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Ein Jack Braden Thriller #1: Karussell des Schreckens

2018 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Karussell des Schreckens

Copyright

1

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4

5

6

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9

Karussell des Schreckens

Ein Jack Braden Thriller #1

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Dick Perkins sitzt in Untersuchungshaft, weil er seinen Onkel, den Millionär James Bristol, ermordet haben soll – sein Motiv ist klar: ein Erbe von zwei Millionen Dollar. Er leugnet die Tat und engagiert den Privatdetektiv Jack Braden, um den wahren Mörder finden. Ein schwieriger Fall für Braden, denn Perkins hat kein Alibi. Noch komplizierter wird es, als Viola Bannister, Dick Perkins Ex-Freundin, bei Jack Braden auftaucht und ihm die Mordwaffe bringt, die Perkins gehört, und behauptet, der Tatverdächtige wolle sie umzubringen. Sie klingt überzeugend, und dem Detektiv kommen Zweifel – ist sein Klient möglicherweise doch ein Mörder ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Es klingelte.

Als Jack Braden die Wohnungstür öffnete, beeindruckten ihn zwei Dinge besonders stark: erstens die ungewöhnliche Schönheit des jungen Mädchens, das vor ihm stand, und zweitens die Tatsache, dass die Besucherin eine Pistole in der Rechten hielt.

Die Mündung der Waffe zielte genau auf sein Herz.

Jack Braden öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er klappte ihn wieder zu, als die alte Fayence-Uhr im Wohnzimmer zu schlagen begann. Er liebte ihren zarten, romantischen Ton. Die Uhr schlug zwölfmal.

Mitternacht.

Jack lächelte. „Hätten Sie nicht eine Minute früher kommen können?“, fragte er. „Jetzt muss ich Sie mit 'Guten Morgen'“ begrüßen. Es wäre mir lieber gewesen, Ihnen einen 'Guten Abend' zu wünschen.“ Er räusperte sich. „Sie wollen mich sprechen?“

Die Besucherin war nicht viel älter als zwanzig Jahre. Sie trug ein anthrazitfarbiges Kostüm von raffiniert einfachem Schnitt. Die große Handtasche, die an ihrem Arm baumelte, war aus dem gleichen grob genarbten Krokodilleder gefertigt wie ihre hochhackigen Pumps. Das Mädchen war silberblond; das Haar hatte einen seidig metallischen Schimmer. Es sah zu perfekt aus, um wirklich echt sein zu können.

„Ja“, erwiderte das Mädchen. „Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.“

„Sie haben Sinn für das Dramatische“, erklärte er. „Ihr Auftritt entbehrt nicht einer gewissen Spannung.“

„Ich hielt es für einen guten Gedanken, Sie um Mitternacht in Ihrer Wohnung aufzusuchen“, meinte das junge Mädchen mit einer dunklen, etwas rauchig wirkenden Stimme, die im merkwürdigen Kontrast zum strahlenden Blau ihrer hellen Augen stand. „Oder gehören Sie zu den Männern, die vor dem Ungewöhnlichen kapitulieren?“

Jack betrachtete die kleine hässliche Öffnung am vorderen Ende des Pistolenlaufes. Er stellte fest, dass die Hand des Mädchens nicht zitterte. Wie immer man auch über diese seltsame Situation denken wollte: Sicher war, dass das Mädchen sich in ihr zu Hause fühlte.

„Darf ich mir die Frage erlauben, welche Bedeutung dem Schießeisen in Ihrer wohlgeformten Rechten zukommt?“, erkundigte er sich höflich.

Das Mädchen hob die Brauen um wenige Millimeter. „Ich möchte feststellen, inwieweit es Sie beeindruckt.“

„Es ist eine solide, kleine Waffe“, bemerkte er. „Welchem Fabrikat geben Sie den Vorzug?“

„Ich dachte, Sie wüssten, dass es sich um eine Bernadelli handelt ...“

„Eine vorzügliche Marke“, nickte er. „Ich hoffe, Sie kennen die Eigenheiten dieser automatischen Waffen. Die Dinger haben die störende Angewohnheit, sich bei der geringsten unvorsichtigen Bewegung zu entladen ...“

„Ich bin froh, dass Sie darüber informiert sind“, meinte das Mädchen. „Es entbindet mich von dem Hinweis, dass man einer solchen Waffe mit gebührendem Respekt begegnen sollte. Wollen Sie mich nicht einlassen?“

„Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unhöflich, wenn ich erkläre, dass ich gar nicht daran denke, Sie in meine Wohnung zu bitten. So wenig ich mich sträube, eine, attraktive Blonde zu empfangen, so sehr bin ich dagegen, mich durch eine Pistole in meinen Entschlüssen beeinflussen zu lassen.“

,,Das haben Sie hübsch gesagt.“

„Ich bin glücklich, dass Ihnen die Formulierung gefällt ...“

„Ich bin hier, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen“, erklärte das Mädchen. Ein gutes Geschäft.“

„Über Geschäfte unterhalten wir uns am besten in meinem Office“, sagte er. „Es liegt, wie Sie wissen dürften, eine Etage tiefer. Sie können mich dort jeden Tag erreichen — fast jeden Tag. Ich empfehle Ihnen, eine Verabredung mit meiner Sekretärin zu vereinbaren. Miss Barris wird Ihnen gern einen Termin nennen.“

„Der Vorschlag, den ich Ihnen zu machen habe, duldet keinen Aufschub, Mr. Braden. Deshalb komme ich jetzt zu Ihnen.“

„Also gut — sprechen Sie!“

„Hier, im Hausflur?“

„Wenn Sie bereit sind, die Kanone in Ihrer Handtasche zu verstauen, führe ich Sie in die Wohnung.“

Das Mädchen lächelte. Obwohl das Lächeln voller Spott war, ließ es das ovale, bronzefarbig getönte Gesicht noch reizvoller erscheinen, als es ohnehin schon war. Jack Braden stellte fest, dass das Mädchen ungewöhnlich lange, schlanke Beine hatte; die biegsame, elastische Figur deutete an, dass die Besucherin viel Sport trieb.

„Das lässt sich machen“, erklärte die Besucherin. Sie verstaute die Pistole in der Tasche. Dann ging sie an Jack vorbei ins Innere der Wohnung. Der Hausherr folgte ihr und einer zarten Duftwolke von Molyneux.

Im Wohnzimmer blieb das Mädchen stehen, um die Einrichtung zu mustern. „Sie haben Geschmack“, bemerkte sie mit sachlich-kühler Stimme. „Und Geld.“

„Für die zuerst getroffene Feststellung bedanke ich mich. Was die zweite betrifft, muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie sich im Irrtum befinden.“

,,Mag sein — und dafür gibt es sogar eine plausible Erklärung. Wer viel verdient und sein Geld für so vorzügliche Antiquitäten ausgibt, hat am Ende nicht viel übrig. Ich weiß, was heutzutage gute Antiquitäten kosten.“

Er fragte sich, ob er sie nicht schon einmal gesehen hatte — auf irgendeiner der Auktionen, die er gelegentlich besuchte, um ein wertvolles Stück für seine Sammlung zu ergattern. Er fand auf die Frage keine Antwort. „Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

„Danke“, sagte das Mädchen und setzte sich. Sie schlug die Beine übereinander und zog den Rock bis an die Knie. Die Tasche legte sie auf den Schoß.

„Darf man Ihren werten Namen erfahren?“, fragte Jack, der dem Mädchen gegenüber Platz nahm.

„Warum nicht? Aber erst muss ich wissen, ob Sie bereit sind, meine Interessen zu vertreten.“

„Sie wollen, dass ich für Sie arbeite?“

„So ist es.“

„Eines verstehe ich nicht“, meinte Jack Braden erstaunt. „Weshalb benutzen Sie, um meine Mitarbeit zu gewinnen, eine Pistole? Eine Waffe ist, finde ich, kein sehr gutes Argument, wenn man gemeinsame Interessen verfolgen will.“

Das Mädchen lächelte. Sie zeigte dabei zwei Reihen blendend weißer, untadelig gewachsener Zähne. In ihrer Art waren sie genauso vollkommen wie das silberblonde Haar. Da das Mädchen zu jung war, um ein Gebiss zu tragen, fragte sich Jack, ob nicht auch die Haartönung echt sein könnte.

„Ich wollte mich vergewissern, ob Sie so kaltblütig und furchtlos sind, wie behauptet wird“, sagte sie.

„Ist der Test zu Ihrer Zufriedenheit ausgefallen?“

„Die Mutprobe haben Sie bestanden. Und doch bleibt ein Rest von Zweifel zurück ...“

„Zweifel woran?“

„Zweifel an Ihrer beruflichen Qualifikation“, sagte das Mädchen ruhig.

„Sie machen mich neugierig.“

„Mit dem Pistolenmanöver verfolgte ich dreierlei. Die erste Absicht kennen Sie nun. Ich wollte gleichzeitig wissen, wie gut Sie sich mit Waffen auskennen. Leider musste ich mich belehren lassen, dass Ihre Kenntnisse auf diesem Sektor noch beträchtliche Lücken aufweisen.“

Jetzt lächelte Jack Braden. „Ich muss Sie enttäuschen. Ich erkannte sofort, dass es sich um eine Bernadelli handelt. Ich kann Ihnen sogar sagen, dass die Waffe aus der 37er Serie mit dem alten Spannsystem stammt — es ist eine Pistole von hoher Zielgenauigkeit, die man jedoch wegen der schweren Bedienbarkeit im Jahre 38 durch ein neues Modell ersetzte ...“

„Sie haben also vorhin geflunkert?“

„Damit verfolgte ich einen Zweck, genau wie Sie. Ich wollte wissen, inwieweit Sie mit Waffenfabrikaten vertraut sind.“

„Ich verstehe davon herzlich wenig“, erklärte das Mädchen und hob das Kinn. „Kommen wir zur Sache. Haben Sie Zeit, für mich einen Fall zu übernehmen?“

„Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Den wichtigsten davon will ich vorausschicken. Können Sie sich ein paar Tage oder Wochen gedulden?“

„Nein.“

„Dann sind Sie an der falschen Adresse.“

„Keineswegs. Ich habe Sie aus sehr gewichtigen Gründen gewählt. Darüber erfahren Sie bald mehr. Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass Sie meinen Auftrag akzeptieren.“

„Sie vergessen, dass ich mich augenblicklich mit einem sehr wichtigen Fall befasse. Ich akzeptiere niemals mehr als einen Auftrag zur gleichen Zeit. Es geht um die Affäre Bristol. Sie haben vermutlich davon gehört?“

„Natürlich. Man kann ja kaum eine Zeitung aufschlagen, ohne nicht über den Namen zu stolpern. Und außerdem ...“

„Außerdem?“

„Nun, ich möchte jetzt meinen Test Ihrer Fähigkeiten fortführen. Sie erinnern sich, dass ich durch drei Gründe dazu bewogen wurde, Ihnen mit der Pistole gegenüberzutreten.“ Sie lächelte „Wollen Sie weitersprechen?“

„Gern. Sie haben mir bis jetzt erst zwei Gründe genannt“, sagte Jack.

„Stimmt. Versuchen Sie doch, mit Hilfe Ihres kriminalistischen Spürsinns den dritten Grund zu erraten!“

„Das ist wirklich nicht schwierig“, meinte er kühl. „Die Bernadelli ist vermutlich die Mordwaffe!“

„Bravo”, rief das Mädchen. „Wie sind Sie so schnell dahintergekommen?“

„Ein junges, schönes Mädchen besucht mich zu einer Zeit, da es sicher sein kann, von keinem Menschen gesehen zu werden. Das Mädchen trägt eine Bernadelli bei sich — und es taucht zu einem Zeitpunkt auf, da ich mich mit dem Fall Bristol beschäftigte. James Bristol wurde bekanntlicherweise mit einer Bernadelli erschossen. Die Mordwaffe wurde nie gefunden ...“

„Würde Ihnen viel daran liegen, die Mordwaffe in Ihren Besitz zu bringen?“

„Davon könnte unter Umständen das Leben meines Mandanten abhängen“, räumte Jack ein.

„Sie halten Dick Perkins für unschuldig?“

„Ich glaube nicht, dass er Bristol umgebracht hat.“

„Dick hatte ein Motiv“, sagte das Mädchen.

„Ich weiß“, nickte Jack. „Bristol war sein Onkel und Vormund, und Dick ist der Nutznießer von Bristols Tod. Dem Testament zufolge kann Mister Perkins — vorausgesetzt, dass es ihm gelingt, die Mordanklage abzuwenden — mit einer Erbschaft von zwei Millionen Dollar rechnen.“

„Das ist nicht alles, was Dick belastet“, meinte das Mädchen spöttisch.

„Sie haben recht“, sagte Jack. „Zwei Punkte fallen fast noch stärker ins Gewicht. Punkt eins: Dick Perkins hat für die Tatzeit kein Alibi, und Punkt zwei: Er gibt zu, eine Bernadelli-Pistole besessen zu haben. Merkwürdigerweise befindet sich diese Waffe nicht mehr in seinem Besitz. Mister Perkins behauptet, dass sie ihm gestohlen worden sei ...“

„Und das glauben Sie?“

„Oh ja“, sagte Jack. „Dem Mörder ging es ohne Zweifel darum, den Verdacht auf Perkins fallen zu lassen. Der Mörder hat gewusst, dass Perkins eine Bernadelli-Pistole besitzt. Deshalb hat er Perkins die Pistole geraubt und damit später Bristol umgebracht ...“

„Das hört sich ganz gut an — aber diese Folgerung ist völlig wertlos, wenn es Ihnen nicht gelingt, sie durch konkrete Beweise zu untermauern.“

„Darin stimme ich Ihnen zu. Mein Problem besteht darin, den Mörder und die Mordwaffe zu finden. Das Letztere scheine ich ja geschafft zu haben ...“

„Sie sind sicher, dass ich Ihnen die Mordwaffe ohne Weiteres überlasse?“

Jack lächelte matt. „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie dafür einen bestimmten Preis fordern.“

„Oh ja — den verlange ich.“

„Schießen Sie los“, sagte Jack. „Wie viel?“

„Kein Geld“, erklärte das Mädchen. „Ich brauche nur die Zusicherung, dass Sie mich unterstützen werden. Ich benötige Sie für die Klärung eines wichtigen Falles.“

„Für einen konstruierten Fall, nehme ich an?“, fragte Jack spöttisch.

„Ich muss gestehen, dass mir die sicherlich feinsinnige Pointe Ihrer Bemerkung entgangen ist.“

Jack zuckte die Schultern. „Ich könnte mir denken, dass es Leute gibt, denen etwas daran liegt, Dick Perkins hängen zu sehen. Offen gestanden sieht es so aus, als habe Dick Perkins auf dieser schnöden Welt nicht einen einzigen Freund ...“

„Sie ausgenommen, wie?“, fragte das Mädchen mit leisem Hohn. „Sie setzen doch auf seine Karte, nicht wahr? Ich kann das begreifen. Vielleicht hat er Ihnen hunderttausend Dollar versprochen, oder sogar eine Million. Für ihn geht es schließlich um Tod oder Leben — und alles spricht dafür, dass der Henker bald Arbeit bekommen wird.“ Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Dick Perkins ist ein ziemlich unausstehlicher junger Mann — verwöhnt, eigensinnig und verdorben. Wie kommt es, dass Sie sich seiner erbarmt haben? Ich kann mir wirklich nur einen Grund denken: Sie hoffen auf einen hohen materiellen Gewinn. Möchten Sie Ihre Antiquitätensammlung um einige wertvolle Stücke bereichern?“

„Die Sammlung, die Sie hier sehen, ist mir sehr ans Herz gewachsen“, sagte Jack, „aber es gibt eine Sammlung, die mir noch mehr bedeutet. Diese Sammlung ist unsichtbar. Es ist die Sammlung erfolgreich abgeschlossener Fälle. Sie werden verstehen, dass ich sie um den Fall Bristol erweitern möchte.“

„Für Sie ist es ein Fall Perkins!“

„Wie Sie wollen Die Gegner des jungen Perkins haben natürlich ein Interesse daran, ihn um seine Chance zu bringen. Diese Leute wollen, dass er verurteilt wird. Für sie ist er der Prototyp des Playboys, des reichen, nutzlosen Müßiggängers — für sie ist er der Parasit par excellence.“

„Ist Dick das nicht gewesen?“

„Gewiss“, bestätigte Jack. „Das alles war er. Aber deshalb sitzt er nicht Untersuchungshaft. Er ist angeklagt, seinen Onkel aus niedrigen Beweggründen ermordet zu haben. Perkins bestreitet das. Ich glaube ihm — und nur deshalb habe ich mich bereit erklärt, seinen Fall zu übernehmen. Seinen Gegnern liegt daran, meine Arbeit zu sabotieren. Das könnte geschehen, indem man mich zu kaufen versucht, oder, wie in Ihrem Fall, auf eine neue, vielleicht nur fingierte Sache ansetzt ...“

„Sie trauen mir allerhand zu.“

„Dazu habe ich guten Grund. Wie kommt die Mordwaffe in Ihren Besitz?“

„Dick hat sie mir gebracht.“

„Dick Perkins?“

„Von dem ist die Rede.“

„Nennen Sie mir endlich Ihren Namen!“

„Ich heiße Viola Bannister. Meine Freunde nennen mich Vi. Genügt Ihnen das?“

„Dick hat Sie mir gegenüber nie erwähnt.“

„Warum hätte er das tun sollen? Er ist daran interessiert, dass ich im Dunkel bleibe. Schließlich will er, dass die Waffe nicht gefunden wird ...“

„Was hat Sie bewogen, das Dunkel zu verlassen?“

Das Mädchen lächelte. Diesmal war ihr Lächeln nicht spöttisch. Es war undurchsichtig und sphinxhaft. Gleichzeitig wirkte es fast ein wenig grausam. „Auch ich möchte Dick Perkins hängen sehen“, sagte sie. „Lieber heute als morgen.“

„Das klingt ehrlich. Jetzt weiß ich, warum Sie hier sind“, sagte Jack. „Aber kommt dieser Wunsch nicht ein wenig plötzlich? Perkins sitzt seit vier Wochen in U-Haft. Sie tauchen jedoch erst heute mit der Waffe auf ...“

„Es ist kein leichter Entschluss, den ehemaligen Geliebten dem Henker auszuliefern“, erklärte das Mädchen und blickte an Jack vorbei.

„Dick ist Ihrer Ansicht zufolge schuldig am Tode seines Onkels?“

„Es gibt keine Frage, dass Dick seinen Onkel ermordet hat“, erwiderte Vi Bannister.

„Wie wollen Sie das beweisen?“

„Dick hat mir am Abend der Tat die Waffe gebracht. Die Bernadelli trägt die Nummer M 45 678 — dieselbe Nummer die auf Dicks Waffenschein eingetragen ist. Aus der Waffe wurden zwei Schüsse abgegeben; die Kugeln, die im Magazin fehlen, wurden in jener Nacht aus dem Körper des toten Bristol geholt ...“

„Aber das wissen Sie schon seit Langem! Wollen Sie mir einreden, Sie hätten ausgerechnet heute Nacht Ihr Gewissen entdeckt? Und dann: Weshalb kommen Sie zu mir? Warum gehen Sie nicht zur Polizei?“

„Das kann ich nicht. Mein Name darf im Zusammenhang mit dieser Affäre nicht fallen.“

„Sie fürchten einen Skandal?“

„Wenn es nur das wäre ...“, sagte das Mädchen mit tonloser Stimme.

„Drücken Sie sich ein wenig klarer aus, bitte!“

Vi Bannister lächelte. Diesmal wirkte ihr Lächeln sehr bitter. „Ich bin einundzwanzig Jahre alt“, sagte sie. „Können Sie verstehen, dass ich den Wunsch habe, noch nicht von der Lebensbühne abzutreten? Ich verspüre keine Lust, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Mister Bristol. Ich will nicht ermordet werden!“ Sie verzog die Lippen und blickte Jack voll an. „Oder finden Sie, dass ich eine hübsche Leiche abgeben würde?“

Eine Sekunde lang war es so, als stünde die in den Worten enthaltene Bedrohung fast greifbar deutlich im Raum.

Dann sagte Jack: „Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, dass Leichen weder hübsch noch hässlich sind. Wenn es sich bei den Leichen um Opfer von Verbrechen handelt, sind sie vor allem eins: unnötig. Das ist einer der Gründe, die mich dazu gebracht haben, das Verbrechen zu bekämpfen.“

„Ich wusste, dass ich bei Ihnen an der richtigen Adresse bin“, meinte Vi Bannister.

„Langsam“, warnte Jack Braden. „Erst müssen Sie den Nachweis führen, dass Sie tatsächlich bedroht sind ...“

„Ich sehe ein, dass Sie Fragen stellen müssen. Fangen Sie ruhig an!“

„Sie behaupten, Dick Perkins' Geliebte gewesen zu sein. Waren Sie mit ihm verlobt?“

„Nein. Aber wir hatten vor, zu heiraten.“

„Billigten Ihre Eltern diese Wahl?“

„Meine Eltern waren dafür. Sie sind es noch immer.“

„Ihre Eltern stoßen sich also nicht an dem schlechten Ruf, den Perkins ganz allgemein genießt?“

„Nein.“

„Ihre Eltern haben auch nichts dagegen, dass Perkins einer Mordanklage entgegensieht?“

„Natürlich missfällt ihnen das. Sie hoffen jedoch, dass Sie es schaffen werden, Dick freizuboxen.“

„Mit anderen Worten: Die Vorstellungen Ihrer Eltern stehen im krassen Widerspruch zu Ihren eigenen Wünschen und Hoffnungen. Wissen Ihre Eltern, dass Sie hier sind?“

„Natürlich nicht.“

„Sind Ihre Eltern darüber informiert, dass Sie Dick Perkins für einen Mörder halten?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Meine Eltern bauen noch immer auf eine Verbindung zwischen Dick und mir. Papa spekuliert auf einen Teil der Erbschaft, die Dick erwartet. Papa hofft dass Dick einen Teil des Geldes in der Firma investieren wird.“

„In der Firma Ihres Vaters?“

„Ganz recht. Papa sagt, dass die Bannister Incorporated dringend eine solche Spritze braucht. Die Banken sind anscheinend nicht länger gewillt, den Betrieb zu stützen. Papa hat große Mühe, die Mittel aufzutreiben, um die Krise zu meistern:“

„Hat Perkins versprochen, Sie zu heiraten?“

„Ja.“

„Wie lange kennen Sie ihn?“

„Ein halbes Jahr — vielleicht auch ein paar Monate mehr.“

„Wo lernten Sie ihn kennen?1'

„Hier in New York, auf einer Party. Ich fand ihn anziehend und abstoßend zugleich. Sie wissen ja, wie er ist: ein Bursche, der sich auf sein blendendes Aussehen einiges zugute hält, und der voller verrückter Einfälle steckt. Die Girls waren immer scharf hinter ihm her. Natürlich schmeichelte es mir, dass er die anderen stehen ließ, um mit mir flirten zu können ...“

„Okay, Perkins will Sie heiraten. Er war Ihr Geliebter und kann Ihnen also nicht gleichgültig gewesen sein. Ihre Eltern hoffen auf diese Heirat — und trotzdem finden Sie sich plötzlich bei mir ein, voller Hass und Verachtung für Perkins, und anscheinend fest entschlossen, ihn ans Messer zu liefern.“

Jack Braden schwieg eifrige Sekunden. Er musterte das Mädchen, weil er hoffte, dass ihre Züge etwas von dem preisgeben würden, was sie bewegte, aber er musste feststellen, dass Vi Bannister das Spiel ihrer Gesichtsmuskeln hervorragend unter Kontrolle zu halten vermochte.

„Warum sind Sie hier?“, fragte er. „Warum wollen Sie Dick Perkins plötzlich vernichten?“

„Ich will ihm zuvorkommen“, sagte das Mädchen.

„Zuvorkommen?“

„Ganz recht — ich will ihn töten, bevor er mich tötet.“

„Wissen Sie, was Sie da sagen? Das ist doch absurd! Dick kann niemandem ein Leid zufügen. Er sitzt im Untersuchungsgefängnis.“

„Er hat Freunde.“

„Sie glauben, dass er den Auftrag erteilt hat, Sie aus dem Wege zu räumen?“

„Dafür gibt es Beweise.“

„Lassen Sie hören!“

„Vor einer Woche ging es los. Als ich aus dem Theater kam, wurde auf mich geschossen. Ich wollte gerade in meinen Wagen steigen, als es passierte. Erst dachte ich, der Knall rühre von der Fehlzündung eines Autos her — aber dann knallte es erneut, und irgendetwas berührte mich wie eine feurige Lohe. Eine Kugel schlug dicht neben mir in das Wagendach ...“

„Sie wissen nicht, wer geschossen hat?“

„Ich sah, wie ein Plymouth älterer Bauart sich in hoher Geschwindigkeit entfernte. Das ist alles. Ich konnte nicht erkennen, wer sich in dem Wagen befand.“

„Sie waren allein, als es passierte?“

„Ja.“

„Gibt es Zeugen für den Vorfall?“

„Ein alter Mann war in der Nähe. Ich glaube, er hat nicht begriffen, worum es ging. Ich bin sofort eingestiegen und losgefahren. Die Kugel steckt noch immer in meinem Wagendach.“

„Bei diesem Anschlag ist es nicht geblieben?“

„Nein. Vor drei Tagen, als ich die Straße überqueren wollte, konnte ich mich nur durch einen Sprung davor retten, von einem bei Rot anfahrenden Wagen überrollt zu werden ...“

„Haben Sie sich die Nummer des Wagens gemerkt und Anzeige erstattet?“

„Es war ein Chevy — neuestes Modell. Ich war so erschrocken, dass ich keine Zeit fand, mir die Nummer einzuprägen. Der Wagen verschwand mit heulenden Reifen um die Ecke ...“

„Hm“, machte Jack. „Falls das, was Sie sagen, zutrifft, sieht es nicht sehr gut aus ...“

„Ich fing an, mir Gedanken zu machen. Weshalb, so fragte ich mich, kann jemand daran interessiert sein, mich aus dem Wege zu räumen? Ich fand darauf nur eine Antwort. Dick ist im Gefängnis zu der Überzeugung gelangt, dass es ein Fehler war, mich zur Mitwisserin zu machen! Er hat deshalb beschlossen, mich zum Schweigen zu bringen.“

„Diese Annahme ist durch nichts begründet“, sagte Jack.

„Haben Sie eine bessere Erklärung für die Mordanschläge?“, fragte das Mädchen.

„Ihre Kombination enthält einen grundlegenden Fehler“, erklärte Jack. „Sie glauben, dass Dick Perkins Freunde hat, die für ihn einen Mord begehen würden. Wenn diese Annahme zutrifft, stellt sich die Frage, weshalb er die Mordwaffe nach der Tat ausgerechnet Ihnen und nicht seinen Freunden überließ — oder weshalb er sie nicht einfach in den Fluss warf.“

„Es gibt keinen Menschen, der Grund hätte, mich zu töten — Dick ausgenommen!“

„Ich denke, er liebt Sie? War er nicht bereit, Sie zu heiraten? Und Sie? Haben Sie nicht Ihr Einverständnis dazu gegeben? Wie kommt es, dass Sie Ihre Ansicht änderten? Haben Sie Dick Perkins davon in Kenntnis gesetzt? Weiß er, dass Sie an der geplanten Verbindung nicht länger interessiert sind?“

„Ja“, sagte das Mädchen. „Vor seiner Verhaftung hat er mir das Versprechen abgenommen, ihn niemals im Gefängnis zu besuchen, falls etwas schiefgehen sollte. Durch einen Freund, der ihn besuchte, ließ ich Dick informieren, dass ich nach heftigen inneren Kämpfen zu dem Entschluss gekommen sei, die Heiratszusage zurückzunehmen. Ich habe Dick gleichzeitig mitteilen lassen, dass ich mir das Leben an der Seite eines Mörders einfach nicht vorstellen kann — und das ist die Wahrheit.“

„Nun glauben Sie, dass Perkins daraufhin befürchtete, Sie könnten auf der ganzen Linie umfallen? Sie nehmen an, dass er Sie aus diesem Grund töten will?“

„Ich bin überzeugt davon, dass es so ist. Deshalb komme ich zu Ihnen.“

„Ich werde morgen mit Dick sprechen. Sagte ich morgen? Der Tag hat ja bereits begonnen! In ein paar Stunden sitze ich Perkins gegenüber ...“

„Er wird bestreiten, etwas mit der Geschichte zu tun zu haben. Aber er kann unmöglich in Abrede stellen, dass er mich kennt und dass er vor nicht allzu langer Zeit bereit und entschlossen war, mich zu heiraten.“

„Darf ich jetzt die Pistole haben?“

„Vorher müssen Sie mir versprechen, dass Sie die Waffe nicht verschwinden lassen. Sie wissen, welchen Wert die Pistole hat. Wenn Sie meinen Besuch leugnen und die Pistole vernichten, hätte Dick vielleicht noch eine Chance, der Gerechtigkeit zu entgehen.“

„Ich bin kein Mann, der einen Mörder deckt.“

„Aber Sie verteidigen ihn!“

„Ich bin nicht sein Anwalt. Ich verteidige ihn nicht. In meiner Eigenschaft als Privatdetektiv bin ich lediglich darum bemüht, Material für seine Unschuld zu sammeln.“

„Mit der Pistole erreichen Sie genau das Gegenteil!“, sagte das Mädchen.

„Wenn sich wider Erwarten herausstellen sollte, dass Perkins, entgegen seinen Behauptungen, ein Mörder ist, werde ich mich von ihm trennen. Für Mörder arbeite ich nicht.“

„Auch dann nicht, wenn sie gut zahlen?“

„Unter keinen Umständen.“

„Was werden Sie mit der Mordwaffe anstellen? Werden Sie sie zur Polizei bringen?“

„Im Grunde wäre das Ihre Aufgabe.“

„Sie wissen, dass ich nichts damit zu tun haben möchte“, erklärte Vi Bannister.

„Sie machen es sich einfach!“

„Keineswegs. Ich bin zu Ihnen gekommen, um aus dem gegenwärtigen Dilemma einen Ausweg zu finden. Selbstverständlich sehe ich ein, dass ich dafür einen entsprechenden Preis zahlen muss. Ich bin bereit, das zu tun ...“

„An welchen Preis denken Sie?“

„An Geld natürlich!“

„Ich bin nicht gerade billig ...“

„Das ist mir völlig klar“, meinte das Mädchen spöttisch. „Was verlangen Sie? Fünftausend? Zehntausend? Sie werden bekommen, was Sie fordern. Voraussetzung dafür ist, dass Sie die Mordanschläge stoppen, die auf mich verübt werden. Ich will wissen, wer sich dahinter verbirgt! Außerdem soll Dick Perkins, falls sein Schuldanteil in dieser Sache erwiesen werden sollte, für seine Verbrechen büßen! Können Sie mir versichern, dass Sie für die Erfüllung dieser Forderungen eintreten werden?“

„Die Pistole!“, bat Jack.

„Sie müssen erst meine Frage beantworten.“

Jack zuckte die Schultern. „Ich fühle mich noch an Mister Perkins Auftrag gebunden“, sagte er. „Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich erst mit ihm sprechen muss.“

„Er wird Sie belügen! Er hat Sie schon die ganze Zeit angeschwindelt ...“

„Bisher konnte ich dafür noch keine Anhaltspunkte entdecken — und ich bin zuweilen ein sehr skeptischer und misstrauischer Bursche“, sagte Jack.

„Aber die Waffe beweist doch, dass er der Mörder sein muss!“, sagte das Mädchen.

„Die Waffe beweist gar nichts“, erklärte Jack ruhig.

„Das verstehe ich nicht! Stellen Sie sich jetzt dumm?“, fragte Vi Bannister.

„Sie behaupten, dass Perkins schwindelt. Perkins wird sagen, dass Sie eine Lügnerin sind. Stimmt's?“

„Ich wette, dass es so kommen wird ...“

Jack lächelte. „Mag sein, dass Perkins ein Schwindler ist. Ich muss aber auch an die Möglichkeit denken, dass S i e die ganze Zeit schwindeln!“

„Ich?“, fragte das Mädchen mit runden Augen und fassungsloser Stimme.

„Warum sollten ausgerechnet Sie mir die Wahrheit sagen?“, fragte Jack ruhig. „Es ist denkbar, dass Sie die Pistole aus Perkins Wohnung gestohlen haben, um ihn nach der erwarteten Verhaftung belasten zu können.“

„Aber das ist doch absurd! Das glauben Sie doch selber nicht!“, meinte das Mädchen empört.

„Wie war das an jenem Abend, als er Ihnen angeblich die Waffe brachte?“

„Er sagte, er hätte in Notwehr gehandelt. Dick behauptete, dass es zwischen ihm und seinem Onkel zu einem heftigen Streit gekommen sei. Der Onkel hätte ihm heftige Vorwürfe wegen des Lebenswandels gemacht, den Dick führt, und kategorisch gefordert, endlich eine vernünftige Arbeit anzunehmen. Bristol bekam dabei einen Tobsuchtsanfall — er stürzte sich auf Dick und würgte ihn!“

„Klingt wenig wahrscheinlich, was?“, fragte Jack.

„Sie glauben, dass ich Ihnen eine erfundene Geschichte auftische? Vielleicht ist sie tatsächlich erfunden — aber nicht von mir!“

„Erzählen Sie weiter“, bat Jack.

„Dick sah keine andere Möglichkeit, als seinen Onkel mit der Pistole zur Raison zu bringen. Sie wissen vermutlich, dass Bristol ein enorm großer und starker Mann war — ohne die Pistole hätte Dick gegen ihn keine Chance gehabt.“ Das Mädchen befeuchtete sich die spröde gewordenen Lippen mit der Zunge. „Haben Sie etwas zu rauchen da?“, fragte sie.

Jack erhob sich. Er holte ein Kästchen mit Zigaretten und hielt es ihr aufgeklappt hin. Vi Bannister bediente sich. Jack gab ihr Feuer. Dann stellte er das Kästchen beiseite und nahm wieder Platz.

„Der Onkel“, fuhr Vi Bannister fort, „ließ sich durch die Pistole, die Dick aus der Tasche zog, nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Der Anblick der Waffe trug lediglich dazu bei, seinen Zorn zu steigern! Er versuchte, Dick die Pistole zu entreißen, und dabei lösten sich die beiden verhängnisvollen Schüsse ...“

„Nehmen wir einmal an, dass Perkins diese Geschichte tatsächlich erzählt hat. Wollen Sie mir weismachen, dass Sie sie ihm abkauften?“

„Was blieb mir denn weiter übrig? Ich hatte Dick noch nie bei einer Lüge ertappt und glaubte ihm ...“

„Wer gesteht schon gern ein, zum Mörder geworden zu sein?“, fragte Jack. „Der erste Impuls bei einem solchen Unglücksfall besteht normalerweise darin, dass man die Spuren zu verwischen versucht.“

„Aber genau das hat er doch getan, indem er die Pistole bei mir versteckte.“

„Das ist Sache der Auslegung. Ich finde, damit hat er alles nur viel schlimmer gemacht. Er musste Sie in die Tat einweihen.“

„Warum nicht? Er traute mir. Ich war gewissermaßen seine Braut.“

„Irgendetwas stimmt nicht an dieser Geschichte ...“

„Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt“, erklärte das Mädchen.

Jack blickte sie an. Er sah, dass sie sehr hastig rauchte. Das überraschte ihn ein wenig; die Nervosität, die Vi Bannister jetzt zeigte, stand im heftigen Gegensatz zu der betonten Ruhe, die sie in der ersten Phase des Besuches gezeigt hatte.

„Dick kam an jenem Abend nicht nur wegen der Pistole zu mir“, sagte das Mädchen. „Er ersuchte mich, ihm ein Alibi zu beschaffen ...“

„Sie sollten vor der Untersuchungsbehörde gegebenenfalls aussagen, dass er bei Ihnen gewesen ist?“

„Ja“, nickte Vi Bannister. „Natürlich lehnte ich das ab. Schließlich erklärte ich mich jedoch bereit, die Pistole für ihn zu verwahren. Sie dürfen versichert sein, dass ich mich nie von der Waffe trennen würde, wenn nicht diese unheimlichen Mordanschläge erfolgt wären.“

„Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich wissen muss — zumindest in groben Umrissen“, sagte Jack. „Bitte, rufen Sie mich morgen an. So gegen vier Uhr nachmittags. Bis dahin werde ich eine Entscheidung getroffen haben ...“

In diesem Moment klingelte das Telefon.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Jack. Er stand auf und trat an den Apparat. Als er den Hörer abnahm, stellte er fest, dass Vi Bannister ihn ängstlich beobachtete. „Jack Braden“, meldete er sich.

Ein paar Sekunden war es am anderen Ende der Leitung völlig still, dann sagte eine männliche Stimme: „Sie ist noch bei Ihnen, nicht wahr?“

Jack legte einen kleinen Hebel um. Der Hebel setzte das Tonbandgerät in Tätigkeit, das den Anruf aufzeichnete.

„Wer spricht dort?“, fragte Jack.

„Das ist nicht wichtig“, meinte die männliche Stimme. Soweit es sich am Telefon beurteilen ließ, gehörte die Stimme einem jüngeren Menschen — einem Mann, der nicht älter als fünfundzwanzig sein konnte. „Ich muss Sie warnen. Vi Bannister ist gefährlich. Glauben Sie ihr kein Wort.“

„Und warum sollte ich ausgerechnet Ihnen glauben?“, erkundigte sich Jack ruhig.

Wieder war es einige Sekunden in der Leitung still, dann sagte der Mann am anderen Ende der Leitung: „Sie haben recht. Ich kann ein Schwindler sein. Ein Mann, der Vi Bannister hasst. Es gibt gewiss sehr viele Leute, die Grund dazu haben, Vi zu hassen. Vielleicht stimmt es sogar, dass ich dazu gehöre. Ich bin also nicht objektiv — aber trotzdem sage ich die Wahrheit. Vi Bannister ist gefährlich. Nehmen Sie sich vor ihr in Acht. Akzeptieren Sie weder ihre Behauptung noch ihre Wünsche — es könnte ins Auge gehen!“

Jack wollte noch etwas sagen, aber ein Knacken in der Leitung verriet ihm, dass der Teilnehmer aufgehängt hatte. Jack legte den Hörer auf die Gabel und stellte das Bandgerät ab.

Vi Bannister erhob sich. „Das galt mir, nicht wahr?“

„Ein Mann hat mich vor Ihnen gewarnt.“

„Und?“

„Kein und“, sagte Jack.

„Sie glauben ihm?“

„Ich halte nicht viel von anonymen Anrufern“, sagte Jack.

„Ich muss jetzt gehen“, erklärte Vi Bannister.

„Wollen Sie seine Stimme hören?“, fragte Jack.

„Wessen Stimme?“

„Die Stimme des jungen Mannes, der mich vor Ihnen warnte. Vielleicht kennen Sie ihn ...“

„Begehen Sie damit nicht einen Vertrauensbruch?“

„Anonyme Informanten haben keinen Anspruch auf Diskretion“, sagte Jack und stellte das Bandgerät an.

Während das Gespräch wiederholt wurde, beobachtete Jack die Gesichtszüge des Mädchens. Vi Bannisters Augen machten einen seltsam leeren Eindruck. Sie hatte das Kinn leicht erhoben, mit einem Anflug von Trotz und Unwillen.

„Ich kenne ihn nicht“, sagte sie, als das Band abgelaufen war.

„Aber Sie haben eine Vermutung?“

„Natürlich“, sagte sie. „Die Leute, die es auf mein Leben abgesehen haben, wünschen nicht, dass ich ihnen einen renommierten Detektiv auf den Hals hetze. Wer hat schon Lust, sich Jack Braden zum Gegner zu machen?“

„Vielen Dank für die Blumen“, meinte Jack.

Er brachte die Besucherin zur Wohnungstür.

„Bis morgen“, sagte Vi Bannister. „Ich rufe Sie pünktlich um vier Uhr an.“

„Die Pistole bitte!“

Vi Bannister lächelte dünn. „Ich habe es mir überlegt“, meinte sie. „Sie bekommen die Waffe erst morgen. Ich mache die Aushändigung von Ihrer Entscheidung abhängig.“

„Soll das eine kleine Erpressung sein?“, erkundigte sich Jack.

„Eine Vorsichtsmaßnahme, nichts weiter“, sagte Vi Bannister. „Grüßen Sie Dick von mir. Und beobachten Sie, wie er darauf reagiert!“

 

 

2

Als Jack Braden pünktlich um neun Uhr sein Office betrat, war Dawn Barris, seine Sekretärin, gerade dabei, die Morgenzeitungen auf dem Schreibtisch auszubreiten.

„Hallo, Sunny“, sagte er und durchquerte den großen, repräsentativ eingerichteten Raum. „Gut geschlafen?“

„Vielen Dank — einfach wundervoll!“

„Ein Jammer“, erklärte er seufzend und nahm hinter dem Schreibtisch Platz.

„Wieso?“, fragte Dawn und hob die seidigen, gewölbten Wimpern.

„Weil es mir beweist, wie wenig ich Ihnen bedeute“, sagte er grinsend und griff nach einer Zeitung. „Wenn ich in Ihrem Leben irgendeine Bedeutung hätte, würden Sie nachts kein Auge schließen können, Sunny ...“

„Sie machen mir Spaß!“, spöttelte Dawn und legte eine Hand auf die vollendete Rundung ihrer schmalen Hüfte. „Wenn ich Ihretwegen keinen Schlaf finden würde, wäre ich nicht in der Lage, frühmorgens im Office zu erscheinen. Ich könnte nicht für Sie arbeiten — ergo könnte ich Sie nicht sehen und den Zauber Ihrer Nähe genießen. Begreifen Sie jetzt, Jack, wie wichtig es für mich ist, in Sachen Nachtschlaf strengste Diät einzuhalten?“

Jack sagte: „Nein!“

Er sagte es nur halblaut und mit starrem, auf die Zeitung gerichteten Blick.

Dawn begriff sofort, dass sich das Nein nicht auf die Frozzelei bezog ...

„Was ist passiert?“, fragte sie.

„Haben Sie gelesen, was unter 'Letzte Meldungen' steht?“

„Nein, ich habe nur die Schlagzeilen überflogen.“

„Viola Bannister ist ermordet worden!“

„Wer ist Viola Bannister?“

„Ein Mädchen, das mich in der vergangenen Nacht besuchte.“

Dawn öffnete erstaunt die vollen roten Lippen. „Soll das heißen ...“, begann sie.

Er nickte. „Es muss passiert sein, nachdem sie mich verlassen hatte.“

Dawn setzte sich. „Was werden Sie jetzt tun?“

„Ich muss mich natürlich sofort mit der Polizei in Verbindung setzen.“

„Was wollte das Mädchen von Ihnen?“

„Sie versuchte, mich davon zu überzeugen, dass man ihren Tod will.“

„Und Sie haben sie gehen lassen?“

„Ich konnte ihren Auftrag nicht akzeptieren.“

„Warum nicht?“

„Weil er sich gegen Perkins richtete. Und Perkins ist, wie Sie wissen, mein Klient.“

„Glauben Sie, dass Perkins sich hinter dem Anschlag verbirgt?“, fragte Dawn.

Er blickte sie an. „Mit dieser Frage überraschen Sie mich“, sagte er. „Ich denke, Sie halten Perkins für einen verwöhnten, aber keineswegs verbrecherischen Nichtstuer?“

„Habe ich das einmal gesagt? Mag sein, dass das meine Ansicht war. Vielleicht trifft sie sogar zu. Und trotzdem ...“

„Trotzdem?“

„Dick Perkins ist jung und charmant. Für einen Mann hat er beinahe zu viel Charme, falls Sie verstehen, was ich damit sagen möchte. Es ist sehr schwer, diesen Burschen zu durchschauen.“

„Was soll ich nur tun?“, fragte Jack Braden stirnrunzelnd. „Ich kann doch nicht die Polizei anrufen und zu Protokoll geben, was ich von Viola Bannister erfahren habe! Schließlich richtete sich jedes ihrer Worte gegen Dick Perkins, unseren Klienten ...“

„Vielleicht sollten Sie zuerst mit Perkins sprechen“, riet Dawn.

„Falls ich dazu komme“, meinte Jack Braden. „Möglicherweise geht im nächsten Moment die Tür auf, und ein paar Beamte des Morddezernats spazieren herein.“

„Sie glauben, dass sie inzwischen dahinter gekommen sind, wo Viola Bannister heute Nacht war?“

„Damit müssen wir rechnen.“

„Wo ist sie ermordet worden?“

„Vor ihrem Elternhaus, auf dem Weg von der Garage zur Haustür“, sagte Jack.

„Erschossen?“

„Nein, erwürgt.“

Dawn schüttelte sich. „Das ist ja furchtbar! Wer hat sie entdeckt?“

„Ein Dienstmädchen, das ziemlich spät von einem Rendezvous nach Hause kam.“

„Ist Viola Bannister beraubt worden?“

„Davon steht nichts in der Zeitung Die Mittagsausgaben werden mehr bringen. Ich frage mich, was aus der Pistole geworden ist ...“

„Aus welcher Pistole?“

„Viola Bannister hatte eine Bernadelli bei sich — angeblich ist sie ihr von Perkins überlassen worden. Miss Bannister behauptete, dass es die Waffe sei, mit der Perkins seinen Onkel erschossen hat.“

„Warum haben Sie sich die Waffe nicht geben lassen?“

„Ich sollte sie heute bekommen.“

„Sie müssen sofort zu Perkins! Es ist besser, wenn Sie heute Vormittag im Büro nicht zu erreichen sind.“

„Guter Gedanke“, sagte Jack Braden und stand auf. „Ich fahre gleich los.“

 

 

3

Etwa eine Stunde später saß er seinem Klienten in der nach frischer Farbe riechenden Besucherzelle des Untersuchungsgefängnisses gegenüber.

Dick Perkins war ein schlanker, dunkelhaariger Bursche mit scharf geschnittenen Zügen und einem weichen, jungenhaft wirkendem Lächeln. Heute Morgen lächelte er freilich nicht. Er machte einen düsteren, deprimierten Eindruck.

„Sie sind heute früh auf den Beinen“, sagte er. „Bringen Sie gute Nachrichten?“

„Wie man's nimmt“, meinte Jack und blickte seinem Gegenüber in die Augen. „Vi Bannister ist tot.“

Perkins erwiderte den Blick. In seinem Gesicht zeigte sich nicht die kleinste Veränderung. „Vi Bannister?“, fragte er. „Wer, zum Teufel, ist das?“

„Vi behauptet, dass Sie sie heiraten wollten ...“

„Jetzt machen Sie mal 'n Punkt, Braden! Was soll dieser Quatsch?“

„Vi war der Ansicht, dass Sie unter Umständen glatt in Abrede stellen würden, was sie mir sagte ...“

„Wer ist diese Vi Bannister?“

„Fragen Sie lieber, wer sie war. Heute Nacht wurde sie vor ihrem Haus ermordet.“

„Warum blicken Sie mich dabei so vorwurfsvoll an? Sie werden hoffentlich nicht glauben, dass ich es war! Wenn ich mich wie eine Gestalt aus Tausendundeine Nacht durchs Schlüsselloch verflüchtigen könnte, hätte ich Besseres zu tun, als junge Mädchen zu erdrosseln!“

„Woher wissen Sie, dass Vi erwürgt wurde?“

„Das haben Sie doch gesagt!“

„Ich habe lediglich festgestellt, dass Vi Bannister ermordet wurde.“

„So? Das muss mir so rausgerutscht sein. Erschossen, erwürgt öder erstochen — was spielt das schon für eine Rolle? Mord ist Mord, oder? Beruhigen Sie sich, Braden. Ich kenne keine Vi Bannister. Wenn sie jung und hübsch gewesen sein sollte, bedaure ich ihren Tod aufrichtig. Sie sind doch hoffentlich nicht wegen dieser Sache hier? Kümmern Sie sich lieber um meinen Fall! Es wird Zeit, dass ich hier herauskomme!“

„Es ist nie ganz geklärt worden, wo Sie in der Mordnacht gewesen sind. Ein paar Zeugen haben Sie in der Nähe des Hauses Ihres Onkels gesehen ...“

„Ganz recht“, nickte Perkins. „Die Beobachtungen dieser Leute haben dazu beigetragen, den Mordverdacht zu verdichten! Dabei bin ich nur ein bisschen spazieren gegangen.“

„An dem Abend regnete es“, stellte Jack fest.

„Stimmt. Ich liebe es nun mal, im Regen spazieren zu gehen“, sagte Perkins.

„Stritten Sie sich oft mit Ihrem Onkel?“

„Das kam schon mal vor.“

„Aus welchen Anlässen?“

„Das Übliche. Er war mit mir nicht zufrieden. Er wünschte, dass ich's im Leben zu etwas bringe. Er wollte, dass ich mich 'bewähre' — das war sein Lieblingsausdruck. Aber weshalb hätte ich mich abstrampeln sollen? Auf mich warten Millionen. Hätte ich arbeiten sollen, um diese Summe zu erhöhen? Welch ein Unsinn! Aber es hatte keinen Zweck, mit dem Onkel darüber zu streiten. Uns trennten Welten voneinander.“

„Hat er jemals damit gedroht, Sie zu enterben?“, fragte Jack.

Perkins Augen verengten sich kaum merklich. „Ich weiß, weshalb Sie diese Frage stellen“, sagte er. „Sie halten es für möglich, dass ich meinen Onkel tötete, ehe er eine solche Drohung wahr machen konnte.“

„War es so?“

„Hören Sie, Braden — ich habe Sie nicht engagiert, um mich zu verdächtigen“, erklärte Perkins mit halblauter, bitterer Stimme. „Sie sollen mich hier rausholen! Wenn Sie meinen, dass Ihnen dazu die Begabung fehlt, oder wenn Sie plötzlich umfallen möchten — dann sagen Sie's mir!“

„Wenn Sie wirklich unschuldig sind, werde ich den wahren Mörder finden“, sagte Jack. „Ich muss aber die wirklichen Zusammenhänge kennen. Sie müssen sich mir rückhaltlos anvertrauen.“

„Okay — ich will es versuchen“, sagte Perkins nach einer kurzen Pause. „Mein Onkel hat tatsächlich damit gedroht, mich zu enterben ...“

„Warum erfahre ich das erst jetzt?“

„Hätte ich es früher sagen sollen? Dann hätten Sie mir misstraut und den Fall gar nicht erst angenommen!“

„Kennen Sie Vi Bannister?“

„Ja“, sagte Perkins und senkte die Lider.

„Wieso haben Sie bestritten, jemals etwas von ihr gehört zu haben?“

„Ich fürchte mich vor Vi.“

„Weshalb?“

„Sie ist ein Mädchen, das jedem, der sich mit ihr einlässt, Unglück bringt.“

„Das müssen Sie mir schon näher erklären!“

Perkins winkte ab. „Darüber möchte ich nicht sprechen. Vi hat mir einmal sehr viel bedeutet. Als ich erkannte, dass sie gemein und hinterhältig ist, ein kleines Biest, dem es nur um materielle Vorteile geht, kündigte ich ihr die Freundschaft.“

„Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“

„Etwa vier Wochen vor dem Tod meines Onkels.“

„Hat sie danach jemals versucht, mit Ihnen wieder in Verbindung zu treten?“

„Nur einmal.“

„Auf welche Weise?“

„Sie besuchte mich eines Abends ...“

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921533
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435056
Schlagworte
jack braden thriller karussell schreckens

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #1: Karussell des Schreckens