Lade Inhalt...

Schicksale im Haus an der Ecke #10: Schlechter Lohn für guten Willen

2018 91 Seiten

Zusammenfassung

Tüllenalarm in einem Hamburger Wohnviertel – die biederen Hausfrauen werden zu Furien. Nachdem die Eckhaushure Rita außerhalb der Sündenmeile einen Kunden in seinem Haus bedient hatte, wird sie von Frauen aus der Nachbarschaft angegriffen – so eine wie Rita will man in der ehrbaren Gegend nicht haben. Als die Dirne verletzt am Boden liegt, hilft ihr nur eine: Gina Füller. Die junge Frau tut es ganz selbstlos, weil sie gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung ist, doch das muss sie bitter büßen. Das verzeihen die rechtschaffenen Ehefrauen ihr nicht. Als Gina Hilfe braucht, ist Rita mit den Dirnen vom Eckhaus zur Stelle ...

Leseprobe

Table of Contents

Schlechter Lohn für guten Willen

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Schlechter Lohn für guten Willen

Schicksale im Haus an der Ecke #10

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

 

Tüllenalarm in einem Hamburger Wohnviertel – die biederen Hausfrauen werden zu Furien. Nachdem die Eckhaushure Rita außerhalb der Sündenmeile einen Kunden in seinem Haus bedient hatte, wird sie von Frauen aus der Nachbarschaft angegriffen – so eine wie Rita will man in der ehrbaren Gegend nicht haben. Als die Dirne verletzt am Boden liegt, hilft ihr nur eine: Gina Füller. Die junge Frau tut es ganz selbstlos, weil sie gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung ist, doch das muss sie bitter büßen. Das verzeihen die rechtschaffenen Ehefrauen ihr nicht. Als Gina Hilfe braucht, ist Rita mit den Dirnen vom Eckhaus zur Stelle ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Gina Füller - geschiedene junge Frau, hilft einer Dirne und wird deshalb verachtet.

Rita - Eckhausmädchen, gerät in eine brenzlige Situation, weil sie verschlafen hat.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

»Ja, ich sage ihr Bescheid! Keine Panik! Sie wird gleich hier sein. Meine Güte, wenn ich es doch verspreche!«

Hanna seufzte und legte den Hörer neben das Telefon. »Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt«, murmelte sie vor sich hin. »Es wird immer schlimmer. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.«

»Bist du schon so tüddelig, dass du mit dir selber sprichst?«, fragte Eva-Maria kichernd.

Hanna zuckte zusammen.

»Was schleichst du denn hier herum?«, bellte sie sofort wütend.

Eva-Maria riss Mund und Augen auf. Es war gar nicht Hannas Art, wie eine Furie zu reagieren.

»Ich habe es nicht gern, wenn man mich von hinten anquatscht. Ich bin sauer!«

»Entschuldige! Ich wollte dir ja nichts antun! Ehrlich nicht«, sagte die Tülle verdattert.

Hanna blickte ihre Kollegin noch immer wütend an. »Wieso hältst du dich hier unten auf? Warum bist du nicht oben in deinem Zimmer? Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass du zur Tagschicht eingeteilt worden bist?«

Eva-Maria war ein gutmütiger Mensch. »Reg dich ab, Hannachen! Du kriegst sonst Falten. Ich war einkaufen und habe mir erlaubt, das Haus zu betreten. Wenn du mich jetzt nicht länger aufhältst, gehe ich jetzt nach oben.«

Hanna stöhnte.

»Entschuldige! Ich wollte wirklich nicht ausfallend werden. Du, ich bin ganz durcheinander.«

»Das merke ich«, sagte Eva-Maria trocken. »Warum lässt du dir denn nicht helfen?«

»Weil ich gedacht habe, ich schaffe es alleine. Ihr habt doch auch keine Zeit. Lange wird es ja wohl nicht mehr dauern. Ich wollte doch etwas! Meine Güte, jetzt weiß ich schon nicht mehr, was ich eigentlich tun wollte!«

»Als ich dich sah, hast du gerade telefoniert.«

»Herrje«, keuchte Hanna. »Und er war so ungeduldig. Hol mir auf die schnelle mal Rita herbei!«

Wie ein gutmütiges Schaf ging Eva-Maria los und klopfte wenig später bei Rita an die Tür.

»Telefon!«, rief sie laut.

»Ich bin nackt, ich war gerade unter der Dusche!«

»Ein Kunde für dich!«, fuhr Eva Maria fort.

»Ja, ja, ich komme ja schon!«

»Sie kommt«, schrie Eva-Maria nach unten.

»Danke!«, rief Hanna zurück.

Hanna ging wieder in die Küche. Inzwischen waren einige Lieferanten eingetroffen. Hanna hatte einfach keine Zeit, selbst zum Großmarkt zu fahren. Das Haus an der Ecke war eines der wenigen Bordelle, in denen die Mädchen auch verköstigt wurden. Ida hatte es sich auf ihre Fahne geschrieben, die Mädchen gesund zu ernähren. Die Köchin hatte das eingeführt. Leider war die besagte Eckhausköchin gerade nicht anwesend. Auf Urlaub war sie, wie es hieß. Dabei hatte sie ursprünglich nur zwei Tage mit der Bordellmutter Deike fortbleiben wollen.

»Also dann wollen wir mal«, seufzte Hanna, die auch Dirne war und in der Regel anders ihr Geld verdiente. Doch seit einigen Jahren hatte es sich eingebürgert, dass sie die Oberaufsicht führte, wenn Not am Mann war.

Hanna dachte, im Augenblick habe ich keinen blassen Schimmer, was ich heute kochen soll. Warum habe ich bloß die Mädchen am Frühstückstisch nicht festgenagelt? Sie sollten das entscheiden. Ich will mir nicht dauernd den Kopf zerbrechen.

Die Dirne Rita hatte sich inzwischen einen Fummel übergeworfen und war in die Halle gelaufen. Sie brauchte ein paar Minuten, um den ungeduldigen Kunden zu beruhigen.

»Ist doch nicht so schlimm! Wir sind mit dem Personal ein wenig knapp. Kann doch mal vorkommen! Ich bin doch jetzt da und höre! Was liegt denn an?«

Es war ein sehr guter Stammkunde, also musste sie ihm einiges nachsehen. Rita hörte eine Weile schweigend zu, dann sagte sie. »Also schön, ich bin bereit. Ich mache es. Aber das wird eine hübsche Stange Geld kosten. Damit du es gleich weißt!«

Er wollte nicht gleich anbeißen. Doch dann erklärte sie ihm, dass sie Dienst auf der Rampe habe, und dass sie jetzt erst einmal ein paar Stammkunden absagen musste.

»Die werden schön sauer sein.«

Der Mann sah das ein. Plötzlich legte er sogar noch was drauf.

»Ich kann mich also auf dich verlassen?«, fragte er.

»Ich werde pünktlich auf die Minute bei euch eintreffen. Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?«, fragte Rita.

»Du wirst zufrieden sein«, versprach der Kunde.

Rita legte auf.

»Na ja«, brummte sie leise vor sich hin. »Ob ich das sein werde, das weiß ich nicht. Das wird eine elende Schufterei, und ich werde verdammt müde da rauskommen.«

Sie zog den Gürtel enger und betrat dann erst die Küche. Wenn man diese Region betrat, sollte man in der Regel anständig gekleidet sein. Das hatte auch Ida, die Köchin, eingeführt.

Hanna stand mit wirren Haaren zwischen den Lieferanten. Diese witterten ein Geschäft. Als sie erfuhren, dass Ida, der Drachen, nicht zugegen war, wollten sie mit Hanna kurzen Prozess machen. Vor allen Dingen wollte man ihr teure Fertiggerichte andrehen. Bei so vielen Mädchen würde ihnen das eine Stange Geld einbringen. Leider erschien jetzt eine weitere Tülle in der Küche.

Rita erkannte die Hilflosigkeit von Hanna. Sie waren alle total übermüdet.

Rita warf die Männer raus. »Wenn wir was brauchen, rufen wir schon wieder an!«, erklärte sie den verärgerten Händlern.

»Dann haben wir vielleicht keine Zeit«, schimpften die wütend. »Wir können doch nicht pausenlos nur für das Eckhaus da sein.«

»Nein? Das ist nicht so schlimm, dann sehen wir uns nach anderen Zulieferern um«, gab Rita zuckersüß zurück.

»Aber so war es doch nicht gemeint«, sagten die Geschäftsleute mit süßlicher Stimme.

Hanna sagte verzagt: »Was soll jetzt werden? Du kannst sie doch nicht fortschicken! Wir brauchen doch heute etwas zu essen!«

»Ganz recht! Aber in deiner jetzigen Verfassung könntest du ohnehin nicht kochen. Es würde uns bestimmt nicht schmecken. Also würde man all das gute Essen wegwerfen. Du bist überarbeitet, lass es dir gesagt sein. Ich trommel gleich die anderen Mädchen zusammen, und dann rufe ich bei Charly an.«

Hanna lächelte erleichtert. »Ida wird mir den Kopf abreißen«, murmelte sie.

»Sie braucht es ja nicht zu erfahren.«

»Aber das Wirtschaftsgeld? Es wird dann nicht reichen.«

»Du wirst heute bei Charly zahlen, und was fehlt, legen wir drauf!«

»Du hast in der Tat gute Ideen.«

»Habe ich auch! Massenhaft! Gib mir jetzt eine Tasse Kaffee, dann reden wir noch ein wenig!«

»Stimmt was nicht?«, fragte Hanna besorgt.

»Ich muss heute Nacht weg. Großer Auftritt, verstehst du? Mir geht es zwar auch ein wenig gegen den Strich, ich habe derart viel zu tun im Augenblick, dass ich direkt eine Hilfstülle einstellen könnte.«

»So einen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gehört!«

Rita kicherte. »Nicht wahr? Also du weißt Bescheid, ich falle heute aus. Meine Stammkunden sollen sich andere Mädchen suchen!«

»Also wirklich, das kommt ziemlich plötzlich«, maulte Hanna. »Ich muss den ganzen Plan wieder umwerfen!«

»Mach dir nicht ins Hemd. Das ist doch nicht so schlimm! Außerdem müssten Deike und Ida bald wieder heimkommen.«

»Hast du vergessen, dass man sie umbringen wollte? So ein Schock muss erst einmal überwunden werden.«

»Gut, dann soll Marek, der Großlude, mal wieder neue Mädchen bringen. Drei Zimmer stehen hier leer! Das hat es schon lange nicht mehr gegeben.«

Hanna stöhnte. »Richtig, das hatte ich ja ganz vergessen. Marek muss noch informiert werden.«

»Bleib sitzen! Warte, bis er wieder im Lande ist! Ist ja sein Ausfall. Ich bin nur froh, dass der miese Bertram nicht mehr mitspielen darf.«

»Im Augenblick ist wirklich eine Menge los auf dem Kiez. Wir müssen uns vorsehen, sonst wird alles noch schlimmer.«

Rita hatte jetzt keine Zeit mehr.

Sie musste ja noch telefonieren. In der Tür stehend fragte sie: »Warum rufst du nicht Lotte an? Sie könnte dir doch helfen. Oder Martha! Soll ich sie anrufen?«

»Bist du verrückt? Lotte, Mareks Mutter, bringt uns alle auf die Intensivstation! Wenn die hier das Sagen hätte, dann gute Nacht! Auch für den Großluden! Lorenz hätte sie ja fast auf dem Gewissen. Mareks Diener hat direkt Glück gehabt.«

Rita kicherte.

»Männer vertragen halt nicht so viel wie wir!«

»Komm, Lorenz ist schon in Ordnung.«

»Also keine Lotte. Nun gut, dann muss ich das selbst in die Hand nehmen. Sobald ich Zeit habe, werde ich alle zusammentrommeln. Du gehst jetzt zu Charly rüber und handelst mit ihm einen guten Preis für das Mittagessen aus!«

Hanna wurde direkt fröhlich. »Ihr werdet mir also nicht nachtragen, dass ich versagt habe?«

Rita schüttelte den Kopf. »Was du für komische Fragen stellst! Ich würde nicht so bereitwillig diese Verantwortung übernehmen. Na ja, es muss auch Menschen wie dich geben. Nein, Hanna, ehrlich!«

Rita ging pfeifend in die Halle zurück, schnappte sich das Telefon und verschanzte sich im Büro. Jetzt wurde die Wählscheibe eifrig in Bewegung gesetzt. Dabei dachte sie, Deike soll auch mal zusehen, dass sie endlich ein Tastentelefon bekommt. Ich habe ja schon einen ganz lahmen Zeigefinger.

 

 

2

Rita hatte sich toll zurecht gemacht. Die Zeit drängte. Sie fühlte sich sehr zufrieden in dieser Nacht. Alles hatte bis jetzt einfach wunderbar geklappt. Geschlossen waren die Mädchen rüber zu Charly in die Kneipe essen gegangen. Man hatte ein Schild im Torbogen angebracht. Lustig und zu Späßen aufgelegt, hatten sie darauf geschrieben: »Wegen Familienfeier für zwei Stunden geschlossen.« Anschließend hatten die Rampenmädchen den Freiern Rede und Antwort zu stehen. Rita hörte es und amüsierte sich schmunzelnd darüber. Zum Teil wurden ihre Kolleginnen nämlich richtig fuchtig, wenn sie antworteten: »Wir sind nicht aus Holz. Ob du es nun glaubst oder nicht, wir sind auch Menschen und haben tatsächlich noch so etwas wie ein Privatleben, mein Lieber. Wären wir nämlich nicht aus Fleisch und Blut, würdest du jetzt schwerlich zu uns kommen, um dir bei uns einige vergnügte Stündchen zu leisten.«

»Darf man denn nicht mal einen Scherz machen?«, fragten die Männer hastig. Sie wollten die Dirnen auf keinen Fall ärgern. Die Neulinge hatten in der Zeitung über diese Mädchen gelesen. Es prickelte schon unter ihrer Haut, wenn sie nur in dem Kontakthof standen und sich die Tüllen ansehen durften. Daheim am Stammtisch würden sie viel zu erzählen haben.

Angst hatten sie alle ein wenig. Waren die Luden vielleicht in der Nähe? Würden sie vielleicht nachher überfallen und ausgeraubt?

Man hatte ihnen daheim eingeschärft: »Wenn du auf den Strich gehen willst, wenn du in Hamburg bist, dann nimm eine Haushure, verstehst du? Das ist nicht so gefährlich.«

»Wieso das denn?«

»Nun, sie arbeiten in der Regel reeller. Schließlich kennt man ihre Adresse und könnte sie anzeigen. Bei dem Fußvolk ist das so eine Sache. Ohne Auto bist du aufgeschmissen. Und wenn du in einen Wagen einsteigst, den eine Nutte fährt, woher nimmst du die Gewissheit, dass sie dich nicht zu einem Platz fährt, wo ihr Freund schon wartet und dich wie eine Weihnachtsgans ausnimmt?«

»So gefährlich ist das?«

»Keine Panik, Kumpel! Auch du wirst dein süßes Stündchen bekommen. Du darfst dich nur nicht dumm anstellen. Wenn die merken, dass du keine Hurenerfahrung hast, dann machen sie sich einen Spaß aus dir. Vor allen Dingen nimm nur so viel Geld mit, wie du auszugeben vorhast. Eine Tülle versucht mit allen Tricks, dir dein Geld abzuluchsen. Lass dich also nicht einlullen! Auch wenn sie auf Mitleid macht, das stimmt nie! Die braucht nur ihr Soll, und sonst gar nichts.«

Die Männer, es handelte sich um einen Kegelverein, hatten sich aus Versehen ins Haus an der Ecke verliebt. Alle waren durch die Bank begeistert davon. Alles war so ganz anders als auf dem Strich, in den Straßen hatten sie ja auch schon einiges wahrgenommen. Woher sollten sie denn wissen, dass sie hier bei der besten Adresse gelandet waren?

Erst als man die Preise erfragte, sahen sie sich verdutzt an. Mit so viel Geld hatten sie nun doch nicht gerechnet. Schließlich wollten sie ja in den zwei Tagen mehrere Sausen machen.

»Gibt es keinen Rabatt? Schließlich sind wir zwölf. Im Dutzend billiger, Mädchen! Was hältst du davon?«

Carmen grinste fröhlich. »Gar nichts, Süßer! Das haben wir nun mal nicht nötig.«

»Aber ich denke, ihr seid scharf auf jeden Kunden?«

»Nein! Wir suchen sie uns aus.«

Die Männer lachten.

»Für so dumm darfst du uns nun doch nicht halten, Täubchen. Das nehmen wir dir nicht ab. Wenn du denkst, dass du dich damit interessant machen kannst, dann bist du schief gewickelt.«

Die etwas vollbusige Renate kam näher und fragte ironisch: »Gibt es hier Ärger?«

»Sie wollen die Preise drücken und wollen einfach nicht glauben, dass ich das nicht nötig habe.«

Renate musterte die Männer und grinste sie an. »Na, seht euch doch mal um!«

Um diese Zeit war der Kontakthof voller Männer.

»Aber die wollen doch gar nicht alle«, erklärte einer der Männer.

»Wenn wir wollen, schon!«

Die Mädchen standen schon ein paar Jahre hier und hielten zusammen. Mit solchen kleinen Streitereien wurden sie leicht allein fertig.

»Du glaubst mir nicht?«

Carmen entdeckte gerade einen Stammkunden, der sich für diese Stunde angesagt hatte. Er stand ziemlich hinten an der Wand und amüsierte sich über den regen Betrieb im Hof und die Mädchen da oben auf der erleuchteten Rampe.

»Na, dann machen wir doch mal eine Probe! Wetten, dass ich sofort einen Kunden aufreiße? Ich brauche nur mit dem Finger zu schnippen, und schon kommt einer zu mir auf die Rampe.«

Die Kegelbrüder lachten. Sie waren wirklich naiv.

»Na, das wollen wir doch mal sehen!«

Carmen blinzelte ihrem Stammkunden zu. Er nickte unmerklich. Sie schnippte mit dem Finger und säuselte: »Du da hinten, mit dem roten Schlips, komm doch zu mir! Auf dich bin ich besonders scharf! Ich habe das Gefühl, dass du Pfeffer im Blut hast. Na, wirst du mich beglücken?«

Der Freier kam sofort und sprang auf die Rampe. Er legte den Arm um Carmen und küsste sie aufs Ohr.

»Aber sicher! Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Gehen wir?«

Die Kegelbrüder standen mit offenen Mündern da und verstanden die Welt nicht mehr. Plötzlich wurden sie von der Seite angesprochen.

»Im Eckhaus ist alles möglich. Habt ihr das denn nicht gewusst, Leute?«

»Wieso? Sind die denn nicht alle gleich?«

»Mensch, die haben wirklich keine Ahnung, dass sie sich hier im Hof vom Eckhaus befinden«, rief jetzt ein Mann aus.

»Die scheinen vom Lande zu sein. Na ja, das muss man ihnen nachsehen.«

Der Vorsitzende des Kegelklubs wurde langsam sauer. »So blöde sind wir auch wieder nicht! Also, was ist jetzt mit dem Eckhaus los?«

Die Kegler wurden gründlich aufgeklärt und wussten also ein paar Minuten später, dass es für einen Mann direkt eine Ehre darstellte, wenn sich ein Mädchen dort oben auf der Rampe seiner annahm.

»Ganz große Klassemädchen! Ehrlich! Sie sind gut, perfekt und haben noch so etwas wie Ehrgefühl. Sie sind erst zufrieden, wenn auch der Kunde zufrieden ist. Kein Nepp! Den haben sie hier nicht nötig.«

»Bei den Preisen«, maulten die Männer noch einmal los.

»Macht mal Platz! Wir wollen jetzt auch an die Rampe. Los, geht zur Seite! Für Spanner haben wir nicht viel übrig. Das mögen wir nicht, verstanden?«

»Was soll das denn schon wieder?«

»Kerle, die nur glotzen, sich hier Appetit holen und dann mit einer Fünfzigpfennighure um die Ecke gehen, die mögen wir ganz besonders! Entweder ihr entschließt euch jetzt, oder wir machen euch Beine!«

Die Eckhausmädchen auf der Rampe lehnten an der Wand und unterhielten sich.

Renate zog eine Zigarette aus ihrem Ausschnitt und zündete sie an. »Na, dann warten wir eben. Die haben jetzt keine Zeit für uns.«

»Wenn die so weitermachen, dann ist gleich eine Schlägerei fällig«, vermutete Anita.

»Sollen sie! Dann rufen wir die Bullen. Die Unsicheren verkrümeln sich rechtzeitig, und die anderen Kerle werden dumm gucken.«

»Wollen wir nicht mitmischen?«

»Ich denke nicht daran! Es ist so anstrengend. Wir haben doch Kavaliere genug, die sich unsertwegen ins Zeug legen.«

»Sollen wir Wetten abschließen?«

»Vielleicht. Warten wir noch ein wenig zu. Ich glaube, die beruhigen sich bald wieder.«

So war es dann auch. Plötzlich hatten alle Mädchen viel zu tun. Die Kegelbrüder waren jetzt so aufgestachelt, dass sie wild mit den Armen ruderten, um wieder in die erste Reihe zu gelangen. Wenig später waren ein paar von ihnen schon im Haus an der Ecke verschwunden.

Die Frage des Geldes war auf einmal unwichtig geworden.

Rita hatte sich alles schmunzelnd angehört. Jetzt wurde es aber Zeit, dass sie sich auf den Weg zu ihrem Kunden machte. Als sie die Rampe betrat, starrten die anderen Dirnen sie fassungslos an. Rita war kaum wiederzuerkennen. Sonst ein sehr schönes Mädchen mit einer langen blonden Haarmähne und großen sprechenden Augen, fast vornehm wirkte sie in der Dirnenschar, sah sie jetzt in der Tat wie eine billige Hure aus. Sie hatte sich grell geschminkt, die Haare toupiert, und dann erst ihre Kleidung! Auf fünf Kilometer Entfernung konnte man sehen, was sie von Beruf war.

»Das Parfüm«, keuchte Dotti, das Schokomädchen. »Ich glaube, ich kippe gleich aus den Latschen!«

»Fesch, nicht?« Rita kicherte, hielt sich aber dann selbst die Nase zu.

»Bist du wahnsinnig? Wo willst du denn überhaupt hin? Das ist ja nicht zum Aushalten! Geh zur Seite, du verpestest mir meinen Standplatz!«

Rita grinste: »Keine Sorge, ich bleibe nicht bei euch. Ich habe außer Haus zu tun.«

»Soooo?«

»Auf Wunsch eines einzelnen Kunden«, kicherte sie. »Mir passt es auch nicht so recht, aber was tut man nicht alles, um einen Stammkunden zufriedenzustellen.«

»Gut, dass Ida dich nicht so sieht. Die hätte der Schlag getroffen, Rita.«

»Keine Sorge! Ich nehme mir eine Taxe. Mich wird keiner so sehen.«

»Hast du dich im Buch ausgetragen?«

»Natürlich!«

»Dann viel Vergnügen!«

»Danke! Lasst euch die Zeit nicht lang werden!«

»Die Geschäfte laufen gut. Siehst es ja«, sagte Dotti. »Wir könnten noch mehr Tüllen gebrauchen.«

»Fragt doch die Tagschicht! Vielleicht ist eine darunter, die sich etwas dazuverdienen will.«

»Mal sehen. Im Augenblick schaffen wir es noch. Die Kerle sollen ruhig ein wenig warten, umso schneller sind sie dann fertig.«

Rita verließ die Rampe. Für eine Dirne war es nicht einfach, sich nachts in den Kontakthof zu begeben. Viele Männer umringten sie gleich. Sie hatten alle einen gierigen Blick, und ein paar versuchten sie doch tatsächlich zu küssen. Rita wurde richtig wütend.

Endlich hatte sie den Torbogen erreicht und war wenig später auf der Straße. Die Laternentüllen glotzten nicht schlecht, sie so aufgedonnert zu sehen. Sie sagten aber nichts. Sie hatten sich längst damit abgefunden, dass die Eckhaustüllen Narrenfreiheit hatten.

Rita bestieg die erste Taxe und ließ sich dann zu ihrem Kunden fahren. Dieser hatte, wie angekündigt, einen Herrenabend. Morgen sollte seine Frau aus der Kur zurückkommen. Deswegen musste es heute noch rund gehen. Er hatte eine Wette verloren. Rita sollte zehn Männer bei guter Laune halten. Das war für sie wirklich nicht schwer. Der Hausherr war entzückt. Keiner der Freunde ahnte, wer Rita wirklich war. Alle glaubten, sie sei seine Freundin und schmeichelten Rita. Dass sie eine Dirne war, auf die Idee kamen sie nicht eine Sekunde. Der vornehme Hausherr würde doch nicht! Nein, nein, das Mädchen machte nur den Spaß mit und hatte sich so verkleidet. Schließlich verstand sie sich auch zu benehmen. Eine Hure hatte doch kein Benimm! Zumindest glaubten die Männer das. Wie konnten sie auch wissen, dass die Eckhausmädchen vor einiger Zeit Benimmbücher gekauft hatten, um den guten Ton in allen Lebenslagen zu üben. Es war damals um eine Schiffsreise gegangen. Rita merkte jetzt wieder, dass es keine verlorene Zeit gewesen war, sich dem Buch zu widmen.

Vielleicht, dachte sie fröhlich, kriege ich demnächst noch ganz vornehme Kunden zugewiesen. Das wäre schick.

Jetzt tummelte sie sich und machte sich eine schöne Nacht. Sie schlief in dieser Nacht nur mit drei Männern. Das machte sie so diskret, dass die anderen es nicht mal bemerkten. Dafür sorgte schon der Alkohol, der in Strömen floss.

Rita, die Dirne, hatte sogar Spaß bei der Liebe.

In der grauen Morgendämmerung endlich waren die Freunde verschwunden und der Hausherr nahm Rita in die Arme.

»Das hast du einfach wunderbar hingekriegt! Ehrlich! Du hast dir noch einen Extraschein verdient.«

»Dagegen habe ich nichts einzuwenden.« Rita lächelte müde.

»Jetzt möchte ich auch noch ein wenig Freude mit dir haben! Wir haben noch Zeit. Komm mit nach oben!«

Rita kam in das eheliche Schlafgemach, schluckte und dachte, die arme Frau, wenn die wüsste!

Sie liebten sich so ausgiebig, dass sie anschließend beide einschliefen. Erst die Morgensonne küsste sie wach.

Rita fuhr mit einem Ruck in die Höhe.

 

 

3

Der Hausherr blickte Rita bestürzt an. »Beeil dich! Du musst durch die Hintertür verschwinden! Es tut mir leid, ich kann dir keine Taxe rufen. Ich glaube, unten an der Ecke stehen welche, dort ist auch eine Telefonzelle. Du bist mir nicht böse?«

»Ja, ja, das liebe Personal, wie?«, fragte die Tülle.

Rita zog sich an, betrachtete sich im Spiegel und lächelte. »Ich sehe wirklich verboten aus«, stellte sie fest.

»Du warst einfach toll! Wir wiederholen das mal!«

»Klar! Doch jetzt möchte ich heim. Ich bin müde.«

Der Mann steckte Rita ein paar Scheine zu. Rita war sehr zufrieden. Dann brachte er sie zur Hintertür und rannte mit ihr durch den weitläufigen Park. In der Mauer befand sich ein kleines Tünchen.

Er küsste Rita flüchtig.

Rita trabte los. Sie schwang ihr Täschchen und dachte, das sind also die mutigen Männer. Nachts sind sie der Held, und am Tage kuschen sie dann wieder. Arme Kerle! Da soll man nicht Magengeschwüre bekommen.

Rita kam an eine Querstraße und blickte sich um. Weit und breit war kein Taxi zu sehen, auch keine Telefonzelle. Rita biss sich auf die Lippen.

»Verdammt, ich bin wohl in die falsche Richtung gelaufen. Und das mit diesen Schuhen. Na ja, dann muss ich wohl noch einmal den ganzen Weg zurück. Ich werde wohl nicht dran sterben.«

Rita kehrte um. Inzwischen waren auch die Bewohner der Nachbarvillen erwacht. Hunde wurden ausgeführt, Kinder mit Schulranzen kamen Rita entgegen. Ein paar Hausbewohner dieser Gegend starrten sie böse an. Ein ältlicher Herr regte sich tierisch auf und wollte sie beschimpfen.

Rita war wirklich müde und sagte nur: »Keine Panik! Die Straße gehört Ihnen doch wohl nicht, oder?«

»Das ist ja eine Frechheit«, schimpfte der Mann sofort los.

Rita war bis jetzt noch freundlich geblieben. Doch jetzt kam sie zurück und baute sich ganz dicht vor dem Männchen auf. »Bloß weil du selber nicht mehr kannst, bist du wohl neidisch auf andere Männer und gönnst ihnen ihr Späßchen nicht mehr!«

Er wurde knallrot und japste: »Was wissen Sie denn von mir? Gar nichts!«

Rita winkte ab.

»Ich kenne mich mit Männern aus. Sollte dich doch noch mal ein Verlangen überkommen, kannste mich ja besuchen. Ich bin im Haus an der Ecke zu finden.«

Dann hörte sie Schritte.

Rita winkte fröhlich. »Auf bald!«

Der alte Mann hatte jetzt keinen leichten Stand, denn seine Frau stand hinter ihm. Doch das kümmerte die Dirne nicht mehr.

Sie wollte nur eins, nach Hause.

Endlich hatte sie eine Telefonzelle erreicht. Als sie reinging, bemerkte sie erst, dass sie keine Groschen hatte, auch kein Markstück, nur Scheine befanden sich in ihrem Täschchen.

»Verdammt! Verdammt!«, murmelte sie vor sich hin. »Und das auf nüchternen Magen!« Rita sah sich nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen. Dann entdeckte sie die Ladenstraße. Dort würde man ihr bestimmt Geld wechseln. Als sie das erste Lädchen erreichte, sah sie, dass noch geschlossen war. Ein Mann stand vor dem Laden.

Freundlich sprach Rita ihn an und fragte: »Können Sie mir vielleicht Geld wechseln? Ich brauche Kleingeld!«

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ein paar Frauen dem Supermarkt zustrebten, der schon geöffnet hatte.

Details

Seiten
91
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921731
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
schicksale haus ecke schlechter lohn willen

Autor

Zurück

Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #10: Schlechter Lohn für guten Willen