Lade Inhalt...

Tony Ballard #121: Das Dorf der lebenden Toten

2018 102 Seiten

Zusammenfassung

Kalt pfiff der Wind über den nächtlichen Friedhof. Er verfing sich zwischen den Grabsteinen und jammerte kläglich. Es hörte sich schaurig an; als würden die Toten über ihr Schicksal weinen. Schritte knirschten durch die unheimliche Nacht, und im fahlen Licht des Mondes erschien ein häßlicher, hagerer Mann. So, wie er gekleidet war, paßte er nicht in die Gegenwart, ins 20. Jahrhundert, Gruselige Geschichten rankten sich um ihn. Sein Name war Duncan Sharp, und man hatte ihm den Beinamen »Todbringer« gegeben, denn wo er auftauchte, mußten Menschen vorzeitig sterben. Die Konstellation der Höllengestirne war wieder einmal günstig für ihn. Zeit und Raum hatten sich aufgetan, um ihn freizugeben und auf die Menschheit loszulassen.

Leseprobe

Table of Contents

von A.F.Morland

Copyright

Er wirkte alt und kraftlos, trug einen weiten Mantel, der den Boden berührte, und der hohe Zylinder mit der blinkenden Metallschnalle machte ihn größer, als er tatsächlich war. Bleich wie eine Leiche sah der Todbringer aus, und in seinen Augen funkelte eiskaltes Grauen.

 

 

Das Dorf der lebenden Toten

 

 

Tony Ballard Nr. 121

 

 

von A.F.Morland

 

 

 

 

Kalt pfiff der Wind über den nächtlichen Friedhof. Er verfing sich zwischen den Grabsteinen und jammerte kläglich. Es hörte sich schaurig an; als würden die Toten über ihr Schicksal weinen. Schritte knirschten durch die unheimliche Nacht, und im fahlen Licht des Mondes erschien ein häßlicher, hagerer Mann. So, wie er gekleidet war, paßte er nicht in die Gegenwart, ins 20. Jahrhundert, Gruselige Geschichten rankten sich um ihn. Sein Name war Duncan Sharp, und man hatte ihm den Beinamen »Todbringer« gegeben, denn wo er auftauchte, mußten Menschen vorzeitig sterben. Die Konstellation der Höllengestirne war wieder einmal günstig für ihn. Zeit und Raum hatten sich aufgetan, um ihn freizugeben und auf die Menschheit loszulassen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Cover Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Das Dorf der lebenden Toten

 

 

Er wirkte alt und kraftlos, trug einen weiten Mantel, der den Boden berührte, und der hohe Zylinder mit der blinkenden Metallschnalle machte ihn größer, als er tatsächlich war. Bleich wie eine Leiche sah der Todbringer aus, und in seinen Augen funkelte eiskaltes Grauen.

Dieser Mann des Schreckens war wie ein tödlicher Bumerang. Er flog durch die Zeiten und kam immer wieder zurück. Vor einigen hundert Jahren machte er zum erstenmal von sich reden. Ganze Landstriche hatte er angeblich ausgerottet.

Das war zwar übertrieben - die Überlieferung schmückt ja die Wahrheit gerne aus -, aber die Chroniken zahlreicher Dörfer berichteten von einer grauenvollen Heimsuchung, an der zahlreiche Menschen zugrunde gegangen waren.

Er brachte Unglück, Seelenpein und Mißtrauen über die Menschen. Unbegreifliche Dinge geschahen dort, wo er erschien. Sein Name war Legende.

Er säte mit unerbittlicher Hand und erntete den Tod. In diesem Jahrhundert war er noch nie gewesen, aber er hatte keine Schwierigkeiten, sich anzupassen.

Er wußte, daß ihn die Geschichte totzuschweigen versuchte. Das störte ihn nicht. Er würde bald wieder von sich reden machen, und sein Name würde von Haus zu Haus getragen werden wie eine ansteckende Krankheit, deren Verlauf tödlich war.

Das Dorf, das er für seine bösen Umtriebe ausgewählt hatte, hieß Wellfolk und befand sich zwanzig Kilometer nördlich von London. Harmlose, arbeitsame Menschen wohnten hier, die den Frieden liebten und gut miteinander auszukommen versuchten.

Man konnte fast sagen, Wellfolk war ein Musterbeispiel für Verständnis, Toleranz und rücksichtsvolle Koexistenz.

Die Menschen waren hilfsbereit und pflegten gutnachbarliche Beziehungen.

Ganz klar, daß das einem Mann wie Duncan Sharp ein Dorn im Auge war. Er würde die Idylle von Wellfolk zerstören, Angst und Schrecken verbreiten.

Es würde nicht lange dauern, dann würde in Wellfolk keiner mehr dem anderen trauen. Gutes würde sich in abgrundtief Böses umkehren und Wellfolk im Würgegriff des Grauens stöhnen.

Der Todbringer hatte vor, aus diesem friedlichen Ort ein Dorf des Schreckens zu machen, und niemand - NIEMAND -würde ihn daran hindern können.

Das war immer schon so gewesen.

***

 

Sie nannten sich Grufties; es war ein neuer verrückter Modetrend, der - wie konnte es anders sein - aus Amerika nach Europa gekommen war.

Das Irrste, Ausgeflippteste hat fast immer seinen Ursprung in den USA, diesem riesigen Land, das unerschöpflich ist - an allem. Wer etwas auf sich hielt, wer »in« sein wollte (wobei der, der »in« sagte, auch schon »out« war), kleidete sich schwarz wie ein Leichenfledderer, schminkte seine Lippen schwarz und das Gesicht weiß.

Man verherrlichte den Tod, das Ende, das Vergehende, und man fühlte sich nachts auf finsteren, einsamen Friedhöfen wohl (oder hatte zumindest so zu tun).

Tagsüber schliefen die Grufties. Erst wenn es dunkel wurde, kamen sie aus den Häusern und trafen sich auf dem Friedhof, um zwischen den Gräbern zu rauchen, zu trinken und all die anderen Dinge zu tun, die passierten, wenn junge Leute beisammen waren.

Manchmal hielten sie schwarze Messen ab, doch es gab einige unter ihnen, die nur mit halbem Herzen dabei waren, die von dem, was sie taten, keinesfalls überzeugt waren.

Sie machten lediglich mit, weil's modern war und weil sie von ihren Freunden nicht ausgelacht und als Spießer bezeichnet werden wollten.

Ihre Eltern waren unglücklich. Sie konnten ihre Kinder nicht verstehen. Aber welche ältere Generation versteht schon die jüngere? Zuerst sind sie wütend und empört, die Erwachsenen. Sie schreien, schimpfen und toben. Aber schließlich resignieren sie, denn die Jungen haben die besseren, unverbrauchteren Nerven und das bessere Stehvermögen. Sie siegen immer, die Jungen… so lange, bis sie selbst erwachsen sind und Kinder haben. Dann werden sie zu Verlierern.

Heute nannten sie sich Grufties, und sie trafen sich auf dem Friedhof von Wellfolk. Helen Brown fürchtete sich, aber sie zeigte es nicht. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, nachts den Fuß auf diesen unheimlichen Totenacker zu setzen.

Es hätte schönere Plätze für ein solches Treffen gegeben. Helen machte bei diesem Blödsinn nur aus Liebe mit -weil sie sich in Paul Sturges verknallt hatte.

Seit sie mit ihm zusammen war, tat sie alles, was er wollte. Sie war glücklich, daß er ihr endlich Beachtung schenkte. Sie hatte ihn immer schon gern gehabt, aber er hatte sie, das kleine Mädchen mit den vielen Pickeln auf der Stirn und den strohgelben Zöpfen, stets übersehen.

Sie waren zusammen zur Schule gegangen und nebeneinander aufgewachsen, doch erst an ihrem neunzehnten Geburtstag hatte es zwischen ihnen »gefunkt«. Seitdem waren sie unzertrennlich, und Helen war bereit, alles zu tun damit Paul bei ihr blieb.

Es war nicht nur die Kälte, die Helen frösteln ließ. Wachsendes Unbehagen hatte beim Betreten des Leichenackers von ihr Besitz ergriffen. Sie trug eine dicke Jacke - natürlich schwarz - und schwarze Jeans.

Ihr blondes Haar befand sich unter einer schwarzen, selbstgestrickten Wollmütze. Für ihr gespenstisches Make-up hatte sie sehr viel Zeit verwendet, um »besser« auszusehen als die anderen Mädchen, von denen einige ziemlich scharf auf Paul gewesen wären.

Er hätte nur mal zu zwinkern brauchen, und schon wären sie mit ihm hinter einem Grabstein verschwunden, um ihm alles zu gewähren, wonach ihm der Sinn stand.

Vor allem Natalie Parks, diese Schlange, dieses billige Flittchen, das jeder für eine Cola haben konnte.

Zum Glück stieß Paul ihre aufdringliche Art ab, aber das konnte sich auch mal ändern. Paul brauchte nur mal einen Whisky zuviel getrunken zu haben, dann hatte Natalie die allerbesten Chancen bei ihm.

Aus diesem Grund paßte Helen darauf auf, daß Paul nicht zuviel trank -und wenn er doch mal zuviel erwischte, trachtete sie, stets in seiner Nähe zu sein, damit ihn Natalie Parks, dieses schwarzhaarige Luder, nicht umgarnen konnte.

Helen stellte den Kragen ihrer Jacke hoch. Der Wind war kalt - man schrieb Dezember, aber einen echten Gruftie kann die Kälte nicht davon abhalten, jenen Ort aufzusuchen, an dem er sich am wohlsten fühlt.

Die anderen waren schon da. Sie standen im Windschatten einer alten Gruft, deren Mauern tiefe Risse aufwiesen. Sogar einige dürre, zitternde Grashalme ragten daraus hervor.

Paul Sturges lehnte an einem hohen Grabstein, und Natalie Parks war natürlich bei ihm. Sie himmelte ihn an, hatte sich bei ihm untergehakt und drückte ihren üppigen Busen - damit konnte Helen leider nicht konkurrieren - gegen ihn.

Helen erdolchte Natalie mit ihren Blicken. »Hi«, sagte sie zu ihrem Freund. Und zu Natalie: »Würdest du deine Pfoten von Paul nehmen?«

Natalie lächelte herausfordernd. »Wenn es ihm unangenehm ist, soll er es mir selbst sagen. Aber ich habe nicht den Eindruck, daß ihm meine Nähe nicht behagt.«

»Du verfluchtes Biest, ich werde dir…,«

Helen wollte sich auf Natalie stürzen und sie an den langen schwarzen Haaren reißen, doch Paul ging dazwischen.

»He! He! He! Seid friedlich!«

»Dieses Miststück hat dich nicht anzufassen!« zischte Helen.

»Paul ist nicht dein Eigentum«, konterte Natalie. »Außerdem bin ich die letzte, die ihm eine Verzierung abbrechen würde. Schließlich finde ich ihn so, wie er ist, goldrichtig.«

Die Gruppe hatte zehn Mitglieder -sechs Mädchen, vier Jungs. Natalie war wohl nur deshalb so scharf auf Paul, weil Heien ihn mit keinem Mädchen teilen wollte.

Der »Chef« der Grufties hieß Ralph Adams. Er hatte die Idee zu diesen nächtlichen Treffen gehabt. Anfangs war er damit auf wenig Gegenliebe gestoßen, aber Ralph hatte die Gabe, jeden überreden zu können. Er hätte es sogar fertiggebracht, einem Eskimo einen Kühlschrank anzudrehen.

»He, Paul!« rief er jetzt grinsend. »Fühlst du dich nicht bauchgepinselt, wenn sich zwei Miezen um dich streiten?«

»Als Casanova vom Dienst ist er das doch gewöhnt«, sagte Lee Sarandon, der Paul um sein gutes Aussehen beneidete. Er hätte auch gern soviel Erfolg bei den Mädchen gehabt.

Paul Sturges und Ralph Adams trennten Helen und Natalie, »Klopfen könnt ihr euch woanders, nicht hier«, sagte der Chef der Grufties, Er begab sich zu einem Grabstein, bückte sich und holte dahinter eine Whiskyflasche hervor. Sie war noch original verschlossen. Es knackte, als Adams den Verschluß drehte.

»Zunächst einmal müssen wir etwas gegen die Kälte unternehmen. Trinkt alle einen kräftigen Schluck, Der Whisky wird euch wärmen.«

Er trank zuerst, dann ließ er die Flasche reihum gehen.

Als sie wieder bei ihm war, sagte er grinsend: »Und gleich noch mal, weil’s so guttut.«

Nach dem dritten Kreisen war die Flasche leer, und Helens Augen waren glasig. Der Schnaps wärmte sie tatsächlich, Sie wurde anlehnungsbedürftig und nahm Natalies Platz ein.

Natalie fand einen anderen Jungen, mit dem sie ungeniert schmuste. Sie hatte auch nichts dagegen, daß er ihren Mantel öffnete und nach ihrem Busen faßte.

»Kauft euch ’ne Wohnung!« rief Lee Sarandon und kicherte nervös. Was die beiden taten, erregte ihn.

Ralph Adams zeigte seinen Freunden ein in schwarzes Leder gebundenes Buch, das er in einem Londoner Trödlerladen aufgestöbert hatte.

»Wißt ihr, was das ist?« fragte er. »Ein Schatz, ein Juwel ist dieses Buch. Es werden darin zahlreiche Riten beschrieben. Wer’s richtig macht, kann sogar Tote aus dem Grab holen. Jedenfalls wird das behauptet. Ob es stimmt, müßten wir ausprobieren.« Er blickte in die Runde. »Wer ist dafür?«

Helen fand, daß man den Toten ihre Ruhe lassen sollte. Es war schon Frevel genug, hier diese Versammlungen abzuhalten. Aber sie schwieg. Es geschah ja doch nie, was sie wollte.

Sie würde sich nicht gegen die Mehrheit stellen. Wenn die anderen für einen solchen unheimlichen Versuch waren, würde sie mitmachen - und heimlich hoffen, daß es nicht klappte.

Lee Sarandon, der sich wieder einmal wichtig machen wollte, ließ sein nervöses Kichern hören.

»Wäre nicht übel, ‘nen alten Opa auferstehen zu lassen«, sagte er, obwohl er die Hosen bestimmt voll gehabt hätte, wenn es tatsächlich funktioniert hätte, »Angenommen, es haut hin«, sagte Paul Sturges. »Was machen wir dann mit dem auferstandenen Toten? Ich meine, wir können ihn nicht durch die Gegend trampen lassen.«

»Warum nicht?« Sarandon lachte. »Das wäre doch die Show.«

»Gibt es auch ein Ritual, mit dem man den Leichnam wieder unter die Erde bringt?« fragte Paul Sturges.

»Klar«, sagte Ralph Adams.

»Dann bin ich dafür, daß wir’s versuchen«, sagte Sarandon. »Gleich hier --dieses Grab. Wer liegt da?« Er knipste seine Stablampe an und beleuchtete damit den Grabstein. »Oliver Lombard… Hey, erinnert ihr euch noch an den alten Lombard? Mann, war das ein unleidlicher Typ. Mal sehen, ob er sich geändert hat. Los, Ralph, fang an.«

»Okay, dann stellt euch um das Grab herum auf.« Ralph Adams trat hinter den Grabstein und legte das Ritenbuch drauf.

Helen war es nicht geheuer. Sollte sie nicht endlich etwas sagen? Es wird nicht klappen, redete sie sich ein. Es darf nicht funktionieren. Wenn Oliver Lombard tatsächlich aufstehen würde, wäre das entsetzlich. Nein, so etwas gibt es nicht. Kein Mensch kann Tote wecken.

Lee Sarandon mußte sich neben Ralph Adams stellen und den Lichtstrahl seiner Lampe auf das Buch richten, »Das wäre das Irrste, was ich je erlebt habe, wenn Lombard aufsteht«, sagte Sarandon breit grinsend.

»Er wird fürchterlich aussehen«, sagte Ralph Adams. »Immerhin liegt er schon seit fünf Jahren dort unten.«

»Macht nichts. Jeder kann nicht so toll aussehen wie ich«, sagte Sarandon, »Fang an mit dem Zauber, Ralph. Ich bin gespannt wie ein Regenschirm.«

Obwohl der Whisky sie nach wie vor wärmte, mußte sich Helen zusammennehmen, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Es war die Angst, die sie kaum noch verbergen konnte.

Am liebsten hätte sie fluchtartig den Friedhof verlassen, doch diesen Triumph wollte sie Natalie nicht gönnen. Natalie hätte sich über sie lustig gemacht.

Außerdem trug dieses schwarzhaarige Luder häufig einen Flachmann bei sich. Sie hätte Paul noch was zu trinken gegeben und wäre mit ihm anschließend in der Dunkelheit verschwunden.

Ihretwegen harrte Helen aus, aber sie tat es mit zunehmender Furcht. Ralph Adams schlug das schwarze Buch auf und blätterte darin. Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Seite gefunden hatte.

»Still jetzt!« sagte er. »Ich werde die Worte lesen, die hier stehen, und werde sie in die Tiefe des Grabes senden. Eine geheimnisvolle Kraft wird entstehen, die Oliver Lombard belebt. Er wird aus, brechen aus seinem irdischen Gefängnis und in unserer Mitte erscheinen. Wenn es soweit ist, müßt ihr euch zusammenreißen. Keiner von euch darf fliehen, sonst wendet sich der Zauber gegen ihn, und er muß sterben.«

»Steht das in diesem Buch?« fragte Paul Sturges.

»Ja.«

Sturges schluckte und schwieg, Helen stand mit vibrierenden Nerven neben ihm, während Ralph Adams mit dem Hokuspokus begann. Er hätte nicht zu sagen brauchen, die anderen sollten still sein. Im Moment hatte sowieso niemand den Mut, etwas zu sagen.

Es waren viele Worte aus der lateinischen Sprache dabei. Da Adams dieser toten Sprache nicht mächtig war, hoffte er, die Worte richtig auszusprechen.

Gebannt blickten alle auf den Grabhügel, Die Szene konnte nicht gespenstischer sein und gereichte den Grufties zur Ehre, Sie fühlten sich in diesen unheimlichen Augenblicken als Vorbild vieler Gleichgesinnter.

Sie hielten sich für Pioniere. Niemand vor ihnen hatte ein Fest mit Toten gefeiert, darüber hätten die Zeitungen be, richtet. Sie würden die ersten sein, Darauf durften sie stolz sein… Aber noch hatte es nicht geklappt. Obwohl Adams zwei Drittel des Rituals heruntergeleiert hatte, waren keine Anzeichen magischen Zaubers festzustellen, Ralph erhob die Stimme und zeichnete mit den Händen vorgegebene Symbole in die Luft. Er gab sich Mühe, war sehr ehrgeizig.

Helen lauschte den fremden, unverständlichen Worten und hoffte, daß es bald zu Ende sein und Oliver Lombard in seinem Grab bleiben würde.

Die letzten Worte… Feierlich und getragen kamen sie über Ralphs schwarz geschminkte Lippen. Dann schwieg er und wartete auf die Wirkung, doch sie stellte sich nicht ein. Dennoch verharrten die Grufties noch eine Weile in stummer Reglosigkeit.

Enttäuschung kerbte sich um Ralphs verkniffenen Mund. Lee Sarandon fing an, nervös zu tänzeln.

»Es hat nicht hingehauen«, bemerkte er heiser.

»Was du nicht sagst«, biß ihn Ralph Adams an.

»Das Buch ist 'n Mist«, behauptete Sarandon.

»Ist es nicht. Ich muß irgend etwas falsch gemacht haben.«

»Stell dir vor, es wäre dir gelungen, Oliver Lombard aus dem Grab zu holen, und du hättest hinterher etwas falsch gemacht«, sagte Paul Sturges, »Dann wäre Lombard nicht ins Grab zurückgekehrt. Das wäre schlimmer gewesen.«

»Ich glaube nicht, daß du etwas falsch gemacht hast«, sagte Natalie.

»Wieso hat’s dann nicht geklappt?« fragte Ralph Adams.

»Weil’s wahrscheinlich nie funktioniert. Da hat sich irgendein Spinner was zusammengereimt und niedergeschrieben. Überleg doch mal, Ralph: Es gibt bestimmt nicht nur dieses eine Buch, und es ist sehr alt. Müßten es da nicht schon einige Leute geschafft haben, Tote zu wecken?«

»Vielleicht war’s so, und man hat es geheimgehalten«, sagte Paul Sturges.

»Ich sage euch, es ist nichts dahinter. Das Buch ist nichts wert. Du kannst es verbrennen. Dann ist es wenigstens zu etwas nütze: Es wärmt dir dein Zimmer«, sagte Natalie.

Ralph Adams klappte das Buch mißmutig zu. »Ich versuch's vielleicht ein andermal - allein. Vielleicht habt ihr den Zauber gestört.«

»Womit denn?« wollte Paul wissen. »Mit euren Gedanken. Ich möchte nicht wissen, wie viele von euch nicht wollten, daß es klappt,«

Plötzlich krallte Helen Brown ihre Finger in Paul Sturges Arm, und ihre Augen weiteten sich. Das Grab blieb geschlossen, Oliver Lombard blieb, wo er war.

Aber es geschah etwas anderes Unheimliches!

»Seht!« sagte Helen mit zitternder Stimme. Die blasse Schminke wäre jetzt nicht mehr nötig gewesen. Sie war darunter totenbleich.

Lee Sarandon drehte sich nervös um - und nun sahen sie ihn alle… Duncan Sharp, den Todbringer!

***

 

Er sah grauenerregend aus; aschfahl war sein Gesicht, das von tiefen, dunklen Falten durchfurcht war. Seine Nase glich einem Geierschnabel, sein Hals war dünn, und aus seinem Kiefer ragten große, unregelmäßige Zahnscherben.

Der kalte Wind zerrte an seinem langen schwarzen Mantel. Obwohl der Todbringer klapperdürr war, verfügte er über enorme Kräfte, denn er trug einen Sarg, der nicht leer war.

Eine Leiche befand sich darin. Der Deckel war verrutscht, und ihr nackter Arm ragte heraus, Ralph Adams zog sich mit seinen Freunden hinter die Gruft zurück.

Sie beobachteten den Unheimlichen, der nicht zu wissen schien, daß außer ihm noch jemand auf dem Friedhof war.

»Wißt ihr, wer das ist?« fragte Ralph Adams überwältigt.

Seine Freunde schüttelten den Kopf, »Das ist Duncan Sharp«, sagte Ralph, »Den gibt es wirklich?« fragte Paul Sturges überrascht. »Ich dachte, der wäre nur eine Sagengestalt, ein Wesen aus einem alten Schauermärchen.«

»Du siehst ja, daß es ihn gibt«, sagte Ralph Adams. »Wie man erkennen kann, sind nicht alle Geschichten, die sich um ihn ranken, erfunden. Außerdem… Alle Geschichten, die sich so lange halten, tragen ein Körnchen Wahrheit in sich.«

»Was will er in Wellfolk?« fragte Paul Sturges, während er den Todbringer nicht aus den Augen ließ.

»Weißt du nicht, was er tut? Er bringt den Menschen den vorzeitigen Tod. Sie sind kerngesund, doch Duncan Sharp reißt sie heraus aus dem Leben.«

»Warum tut er das?« fragte Helen schaudernd.

»Wieso taucht er plötzlich hier auf?« fragte Natalie. »Kann sein Erscheinen mit diesem schwarzen Ritenbuch zusammen hängen?«

Der Sarg schien aus federleichtem Balsaholz zu bestehen, und die Leiche, die sich darin befand, schien auch kein Gewicht zu haben. Mit festen Schritten begab sich der Todbringer zur Friedhofsmitte, Die Grufties kauerten sich auf den Boden, um von dem Unheimlichen nicht gesehen zu werden. Er stellte den Sarg in ihrer Nähe ab, schob den Arm in die Totenkiste und schloß den Deckel, Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und ließ seinen stechenden Blick über den nächtlichen Friedhof schweifen. Ein hämisches Grinsen zuckte in seinem Gesicht.

Hatte er die Grufties bemerkt? Er begab sich nicht zu ihnen, sondern wandte sich um und kehrte dorthin zurück, woher er gekommen war. An einer Stelle war der Metallzaun, der den Gottesacker einfriedete, gebrochen.

Dort verließ Duncan Sharp den Friedhof, und wenig später nahm die schwarze Nacht ihn auf. Er verlor sich in ihr - als hätte er nie existiert.

Aber er hatte etwas dagelassen: einen Sarg, in dem eine Leiche lag! »Einer aus unserem Dorf muß sterben«, sagte Ralph Adams.

»Wer?« fragte Paul Sturges.

»Wir werden es wissen, wenn wir in den Sarg geschaut haben.«

»Wieso?« fragte Natalie Parks.

»Weil darin der Doppelgänger des Todgeweihten liegt«, erklärte Ralph, der über diese Dinge besser Bescheid wußte als seine Freunde. Sie interessierten, faszinierten ihn.

»Hat die betreffende Person keine Chance?« fragte Paul Sturges heiser, Ralph schüttelte langsam den Kopf. »Soviel mir bekannt ist, nein. Wer geht mit mir?«

Niemand meldete sich.

Ralph Adams lachte blechern. »Nicht so zahlreich, Freunde. Habt ihr Angst, ihr könntet euch selbst in diesem Sarg liegen sehen?«

»Wäre das möglich?« fragte Lee Sarandon krächzend.

»Wer auch immer in diesem Sarg liegt, wir werden ihn kennen«, sagte Ralph Adams. »Weil uns nämlich jeder bekannt ist, der in Wellfolk wohnt.«

»Verdammt, was hat Duncan Sharp vor?« zischte Paul Sturges. »Will er unser Dorf ausrotten?«

»Er wird in die Hölle zurückkehren«, sagte Ralph. »Bis dahin ist niemand mehr in Wellfolk seines Lebens sicher.«

»Kann man diesen Spuk nicht abstellen?« fragte Paul.

»Sag mir wie, und wir versuchen es«, antwortete Ralph.

»Du weißt doch so viel über den Todbringer«, sagte Paul.

»Tja, aber leider weiß ich nicht alles.«

»Gibt es keine Bücher…?« fragte Lee Sarandon.

»Du meinst, eine Art Anleitung, wie man einen Spuk killt«, sagte Ralph. »Vielleicht existieren solche Bücher, aber ich weiß nicht, wo.«

Er forderte die Grufties auf, ihn zum Sarg zu begleiten. Helen reihte sich ganz hinten an. Eigentlich wollte sie nicht sehen, wer im Sarg lag.

Sie fragte sich, wie sie reagiert hätte, wenn sie sich selbst darin hätte liegen sehen. Wahrscheinlich wäre sie übergeschnappt. Ralph erreichte den Sarg als erster.

Er wandte sich an Natalie. »Wie ich dich kenne, hast du noch was zu schlucken bei dir, Rück raus damit Wir könnend gebrauchen, bevor wir den Sarg aufmachen. Wenn einer von euch denkt, das nervlich nicht durchzustehen, soll er nach Hause gehen. Aber ich bin der Meinung, daß es keinen Sinn hat, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich finde es richtiger, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Wenn mein Doppelgänger in diesem Sarg liegt, dann will ich das wissen.«

Natalie Parks gab die Flasche her. Alle hatten einen kräftigen Schluck nötig. Als Natalie den Flachmann zurückbekam, war kaum mehr was für sie drinnen.

Sie trank den geringen Rest und schob die leere Flasche in die Tasche. Ralph Adams sah die bleichen Grufties nacheinander an.

»Seid ihr bereit?«

Sie nickten mit zusammengepreßten Lippen, Jeder hoffte mit vibrierenden Nerven, nicht in diesem Sarg zu liegen, denn das kam einem Todesurteil gleich, dessen Vollstreckungstermin außer Duncan Sharp niemand wußte.

Ralph Adams bückte sich. Er zögerte einen Augenblick. Die Grufties hielten den Atem an. Ralph entfernte den Sargdeckel… und Helen Brown stieß einen grellen Entsetzensschrei aus, als sie sah, wer im Sarg des Todbringers lag.

***

 

In letzter Zeit war Helen selten zum Frühstück erschienen. Da sie als Gruftie die Nächte mit ihren Freunden verbrachte, schlief sie am Tag, was nicht immer ganz einfach war, denn Helen hatte einen kleinen Bruder - Andy -, und dieser Quälgeist nahm auf niemanden im Haus Rücksicht.

Er ließ seine Spielzeug-MPi knattern, stieß mit seinem Dreirad gegen sämtliche Türen, holte oft gleichaltrige Freunde ins Haus und stellte mit ihnen die Bude auf den Kopf.

Anfangs hatte Mitchell Brown, Helens Vater, seinen Sohn nicht gemocht. Er hatte ihm die Schuld am Tod seiner Mutter gegeben. Sie war bei Andys Geburt gestorben.

Inzwischen wußte er, daß das dumm von ihm gewesen war, und er versuchte all die Liebe nachzuholen, die er dem Kleinen in der ersten Zeit seines Daseins vorenthalten hatte.

Das bedeutete, daß Andy ohne jedes Verbot aufwuchs. Der Kleine durfte einfach alles tun, und das tat er auch. Manchmal hätte ihn Helen am liebsten verdroschen, so sehr trampelte der kleine Racker auf ihren Nerven herum, Helen trug Schwarz, als würde sie trauern. Sie besaß keine andere Garderobe mehr, hatte all die bunten Sachen, die sie früher getragen hatte, weggegeben, einem Mädchen geschenkt, das nicht zu den Grufties gehörte.

Mit ihr war Mitchell Brown nicht so nachsichtig, an ihr hatte er ständig herumzumeckern. Da paßte ihm dies und jenes nicht, aber im Grunde genommen konnte er nichts mehr tun, denn Helen war neunzehn.

Vielleicht war es das, was ihn so sehr ärgerte. Sie brauchte sich von ihm nichts mehr zu sagen lassen, war frei in ihren Entscheidungen.

»Oh, Hoheit gibt sich heute ausnahmsweise mal die Ehre«, sagte Mitchell Brown ätzend. »Was ist passiert? Haben die Grufties dich ausgeschlossen? Bist du ihnen nicht verrückt genug? Ich verstehe nicht, wie man sich so herrichten kann. Auf dem Friedhof trefft ihr euch, als wär’s ein Betriebsausflug von Totengräbern. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich mich mal für meine eigene Tochter schämen muß. Ganz Wellfolk redet über euch. Weißt du, was die Leute sagen? Die einen behaupten, ihr wärt pervers. Die anderen meinen, daß ihr alle in eine Irrenanstalt gehört. Der Meinung bin ich auch. Ein Glück, daß deine Mutter das nicht erleben muß. Sie würde sich in Grund und Boden schämen.«

»Laß sie doch, Dad«, sagte der kleine blonde Andy.

»Sei still, das verstehst du nicht«, wies ihn Mitchell Brown zurecht

»Warum darf sich Helen nicht mit Freunden treffen?« fragte Andy.

»Nicht mit diesen Freunden. Bei denen ist nämlich eine Schraube locker«, sagte Mitchell Brown.

Andy saß an einem runden Schleiflacktisch in der Wohnküche und löffelte Cornflakes mit warmer Milch. Helen setzte sich an ihren Platz. Ihr Vater stand am Herd.

»Auch Cornflakes?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Kaffee,«

»Und was dazu?«

»Nichts, Dad. Nur Kaffee.«

»Natürlich schwarz, wie es sich für einen echten Gruftie gehört, nicht wahr?« giftete Mitchell Brown.

Helen ging nicht darauf ein. Sie senkte den Blick und schwieg.

»Mein Gott, wie du aussiehst«, nörgelte Mitchell Brown weiter. »Hast du heute morgen schon in den Spiegel gesehen? Man schläft in der Nacht - und nicht am Tag.«

»Hast du was, Helen?« fragte Andy seine große Schwester.

»Natürlich hat sie was: einen riesengroßen Vogel! Einen Lämmergeier!« behauptete Mitchell Brown und brachte seiner Tochter den Kaffee.

»Du siehst so traurig aus«, sagte Andy, der Nachzügler.

»Ach was, traurig. Dieser Gesichtsausdruck gehört einfach zu ’nem Gruftie, aber davon verstehen wir nichts, mein Junge.« Mitchell Brown setzte sich. Er hatte bereits gefrühstückt.

Er war ein Mann von vierzig Jahren, hatte ein breites Gesicht und leicht abstehende Ohren. All sein Gemecker hinderte Helen nicht daran, ihn zu lieben.

Sie nahm einen Schluck vom Kaffee und sagte dann: »Ich muß mit dir reden, Dad.«

»Du bist doch nicht etwa auf einmal an meiner Meinung interessiert. Brauchst du meinen Rat? Das kann ich kaum glauben. Bisher wußtest du doch immer alles besser als ich,«

»Die Sache ist sehr ernst, Dad.«

»Dann schieß mal los.«

»Ich würde gern allein mit dir sprechen«, sagte Helen.

»Wir sind eine Familie. Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

»Bitte, Dad«, sagte Helen eindringlich.

Andy war mit seinen Cornflakes fertig. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Darf ich zu Frankie Charlton gehen, Dad?«

»Meinetwegen«, sagte Mitchell Brown. »Aber zu Mittag bist du wieder zu Hause, verstanden? Sag Mrs. Charlton, sie soll dich um halb zwölf heimschicken.«

Der fünfjährige Junge sprang vom Stuhl und stürmte mit seinen kurzen Beinchen aus der Küche.

»Wenn du Mrs. Charlton wieder so ärgerst wie neulich, ziehe ich dir die Ohren lang!« rief ihm Mitchell Brown nach. Es verstand sich von selbst, daß er das nicht tun würde.

Als der Junge draußen war, sagte Mitchell Brown: »Also, nun hast du deinen Willen. Wir sind allein. Worüber möchtest du mit mir reden? Wenn es um deine Clique geht, bin ich nicht der richtige Gesprächspartner, das sage ich dir gleich. Ich kann diese Bande nicht ausstehen.«

»Schreckliche Dinge haben ihren Lauf genommen, Dad«, sagte Helen.

»Was soll die Gruftie-Propaganda?« sagte Mitchell Brown ärgerlich.

»Hast du schon mal von Duncan Sharp gehört?«

»Hin und wieder taucht sein Name auf. Für mich ist alles, was man sich über ihn erzählt, erstunken und erlogen. Es gibt diesen Mann nicht, hat ihn nie gegeben. Jemand, der genauso verrückt ist wie ihr, hat ihn erfunden.«

»Es gibt ihn, Dad.«

»Wer behauptet das? Ralph Adams, euer Ober-Guru?«

»Wir waren vergangene Nacht auf dem Friedhof. Und dort… habe ich Duncan Sharp gesehen«, behauptete Helen.

»Ich wette, du warst betrunken. Ihr habt doch immer hochprozentigen Stoff dabei, nicht wahr? Merkst du nicht, wie schizophren das ist, was ihr tut?«

»Duncan Sharp erschien auf dem Friedhof, und er brachte einen Sarg mit«, erzählte Helen unbeirrt. »Du weißt, was das heißt. Der, der in diesem Sarg liegt, muß sterben. So will es das schwarze Gesetz.«

Mitchell Brown raufte sich die Haare. »Das schwarze Gesetz. Himmel, was ist nur aus meiner Tochter geworden. Früher hast du mit Puppen gespielt. Heute spielst du mit Särgen und Leichen.«

Helen trank vom Kaffee und atmete mehrmals tief durch. Sie wollte sachlich bleiben, denn die Situation war ernst.

»Ich kann beweisen, was ich sage, Dad«, behauptete sie.

Mitchell Brown wollte von diesem Unsinn nichts mehr wissen. Er stand auf und trug Andys Teller zum Spülbecken.

Er arbeitete als Verkäufer in einem Eisenwarengeschäft. Täglich mußte er nach London fahren. Um Andy kümmerte sich dann eine Nachbarin, die Geld dafür bekam. Um die Einkäufe erledigen zu können, die das Christfest mît sich brachte, hatte er sich die ganze zweite Dezemberhälfte frei genommen.

Da konnte er auch gleich den Weihnachtsputz machen, bei dem er sich von Helen nicht gern helfen ließ. Er hatte zur Zeit ein bestimmtes Bild von seiner Tochter, und dazu paßte ihre Hilfsbereitschaft nicht.

Sie ließ nicht locker. Noch nie war Helen so hartnäckig gewesen. Es schien ihr ungemein viel daran zu liegen, zu beweisen, daß sie die Wahrheit gesagt hatte.

Mitchell Brown verbot ihr, den Namen Duncan Sharp noch einmal in seinem Haus auszusprechen. Sie tat es dennoch, und ihr Vater verlor die Beherrschung.

Die Ohrfeige, die er Helen gab, erschreckte ihn mehr als seine Tochter.

»Da siehst du’s!« schrie er wütend. »Da hast du’s’ Mußt du mich so weit bringen, daß ich dich schlage?«

Tränen glitzerten in ihren Augen. »Selbst auf die Gefahr hin, daß du mich noch einmal schlägst, bitte ich dich, mit mir auf den Friedhof zu gehen, Dad.«

»Schluß jetzt, Helen! Kein Wort mehr, oder ich schlage dich windelweich.«

Sie flehte ihn an, mitzukommen. Sie bettelte so sehr, als hinge ihr Leben davon ab, daß er ihr diesen Wunsch erfüllte, und Mitchell Brown gab schließlich nach.

Er zog seinen Parka an und verließ mit seiner Tochter das Haus, Es war nicht weit bis zum Friedhof. Mitchell Browns Frau, Helens und Andys Mutter, war hier begraben.

Brown kam oft hierher - aber am Tag. Nicht in der Nacht wie seine verdrehte Tochter, Sie wies auf die Gruft in der Mitte des Gottesackers.

Mitchell Brown murmelte: »Ich kann ja auch nicht ganz dicht sein. Warum habe ich mich bloß überreden lassen? Was kannst du mir schon beweisen?«

»Daß es Duncan Sharp gibt.«

»Willst du ihn mir zeigen?«

»Nein, Dad, aber ich kann dir den Sarg zeigen, den er gebracht hat.«

Sie erreichten die Gruft und gingen daran vorbei. Helens Herz krampfte sich zusammen. Gleich würde sie den Sarg wiedersehen, und wenn sie ihn öffnete…

Ihr stockte nach dem nächsten Schritt der Atem. Sie blieb stehen und faßte sich an die Brust.

»Warum gehst du nicht weiter? Wo ist denn nun der verdammte Sarg?« wollte Mitchell Brown wissen.

Helen schüttelte bleich den Kopf. »Er ist nicht mehr da, Dad. Er ist verschwunden. Hier, hier hat er gestanden. Ich schwöre es dir bei allem, was mir heilig ist.«

»Ihr habt den Sarg geöffnet und hineingesehen?«

»Ja, Dad.«

»Und? War er leer?« fragte Mitchell Brown.

»Nein, Dad. Es lag ein Toter drinnen«, sagte Helen krächzend.

»Wer?«

»Du, Dad.«

***

 

Mitchell Brown kannte die Geschichten. Er glaubte sie nicht, aber er kannte sie. Es hieß, derjenige, der in Duncan Sharps Sarg lag, müsse sterben.

»Weißt du, was das ist, Helen? Geschmacklos ist das. Was für ein Spiel habt ihr Grufties euch da ausgedacht? Ist es eine Mutprobe, die du ablegen sollst? So nach dem Motto: Wie weit kann man bei Mitchell Brown gehen?« Der Mann wandte sich wütend um und rannte davon. Seine Tochter lief ihm nach, »Warte, Dad!« rief sie verzweifelt. »So warte doch! Begreifst du nicht, warum ich dir den Sarg zeigen wollte? Um dich zu warnen! Weil ich nicht will, daß du Duncan Sharp zum Opfer fällst. Ich liebe dich doch, Vater!«

»Eine makabre Art, mir diese Liebe zu zeigen!« brüllte Mitthell Brown, ohne sich umzudrehen. »Aber sie entspricht einem Gruftie!« Er schüttelte die Faust. »Warum hat die Polizei keine Handhabe gegen euch? Warum kann man euch nicht einsperren?«

Er verließ den Friedhof. Helen holte ihn ein. Als sie ihn berührte, zog er seinen Arm zurück, blieb stehen und starrte sie zornig an.

»Faß mich nicht an, Helen! Verflucht, es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber wenn du so weitermachst, bist du bald nicht mehr meine Tochter. Ich kann diesen Irrsinn nicht mehr tolerieren. Du gehst zu weit. Du überspannst den Bogen!«

»Vater, ich habe doch nur Angst um dich. Ich möchte dich bitten, dich vorzusehen. Ich will nicht, daß dir etwas zustößt.«

»Wenn jemandem etwas zustößt, bist du das, meine Liebe. Ich habe bis zum heutigen Tag gehofft, daß du dich ändern wirst, aber nun muß ich erkennen, daß es mit dir immer schlimmer wird. Was wirst du als nächstes tun? Dein Bett in den Keller stellen und in einem Sarg schlafen wie Dracula?«

Er ging weiter.

Helen folgte ihm. »Wir müssen uns überlegen, was wir tun können, Vater«, sagte sie.

»Mir droht keine Gefahr. Ich fühle mich kerngesund. Ich untergrabe meine Gesundheit nicht! Ich sehe zu, daß ich meine acht Stunden Schlaf bekomme -und zwar in der Nacht. Also, was willst du?«

»Duncan Sharp reißt mit Vorliebe kerngesunde Menschen mitten aus dem Leben.«

Er blieb noch einmal stehen. »Hör zu! Hör mir genau zu! Wenn du weiter in meinem Haus wohnen willst, läßt du mich mit Duncan Sharp in Ruhe! Das ist kein Thema mehr für uns, kapiert? Es ist gestorben. Solltest du dich nicht an mein Verbot halten, werfe ich dich hinaus. Dann kannst du eine der Grüften auf dem Friedhof beziehen.«

»Okay, Dad«, sagte Helen niedergeschlagen. »Kein Wort mehr über Duncan Sharp. Aber laß mich bitte auf dich aufpassen.«

»Das ist nicht nötig.«

»Bitte, Dad.«

»Meinetwegen.«

Von dieser Stunde an versuchte Helen ständig in seiner Nähe zu sein. Am darauffolgenden Tag wollte er Reparaturarbeiten am Dach des Hauses vornehmen.

Helen bekniete ihn, davon abzusehen. Sie befürchtete einen Unfall.

»Willst du, daß es beim nächsten Gewitter wieder deinem Bruder ins Bett regnet?« fragte er.

»Wann gibt es im Winter schon Gewitter?«

Details

Seiten
102
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921694
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
tony ballard dorf toten

Autor

Zurück

Titel: Tony Ballard #121: Das Dorf der lebenden Toten