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Schicksale im Haus an der Ecke #8: Dirne der Schulden wegen

2018 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dirne der Schulden wegen

Copyright

Die Hauptpersonen:

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5

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Dirne der Schulden wegen

Schicksale im Haus an der Ecke #8

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Der Ludenkönig Marek bricht mit einem Herzanfall zusammen, woraufhin der Arzt ihm empfiehlt, einmal Urlaub zu machen. Damit er sich auch wirklich erholt, soll Deike ihn begleiten, da sie den größten Einfluss auf ihn hat, schließlich waren Deike und der Großlude einmal ein Paar und sind noch immer beste Freunde. Marek gehört das „Haus an der Ecke“, bestes Bordell auf Hamburgs Sündenmeile, und Deike, eine ehemalige Edelhure, leitet es mit großem Erfolg. Während Ida, die Eckhaus-Köchin, sich um die Tüllen kümmert, fahren Marek und Deike an den Bodensee und genießen ihre Auszeit, bis Marek Kontakt zum örtlichen Milieu aufnimmt und dadurch ungewollt die dortigen Luden aufscheucht – das hat schlimme Folgen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Sabine Schreiner - geht als Dirne in ein Bordell, weil sie von ihrem Mann dazu gezwungen wird.

Deike Borg - Bordellmutter vom Haus an der Ecke, geht als Reisebegleiterin in Ferien.

Marek - Oberlude in Hamburg, erleidet einen Zusammenbruch und soll zur Erholung.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Lorenz blickte entsetzt auf Marek. Seine Lippen zitterten. Seine Hände strichen ununterbrochen über seine makellos sitzende Weste. Wenn jemand Lorenz, Mareks Diener, im Augenblick gesehen hätte, wäre er sprachlos gewesen.

Doc kniete neben Marek am Boden und sagte kein Wort.

Lorenz dachte: Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt, wo alles in schönster Ordnung ist, jetzt, wo wir endlich wieder allein sind und unser Leben so einrichten können wie früher. Jetzt doch nicht! Das wäre einfach ungerecht, fast schon gemein!

»Soll ich Deike verständigen?« Die Stimme von Lorenz klang ganz dünn.

Doc hob unwillig den Kopf.

»Warum?«, fragte er.

»Ich dachte nur!«, stammelte Lorenz.

»Willst du vielleicht auch Lotte Bescheid sagen? Und Ida?«, knurrte der Tüllenarzt wütend. »Vielleicht dem ganzen Eckhaus? Warum eigentlich nicht? Dann wird die Bude hier voll, und das Geschnattere findet kein Ende mehr. Willst du das wirklich, Lorenz?«

»Aber ich dachte doch bloß«, stammelte der Diener gequält. »Ich möchte nicht, dass man mir später Vorwürfe macht.«

Doc hatte endlich Erbarmen mit dem Diener.

»Keine Sorge. Wir packen das schon! Jetzt hilf mir lieber mal!«

»Wobei?«

»Ins Bett mit ihm! Du willst doch Marek nicht hier liegen lassen?«

»Nein, nein«, sagte Lorenz bestürzt.

Er packte mit an, und wenig später lag der King in seinem französischen Bett. Doc nickte grimmig und deckte ihn sorgsam zu. »Das habe ich mir schon immer gewünscht«, murmelte er grinsend vor sich hin.

Lorenz war erschüttert. »Aber Doc«, flüsterte er erschrocken. »Das hätte wirklich nicht sein müssen!«

»Das denkst du vielleicht.«

»Marek kann uns zwar nicht hören, trotzdem finde ich diese Bemerkung unangebracht. Jetzt, in diesem Moment!«

»Ich glaube, der Halunke kann uns sehr wohl hören.« Doc grinste und packte seine Instrumente ein. »Gehen wir ins Wohnzimmer! Ich glaube, ich habe mir einen Schnaps verdient auf den Schrecken. Ich musste meinen Schlaf unterbrechen. Na, der wird sich wundern! Die Rechnung wird dementsprechend sein.«

Lorenz, der Diener, war froh, etwas tun zu dürfen. So beruhigten sich allmählich wieder seine Nerven.

Er war ganz ahnungslos in den Salon gekommen. Wie üblich hatte er bei Marek anklopfen wollen, um sich zu erkundigen, wann er das Frühstück servieren sollte.

Muttchen war schon seit Stunden unterwegs. Sie hatte jetzt keine Zeit mehr, sich um ihren Jungen zu kümmern. Sie suchte mal wieder ein Haus. Diesmal aber mit offizieller Genehmigung von Deike und Marek. Muttchen hatte erfahren, was ihr Sohn von Beruf war, und auch, was Deike für ein Leben führte. Alle hatten angenommen, wenn das gute Muttchen die Wahrheit erfährt, würde sie tot umfallen. Das Gegenteil war passiert. Muttchen war gar nicht weltfremd und hatte deswegen Verständnis für die Sache, weil sie merkte, dass im Haus an der Ecke immer alles ordentlich zuging. Alfred Schütz, ihr Verehrer, war mit von der Partie. Marek hatte ihm ein Auto aufgedrängt. »Dann brauche ich mich nicht ständig um meine Mutter zu kümmern. Es gehört ihr. Ich möchte, dass ihr gründlich davon Gebrauch macht!«, erklärte der King.

Alfred Schütz, ein Rentner mit sehr kleinem Einkommen, war also die Leiter nach oben gefallen. Er hatte das Seniorenheim verlassen können und von diesem Zeitpunkt an ein vergnügliches Leben führen dürfen. Er war es auch, der Muttchen pausenlos eintrichterte, dass sie einen großen Garten mitkaufen müsse. »Das ist praktisch, und wir können dann unser Gemüse selbst ziehen.«

»Und Blumen«, hatte Lotte gesagt.

Sie waren schon so weit, dass sie sich um die Anbaufläche zankten. Lotte wollte den Löwenanteil für ihre Blumen, Alfred den Großteil für sein Gemüse: Dabei hatten sie noch gar keinen Garten gefunden. Marek dachte: So sind sie wenigstens beschäftigt. Shiva, das indische Girl, war mit von der Partie, denn sie sollte vorläufig als Haushälterin bei den beiden alten Leutchen leben, bis sich im Haus an der Ecke eine andere Lösung für sie fand. Im besagten Eckhaus war jetzt alles in Ordnung. Niemand schoss mehr quer. Alles lief normal, und Marek hätte wirklich mal aufatmen können. Doch momentan lag er auf dem Teppich und gab keinen Muckser von sich. Lorenz war so erschrocken, dass ihm die Tränen gekommen waren. Im ersten Augenblick hielt er seinen Brötchengeber nämlich für tot, bis dieser zu röcheln anfing, seinen Diener flennen sah und mit letzter Kraft stöhnte: »Verflucht, hilf mir mal auf die Beine, du blöder Kerl!« Das war dann vorläufig alles an Unterhaltung gewesen. Marek war wieder ohnmächtig geworden. Lorenz, der perfekte Diener, wusste nicht, warum Marek auf seinem wertvollen Perserteppich lag. Weil er ihm keine Schwierigkeiten machen wollte, ließ er den Doc suchen. Der Doc war Arzt im Dirnenviertel geworden, weil er mal mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt geriet. Alle liebten den Doc. Er war ein guter Arzt. Vor allen Dingen fragte er nicht viel. Jetzt saß er also in dem schönen Salon und ließ sich einen Schnaps servieren. Lorenz fand es unter seiner Würde, dass der Doc bei dem guten Cognac nur von Schnaps sprach.

»Was ist denn jetzt eigentlich los?«, fragte er.

»Totaler Zusammenbruch! Ich habe ihm vor Monaten schon mal gesagt, er solle unbedingt ausspannen. Die Pumpe, verstehst du? Das ist nun mal so. Man kann sich eine ganze Weile dagegen auflehnen, aber dann passiert es doch, und mit einem Herzanfall ist nicht zu spaßen. Immer Nachtdienst und dann der Alkohol und die Weiber. Er muss hier mal raus!«

Lorenz musste sich setzen.

»Sofort?«, fragte er.

Doc nickte.

»Aber das geht nicht! Jetzt um diese Zeit! Dann geht hier sicherlich alles drunter und drüber. Du kennst doch die Verhältnisse im Eckhaus, und dann die Bars und all seine Geschäfte!« Lorenz hielt es für aussichtslos, dass sein Chef jetzt ausspannen konnte.

»Klar!«, sagte der Doc.

»Das wird er nie und nimmer tun! Der wird sich doch nicht ausruhen. Marek doch nicht! Vielleicht ein, zwei Tage, dann ist Schluss. Dann haut der wieder auf den Putz, egal wo er ist.«

»Dann kriegt er einen Aufpasser mit«, scherzte der Arzt. »Der ist dann für seine Gesundheit verantwortlich.«

Lorenz sah den Arzt sprachlos an.

»Sonst geht es dir aber gut?«, fragte er trocken.

Der Doc kicherte. »Du bist nicht gefragt. Du kannst dich bei ihm doch nicht durchsetzen.«

Lorenz wollte gerade anfangen, die beleidigte Leberwurst zu spielen, als ihm rechtzeitig einfiel, dass er ja von Herzen froh war, diesen Job nicht übernehmen zu müssen. Marek würde unausstehlich zu ihm sein.

»Und wer soll es tun?«, fragte er bang.

Doc erhob sich ächzend und meinte: »Wie immer muss ich mich um alles kümmern. Wo ist das Telefon?«

Lorenz holte es.

Doc wählte eine Nummer und sprach mit Imka, Deikes Haushälterin. Er wies sie an, ihre Chefin sofort zu Marek zu schicken. »Sag ihr, es ist dringend. Marek liegt auf der Nase und rührt sich nicht.«

»Die wird wie eine Rakete angeflitzt kommen«, sagte Doc und grinste den Diener fröhlich an.

Lorenz dachte: Ich bin froh, wenn er wieder verschwunden ist. Vielleicht hätte ich doch einen anderen Arzt holen sollen. Aber sicher hätte dieser nicht lange gefackelt und Marek in die nächste Klinik einweisen lassen. Das hätte ihm Marek nie verziehen.

 

 

2

Deike kam ganz aufgelöst in Mareks Wohnung an. Doc klärte sie schnell auf. Sie wollte Marek sofort sehen, deshalb gingen sie zusammen in das elegante Schlafgemach. Deike hatte früher oft hier übernachtet. Doch jetzt war keine Zeit für alte Erinnerungen. Marek hatte sich schon wieder ein wenig aufgerappelt und wollte gerade aufstehen. Doch da zuckte der Schmerz wieder durch seine linke Seite. Er schnaufte einmal und fiel dann in die Seidenkissen zurück. Doc nickte ihm zu. »Tja, Kumpel, so ist das nun. Da liegst du wie ein Baby und musst hübsch brav sein. Bilde dir bloß nicht ein, dass du in ein paar Stunden wieder den wilden Mann spielen kannst.«

Marek wollte ihn beschimpfen, es klappte aber nicht so recht, und so begnügte er sich damit, ihm zu sagen: »Dann eben morgen! Ich bin ja brav und bleibe heute liegen.«

Doc blickte Deike fröhlich an. »Ich kann es dir also jetzt gleich sagen, mein liebes Mädchen. Du wirst die ehrenvolle Aufgabe erhalten, Marek zur Kur zu begleiten. Marek wird natürlich auch für dich zahlen müssen.«

Deike starrte den Doc an, dann Marek. Dieser war schon fast wieder gesund, so wütend wurde er. Leider reichte seine Luft nicht für einen heftigen Streit. Ganz tief im Herzen spürte der Königslude die Wahrheit. Es ging ihm verdammt dreckig.

»Das soll wohl ein Witz sein! Doc, du bist wirklich unmöglich! Schon so früh am Tag zu scherzen.« Für Nachtclubbesitzer und Bordellbewohner war es immer zu früh. Sie mussten sich ja am Tage gründlich ausschlafen.

»Du hörst ja auch nicht auf mich, Deike! Jetzt mache ich einen klaren Schnitt. Entweder ihr zischt zusammen ab, oder ich komme nie mehr hierher. Ist das klar?«

Lorenz zerrte den Doc aus dem Schlafraum. Deike und Marek waren nun allein. Sie blickten sich an. Deike ging auf und ab.

Marek sagte ziemlich kleinlaut aus den Kissen: »Der Spritzenjongleur hat recht, Deike. Wir sind schon zwei komische Typen. Ich werde mich diesmal fügen.«

»Warum muss ich denn mir dir zusammen fahren?«, fragte Deike.

»Ganz einfach, weil jeder den anderen gut im Auge behalten wird, darum! Komm, Deike, mach kein so trauriges Gesicht. Ich verspreche dir, wir werden eine vergnügliche Kur zusammen machen.«

Deike stand am Fenster und blickte auf die belebte Straße hinunter. Vier Wochen richtig ausschlafen können, vier Wochen mal an nichts anderes denken als an sich selbst. Vier Wochen keine Probleme wälzen müssen. Nichts, gar nichts arbeiten müssen! Büro, Telefon, nichts würde sie kratzen. Meine Güte, dachte sie betroffen, so weit ist es also schon mit mir gekommen!

»Weißt du eigentlich, wie lange du schon keinen richtigen Urlaub mehr gemacht hast? Von den paar Tagen zwischendurch mal abgesehen.«

»Und du?«, fragte Deike.

Marek grinste.

»Sollen wir ihnen ein Schnippchen schlagen?«

»Wie denn?«

»Nach außen spielen wir die Beleidigten. Deike, ich lass mir etwas einfallen. Wir werden uns einen schönen Ort aussuchen.«

»Kurorte sind alle blöde«, sagte Deike trocken.

»Wer spricht denn davon. Nein, in solche Orte werden sie mich nie bekommen. Doc hat nur davon gesprochen, dass wir ausspannen sollen. Das werden wir tun. Was hältst du davon, wenn wir ins Ausland gehen? Vielleicht nach Amerika? Oder Afrika?«

»Marek, das wird uns noch schneller umbringen. Ich fühle mich ganz schön groggy. Jetzt, da wir ohnehin fahren müssen, kann ich es dir ja beichten.«

»Fein! Also irgendwohin in Deutschland?«

»Wir steigen in deinen Wagen, und dann lass uns einfach irgendwo hinfahren. Aber was machen wir mit deiner Mutter?«

»Lotte ist doch beschäftigt.«

»Na, ich weiß nicht. Also hör zu, Marek, ich regle das mit dem Eckhaus. Du wirst dich deiner Mutter annehmen. Wir nehmen sie aber nicht mit, ist das klar? Sonst ertränke ich mich sofort. Das kannst du mir nicht zumuten.«

Marek lachte auf.

»Hast du noch immer Angst, dass sie uns verkuppeln will? Ich denke, den Zahn hast du ihr gründlich gezogen. Sie weiß doch jetzt den Grund.«

Deike bekam rote Flecken im Gesicht. »Eben«, sagte sie leidenschaftlich. »Ich fürchte, das ist für Lotte mal wieder ein Grund, Schicksal zu spielen.«

»Armes Mädchen!«

»Ich sage jetzt dem Doc Bescheid«, sagte Deike hastig und öffnete die Tür.

Lorenz hatte sich wieder gefangen und nahm dem Doc in diesem Augenblick die Cognacflasche weg. »Genug«, sagte er heiser. »Ich will nicht wieder von Ida eine Strafpredigt anhören müssen. Schluss, Doc!«

»Doc wird erst nüchtern, wenn er genug getrunken hat«, erklärte Deike belustigt.

Der Arzt drehte sich um und grinste sie an. »Braves Mädchen, mich so in Schutz zu nehmen! Wirklich anständig von dir, Deike.«

»Das heißt noch lange nicht, dass du alle Vorräte wegsaufen darfst«, sagte sie.

»Ich werde euch zu sechs Wochen Kur verdonnern«, sagte der Arzt ärgerlich.

»Warum nicht gleich zu acht Wochen?«

Doc vergaß die Flasche und blickte sie verblüfft an. »Soll das heißen, ihr geht freiwillig?«, fragte er.

»Aber sicher! Ich mache hier Klarschiff, und dann düsen wir ab. Morgen sind wir schon über alle Berge. Dein Pech, Doc! Du wirst allein mit Ida auskommen müssen. Wir werden keine Adresse hinterlassen.«

»Das ist ein Wort«, sagte Doc lachend.

Darm nahm er seine Tasche und entfernte sich aus der Ludenwohnung. Lorenz versprach, sich mit Imka zusammen um das Haus an der Ecke zu kümmern.

Deike nickte und wies ihn an, die Koffer für Marek zu packen. »Ich komme morgen vorbei und hole ihn ab.«

Lorenz fragte mit seinen Dackelaugen: »Wird sie auch keinen Ärger machen?«

Deike dachte an ihre Köchin im Eckhaus. Sie hatte schon ganz andere Gefechte durchstehen müssen. Dies würde ein Leichtes für sie sein.

»Nein«, sagte sie fröhlich.

»Du hast Humor«, erklärte Lorenz.

»Den brauche ich auch. Sonst hätte ich schon längst das Handtuch geworfen.«

 

 

3

Die Tagesschicht produzierte sich auf der Rampe, als Deike erschien. Um diese Zeit war dies ungewöhnlich. Ida riss die Augen auf und musterte Deike scharf. »Was ist los? Wo brennt es schon wieder?«

Deike fiel sofort mit der Tür ins Haus, und Ida bekam fast einen Weinkrampf vor Freude. »Das ist ja mal eine sehr schöne Nachricht«, sagte sie schluchzend. »Endlich denkst du auch mal an dich.«

»Wirst du es auch alleine packen? Lorenz und Imka werden dir beistehen.«

Ida wollte die Starke spielen. Deike schüttelte nur den Kopf. »Nein«, sagte sie kurz angebunden. »Ida, du bist auch nur ein Mensch. Wenn du es nicht zulässt, dass man dir hilft, kann ich nicht wegfahren. Ich möchte nämlich nicht an deinem Grab stehen müssen, wenn ich zurückkomme, ist das klar? Also, jetzt lege die alte Feindschaft ab. Du kannst dich doch mit Imka vertragen.«

Ida, die sonst jedem wilde Schlachten lieferte, wurde jetzt ganz kleinlaut. Wenn Deike so kurz angebunden war, bedeutete das für sie, dass sie keine Kraft mehr hatte. Ida schwieg, und ein Wunder passierte in diesem Augenblick. Weil sie nicht reden konnte, musste sie ja unwillkürlich nachdenken. Dabei stellte sie fest, wie recht Deike hatte. Sie konnte in der Tat nicht Tag und Nacht fünfundzwanzig Mädchen beaufsichtigen, einkaufen und auch noch kochen.

»Ich werde einen Plan aufstellen. Wir werden feste Zeiten ausmachen. So brauchen wir uns nicht gegenseitig die Zehen abzureißen«, meinte sie normal werdend. »Lorenz kann ja den Nachtdienst übernehmen und Imka den Dienst, wenn ich einkaufe und koche. Was hältst du davon?«

Deike umarmte ihre Köchin. Das war eigentlich verboten und sozusagen lebensgefährlich. Aber jetzt ließ sich Ida alles gerührt gefallen. »Komm gesund wieder, Deike!«

»Wirst du auch ein wenig auf Lotte achten? Sie sucht ja noch immer ein passendes Haus«, bat Deike noch.

»Keine Sorge! Lotte und ich verstehen uns ausgezeichnet.«

Deike blickte durch das Fenster auf die Rampe.

»Ich werde mich nicht von den Mädchen verabschieden. Du kannst sie von mir grüßen, wenn ich fort bin.«

»So schnell willst du weg?«

»Marek ist sehr krank. Er braucht dringend Erholung. Und wenn ich nicht gleich morgen mit ihm fortfahre, dann weiß ich nicht, ob er es sich nicht noch einmal anders überlegt.«

Ida brachte Deike zum Wagen und wischte sich einmal kurz über die Augen.

»Komm gesund wieder, Deike! Wir brauchen dich alle hier. Du musst dich gut erholen! Schreibe mir doch mal, wie es dir geht.«

Deike nickte.

Als sie um die Ecke bog, fühlte sie doch ein seltsames Ziehen in der Herzgegend. Sie fühlte sich elend, unsagbar geschafft und geschlaucht. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie könnte es nicht mehr schaffen. Alles war ihr zu viel. Schließlich war sie vor vier Jahren an Krebs erkrankt. Sie hatten sie verstümmelt und damit ihre Laufbahn mit einem Schlage zunichte gemacht. Sie war früher so etwas wie eine Edeldirne gewesen, für ganz vornehme Kunden. Oft wurde sie offiziell von der Stadt angefordert. Ja, das waren wunderbare Jahre gewesen. Und mit Marek zusammen hatte sie ein Vermögen gemacht. Sie brauchte eigentlich nicht mehr zu arbeiten. Aber damit sie nicht aus Verzweiflung Selbstmord beging, hatte der King ihr seinerzeit diesen Posten als Bordellmutter angeboten. Seit Deike es leitete, war das Haus an der Ecke das beste Bordell weit und breit. Im Ausland sowie in anderen Großstädten genoss es einen ausgezeichneten Ruf. Immer wieder hatte man versucht, Ida oder Deike abzuwerben. Aber für sie war es ein Stück Heimat geworden. Die Mädchen verehrten Deike, und jede fühlte sich glücklich, im Eckhaus leben zu dürfen. Hier hatte Deike so etwas wie ein Heim für die Dirnen geschaffen. Jede war auf ihre Art liebenswert und nett. Die Kunden waren anhänglich, und so verdienten die Mädchen ausgezeichnet. Deike sorgte auch dafür, dass ein Teil ihres Verdienstes angelegt wurde. Wenn ein Mädchen das Eckhaus verließ, war es nicht arm und musste nicht verzweifeln. Es hatte ausgesorgt, weil es Rücklagen hatte.

Würde Deike wiederkommen? War sie nicht vielleicht doch schon ausgebrannt? Bis jetzt hatte sie ihre Erkrankung in Schach halten können. Das hatte sie in erster Linie Imka zu verdanken. Imka war einst gegen ihren Willen ins Eckhaus verschleppt worden. Deike hatte sie von der Arbeit dort befreien können, und aus Dankbarkeit war Imka ihre Haushälterin geworden. Imka liebte Deike und würde für sie durchs Feuer gehen, wenn man es von ihr verlangen würde. Ida ging es auch so. Deswegen war Ida schon sauer, wenn nur der Name der jungen Haushälterin fiel.

Kein Wunder, dass Imka jetzt erschrocken war, als sie hörte, dass ihre Chefin so plötzlich in Urlaub fahren wollte. Als Begleitung für Marek zwar, um auf ihn aufzupassen, aber Imka ließ sich nicht so leicht täuschen.

»Wird man denn auch richtig für dich sorgen? Du weißt doch, Deike, wie wichtig es für dich ist, die richtige Kost zu bekommen. Du musst immer darauf achten. Bitte, das musst du mir versprechen! Du musst dich basisch ernähren, das ist sehr wichtig für dich. Und deinen Tee werde ich dir auch einpacken. All die Jahre bist du brav gewesen, deshalb haben wir es geschafft. Du darfst jetzt nicht leichtfertig sein, hörst du?«

»Du kannst mir ja alles aufschreiben, Imka. Dann werde ich es sicherlich nicht vergessen.«

»Gut! Du musst dich aber auch danach richten! Und wirst du auch viel schlafen und ab und zu joggen? Du weißt, ich habe in Erfahrung bringen können, wie wichtig es ist, dass man genug Sauerstoff bekommt. Vielleicht machst du auch mal eine Ozonbehandlung mit.«

Deike flüchtete in ihr kleines Büro.

Imka ließ sich jetzt nicht mehr sehen, denn sie musste ja die Koffer packen. Einmal rief sie kurz in Mareks Wohnung an. Lorenz wollte sie erst nicht weiterverbinden, doch als sie ihm erklärte, worum es hier ging, war wenig später Marek in der Leitung.

»Gut, ich werde aufpassen«, versprach der King. »Ich werde sie im Auge behalten. Du kannst dich auf mich verlassen. Machst du dir Sorgen um sie?« Marek fühlte sich erbärmlich. All die Zeit hatte er nicht mehr an Deikes Erkrankung gedacht. Sicher, man wurde mal daran erinnert, dass sie verstümmelt worden war. Marek musste wieder an den Augenblick zurückdenken, in dem sie ihm einst brutal vorgeführt hatte, wie sie im Krankenhaus vorgegangen waren. Er schloss die Augen. Marek wusste sehr wohl, dass dies der wunde Punkt bei Deike war. Und er wusste jetzt auch, dass er dieses Problem für sie würde lösen müssen. Nach so langer Zeit musste sie sich endlich wieder dem Leben stellen. Dabei begriff er schlagartig, wie wichtig seine Rolle dabei war.

»Ich werde Deike gesund machen«, sagte er.

»Danke, Marek«, flüsterte Imka erleichtert.

Kaum hatte er aufgelegt, da stürmte auch schon seine Mutter in das Schlafzimmer. »Dich kann man aber auch keine Sekunde aus den Augen lassen«, schimpfte sie. »Schon machst du Dummheiten. Was ist denn nur mit dir los?«

Marek erzählte ihr kurz und bündig, dass er ausspannen müsse, dies auch tun würde und sie solle sich darüber keine grauen Haare wachsen lassen.

»Das ist wirklich gut«, sagte Lotte. »Endlich nimmst du Vernunft an. Wir machen das hier schon alles! Alfred, ist wirklich gut zu gebrauchen. Wir haben auch schon ein Haus im Auge. Aber darüber will ich jetzt nicht mit dir reden. Viel wichtiger für dich ist, mein Junge, dass du jetzt mal darüber nachdenkst, wie dein Leben weitergehen soll.«

Ein Zuhälter ist es nicht gewohnt, von seiner Mutter Vorhaltungen zu bekommen. Besonders ein Großlude weiß immer sehr wohl, wo es langgeht. Marek sah seine Mutter an und sagte kurz: »Keine Sorge, auch wenn ich mal Urlaub mache, geht mein Reich nicht unter. Darauf werden die anderen schon aufpassen. Zu viele hängen von mir ab. Also, was willst du mehr?«

Die Mutter ließ aber nicht locker. »Jetzt ist die beste Gelegenheit, mit Deike ins Reine zu kommen. Das meine ich!«

Marek grinste.

»Habe ich es mir doch gedacht. Du hast also noch immer nicht aufgegeben?«

»Warum sollte ich?«, fragte die Mutter lachend. »Sie ist wirklich ein nettes Mädchen. Ida findet die Idee auch nicht schlecht.«

»Ida«, sagte der King wegwerfend. »Geh mir weg mit Ida! Wenn die könnte, würde sie Deike in Watte packen und unter einen Glassturz stellen. Wenn es nach ihr ginge, dürfte ich Deike nicht mal mehr ansehen.«

»Ida ist eine patente Frau«, sagte Lotte resolut. »So, jetzt will ich mich mal darum kümmern, ob Lorenz auch an alles gedacht hat. Der arme Junge ist ganz durcheinander.«

Marek wollte ihr nachrufen, nur deinetwegen, aber dann ließ er es doch.

So schlecht war es gar nicht, mal nichts zu tun. Er schlummerte ein und träumte von einem wunderschönen Ort. Alles war friedlich und so nett. Er hatte keine Schmerzen mehr in der Brust und fühlte sich unendlich jung und sehr glücklich.

Marek erwachte und blickte zur Zimmerdecke. War er eigentlich je glücklich gewesen? Geld und Macht waren sein Leben. Der Zuhälter sah jetzt schmerzlich ein, wie wenig er damit anfangen konnte, wenn er nicht gesund war.

 

 

4

Deike ermahnte Imka noch einmal, sich nicht von Ida reizen zu lassen. »Wenn Ida querschießt, drohe ihr damit, dass du in Urlaub fahren wirst.«

»Das wird eine schöne Drohung sein«, meinte Imka, die Ida nur zu gut kannte.

»Oh, Ida weiß sehr wohl, wann ich wirklich ärgerlich werde«, sagte Deike.

»Achte du nur auf dich! Marek kann auf sich alleine aufpassen, Deike. Mach dich nicht verrückt, versprich mir das!«

Deike umarmte das junge Mädchen.

Eine halbe Stunde später war sie bei Marek. Muttchen hatte noch tausend Fragen. Deike und Marek waren froh, als sie endlich im Wagen saßen und losfuhren. Deike lenkte das teure Gefährt. Für gewöhnlich durfte niemand diesen Superschlitten fahren. Marek war aber noch so schwach, dass er nicht mal Deikes Fahrstil kritisierte.

»Nur Erholung«, sagte Deike versonnen.

»Das habe ich vor.«

In drei Etappen fuhren sie in den Süden und landeten bald am Bodensee. Sie fanden ihre Traumstadt und beschlossen, dort zu bleiben. Beide ahnten noch nicht, dass der See eine gewisse Ausstrahlung hatte. Wer einmal in seinen Bann geriet, kam nicht mehr davon los.

Um wirklich unabhängig zu sein, nahmen sie eine elegante Ferienwohnung. So konnte sich Deike auch um ihre Kost kümmern. Es machte ihr sogar Spaß. Marek wollte zuerst aufbegehren, weil er nur »Grünfutter« erhielt. Doch er fühlte sich bald merklich wohler. Auch musste er jeden Tag ein Stück mit Deike joggen. Er war zuerst total geschafft. Doch nach drei, vier Tagen spürte er neues Leben in seinem Körper.

Nach einer Woche waren sie beide so fit, dass sie sich gegenseitig auf die Nerven fielen.

»Wenn wir so weitermachen, zerfleischen wir uns bald«, sagte Deike lachend.

»Und wir haben so angegeben«, stöhnte der Großlude. »Vor sechs Wochen wollten wir nicht zurück sein.«

»Und wie sollen wir jetzt die Zeit totschlagen?«

Marek spazierte am Ufer entlang und warf kleine Steinchen in den See.

»Man müsste sich eine Beschäftigung suchen«, sagte er nachdenklich.

»Und welche?«

»Ich werde es mir noch überlegen.«

Deike hatte sich schon ein paar Bücher besorgt und versuchte, sich so zu unterhalten. Marek war ausgegangen. Deike saß am See und betrachtete die Schwäne. Jetzt hatte sie all das, wonach sie sich in Hamburg gesehnt hatte. Keine Konflikte, ein ruhiges und erholsames Leben, niemand ahnte hier, wer sie war. Auch Marek wirkte frei und war sehr nett. Keiner würde je auf die Idee kommen, in ihm einen Luden zu sehen.

Deike überlegte sich gerade, ob sie mal sündigen sollte, sie würde gern ein Café aufsuchen. Marek war ja nicht da. Die Gelegenheit kam so schnell nicht wieder.

Deike schwelgte in dem Café so richtig in Sahne und Kuchen. Leider fand Marek sie bald und amüsierte sich über ihr verlegenes Gesicht.

»Ich werde Imka nichts verraten, wenn du nachher mitkommst!«

»Wohin?«

»Ich bin eingeladen.«

»Du? Von wem? Ich dachte, du bist hier vollkommen fremd!«

»Bin ich auch. Aber ich habe mir gesagt, wenn wir schon hier unten sind und uns so fit fühlen, könnten wir doch auch Kontakt mit den hiesigen Luden aufnehmen. Man weiß nie, wofür das gut ist, nicht wahr?«

»Du willst mir doch nicht sagen, dass es in dieser hübschen Stadt einen Strich gibt?«

Deike wurde richtig traurig. Hier wirkte alles so sauber, so heil. Da lag der blaue See, dahinter erhoben sich die Berge der Schweiz. Sie wirkten wie geputzt. Auch die Menschen waren hier ganz anders, gelassener, nicht so hektisch und geldgierig. Sie hatte manchmal das Gefühl, auf einem anderen Stern zu leben. Sie kannte doch die Schlechtigkeit der Welt. Aber hier war es unmöglich, Böses zu denken. Und doch sollte es hier genauso sein wie in Hamburg?

»Schade«, sagte sie leise. »Diese Illusion ist wie eine Seifenblase zerplatzt.«

»Lass dich doch einmal überraschen, Mädchen, dann kannst du dich noch immer aufregen«, sagte Marek und legte seine Hand auf ihre.

Deike hatte ein kleines Lächeln um die Mundwinkel. In den letzten Tagen hatten sie hin und wieder leichten Körperkontakt bekommen. Sie spürte, dass Marek anders geworden war. Sie schrieb es der Langeweile zu. Aber Deike ertappte sich immer wieder dabei, dass sie anfing, ihn mit anderen Augen zu betrachten. Ich bin verrückt, dachte sie ärgerlich und zog ihre Hand zurück.

Weder der Kaffee noch der Kuchen schmeckten ihr jetzt noch. Sie schob den Teller zurück.

»Was ist?«, fragte Marek.

Er dachte: Da habe ich viele Jahre meines Lebens dafür aufgebracht, Frauen verrückt zu machen, um sie in die Falle zu locken. Als ich noch nicht so reich war, musste ich ja selbst an der Basis arbeiten. Ich habe praktisch von ganz unten anfangen müssen. Ich kenne die Weiber durch und durch, und nie habe ich bei einer versagt. Warum will es mir bei Deike nicht glücken? Weil sie mich kennt, oder was ist los? Spürt sie, dass es Berechnung ist? Der Zuhälter ertappte sich dabei, wie er über sich nachdachte. War es wirklich Berechnung? Er hatte doch mit Deike nichts im Sinn.

Marek bezahlte die Rechnung.

Dann verließen sie das Café und begaben sich in ihre Wohnung. Deike machte sich fein. Marek sagte: »Hoffentlich wird Lutz nicht verrückt bei deinem Anblick.«

»Ist das der Gastgeber?«, fragte Deike.

»So ist es. Ich habe mit München telefoniert. Sie sind froh, dass ich mich gemeldet habe. Sie scheinen uns in Hamburg zu vermissen.«

Deike lachte auf.

»Sie sind also sauer, dass wir uns nicht melden?«

»Es sollen Gerüchte umlaufen, dass wir nicht mehr so taufrisch sind. Sie denken schon über unsere Nachfolge nach!«

»Du meinst wohl über deine, Marek?«

»Na, du hast ja auch deinen Preis. Sie sind etwas unsicher geworden. Und deswegen wollen sich jetzt die Münchner von uns ein Bild machen.«

»Dann müssen wir wohl mal Eindruck schinden, nicht wahr?«

»So ähnlich! Du siehst ja wirklich fabelhaft aus! Ist das neu?«

Deike errötete unwillkürlich.

»Herrje, weißt du eigentlich, dass du zum ersten Male zur Kenntnis nimmst, was ich anhabe?«

»Tatsächlich? Vielleicht liegt es daran, dass es besonders hübsch ist!«

Sie warf ihm die Puderquaste an den Kopf.

Wenig später verließen zwei elegant gekleidete Menschen die Etagenwohnung und bestiegen ihren Superschlitten.

Verstohlen blickte die Hausmeisterin ihnen nach. Zur Nachbarin sagte sie ein wenig später: »Das müssen furchtbar reiche und vornehme Leute sein. Aber mir können sie keinen Sand in die Augen streuen!«

»Wieso?«

»Sie wollen hier unerkannt bleiben, aber ich würde dafür meine Hand ins Feuer legen: Die leben zwar sehr zurückgezogen und bescheiden, doch in Wirklichkeit ...« Sie machte ein vielsagendes Gesicht.

»Wie sind denn die Trinkgelder?«

»Sehr klein. Das ist ja der Grund, warum ich so sicher bin, dass sie wirklich vornehme Leute sind. Nur wer angeben will, wirft mit dem Trinkgeld um sich.«

Marek und Deike waren schon längst aus der Stadt gefahren und ahnten nicht, dass jemand über sie sprach.

 

 

5

Das Haus mit dem roten Herzen befand sich außerhalb der Stadt. Ein kleiner Wald umgab das Anwesen. Nur Eingeweihte fanden den Ort. Er war so berühmt, dass er keiner direkten Reklame mehr bedurfte. Die reichen Kunden kamen schon viele Jahre regelmäßig hierher, vergnügten sich eine Nacht lang und gaben dabei ihr gutes Geld aus.

Marek und Deike staunten nicht schlecht, als sie das Anwesen zu Gesicht bekamen.

»Donnerwetter, Deike, das ist ja was! Fast wie ein kleines Schloss. Alle Achtung! Wer hätte das von Lutz gedacht. Also wirklich, ich bin platt.«

»Kennst du Lutz denn?«, fragte Deike.

»Ich habe ihn mal in München getroffen. Er hat sich seitdem scheinbar gemausert.«

Lutz schien schon auf sie gewartet zu haben. Er stand an der Treppe des großen Hauses und lächelte strahlend. Deike sah den blonden Mann und musste unwillkürlich schlucken. Er sah wie ein Engel aus. Schlank und groß war er, einfach ein toller Mann. Lutz gab sich so natürlich, dass Deike gar nicht auf die Idee kam, sein Benehmen könnte gespielt sein. Lässig und überlegen spielte er ihr eine Komödie vor, die es in sich hatte. Der King bemerkte gar nicht, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Eine Zeit lang war er so gefangen von dem wunderschönen Haus, dass er für andere Dinge keine Augen und Ohren hatte.

Das Treppenhaus war eine Wucht. Überall Stuck, wo man nur hinsah, und Jugendstilfenster. Die Möbel waren genau auf das Haus abgestimmt.

Lutz blickte Marek ein wenig verächtlich an.

»Na? Begeistert?«, fragte er selbstbewusst.

Marek war Lude durch und durch. So schnell konnte man ihm nichts vormachen.

»Das ist doch nicht dein Werk«, sagte er leise.

»Ach, reden wir jetzt nicht davon«, sagte Lutz gelangweilt. »Ich habe euch zu einem Fest eingeladen. Das soll jetzt über die Bühne gehen. Kommt! Man wartet schon auf euch!«

Der Hauptraum war voller Menschen. Kunden und käufliche Mädchen tummelten sich dort. Einige davon schienen schon eine Menge getrunken zu haben. Es waren sehr schöne Mädchen hier. Deike sah Mädchen vieler Nationalitäten und wunderte sich darüber. Auch eine Schwarze bemerkte sie.

Marek sagte leise: »Ich habe das verdammte Gefühl, man will uns mit alldem einlullen. Sie spielen uns hier Reichtum vor. Ich weiß nicht, ich habe so ein komisches Gefühl in der Magengrube.«

Deike lachte auf.

»Geh! Du hast doch angerufen. Warum nimmst du es nicht hin? Sie können auch etwas. Bist du jetzt vielleicht eingeschnappt, weil sie auch gute Ideen haben? Wenn wir wollen, können wir auch so ein Haus führen. Aber du weißt doch, wie das bei uns ist.«

Marek knurrte sich etwas zurecht, schlenderte dann in dem Raum umher und ließ sich von den Dirnen anreden. Diese hatten Bescheid erhalten, dass es sich bei Marek nicht um einen Kunden handle, sondern um einen Großluden. Sie sollten besonders nett zu ihm sein.

Lutz hatte scharfe Augen.

Eine kleine Dirne mit pechschwarzen Haaren und mandelförmigen Augen schnurrte um Marek herum und hakte sich bei ihm ein. »Soll ich dir etwas zu trinken besorgen?«, fragte sie.

Marek trank normalerweise nicht viel. Und jetzt, nach seiner Erkrankung, musste er noch vorsichtiger sein. »Danke, im Augenblick noch nicht«, sagte er und lächelte die Kleine herausfordernd an. Ihm war nämlich aufgegangen: Vielleicht packe ich Deike, wenn ich sie eifersüchtig mache und vor ihren Augen zu flirten anfange. Vielleicht macht sie das nachdenklich. Sie fühlt sich einfach zu sicher, das ist es. Ich muss sie aus der Reserve locken, nur dann kann ich endlich zum Ziel gelangen.

Die Kleine himmelte Marek sogleich an. Marek war ja auch eine starke Persönlichkeit. »Ich heiß Süny«, flüsterte ihr grell geschminkter Mund.

»Fein, Süny, ich liebe es, wenn Mädchen nett sind. Das ist nicht so anstrengend. Erzähl mir ein wenig von dir!« Marek spielte den perfekten Draufgänger. Die Kleine ging prompt in die Falle. Immerhin war er ja kein Kunde, und sie musste jetzt denken, er möge sie wirklich. Schließlich waren hier genug Mädchen zur Auswahl. Triumphierend blickte sie die anderen Dirnen an. Diese hingen bei ihren Stammkunden herum und fühlten sich nicht so toll. Für sie war das eine ganz normale Nacht. Nur dass sie heute genug zu trinken bekamen, darin bestand der Unterschied. Für andere Gäste war in dieser Nacht das Haus geschlossen. Man war sozusagen unter sich.

Ein paar Männer waren schon sehr angetrunken und wollten unbedingt in den Keller. Deike wunderte sich darüber.

»Was ist dort unten?«, fragte sie.

Lutz war noch immer an ihrer Seite und lächelte sie zärtlich an.

»Bitte nicht so früh neugierig werden! Ich möchte auch noch zu später Stunde eine Überraschung für dich parat haben, Liebes! Einverstanden?«

Deike schluckte unwillkürlich. So hatte man sie vor langer Zeit mal genannt. Sie konnte sich sogar noch an den Mann erinnern. Wie sollte sie auch nicht? Hatte er ihr damals doch einen Heiratsantrag gemacht. Dann war sie operiert worden, und er hatte sofort das Weite gesucht. Sie spürte herbe Verbitterung in sich aufsteigen.

»Darf ich dir etwas zu trinken bringen?«, fragte Lutz.

Deike kam aber nicht dazu, abzulehnen. Im gleichen Augenblick wurde Lutz von einem Diener angesprochen. »Telefon!«

»Du entschuldigst?«, bat Lutz.

»Bitte!«, sagte Deike.

Deike schlenderte zwischen den anderen Gästen umher und entdeckte plötzlich eine junge Frau mit blonder Wuschelmähne. Sie trug leopardengemusterte Kleidung, wenn man so etwas überhaupt Kleidung nennen konnte. Auf ihrem Sessel lag ebenfalls eine Leopardendecke. Goldene Schuhe und schwarze Strümpfe vervollständigten ihre Aufmachung. Neben ihr auf dem Boden stand ein Glas Sekt. Sie schien schon eine Menge getrunken zu haben. Deike hatte sich an eine Säule gelehnt. Im Augenblick schien sich niemand für Deike zu interessieren. Schließlich war sie die Begleiterin von Marek. Man war sich noch nicht einig, wie man sie behandeln sollte. Außerdem war sie auch keine zwanzig mehr. Deike sah über die Köpfe hinweg immer wieder die blonde Frau an. Irgendetwas zog sie an, aber Deike konnte sich nicht darüber klar werden, was es war. Langsam kam sie näher und stellte sich neben die Blonde.

»Hallo!«

Die junge Frau nahm träge ihr Glas auf und trank es in einem Zug leer.

Deike sah ihr dabei zu. Ihre Augen trafen sich.

»Hallo«, sagte sie und blickte dann wieder gleichgültig auf den Rummel in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Deike sagte freundlich: »Bist du sauer, dass sich niemand um dich kümmert?«

Der schöne Mund der Frau verzog sich verächtlich.

»Nein«, sagte sie mit gelangweilter Stimme. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass mich keiner anquatscht.«

»Entschuldigung«, sagte Deike kurz.

Die Frau sah Deike wieder mit diesem rätselhaften Blick an.

»Du kannst ruhig bleiben! Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich dachte doch nur an die Kerle!«

Deike nahm sich einen Stuhl.

»Willst du was zu trinken haben?«, fragte die blonde Frau.

»Danke, nein. Ich kann mir ja was holen. Aber ich stehe nicht auf Alkohol«, sagte Deike.

Die Frau winkte, und ein Diener füllte ihr Glas nach, dabei flüsterte er ihr etwas ins Ohr.

»Verdammter Kerl, verpiss dich«, hörte Deike die Frau fluchen.

Unwillkürlich zurückzuckend, sagte sie erstaunt: »Diese Sprache habe ich hier nicht erwartet.«

»Diese Sprache verstehen die Mistböcke aber nur.«

»Du bist voller Zorn, wie ich merke!«

»Du etwa nicht? Jetzt sag mir bloß nicht, dass dieses Leben dich vom Hocker reißt.«

»Oh, ich habe ein schönes Leben. Ich habe es mir einrichten können. Ich bin wirklich zufrieden.«

»Nein, wirklich?«

Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, rollten Tränen über das schöne Gesicht der fremden Frau. Deike blieb reglos sitzen und dachte: Ich werde sie nicht fragen, was sie hat. Ich habe Urlaub. Ich will keine Probleme wälzen.

»Ich glaube, ich muss mich mal um Marek kümmern.«

Zornig wischte die junge Frau ihre Tränen ab.

»Von mir aus«, maulte sie mit leiser Stimme.

Deike entfernte sich hastig.

Lutz war auch noch nicht zur Stelle. Deike unterhielt sich mit einem Gast. Dieser behandelte sie korrekt, er machte keinen Annäherungsversuch.

»Du bist eine Dame«, murmelte er und wollte ihr die Hand küssen.

Die Dirnen in ihrer Umgebung lachten schallend.

»Die Wiener können es einfach nicht lassen!«

Deike lachte mit.

»Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob wir keine Musik bekommen. Ich möchte tanzen.«

Sogleich ertönte zärtliche Musik. Deike konnte nicht mal ausmachen, wo die Boxen standen, so versteckt waren sie eingebaut.

»Darf ich bitten?«, sagte der Kavalier.

Deike schloss die Augen und ließ sich führen. Wie lange hatte sie schon nicht mehr getanzt? Als Bordellmutter hatte man für so etwas keine Zeit. Und außerdem, mit wem sollte sie denn tanzen?

»Schön?«, fragte der Mann.

»Ja«, flüsterte Deike. »Ja!«

 

 

6

»Ich weiß nicht, was er hier will«, sagte Lutz am Telefon. »Ich habe alles getan, was du mir gesagt hast.«

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921656
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435259
Schlagworte
schicksale haus ecke dirne schulden

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #8: Dirne der Schulden wegen