einem Privatdetektiv anzuvertrauen, der für seine Dienste auch noch Geld verlangte.

Er kam nicht dazu, seinen Ärger am Glockenknopf ein zweites Mal auszulassen, denn diesmal wurde ihm die Tür von einem hochgewachsenen, schlanken Mann geöffnet, der ihn aus aufmerksamen Augen anlächelte.

„Sind Sie Braden?“, knurrte Chester Nordlinger.

„Wenn dem Registrator bei der Ausstellung meiner Geburtsurkunde nicht gerade ein Irrtum unterlaufen ist“, gab Braden zu. „Ich nehme an, dass Sie geschäftlich mit mir sprechen wollen, auch wenn es schon längst nach Geschäftszeit ist. Bitte, treten Sie ein.“

Chester Nordlinger nickte und stampfte hinter dem Privatdetektiv in ein großes Wohnzimmer und blieb überrascht stehen. Er hatte sich einen Privatdetektiv immer als einen pfenniglosen Burschen vorgestellt, der über jeden Auftrag glücklich war, den er ergattern konnte. Dieser Braden schien nicht in diese Kategorie zu fallen, wenn man der Einrichtung Glauben schenken konnte.

Sie war teuer und auserlesen. Wenn man auch noch die Waffensammlung in ihrem Schrank darin einbezog, dann kam man zu der Überzeugung, dass es Braden nicht an Geld fehlte.

„Darf ich Ihnen vielleicht etwas zu trinken anbieten?“, erkundigte sich Braden, als sich sein Gast in einen der skandinavischen Sessel fallen ließ.

„Nein, danke, Braden“, knurrte Nordlinger. „Was halten Sie davon, tausend Bucks zu verdienen?“ Eigentlich hatte er dem Detektiv nur die Hälfte anbieten wollen, aber nun war er überzeugt, dass dieses Angebot wenig Eindruck auf Braden gemacht hätte.

„Ich bin kein Geldverächter“, lächelte Braden. „Allerdings müsste ich vorher wissen, um was es sich handelt, bevor ich Ihnen meine Antwort darauf geben kann.“

„Sie sollen einen Wagen finden, Braden“, klärte ihn Nordlinger auf. „Ein Wagen, der vor einer halben Stunde meinen Cadillac gerammt hat und dann ohne anzuhalten weiterfuhr. Die Lizenznummer des Wagens lautet 1488 — 6 M. Die Marke ist mir leider nicht bekannt.“

Braden nickte. „Das Gleiche gilt für mich bezüglich Ihres Namens. Vorläufig weiß ich nur, dass Sie einen Cadillac besitzen. Wenn ich tausend Dollar verdienen soll, dann muss ich schon der Steuer zuliebe ein wenig mehr über Sie wissen.“

„Ich bin Chester Nordlinger“, grunzte sein Besucher. „Nehmen Sie den Fall an?“

Jack Braden ließ ihn ein wenig schwitzen. Von Nordlinger hatte er schon öfters gehört. Nichts Schlechtes, aber auch nichts Gutes, abgesehen davon, dass er reich war.

„Soweit ich Sie verstehe, soll ich einen Wagen oder seinen Fahrer finden, der Ihren Wagen rammte. Vielleicht verraten Sie mir auch noch, aus welchen Gründen das geschah. Wollte man dadurch Ihr Leben bedrohen?“

„Ich bin kein Hellseher, Braden“, brummte Nordlinger. „Ich weiß nur, dass es auf einmal krachte, und mein Cadillac hatte plötzlich seinen Preis um ein paar tausend Bucks gesenkt. Ich glaube allerdings, dass es sich um irgendeinen betrunkenen oder verrückten Burschen handelte, der an solchen Späßen Gefallen findet.“

„Sind Sie in letzter Zeit bedroht worden — oder will man einen Erpressungsversuch machen?“, forschte Jack weiter.

Nordlinger blickte ihn überrascht an.

„Ich lass mir keine Sachen zuschulden kommen, durch die man mich später erpressen kann, Braden, merken Sie sich das. Nein, es handelt sich hier nicht um irgendein kompliziertes Verbrechen, sondern lediglich um eine Fahrerflucht.“

„Warum gehen Sie dann nicht einfach zur Polizei?“, erkundigte sich Jack Braden nachdenklich. „Das kostet Sie keinen Cent, und wenn Sie die Nummer des Wagens ohnehin schon kennen, dann dürfte es keine Probleme geben. Besser wäre es allerdings noch, wenn Sie für diesen Unfall einen Zeugen hätten.“

„Wollen Sie mir vielleicht jetzt erzählen, was ich zu tun habe, Braden?“, fuhr Nordlinger auf. „Ich habe bereits mit der Polizei gesprochen. Dort war man nicht gerade hilfsbereit. Deshalb bin ich bereit, in meine eigene Tasche zu greifen, um die Wahrheit zu erfahren und den Fahrer dieses Wagens zu finden.“

„Und was wollen Sie unternehmen, wenn er gefunden wird?“

„Ich werde Anzeige wegen Fahrerflucht gegen ihn erstatten“, schnaubte Nordlinger. „Vielleicht wird das ihm und seinesgleichen eine Lehre sein. Nehmen Sie diese Sache also an?“

Jack Braden hatte wenig Lust, einen Auftrag dieser Art und für einen Kunden anzunehmen, der von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt war. Aber dann erinnerte er sich an George Pattersons Anruf vom Nachmittag. Bei seinem Freund herrschte wieder einmal Flaute, und eine Kassenerfrischung würde dort willkommen sein. Patterson nagte zwar noch nicht am Hungertuch, aber sein Sprössling war in jenem Stadium des Wachstums begriffen, in dem die Anzüge nicht mithalten.

„Na gut, Mr. Nordlinger“, erklärte Jack Braden. „Ich werde einen meiner Leute dahintersetzen. Wenn Sie mir nur noch Ihre Telefonnummer hinterlassen wollten? Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, dass wir die gewünschten Resultate liefern können, auch wenn wir unser Bestes tun. Wenn sich innerhalb der nächsten drei Tage nichts ereignet hat, dann werde ich notgedrungen meinen Mann für andere Zwecke verwenden.“

Nordlinger nickte grimmig.

„Wenn er in drei Tagen den Wagen nicht gefunden hat, Braden, dann entlassen Sie ihn am besten, denn dann taugt er nichts. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Sie sich persönlich um die Sache gekümmert hätten, aber das geht wohl nicht?“

Jack nickte, als sein Besucher schon das Scheckbuch zückte und sich damit befasste.

„Es geht allerdings nicht, Mr. Nordlinger“, erwiderte er. „Aber bei mir arbeiten keine Stümper.“

„Hoffen wir es!“, meinte Nordlinger pessimistisch. Er kniff die Lippen zusammen, als er den Scheck ausstellte. Dabei hatte Jack das Gefühl, als bereite Chester Nordlinger die Trennung von seinem Geld körperliche Schmerzen.

„Ich höre wieder von Ihnen, Braden“, knurrte Nordlinger, als er ihm den Scheck reichte und dann auf die Tür zusteuerte. „Meine Adresse und die Telefonnummer stehen auf dem Scheck.“

Jack Braden blickte nachdenklich hinter dem merkwürdigen Kunden her, der ihm diesen Blitzbesuch abgestattet hatte. Dann griff er nach dem Telefon und wählte Pattersons Nummer.

„Hallo, George!“, sagte er, als er die raue Stimme des ehemaligen Sergeanten erkannte. „Wenn Sie noch immer dem Mammon frönen und Ihren Waffenladen einen Tag lang verlassen können, dann warten morgen früh in meinem Büro tausend Dollar auf Sie. Allerdings erwarte ich, dass Sie dafür auch etwas leisten.“

„Soll ich vielleicht dafür linkshändig Fort Knox um die Staatsreserven erleichtern und mit der freien Hand ein noch größeres Kunststück vollbringen, Jack?“, lachte George Patterson. „Seit wann sind Sie denn mit Ihrem Geld so freigebig?“

„Seitdem es sich nicht um mein Geld, sondern um das eines Kunden handelt“, schmunzelte Braden. „Die näheren Zusammenhänge will ich Ihnen heute Nacht nicht mehr erklären, sonst bringe ich Sie um Ihren Schönheitsschlaf. Wir sprechen uns morgen früh im Büro.“

„Ich werde mir dort schon im Morgengrauen die Absätze schief treten“, knurrte George, und dann wurde seine Stimme vertraulich: „Danke vielmals, Jack.“

„Schlafen Sie wohl, George“, grunzte Jack und hängte ein.

George Patterson saß am nächsten Morgen schon in seinem Chevrolet vor dem Braden Detektiv Institut, als Dawn Barris eintrudelte. Sie blickte ihn erstaunt an, als er seine kantige Figur aus dem Wagen wuchtete.

Sein sonst so grimmiges Gesicht hatte sich beim Anblick Sunnys erhellt. Wie Jack Braden und Anthony Gilford, hatte auch der frühere Sergeant der New Yorker Polizei eine Schwäche für Sunny, und das konnte man verstehen, wenn man sie am Morgen die Straße heraufkommen gesehen hatte. Patterson war nicht der einzige Mann, der ihr nachgeblickt hatte.

„Haben Sie vielleicht die ganze Nacht über das Büro oder unseren gemeinsamen Brotherrn bewacht, George?“, meinte Sunny nachdenklich, als sie beim Lift standen und Patterson ihr einen guten Morgen gewünscht hatte.

George grinste.

„Einen Leibwächter braucht unser Chef vorläufig noch nicht“, knurrte er. „No, ich bin hier, weil ich am Geldverdienen Freude habe und meine Ungeduld nicht bezwingen kann. Jack rief mich gestern noch an und versprach mir tausend Dollar für irgendeine Arbeit.“

Sunny kräuselte ihre Stirn und blickte George verwundert an.

„Sie sind sicher, dass Jack Sie nicht auf den Arm nehmen wollte, George? Als ich gestern das Büro verließ, hatte er keine Aufgabe für Sie. Schon gar keine, die tausend Dollar einbringen könnte. Um was soll es sich dabei denn handeln?“

„Das weiß ich leider selbst noch nicht“, gestand George ein. „Aber es muss schon ein Kapitalverbrechen sein.“

Sunny antwortete ihm nicht. Sie fuhren im Lift hoch und stiegen im dritten Stock aus. Ihre Neugier war erweckt. Hier handelte es sich offensichtlich um etwas, von dem sie keine Ahnung hatte.

Die Bürotür war nicht versperrt. Als sie eintraten, war Jack schon über den Briefkorb seiner Sekretärin gebeugt und wühlte darin herum.

„Morgen, Ihr beide“, sagte er, ohne den Kopf zu wenden.

„Reden Sie ihn nicht an, George“, warnte Sunny mit übertriebenem Eifer. „Unser Chef ist Schlafwandler. Angeblich ist es sehr gefährlich, ihn in diesem Zustand zu stören.“

„Schlafwandler?“, fragte George zögernd.

Jack grinste. „Das ist wieder einmal ein Witz unserer hübschen Sunny, weil sie dadurch die Tatsache verdecken will, dass sie fünf Minuten zu spät erscheint. Wo ist übrigens der Versicherungsbericht, den ich Ihnen gestern Abend diktiert habe?“

Sunny legte den Mantel ab und lächelte ihren Chef an.

„Auf Ihrem Schreibtisch, wohin er gehört“, sagte sie munter. „Wenn das kein Beweis ist, dass Sie mit offenen Augen schlafwandeln, dann bin ich keine staatlich geprüfte Krankenschwester. Was machen Sie übrigens schon so früh im Büro, Jack?“

„Ich arbeite“, grinste Jack und nahm George beim Arm. „Wenn Sie sich an mir ein Beispiel nehmen wollten, Sunny, dann hätte ich keinen Grund zu Beschwerden. Und jetzt habe ich etwas mit George zu besprechen. Sie können sich in der Zwischenzeit schon mal mit der Post befassen.“

Dann marschierte er rasch ab, bevor Sunny eine passende Antwort eingefallen war.

George Patterson schüttelte den Kopf.

„Eines Tages treiben Sie Ihre Späße zu weit, Jack“, sagte er ermahnend. „Dann fühlt sich Sunny beleidigt, und Sie haben die beste Sekretärin verloren, die Sie je gehabt haben.“

Braden lächelte.

„Unsere Sunny kennt mich zur Genüge, George. Sie nimmt mich nicht ernst. Manchmal wünsche ich es mir allerdings. Aber sprechen wir lieber von aktuellen Dingen. Zum Beispiel, wie Sie sich tausend Bucks verdienen können.“

George ließ sich in einen Sessel sinken und griff nach einer Zigarre. Er biss das Ende ab und steckte sie sorgfältig in Brand.

„Dann schießen Sie schon einmal los, Jack“, sagte er. „Ich habe die ganze Nacht über höchstens zwölf Stunden geschlafen, weil ich über das Problem nachdachte. Muss sich schon um eine äußerst schwierige Sache handeln.“

Jack Braden nickte.

„Äußerst schwierig“, gab er zu. „Ich weiß auch nicht einmal genau, ob Sie das allein schaffen, man braucht dazu ein ganz geniales Gehirn, und ob Sie das besitzen, bezweifle ich.“

Patterson starrte ihn misstrauisch an. Das klang wirklich danach, als wollte ihn Braden — wie schon vorher seine Sekretärin — auf den Arm nehmen.

„Bei tausend Bucks spaße ich nicht mehr, Jack“, knurrte der frühere Polizist. „Schießen Sie also schon los!“

Jack Braden griff in die Schreibtischschublade und zauberte den Scheck, den ihm Nordlinger am Vorabend überreicht halte, zusammen mit einem Zettel hervor, auf dem die Zulassungsnummer des Wagens stand, an dem Nordlinger so interessiert war.

„Sie sollen diesen Wagen finden, George“, erklärte Braden. „Es handelt sich dabei um einen Unfall, der bereits an die Polizei weitergemeldet wurde. Bei Ihren Verbindungen zum Police Centre dürfte das für Sie eine Kleinigkeit bedeuten. Fragen Sie einmal bei Ihren früheren Kollegen herum, vielleicht erfahren Sie etwas. Wir melden dann unsere Erfahrungen an Mr. Nordlinger weiter, und damit dürfte die Sache für uns erledigt sein.“

George Patterson blickte erstaunt drein.

„Und dafür zahlt ein Mensch tausend Bucks? Ick verstehe das nicht, Jack.“

Braden lächelte.

„Ich auch nicht, George“, gab er zu. „Aber wer bin ich schon, dass ich tausend Dollar für einen solchen Botengang ablehnen sollte? Machen Sie sich dahinter, und berichten Sie mir, was Sie dabei erfuhren.“

George verstaute den Scheck in seiner Brieftasche, griff nach seinem Hut und grinste zufrieden.

„Solche Fälle dürfen ruhig jeden Tag einlaufen, Jack. Ich bin in spätestens einer Stunde wieder zurück.“

Um 8.30 Uhr bimmelte das Telefon im District Office des FBI. Anthony Gilford griff nach dem Hörer und klemmte sich ihn unter die graumelierte Schläfe, die so gepflegt aussah wie sein ganzes Aussehen.

„Gilford hier“, sagte er mit einer Stimme, die durch ihren Oxford Akzent vollkommen unamerikanisch wirkte. „First Agent des FBI. Kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Das können Sie allerdings. Gilford“, knurrte eine Stimme, die er sofort erkannte. Sie gehörte Captain McAdams von der City Police. „Sie können sich in Ihren Wagen werfen und schleunigst zur Atlantic Merchant Bank in der New Street brausen. Allerdings wird dort kein Geld verschenkt, denn das wurde in der vergangenen Nacht geklaut. Da der FBI für Bankraub zuständig ...“

„Danke, McAdam“, erwiderte Anthony Gilford und legte den Hörer auf.

Als er sich aus dem Stuhl winkelte, sah er in seinem dunkelgrauen Maßanzug eher wie ein männliches Modell aus, als wie ein Beamter des größten Sicherheitsdienstes der Welt. Die zartrosa Rosenknospe im Knopfloch, der maßgeschneiderte Anzug, seine Art, sich auszudrücken, das alles ließ auf einen Überschuss von Kultur schließen, der bei den Gangstern New Yorks am falschen Platz war. Allerdings verbarg sich unter der Maske des Gentleman ein begabter Kriminalist und ein Mann, der geistig und — wenn unbedingt nötig — auch körperlich hart zupacken konnte.

Dreizehn Minuten später hielt er seinen Dienstwagen vor dem Gebäude der Atlantic Merchant Bank an. Er erkannte, dass er nicht der einzige Vertreter der Behörden war. Zahlreiche Streifenwagen füllten schon die Straße, in der sonst Börsenjobber und Geschäftsleute ihre funkelnden Limousinen parkten.

Im Schalterraum der Bank sah es aus, als würde hier eine Pressekonferenz zu den Präsidentschaftswahlen abgehalten. Es gab einige Polizisten in Zivil, eine größere Anzahl in Uniform und die belämmerten Gesichter der Angestellten, die schon längst erkannt hatten, dass dies kein Tag wie alle anderen sein würde.

Sogar ein Pressefotograf hatte sich eingeschmuggelt. Er versuchte jetzt, seine Stellung auszubauen und zu verteidigen, obwohl Captain McAdam andere Absichten kundtat.

Anthony Gilford trat zu dem Captain und tippte dem Fotografen auf die Schulter.

„Morning, Jonas“, sagte er freundlich „Tun Sie uns jetzt den Gefallen und verschwinden Sie jetzt von hier. Wir haben Arbeit zu leisten. Wenn Sie in einer Stunde in meinem Büro anrufen, werde ich Ihnen alles verraten, was zu verraten ist. Bis dahin denken Sie sich am besten einen guten Aufhänger aus, mit dem Sie Ihre Story servieren können.“

Jonas sah einen Augenblick so aus, als wollte er auf seinem Recht bestehen, aber er kannte Gilford zu gut.

„Na gut, Gilford“, sagte er betrübt. „In einer Stunde.“

Dann ließ er rasch noch einmal den Apparat aufblitzen, als sich Tony schon in den Captain wandte.

„Was hat sich hier ereignet, Captain?“, erkundigte sich Gilford.

Der nahm ihn beim Arm, führte ihn durch den Schalterraum und die Treppe zum Tresor hinunter.

„Ein paar clevere Burschen haben die Blechbüchse aufgeschnitten und sich die Sardinen aufs Brot gelegt. Das dürfte vorläufig ihren Hunger stillen. Laut Auskunft der Bank handelt es sich dabei um 476 000 Sardinchen.“

„Wenn Sie dabei Dollar meinen, dann empfangen wir beide auf der gleichen Welle, Captain“, meinte Gilford trocken. „Ein ziemlich großer Happen, muss ich zugeben. Gibt es hier denn keine Sicherheitsmaßnahmen?“

„Die besten, die man mit Geld kaufen kann“, erwiderte der Captain und steuerte auf die Tresortür zu, vor der zwei Polizisten Wache hielten. „Leider finden unsere Freunde von der Unterwelt immer einen neuen Dreh, wenn es darum geht, Geld zu verdienen.“

Die Tür öffnete sich, und nun blickte Gilford überrascht auf den Trubel, der auch hier drinnen herrschte. Da krabbelten Beamte auf allen vieren herum, Blitzlichter blendeten auf, und Fingerabdruckspezialisten verstreuten ihren Puder pfundweise.

Es war nicht mehr nötig, die nächste Frage zu stellen. Das Loch in der Wand gab Anthony Gilford schon Antwort genug. Dann erblickte er die bewegungslose Gestalt am Boden, über die sich ein Polizeiarzt gebeugt hatte.

„Darf ich mich vielleicht auch noch erkundigen, wer das ist?“, fragte Gilford und nickte zu dem Toten hin. „Es sieht nicht so aus, als könnte es der Manager sein, der vor lauter Schreck in Ohnmacht gefallen ist.“

Captain McAdam nickte mit finsterem Gesicht.

„Ach so, ich habe vergessen, Ihnen mitzuteilen, dass einer der Gangster bei dem Einbruch auf der Strecke blieb. Die Zusammenhänge verstehe ich allerdings nicht. Er wurde aus der Nähe erschossen. Der Wunde nach handelte es sich um eine Dum-Dum-Kugel, entweder mit weicher Bleinase oder die Spitze wurde abgefeilt. Der Tote heißt Jerry Canini. Man kann ihn als Spezialisten für das unerlaubte öffnen von Tresoren betrachten. Eine Vorstrafe, mehrere Male unter Verdacht hochgenommen, aber musste immer wieder entlassen werden.“

„Ein Profi“, nickte Gilford. Er trat näher heran und blickte auf den Toten hinunter. Dann sah er aber rasch wieder weg. Das Loch in der Brust sah wirklich nicht schön aus.

Er steuerte weiter, zu dem Loch in der Wand, steckte den Kopf durch und stieg dann kurzerhand durch, da er auf der anderen Seite noch mehr Polizisten sah.

Jetzt betrachtete er beeindruckt den Stollen.

„Die Burschen haben anscheinend keinen Schweiß gescheut, um an das Geld heranzukommen. Wohin führt es hier?“

„Zu einem Tabakladen“, erklärte der Captain. „Ich habe bereits einen Streifenwagen zu der Wohnung des Besitzers geschickt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ahnungslos oben seine Nikotinnudeln verkaufte, während hier unten eine Schar Gangster wie die Maulwürfe in seinem Keller wühlte.“

Anthony Gilford nickte nachdenklich, als er sich gründlich umsah und sich darüber klar wurde, wie die Verbrecher das Geschäft gedreht hatten. Er musste sogar insgeheim zugeben, dass sie dabei ausgezeichnete Arbeit geleistet hatten.

„Bei diesem Betrieb würde ich mich nicht wundern, wenn wir eine Anzahl von Prints finden würden“, meinte er schließlich. „Haben Sie schon dafür gesorgt, dass wir Näheres über diesen Canini und seine Freunde erfahren?“

Captain McAdam nickte.

„Wir haben bereits jemanden in Caninis Wohnung geschickt, um seine Frau zu benachrichtigen. Wenn wir erst einmal hier Ordnung geschafft haben, können wir mit ihr im Centre sprechen.“

Allerdings war es wesentlich schwieriger, Ordnung zu schaffen, als sich der Captain vorgestellt hatte.

Der Polizeiarzt behauptete, Canini sei am Vorabend zwischen 8 Uhr und Mitternacht erschossen worden. Er bestätigte auch die Vermutung des Captains, dass es sich bei der Kugel um ein Dum-Dum-Geschoss handelte. Mehr konnte er im Augenblick nicht erklären, denn die Kugel war nicht wieder ausgetreten und steckte vermutlich im Rückgrat. Gilford gab sein Einverständnis, den Toten abtransportieren zu lassen.

Noch während sie damit beschäftigt waren, kehrte die Mannschaft des Streifenwagens zurück, die der Captain zu dem Besitzer des Tabakladens geschickt hatte. Sie berichteten recht bedrückt, dass er den Laden verkauft habe. Zwar waren sie zur Adresse des neuen Besitzers gefahren, aber hatten dort niemand angetroffen. Einer ihrer Kollegen war zur Sicherheit zurückgeblieben, um den Mann abzufangen.

Anthony Gilford bezweifelte, dass der neue Ladenbesitzer zu seiner Wohnung zurückkehren würde. Wenn sich der Arzt nicht getäuscht hatte, dann hatten diese Verbrecher schon mindestens neun Stunden Vorsprung. Der Gründlichkeit nach zu schließen, die sie an den Tag gelegt hatten, um an das Geld zu gelangen, würden sie auch dafür gesorgt haben, dass ihnen weder die Polizei noch der FBI gefährlich werden konnte.

Er brauchte nicht lange zu überlegen, was er zu tun hatte. Die Routineuntersuchungen konnte er ruhig der Polizei überlassen, die so zahlreich vertreten war. Er musste rasch handeln, wenn die Spur nicht erkalten sollte.

Ohne dem Captain oder der Bankverwaltung lange Erklärungen zu geben, setzte er sich wieder in seinen Wagen und fuhr rasch ab. In seinem Gehirn hatte sich bereits eine Ahnung festgenistet, wie es zu diesen Ereignissen gekommen sein konnte.

 

 

3

George Patterson brauchte nicht einmal eine Stunde, bis er mit der gewünschten Auskunft wieder zurück war. So leicht hatte er noch nie in seinem Leben tausend Dollar verdient. Er strahlte förmlich über das ganze Gesicht, als er wieder in Bradens Büro platzte.

„Wir haben ihn, den feinen Burschen“ berichtete er. „Len Samuels heißt der Junge. Arbeitet für eine Reklamefirma am Broadway, übrigens will sich die Polizei mit ihm befassen. Aber als ich im Centre war, gab es gerade allerhand Trubel. Angeblich hat eine Bande eine Bank um eine Million erleichtert.“

Jack Braden nickte.

„Darüber wird sich Tony Gilford bestimmt freuen. Ein Bankraub fällt in sein Ressort. Diesmal wird er mit Recht behaupten können, dass er unter Druck stehe.“

Details

Seiten
145
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921878
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
jack braden thriller ratten

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #3: Ratten unter sich