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Ein Jack Braden Thriller #2: Treffpunkt Tigerkäfig

2018 130 Seiten

Zusammenfassung

Während einer Vorstellung des Zirkus Bellarossa wird der Dompteur Vitello von einem seiner Tiger angegriffen. Der Tierbändiger war unachtsam, irgendetwas schien mit ihm nicht in Ordnung gewesen zu sein. Deshalb schaltet die Zirkusdirektorin den Privatdetektiv Jack Braden ein. Er soll herausfinden, ob man dem Zirkus schaden will. Kaum hat Braden die Ermittlungen aufgenommen, wird ein zweiter Anschlag verübt – diesmal auf den Pferdedompteur … Das beweist, dass es um einen Angriff auf den Zirkus geht, aber wer sollte diesem kleinen Zirkus Übles wollen …? Braden wird schnell klar, dass mehr dahinterstecken muss ...

Leseprobe

Table of Contents

Treffpunkt Tigerkäfig

Copyright

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Treffpunkt Tigerkäfig

Ein Jack Braden Thriller #2

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Während einer Vorstellung des Zirkus Bellarossa wird der Dompteur Vitello von einem seiner Tiger angegriffen. Der Tierbändiger war unachtsam, irgendetwas schien mit ihm nicht in Ordnung gewesen zu sein. Deshalb schaltet die Zirkusdirektorin den Privatdetektiv Jack Braden ein. Er soll herausfinden, ob man dem Zirkus schaden will. Kaum hat Braden die Ermittlungen aufgenommen, wird ein zweiter Anschlag verübt – diesmal auf den Pferdedompteur … Das beweist, dass es um einen Angriff auf den Zirkus geht, aber wer sollte diesem kleinen Zirkus Übles wollen …? Braden wird schnell klar, dass mehr dahinterstecken muss ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Ketten von bunten Glühbirnen malen einen Namen in den samtschwarzen Nachthimmel von Plainfield: CIRCUS BELLAROSSA.

Aus dem riesigen, grell beleuchteten Zirkuszelt tönt Musik, Peitschenknall und prasselnder Applaus.

Im großen Rundkäfig arbeitet der Dompteur Vitello mit seinen acht Tigern: große Pyramide, kleine Pyramide, Hochsitzen, Doppelsprung. Die Nummer läuft ab wie jeden Abend.

Jetzt zeigt Pascha, der gewaltige bengalische Königstiger, auf einem schmalen Balken seine Balancekunst. Dann wirft Vitello den Balken von den Podesten, und Royal, der Springer, federt hinauf, fertig zum Sprung durch den brennenden Reifen.

Arturo, Tigerwärter und Gehilfe Vitellos, übergießt den eisernen Ring mit Benzin, zündet ihn an und reicht ihn dem Dompteur durch die Gitterstäbe. Mit erhobenem Reifen steht Vitello vor dem Tiger.

Aber Royal springt nicht. Er faucht wütend, öffnet den Rachen mit den blitzenden Reißzähnen und schlägt mit der Pranke mehrmals nach dem Dompteur. Es sieht aus, als wolle er sich auf seinen Herrn stürzen. Und Royals Wildheit verfehlt nicht den Eindruck auf das Publikum, das die nervenkitzelnde Szene mit Spannung verfolgt.

Vitello lässt den Tiger nicht aus den Augen. Er ruft und lockt:

„Komm, Royal, spring, allez hopp ...!“ Endlich setzt der Tiger zum Sprung an, schießt durch den Feuerring, wendet sofort auf dem Podest, springt noch einmal zurück und reißt hierbei den langsam abbrennenden Reifen aus Vitellos Hand.

Arturo blickt entsetzt. Verdammt, was ist heute mit Vitello los?

Die Stimme des Dompteurs klingt leise und unsicher. Mit müder Bewegung jagt er Daisy zum Sprung über die Barriere. Nun dreht er sogar der bösartigen alten Bessy den Rücken, die erst im vorigen Jahr die Dompteuse Danielle Perroux tötete.

Arturo wird unruhig. Er greift zum Wasserschlauch und ruft den Stallburschen Charles und Juan zu:

„Passt auf! Mit Vitello ist etwas nicht in Ordnung. Wenn das ...“

Da geschieht es auch schon.

Ein Prankenhieb der aufbrüllenden Bessy, ein schwarz-gelber Tierleib saust vom Podest herunter und zerrt einen Menschenkörper durch die Manege. Im Nu sind die übrigen Tiger von ihren Podesten und fegen brüllend durch den Käfig. In diese Hölle von Sägemehl, Raubtierleibern und umgestürzten Podesten zischt jetzt Arturos Wasserstrahl.

Aber erst einige Schüsse treiben die rasenden Katzen in den Laufgang und zu ihren Käfigen zurück.

Während Arturo und Charles den leblosen Vitello hinaustragen, löst ein halbes Dutzend rotbefrackter Stallburschen die Gitter des Rundkäfigs, zieht das Netz ein und schleppt die schweren Podeste hinaus.

In die Entsetzensschreie des Publikums knallen die Schläge der großen Pauke. Trompeten, Schlagzeug fallen ein, und unter den Klängen des „River Kwai“ marschieren die „Zwölf Bellinis“, eine Liliputanertruppe, mit ihren Shetlandponys in die Manege.

Im Zirkus Bellarossa geht die Vorstellung weiter.

 

 

2

„Sie haben keine Vorstellung, wie teuer ein echtes Modellkleid ist, Anthony. Bedenken Sie, so etwas ist einmalig auf der Welt. — Nein, mein Kleid ist natürlich von Peck & Peck ...“

Dawn Barris, genannt „Sunny“, Sekretärin und rechte Hand Jack Bradens, lächelte, drehte sich etwas und ließ den Blick an ihrem neuen Kleiderrock mit dem schwarzweißen Hahnentritt-Muster hinabgleiten.

Anthony Gilford brachte vor Entzücken kein Wort heraus. Er vergaß sogar, die Nelken aus dem Zellophanpapier zu wickeln und sie Dawn zu überreichen.

„Sie sind auch einmalig auf der Welt, Sunny ...“ Gilfords Finger lösten mechanisch die Blumen aus dem Papier. „Und Sie sollten nur etwas Einmaliges tragen.“

„Ich weiß, Anthony“, lachte Dawn, „ich bin einmalig, ich sollte nur etwas Einmaliges tragen und einmal etwas Einmaliges tun — nämlich mit Ihnen zusammen aufs Standesamt gehen, nicht wahr?“

„Genau, Sunny“, lächelte Anthony Gilford zurück. „Es ist eine der größten Himmelsgaben, so ein lieb Ding im Arm zu haben ...“

„Wer hat das nun wieder gesagt?“, seufzte Dawn.

„Mephistopheles in Goethes Faust“, antwortete es von der Tür her. Jack Braden war eingetreten und streckte Anthony Gilford lächelnd die Hand entgegen.

„Jack, hallo!“ Gilford war verblüfft. „Sie werden doch noch ein Gentleman. Mit den Klassikern fängt es nämlich an. Kommen Sie morgen Abend mit ins Theater. Es gibt eine wundervolle Aufführung ...“

„Tut mir leid, Anthony, aber morgen Abend muss ich mir acht bengalische Königstiger ansehen. Einer ist dabei, der schon zwei Dompteure umgebracht hat.“

„Königstiger? — Jack, Sie enttäuschen mich wirklich. Ich glaubte schon ernsthaft, Sie wollten Ihren Geschmack kultivieren, aber ... Äh, wie war die Sache mit den beiden Dompteuren?“

Jack lachte.

„Nun, ich will’s Ihnen erklären. — Sunny, schreiben Sie gleich mit. Wir müssen darüber eine Akte anlegen. — Also, die Direktorin des Zirkus Bellarossa rief vor einer Viertelstunde bei mir an und erzählte mir Folgendes:

Beim letzten Gastspiel in Plainfield wurde der Dompteur der Tigergruppe, Vitello, durch einen Tiger getötet. Der Vorfall ist amtlich als Unglücksfall registriert worden. Die Bellarossas aber glauben nicht daran, denn der Tigerwärter hat beobachtet, wie der Dompteur während der Vorstellung plötzlich unsicher wurde und taumelte. Sie meinen, man habe den Dompteur vorsätzlich ausgeschaltet, um die Tigernummer platzen zu lassen. Ein neuer Dompteur ist nicht zu bekommen, und die Raubkatzen sind eine der Hauptattraktionen des Zirkus. Ihr Ausfall trifft also die Bellarossas empfindlich. Sie fürchten, dass auch auf andere Artisten Anschläge verübt werden könnten. Wer es allerdings auf den Zirkus Bellarossa abgesehen haben könnte, weiß ich nicht ... Na, jedenfalls werde ich mir den Zirkus einmal ansehen. Die Direktorin bat mich darum. Sie machte sogar eine telegraphische Anzahlung, keine geringe ... Wenn Sie Lust haben, Anthony, begleiten Sie mich. Der Zirkus gastiert ab morgen in Richmond.“

„Zirkus, hm ...“ Anthony Gilford rieb sich das Kinn.

„Liegt nicht ganz auf Ihrer klassischen Linie“, lachte Jack. „Aber geben Sie sich einen Ruck, Anthony. Kommen Sie mit. Wir brauchen ja das Ponyreiten am Schluss der Vorstellung nicht mitzumachen.“

Anthony Gilford schmunzelte.

„Gerade auf einem Pony hätte ich Sie gern einmal gesehen, Jack!“

 

 

3

„Nichts können Sie hier sehen, Mister!“

Die Platzanweiserin, eine Indochinesin mit lustigen Schlitzaugen, machte ein vorwurfsvolles Gesicht. Aber Jack Braden wollte unbedingt auf der oberen Reihe nahe dem Ausgang sitzen.

Nur Anthony Gilford ließ sich einen Logenplatz geben, platzierte sich umständlich auf einen rot lackierten harten Gartenstuhl, breitete das Programm auf den Knien aus, zückte ein kleines Opernglas und wartete auf den Beginn der Vorstellung.

Die dunkelroten Vorhänge flogen auseinander, und der erste von Jenny Hazels Elefanten erschien in der Manege. Vergoldetes Riemenzeug saß auf seinem Schädel wie eine grob gestickte Mütze. Zur Begrüßung hob er den Rüssel und stieß einen Trompetenton aus, der allerdings im Geschmetter des Elefantenmarsches unterging.

Ein zweiter Dickhäuter erschien, ein dritter, vierter, dann trabten alle sechs Elefanten in wiegendem Trott durch das Zirkusrund. Sofort verbreitete sich im Zelt ein scharfer Tiergeruch.

Dann trat Jenny Hazel auf. In knappem, feuerrotem Trikot sprang sie in die Mitte der Manege. Ein Peitschenknall — die Dickhäuter standen wie angeleimt und drehten dann Pirouetten auf der Hinterhand. Jetzt hob Jenny die Peitsche und tanzte auf Rama zu, die riesige Elefantenkuh. Das Tier senkte den Rüssel, umfasste schlangengleich die zierliche Dompteuse und hob sie empor, sodass Jenny mit strahlendem Lächeln über dem mächtigen grauen Schädel schwebte.

Applaus und dreifacher Tusch der Kapelle. Jenny landete wieder im Sägemehl. Peitschenknall, und die Dickhäuter trabten weiter.

Jetzt rollten die Stallburschen riesige Podeste in die Manege. Die Elefanten setzten sich darauf wie graue Riesenbabys, stellten sich auf die Hinterbeine, machten Handstand und trabten dann wieder im Kreis. Dann hoben sie die Vorderbeine gehorsam auf die breiten Lenden ihrer Vordermänner, machten einige unbeholfene Tanzschritte, trompeteten schrill und verschwanden endlich unter lautem Applaus. Der letzte Elefant holte sich noch aus dem Publikum ein weißes Taschentuch und winkte damit, während sich die rote Jenny verbeugte und nach allen Seiten Kusshände auswarf.

Auf seiner harten schmalen Bank in der oberen Reihe saß Jack Braden und gähnte. Mein Gott, aufregend war die Elefantennummer gerade nicht. Na, vielleicht zeigte der „Luftwirbel der Celitos“ oder der Seilakt von „Achmed & Abdullah“ mehr Schwung. Vielleicht tauchte auch die reizende indochinesische Platzanweiserin in irgendeiner Nummer auf.

Jack sah aufs Programm.

Als Nächstes war das „Geheimnis der goldenen Kugel“ angekündigt. Viel konnte er sich darunter nicht vorstellen.

Noch weniger gab es zu sehen. Sechs stämmige Stallburschen schleppten ein pyramidenförmiges, etwa fünf Meter hohes Gestell aus Metallrohren in die Manege. Vom Boden dieser Pyramide zog sich eine breite Aluminiumrampe in Schneckenwindungen nach oben, wo sie in eine kleine Plattform auslief. Dann brachten zwei Mann eine goldene Kugel herein, die ungefähr ein Meter Durchmesser maß. Diese Kugel setzten sie an den Fuß der Rampe.

Nun erschien Direktor Bellarossa und zog seinen Zylinder:

„Verehrte Damen und Herren! Sie sehen jetzt — erstmalig in den Vereinigten Staaten — unsere große Attraktion 'Das Geheimnis der goldenen Kugel', eine Schau, die Ihnen kein anderer Zirkus bietet. Bitte kommen Sie in die Manege herunter und sehen Sie sich alles genau an. Es gibt bei diesem Trick keine verborgenen Drähte, keine Magneten, keine Kabel und Leitungen, kurz: keine mechanischen Vorrichtungen, die unsere Kugel bewegen könnten. Sie dürfen auch die Kugel aufheben, um sie zu prüfen ... Bitte sehr, meine Damen und Herren, kommen Sie herunter, untersuchen Sie das 'Geheimnis der goldenen Kugel'... bittää särrr!“

Bellarossa schwang einladend seinen Zylinder und blickte sich erwartungsvoll um. Damen schienen sich für das Geheimnis nicht zu interessieren. Es erschienen nur — zögernd zuerst — einige Männer, kletterten über den Manegerand und untersuchten die stählerne Pyramide.

Viel zu entdecken gab es dort nicht. Die Pyramide war aus Stahlrohren gebaut und die schneckenförmige Gleitbahn aus Aluminium. Alles war einfach und leicht zu übersehen. Zwei Männer hoben sogar die Kugel an und setzten sie vorsichtig wieder zu Boden.

Als die Manege leer war, gab der Direktor dem Kapellmeister ein Zeichen. Leise, geheimnisvolle Musik klang auf, eine Sphärenmelodie. Unmerklich zuerst, dann schneller begann sich die goldene Kugel zu drehen und die Rampe hinaufzurollen. Da — jetzt stockte ihr Lauf, sie drehte sich auf der Stelle und rutschte sogar einige Zentimeter zurück ...

Die Musik wurde lebhafter und lauter.

Noch einige Male stockte der Lauf der Kugel, dann erreichte sie die Plattform an der Spitze und blieb dort liegen.

Das Publikum war gebannt. Erstaunte, verwunderte Rufe, erregte Stimmen — Tusch, dann ein langsamer Walzer, und die Kugel begann sich auf der Stelle zu drehen. Erst langsam, dann immer schneller.

Wieder ein Tusch. Die Kugel rollte abwärts, stockte, geriet ins Rutschen, fand ihre Bahn wieder und landete endlich am Fußende der Spirale. Im Strahl der Scheinwerfer blinkte sie golden und geheimnisvoll ...

Zwei Diener erschienen und trugen sie hinaus. Das Publikum — noch einen Augenblick sprachlos von dem seltsamen Vorgang — begann vor Begeisterung zu toben, während die stählerne Pyramide abmontiert wurde.

Jack blätterte im Programm: In der nächsten Nummer führte El Baklawi seine Araberhengste vor.

Der rote Vorhang flog auseinander, und unter den Klängen eines Reitermarsches galoppierte ein schneeweißer Hengst mit rotem Federbusch und vergoldetem Zaumzeug in die Bahn. Ein zweiter folgte, ein dritter ...

Aufgeregte Stimmen hinter dem Vorhang.

Zwei Rotbefrackte liefen in die Manege und führten die drei Schimmel, die schon mit wippenden Federbüschen um das Zirkusrund trabten, wieder hinaus.

Unruhe im Publikum. — Was war geschehen?

Jack wartete nicht länger, steckte das Programm in die Tasche, drängte sich durch die Bankreihen und war mit wenigen Schritten am Ausgang.

„Wo ist El Baklawis Wagen?“

„Dort hinunter, der zweite hinter dem Bürowagen.“

Jack Braden hastete durch die halbdunklen Wagenreihen, stolperte über Leitungsdrähte und Wassereimer. Ein Tiger fuhr fauchend ans Gitter, Affen kreischten auf, und nasse Wäsche schlug ihm ins Gesicht.

Um einen großen Wohnwagen drängten sich Artisten, Stallknechte und spärlich bekleidete Girls, Mitglieder der Revuetruppe.

Rasch drängte sich Jack hindurch und stand vor dem jammernden und händeringenden Direktor Bellarossa.

Auf der Treppe des Wohnwagens lag El Baklawi, der Herr der acht Araberhengste. Er musste beim Verlassen des Wagens zusammengebrochen sein. Mit dem Gesicht voran war er auf die Erde gestürzt, während sein Körper und die Beine in den weißen Reithosen noch auf den Stufen der kurzen Treppe lagen. Blut quoll aus Wunden an Stirn und Wange.

„Sind Sie Mr. Braden, der Detektiv, mit dem meine Frau gesprochen hat?“, fuhr Bellarossa auf Jack los. „Konnten Sie das nicht verhindern? Maledetto, zuerst habe ich die Tiger absetzen müssen, nun kann ich die Araber auch nicht mehr zeigen. Wenn das so weitergeht, bin ich ruiniert! Madonna, er ist bestimmt tot! Sehen Sie, wie blass seine Gesichtsfarbe ...“

„Augenblick, Direktor.“ Ein großer hagerer Mann mit Hornbrille war an den Verunglückten getreten, Henderson, der Zirkusarzt. Sofort fasste er nach dem Handgelenk des Verunglückten und horchte an seiner Brust.

„Kein Fall für die Mordkommission, Direktor. Sein Herz schlägt noch.“

Er wandte sich an Jack.

„Fassen Sie mit an. Er kann ja hier nicht liegen bleiben ... Und Sie, Direktor, rufen bitte einen Krankenwagen.“

Jack und der Arzt trugen den Pferdedompteur in den Wohnwagen und legten ihn aufs Bett. Sofort streifte Henderson El Baklawis Hemd herunter und untersuchte seinen Oberkörper. Nichts — kein Stich, keine Wunde ... Er legte das Ohr an das Herz des Dompteurs.

„Sein Herz macht mir Sorgen“, murmelte der Arzt, öffnete rasch seinen Koffer und zog eine Injektionsspritze heraus. Dann brach er einer Ampulle den Hals und zog die Flüssigkeit in die Spritze.

Das Gesicht des Verunglückten verzog sich nicht, als die spitze Nadel in seinen Arm drang.

Jack blickte den Arzt fragend an.

Aber Henderson hob die Schultern und verschloss die Spritze sorgfältig im Futteral.

„Weiter kann ich im Augenblick nichts machen. Im Krankenhaus muss ihm der Magen ausgepumpt werden. Wahrscheinlich ist er vergiftet. — Wenn nur das Herz durchhält ... Aha, da ist schon der Krankenwagen.“

Die Träger luden den Verunglückten auf die Bahre und trugen ihn rasch fort. Bald hörte man das Sirenengeheul des abfahrenden Wagens. Jack notierte sich die Adresse des Hospitals und ging langsam zum Ausgang.

Aus dem großen Zelt hörte er einen Tusch der Kapelle und Beifall der Zuschauer. Jack ging zum Zelt hinüber und stieg zu den Logenplätzen hinab. Anthony Gilfords Sitz war leer.

 

 

4

Um ungestört nachdenken zu können, fuhr Jack zur Anlegestelle der „Staten Island Ferry“ hinunter. Eine Fähre war gerade angekommen. In langen Reihen verließen die Autos das Schiff. Jacks Wagen rollte bis an die weiße Barriere, die die Ladefläche am Bug absperrte. Im Stampfen der Schiffsmaschine vibrierte der Rückspiegel. Jack sah im zitternden Glas die anderen Wagen heranfahren und die weiß behandschuhten Hände des Verkehrspolizisten, der den Fahrern die Plätze anwies.

Das Stampfen der Maschine wurde heftiger, die Fähre legte ab.

Jack kurbelte das Fenster herunter und blickte nachdenklich über das schwarze Wasser der Upper Bay.

Was war los bei Bellarossa? Warum wurde der Tigerdompteur betäubt und von seinen Tieren getötet ...?

An Backbord zog die Freiheitsstatue vorüber, dahinter die Lichter von Ellis Island. Voraus ragten die Wolkenkratzer Manhattans wie schwarze Gipfel in den Himmel, übersät mit unzähligen gelben Lichtpunkten.

Heute war ein neuer Anschlag unternommen worden, diesmal gegen den Dompteur El Baklawi. Da ihn die Hengste nicht auffressen konnten, hatte man die Dosis des Betäubungsmittels verstärkt. Gott sei Dank war sie nicht so groß, um den Pferdedompteur ins Jenseits zu schicken ...

Die Maschine des Fährschiffes klang jetzt hohl. Die Schraubengeräusche verstummten. Vor der Brooklyn Brücke drehte die Fähre bei und glitt langsam auf die Anlegestelle zu.

Der Zweck der Anschläge im Zirkus Bellarossa war klar: Die Tiger und die Pferdenummer sollten ausgeschaltet werden. Die Attentate zielten nicht auf Vitello oder El Baklawi persönlich — nein, man wollte den Zirkus damit treffen. Aber wer, zum Teufel, hatte ein Interesse daran, den kleinen Bellarossa-Zirkus zugrunde zu richten? Die Konkurrenz? Lächerlich ...!

Mit leichtem Stoß legte die Fähre an. Langsam senkte sich die weiße Barriere und gab den Weg frei.

Voraus lag jetzt der Broadway mit endlosen Autoschlangen, unzähligen Verkehrsampeln, blitzenden, bunten Lichtwänden und einem schiebenden, stoßenden, nicht abreißenden Strom von Menschen. Jack hatte keine Zeit mehr zum Nachdenken.

Times Square — Fifth Avenue — 72., 73., 74. Straße. — Da, eine Lücke in den parkenden Wagen.

Wenig später schloss Jack seine Wohnung auf. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel von Mrs. Hamilton. „Steak und Kartoffelsalat stehen fertig im Eisschrank.“ Die Gute! Ans Essen hatte er noch gar nicht gedacht. Während Jack das Steak wärmte, klingelte das Telefon.

„Braden.“

„Hallo, Jack, hier Anthony.“

„Was gibt’s? Ich hab Sie nicht auf Ihrem Platz gesehen.“

„Immer nach der Reihe, Jack. Also die Sache ist klar. Sie können den Fall abschließen, denn ...“

„Anthony, wie haben Sie ...?“

„Den Fall Montfort meine ich natürlich.“ Gilfords Stimme blieb unerschüttert. „Mrs. Montfort beauftragte Sie doch vor einigen Tagen mit der Suche nach ihrem verschwundenen Mann. Wir haben da gerade eine Meldung von einem Verkehrsunfall bekommen, bei dem ein gewisser James Montfort ...“

„Aber Anthony, lieber Anthony, deshalb rufen Sie mich doch jetzt nicht an! — Haben Sie bei Bellarossa etwas herausgekriegt?“

„Natürlich, Jack. Wenn man schon mit Ihnen in den Zirkus geht, gibt’s bestimmt einen Zwischenfall.“

„Spannen Sie mich bitte nicht auf die Folter, Anthony.“

„El Baklawi trat also nicht auf. Warum, werden Sie inzwischen herausgekriegt haben, schätze ich?“

„Ja, weiter“, drängte Jack.

„Als die Pferde wieder hinausgeführt wurden, entstand natürlich einige Unruhe im Publikum. Leute sprangen von den Sitzen. Aber die Zuschauer beruhigten sich sofort, als Elsa Compton mit ihrer Trapez-Truppe auftrat.

Nur in der oberen Reihe standen zwei Männer auf und verließen das Zelt. Ich eilte ihnen nach und konnte gerade noch sehen, wie sie in einen älteren schwarzen Ford Fairlane stiegen. Beim Herausrangieren des Wagens konnte ich den Mann neben dem Fahrer flüchtig erkennen. Er hatte eine ungewöhnlich dunkle Hautfarbe und eine kräftig gebogene Nase ...“

„Haben Sie die Autonummer?“

„Sie sollten mich kennen, Jack. Hier ist sie.“

Jack notierte. Gilford fuhr fort:

„Dann noch etwas. Ich kam mit dem Buchhalter ins Gespräch. Er zeigte mir die Personallisten.“

„Augenblick, Anthony“, unterbrach Jack und schaltete das Tonbandgerät ein.

„So, nun schießen Sie los!“

„Das Hilfspersonal des Zirkus wechselt beinahe in jeder Stadt. Das Stammpersonal, die Tierpfleger, Reklameleute und Handwerker kommen aus Italien, Spanien, Syrien, Ägypten, China oder Japan — wie es in einem Zirkus so ist. Viele Artisten bleiben nur für eine oder zwei Tourneen beim Zirkus. Der Dompteur El Baklawi ist schon über zwei Jahre dabei, der ehemalige Tigerdompteur Vitello aber erst seit anderthalb Jahren. Die Tiger gehören ebenso wie die Araberhengste dem Zirkus. Mit ihnen kam Bellarossa schon nach Amerika. Ein Jahr sind Achmed & Abdullah — Balanceakt am Elastikseil — beim Zirkus, seit einem halben Jahr die Pagan-Sisters — zwei Artistinnen aus Burma. Die jüngere der beiden ...“

„Hat Ihnen besonders gut gefallen?“, schmunzelte Jack.

„Natürlich, Jack. Aber Sie kennen sie auch. Es war die Platzanweiserin. Eins fiel noch auf“, fuhr Gilford fort. „Seit einem halben Jahr ist ein gewisser Alexander Debouche beim Zirkus. Sein Name steht nicht im Programm, und auch der Buchhalter konnte mir nicht sagen, in welcher Nummer der Mann auftritt. Dachte mir, es könnte interessant für Sie sein.“

„Ist es, Anthony. Herzlichen Dank!“

Jack legte auf und wählte dann die Nummer des „Sea View Hospitals“, in dem der Pferdedompteur El Baklawi lag.

Henderson war noch bei dem Verunglückten. Es gelang Jack, ihn an den Apparat zu bekommen.

„Hallo, Doc, wie steht’s mit El Baklawi?“

„Wie ich schon sagte, Mr. Braden, er wurde vergiftet und zwar durch ein Schlafmittel. Durch den Mund eingegeben. Ziemlich starke Dosis — sicher bestimmt, ihn zu erledigen. Aber vielleicht kriegen die Ärzte ihn durch. Zäher Bursche, der El Baklawi. — Rufen Sie doch morgen noch einmal an.“

„Selbstverständlich, Doc. Und vielen Dank.“

Jack legte auf.

Früh am anderen Morgen rief Jack George Patterson an, den alten Freund und bewährten Helfer, Ex-Polizisten und Waffenhändler.

„Und was soll ich dabei tun, Jack? Ich kann weder mit Pferden umgehen noch Tiger dressieren.“

„Genaue Instruktionen gebe ich Ihnen hier, George. Hauptsache, Sie können sich für heute Nachmittag freimachen.“

„Selbstverständlich, Jack. Ich bin um ein Uhr bei Ihnen.“

Jack legte auf und vertiefte sich in die Informationen über Direktor Vittorio Bellarossa und seine Frau Xenia, die ihm Anthony Gilford soeben zugeschickt hatte. Der Ford Fairlane war — wie erwartet — ein Leihwagen, der von einem Mann namens Jonathan Kafaroff gemietet war. Ein Mann dieses Namens war der Polizei nicht bekannt. Aber die Ermittlungen liefen ...

Pünktlich war George Patterson bei Jack Braden im Büro. Die beiden Männer hatten ein kurzes Gespräch, dann instruierte Jack Dawn Barris:

„George und ich fahren jetzt nach Richmond zum Zirkus Bellarossa. Wir wollen uns die Artisten einmal ansehen. Vor allem möchte ich wissen, warum dieser Debouche nicht auftritt.

 

 

5

„Ich möchte wissen, warum Sie nicht auftreten, Mr. Braden? Sie sind doch nicht untalentiert.“

Suzy Pagan, die jüngere der „Pagan-Sisters“, lachte Jack Braden aus und nahm ihm den langen Bambusstab aus der Hand, mit dem er versucht hatte, einen der breiten Teller zu balancieren.

„Als Junge konnte ich wunderbar jonglieren — Besenstiele, Federhalter, sogar eine volle Milchkanne“, bemerkte Jack mit Augenzwinkern.

„Üben Sie täglich vier Stunden, Mr. Braden. Vielleicht stellt Bellarossa Sie dann ein.“ Mary Pagan lächelte spöttisch.

Sie war wohl fünfzehn Jahre älter als Suzy. Sicher nicht ihre Schwester — wie im Programm angekündigt —, aber keinesfalls ihre Mutter. Bei allem exotischen Charme, den die beiden Pagans ausstrahlten, wirkte Mary zurückhaltend, überlegen spöttisch, oftmals sarkastisch.

Jack Braden wurde schnell klar, dass er Auskünfte nur von Suzy erhalten konnte, die unbefangen und heiter aus dem Zirkusleben plauderte. Die beiden Burmesinnen waren wie Schwestern gekleidet: hellblaue hochgeschlossene Seidenröcke mit Seitenschlitzen, die fast den ganzen Oberschenkel sehen ließen. Ihr rabenschwarzes Haar trugen sie beide hoch aufgesteckt. Schwarz und schmal wölbten sich die zarten Brauen über den dunklen Schrägaugen.

„Haben Sie nicht ein paar Aufnahmen von Ihren früheren Nummern?“, wollte Jack wissen.

„Als Andenken mit Widmung — oder brauchen Sie die Bilder beruflich?“ Mary Pagan krauste spöttisch die Lippen. „Natürlich haben war Fotos. Wir lassen immer eine Reihe von Aufnahmen für die Agenten machen, außerdem braucht Bellarossa ja auch Bilder für das Programm.“

Mary öffnete einen Schrank und zog einen flachen Pappkarton hervor, den sie auf den Tisch stellte.

Hier fand Jack Bilder, die die Pagans beim Jonglieren, beim Bändertanz oder beim Spiel mit großen bunten Kugeln zeigten. Bald waren sie in langen, weiten Hosen, in engem, hochgeschlossenem Rock oder in schillerndem Trikot zu sehen. Andere Bilder zeigten die Sisters mit männlichen Partnern. Hier stand ein hagerer Inder neben ihnen, der einen Seiltrick vorführte, dort ein Japaner, der mit dem Papierschirm in der Hand ein Schrägseil hinauflief, dann ein Mann in weißem Frack, dessen dunkles Gesicht im Profil zu sehen war. Es zeigte eine kräftig gebogene Nase ...

In Jacks Gehirn schrillte eine Alarmglocke. — Dunkles Gesicht, Hakennase ... Hatte nicht Anthony Gilford einen solchen Mann im Zirkus beobachtet?

Mit lässigen Bewegungen ließ Jack die Bilder durch seine Hände gleiten, fragte nach dem Namen dieser Nummer, ließ sich jenes Gerät erklären.

„Und wer ist der Herr hier im dunklen Frack, hier bei der Bändertanznummer?“, fragte Jack mit ruhiger Stimme.

In Marys Gesicht zuckte nur ein winziger Muskel, dann aber blickte sie Jack gelassen an und klopfte die Asche von ihrer Zigarette.

„Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Es sind schon Jahre her, seit wir mit ihm zusammenarbeiteten. Er löste eines Tages seinen Vertrag — dann haben wir nichts mehr von ihm gehört.“

Jack merkte sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. Eine unsichtbare Wand stand plötzlich zwischen ihm und der Burmesin. Doch er konnte es nicht ungeschehen machen. Jacks Jagdinstinkt war geweckt. Das Bild musste er haben!

Wieder breitete er die Bilder vor sich aus und betrachtete sie interessiert.

„Darf ich wohl noch eine Tasse Tee, Miss Pagan?“

Jack schob ihr seine Tasse zu.

„Gewiss, Mr. Braden.“

Mary wandte sich zur Kochnische. Suzy lag auf der Couch, blickte den Rauchringen ihrer Zigarette nach und erzählte von dem großen Unwetter in Tucson, bei dem fast das ganze Zirkuszelt auseinandergerissen wurde.

Jacks Finger schoben die Bilder fast spielerisch zusammen, breiteten sie aus. Da war das Bild mit dem hakennasigen Herrn. Behutsam zog Jack es heran und ...

„Wenn Sie eins der Bilder haben möchten, Mr. Braden, will ich es Ihnen gern schenken. Ich suche Ihnen ein schönes Foto aus.“

Verdammt! Mary hatte ihn nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Jetzt sah Jack auch den Spiegel in der Nische.

Mary goss Tee ein, schob die Bilder wieder in den Karton und suchte drei Fotos aus, die sie Jack mit spitzem Lächeln reichte. Völlig uninteressante Bilder natürlich, die nicht einmal Suzy zeigten.

„An diesen Fotos werden Sie sicher viel Freude haben, Mr. Braden“, bemerkte Mary boshaft.

Jack heuchelte große Freude und ließ die Aufnahmen in seiner Brieftasche verschwinden.

Je mehr Mary versteinerte, desto eifriger widmete sich Jack der kleinen Suzy. Zum Missfallen Marys, und sie unterbrach das Gespräch mit starrem Lächeln:

„Wir wollen doch Mr. Bradens kostbare Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Sie sind doch sicher ein vielbeschäftigter Mann ...?“

Mary räusperte sich, legte lächelnd die Hände zusammen und erhob sich. Das war deutlich!

Da richtete sich Suzy lächelnd auf:

„Aber eine Tasse Tee trinken Sie doch sicher noch, Mr. Braden?“

Jack schob ihr rasch seine Tasse zu. Über Marys Gesicht ging nur kurz ein Zucken des Unmuts, dann setzte sie sich wieder.

Es klopfte, und Arturo, der Tigerwächter, trat ein. Verlegen blieb er an der Tür stehen und drehte die Mütze in den Händen. Mary ging ihm entgegen, und Jack hörte, wie Arturo ihr etwas zuraunte. Mary schien zu zögern. Sie zog die Augenbrauen hoch und blickte unfreundlich auf Jack und Suzy.

Der Tigerwärter hielt die Tür geöffnet und flüsterte:

„Es ist dringend, Miss Mary.“

Mit gequältem Lächeln verabschiedete sich Mary von Jack, holte einen Schal aus dem Schrank, verschloss ihn wieder und zog blitzschnell den Schlüssel ab. Es war der Schrank, in dem sie die Bilder aufbewahrte.

Jack überlegte fieberhaft: Hier würde Suzy nicht sprechen. Er musste sie an einem anderen Ort treffen, mit ihr ein Rendezvous vereinbaren. Sofort begann er die Offensive.

„Sie haben mir nun so viel gezeigt, Miss Pagan: Bändertänze, Kugeln auf Bambusstäben, Seiltricks. Darf ich mich revanchieren?“

„Aber Mr. Braden, können Sie etwa durch den Reifen springen oder einen Kopfstand auf dem Seil zeigen? Habe ich Sie unterschätzt?“

Jack lächelte.

„Keine Tricks, Miss Pagan. Aber vielleicht einmal abends an den Broadway oder in die Radio City Music Hall. Waren Sie schon einmal dort?“

„Natürlich nicht. Ich bin aber sicher, dass Mary sich freuen wird, wenn Sie uns ein laden.“

„Drei ist eine Unglückszahl, Miss Pagan“, versuchte Jack zu scherzen.

Das Lächeln verschwand aus Suzys Gesicht.

„Mir hat die Zahl noch nie Glück gebracht ...“

Plötzlich erhob sich die Burmesin, lauschte und streckte Jack die Hand hin.

„Ich glaube, Sie müssen jetzt gehen, Mr. Braden.“

Jack gab nicht auf.

„Haben Sie nicht heute Abend ein wenig Zeit für mich. Um neun Uhr? Ich warte vor dem Haupteingang.“

Suzys Augen bekamen plötzlich einen angstvollen Ausdruck, ihre Lippen pressten sich zusammen.

„Gehen Sie bitte, bevor Mary zurückkommt. Bitte ...“

Jack verließ den Wagen.

Was sollte er von den Pagans halten? Er dachte wieder an das Foto des dunkelhäutigen Herrn mit der gebogenen Nase. Hatte Mary nicht etwas seltsam auf seine Frage reagiert ...? War sie nicht geradezu versteinert ...?

Noch in Gedanken klopfte Jack schon an die Tür des nächsten Wagens, in dem Herr Alexander Debouche wohnte. Sein Name stand nicht im Programm und keiner im Zirkus hatte geantwortet, als Jack nach der Nummer Debouches gefragt hatte. Alle hatten nur lächelnd die Achseln gezuckt ...

Debouche empfing seinen Besucher nicht unfreundlich. Er war ein kleiner, zierlicher Mann. Nicht mehr der Jüngste, denn sein Haar bildete am Hinterkopf nur noch einen schmalen Kranz. Oberlippe und Kinn zierte ein grauer Bart, ein richtiger Spitzbart, der dem schmalen Herrn ein etwas verwegenes Aussehen gab.

Vorsichtig tastete sich Jack heran. Zuerst ging sein Blick durch den Wohnwagen. — Nichts, was irgendwie Aufschluss über die Tätigkeit des Mannes geben konnte.

Neben dem Fenster hing ein goldener Lorbeerkranz an der Wand, Aufschrift: Lissabon, den 18. Mai 1923. Daneben ein kleiner silberner Pokal auf einem Wandbrett. Aufschrift unleserlich. In einer Wandtasche ein paar Zeitungen und Illustrierte. Sonst nichts.

Ebenso unergiebig verlief das Gespräch mit Herrn Debouche.

Er verstand großartig zu plaudern, so großartig, dass sein Besucher nie zu Wort kam. Er erzählte von ausgebrochenen Tigern, von einer italienischen Luftakrobatin, die aus der Zirkuskuppel abstürzte, von einem Bärendompteur, dem sein Lieblingsbär eines Morgens den Brustkasten eindrückte — nur von sich selbst erzählte er nichts.

Gerade aber das wollte Jack wissen.

Debouche rieb sich vor Vergnügen die Hände, sein grauer Spitzbart zitterte, seine dunklen Augen blitzten vor Vergnügen.

„Cher Monsieur Braden, ich bin untröstlich, Ihnen nichts über meine Nummer sagen zu können. Aber — sie existiert ganz einfach nicht. Sie irren sich nämlich, wenn Sie glauben, ich sei Artist. Wirklich — ich bin nur ein Zirkusnarr, ein Mensch, der Zirkusluft braucht wie das tägliche Brot. Deshalb reise ich mit dem Zirkus durch die Welt. Dieser Duft nach Leder, Raubtieren, Pferden — diese betriebsame, hastige, spannungsgeladene Atmosphäre, der Peitschenknall, das schmetternde Blech der Kapelle, der Applaus ... Das gehört zu meinem Leben ... Ach, junger Freund, das werden Sie nicht verstehen.“

Mit theatralischer Gebärde legte Debouche die Hand über die Augen, ließ sie dann langsam sinken und blickte gedankenverloren aus dem Wagenfenster.

Der junge Freund versteht dich schon, dachte Jack. Wenn du auch kein Artist bist, auf jeden Fall aber ein großartiger Komödiant. Ich komme schon auf deine Schliche.

Aber Jack kam nicht, obgleich er alle Register zog. Der zierliche Debouche lüftete kein Zipfelchen seines Geheimnisses — falls es überhaupt eins gab. Jack war nahe daran, Debouche alles zu glauben.

So trennten sie sich wie zwei Schachspieler nach einer unentschiedenen Partie. Debouche verbeugte sich beim Abschied mit Grandezza, wünschte seinem Besucher alles Glück auf dieser Erde, während ihn dieser zur Hölle wünschte.

Aber auch der nächste Besuch war nicht nach Jack Bradens Geschmack. Das Kunstreiterehepaar Antonescu — er Rumäne, sie Dänin — überschwemmten ihn mit Zirkusklatsch.

Jack musste die Kekse der Kunstreiterin probieren, den Aufsatz des kleinen Simeon — Obermann bei den Eddie Brothers — lesen und endlos Bilder bewundern, bis die Glocke zum Fertigmachen rief.

Es war noch eine Stunde Zeit bis zur Vorstellung. In den Wohnwagen hatte jetzt keiner mehr Zeit für ein Gespräch. So schlenderte Jack zurück zum Wagen und begann seine Beobachtungen einzutragen. Er grinste verbissen vor sich hin:

Alles brave Leute beim Zirkus Bellarossa, Leute, die ihre Tiere gewissenhaft pflegten, die Käfige schrubbten, beim Zeltaufbau halfen, eisern trainierten und sogar unangemeldete Besucher gelassen hinnahmen. Alle brav, bis auf zwei: der Monsieur Debouche, der angeblich überhaupt nichts machte, sondern — nach seinen eigenen Worten — nur die faszinierende Zirkusluft genoss, und die „Pagan-Sisters“ ...

Hier stockte Jacks Kugelschreiber.

Wer war der Herr mit der ausgeprägten Nase auf Mary Pagans Foto? — War er identisch mit dem Mann, den Anthony Gilford beim Verlassen des Zeltes gesehen hatte?

Eins aber war Jack klar: Wenn das Bild wirklich diesen Mann darstellte, existierte es nicht mehr; dann hatte Mary es auf jeden Fall vernichtet. Zu offen hatte er sein Interesse daran gezeigt. — Pech!

Jack klappte das Notizbuch zu und blickte zum großen Zelt hinüber. Rote, grüne und grellweiße Scheinwerfer flammten auf, Applaus und das Geschmetter der Kapelle klang gedämpft herüber.

Jack sah auf die Uhr. — Halb neun.

Vor neun Uhr konnte er Suzy nicht erwarten — wenn sie überhaupt kam.

Jack zündete sich eine Zigarette an und starrte in die Dunkelheit. Um ein Viertel vor neun traten die Pagans auf. Vorher hatte Suzy allerdings noch beim Jongleur Bernotti zu assistieren und das Netz für den Luftakt der Miss Eleonore aufzubauen. — Erst bei der Schlussparade um elf Uhr musste sie wieder im Zirkus sein.

Wieder sah er Debouche vor sich, das schmale Kerlchen mit dem grauen Zwirbelbart. War er ein harmloser Fantast oder ein ausgekochter Bursche ...?

Plötzlich hörte Jack ein leises Klopfen an der Wagentür.

Er öffnete rasch und sah eine Gestalt mit dunklem Kopftuch, die sogar in der Dunkelheit eine Sonnenbrille trug.

„Miss Pagan!“

Das Mädchen glitt an Jacks Seite.

„Bitte, fahren Sie gleich weiter, Mr. Braden.“

Jack startete und nahm Kurs auf South Beach. Suzy Pagan verstaute Kopftuch und Sonnenbrille in der Handtasche und sah Jack mit scheuem Lächeln an.

„Ich habe genau eine Stunde Zeit, Mr. Braden. Um viertel nach zehn muss ich wieder im Zirkus sein, um mich zur Schlussparade umzuziehen. Sehr enttäuscht?“

Eine Stunde! — Nun, das ließ sich nicht ändern. Jack war froh, dass Suzy überhaupt gekommen war. Er warf einen kurzen Blick zur Seite. Das Mädchen trug nicht ihr enges, hochgeschlossenes China-Kleid, sondern ein dunkelblaues Kostüm. Eine Perlenkette schimmerte matt an ihrem Hals.

Vor ihnen lag jetzt silbergrau das Meer. Gegenüber bunte Lichter: Coney Island. Links als schwarze Silhouette die Skyline Brooklyns.

Ein Flugzeug donnerte rot und grün blinkend über sie hinweg.

Jack fuhr an die Straßenseite und hielt.

„Wird Großmutter Mary sehr böse, wenn Sie nicht pünktlich zurückkommen?“

„Sie spuckt Feuer und Schwefel, wenn sie merkt, dass ich überhaupt den Wagen verlassen habe. Bitte bringen Sie mich rechtzeitig zurück.“

Ihre Stimme bekam einen flehenden Ton. Jack legte leicht seine Hand auf Suzys Schulter.

„Sie können sich darauf verlassen, Miss Pagan. Aber wir können doch irgendwo einen kleinen Drink nehmen?“

Suzy nickte.

Der Wagen glitt weiter, an Nachtlokalen mit bunten Leuchtbuchstaben, grellen und blinkenden Lichterketten vorüber.

Im ACAPULCO, dessen Terrasse aufs Meer hinausging, bestellte Jack zwei Gläser Grapefruit. Der Tisch lag in flackerndem rotgrünem Dämmerlicht. Aus einer Box röhrte Satchmos Stimme. — Gesprächsfetzen, Gläserklirren und Lachen. Auf der Straße startete heulend ein Wagen und wendete mit kreischenden Reifen.

Jack spürte die Spannung des Mädchens. Ihre Hand spielte nervös mit dem Griff der Handtasche, unruhig glitten ihre Augen hin und her.

Über den Tisch hinweg griff Jack nach Suzys Hand.

„Miss Pagan, was ist mit Ihnen? Sie haben vor irgendetwas Angst. Erzählen Sie’s mir ... Vielleicht kann ich Ihnen helfen ... Ist es Mary, die Sie fürchten?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Sie hat auch Angst, aber sie hat die besseren Nerven.“

Suzy nippte mit gesenktem Kopf an ihrer Limonade.

„Wollen Sie es mir nicht sagen, Miss Pagan? Haben Sie doch Vertrauen zu mir.“ Aber die kleine zusammengesunkene Gestalt blickte Jack nur aus großen dunklen Augen an, die sich langsam mit Tränen füllten.

„Ich habe Angst ... Angst, richtige Angst, Mr. Braden. Und ich kann Ihnen nicht sagen, warum ... Nein, ich will es auch nicht sagen. Ich will nicht, dass Sie hineingerissen werden ...“

Plötzlich richtete sich das Mädchen auf, seine Augen wurden starr. Es ballte die schmalen Hände zu Fäusten.

„Er ... er hat ein Amulett! Darin ist ein Haarbüschel von mir und ein Fingernagel, der linke ... Damit hat er Macht über mich ... Er kann alles mit mir machen, was er will ... alles ... alles!“

Suzy barg ihr Gesicht in den Händen. Jack presste die Hand des Mädchens. Eiskalt schlug ihm der Hauch einer fremden Welt entgegen. Mein Gott, gab es denn so etwas überhaupt noch?

„Miss Pagan, um Himmels willen, reden Sie doch weiter! Wer ist ER? — Was ist das für ein Amulett? — Das ist ja finsterster Aberglaube! — Hören Sie, Miss Pagan ...“ Aber Suzy hörte nicht. Ihr Gesicht war bleich und reglos. Die Augen geschlossen. Ihre Schultern sanken zusammen. Minuten verharrte sie so. Dann öffnete Suzy langsam die Augen, sah mit müdem Blick auf die Armbanduhr.

„Ich glaube nicht, dassSie mich verstehen können, Mr. Braden. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Rangun. Dort bin ich aufgewachsen. Es gibt dort viele Dinge, die Ihnen fremd sind ...“ Sie löste ihre Hand aus Jacks Griff.

„In zwanzig Minuten muss ich im Zirkus sein, Mr. Braden.“

Aus — vorbei. Schweigend saßen sie im Wagen, der sich hinauf nach Castleton Corners wand. Als die bunten Lichter des Zirkus in Sicht kamen, berührte Suzy leicht Jacks Arm.

„Bitte, halten Sie hier an, Mr. Braden. Und seien Sie nicht böse. Ich weiß, dass Sie mir helfen wollen, aber ...“

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921540
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
jack braden thriller treffpunkt tigerkäfig

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #2: Treffpunkt Tigerkäfig