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Sun Koh Taschenbuch #16: Die goldene Kassette

©2018 150 Seiten

Zusammenfassung

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.
Eine goldene Kassette verschwindet aus einem Museum und taucht Tausende von Kilometern entfernt zwischen Ruinen von Mayabauten wieder auf. Sun Koh findet sie, aber über Nacht wird sie von mehreren Leuten als Eigentum beansprucht und zugleich als gestohlen gemeldet. Auf der düsteren Insel des Unheils wird es unheimlich, doch die Katastrophe wird erst eintreten, wenn die Kassette geöffnet wird. Einer weiß es, aber dieser eine schweigt. Er kommt erst ins Reden, als er erfährt, dass die Katastrophe sein eigenes Fleisch und Blut treffen muss. Sun Koh greift ein, aber Gier und Hass sorgen gemeinsam dafür, dass die Kassette geöffnet wird, die in Wirklichkeit eine Höllenmaschine ist.

Leseprobe

Table of Contents

Die goldene Kassette

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Die goldene Kassette

Sun Koh Taschenbuch #16

Phantastisches Abenteuer

von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.

Eine goldene Kassette verschwindet aus einem Museum und taucht Tausende von Kilometern entfernt zwischen Ruinen von Mayabauten wieder auf. Sun Koh findet sie, aber über Nacht wird sie von mehreren Leuten als Eigentum beansprucht und zugleich als gestohlen gemeldet. Auf der düsteren Insel des Unheils wird es unheimlich, doch die Katastrophe wird erst eintreten, wenn die Kassette geöffnet wird. Einer weiß es, aber dieser eine schweigt. Er kommt erst ins Reden, als er erfährt, dass die Katastrophe sein eigenes Fleisch und Blut treffen muss. Sun Koh greift ein, aber Gier und Hass sorgen gemeinsam dafür, dass die Kassette geöffnet wird, die in Wirklichkeit eine Höllenmaschine ist. 

 

 

Die phantastische Abenteuer-Serie SUN KOH von Freder van Holk erschien zum ersten Mal in den 1930er Jahren und wurde nach dem zweiten Weltkrieg in jeweils unterschiedlich bearbeiteten Heft- und Buchausgaben neu herausgebracht – zuletzt in einer Taschenbuchausgabe Ende der 1970er Jahre.

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Hauptpersonen Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

 

1.

Detektiv-Inspektor Louis Marron vom Polizeipräsidium Kansas City blickte sich neugierig um, während er dem Direktor des Museums of Art durch den oberen Ausstellungsraum des Pavillons folgte. Er war noch nie in seinem Leben in einem Museum gewesen, und er hatte sich ein Museum wesentlich anders vorgestellt. Diese Burschen schienen es hier nicht schlecht zu haben. Die Decke war ein einziges Oberlicht und ließ die ganze Helligkeit des Tages herein. Die Heizung summte noch und ließ nichts davon ahnen, daß draußen ein rauher Wind durch die Straßen blies.

Kuriose Sachen, die da herumstanden und herumlagen. Alte Steine mit mehr oder weniger Bildhauerarbeiten, die ein vernünftiger Mensch nicht einmal mehr in die Kellermauern einbauen würde. Fotografien von irgendwelchen Tempeln in irgendwelchen fremden Ländern. Ausgestopfte Figuren mit Gesichtern wie aus dem Verbrecheralbum. Noch mehr Steine.

Detektiv-Inspektor Louis Marron, ein kräftiger Mann um die Vierzig mit einem strengen, energischen Gesicht, wunderte sich. Soweit er unterrichtet worden war, sollte das eine Sonderausstellung »Altamerikanische Kunst« sein, aber er sah nichts von Kolumbus, Pizarro oder anderen alten »Amerikanern« und ihren Künsten. Er hatte gedacht, er würde Bilder oder Bildhauereien von diesen Leuten zu sehen bekommen. Der alte Churchill in England malte auch. Warum sollte Kolumbus nicht auch nebenbei Bilder fabriziert haben? Zeit hatte er ja genug gehabt, wenn er so lange gebraucht hatte, um von Europa nach Amerika zu gelangen. Überhaupt – wozu der Lärm um diese Burschen von damals? Heute brauchte eine Düsenmaschine ein paar Stunden, und der Flugkapitän bekam höchstens einen Rüffel, wenn er die Maschine drei Minuten zu spät aufsetzte. Komisches Volk, diese Menschen!

Der kleine, dicke Mann mit dem weichen Gesicht und der grauen Mähne, der vor ihm herlief, hielt plötzlich an und wies mit einer dramatischen Geste auf einen leeren Schaukasten unter dem hohen Fenster.

»Da, Inspektor! Weg! Spurlos verschwunden!«

»Aha!«

Inspektor Marron sah sich den uniformierten Wächter an, der neben dem Schaukasten stand und nicht genau wußte, ob er sich wichtig fühlen sollte. Dann trat er noch einen Schritt weiter an den Kasten heran. Er entdeckte einen Textstreifen, aber sonst blieb es ein leerer, pultförmiger Schaukasten mit Glasplatte, den man mit blauem Samt ausgeschlagen hatte. Vorn befand sich ein einfaches Schloß, das ein Anfänger mit einer Haarnadel öffnen konnte.

Inspektor Marron blickte zu dem Wächter auf.

»Sie haben den Verlust entdeckt?«

»Jawohl, Inspektor.«

»Etwas aufgefallen?«

»Nichts, Inspektor.«

»Nichts verändert?«

»Bestimmt nicht, Inspektor.«

»Idealer Fall.« Marron grinste. »Gehen Sie frühstücken. Wenn jemand kommt, der behauptet, Sergeant Lester zu sein, schicken Sie ihn herauf.«

Der Wächter ging, nachdem er sich stumm von seinem Direktor die Erlaubnis geholt hatte. Marron ging um den Schaukasten herum, dann drehte er sich gegen die Wand und sah sich von hier aus im Raum um. Er blieb dabei, während er beiläufig sagte: »Also schießen Sie los, Direktor. Was ist mit diesem verschwundenen Blechkasten?«

Cyril Laderman zuckte zusammen.

»Blechkasten? Ich muß schon sagen – hm, vermutlich ein Mißverständnis am Telefon. Es handelt sich um eine Kassette aus getriebenem Gold, fünfundzwanzig Zentimeter lang, zehn hoch und fünfzehn breit, eine wundervolle Goldschmiedearbeit von unerhörtem Wert, ein einmaliges…«

»Wieviel?«

»Wieviel? Was meinen Sie damit?«

»Wieviel ist sie wert?«

»Ah, ich verstehe. Also das läßt sich überhaupt nicht sagen, Inspektor. Die Kassette ist einfach unbezahlbar, ein einmaliges Kleinod, dessen Sammlerwert sich nicht einmal schätzen läßt.«

»Sie brauchen sich nicht zu erhitzen, Direktor«, sagte Marron beschwichtigend, ohne seinen Gesprächspartner auch nur eines Blickes zu würdigen. »Gold läßt sich wiegen, nicht wahr, und der Goldpreis steht in der Zeitung. Auf diese Weise läßt sich ziemlich genau feststellen, was so eine Kassette wert ist.«

Direktor Laderman trat einen Schritt zurück und starrte den Inspektor ungläubig an. Das nützte ihm freilich nichts, denn Marron nahm keine Kenntnis davon.

»Das – das ist ja ungeheuerlich!« stotterte er nach einer Pause. »Ich ahnte nicht, daß ein Mensch…«

Marron warf einen flüchtigen Blick zu ihm hin.

»Was ist denn, Direktor?«

Cyril Laderman schluckte und begrub damit seinen Glauben an die Menschheit, den er sich bis dahin mühsam bewahrt hatte.

»Nichts«, seufzte er. »Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß der Wert von Kunstgegenständen nicht auf diese Weise ermittelt wird. Diese Kassette würde jedenfalls bei einem Preis zwischen fünfzig- bis hunderttausend Dollar mindestens ein Dutzend Käufer finden.«

»Na also. Das ist das, was ich wissen muß. Wer hat sie gemacht?«

»Sie meinen – hm, der Schöpfer ist natürlich unbekannt. Es handelt sich um eine späte Maya-Arbeit, die aus dem fünften Jahrhundert nach Christus stammen könnte. Die Datierung ist allerdings ziemlich unsicher.«

»Spanisch, nicht?«

»Wieso spanisch?«

»Na, wenn sie aus dem fünften Jahrhundert stammt? Wer hat sie herüber gebracht? Kolumbus und seine Jungens?«

Cyril Laderman stützte sich vorsichtshalber auf die Vitrine in seinem Rücken. Er warf noch allerhand Erde auf den schon begrabenen Glauben an die Menschheit.

»Ich fürchte, Sie sind über gewisse Dinge nicht ausreichend informiert, Inspektor«, sagte er sauer. »Die Maya waren ein hochentwickeltes Kulturvolk, das schon lange vor Kolumbus in Mittelamerika existierte. Von diesen Mayas stammt die verschwundene Kassette. Die amerikanische Kultur begann nicht erst mit Kolumbus, sondern reicht Jahrtausende zurück. Während in Europa noch steinzeitliche Verhältnisse herrschten, gab es hier schon mächtige Reiche, zum Teil von einer Kulturhöhe, die wir heute noch nicht wieder erreichten.«

»Na na, nur nicht übertreiben«, sagte Marron nüchtern. »Mir können Sie nicht erzählen, daß diese Indianer oder was weiß ich schon Radios oder elektrische Rasierapparate gehabt haben.«

»Ich sprach von Kultur.« Laderman seufzte benommen.

»Eben«, meinte der Inspektor unbeeindruckt, während er seine Augen wieder wandern ließ. »Sie machen es verdammt spannend, Direktor. Bis jetzt haben wir nur eine Kassette, für die manche Leute einen Haufen Geld zahlen würden, Maya-Fabrikat. Was war drin?«

»Nichts. Sie war nur mit einem Gewebe von Goldfäden ausgeschlagen.«

»Eigentum des Museums?«

»Leider nicht. Es handelt sich um eine Leihgabe, die uns für diese Sonderausstellung zur Verfügung gestellt wurde. Die Kassette gehört Daniel Boyd.«

Marron kam schnell mit dem Kopf herum und spitzte den Mund zu einem Pfiff.

»Kaugummi-Boyd?«

»Ja.«

»Der Schwiegervater des Oberbürgermeisters?«

»Ja.«

»Hm, solche Sachen sollten Sie lieber immer gleich sagen. Wenn das so ist…«

Cyril Laderman stützte sich vorsichtshalber mit beiden Händen.

»Ja, wenn das so ist, werden Sie sich wohl hineinknien müssen, Inspektor. Oder haben Sie Lust, Mr. Boyd zu erzählen, daß es sich nicht lohnt, nach seinem Blechkasten zu fahnden?«

»Na, nun werden Sie bloß nicht gleich bösartig«, wehrte Marron ab. »Wir haben unseren Kummer auch so. Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, was los ist, wenn sich der alte Boyd aufregt, und die Aufregung kommt über den Ober, den Polizeipräsidenten, den Super und den Chef Inspektor zu mir. Hätten Sie sich nicht einen anderen Kasten mausen lassen können?«

»Ich werde das nächstens den Dieben vorschlagen«, höhnte der Direktor. »Sie können sich ja dann mit Ihnen in Verbindung setzen, was Ihnen am besten paßt…«

»Erzählen Sie mir lieber von Ihren Sicherheitsmaßnahmen«, knurrte Marron. »Sie scheinen zu vergessen, daß Sie sich die Kassette haben stehlen lassen, nicht ich.«

»Der gesamte Gebäudekomplex wird bei Nacht durch jeweils zwei Wächter bewacht, die ununterbrochen patrouillieren und nach einem bestimmten System ihre Uhren stechen. Sie haben keine Meldungen erstattet. Außerdem waren sämtliche Türen und Fenster ordnungsgemäß geschlossen.«

»Auch in den Hauptgebäuden?«

»Ich denke doch. Aber die Kassette wurde hier aus dem Pavillon gestohlen, und…«

»Lassen Sie dann einmal genau nachprüfen. Irgendwo wird ein Fenster im Erdgeschoß oder im Keller nur angelehnt sein, vermutlich in dem Seitentrakt, der an den Park grenzt. Ich sehe schwarz für Mr. Boyd.«

»Wieso?« fragte Cyril Laderman gereizt. »Ich darf Sie wohl bitten, sich deutlicher auszudrücken. Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte?«

Marron zuckte mit den Schultern und wandte sich an Sergeant Lester, der mit einem Koffer in der Hand eben zwischen den Ausstellungsobjekten auftauchte.

»Morgen, Sergeant. Tut mir leid, daß ich Sie so früh aus dem Bett holen lassen mußte. Das ist Direktor Laderman. Sie sollten sich von ihm mal was erzählen lassen. Ich glaube, es lohnt sich. Im Augenblick handelt es sich um eine goldene Kassette, die aus diesem Schaukasten verschwunden ist. Außen wird es von Fingerabdrücken der Besucher wimmeln, aber vielleicht finden Sie innen an den Rahmen etwas Passendes. Vor allem nehmen Sie dort die Luke im Oberlicht unter die Lupe. Wahrscheinlich hat er Handschuhe getragen, aber man kann nie wissen.«

»Den Vers kenne ich«, brummte der Sergeant. »Die Luke dort? Bin ich eine Zirkusprinzessin?«

»Sie würden sich im Präsidium mächtig beliebt machen, wenn Sie es wären«, sagte Marron grinsend. »Ich könnte Ihnen ja mal versuchsweise ein Ballettröckchen spendieren. Im übrigen machen Sie das mit dem Direktor ab. Irgendwo wird schon eine Leiter sein. Und sehen Sie sich die Fenster vom Hauptgebäude mit an. Sehen Sie sich das an, Direktor, hier oben auf dem Glas und unten auf dem Fußboden. Schmutz, Rost und trockene Farbplättchen. Ein ganzer Streifen. Sehen Sie es?«

»Nein«, bekannte Laderman zögernd.

»Sehen Sie wenigstens hier über uns den eisernen Rahmen mit der Öffnungsklappe?«

»Ja, natürlich, selbstverständlich.«

»Wenigstens etwas. Dort ist der Dreck heruntergekommen. Der Dieb auch. Irgendwo eingestiegen. Vielleicht hat er sich auch einschließen lassen. Vom Hauptgebäude durch ein Fenster aufs Glasdach, dann hier mit einem Seil herunter. Klarer Fall. Sieht nicht nach Profi-Arbeit aus. Liebhaber-Tour! Ein Berufsverbrecher hätte sich nicht soviel Mühe gemacht. Er hätte die beiden Wächter stillgelegt und wäre durch die Tür gegangen. Noch etwas?«

»Sie meinen, daß der Dieb tatsächlich… Freilich, möglich wäre es schon. Aber wie wollen Sie dann den Dieb und die Kassette finden?«

»Durch Beten, Direktor«, brummte Marron. »Wenn Ihnen ein besseres Rezept einfällt, rufen Sie mich schleunigst an. Wiedersehen!«

»Wiedersehen«, hauchte Cyril Laderman angeschlagen und blickte dem entschwindenden Inspektor nach. Diese Polizisten besaßen doch robuste Naturen. Sie litten vermutlich nicht einmal an Minderwertigkeitsgefühlen, weil sie nichts von Cezanne, van Gogh oder einem namenlosen Goldschmied der Maya aus dem 5. Jahrhundert wußten. Die Welt war doch wirklich seltsam.

 

*

 

Zwölf Stunden später blies der Wind noch rauher durch die nächtlichen Straßen von Kansas City.

William Noelly ging dicht an den dunklen, schmierigen Mietshäusern entlang, die zum Fluß hinunterführten. Sie stanken durch die Wände hindurch nach Armut und Schmutz, aber er scheute die hellen Lampen, die über der Straßenmitte schaukelten. Von seinem Gesicht war zwischen dem vorgezogenen Hut und dem hochgeschlagenen Mantelkragen nicht viel zu sehen. In der linken Hand trug er eine abgenutzte Aktentasche.

Niemand beachtete ihn. An diesem Abend gab es genug harmlose Leute, die sich an der Wand entlang drückten, um dem Wind zu entgehen.

Als der Fluß auftauchte, auf dem die verschmierten, farbigen Lichter von Frachtkähnen und Dampfern schwankten, bog William Noelly in eine Gasse ab, die wie ein schmaler Riß hinter einer Häuserzeile entlanglief. Sie erweiterte sich zu einem betonierten Hof, in dem der Wind kleine Tromben von Staub und Asche herumquirlte, verengte sich wieder und wurde zu einer schmalen, trübseligen Straße, in der es sogar einige Geschäfte gab.

William Noelly bog in einen Torweg ein, ging seitlich drei Stufen hinauf, folgte einem kurzen Gang und blieb in der schwarzen, feuchtriechenden Finsternis stehen. Er zog eine kleine Taschenlampe aus der Tasche und schaltete sie an. Der schmale Lichtstrahl fiel auf eine Tür, in der das gläserne Auge eines Spions saß.

William Noelly schaltete die Taschenlampe wieder ab und klopfte in einer bestimmten Folge gegen die Tür. Er hörte nichts. Erst nach Wiederholung des Klopfzeichens drangen Geräusche durch die Tür hindurch. Dann wurde es plötzlich hell. William Noelly schob den Hut zurück und schlug den Kragen herunter. Er dachte flüchtig, daß es offenbar eine sichere Methode gab, vorsichtige Leute umzubringen. Man brauchte nur im richtigen Augenblick in einen solchen Spion hineinzuschießen.

Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Die Tür wurde geöffnet. Das Licht über der Tür verlosch.

»Komm herein, Bill«, sagte eine müde, heisere Stimme.

William Noelly ging über die Schwelle. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sah er sich in einem kleinen Raum, in dem sich ein ungemachtes Bett, ein Ofen und der Arbeitstisch eines Uhrmachers befanden, dazu ein Schemel und ein Stuhl, ein Vorhang, der ein Regal halb verdeckte, und eine Menge Kleinkram, der sich im ersten Augenblick nicht erfassen ließ. Der Raum war schlecht beleuchtet, unordentlich und schmutzig. Er stank, doch ließ sich nicht sagen, wonach er stank.

Auf dem Arbeitstisch befanden sich in einem kleinen Lichtfeld, das von einer Speziallampe kam, einige alte Wecker, Uhrenteile, eine Lupe, Pinzetten und verschiedene unbekannte Geräte, alles auffallend sauber, als gehörte es zu einer anderen Person.

»Nimm den Stuhl«, sagte Ab Shepley kraftlos, während er zum Tisch ging und sich auf den Schemel setzte. »Du wirst ja wohl kaum damit gerechnet haben, mich in einem Appartement mit allem Komfort zu finden. Ich freue mich trotzdem, daß du mich einmal besuchst. Wann haben sie dich herausgelassen?«

Ab Shepley war ungefähr fünfzig Jahre alt, aber er sah aus wie siebzig. Und er sah aus wie ein Mann, der nicht mehr mit dem nächsten Frühjahr rechnet. Das Zuchthaus hatte ihn fertiggemacht. Er war klein, schmierig und häßlich, ein Mensch, um den sich niemand kümmerte und der sich um niemand kümmerte. Seine kleinen, engstehenden Augen lagen hinter entzündeten Lidern, die Nase war dick, bläulich und voller Mitesser, der Mund mit den wenigen Zahnstummeln wirkte greisenhaft, und das seit langem ungeschnittene, graue Haar staute sich an dem schmierigen Kragen. Es war keine Freude, Ab Shepley anzusehen.

»Du brauchst mich nicht so anzustarren«, fuhr Ab Shepley fort, ohne eine Antwort abzuwarten. »Was hattest du gedacht? Ich muß froh sein, daß ich dieses Loch gefunden habe und daß mir mal jemand seinen Wecker zur Reparatur bringt. Für die feineren Sachen reicht es nicht mehr. Wie geht es dir?«

William Noelly schob den Stuhl näher an den Tisch heran und setzte sich mit einiger Vorsicht. Er sprach leise und farblos.

»Ich habe einen Auftrag für dich, Ab. Er bringt dir Geld ein, mit dem du eine Weile wirtschaften kannst.«

Shepleys Gesicht zog sich vor Mißtrauen zusammen.

»Was für einen Auftrag?«

William Noelly nahm die Aktenmappe auf die Knie, öffnete sie und zog eine Kassette heraus, deren Wände und Deckel mit Gold verkleidet waren und fremdartige, aber meisterhafte Reliefs aufwiesen. Er schob sie auf den Tisch in den Lichtkreis der Stichlampe.

»Sieh dir das an. Ab. Eine alte Arbeit von ziemlichem Sammlerwert. Ich habe sie letzte Nacht aus dem Museum geholt. Ich brauche darin eine Sprengladung, die unter allen Umständen den Mann zerreißt, der die Kassette öffnet. Er soll aber noch Zeit haben, um das Bild zu sehen, das ich hineingelegt habe. Der Deckel soll zugelötet werden, damit kein Unbefugter betroffen wird. Baue einen Geheimverschluß ein, der sich bei einiger Mühe finden läßt. Der Mann, den es angeht, versteht sich auf so etwas und wird ihn zu finden wissen. Wichtig ist, daß die Sprengladung stark genug bemessen wird.«

»Nein!« sagte Ab Shepley und schob die Kassette zurück.

»Nein? Was heißt das?«

»Ich werde das nicht tun, Bill. Such dir einen anderen. Bei mir ist das vorbei.«

»Hast du Gewissensbisse?« wunderte sich William Noelley. »Die sind fehl am Platz. Der Mann, den es treffen soll, ist der niederträchtigste Mensch, der auf der Erde lebt. Er hat den Tod verdient. Du kannst dich auf mein Wort verlassen, und du weißt, daß ich sonst nicht gerade blutdurstig bin.«

Ab Shepley schüttelte stumm den Kopf.

»Was ist los, Ab?« fragte William Noelly ungeduldiger. »Du hast die größere Hälfte deines Lebens im Zuchthaus verbracht, weil du nicht von solchen Dingen lassen konntest. An deinen Bomben und Sprengkörpern sind Dutzende von Menschen gestorben. Du hast es immer gewußt, aber deine Leidenschaft für solche Basteleien waren immer größer. Was ist auf einmal mit dir?«

»Ich bin erlöst«, murmelte Ab Shepley und zog ein buntes Traktätchen aus seiner Jackentasche. »Hier die Engel Jehovas, sie haben mit mir gebetet, und sie beten für mich.«

»Du Narr!« sagte Noelly verächtlich. »Hast du dich auch noch von diesem Unsinn einfangen lassen?«

»Du versündigst dich!« fuhr ihm Ab Shepley angstvoll dazwischen. »Sag nicht solche Dinge. Ich will das nicht hören. Ich werde für dich beten.«

»Du?« höhnte sein Besucher kalt. »Nein, du wirst nicht für mich beten, sondern für mich arbeiten. Du hast verstanden, was ich brauche. Was kostet das?«

Ab Shepley schüttelte wieder den Kopf.

»Nein, Bill.«

»Wieviel?«

»Ich habe versprochen, nie wieder…«

»Erzähle mir das nicht erst. Ich zahle dir tausend Dollar.«

Ab Shepley fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Tausend Dollar! Du gibst viel Geld aus, um jemand umzubringen.«

»Er hat mich um mein ganzes Leben gebracht. Aber kümmere dich nicht darum. Ich brauche nur deine Arbeit, nicht dein Mitgefühl. Sind wir uns einig?«

»Tausend Dollar«, flüsterte Ab Shepley vor sich hin. »Da könnte ich fünfhundert für die Gemeinschaft spenden. Man weiß nie, wie man es richtig macht. Und fragen kann ich ja niemand. Aber ich glaube, es ist verboten. Ich darf nicht, Bill. Das verstehst du doch, nicht?«

»Geschwätz!« zensierte William hart. »Dummes, seniles Geschwätz, Ab. Ich will dir sagen, was los ist. Du schaffst es nicht mehr – das ist los. Du bist alt und fertig. Deine Hände zittern, und dein Kopf ist nicht mehr klar. Du bist nicht mehr in der Lage, einen Geheimverschluß und eine Zündung zu konstruieren. Erledigt – das ist los.«

Ab Shepley straffte sich.

»Das darfst du nicht sagen. Du hast keinen Grund dazu. Meine Hände sind genauso ruhig wie früher, wenn ich arbeite, und vergessen habe ich noch nichts. Was du brauchst, schaffe ich immer noch aus dem Handgelenk. Öffnungszündung! Pah, Lehrlingsarbeit!«

»Angeber!«

»Ich werde es dir beweisen«, erregte sich Ab Shepley giftiger. »Was ich gekonnt habe, kann ich immer noch. Nachsagen lasse ich mir nichts und von dir erst recht nicht. Du hast im Bau allerhand für mich getan. Denke ja nicht, daß ich das vergessen habe. Aber um meinen Ruf darfst du mich nicht bringen. Ich werde es dir beweisen.«

»Siehst du!« Sein Besucher nickte und legte einige Scheine auf den Tisch. »Die Anzahlung, Ab. Wann bist du fertig?«

»Eine Woche wird’s dauern.«

»Gut. Die Kassette ist heiß. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß du den Mund halten mußt?«

»Das brauchst du mir wirklich nicht zu sagen«, erwiderte Ab Shepley mit einiger Verachtung und Überlegenheit. »Du nicht! Du bist ein Außenseiter, auch wenn du zwanzig Jahre gesessen hast. Ich bin hier groß geworden. Und wenn es um meine Arbeit geht, gibt es keine faulen Sachen. Komm in einer Woche wieder.«

»In Ordnung«, murmelte William Noelly, stand auf und schlug den Kragen wieder hoch. »Der Empfänger ist ein Sammler. Er darf nichts entdecken, was nicht echt wirkt. Denk daran.«

Ab Shepley zuckte mit den Schultern und schlurfte zur Tür, um sie zu öffnen.

 

*

 

»Fission«, brummte Nimba.

»Fusion!« beharrte Hal Mervin.

»Fission.«

»Fusion.«

»Konfusion«, sagte der dritte Mann.

Sie saßen auf einer Bank über Genf. Vor ihnen stand an der Bordkante der Wagen, für den Nimba verantwortlich war. Seitlich leuchtete hinter der Einfahrt der Palast des Völkerbundes durch die Bäume hindurch. Die Luft war frisch, aber nicht kalt. Die Sonne schien mild durch einen dünnen Dunstschleier hindurch.

Nimba und Hal warteten auf Sun Koh und Wolf Biedermann, den führenden Atomphysiker der Sonnenstadt. Sie befanden sich seit Stunden im Völkerbundsgebäude, um sich Vorträge anzuhören.

Den dritten Mann, der sich vor einiger Zeit zu ihnen gesetzt hatte, kannten sie beide nicht. Er war jung, wahrscheinlich noch keine dreißig, trug einen noch nicht ausgewachsenen Vollbart zu lange nicht geschnittenem Haar und sah ungefähr wie ein Hippie aus. Er konnte auch Maler sein und aus Schwabing oder vom Montmartre kommen. Er trug einen Rollpullover, eine fast durchgewetzte gelbe Cordhose und Sandalen. Neben ihm lag ein alter, vollgestopfter Rucksack mit einer übergeschnallten Wolldecke sowie ein Brotbeutel. Das schien aber auch seine gesamte Habe zu sein. Zu erwähnen war allenfalls noch eine Wochenzeitung, die reichlich verbraucht aussah, aber von ihm mit großer Aufmerksamkeit studiert wurde.

»Jedem das Seine«, parierte Hal den Einwurf. »Konfus ist immer noch besser als Plattfuß, Wandersmann…«

»Au weh!«

»… und fällt auch viel weniger auf. Im übrigen soll es schon einmal Leute gegeben haben, die sich nicht in ein sachverständiges Gespräch einmischten.«

»Das war einmal.« Der Fremde grinste unbeeindruckt. »Heutzutage liest fast jeder eine Zeitung.«

Hal drückte sich ein Stück herum und blickte ihn aufmerksam an. Bis jetzt hatte er nur aus dem Augenwinkel heraus Notiz genommen.

»Machen Sie sich bloß nicht interessant«, sagte er. »Das ist gefährlich. Lassen Sie sich von dem schwarzen Riesenwuchs an meiner Seite etwas erzählen. Nimba hat einen geistigen Horizont wie eine Waschschüssel, aber – au!«

»Was ist denn?« fragte Nimba unschuldig. »Kommen bei dir schon die ersten Barthaare durch?«

»Biest!« fauchte Hal und rutschte ein Stück von Nimba weg.

»Freundschaft! Freundschaft!« mahnte der Fremde belustigt.

»Das hat meine Großmutter auch schon immer gesagt«, murrte Hal. »Unbekannte Mayastadt vor Kuba entdeckt? Wieso? Darf ich mal sehen?«

Er hatte zufällig einen Blick auf die Zeitung geworfen, die auf den Knien des Fremden lag, und eine Schlagzeile gelesen.

»Sie ist schon ein paar Wochen alt«, sagte der Fremde, während er Hal die Zeitung gab.

»Tut nichts.« Hal winkte geistesabwesend ab, da er schon den Artikel überflog. »Diese alten Ruinen verändern sich nicht so schnell. Tatsächlich vor Kuba? Na na? Sollte mich wundern, wenn die Mayas ins Meer gebaut hätten. Immerhin, das wird Sun Koh interessieren. Was meinst du, Nimba? Schade, daß du nicht lesen kannst, denn dann – au, verdammt noch mal, du hast wohl heute den Veitstanz? Darf ich mir das herausschneiden, Herr Nachbar, oder brauchen Sie das Blatt noch?«

»Von mir aus kannst du das ganze Blatt nehmen«, sagte der Fremde schulterzuckend. »Ich finde schon eine andere Zeitung zum Zudecken. Interessiert ihr euch wirklich für Maya-Ruinen?«

»Nur bei Ostwind«, erwiderte Hal, dem die ernsthafte Neugier im Gesicht des Fremden plötzlich nicht gefiel. »Allenfalls noch bei Südost. Decken Sie sich immer nur mit einer Zeitung zu?«

»Manchmal auch mit zwei«, antwortete der andere ernst. »Wie war das eigentlich mit der Fission und Fusion?«

»Hm, eine Charakterfrage. Nimba macht gern alles kaputt. Deshalb hält er es mit der Fission, mit der Kernspaltung, während mir die Fusion lieber ist, also der Kernaufbau. Falls das Fremdworte für Sie sind – es hat mit dem Zeug zu tun, über das dort drin geredet wird. Kernphysik und solche Sachen, die nicht einmal ich richtig verstehe.«

»Bescheidenheit ist eine Zier.«

»Na, werden Sie bloß nicht gleich anzüglich. Fragen Sie Nimba. Er versteht auch nichts davon, aber er kann Ihnen erzählen, daß ich mit meinen Kenntnissen jederzeit das Rennen um einen Nobelpreis machen könnte. Ich will mich ja nicht rühmen, aber ich könnte Ihnen jederzeit die Struktur eines Mesons oder eines Protons hinmalen oder Ihnen verraten, um was es sich bei der Kernbindung handelt, oder…«

Nimba räusperte sich mit Nachdruck. Hal brach ab und wedelte mit der Hand in der Luft herum.

»Da haben Sie es. Nicht einmal reden lassen sie mich. Tag und Nacht habe ich diesen Wilden um mich herum, damit ich kein Wort zuviel sage. Das ist eine Geheimniskrämerei, an der alles dran ist. Wenn ich dort drin einen Vortrag halten würde, könnten sich die Wasserstoff- und Neutronenbrüder für die nächsten hundert Jahre zur Ruhe setzen. So ist das, mein lieber Freund und Kupferstecher.«

»Ja, wenn das so ist…«, murmelte der Fremde beeindruckt. »Wie war das mit der Kernbindung? Womit werden die Kerne festgebunden?«

Hal kniff die Lider zusammen. Trotzdem sah er sich jetzt den Mann an seiner Seite noch einmal genau an.

»Na na, das sind ja schließlich keine Kirschkerne, nicht? Wie war’s denn, wenn Sie jetzt mal einen Vortrag über sich halten würden? So blöde, wie Sie fragen, ist doch heutzutage kein Mitteleuropäer mehr. Sie können mir nicht im Ernst erzählen, daß Sie noch nichts von Kernbindungen gehört haben.«

»Gehört schon, aber…«

»Na ja, jedem ist es nicht gegeben. Also passen Sie auf. Kernbindung ist…«

Er brach ab, weil sich Nimba sehr heftig räusperte.

»Also bitte – er läßt mich nicht reden. Sie werden wohl oder übel eine Fachzeitschrift lesen müssen.«

»Habe ich getan«, seufzte der Fremde. »So richtig klug bin ich trotzdem nicht daraus geworfen. Auf der einen Seite schrieben sie so, als ob sie sich im Atom wie in ihrer guten Stube auskennen, und auf der nächsten schrieben sie, als ob die Bestandteile überhaupt nicht bekannt wären und niemand weiß, wie so ein Atom funktioniert und reagiert. Akausalität nennen sie das. Diese Dingsda – Elementarteilchen heißt es wohl – sollen jeden Augenblick anders aussehen oder überhaupt keine richtige Gestalt haben und sich dauernd anders benehmen.«

Hal schüttelte nachsichtig den Kopf.

»Na ja, wenn Sie auf den Quatsch noch hereinfallen… Akausalität, Unbestimmtheitsrelation und solche Sachen, nicht? Mann, kratzen Sie das bißchen Intelligenz zusammen. Wenn die Atome und diese Dingsda-Elementarteilchen nicht beständig bleiben würden, was sie sind, sondern sich dauernd verändern würden, wäre doch die ganze Welt um uns herum weiter nichts als ein einziger brodelnder Urschlamm. Das wäre ein Ding, wenn Sie bald als Mann und bald als Frau auf der Bank sitzen würden, und zwischendurch vielleicht als Maikäfer, he? Also ein bißchen blöd ist ja ganz schön…«

Nimba sprang auf.

»Sun Koh.«

»Also denken Sie sich den Rest selbst aus«, murmelte Hal und stand ebenfalls auf. »Vielen Dank für das Zeitungsblatt.«

Er ging Sun Koh und Wolf Biedermann entgegen, während sich Nimba zum Wagen wandte. Dreißig Meter vor der Bank fing er sie ab.

»Überstanden, Sir? Sagen Sie nichts, Mr. Biedermann. Ihnen ist schlecht geworden. Ich sehe es an Ihrer Nasenspitze. Geschieht Ihnen recht. Lassen Sie sich nicht mit solchen Leuten ein. Hier habe ich etwas für Sie, Sir. Mayastadt vor Kuba… Wenn das bloß nicht jemand mit den Mexikanern verwechselt hat.«

Sun Koh warf einen prüfenden Blick in Hals Gesicht, während er das Zeitungsblatt nahm.

»Du scheinst dich angeregt unterhalten zu haben.«

»Und ob. Eine komische Nudel, vielleicht einer von diesen wildgewordenen Gammelbrüdern, aber trocken wie die Sahara.«

»Entschuldigung«, murmelte Wolf Biedermann und ging hastig auf die Bank zu.

»Interessant!« sagte Sun Koh, nachdem er den kurzen Bericht überflogen hatte. »Wir werden uns diese Ruinen einmal ansehen.«

Hal faßte nach seinem Arm, während er in Richtung Bank stierte. Dort war der Mann mit dem Bart auf gesprungen und schüttelte Biedermann die Hand, als wären sie alte Freunde.

»Kennt er ihn etwa?«

»Ist das dein wildgewordener Gammler?«

»Ja.«

»Wie kommst du auf Gammler?«

»Die Aufmachung, Sir. Und er hat bestimmt seine sämtlichen Besitztümer bei sich. Und von Atomphysik hat er eine Ahnung wie ein Schaukelpferd.«

»Vorsicht, Hal«, warnte Sun Koh, »Mr. Biedermann hofft, daß es einem seiner Freunde, einem gewissen Etzroth, gelingt, über die verschiedenen Grenzen zu kommen und ihn hier zu treffen. Er hält diesen Etzroth für den genialsten Kernphysiker, den es gibt, und das will bei unserem Mr. Biedermann, der selbst den anderen weit voraus ist, viel bedeuten.«

Hal winkte überlegen ab. »Auf diese Typen verstehe ich mich. Der hat noch nicht einmal begriffen, warum er nicht als Maikäfer herumfliegt.«

Sie gingen auf die Bank zu. Wolf Biedermann und sein Freund kamen ihnen die letzten Meter entgegen.

»Er hat es geschafft«, sagte Biedermann und stellte vor. »Walter Etzroth.«

»Etzroth?« schnappte Hal bestürzt.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte Sun Koh lächelnd, während er Etzroth die Hand drückte. »Sie sind mir willkommen. Ihr Labor wartet bereits auf Sie. Das ist Hal Mervin. Sie sehen ihm die Freude nicht an, aber er freut sich trotzdem.«

Hal holte tief Luft, dann schüttelte er Etzroth die Hand.

»Schöner Reinfall, nicht? Aber deswegen brauchen Sie nicht gleich so zu grinsen. Billiger Trick, mich mit diesem Zeitungsartikel abzulenken. Wie ich Sie kenne, haben Sie den doch für diesen Zweck aufgehoben.«

»Geraten«, stimmte Etzroth zu. »Genf ist groß, und ich wollte sehen, wer sich hier für Mayas interessiert. Wenn man so im Laufe der Jahre von Bank zu Bank zieht und den Leuten den Artikel unter die Nase hält…«

»Das genügt«, unterbrach Hal mit einem Seufzer. »Wir werden unseren Spaß aneinander haben, wenn Sie in der Sonnenstadt arbeiten. Aber deswegen brauchen Sie nicht zu weinen. Wir kriegen Sie schon noch hin. Ich habe noch ganz andere Genies als Sie mürbe gemacht. Sehen Sie sich nur Nimba an. Als ich ihn kennenlernte, bildete er sich ein, der beste Boxer der Welt zu sein. Jetzt ist er schon soweit, daß er sich nur noch für den zweitbesten hält.«

»Allerhand! Und wer ist der beste?«

»Ich«, sagte Hal bescheiden.

 

Detektiv-Inspektor Marron warf seinem Sergeanten einen unfreundlichen Blick zu und trommelte mit den Fingerspitzen einen Sturmangriff auf die Tischplatte. Nach einer Weile sagte er mürrisch: »Was fragen Sie überhaupt noch, he? Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, was los ist. Jetzt ist die Kassette seit zwei Wochen verschwunden, aber Sie werden mich notfalls ein halbes Jahr darauf sitzen lassen und dann finden, daß so etwas wie ich am besten bei der Verkehrspolizei untergebracht ist. Boyd spielt den wilden Mann und nimmt den Ober nach Strich und Faden auseinander, der Ober macht den Polizeipräsidenten zur Sau, der Präsident macht den Chef Inspektor madig, so daß er am liebsten freiwillig in die Mülltonne springt – und nun denken Sie sich mal aus, was der Chefinspektor mir erzählt hat Verdammt, grinsen Sie nicht noch, sonst erinnere ich mich daran, daß Sie mein Untergebener sind. Wenn ich meine Wut loslasse – was ist denn?«

Der Sergeant reichte ihm den Hörer. Marron nahm ihn und bellte seinen Namen hinein. Er lauschte und wurde darüber glatt wie Öl.

»Ja ja, selbstverständlich, Mr. Pomery, ich bin in zwanzig Minuten bei Ihnen. Ja, gewiß, ganz zivil. Nein, nein, keine Sorge. Und vielen Dank für den Anruf.«

»Mahlzeit«, sagte er wieder sauer. »Sie bleiben inzwischen hier und drücken die Daumen. Ein gewisser Nicholas Pomery. Ein Trödler, soviel ich verstanden habe. Man hat ihm ein Goldfadengewebe gebracht, das der Beschreibung in unserem Umlauf entspricht.«

»Soll ich nicht lieber…«

»Eben nicht. So unauffällig wie möglich. Findley Street. Üble Gegend. Mahlzeit.«

Zwanzig Minuten später warf er einen Blick auf die abgewetterte, häßliche Front eines mehrstöckigen Mietshauses und ging dann über ein halbes Dutzend Steinstufen in einen trüben Kellerladen hinein, in dessen kleinem Schaufenster Kleinkram aller Art ausgestellt war. Eine Glocke schellte kümmerlich. Sie lockte einen alten, trübseligen Mann aus dem Hintergrund. Er war vom Hals bis zu den Knöcheln in einen Morgenmantel eingehüllt und trug Hausschuhe. Trotzdem schien er zu frieren.

»Mr. Pomery?«

»Ja.«

»Inspektor Marron. Sie riefen mich an, weil…«

»Ich will aber keine Scherereien haben«, unterbrach der Trödler hastig. »Ich mache bloß legale Geschäfte, aber in dieser Gegend gibt es leicht Mißverständnisse. Wenn jemand erfährt, daß ich mich freiwillig mit der Polizei in Verbindung gesetzt habe…«

»Sie dürfen es eben nicht erzählen«, fiel Marron kurz ein. »Von uns wird nicht geschwatzt. Kann ich das Zeug sehen?«

Pomery zog es aus der Tasche seines Morgenmantels. Es sah aus wie ein Stück von einem losen gewebten, dünnen Stoff, aber die Fäden unter der Schmutzschicht bestanden aus Gold.

»Es sind tatsächlich Goldfäden«, murmelte der Trödler. »Sie ist glücklicherweise nicht auf den Gedanken gekommen. Sie hat es für Messing oder so etwas gehalten.«

»Wer?«

»Eine Mrs. Merrill. Sie wohnt 6 Rivers Lane. Im Erdgeschoß. Einer ihrer Untermieter ist – hm, gestorben, wie sie sagt, und er war ihr noch Miete schuldig. Da hat sie denn ein bißchen aufgeräumt, bevor die Armenverwaltung angekommen ist. Viel war es nicht. Eine Uhrmacherlupe und verschiedene Feinmechanik, wie sie ein Uhrmacher braucht. Sie hatte es in diesen Stoff eingewickelt.«

»Hm, ich verstehe. Ich werde der Sache nachgehen. Vielen Dank einstweilen.«

Der Trödler hielt ihn am Arm fest, als Marron das Gewebe in die Tasche steckte.

»Erst eine Quittung, Inspektor. Und in dem Umlauf war von tausend Dollar Belohnung die Rede. Wie steht es damit?«

»Die Quittung können Sie haben«, brummte Marron und zog sein Notizbuch aus der Tasche. »Von der Belohnung bekommen Sie Ihren Anteil, sobald feststeht, daß es das Gewebe aus der gesuchten Kassette ist. Nur keine Angst. Wir vom Präsidium bekommen ohnehin nichts davon, so daß wir nicht daran interessiert sind, jemand zu prellen. Möglicherweise bekommen Sie sogar alles, wenn wir auf diesem Weg die Kassette finden.«

»Schön wär’s«, seufzte der Trödler ohne große Hoffnung. »Aber Sie dürfen nichts davon erwähnen, daß Sie das Gewebe von mir haben.«

»Schon gut«, beruhigte Marron, gab dem Trödler die Quittung und ging.

Einige Minuten später nahm ihn der dunkle Flur von Rivers Lane Nummer 6 auf, und Inspektor Marron war froh darüber. In dieser Gegend besaßen schon die Säuglinge einen Instinkt dafür, wer hierher gehörte und wer nicht. Er konnte zur Not als Maschinist eines Flußdampfers oder so etwas durchgehen, aber er war nicht sicher, ob nicht dieser oder jener, besonders bei den herumlungernden Halbwüchsigen, stutzen und auf ihn aufmerksam machen würde.

Er sah eine Tür ohne Schild vor sich und eine Tür an seiner Seite, die ein Namensschild und sogar eine Drehglocke aufwies. Die Glocke schrillte dünn und bösartig. Dann rumpelte es hinter der Tür. Die Tür wurde geöffnet. Eine grauhaarige Schlampe in fleckiger Bluse und schmutzigem, rotem Unterrock erschien. Sie entsprach ungefähr den Erwartungen Marrons. Sie war dick, häßlich und ordinär.

»Na?« sagte sie herausfordernd, nachdem sie Marron gemustert hatte. »Noch etwas?«

»Mrs. Merrill, nicht wahr? Ich bin Inspektor Marron und möchte ein paar Fragen an Sie stellen.«

»Habe ich mir gedacht«, höhnte Mrs. Merrill. »Ihr Kerle von der Armut müßt wahrhaftig den ganzen Tag nichts zu tun haben. Kommen Sie rein.«

Marron trat über die Schwelle, kreuzte einen Flur und geriet in einen Raum, der als Wohnraum, Schlafraum und Küche diente und durchaus zu dieser Gegend wie zu der Frau paßte. Er blieb lieber an der Tür stehen. Die Frau machte es sich in einem alten, knirschenden Schaukelstuhl bequem.

»Nun?«

»Ihr Untermieter…« deutete Marron an und schwieg dann lieber. Es war kein Fehler, wenn sie ihn für einen Inspektor der Armenverwaltung hielt und nicht merkte, wie wenig er im Bilde war.

»Na, was denn? Immer noch Scherereien? Shepley ist tot und besaß nicht das Schwarze unter dem Nagel. Sie mußten ihn auf Kosten der Stadt einscharren und damit basta. Was noch? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich ihm auf meine Kosten einen Grabstein setzen lasse?«

Inspektor Marron stand unter Alarm, seitdem er den Namen gehört hatte. Shepley und hinterlassene Feinmechanik. Das sah nach Abraham Shepley aus. Ab Shepley war einmal wochenlang sein tägliches Brot gewesen – das gefährlichste Brot seiner Dienstzeit. Und es konnte leicht sein, daß selbst der Griff nach dem toten Shepley ein Griff ins Wespennest war.

»Regen wir uns nicht auf, Mrs. Merrill«, schlug er vor. »Ich brauche eine bestimmte Auskunft, die Ihnen nicht weh tut. Dafür vergesse ich eine Menge Zeug, das Ihnen wehtun könnte. Es ist ein Geschäft zu Ihren Gunsten.«

Die Frau musterte ihn mißtrauisch. Dann sagte sie grob: »Scheren Sie sich raus! Mit Ihnen mache ich keine Geschäfte.«

»Das wäre unklug«, warnte Marron freundschaftlich. »Ab Shepley wurde auf Kosten der Stadt begraben, aber es wäre nicht nötig gewesen. So arm war er denn doch nicht. Oder was meinen Sie?«

»Verdammt!« sagte Mrs. Merrill, drückte sich aus dem Schaukelstuhl heraus und kam auf Marron zu. »Kommen Sie mit.«

Er folgte ihr auf den Wohnungsflur, dann in den Hausflur und schließlich in den Raum, der hinter der anderen Tür lag.

»So, nun suchen Sie das Geld selbst«, schnauzte die Frau gereizt. »Hier hat er gewohnt. Und wenn Sie es gefunden haben, machen Sie die Tür wieder hinter sich zu und gehen Ihrer Wege. Mich lassen Sie gefälligst in Ruhe. Lassen Sie sich das Geld von dem zeigen, der es Ihnen erzählt hat. Meinetwegen können Sie ihm sogar die Geschichte anhängen. Wenn einer bei der Polizei herumschwatzt, hat er’s nicht anders verdient. Ich kann mir schon denken, was los ist. Aber die Sorte kriegt nie genug, und wahrscheinlich haben sie sich den Rest einfach auf die Weise geholt.«

»Mord?« warf Marron hin, während er langsam in der schmutzigen Höhle herumging.

»Aus mir holen Sie nichts heraus. Halten Sie sich an die, die es angeht. Mord? Was weiß ich denn? Aber was gehört schon dazu, um einen alten Kerl wie Ab umzubringen? Jedenfalls hat er vor ein paar Tagen noch tausend Dollar gehabt. Er hat sie mir sogar gezeigt. Und dann habe ich mir Blutblasen gesucht und doch nicht einen einzigen Schein gefunden. Da können Sie sich mal einen Vers darauf machen, wenn Ihnen schon einer das mit dem Geld gestochen hat.«

»Hm, nicht bloß das Geld, Mrs. Merrill«, erwiderte Marron, während er die Schublade unter der Tischplatte vorzog. »Ab muß auch einiges Werkzeug besessen haben, das allerhand Geld wert war. Er war gelernter Uhrmacher und nebenbei Spezialist für gewisse feinmechanische Arbeiten. Ich will das aber bloß nebenbei erwähnen. Ich bin der letzte, der jemand wegen Beraubung eines Toten für ein paar Jahre ins Gefängnis bringen möchte. Mich interessiert nur eine einzige Sache. Ab hatte in den letzten Tagen oder Wochen eine Kassette hier, die außen nach Gold aussah und künstlerische Arbeiten auf wies. Was ist aus der Kassette geworden?«

In der leeren Schublade lag ein noch ziemlich neu aussehender Zeitungsausschnitt.

Maya-Stadt vor Kuba entdeckt!

Marron las die Schlagzeile, nahm den Ausschnitt heraus und überflog den Artikel. Er sagte nicht viel mehr als die Überschrift.

Eine goldene Kassette, die von den Mayas stammte –eine unbekannte Ruinenstadt, die einst von den Mayas erbaut worden war. Hier bestand zweifellos ein Zusammenhang. Ab Shepley hatte sich etwas gedacht, als er den Artikel ausschnitt. Führte die Spur etwa nach Kuba?

Mrs. Merrill kam an den Tisch heran. Sie sprach plötzlich ungewöhnlich ruhig.

»Sie sind nicht von der Armut, nicht?«

»Nein. Kriminalpolizei.«

»Aha.«

Sie schwieg eine ganze Weile, dann nahm sie ihren Faden wieder auf.

»Ich will keinen Lärm, Inspektor. Ab war ein Lamm, aber er hatte gefährliche Bekanntschaften. Ich sage Ihnen lieber, was ich weiß, aber Sie müssen dann Ruhe geben.«

»Hm, wir können es ja versuchen. Was ist mit der Kassette?«

»Nie gesehen«, antwortete sie sofort. »Auch nicht etwas Ähnliches, das muß Ihnen doch klar sein, wenn Ab beruflich damit zu tun hatte. In seinem Beruf war er eigen. Wäre ja auch komisch, wenn man bei einem Sprengstoffanschlag nur die Wirtin des…«

»Schon gut.« Marron winkte ab und zog das Goldfadengewebe aus der Tasche. »Wo haben Sie das gefunden?«

»Dieser verfluchte Lump!« schimpfte Mrs. Merrill. »Wenn dieser dreckige Trödler…«

»Auch solche Leute geraten der Polizei gegenüber in eine Zwangslage«, unterbrach Marron mit Bedeutung. »Pomery hat Sie gedeckt, so lange es ging. Also?«

»In der Schublade«, gestand sie wieder ruhiger. »Ich habe das Werkzeug damit eingewickelt. Aber es war bloß wegen der Miete und…«

»Interessiert nicht. Also die Schublade. Hatte er tatsächlich tausend Dollar?«

»Bestimmt, Inspektor. Er hat sie mir gezeigt. Für einen Auftrag. Aber wenn das mit Ihrer Kassette zu tun hatte, dann war sie zu dieser Zeit schon nicht mehr hier. Ab nahm immer Anzahlung und den Rest nach getaner Arbeit.«

»Besucher?«

»Na ja, das könnte schon stimmen. Gesehen habe ich niemand, aber man hört, wer kommt. Vor vierzehn Tagen war einer da. Ab nannte ihn Bill. Er blieb ungefähr eine Viertelstunde, und am nächsten Tag war Ab viel unterwegs. Vor einer Woche war wieder einer da. Ab sagte: ,Ich bin fertig, Bill. Komm rein.’ Und am nächsten Tag zeigte er mir die tausend Dollar und bezahlte seine – na ja, also meinetwegen, er bezahlte die Miete und was so angelaufen war. Von anderen Besuchern habe ich nichts bemerkt.«

»Sie sind eine gescheite Frau, Mrs. Merrill«, lobte Marron bedächtig. »Und Sie werden merken, daß es sich manchmal lohnt, gescheit zu sein. Vielleicht erinnern Sie sich an irgendwelche Bemerkungen Abs, die mit seiner Arbeit, seinem Besucher oder der Kassette zu tun haben?«

Mrs. Merrill zuckte mit den Schultern.

»Schwer zu sagen, Inspektor. Ab schwatzte neuerdings sehr viel. Er war an eine Sekte geraten. Das vertrug er so wenig wie sein Geldbeutel. Komisch war er, manchmal vergnügt und manchmal moralisch. Irgend etwas mußte ihm an diesem letzten Geschäft Spaß gemacht haben. ,Er wird sich wundern’, sagte er einmal, und dann: ,Raffiniert gemacht, wenn es ein Sammler ist. Echte Ruinen – allerhand.’ Ich bin nicht klug daraus geworden, aber er wird sich schon etwas dabei gedacht haben.«

»Scheint so«, sagte Inspektor Marron. Er stellte noch eine Reihe von Fragen, die ihm nichts einbrachten, dann verabschiedete er sich.

Auf der Rückfahrt zum Präsidium vergaß er manches, was er hätte melden müssen, aber dafür kam er mit seinen Überlegungen auf eine gerade Straße.

Sie führte schnurstracks zu einer sumpfigen Insel vor der Küste von Kuba.

 

 

2.

Die Stadt Cienfuegos an der Westküste von Kuba, der Ausgangspunkt für den Besuch der Insel, machte den Eindruck einer wohlhabenden Stadt. Das Hotel Piños, zu dem man Sun Koh und seine beiden Begleiter wies, erfüllte alle Ansprüche, die man an eine moderne Fremdenherberge stellen konnte. Vor allem aber war der Geschäftsführer dieses Hotels ausgezeichnet über den Stand der Forschungen, die Möglichkeit eines Inselbesuchs und andere wichtige Dinge unterrichtet.

»Ah, Sie wollen auch zur Insel Coro hinaus?« sagte er, als ihm Sun Koh seine Wünsche andeutete.

»Coro heißt sie?« fragte Sun Koh zurück. »Ich hörte, die Insel sei sehr winzig und sogar namenlos.«

Der Geschäftsführer nickte.

»Gewiß, gewiß. Aber irgend jemand hat sie Coro genannt, und seitdem wird sie mit diesem Namen bezeichnet. Sie ist tatsächlich sehr winzig, nur wenige Quadratkilometer groß. Ach, ich hätte mir nie träumen lassen, daß die Insel so große Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Aber diese Ruinen…«

Sun Koh lächelte über die deutliche Mißachtung.

»Wie kommt es, daß man sie jetzt erst entdeckt hat?«

Der Geschäftsführer malte eine große Linie durch die Luft.

»Wenn einem dieser Herumlungerer, von denen unsere Gäste ständig belästigt werden, nicht das Boot in unmittelbarer Nähe der Insel auseinandergefallen wäre, würde man heute noch nichts über die Ruinen wissen. Wer kommt schon auf den verrückten Einfall, in die schlammige Wildnis einer solchen Insel einzudringen und sich dort allen möglichen Gefahren auszusetzen. Sehen Sie, der ganze Küstenstrich nordwestlich der Stadt ist ja nichts anderes als Sumpf und undurchdringlicher Urwald, von der Küste bis fünfzig Kilometer ins Land hinein. Wer wohnt also schon in der Nähe der Inseln? Niemand. Und diese kleinen Inseln, von denen es eine große Zahl gibt, sind ja nichts anderes als das Küstengebiet selbst. Das Meer hat Stücke von dem Land verschlungen und weggespült, so sind die Inseln entstanden. Wer sollte sich schon um sie kümmern?«

»Das ist mir verständlich. Bewohner hat die Insel Coro also nicht?«

»Nicht einen einzigen, ebenso wenig die ganze Küste. Wer will sich von Millionen Mücken zerstechen lassen? Oder wer hat Lust, nach wenigen Wochen am Sumpffieber zu sterben? Ah, ich war selbst einmal dort draußen. Ich muß gestehen, daß ich der Madonna inbrünstig Dank sagte, als ich mich gesund wieder hier befand.«

»Sie scheinen es durchaus zu mißbilligen, daß die Insel jetzt von Fremden besucht wird?«

Der Geschäftsführer hob die Schultern.

»Es steht mir nicht zu, ein Urteil zu fällen. Warum sollte man die Insel nicht besuchen, wenn es Vergnügen bereitet? Aber ich persönlich halte einen Aufenthalt in unserem vorzüglich ausgestatteten Hotel für erheblich angenehmer. Mißverstehen Sie mich bitte nicht, Señor. Ich spreche nicht aus Eigennutz. Alle die Herrschaften, die sich jetzt bei der Insel befinden, haben hier Zimmer belegt und werden zum großen Teil auch von uns versorgt. Aber es ist nicht angenehm für uns, wenn man fieberkrank von Cienfuegos abreist. Sie müssen bedenken, daß…«

»Lassen wir es«, unterbrach Sun Koh. »Wie weit ist die Insel entfernt?«

»Fast zweihundert Kilometer.«

Sun Koh war überrascht.

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921564
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
taschenbuch kassette

Autor

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Titel: Sun Koh Taschenbuch #16: Die goldene Kassette