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Falsche Indizien

©2018 157 Seiten

Zusammenfassung

Das Glück scheint dem jungen Rechtsanwalt Donald Sherman nicht geneigt zu sein. Jedenfalls sieht seine Zukunft mit einem Schlage ganz anders aus als geplant.
Judy Sellwyn, Shermans Verlobte, wird in dessen Wohnung ermordet aufgefunden! Der Verdacht richtet sich gegen Sherman.
In solch einer Situation ist es gut, zuverlässige Freunde zu haben. Als solcher ist seit Jahren der gut aussehende Eric Winston bekannt, an ihn wendet sich die Polizei zuerst. Winston bittet daraufhin Sherman um laufende Unterrichtung über das Fortschreiten der Nachforschungen. Noch jemand neigt nicht zu dem offiziellen Verdacht. Es ist Captain Mart Jones. Seine Vermutungen gibt er nicht preis, sie werden aber untermauert, als Mr. Balduff, der Großvater der entzückenden Patricia, tot aufgefunden wird.
Wie kommt es aber, dass wieder Donald Sherman der erste ist, der die Leiche sieht? Kann man jetzt noch an seine Unschuld glauben?

Leseprobe

Table of Contents

Falsche Indizien

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

Falsche Indizien

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Das Glück scheint dem jungen Rechtsanwalt Donald Sherman nicht geneigt zu sein. Jedenfalls sieht seine Zukunft mit einem Schlage ganz anders aus als geplant.

Judy Sellwyn, Shermans Verlobte, wird in dessen Wohnung ermordet aufgefunden! Der Verdacht richtet sich gegen Sherman.

In solch einer Situation ist es gut, zuverlässige Freunde zu haben. Als solcher ist seit Jahren der gut aussehende Eric Winston bekannt, an ihn wendet sich die Polizei zuerst. Winston bittet daraufhin Sherman um laufende Unterrichtung über das Fortschreiten der Nachforschungen. Noch jemand neigt nicht zu dem offiziellen Verdacht. Es ist Captain Mart Jones. Seine Vermutungen gibt er nicht preis, sie werden aber untermauert, als Mr. Balduff, der Großvater der entzückenden Patricia, tot aufgefunden wird.

Wie kommt es aber, dass wieder Donald Sherman der erste ist, der die Leiche sieht? Kann man jetzt noch an seine Unschuld glauben?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1

Das Morddezernat hatte wieder einmal eine schwere Nuss zu knacken.

Die hübsche Judy Sellwyn war ermordet in der Wohnung ihres Verlobten, des jungen Rechtsanwalts Donald Sherman, aufgefunden worden. Sherman hatte selbst die Polizei alarmiert, aber was wollte das schon besagen? Noch konnte niemand bestimmte Schlüsse ziehen.

Als Entlastungs- und Leumundszeugen hatte Sherman seinen langjährigen Freund Eric Winston angegeben. Zu ihm fuhren nun die mit der Untersuchung beauftragten Polizeibeamten.

Sergeant Charles Hogary ließ den Wagen auslaufen. Die Barnum Street in Jersey City war nicht sehr lang, und so hatte Mike McCann, dar neben Hogary saß, schon hundert Meter vorher das Haus ausgemacht, in dem Eric Winston ein Transportunternehmen unterhielt.

Die beiden Detektiv-Sergeanten verließen den Dienstwagen und gingen durch ein großes breites Tor. Rechter Hand befanden sich die Garagen, zur Linken die Tankstelle, die Reparaturwerkstatt und das Haus, in dem auch die Büros sein würden.

„Wo können wir Mr. Winston finden?“, hielt Sergeant Hogary einen Mann in blauer Monteurkluft an, der mit einem Schraubenschlüssel in der Hand an ihnen vorbeigehen wollte.

Der Mann warf einen Blick auf einen chromblitzenden Cadillac in Luxusausführung, und meinte: „Fortgefahren ist er noch nicht. Wahrscheinlich ist der Boss noch in seinem Office in der ersten Etage!“

Hogary bedankte sich, und nun gingen die beiden in das Haus hinein.

„Muss klotziges Geld verdienen, dieser Winston“, meckerte Hogary ein wenig neidisch. Noch ein paar Schritte, dann standen sie vor der Tür zum Allerheiligstem des Transportunternehmens. Hogary klopfte und öffnete dann die Tür, ohne abzuwarten, ob er hereingebeten wurde. McCann enterte hinterher.

Eric Winston, ein großer blonder Mann mit unwahrscheinlich blauen Augen, runzelte die Stirn.

„Was kann ich für Sie tun, Gentlemen?“

„Kriminalpolizei Sergeant Hogary und Sergeant McCann von der Mordkommission, Mr. Winston!“, sagte Hogary in dienstlichem Ton. „Wir sind beauftragt, Ihnen in der Mordsache Judy Sellwyn einige Fragen zu stellen.“

Eric Winston deutete auf ein paar Sessel und bat die beiden Beamten, Platz zu nehmen. Wenn er über den Besuch der Polizei überrascht war, so konnte er das wenigstens gut verbergen.

Hogary warf McCann einen auffordernden Blick zu, und dieser begann nun: „Wie wir erfuhren, sind Sie mit dem Anwalt Doktor Donald Sherman befreundet, Mr. Winston. Ist das richtig?“

„Don und ich, wir kennen uns schon eine Ewigkeit. Sind zusammen in die Schule gegangen. Ja, wir sind befreundet. Um Gottes Willen! Die Polizei glaubt doch nicht etwa, dass Don etwas mit dem Mord an Judy zu tun haben könnte?“

Eric Winstons bestürztem Gesicht nach schien ihm dieser Gedanke jetzt erst zu kommen. „Das ist völlig absurd!“, setzte er noch bekräftigend hinzu.

Sergeant Mike McCann meinte leichthin: „Weshalb hielten Sie gestern Ihre Verabredung mit Mr. Sherman nicht ein, Mr. Winston?“

Eric Winston machte sekundenlang ein erstauntes Gesicht. „Hat Don das gesagt? Dann wird es schon stimmen, und ich muss es total vergessen haben, Gentleman. Werde den armen Jungen nachher gleich mal anrufen. Kann mir gut vorstellen, dass ihm das alles verdammt auf die Nerven gegangen ist. Don ein Mörder? Direkt lächerlich.“

„Niemand hat behauptet, dass Mr. Sherman ein Mörder ist“, stellte Sergeant Hogary richtig, und McCann fuhr mit seinen Fragen fort.

„Sicher kannten Sie auch Miss Sellwyn näher, Mr. Winston?“

„Natürlich habe ich Judy gekannt. Schöne Frau, passte gut zu Don, wenn sie auch nicht mein Geschmack war.“

„Schließlich wollten ja auch nicht Sie, sondern Ihr Freund Sherman die Frau heiraten!“, warf nun Charles Hogary bissig dazwischen. Mike McCann sandte einem Kollegen einen warnenden Blick hinüber und wandte sich dann wieder Eric Winston zu. „Hatten Sie mal, durch einen Zufall vielleicht, bemerkt, dass Judy Sellwyn rauschgiftsüchtig war?“

Winston schüttelte den Kopf. „War sie das wirklich? Nein, ich könnte nicht behaupten, davon etwas bemerkt zu haben. Sonst hätte ich Don darauf aufmerksam gemacht.“

„Natürlich“, stimmte McCann höflich zu. „Wann sahen Sie Miss Sellwyn eigentlich zum letzten Mal, Mr. Winston?“

„Wann?“ Eric Winston schien angestrengt zu überlegen. „Es kann Ende der letzten Woche gewesen sein. Don war für seine Firma ein paar Tage nach Boston gefahren und bat mich vorher telefonisch, dass ich mich seiner Verlobten doch etwas annehmen sollte, wenn ich Zeit dazu hätte. Ich hatte ein paar nette Bekannte zusammengetrommelt, und wir besuchten ein paar Bars, zuletzt den Odeon-Club, dessen Mitglied ich bin. Judy war mit von der Partie. Seitdem habe ich sie aber ganz bestimmt nicht mehr gesehen. Auch gestern nicht, falls Sie das glauben sollten!“

McCann versicherte Winston, dass das durchaus nicht der Fall sei. „Kannten sich eigentlich Sherman und Malente?“

„Möglich“, zuckte Winston die Schultern. „Da bin ich leider überfragt. Gewiss, Don und ich waren wohl befreundet, aber jeder von uns hatte seinen eigenen Bekanntenkreis. Da Judy für Bob arbeitete, nehme ich an, dass Don ihn auch kannte.“

„Sie selbst kennen Malente aber dafür um so besser?“

Eric Winston zündete sich eine Zigarette an. Als sie brannte, konnte Sergeant Mike McCann ganz deutlich erkennen, dass Winstons Gesicht sich verändert hatte. Es wirkte nun kühl und verschlossen.

„Ich wüsste nicht, was meine Bekanntschaft mit Bob Malente mit dem Mord an der Verlobten meines Freundes Don Sherman zu tun haben könnte. Überhaupt, ich bin an allem völlig unbeteiligt. Völlig unbeteiligt!“, fügte er mit starker Betonung noch einmal hinzu. Erklärte dann aber doch, wenn auch etwas widerwillig: „Sicher kenne ich Bob. Verkehre in seinen Lokalen und bin auch geschäftlich hin und wieder für ihn tätig.“

Winston schaute auf seine Armbanduhr. „Leider habe ich in wenigen Minuten eine wichtige geschäftliche Verabredung, Gentleman. Wenn Sie also nichts sehr Wichtiges mehr zu sagen haben ...“

Winstons Bemühen, die Unterredung mit den beiden Detektiven zu beenden, war unverkennbar. McCann gab Hogary einen Wink und erhob sich. „Nein, Mr. Winston, das wäre für heute eigentlich alles. Sie können also bestätigen, gestern Nachmittag mit Mr. Sherman in der City eine Verabredung gehabt zu haben, die Sie vergessen hatten.“

Eric Winston zuckte mit den Schultern. „Ich kann mich überhaupt nicht mehr an diese Verabredung erinnern, aber wie ich schon vorhin sagte, wenn Don es behauptete, dann wird es schon seine Richtigkeit haben. Ich habe als Geschäftsmann täglich eine ganze Menge Daten und Termine, da kann man so was schon mal vergessen.“

Der Abschied fiel dann sehr knapp und kühl höflich aus. Sergeant McCann hatte den Eindruck, dass Winston froh war, sie wieder loszuwerden.

„Widerlicher Bursche, dieser Winston“, knurrte Sergeant Charles Hogary, als sie dann wieder in ihrem Chevrolet saßen.

 

*

Erschöpft saß Donald Sherman in seinem Hotelzimmer. Soeben hatten ihn die letzten drei Reporter verlassen. Donald war schon nach seiner Rückkehr von der Manhattan Division in der Halle des Hotels von einer Schar wissensdurstiger Journalisten empfangen worden. Einer der Sub-Direktoren des Ambassador hatte ihn einen Moment auf die Seite gezogen und sich beiläufig danach erkundigt, wie lange er –Donald Sherman – hier zu bleiben gedenke. Natürlich nur, um disponieren zu können, hatte der gepflegt aussehende Mann hinzugefügt, ihm dabei aber nicht in die Augen gesehen.

Natürlich hatte Donald begriffen. Die Geschäftsführung des Hotels Ambassador hatte keine Vorliebe für Gäste, deren Bräute in ihren eigenen Wohnungen umgebracht wurden. Das Ambassador war ein bestrenommiertes Haus mit Tradition. Donald hatte sich dann gefragt, was wohl die bessere Lösung sei: Die Reporter allesamt hinauszuwerfen – oder ihnen das gewünschte Interview zu geben. Sein Verstand hatte dann die Oberhand behalten. Es war sinnlos, die Presse gegen sich aufzubringen. So hatte er eine Stunde lang Rede und Antwort gestanden. Es war ja ohnehin nicht viel, was er berichten konnte.

Es war furchtbar heiß in dem Zimmer. Donald ging zum Fenster und öffnete beide Flügel. Dann goss er sich etwas Whisky ein und gab reichlich eisgekühltes Sodawasser dazu. Was konnte er tun, wo überhaupt mit seinen Nachforschungen beginnen? Hatte Judy überhaupt noch Angehörige? Immer, wenn er einmal die Sprache darauf gebracht hatte, war Judy rasch auf ein anderes Thema übergewechselt. Donald war am Anfang auch viel zu verliebt in sie gewesen, um sie wegen Unwichtigkeiten zu verärgern, und später war es dann ganz in Vergessenheit geraten. Donald wusste nur, dass Judy nicht aus New York stammte. Sie hatte ihm gesagt, sie wäre aus einem kleinen Nest im Mittelwesten. Für die Polizei würde es wohl leichter sein, etwas in Erfahrung zu bringen. Donald beschloss, sich um Bob Malente zu kümmern. Seitdem er wusste, dass Judy rauschgiftsüchtig gewesen war, vermutete er, dass das, und auch ihr gewaltsames Ende, mit Bob Malente zusammenhängen müsse.

Donald beschloss, heute Abend einen Streifzug durch einige Nachtlokale zu unternehmen, von denen er wusste, dass sie Malente gehörten.

Es überfiel ihn die Idee, Eric Winston an zurufen und ihn zu fragen, ab er nicht Lust hätte, ihn zu begleiten. Eric kannte Malente doch, vielleicht konnte er durch den Freund etwas Näheres erfahren.

Nachdem Donald gebadet, sich rasiert hatte und umgezogen war, fühlte er sich wieder etwas menschlicher. Er wählte Eric Winstons Rufnummer. Donald traf den Freund schon beim ersten Versuch an. Eric teilte ihm aufgeregt mit, dass zwei Beamte der Mordkommission bei ihm gewesen wären und ein hochnotpeinliches Verhör mit ihm angestellt hätten.

Winston hörte sich Donalds Vorschlag an, ihn heute Abend zu begleiten, und sagte begeistert zu. „Das wäre endlich mal was anderes“, meinte er und schlug vor, Donald gegen 20 Uhr mit seinem Wagen vom Hotel abzuholen. Es sei ja unsinnig, mit zwei Wagen in der Gegend herumzukutschieren, fügte er hinzu. Dann hängten beide ein.

Donald ließ sich von dem Kellner das Abendessen aufs Zimmer bringen, er hatte es satt, von allen Seiten aufdringlich angestarrt zu werden.

Kurz vor zwanzig Uhr begab sich Donald hinunter auf die Straße. Zu dieser Jahreszeit, es war Mitte Juli, war es noch taghell, und hier würde er Eric nicht verfehlen.

Winston war auf die Minute pünktlich. Donald hatte seit vierundzwanzig Stunden zum ersten Male das Empfinden, einem Menschen die Hand zu geben, der auch von seiner Schuldlosigkeit hundertprozentig überzeugt war. Außer Josuah T. Balduff natürlich, aber der war als sein ehemaliger Vormund Partei, und das zählte nicht mit.

„... habe denen natürlich gesagt, dass es völlig unsinnig ist, in dir Judys Mörder zu vermuten, alter Junge!“

Es tat Donald gut, diese Worte zu hören. Hal Varnells Freundschaft hatte diese Belastungsprobe nicht bestanden. Eric dagegen …

„Aber du hörst mir gar nicht zu, Don!“

Donald entschuldigte sich. „War allerhand, was gestern auf mich eingestürmt ist, Eric!“

„Schon gut – kann ich ja verstehen“, war dieser schnell versöhnt und wiederholte seine letzte Frage, wo Donald anzufangen gedachte. Donald Sherman meinte, dass er das am Besten ihm überlassen wolle.

„Schön, Don. Dann schlage ich vor, dass wir zuerst ins Odeon gehen, dort einen Happen essen und Kriegsrat halten!“

Knapp fünfzehn Minuten später stoppte Eric Winston seinen Cadillac auf dem Parking Lot, der nur für Clubmitglieder des Odeon angelegt worden war. Der Odeon Club befand sich in der ersten Etage eines großen Hauses auf dem Broadway, unweit des Madison Square. Im Erdgeschoss hatte sich eine Espresso Hall etabliert. Die beiden Freunde benutzten den Lift, den sie im ersten Stock verließen.

„Mr. Sherman ist mein Gast, Duff“, sagte Winston zu dem Clubsekretär.

„Sicher, Mr. Winston. Ich hoffe, es gefällt Mr. Sherman bei uns!“, meinte der zuvorkommend. Eric bugsierte Donald an eine Bar.

„Gib uns zwei Sherrys, Tom“, wies er den weißgekleideten Mixer an.

Donald sah sich in dem Raum um, der mit fast verschwenderischem Luxus ausgestattet war. An einem Tisch saßen vier Männer und spielten Karten. Von irgendwoher erklang gedämpfte Schlagermusik. Donald schaute zur Decke und bemerkte dort eine raffiniert eingebaute Klimaanlage. Deshalb war es hier auch so angenehm kühl.

Donald nippte an seinem Sherry und zündete sich dann eine Zigarette an. Sein Bück blieb jetzt an dem glatten, verbindlichen Gesicht des Mixers hängen, den Eric Tom genannt hatte. Zwischen den beiden kam es nun zu einem Gespräch, das Eric begann. „Du kanntest Miss Judy Sellwyn doch auch, Tom?“

Der Mixer nickte. „Habe davon in der Zeitung gelesen, Mr. Winston. War doch die Sekretärin vom Boss, nicht wahr? Mein Gott, wenn ich daran denke, dass sie letzte Woche mit Ihnen und Ihren Bekannten noch gesund und munter hier war ... Jetzt ist sie tot.“

Winston schob dem Mixer sein geleertes Glas über den Tresen und erklärte mit einem Seitenblick auf Donald: „Mein Freund, Mr. Sherman, war mit Judy verlobt. Er sucht nach Anhaltspunkten, die das tragische Ende seiner Braut aufklären könnten.“

Tom füllte zuerst Winstons Glas und wandte sich an Donald. „Tut mir schrecklich leid, Mr. Sherman, ich werde Ihnen kaum helfen können. Miss Sellwyn war sehr selten hier im Club.“

Donald konnte sich noch genau entsinnen, dass Judy ihm nach seiner Rückkehr aus Boston berichtet hatte, dass sie mit Eric und ein paar Bekannten hier im Odeon gewesen war. Judy hatte aber gesagt, dass sie das erste Mal hier gewesen sei. Tom jedoch sprach von sehr seltenen Besuchen!

„Warst du schon früher einmal mit Judy hier?“, wandte er sich fragend an den Freund. Winston schüttelte den Kopf und erwiderte ganz entschieden: „Ausgeschlossen, Don. Vielleicht kann sich Tom erinnern, mit wem Judy früher schon einmal hier war. Wir können auch den Sekretär fragen!“

Tom konnte – oder wollte – sich nicht daran erinnern. „Kommen so viele Gäste der Clubmitglieder hierher. Auch möglich, dass ich mich irre und Miss Sellwyn in der vierzehnten Straße im Büro des Chefs schon gesehen habe.“

Donald folgte Winston jetzt in das Speisezimmer. Eric bestellte sich ein Schnitzel mit Pommes frites und frischem Salat. Donald, der bereits gegessen hatte, ließ sich nur zwei Hamburger Sandwiches kommen.

Nachdem Winston seine reichliche Mahlzeit vertilgt hatte, zündete er sich eine Zigarette an. „Welche Vermutungen hast du über den Mord an Judy?“

Donald erwiderte ehrlich: „Ich weiß überhaupt nichts, Eric. Nachdem ich aber erfuhr, dass Judy rauschgiftsüchtig war, glaube ich, dass das der Punkt ist, bei dem ich ansetzen muss. Erst jetzt, nachdem sie tot ist, wird es mir bewusst, wie wenig ich von Judy gewusst habe. Das verdammte Kokain muss schuld sein, dass jemand sie umgebracht hat. Dieser Jemand hat auch Judys Wohnung nach dem Mord durchstöbert. Was mir nur unklar ist: Warum erschoss er sie in meiner Wohnung und lenkte den Verdacht auf mich? Wie mir Captain Jones von der Mordkommission mitteilte, hält mich der untersuchende Staatsanwalt für den Täter. Schließlich wurde Judy in meiner Wohnung mit meiner Pistole ermordet. Ihren Schlüssel zu meiner Wohnung, fand die Polizei unter ihrem Kopfkissen im der Rivington Street. Wer der Mörder auch sein mag, er hat nichts unterlassen, um mich in die Tinte zu reiten!“

„Oh, Eric!“, erinnerte sich Donald plötzlich an die Verabredung, die er mit dem Freund gehabt hatte. „Weshalb kamst du gestern eigentlich nicht zu unserem Date am Times Square? Du wolltest mich doch mit dem Makler bekannt machen, der preisgünstige Häuser zu verkaufen hat. Na ja, jetzt ist das sowieso überflüssig geworden. Es ist nur – die Polizei wollte genau von mir wissen, wo ich in den letzten Stunden vor dem Mord war.“

„Habe ich glatt vergessen, Mann“, murmelte Winston bedauernd. „Die beiden Polypen fragten mich auch danach, und ich musste ihnen dieselbe Antwort geben. Ja, glauben die denn im Ernst daran, du könntest der Täter sein?“

„Na, bis jetzt hin ich jedenfalls immer noch auf freiem Fuß. Das heißt, dass die Verdachtsmomente gegen mich noch nicht zu einer Anklage ausreichen. Captain Jones ist ein sehr vernünftiger Mann, zu dem ich alles Vertrauen habe.“

„Dann überlasse es doch der Polizei, den Mörder zu finden. Die haben ganz andere Möglichkeiten“, schlug Eric Winston vor.

„Nein, dazu ist alles schon viel zu persönlich geworden“, behauptete Donald eigensinnig. „Der Mörder hat nicht nur Judy getötet, er wollte auch mich mit vernichten, darüber besteht gar kein Zweifel mehr. Irgendwo im Dunklen ist ein Mann, der darauf aus ist, mich auf den Elektrischen Stuhl zu bringen!“

Eric Winston schüttelte den Kopf. „Ich komme da einfach nicht mehr mit, Don. Aber selbstverständlich hast du recht. Wie wäre es, wenn wir auf einen Sprung ins Paradise in der 23ten Straße gingen?“

Winston schrieb einen Scheck über die kleine Zeche aus, und gemeinsam gingen sie hinaus. Der Clubsekretär nahm Winstons Scheck entgegen und schloss ihn in eine Kassette.

„Nicht viel Betrieb hier heute“, meinte Eric. „Sagen Sie, Hasbeth, können Sie sich noch erinnern, mit wem Miss Judy Sellwyn, außer dem einen Besuch mit mir in der vergangenen Woche, schon einmal hier im Club war?“

Der Mann erwiderte: „Nein, ich glaube nicht, dass Miss Sellwyn vorher schon einmal hier war. Natürlich kenne ich sie – kannte ich sie“, verbesserte er sich schnell. „Sah sie jedes Mal, wenn ich im Büro in der 14ten Straße etwas zu tun hatte. Aber hier? – Wer behauptet denn das?“

„Tom, Hasbeth. Er ist aber nicht ganz sicher“, erklärte Eric Winston. „Na ja, nicht weiter schlimm. Wir sehen uns jetzt mal den Betrieb im Paradise an. Bye, bye, Hasbeth.“

Als die beiden Männer draußen waren, wartete der Clubsekretär noch ein paar Minuten, dann griff er nach dem Telefon und wählte eine Nummer. Der gewünschte Teilnehmer meldete sich.

Hasbeth sagte: „Hier ist Hasbeth, Boss. Dieser Donald Sherman, der Verlobte der Sellwyn, war hier und wollte wissen, ob sie schon öfter im Odeon war. Mr. Eric Winston brachte ihn als Gast mit. Ja, jetzt gehen sie ins Paradise. Ich dachte, das würde Sie vielleicht interessieren. Wie? – Ja, das wäre alles.“

Im Paradise konnte Eric Winston, der auch hier bekannt zu sein schien, noch einen freien Tisch für sie beide chartern, wobei ihm ein Kellner behilflich war. Neugierig schaute sich Donald Sherman um. Hier herrschte lebhafter Betrieb. Auf der Bühne stand ein Conferencier, der gerade eine Ballettgruppe ankündigte. Hier schien sich halb New York ein Stelldichein zu geben.

„Später wird hier auch getanzt, Don“, meinte Eric Winston, dessen Augen sich an einer rotblonden Schönheit festzusaugen schienen, die ein paar Tische weiter saß.

Winston hatte zwei Kognak und Sodawasser bestellt. Eric Winston hob sein Glas, um Donald zuzuprosten, dann ließ er die Hand wieder sinken und meinte erstaunt: „Na so was, das ist doch der alte Bob Malente in voller Lebensgröße. Und er kommt an unseren Tisch. Du kennst Bob doch?“

Liebenswürdig begrüßte Bob Malente Winston und wandte sich dann Donald zu. „Ich bedaure es außerordentlich, Mr. Sherman, dass unser Wiedersehen unter einem so traurigen Aspekt steht. Meiner aufrichtigen Anteilnahme können Sie gewiss sein. Miss Sellwyn war eine ganz ausgezeichnete Frau, auch in ihrer Arbeit sehr tüchtig. Äh, wenn ich Ihnen behilflich sein kann?“

„Setz dich doch einen Augenblick zu uns, Bob“, lud Winston ein. Malente warf einen fragenden Blick auf Donald, welcher nickte, und setzte sich dann.

Malente winkte einem Kellner und bestellte nach einem höflichen an Winston und Donald gewandten: „Sie erlauben doch?“ drei Bigballs.

Donald merkte, dass Malente etwas auf dem Herzen hatte. Einstweilen bestritt Eric Winston das Gespräch, das sich selbstverständlich um die ermordete Judy Sellwyn drehte. Als die Bigballs gekommen waren, sagte Bob Malente zu Donald: „Captain Jones vom Morddezernat Manhattan war heute Vormittag bei mir und machte mir die erstaunliche Eröffnung, dass Miss Sellwyn rauschgiftsüchtig gewesen sei. Ich konnte es kaum glauben, aber erfunden hat es Jones bestimmt nicht!“

Malente lächelte etwas maliziös. „Der Captain ließ durchblicken, dass er es durchaus für möglich hielte, Miss Sellwyn habe das Kokain durch mich bezogen. Um Sie vielleicht vor ähnlichen Trugschlüssen zu bewahren, Mr. Sherman, möchte ich auch Ihnen gegenüber betonen, dass das nicht der Fall war. Mir gehören in New York eine ganze Anzahl von Nachtlokalen – in keinem jedoch wird mit meinem Wissen Rauschgift gehandelt. Habe ich gar nicht nötig.“

Donald fühlte die Drohung heraus.

„Ich habe Don auch schon gesagt, er soll der Polizei die Aufklärung des Mordes überlassen“, klagte Winston. „Aber er will ja nicht auf mich hören, Bob!“

Malente runzelte die Stirn. „Ich hoffe doch nicht, dass Sie Ihre Detektivarbeiten in meinen Betrieben beginnen wollen, Mr. Sherman? Das wäre nur Zeitverschwendung.“ Er schaute auf seine Armbanduhr und rief scheinbar erschrocken aus: „Du lieber Himmel – ich habe mich schon viel zu lange aufgehalten. Eric, Mr. Sherman – es war mir eine Freude!“ Er deutete eine leichte Verneigung an. Dann ging er davon.

Gedankenvoll schaute Donald ihm nach. Malente war ein mit allen Wassern Amerikas gewaschener Gangster im Frack und ein bestimmt nicht zu unterschätzender Gegner.

Donald hätte später nicht zu sagen vermocht, was ihn jetzt dazu bewog, zu Winston zu sagen: „Ich glaube wirklich, dass es besser ist, der Polizei alles zu überlassen. Malentes Worte waren eine Warnung, mich herauszuhalten. “

Winston sah ordentlich erleichtert aus. „Du musst verstehen, dass es für einen Mann in seiner Stellung keine Reklame ist, wenn es heißt, in seinen Etablissements würde Rauschgift vertrieben. Weißt du was, Don? Fahre doch ein paar Wochen nach Florida oder irgendwohin, wo dich kein Mensch kennt, und spann aus. Wenn du dann zurückkehrst, sitzt der Mörder wahrscheinlich schon in Sing-Sing und wartet auf den Elektrischen Stuhl!“

„Ich werde mir deinen Vorschlag noch überlegen“, erwiderte Donald ausweichend und meinte, er möchte am Liebsten ins Hotel gehen.

„Ich fahre dich selbstverständlich bin, Don“, bot Winston sofort an.

Und dabei blieb es. Als er vor Donalds Hotel stoppte, meinte er herzlich: „Lass den Kopf nicht hängen und rufe mich gelegentlich wieder einmal an. Mich interessiert natürlich alles, was den Mord an Judy betrifft.“

 

 

2

Captain Mart Jones’ Vorgesetzter war Inspektor Jim Stafford. Jones, der gleich am frühen Morgen zu ihm gerufen wurde, sah, dass Staatsanwalt Cathworne bei ihm saß und ein siegessicheres Gesicht machte.

„Setzen Sie sich, Mart“, knurrte Inspektor Stafford, dessen Gesicht nicht gerade gutgelaunt aussah. Jones schaute seinen Vorgesetzten erwartungsvoll an.

Der legte los: „Warum haben Sie eigentlich Sherman nicht in Haft genommen, Mart? Bis jetzt richtet sich der Verdacht immer noch allein gegen ihn, und wir sollten nicht zusehen, wie er die Sache noch mehr verdunkelt. Cathworne hat gestern Nachmittag einen Mann verhört, der Sherman die gereinigte Wäsche brachte. Zu einem Zeitpunkt, wo die Ermordete bereits bei ihm im Wohnzimmer lag. Wie dieser Bote, Ronzoff heißt er, aussagte, habe Sherman einen zerfahrenen, ja, schuldbewussten Eindruck gemacht. Ronzoff fragte Sherman, ob er sich nicht wohlfühle, worauf dieser erwiderte, es läge bestimmt an der Hitze!“

Captain Jones lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Mein Gott, Inspektor, ich möchte Sie oder Cathworne einmal sehen, wenn einer von Ihnen beim Heimkommen die Leiche einer Frau im Wohnzimmer fände! Hinter diesem scheinbar so simplen Mord an Judy Sellwyn steckt viel mehr, als wir alle ahnen. Donald Sherman soll nur dafür herhalten, dafür lege ich meine Hände ins Feuer. Weshalb erlässt denn die Staatsanwaltschaft nicht von sich aus einen Haftbefehl gegen Sherman, wenn Cathworne seiner Sache so sicher ist?“

Als Leslie Cathworne nur ein verbissenes Gesicht machte, fuhr der Captain fort: „Weil der D.A. nicht der Blamierte sein will, wenn Sherman nach spätestens vierundzwanzig Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt werden muss. Sherman ist selbst Anwalt, das wollen wir dabei nicht vergessen. Außerdem sind mir da einige Umstände aufgefallen, die für Shermans Unschuld sprechen.“

„Shermans Behauptung, er habe am Nachmittag des Mordtages mit seinem Freund Winston in der City eine Verabredung gehabt, steht zumindest auf recht wackligen Füßen“, warf Leslie Cathworne mürrisch ein. „Alles, was bisher ermittelt werden konnte, belastet Sherman stark.“

Inspektor Stafford hatte sich die Kontroversen nachdenklich angehört. Er gab zu bedenken: „Die Rauschgiftgeschichte gefällt mir auch nicht. Woher bezog Judy Sellwyn das Kokain? Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung konnten wir nicht ein Milligramm Koks entdecken, stellten jedoch fest, dass kurz vorher alle Schränke und Kästen genau durchwühlt worden waren.“

Captain Jones konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Der gute Stafford merkte es anscheinend selbst nicht, dass er sich soeben widersprochen hatte. Erst wollte er ihm an den Wagen fahren, dass Sherman sich noch immer auf freiem Fuß befand, und jetzt brachte er, wenn auch noch schwache, Entlastungsargumente für den Anwalt. Aber Inspektor Stafford musste zugestanden werden, dass Cathworne mit dessen Nichte verheiratet war.

„Also gut, Mart“, fuhr der Inspekteur fort. „Kümmern Sie sich um Shermans Bekannte. Es würde mich wirklich nicht überraschen, wenn Bob Malente seine Finger im Spiel hätte.“

 

*

Lange saß Josuah T. Balduff grübelnd vor dem altenglischen Kamin in seinem großen Wohnzimmer, in dem es trotz der draußen herrschenden Hitze angenehm kühl war. Schließlich hatte Balduff einen Entschluss gefasst, den er, wenn es ihm auch schwerzufallen schien, auch gleich in die Tat umsetzte. Er ging zu einem Schreibtisch am Fenster und griff nach dem Hörer des Telefons. Seine Finger zitterten nicht, als er eine Nummer wählte und kurz darauf die Stimme eines Mannes hörte, den er vor vielen Jahren aus seinem Leben gestrichen hatte.

„Ich bin es, Josuah Balduff“, sagte er. „Komm heute Abend gegen zwanzig Uhr zu mir in mein Haus. Ich werde ganz allein sein und habe wirklich keine Sehnsucht nach dir, da kannst du ganz beruhigt sein. Es ist etwas sehr Wichtiges, sonst möchte ich dich nicht mehr sehen. Also gut, du kommst? Ist auch besser für dich, da ich mich sonst an die Mordkommission Manhattan wenden müsste und ihnen eine kleine, aber wahrscheinlich sehr interessante Geschichte erzählen würde!“

Damit legte der alte Mann den Hörer wieder auf. Mit Bitterkeit dachte er an sein Leben, das für ihn immer wieder Schicksalsschläge bereitgehalten hatte. Erst der Unfalltod seiner geliebten Frau. Zehn Jahre später fiel sein einziger Sohn Harald in Frankreich, dem die Schwiegertochter einige Wochen darauf folgte. Patricia, seine Enkelin, studierte in England und weilte in jedem Jahr nur ein paar Wochen bei ihrem Großvater. Am seinen Stiefsohn durfte er gar nicht denken – diesen Nichtsnutz, den seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte und der keinen Pfifferling wert war. Den er verstoßen und dem das Haus verboten hatte, und der ihn noch heute mit seinem Hass verfolgte. Ihn, Patricia und …

Josuah Balduff öffnete die Lade seines Schreibtisches und nahm einen flachen Kasten heraus. Er betrachtete die Pistole, die darin lag. Sein Gesicht bekam einen entschlossenen Zug, als er sie durchlud und in die Tasche seines Rockes steckte. Vielleicht wurde er heute noch gezwungen, sie auf einen Menschen zu richten!

Irgendwo in New York stürzte der Mann, mit dem Balduff telefoniert hatte, ein Glas Whisky die Kehle hinunter.

„Ich muss es tun“, murmelte er. „Der Alte weiß zu viel. Zum Teufel mit ihm und der ganzen Brut. Wie mag er nur dahintergekommen sein?“

 

*

Donald Sherman hatte sich damit beschäftigt, die gewünschte Liste seiner näheren Bekannten zusammenzustellen, die Captain Jones haben wollte. Donald war am Schluss selbst erstaunt, wie viele Leute er kannte. Und doch konnte er nicht glauben, dass sich darunter ein Mörder befinden sollte, der nicht nur Judy getötet hatte, sondern auch ihn vernichten wollte.

Gegen 17 Uhr – Donald hatte sich gerade ein paar Sandwiches und Kaffee bringen lassen –, läutete das Telefon. Es war Josuah T. Balduff, der ihn für heute Abend Punkt 22 Uhr in seine Villa bestellte. Wenn Donald über dieses sonderbare Ansinnen auch erstaunt war, so ließ er es sich doch nicht anmerken, zumal er selbst recht gern mit Onkel Josh gesprochen hätte. Die Bemerkung des alten Mannes, Judy habe nichts getaugt, ging noch immer in seinem Kopf herum.

Kurz vor 19 Uhr kleidete sich Donald um. Er würde in der City eine Kleinigkeit zu sich nehmen, vielleicht in ein Kino gehen und dann zur 8thAvenue fahren, wo Josuah T. Balduff an der 68ten Straße, am Central Park, seine Villa hatte, in der Donald einige Jahre gewohnt hatte.

Kurz bevor Donald das Hotel verlassen wollte, fiel ihm ein, dass er Eric Winston heute hatte anrufen wollen, und kehrte noch einmal um. Er stand gerade am Apparat, als dieser anschlug. Donald meldete sich.

„Soeben wollte dich dich anrufen, Eric“, sagte er, denn Winston war der Anrufer. „Was ich heute Abend vorhabe? Onkel Josh hat mich für 22 Uhr zu sich zitiert, und ich bin wirklich neugierig, was er von mir will. So ... Du fährst heute Abend noch geschäftlich nach Philadelphia? – Na, dann wünsche ich dir gute Fahrt und viel Erfolg. Ich höre wohl wieder von dir, wenn du zurückkommst. So long!“

 

*

Obwohl Josuah T. Balduff ein sehr großes Haus bewohnte, beschäftigte er nur vier Personen ganztägig. Das war Sammy Rafter, Gärtner und Chauffeur, dessen Frau Sarah als Köchin, der altehrwürdige Butler James, der schon seit dreißig Jahren im Haus war, und Helen Connor, die alte Kinderfrau seiner Enkelin Patricia. Das Ehepaar wohnte über der Garage, einige Meter von der Villa entfernt. Der Butler und die Kinderfrau hatten ihre Räume in der zweiten Etage, ganz hinten, im linken Flügel.

Nachdem Josuah Balduff einige Vorbereitungen getroffen hatte, läutete er zweimal hintereinander. Bald darauf erschien, gemessenen Schrittes, James, der Butler, jeder Zoll hochherrschaftlicher Diener.

„James“, sagte Josuah Balduff freundlich: „Ich erwarte heute Abend Besuch, und es kann spät werden. Ich möchte dabei nicht gestört werden und wünsche, dass sich niemand von euch darum kümmert. Sage das bitte auch den anderen. Wer Lust hat, kann heute Abend ausgehen. Öffnen werde ich selbst. Sage Sarah, sie möchte mir das Abendessen eine Stunde früher richten.“

„Sehr wohl, Sir“, erwiderte James und ging wieder hinaus.

Die Zeit bis zum Souper verbrachte Josuah Balduff in seinem Arbeitszimmer, wo er drei Schreiben anfertigte, sie sorgfältig kuvertierte und anschließend in die Mittelschublade seines Schreibtisches legte. Punkt 19 Uhr nahm er im Speisezimmer seine Abendmahlzeit ein. Dann ging er in die Bibliothek, wo er sich ein Buch nahm und sich in den Sessel setzte. Gedämpft klangen die Geräusche zu ihm herüber, die die Köchin Sarah verursachte, als sie das Geschirr aus dem Speisezimmer abräumte. In zwanzig Minuten spätestens würde alles ruhig sein und niemand mehr sich blicken lassen.

Als die Wanduhr in der Bibliothek anschlug, legte Balduff sein Buch zur Seite, zündete sich eine Zigarre an und verharrte mit geschlossenen Augen in seinem Sessel. Der missratene Sohn seiner Frau aus erster Ehe würde bald kommen – und wenn er sich nicht sehr täuschte, mit Mordabsichten!

Quälend bedrückte ihn der Gedanke: Warum habe ich Donald nicht schon früher alles gesagt? Ihn gewarnt? Ich hätte den anderen besser kennen müssen!

Plötzlich horchte Josuah Balduff auf: Was war das für ein merkwürdiges Geräusch, das aus der Küche kommen musste? Doch dann umflog ein sarkastisches Lächeln seine dünnen Lippen. Er hatte sich nicht geändert! Wie ein Dieb in der Nacht erschien er zu einer Verabredung und gab damit von vornherein seine Absichten kund.

Regungslos blieb der alte Mann sitzen und sah, wie sich die Klinke zur Bibliothek senkte. Erst millimeterweise, dann stärker.

„Komm doch herein!“, sagte Josuah Balduff ruhig.

Die Tür wurde jetzt ganz geöffnet, ein Mann trat in die Bibliothek, schloss die Tür hinter sich wieder und meinte spöttisch: „Dein Drang zur Dramatisierung hat sich anscheinend mit zunehmendem Alter noch verstärkt. Eigentlich Blödsinn von mir, dass ich überhaupt gekommen bin, aber ich war doch neugierig, was du dir wieder einmal ausgeknobelt hast. Was Gutes wird es sicher nicht sein. – Du erlaubst doch, dass ich Platz nehme!“

Ohne eine zusagende Antwort abzuwarten, ließ er sich in einen Sessel fallen und forderte ungeduldig: „Na los, beginn schon!“

Unbewegt entgegnete der alte Mann: „Ja, ich werde beginnen. Da, wo es auch begonnen hat, als du bemerktest, dass sich Donald für eine Frau interessierte. Ich kann dir sogar sagen, wo ihr beide sie kennen lerntet. Die größte Schuld allerdings trifft mich, weil ich dem Jungen nie von dir erzählte. Genau wie Patricia glaubt er, du wärest schon lange tot. Ich will mich nicht versündigen: Aber es wäre besser, wenn das die Wahrheit wäre!“

„Nun, darüber bin ich anderer Meinung, wenn du gestattest!“, warf der Besucher ein.

Unbeirrt fuhr der alte Mann fort: „Du versuchtest also hinter Donalds Rücken, Judy Sellwyn für dich zu gewinnen. Das fiel dir nicht einmal schwer, denn du warst schon als Halbwüchsiger ein Schürzenjäger und Judy Sellwyn eine vergnügungssüchtige junge Frau, die sich Donald nur seines Vermögens wegen geangelt hatte und es mit der Treue nicht so genau nahm. Übrigens war sie geschieden, aber das nur nebenbei, und dir wird es, falls du es gewusst haben solltest, gleichgültig gewesen sein.“

„Sehr richtig“, bestätigte der andere. „Ich wusste es tatsächlich nicht.“

„Auf irgendeinem Wege machtest du die junge Frau kokainsüchtig. Du verschafftest ihr die Stellung bei Bob Malente, dem es nicht schwerfiel, Judy Sellwyn in seine schmutzigen Geschäfte hineinzuziehen. Den Rest muss ich zur Hälfte raten, aber ich werde mich bestimmt nicht irren, denn du hast dich selbst verraten!“

„Na, da bin ich aber gespannt, großer Detektiv“, spöttelte der andere.

„Du, und nur du ganz allein hast Judy Sellwyn ermordet! Nur du konntest ein Interesse daran haben, dass Donald in die Sache hineingezogen und des Mordes verdächtigt wurde! Ob die Frau ausschließlich aus diesem Grunde sterben musste, weiß ich nicht. Eine Rauschgiftsüchtige ist unberechenbar. Vielleicht versuchte sie, dich zu erpressen. Was aber auch der wahre Grund gewesen sein mag: Du bist der Mörder! Oder willst du das etwa bestreiten?“

Josuah Balduffs Besucher zündete sich gelassen eine Zigarette an und antwortete mit gefährlich kalten Augen: „Du hast natürlich Recht. Judy hatte den langweiligen Donald gründlich satt. Mittlerweile war sie dahintergekommen, dass ich über genügend Kleingeld verfüge, und bestand darauf, dass ich sie heirate. Was natürlich ganz unmöglich war, denn sie bedeutete mir nichts. Überhaupt nichts“, setzte er verächtlich hinzu.

„Anfangs machte es mir tatsächlich nur Spaß, sie Donald auszuspannen. Und dann wollte mich das ausgekochte Luder erpressen und zu Donald laufen und ihm alles berichten, wenn ich nicht wollte. Da musste ich sie natürlich aus dem Wege schaffen. Die Gelegenheit, Donald dabei eins auszuwischen, war direkt verführerisch. Ich schlug Judy nämlich vor, mit ihr in Donalds Wohnung zu gehen, ihn dort zu erwarten und ihm die Wahrheit zu sagen. Nämlich, dass Judy und ich uns lieben und heiraten wollen. Vorher hatte ich ihr ein kleines Mittelchen in dem Mittagscocktail gegeben, der sie weich wie Butter machte. Es klappte dann auch alles wunderschön. In Donalds Wohnung habe ich mich für eine Minute entschuldigt, habe die Pistole aus dem Nachttisch genommen, bin durch die andere Tür ins Wohnzimmer zurückgegangen und habe Judy erschossen. Den Schlüssel habe ich dann an mich genommen, und das Glück war mir mehr als gnädig: Ich konnte ihn anschließend ungesehen in Judys Appartement unter ihr Kopfkissen legen und die Wohnung durchsuchen. Sie hatte nämlich noch Kokain dort. Außerdem wollte ich natürlich wissen, ob sie Aufzeichnungen gemacht hatte, die Bob oder mir gefährlich werden konnten. Ja, da staunst du, nicht wahr? Bob Malente und ich sind nämlich Stille Partner!“

Mit einer blitzschnellen Bewegung, die den alten Mann, obwohl er es eigentlich erwartet hatte, völlig überrumpelte, zog er eine Pistole und richtete sie auf Josuah Balduff.

„Du hast dein Leben selbst abgekürzt – obwohl es mir eigentlich nicht sehr Leid tut, dich töten zu müssen. Du warst es, der mich, als halbes Kind noch, zu fremden Leuten gab. Der mit seinem verfluchten Geld mein Schicksal formen wollte und mich damit zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Ich wundere mich nur, dass du dein Wissen noch nicht der Polizei oder dem famosen Donald beigebracht hast. Aber du wolltest dir deinen Triumph wohl nicht entgehen lassen, mir das alles ins Gesicht zu sagen, wie? Nun, wie ich schon sagte, dein Hang zur Dramatik! Diesmal bedeutet er dein Ende!“

Er zog den Stecher durch. Mit dem aufgesetzten Dämpfen machte der Schuss kein starkes Geräusch.

Der Mörder lauschte. Alles blieb ruhig, als ob gar nichts geschehen sei. Erst dann warf er einen flüchtigen Blick auf sein Opfer. Der alte Mann war vom Sessel heruntergerutscht und lag unbeweglich. Sekundenlang verharrte der Mörder; hinter seiner Stirn arbeitete es, klar und präzise.

Josuah Balduff hatte zu viel gewusst. Gefährlich viel sogar. Wie nun, wenn er sein Wissen schriftlich niedergelegt hatte, bevor er die Verabredung mit ihm traf?

Der Gedanke ließ dem kaltblütigen Mörder den Schweiß auf die Stirn treten. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und huschte aus der Bibliothek. Da er sich in der Villa auskannte, fand er das Arbeitszimmer sofort. Auf gut Glück öffnete er die Mittelschublade des Schreibtisches zuerst. Fast hätte er einen Schrei des Triumphs ausgestoßen, als er die kuvertierten Schreiben fand. Eins davon war an Donald Sherman, das zweite an Patricia Balduff und das letzte an die Mordkommission Manhattan adressiert. Er steckte sie alle zu sich, zog ein Taschentuch aus der Tasche und wischte die Pistole sorgfältig ab. Dann legte er sie an die Stelle, wo vorher die Briefe gelegen hatten.

Genau 21 Uhr und fünfzehn Minuten verließ Josuah Balduffs Stiefsohn die Villa am Central Park auf dem gleichen Wege, den er gekommen war.

 

*

Genau zu dieser Zeit verließ Donald Sherman eine kleine Imbissstube in der Rockefeller Street.

Jetzt befand er sich auf dem Wege zu Josuah Balduffs Villa. Es fehlten noch drei Minuten an 22 Uhr, als er seinen Dodge zum Stehen brachte, die Wagentür abschloss und mit forschen Schritten den gepflegten Parkweg entlangging, der zur Tür führte. Dabei sah er, dass in der Bibliothek Licht brannte. Donald drückte auf die Klingel und wartete geduldig. Eine Minute verging, und nichts rührte sich. Donald versuchte es ein zweites Mal, aber auch darauf erfolgte keine Reaktion. Stirnrunzelnd trat er zurück und überlegte: Zu Hause musste Onkel Josuah sein, das bewies das Licht in der Bibliothek. Zudem war Josuah Balduff nicht der Mann, der jemanden bestellte und ihn dann versetzte. Vielleicht war es ihm schlecht geworden?

Dass sich aber niemand vom Personal rührte!

Donald ging um das Haus herum, in der Absicht, nach Helen Connors Fenster zu schauen, denn sie würde doch bestimmt zu Hause sein. Da gewahrte er das sperrangelweit offenstehende Küchenfenster und stutzte. Die alte Sarah würde niemals die Küche so verlassen. Ohne zu überlegen, stieg Donald in die Küche ein, was für den sportlichen jungen Mann keine Schwierigkeiten bedeutete. Er lief zur Bibliothek und öffnete die Tür.

Zwei Dinge nahm Donald gleichzeitig wahr: Den beißenden Geruch verbrannten Pulvers und die leblose Gestalt Josuah Balduffs, der nun wohl keine Gelegenheit mehr haben würde, ihm zu sagen, was er über Judy Sellwyn gedacht hatte. Auch der Grund, weshalb er, Donald, heute Abend zu ihm kommen sollte, würde nun ein ewiges Rätsel bleiben. Die Duplizität der Geschehnisse, vor drei Tagen, und heute fast die gleiche Situation, erregte in Donald ein Grauen.

So machte Donald wieder kehrt und begab sich ins Arbeitszimmer hinüber, wo sich das Stadttelefon befand. Ihm war übel, als er mit bebenden Fingern die Nummer der Mordkommission wählte. Es meldete sich die unpersönliche Stimme eines Leutnants. Donald fragte nach Captain Jones und erfuhr, dass dieser zu Hause war. Er ließ sich dessen Privatnummer geben und legte wieder auf. Donald war sich bewusst, soeben nicht richtig gehandelt zu haben. Es wäre seine Pflicht gewesen, das Verbrechen sofort zu melden. Doch der Captain war ein Mensch, zu dem Donald Vertrauen hatte. Die anderen Beamten würden ihm mit dem größten Misstrauen begegnen, zumal auch diesmal die Umstände für ihn recht eigenartig und unglücklich waren.

Nervös wählte Donald die Nummer und wartete angespannt. Er hatte Glück im Unglück. Nach einer Minute meldete sich Captain Jones. Er wurde schnell interessiert, als er erfuhr, aus welchem Grunde ihn Donald anrief. Donald nahm es als einen verdienten Tadel hin, als ihn der Captain rügte, dass er nicht die Mordkommission zuerst alarmiert hatte, sagte dann aber, er würde das selbst nachholen. Donald solle in der Villa Balduffs auf Jones Erscheinen warten.

 

*

Captain Mart Jones klemmte sich hinter das Steuer seines Packards und drückte auf den Anlasser. Auf dem Wege zum Central Park machte er noch einmal halt und hupte zweimal. Kurz darauf erschien der Assistent des ersten Staatsanwaltes von Manhattan, Leslie Cathworne.

„Ihr Schützling hat ein eigenartiges Talent, überall da zu sein, wo ein Mord geschieht, Jones“, bemerkte Cathworne anzüglich. Dabei wehte Mart Jones eine ziemlich starke Whiskyfahne entgegen.

Auf die Bemerkung erwiderte Jones nur: „Wir werden ja sehen. Vielleicht lässt jemand Sherman auch mit Absicht Leichen finden!“

Diese Vermutung nötigte Cathworne nur ein höhnisches Lachen ab. Der Rest der Fahrt verlief in Schweigen. Als Mart Jones in die 5th Avenue einbog, hörte er vor sich die Sirene eines Polizeiwagens. Das würden die Jungen von seinem Dezernat sein, die er alarmiert hatte. Er stoppte wenige Minuten später hinter dem großen Wagen der Mordkommission. Jones sah Leutnant Harvey Colvin, den diensthabenden Offizier, herausspringen und, gefolgt von den anderen Beamten, auf das Haus zugehen. Auch er und Staatsanwalt Cathworne stiegen nun aus und schlossen sich den anderen an. Sie erreichten die Tür gerade, als Donald Sherman sie öffnete, und gingen mit hinein.

Während alles in die Bibliothek hineinströmte – auch Cathworne war mit dabei – zog Captain Mart Jones Donald Sherman am Ärmel.

„Wie, zum Teufel, kommen Sie Unglücksrabe ausgerechnet hierher?“

Donald lächelte verzerrt.

„Kommen Sie, Captain, gehen wir in das Arbeitszimmer.“

Im Arbeitszimmer Josuah T. Balduffs setzten sich die beiden in lederbezogene Sessel. Donalds Haltung war steif und gezwungen, als er begann.

Details

Seiten
157
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921571
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
falsche indizien
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Titel: Falsche Indizien