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Die Raumflotte von Axarabor #26: Planet des Puppenspielers

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #26: Planet des Puppenspielers

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Planet des Puppenspielers

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 26

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 70 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Der Planet Alpha Epsilon liegt inmitten des Machtbereichs des Adakoni-Kartells, das über rund einhundert Welten gnadenlos herrscht.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Wer bist du denn, Kleiner?“, fragte die freundliche ältere Dame den kleinen Jungen. Wie eine liebende Oma zu ihrem Enkel sprechen würde.

Der kleine Junge, offenbar fünf Jahre alt, mit blondem Lockenschopf und strahlend blauen Augen, lächelte zurück.

„Ich bin der Erik!“

„Und wieso bist du hier ganz allein unterwegs, in der übelsten Gegend von Alpha Epsilon Stadt?“

„Vielleicht habe ich mich verlaufen?“

„Aha? Also verlaufen hast du dich? Aber wieso vielleicht?“

„Ich bin mit meinem Papa hier.“

„Und wo ist dein Papa? Ich sehe ihn nirgendwo.“

„Ich weiß es nicht.“

„Nun, dann hast du wahrlich Glück gehabt, kleiner Erik, dass du mich gefunden hast. Ich werde mich um dich kümmern. Und glaube mir, ich habe darin viel Erfahrung. Ich kümmere mich gern um kleine Jungs, die sich verlaufen haben.“

Erik zeigte keinen Argwohn, als er an der Hand der lieben, netten alten Dame davon ging.

Ahnte er denn gar nicht, dass er das neueste Opfer sein sollte der berüchtigten Menschenfresserin?

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Alpha Epsilon. Mitten im Machtbereich des Adakoni-Kartells, das über rund einhundert Welten gnadenlos herrschte.

Milliarden von Menschen waren die permanenten Opfer dieses Kartells, das an Unmenschlichkeit seinesgleichen suchte.

Die Raumflotte von Axarabor hatte zwar in einem beispiellosen Feldzug die Hälfte des Machtbereiches vom Joch der Tyrannei befreit, aber es blieben eben noch diese rund einhundert Welten, die man in den Weiten der Galaxis erst einmal finden musste.

Recht und Ordnung waren hier Fremdwörter. Es galt ausschließlich das, was die örtlichen Vertreter des Kartells bestimmten. In diesem Fall, im Fall von Alpha Epsilon eben, das Recht von König Feisal Allamon.

Er war natürlich kein richtiger König, weil er sich selbst dazu ernannt hatte. Obwohl sein gewaltiger Palast eines echten Königs durchaus würdig gewesen wäre.

Feisal Allamon. Ein Mafioso reinsten Wassers. Zwar sprach er immer von Familie und von Familienehre, aber jeder wusste schließlich, dass er mit Familie lediglich seine Mafiabande meinte und mit Ehre ausschließlich grenzenlose Loyalität seiner Person gegenüber.

Es gab nur einen einzigen Menschen im gesamten Universum, den er respektierte, außer sich selbst – und das war Großmogul Tscholu Fandamino, der geheimnisvolle oberste Führer des verabscheuungswürdigen Adakoni-Kartells.

Allerdings war es bisher noch nie passiert, dass sich Fandamino persönlich um König Feisal Allamon gekümmert hätte. Es war nicht nötig geworden.

Überhaupt ließ er gern seine Führer frei gewähren, solange es nicht seinen persönlichen Interessen widersprach. Und so lange König Feisal Allamon regelmäßig dem Kartell seinen Tribut zollte, behielt er auch noch weiterhin völlig freie Hand.

Nach Großmogul Tscholu Fandamino hätte er sich getrost auch Kaiser nennen dürfen. Es interessierte den Großmogul nicht. Genauso wenig wie die Art seiner Herrschaft über Alpha Epsilon, die von Terror, grausamer Folter und gnadenlosem Massenmord geprägt war.

Alles dies wusste natürlich Erik, der kleine Junge mit dem blonden Lockenschopf, der nur so aussah, als sei er erst fünf Jahre alt. Und er wusste außerdem auch sehr genau, an wessen Hand er da ging:

Großmutter Schira!

Niemand wusste, wie sie wirklich hieß. Sicher war nur, dass sie unter dem besonderen Schutz von König Feisal Allamon stand, angeblich weil sie ihm einmal vor Jahrzehnten das Leben gerettet hatte.

Damals war sie natürlich noch nicht wie eine Großmutter erschienen. Als Schira hatte sie sich einen üblen Ruf als gnadenlose Killerin innerhalb des Kartells verschafft. Man schickte sie stets dorthin, wo es besonders blutig werden sollte.

Jetzt, alt und grau geworden, war von der einstigen Elitekämpferin nicht mehr viel übrig geblieben. Aber ihr Blutdurst blieb nach wie vor unstillbar.

Man erzählte sich heute noch, dass sie gern mit blanken Zähnen ihren Opfern die Kehle aufgerissen hatte. Das Trinken des Blutes ihrer sterbenden Opfer hatte ihr offenbar einen ganz besonderen Kick verschafft.

Inzwischen, in ihren alten Tagen, hatte sie keine Kraft und vor allem kein Gebiss mehr, das dazu in der Lage gewesen wäre. Aber sie hatte längst eine für sie annehmbare Alternative gefunden: Sie fing kleine Jungs ein, ganz bevorzugt eben Jungs, die sie erst mit ihrer Oma-Tour einlullte, um sie dann genüsslich auf das Schlachten vorzubereiten.

Gerüchten innerhalb des Kartells zufolge ernährte sie sich fast ausschließlich nur noch vom Fleisch ihrer armen, bedauernswerten Opfer.

Und jetzt hatte sie Erik als nächstes Opfer ausersehen. Ausgerechnet Erik. Weil der Name ihr nichts sagte. Noch nicht.

Erik lächelte still vor sich hin. Er hatte vor vielen Jahren seine Eltern verloren, in einem beispiellosen Massaker, als Piraten des Kartells seine Siedlerwelt überfallen hatten. Niemand war lebend diesem Massaker entkommen, das die Kartell-Piraten aus schierer Langweile verübt hatten.

Außer ihm natürlich. Weil er ganz besondere Fähigkeiten besaß.

Die Geschehnisse hatten ihn maßgeblich geprägt. Als Jahre nach dem Massaker erneut ein Raumschiff des Kartells auf seiner Welt gelandet war, hatte er gnadenlos seine Rache durchgeführt. An jedem Einzelnen.

Nicht persönlich natürlich. Weil er eben nach wie vor wie ein kleiner, fünfjähriger Junge aussah, obwohl er sehr viel älter war. Aber er konnte beliebig Avatare erschaffen. Vorzugsweise zwei, nicht mehr. Denn nur bis zu zwei gleichzeitig hatte er vollkommen unter Kontrolle. Wurden es mehr, schaffte er das nur noch eingeschränkt.

Und so marschierte er an der Hand der Menschenfresserin einem grausigen Schicksal entgegen.

Nicht unbedingt grausig für ihn selber...

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König Feisal Allamon genoss den Abend auf seine Weise: Mit einem halben Dutzend besonders leichter Frauen, ganz nach seinem Geschmack, die ihm außerdem vollkommen hörig waren. Zumindest verstanden sie es perfekt, so zu tun. Und wenn er etwas ganz besonders hasste, dann war es, wenn man ihn dabei störte. Egal, wer das war und egal aus welchem Grund. Und sei dieser Grund noch so überzeugend.

Der Störer war sein persönlicher Adjutant Prolem Zumal. Jeden anderen hätte er auf der Stelle töten lassen, aber immerhin war Prolem Zumal nicht nur sein persönlicher Adjutant, sondern eigentlich sogar seine rechte Hand, und als solche war er einfach zu wertvoll, um ihn einfach so töten zu lassen.

Der Grund war durchaus triftig:

„Tut mir leid, Eure Majestät, aber man hat mir soeben überzeugende Beweise vorgelegt, dass Ihr in tödlicher Gefahr schwebt.“

„Ich in tödlicher Gefahr?“ Das konnte und wollte König Feisal nicht glauben.

„Ja, es gibt so eine Art Mordserie innerhalb des Kartells. Es scheint so, als würde sich der geheimnisvolle und noch völlig unbekannte Mörder allmählich immer höher morden. Dabei hinterlässt er Hinweise darauf, dass Ihr sein eigentliches Ziel seid.“

König Feisal hatte jegliche Lust verloren, es weiter mit seinen Gespielinnen zu treiben. Er schickte sie mit einer herrischen Handbewegung weg.

Sie gehorchten stumm. Wie er es gewöhnt war.

König Feisal verzichtete darauf, sich anzuziehen. Er ließ sich schwer in einen der Sessel fallen.

Prolem Zumal ließ sich unaufgefordert ihm gegenüber nieder.

Er beugte seinen dürren Körper nach vorn, was sein Gesicht nur noch mehr an einen Geier erinnern ließ.

„Wünscht Ihr eine Liste der bisherigen Opfer zu sehen?“

„Nein, verzichte!“, murrte Feisal verstimmt. „Aber wie soll dieser Mörder hier hereinkommen, in den Palast? Es ist das am schwersten bewachte Gebäude auf dem ganzen Planeten.“

„Das weiß niemand, aber immerhin müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen. Wir haben ja noch nicht einmal die geringste Ahnung davon, wie der Mörder überhaupt aussieht und wieso er überhaupt so vorgeht. Er mordet anscheinend ganz gezielt, und jedes seiner Opfer wurde vor seinem Tod gefoltert. Offenbar wollte der Mörder dadurch mehr über die genauen Strukturen Eurer Macht erfahren.“

„Er mordet sich also immer näher an mich heran?“, vergewisserte sich der König.

„Ja, Eure Majestät. Alles spricht dafür.“

„Dann wird er wohl über sein nächstes Opfer versuchen, hier einzudringen? Es kommt also nur jemand infrage, der hier ein und aus gehen kann? Vielleicht um von diesem zu erfahren, wie man es anstellt?“

„Das wäre durchaus möglich, Eure Majestät!“

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Großmutter Schira hatte im Alter nicht nur ihre Kampfkraft verloren, sondern damit auch ihre Wehrfähigkeit. Hätte sie nicht unter dem besonderen Schutz des Königs gestanden, wäre sie möglicherweise schon länger nicht mehr am Leben gewesen, denn im Laufe der Zeit war sie natürlich einigen Leuten auch innerhalb des Kartells in die Quere gekommen. Aus diesem Grund wohnte sie nicht irgendwo in der weitläufigen Hauptstadt von Alpha Epsilon, sondern natürlich direkt im Herrscherpalast.

Die Wachen kannten sie zur Genüge. Und sie wussten um ihre grausigen Gelüste. Also fiel es ihnen nicht sonderlich auf, als sie an einem der Nebeneingänge mit dem kleinen Jungen an der Hand auftauchte.

„Oh, der Palast!“, freute sich der kleine Erik. Seine Augen strahlten förmlich.

Die scheinbar gütige Oma lächelte milde.

„Ja, mein kleiner Erik. Das ist der Palast des Herrschers. Ich stehe nämlich unter seinem besonderen Schutz und darf ebenfalls hier wohnen. So wie er.“

„Bist du denn die Großmutter des Königs?“

„Nun, nicht ganz, aber durchaus so ähnlich: Er liebt mich tatsächlich wie seine eigene Großmutter.“

„Du bist aber auch eine ganz besonders gute Oma!“, lobte Erik sie.

Großmutter Schira fühlte sich tatsächlich geschmeichelt. Obwohl sie sich im Stillen bereits ausmalte, wie wohl das Fleisch des Jungen schmecken würde. So halb durchgebraten, also im Innern noch ein wenig blutig...

Erik strahlte sie an und hatte nichts dagegen, gemeinsam mit Großmutter Schira den Palast zu betreten.

Nur die Wachen machten finstere Gesichter. Sie waren allesamt Mörder, eben das, was man menschlichen Abschaum nannte. Aber die Gelüste von Großmutter Schira waren sogar ihnen zuwider, und das sollte wirklich etwas heißen.

Trotzdem hatten sie nicht die Macht, etwas dagegen zu tun, etwa ihr neues Opfer vor ihr zu retten. Das hätte unweigerlich den tödlichen Zorn ihres Königs erregt, und das wollte natürlich keiner von ihnen riskieren.

Ungeschoren drang Großmutter Schira mit ihrem Opfer Erik tiefer in den Palast ein. Aber es ging nicht in eines der schmucken Gemächer über der Oberfläche, sondern schnurstracks hinunter in den finsteren Kellerbereich, dorthin, wo er am finstersten war.

Das wunderte Erik anscheinend.

„Wohnst du denn nicht oben beim Herrscher, sondern hier unten?“

„Doch, ich wohne durchaus oben, aber wir beide gehen jetzt trotzdem dort hinunter.“

„Aber warum denn, Oma Schira?“

Inzwischen hatte sie ihm verraten, wie sie hieß. Eben Schira. Und er nannte sie fast liebevoll Oma Schira. Das wärmte ihr kaltes Herz, und sie würde sich gern daran zurück erinnern, wenn sie sein Fleisch genoss. Das nahm sie sich jedenfalls in diesem Augenblick fest vor.

Es ging eine steile Treppe hinab. Und schon hier oben konnte man etwas riechen, was ganz typisch war: Blut!

Erik wurde anscheinend misstrauisch, denn er fragte:

„Warum gehst du mit mir dort hinunter, Oma Schira?“

„Damit man nicht deine Schreie hört!“, antwortete sie ungewöhnlich sanft, was ihren Worten eigentlich die schlimme Wirkung nahm.

Erik sah sie von schräg unten an.

Sie lächelte einnehmend.

„Meine... Schreie?“

„Ja, wenn ich dich auf das Schlachten vorbereite.“

„Du schlachtest dort unten? Für ein Essen, zu dem auch ich eingeladen bin?“

„Oh, ja, du bist sogar ganz besonders eingeladen, weil du das Wichtigste überhaupt bist bei dem bevorstehenden Mahl.“

Das schien Erik jetzt tatsächlich zu beruhigen.

Mit jedem Schritt, den sie tiefer gingen, verstärkte sich der Blutgeruch, und ein wenig mischte sich auch noch der Geruch von Verwesung hinein.

Dies hier war der besondere Bereich von Großmutter Schira. Niemand hatte hier Zutritt, außer natürlich König Feisal Allamon. Doch dieser hätte sich gehütet, hier nach dem Rechten sehen zu wollen. Er gehörte zwar zu den schlimmsten Menschen, die es jemals im Universum gegeben hatte, aber sogar ihm waren die Gelüste von Großmutter Schira zuwider.

Aber er hatte ihr nun einmal geschworen, sie für immer zu beschützen. Nichts würde ihn davon abhalten. Es sei denn, Großmutter Schira hätte sich gegen ihn gewendet. Und genau das würde sie natürlich niemals tun, denn sie wusste ja, was sie an ihrem König hatte.

Erik ging weiter und wurde zunehmend munterer.

Diese besondere Fröhlichkeit, die Großmutter Schira an ihm entdeckte, machte sie ein wenig misstrauisch. Aber nur ein wenig. Warum sollte der kleine Erik denn nicht fröhlich sein, in den letzten Minuten, in denen er das noch sein durfte, ehe für ihn das qualvolle Ende begann?

Sie lächelte wieder. Diesmal grausam. Ihre Lippen bildeten dabei dünne Striche. Ihre unzähligen Runzeln in einem Gesicht, das wie mumifiziert wirkte, strafften sich sogar ein wenig.

Jetzt sah sie keineswegs mehr aus wie die gutmütige, liebe, nette Oma, die mit ihrem geliebten Enkel einen Spaziergang in die Unterwelt des Herrscherpalastes wagte, sondern es war die grausame Maske einer gnadenlosen Menschenfresserin.

Erik schien es nicht zu sehen. Er gab sich zunehmend fröhlicher noch. Anscheinend konnte er kaum erwarten, was dort unten auf ihn lauerte.

Dann betraten sie gemeinsam die Folterkammer mit dem großen Kamin.

Sie liebte es, die geschundenen Opfer aufzuspießen und über dem offenen Feuer zu braten.

Jetzt ging sie in die Knie, bis sie mit Erik in Augenhöhe war.

Er sah in ihre kalt glitzernden Augen. Aber er lächelte.

„Hast du denn keine Angst, kleiner Erik?“

„Natürlich nicht, denn ich habe ja meinen Beschützer mit dabei.“

Sie runzelte überrascht die Stirn.

„Beschützer?“, echote sie.

Gleichzeitig hörte sie hinter sich ein seltsames Geräusch, wie ein Schnauben.

Unwillkürlich fuhr sie hoch und wirbelte gleichzeitig halb um die eigene Achse. Trotz des alten, ausgemergelten Körpers gelang ihr das.

Hinter ihr stand ein fürchterliches Ungetüm, das aussah wie ein Saurier aus der Urzeit. Beinahe drei Meter groß, so dass es sich bücken musste in dem unterirdischen Raum.

Es riss das mit nadelspitzen Zähnen bewehrte Maul auf.

Großmutter Schira hatte mal irgendwo ein Bild von einem fleischfressenden Saurier gesehen, der diesem hier wirklich verblüffend ähnelte, als er sein Maul aufriss und ihr die Hand abbiss, die sie schützend vor sich hielt.

Großmutter Schira schrie vor Entsetzen und noch mehr vor Pein. Der Schock war so groß, dass der Armstumpf gar nicht blutete.

Erik hatte sich inzwischen ein wenig zurückgezogen.

„Das ist ein Gorlo“, erklärte er unbekümmert. „So nennt man diese Saurierart auf dem Planeten, von dem ich komme. Und ich hatte einen guten Grund, hierher zu kommen: Rache am Adakoni-Kartell! Und glaube mir, ich kenne mindestens genauso wenig Gnade wie du jemals in deinem beschissenen Leben. Ich werde dich von meinem Gorlo systematisch auffressen lassen, bei lebendigem Leib. Bis du qualvoll verblutest.“

„König Feisal wird mich rächen!“, gurgelte die Alte und versuchte zu fliehen.

Ein Hieb mit einer der Pranken brachte sie zu Fall. Dann war der Gorlo über ihr.

Man konnte nicht mehr viel von ihr sehen, doch man hörte ihre grausamen Schreie.

Diesmal nicht die Schreie ihrer Opfer, sondern zum ersten Mal ihre eigenen schreie.

Erik stand wie unbeteiligt abseits, mit leerem Gesichtsausdruck.

„Ja, ich kenne genauso wenig Gnade wie du in deinem beschissenen Leben“, wiederholte er ungerührt. „Allerdings ist mein Motiv ein völlig anderes. Du hast getötet, um des Tötens Willen. Ich jedoch töte aus unstillbarer Rache. Ich werde nicht eher ruhen, bis es das Adakoni-Kartell nicht mehr gibt. Egal wie lange es dauern wird. Und da ich keinen Tag älter werde als fünf Jahre, hoffe ich doch, ich lebe lange genug, bis meine Rache vollendet ist.“

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Und schon wieder gab es eine Störung. König Feisal hatte sich ausbedungen, ungestört nachdenken zu können. Doch jetzt wurde einfach die Tür geöffnet und jemand trat ein.

„Verdammt noch mal...“, begann er, während er sich umwandte.

Diesmal war es nicht sein persönlicher Adjutant Prolem Zumal, sondern... Großmutter Schira.

„Was, beim grausigen Raumgeist, suchst du hier in meinen Gemächern?“, fuhr er sie an.

Zwar hatte er sich geschworen, sie für immer zu beschützen, aber das hielt ihn nicht davon ab, sie in ihre Schranken zu verweisen. Niemand durfte unangemeldet hier auftauchen.

„Es – es tut mir leid“, stammelte sie unterwürfig, „aber es geht um den Mörder, der hier auf Alpha Epsilon sein Unwesen treibt.“

„Wie bitte? Wieso weiß du denn davon?“

„Es – es handelt sich ohne Zweifel um einen aus deinen eigenen Reihen, Feisal.“

Mit seinem Vornamen durfte nur eine ihn ansprechen – eben Großmutter Schira.

„Aus den eigenen Reihen?“, rief König Feisal Allamon entsetzt.

„Ja, und es spricht einiges dafür, dass es sich um ein Komplott handelt. Anscheinend will man auf diese Weise deinen Posten übernehmen.“

„Ein Komplott gegen mich?“

„Dann überlege doch mal, wer in Frage käme. Keiner aus deinem direkten Umfeld würde es wagen, offen gegen dich vorzugehen. Es gibt zu viele Loyale innerhalb dieser Mauern und wahrscheinlich auch in der ganzen Stadt, wenn nicht sogar auf dem ganzen Planeten. Also inszeniert man es auf diese Weise, eben mit einem geheimnisvollen, unbekannten Mörder. Um von der eigentlichen Gefahr abzulenken. So kann man einen Loyalen nach dem anderen beseitigen, bis nur noch die Verräter übrig sind.“

König Feisal war dermaßen erschüttert, dass er sich in seinen Sessel zurücksinken ließ.

„Aber woher weißt du dies alles?“

„Ich weiß es schon länger, Feisal. Ich habe nur bisher gezögert, es dir zu sagen. Weil ich natürlich erst noch Gewissheit erlangen musste.“

„Gewissheit? Inwiefern?“

„Na, ist dir das denn nicht seltsam vorgekommen, dass dein persönlicher Adjutant ausgerechnet heute mit dieser Geschichte zu dir kam? Wieso nicht schon vor Wochen, als die Mordserie eigentlich schon begonnen hat? Wusstest du überhaupt schon von dieser Mordserie?“

„Nein, ich wusste gar nichts. Bis heute.“

„Und das kommt dir jetzt nicht seltsam vor?“

„Nun, auch Prolem wollte halt erst sicher sein, ehe er...“

König Feisal brach ab.

„Das glaubst du wirklich?“, hakte sie unerbittlich nach. „Wie lange kennst du mich schon? Und wie lange kennst du ihn? Hat er dir jemals das Leben gerettet, so wie ich?“

„Er war mir stets treu ergeben!“, beharrte der König lahm.

„Zumindest ist es ihm perfekt gelungen, dich das glauben zu machen. Aber glaube jetzt mir, Feisal, wenn ich dir sage: Niemand hat mehr Interesse daran, dich zu Fall zu bringen, als ausgerechnet er. Denn überlege einmal selber: Wer wird dein Nachfolger, wenn es dich kostet? Na?“

„Du – du bezichtigst meinen persönlichen Adjutanten und rechte Hand Prolem Zumal, eine Verschwörung gegen mich anzuführen?“

„Ich bezichtige ihn zu gar nichts. Ich bitte dich einfach nur, dir deine eigenen Gedanken zu machen. Ich bin eine uralte Frau. Was sollte ich denn für ein Interesse daran haben, nach der Macht zu streben? Wie lange habe ich noch zu leben? Nicht lange genug, um davon etwas zu haben. Und hätte ich das nicht schon viel früher versucht, zu einer Zeit, in der es mir noch etwas genutzt hätte?“

„Ich weiß, Schira, und du kannst dir sicher sein, dass es niemanden gibt, dem ich mehr vertraue als dir, aber jetzt lass mich bitte allein, damit ich in aller Ruhe über alles nachdenken kann!“

Großmutter Schira nickte nur und verließ rückwärts den Raum, immer wieder einen Bückling andeutend.

Draußen erwartete sie Erik. Er grinste dreist.

„Gut gemacht, Großmutter Schira!“

Im gleichen Moment löste sich ihre Gestalt in Nichts auf.

Erik benötigte den Avatar nicht mehr, den er in der Gestalt von Großmutter Schira geschaffen hatte. Vorläufig zumindest.

Das Spiel hatte begonnen, und die Verlierer standen für ihn jetzt schon fest.

Falls nicht doch noch etwas Unvorhergesehenes dazwischen kam.

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Der König hatte sich zu einem Entschluss durchgerungen. Über die Sprechanlage orderte er zwei seiner besten Leibwächter herbei.

Sobald diese bei ihm waren, rief er über dieselbe Anlage nach seinem Adjutanten.

Prolem Zumal kam sofort, obwohl es schon ziemlich spät war. Eigentlich hätte er um diese Zeit sich längst zurückgezogen haben müssen. Schließlich musste er am nächsten Morgen wieder früh heraus, denn er trug die Hauptlast bei der Führung eines ganzen Planeten. König Faisal selbst hatte mehr und mehr seine Macht an ihn übertragen.

Vielleicht war genau das sein entscheidender Fehler gewesen?

„Aha?“, machte er, als sein spindeldürrer Adjutant mit dem Geiergesicht eintrat. „Seltsam, dass du immer noch auf den Beinen bist, mein Freund.“

„Aber Majestät“, versuchte sich Prolem Zumal zu verteidigen, „ich habe Euch doch schon gesagt, dass es einen unbekannten Mörder gibt. Wenn er die Reihenfolge weiterhin beibehält, bin ich eines der nächsten Opfer. Dann ist er nah genug an Euch herangekommen und...“

König Feisal unterbrach ihn mit einer herrischen Handbewegung.

„Was auch immer, Prolem, ich glaube dir nicht mehr.“

„Wie bitte?“, machte Prolem Zumal entgeistert.

„Ja, richtig gehört: Ich vertraue dir nicht mehr! Denn ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass es möglicherweise diesen Mörder gar nicht gibt. Vielleicht ist das alles nur eine böse Verschwörung, um mich zu stürzen?“

„Vielleicht? Wer, um alles in der Welt, kommt denn auf eine solch absurde Idee?“

„Absurde Idee?“, wurde der König sogleich aufbrausend. „Ich sehe das ein wenig anders, mein lieber Prolem Zumal. Der Einzige, der davon profitieren würde, falls es mich den Kopf kostet, das bist du.“

„Das ist doch nicht Euer Ernst, Eure Majestät! Beweise ich denn nicht schon seit Jahren meine uneingeschränkte Loyalität? Bin nicht ich es, der beinahe sämtliche Verantwortung einer planetaren Führung allein auf seinen Schultern trägt?“

„Nun tu nicht so, als sei das wirklich eine so große Bürde!“, regte sich der König auf. „Wir wissen doch beide, wie diese Führung aussieht: Es reicht gerade noch, um zu verhindern, dass diese Welt völlig dem Chaos anheimfällt. Denn dann könnten wir unsere Quote nicht mehr erfüllen gegenüber dem Kartell. Das würde den Großmogul ziemlich ungehalten machen. Und wir beide wissen, was das für uns bedeuten würde.“

„Aber ich...“

Abermals diese herrische Handbewegung.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921786
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436244
Schlagworte
raumflotte axarabor planet puppenspielers

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #26: Planet des Puppenspielers