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Sun Koh Taschenbuch #15: Die Rache Tibets

2018 157 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Rache Tibets

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Die Rache Tibets

Sun Koh Taschenbuch #15

Phantastisches Abenteuer

von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 157 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh - Er war der Sohn der Sonne, dazu ausersehen, das Erbe eines sagenhaften Kontinents anzutreten. Die berühmte phantastische Abenteuerserie aus den dreißiger Jahren erscheint jetzt wieder neu. SUN KOH hat Millionen begeistert, er wird auch die heutige Generation mit seinen atemberaubenden Abenteuern in seinen Bann schlagen. Denn SUN KOH ist von zeitloser Aktualität - so zeitlos wie die Sonne, aus der er kommt.

In London taucht ein altes Pergament auf, in Samarkand läuft ein Mann um sein Leben, und der lahme Timur tötet noch Jahrhunderte nach seinem Tode. Hal Mervin und Nimba kommen ins Gefängnis, über Sun Koh schließt sich das Grab des großen Eroberers, und Kiang-schan flieht mit seiner Beute. Die Wüste ist groß, aber Sun Koh findet die Spur des Chinesen und stellt ihn in Lopnor. Kiang-schan rächt sich in Lhasa und hetzt in Taschi-Lhumpo, bis ihn schließlich doch die grausame Rache Tibets trifft.

 

Die phantastische Abenteuer-Serie SUN KOH von Freder van Holk erschien zum ersten Mal in den 1930er Jahren und wurde nach dem zweiten Weltkrieg in jeweils unterschiedlich bearbeiteten Heft- und Buchausgaben neu herausgebracht – zuletzt in einer Taschenbuchausgabe Ende der 1970er Jahre.

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So ist beispielsweise eine der Hauptpersonen Schwarzafrikaner und wird durchgängig als „Neger“ bezeichnet. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung.

Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1.

Durch Samarkand rannte ein Mann.

Man sah es an seiner Kleidung und am Schnitt seines Gesichtes, das er ein Usbeke war.

Er rannte, als hätte er in den Ketten des Altai Anlauf genommen und wollte erst weit draußen in den Steppen haltmachen. Seine Arme winkelten in kurzen, harten Stößen hin und her, seine Füße hämmerten die unregelmäßigen Steine, und der Kopf schien den Körper nach vorn zu reißen, so gierig und scharf war er in den Wind gestreckt.

Die Augen blickten starr nach vorn. Nur dann und wann, wenn die Straßen von einer anderen gekreuzt wurden, huschte sein Blick zur Seite.

Der Mann hatte Angst!

Sie flackerte in seinen Augen. Sie war es, die ihn so hetzte. Er jagte nach einem Ziel, das ihm Schutz und Sicherheit bieten konnte. Das wußte jeder, der ihm zufällig ins Gesicht blickte.

Doch das tat kaum jemand.

Die Gläubigen an den Moscheen hatten Besseres zu tun, als sich nach ihm umzusehen. Sie ließen sich in ihrer Andacht nicht stören. Und die bunte Menge, die sich um die lockenden Schätze der Basare drängte, fand erst recht keine Aufmerksamkeit für ihn. Allenfalls bemerkte einer der Perser oder Chinesen, die aus alter Gewohnheit ihre Augen nach allen Richtungen offen hielten, den rennenden Mann.

Der Usbeke rannte und rannte.

Sein Atem ging hart und keuchend, seine Rippen schmerzten, und seine Augen verschleierten sich.

Er rannte um sein Leben.

An blühenden Obstgärten vorbei, an weitgestreckten Schulen und prachtvollen Moscheen, an den starren Denkmälern des großen Timur, durch breite Straßen mit wunderbar schattigen Laubbäumen und durch enge Gassen mit lachenden, schreienden und feilschenden Menschen.

Nur einmal stoppte er, und dabei brach er fast zusammen.

Das war, als er aus einer der Gassen in eine breitere Straße einbiegen wollte. Im gleichen Augenblick kam ein Wagen in schneller Fahrt vorbei. Er passierte in zehn Meter Entfernung und hielt nicht an, aber der Usbeke benahm sich, als wäre er gegen eine Wand gestoßen. Er warf sich mit einem Schrei des Entsetzens zurück und sank in die Knie. Sein ganzer Körper zitterte sekundenlang. Dann wandte er sich um und hetzte in der anderen Richtung weiter.

Er rannte in den Tod hinein!

Als er um die Ecke bog und damit die Straße erreichte, die zum Distriktsgebäude führte, kamen von irgendwoher zwei matte, dumpfe Schläge. Der Usbeke zuckte hoch, taumelte mit einbrechenden Knien einige Schritte weiter, drehte sich halb auf die Seite und stürzte.

Er blieb reglos am Rand des Fahrwegs liegen.

Die Straße war wenig belebt. Die Nähe des Distriktkommissars machte die Luft unangenehm für alle Leute, die sich nicht für Russen hielten, sondern für Usbeken, Kirgisen, Parten Perser, Tadschiken oder was sonst noch alles. Hier wehte einiges von der scharfen Taschkenter Luft, bei der man sich leicht erkälten konnte. Wer es sich leisten konnte, mied dieses Viertel.

Die ersten Menschen, die sich dem Gestürzten näherten, waren ein hünenhafter Neger und ein Junge mit rötlich-blondem Haar, sommersprossigem Gesicht und schmächtigem, aber sehnigem Körper, der neben dem Neger wie eine Filigranfigur wirkte. Sie bogen aus einer anderen Nebenstraße auf die Hauptstraße ein und kamen an dem Liegenden vorbei.

Hal Mervin wies mit der Hand.

»Aha, da liegt ja einer. Ich sagte dir doch gleich, daß das zwei Schüsse durch einen Schalldämpfer hindurch waren. Komm, beeilen wir uns. Vielleicht ist ihm noch zu helfen.« Nimba blieb stehen.

»Machen wir lieber kehrt. Wir hängen sonst in einer Sache drin, die uns nur Unannehmlichkeiten bringt. Sun Koh hat ausdrücklich gesagt, wir sollten alles vermeiden, was…«

Hal winkte ab.

»Er hat bestimmt nicht gemeint, daß wir jemand verbluten lassen sollen. Was ist denn schon dabei? Sonst scheint sich ja niemand um den Mann zu kümmern.«

Nimba gab nach.

Der Usbeke lebte noch, als sie sich über ihn beugten, aber sie sahen, daß keine Hoffnung mehr für ihn bestand. Wahrscheinlich dauerte es nur noch Minuten. So konnten sie nicht mehr für ihn tun, als ihn bequemer zu legen.

Der Mann schlug unter einem tiefen Stöhnen die Augen auf. Sein Blick flackerte über die beiden Gesichter. Sein Arm zuckte.

»Ruhig liegen bleiben«, riet Hal auf Englisch, obgleich er nicht damit rechnete, daß ihn der Usbeke verstehen konnte. »Du bereitest dir nur Schmerzen, mein Freund.«

Überraschenderweise verstand ihn der Usbeke. Er formte englische Worte, ungeschickt, doch verständlich.

»Sie haben – mich erwischt. Ich wollte…«

Er keuchte einige Male, wobei blutiger Schaum über seine Lippen drang. Dann streckte er seine rechte Hand hoch, die zur Faust geballt war.

»Da – nehmen – viel wert. Vorsicht vor Reattle – und Kiang-schan…«

Dann war es aus. Bevor die beiden noch recht begriffen hatten, was er wollte, fiel die Hand wieder herab. Der Körper bäumte sich auf und streckte sich. Der Usbeke war tot.

Seine Hand hatte sich im Fallen geöffnet und einen zusammengeknüllten Zettel freigegeben. Jetzt verstanden sie, daß er ihnen den Zettel hatte geben wollen.

Hal nahm ihn auf und glättete ihn. Es war ein altertümlich wirkendes Stück Pergament mit irgendwelchen krausen Schriftzeichen darauf, die ebensogut Trittspuren von Vögeln wie menschliche Schriftzeichen sein konnten.

»Vielleicht ist es wirklich etwas wert?«

»Vermutlich mindestens ein Menschenleben.«

»Das ist manchmal nicht viel. Übrigens kommt dort die Polizei. Paß auf, versteck den Zettel unter diesen Stein.«

Hal ließ das Papier fallen. Eine der Steinplatten dicht neben dem Toten lag nicht fest auf. Das kam daher, daß eine Kante schräg nach unten weggesprungen war. In den Hohlraum preßte Hal den Zettel hinein. Das erledigte er unauffällig mit Hilfe seiner beiden Fußspitzen.

»Wenn du ihn eingesteckt hättest, wäre es genau so gut gewesen«, bemängelte Nimba. »Du mußt immer Theater spielen.«

Hal grinste.

»Was du nicht sagst! Und wenn es dem Polizisten einfällt, uns zu durchsuchen, werden wir wegen Leichenfledderei festgehalten.«

»Hm, auch wieder richtig«, gab Nimba zu. »Die tun wirklich so, als wollten sie uns mitnehmen.«

In der Tat kamen die zwei Dutzend Polizisten in drohender Haltung auf sie zugestürmt und schlössen einen Kreis um sie herum. Der Offizier, der sie befehligte, verzichtete auf jegliche Höflichkeit und erklärte barsch: »Sie haben den Mann erschossen, Sie sind verhaftet.«

»Was wimmert er?« fragte Hal, aber Nimba hob die Schultern, denn er kannte sich in der russischen Sprache auch nicht aus. Wenigstens das schien der Offizier jedoch zu begreifen. Er ging auf Englisch über.

»Sie sind Ausländer? Sie sprechen Englisch?«

»Geraten«, bestätigte Hal erleichtert. »Der Mann hier ist auf offener Straße erschossen worden.«

»Ich sehe es.« Der Russe nickte unfreundlich. »Und ich weiß auch, wer ihn erschossen hat. Kommen Sie mit.«

Hal schüttelte energisch den Kopf.

»Danke, wir haben etwas anderes vor. Wenn Sie etwas von uns wissen wollen, fragen Sie gleich.«

Der Offizier verzog die Lippen.

»Na schön, mein Junge, dann erzähle einmal, warum ihr den Mann erschossen habt.«

Hal zog die Brauen zusammen.

»Erstens bin ich nicht Ihr Junge, und zweitens haben wir ihn nicht erschossen. Wir kennen ihn überhaupt nicht. Wir sahen ihn nur am Weg liegen.«

»Kleiner Mann, großes Maul!«

»Großer Mann, kleines Gehirn!«

»Werde nicht frech, Bursche!« warnte der Offizier drohend. »Warum habt ihr den Usbeken erschossen?«

Hal wandte sich schulterzuckend ab.

»Sag du’s ihm noch mal, Nimba. Mir glaubt er’s nicht. Der Mann hat nicht genügend Grütze im Kopf, um sich auszurechnen, daß wir hier nicht auf ihn gewartet hätten, wenn wir den Mord begangen hätten.«

»Verdammt!« fluchte der Russe und griff nach Hal, aber der riesige Neger machte eine so drohende Bewegung, daß er doch lieber darauf verzichtete, Hal anzufassen.

»Wir haben den Mann nicht erschossen«, erklärte Nimba mit Nachdruck. »Wir hörten nur die Schüsse.«

»Hörten Sie?« höhnte der Russe. »Und Sie denken, daß ich Ihnen das glaube? Sie sind die einzigen, die sich in der Nähe befanden.«

»Der Mörder hatte Zeit genug, um zu verschwinden.«

»Sie tragen Waffen?«

»Ja.«

»Geben Sie her. Ich will sehen, ob Sie geschossen haben.«

Nimba griff nach seiner Pistole, ließ die Hand mitten in der Bewegung aber wieder sinken. Sein Gesicht hatte etwas Farbe verloren.

Hal sah es. Er wollte sich eigentlich nur vergewissern, ob Nimba wirklich bereit war, seine Pistole aus der Hand zu geben, oder ob er es für besser hielt, einen Kampf zu entfesseln. Jetzt merkte er, daß etwas nicht stimmte.

»Was ist, Nimba?«

Der Neger hob resigniert die Schultern.

»Ich habe doch gestern meine Pistole …«

»Au verflucht!«

»Wir kommen in die Patsche.«

»Na, dann gute Nacht, Liebling.«

Hal wußte jetzt, was Nimba viel zu spät eingefallen war. Und ringsherum standen zwei Dutzend Polizisten mit entsicherten Waffen.

»Na?« drängte der Offizier.

Nimba reichte ihm seine Pistole.

»Ich habe gestern damit geschossen und sie noch nicht gereinigt seitdem. Es fehlen zwei Schuß.«

»Ausgerechnet!« triumphierte der Russe. »Und jetzt will ich Ihnen einmal erzählen, wann Sie geschossen haben, nämlich…«

»Gestern!« unterbrach Hal scharf. »Ich war Zeuge. Lassen Sie durch einen Sachverständigen feststellen, daß die Pistole vor mindestens vierundzwanzig Stunden benutzt wurde.«

Der Offizier prüfte die Waffe und grinste.

»Ich bin selbst Sachverständiger, mein Kleiner. Und ich kann beschwören, daß die Pistole erst vor wenigen Minuten benutzt wurde. Ich werde euch eure Frechheiten abgewöhnen.«

»Schuft!«

»In der Zelle dürft ihr noch mehr schimpfen. Vorwärts!«

Da war nichts zu machen. Nimba und Hal fügten sich wohl oder über dem Befehl und ließen sich unter strenger Aufsicht in das Distriktsgebäude einliefern. Auf den zweihundert Metern bis dahin führte Hal Mervin ein Selbstgespräch, das erst abbrach, als er mit einem kräftigen Stoß in eine Zelle befördert wurde.

Weder Hal Mervin noch Nimba ahnten, daß sie ganz aus Versehen in eine abenteuerliche Angelegenheit hineingeraten waren, deren Anfänge örtlich wie zeitlich weit zurücklagen. Ein Zufall hatte sie in den Wirbel hineingesogen, und dabei wußten sie nicht einmal, daß sich Timurs Grab in Samarkand befand. Und noch weniger wußten sie von den Geheimnissen, die den schlichten Marmorblock über der Asche des großen Eroberers umgaben.

 

*

 

Grauer, nebliger Tag über London.

In einem nahezu ausgeräumten Zimmer der Lion Street saß Serge Stepano auf einer Kiste und betrachtete nachdenklich ein Kästchen, das er in seinen Händen hielt. Unglaublich, was seine Großmutter da alles aufbewahrt hatte. Große und kleine Andenken und ein Haufen Krempel, mit dem nun Schluß gemacht werden mußte. Wozu sollte er die große Wohnung halten. Die Großmutter war jetzt tot, und es hatte keinen Sinn, an Sentimentalitäten zu hängen. Das Zeug mußte fort. Der Auktionator würde es versteigern und hoffentlich etwas Geld herausschlagen.

Im Deckel des Kästchens befand sich auf der Innenseite ein Bild. Es war ein Miniaturporträt, und zwar so gut gemalt, daß es Serge Stepano leid tat, es auch wegzugeben. Er zog sein Taschenmesser heraus und führte einige Schnitte an der Fassung des Bildes entlang, so daß es sich ablöste.

Hinter dem Bild befand sich eine flache Vertiefung. In ihr lag ein zusammengefaltetes Pergament, das mit unverständlichen Schriftzeichen bedeckt war.

Er hielt es interessiert gegen das Licht. Dabei entdeckte er, daß es sich um den Teil eines größeren Blattes handelte, von dem es einst abgerissen worden war.

Ein Liebesbrief? Oder eine Chronik der jungen Frau, die auf dem Porträt dargestellt worden war? Wer weiß, wie lange das Pergament schon hinter dem Bild verborgen war.

Er steckte es zusammen mit dem Bild in seine Brieftasche. Vielleicht erfuhr er gelegentlich, was die Schriftzeichen bedeuteten. Sicher würde es ganz interessant sein, einiges über die Verstorbene zu erfahren.

Serge Stepano hatte in den nächsten Tagen mehr zu tun, als sich um alte Geschichten zu kümmern, Er vergaß Bild und Pergament.

Eine Woche später traf er in einem Café zufällig einen Mann, den er flüchtig von früher her kannte. Jim Reattle nannte er sich. Er hatte sich in vielen Ländern herumgetrieben, vor allem in Asien und Rußland. Er trat stets gewandt und elegant auf, aber sein Gesicht erinnerte trotzdem immer an eine Kreuzung von Fuchs und Wolf.

Beim Anblick dieses Jim Reattle dachte Serge Stepano wieder an das Blatt in seiner Brieftasche.

»Hallo, Mr. Reattle«, meinte er deshalb, nachdem sie sich begrüßt hatten. »Ich habe da eine Kleinigkeit, bei der Sie mir behilflich sein könnten. Sie beherrschen doch verschiedene asiatische Sprachen?«

»Um was handelt es sich?« fragte Reattle vorsichtig.

»Ein Stück Papier, das ich hinter einem alten Bild entdeckte. Hübsch, nicht?«

»Sehr hübsch«, anerkannte Reattle. »Was ist es wert?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht viel.«

»Sagen Sie das nicht. Das Bildchen könnte Ihnen einige hundert Pfund bringen, wenn Sie es an den richtigen Mann geben.«

Stepano reichte ihm den Zettel.

»Das wäre fein. Und das ist der Zettel. Können Sie das lesen?«

Jim Reattle prüfte das Geschriebene und schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid, aber dazu reicht es nicht. Sieht aus wie Usbekisch, aber ich will mich nicht darauf festlegen. Die Schrift ist alt, und die Schriftzeichen haben sich im Laufe der Jahrhunderte merklich geändert.«

»Schade.«

»Reattle zuckte mit den Schultern.

Nun, wird nicht wichtig sein. Aber wenn Sie gern erfahren möchten, was auf dem Blatt steht, können Sie es mir ja mitgeben. Ich kenne einen Mann, der sich auf solche alten Schriften versteht. Vielleicht schafft er es.«

»Das wäre schön.« Stepano freute sich.

Sie unterhielten sich noch über dies und jenes, dann trennten sie sich.

Einige Tage später stand Jim Reattle in der Dachkammer eines schmierigen Vorstadthauses. An einem Tisch, um den herum sich Stöße von Büchern häuften, saß ein eisgraues Männchen mit faltigem Gesicht und einem riesigen, haarlosen Schädel. Er war in einen zerschlissenen Schlafrock eingehüllt, aus dem der unsaubere, dünne Hals wie eine Säule des Elends herausragte. Der Mann trug eine Brille mit starken Gläsern, durch die hindurch er auf den Besucher blickte, der sich in lässiger Haltung gegen die Tischkante stützte.

»Es ist Usbekisch«, sagte er mit heiserer Stimme, »aber eine usbekische Schrift, die vor dreihundert Jahren und mehr verwendet wurde. Es war nicht leicht, das zu übersetzen. Viel Arbeit! Sehr viel Arbeit!«

»Ich habe nicht verlangt, daß Sie für mich umsonst arbeiten«, erwiderte Reattle. »Jammern Sie mir nicht die Ohren voll, sondern sagen Sie mir lieber, ob die Übersetzung gelungen ist.«

»Sie ist gelungen. Und sehr interessant! Wirklich interessant! Ich habe hier alles aufgeschrieben.«

»Geben Sie her!«

Jim Reattle nahm das Blatt an sich und las: »… rate ich dir dringend, mit einigen zuverlässigen Leuten nach Marakanda zu reiten.«

»Marakanda? Was ist das für ein Nest?«

Der Alte kicherte.

»Samarkand heißt es heute. Samarkand oder Seraf-schan. Sie kennen es sicher.«

»Sicher«, sagte Jim Reattle und las weiter: »Du wirst dort am Rande der Stadt das Grab Timurs finden. Es ist ein einfacher Marmorblock, über den man ein Schloß gebaut hat. Unter diesem Marmorblock liegt die Asche des Eisernen. Das weiß jedes Kind. Unbekannt ist jedoch, daß auch die Schätze des Eroberers dort versteckt wurden. Sie waren nach seinem Tode verschwunden. Nur wenige Vertraute wußten, wohin man sie gebracht hatte. Einer von ihnen hat sein Wissen seinen Kindern weitergegeben. Von seinem letzten Nachkommen, mit dem ich zusammen kämpfte, habe ich davon erfahren. Er gab mir den Wortlaut der Überlieferung, die ich dir hier wiederhole: Unter Timurs Grabstein liegen Timurs Schätze. Der Herr Asiens wacht über sie, im Tode noch furchtbar, wie er im Leben gewesen ist. Niemand soll die Schätze heben. Wer das Siegel aufbricht, ist des Todes. Unter Timurs Grabstein liegen Timurs Schätze. Der Weg zu ihnen führt in die Erde. Furchtbar wird Timur den strafen, der seinen Grabstein hebt. – Das ist der Wortlaut. Der Mann lächelte, als er ihn mir verriet. Es scheint ein Geheimnis darin zu stecken. Es gibt aber kein Geheimnis, das nicht ein paar entschlossene Leute lösen können. Ich bin zu alt, um noch die weite, abenteuerliche Reise nach Marakanda zu unternehmen. Versuche du dein Glück.«

Der Text war zu Ende.

Jim Reattle wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.

»Hm, interessant, in der Tat interessant! Schade, daß der damalige Empfänger dieses Schreibens uns schon zuvorgekommen ist, sonst würde es sich lohnen, dem alten Timur einmal auf den Leib zu rücken.«

Der Alte am Tisch hüstelte.

»Wer sagt Ihnen, daß der Mann nach Samarkand geritten ist? Wenn ich jung wäre, würde ich es versuchen.«

»Wenn ich alt wäre, würde ich auch dumme Ratschläge geben«, meinte Jim Reattle grinsend und warf eine Pfundnote auf den Tisch.

Dann lief er grußlos hinaus.

Serge Stepano hörte und sah nichts wieder von Jim Reattle. Das belastete ihn nicht, da er in diesen Tagen einige Tausend Pfund in der Pferdelotterie gewann. Darüber vergaß er Jim Reattle ebenso wie das Pergament.

Es war wieder reiner Zufall, daß er abermals mit Jim Reattle zusammentraf. Das geschah im Büro einer Schiffahrtsgesellschaft. Jim Reattle war nicht erfreut, ihn zu sehen, beherrschte sich jedoch genügend. Und er war froh darüber, denn Serge Stepano hielt mit seinem glücklichen Ereignis nicht hinter dem Berg und erzählte von seinem Gewinn. Später fragte er auch nach dem Pergament, aber ohne sich etwas davon zu versprechen.

Jim Reattle setzte eine geheimnisvolle Miene auf, denn er war sich inzwischen schlüssig geworden, was sich mit diesem jungen Mann anstellen ließ.

»Sie werden staunen«, orakelte er. »Ich habe die Übersetzung schon einige Tage in der Tasche, aber ich konnte Sie nicht finden. Kommen Sie, wir wollen einen Schluck trinken.«

Serge Stepano nahm die Einladung an und lernte die Übersetzung kennen. Er lachte, nachdem er gelesen hatte, aber Jim Reattle blieb bei seiner geheimnisvollen Miene.

»Ihnen geht es genau so wie mir«, sagte er bedeutungsvoll. »Ich hielt die Angelegenheit auch für längst erledigt. Aber ich habe mich inzwischen erkundigt. Seit dem Tode Timurs ist sein Grabstein nie wieder angerührt worden. Wenn sich irgendwer an ihm vergriffen hätte, wäre das bekannt geworden. Wissen Sie, was das bedeutet?«

Serge Stepano wurde nachdenklich.

»Sie meinen, daß demnach die Schätze, von denen hier die Rede ist, noch unter dem Grab liegen?«

»Genau das meine ich«, betonte Reattle. »Und ich hätte nicht übel Lust, dort unten in Turkestan nach dem Rechten zu sehen. Ich habe so eine Ahnung, daß es sich lohnen könnte. Mir fehlen nur noch Ihre Erlaubnis und ein unternehmungslustiger Partner. Hätten Sie nicht Lust? Schließlich haben Sie ja das erste Recht darauf.«

Serge Stepano wäre kein junger Mann gewesen, wenn ihn das Abenteuer nicht gereizt hätte. Er brachte zwar verschiedene Einwände vor, aber Reattle konnte sie widerlegen, so daß sie schließlich beschlossen, gemeinsam den Geheimnissen Timurs nachzuspüren.

Für Jim Reattle war das eine günstige Gelegenheit, denn nichts war für sein Unternehmen notwendiger als Geld und ein junger Mann, der bereit war, es auszugeben.

Es dauerte eine Weile, bevor sie aus London abreisten. Bis dahin trieb Reattle noch zwei Männer auf, die zwar seinem Geschmack entsprachen, aber nicht dem Stepanos. Es waren Buck und Landers, zwei Kerle, die nach Unterwelt rochen. Wahrscheinlich fehlte es ihnen nicht an Mut und Verwegenheit, aber sie sahen ganz danach aus, als hätten sie ihre Tugenden schon oft bei Taten angewendet, die nicht mit den Gesetzen in Einklang standen.

Stepano fühlte sich unbehaglich, als er die beiden kennenlernte, aber er enthielt sich der Kritik. Reattle, der sich selbstverständlich als Leiter des Unternehmens aufspielte, hätte ihn wohl nur ausgelacht.

Die Reise nach Taschkent wurde nicht gerade zur Vergnügungsreise. Sie mußten trotz aller sorgfältigen Vorbereitungen über Intourist eine Reihe lästiger Schwierigkeiten überwinden. Wenn Reattle nicht geradezu ein Naturtalent dafür besessen hätte, Menschen zu behandeln und Hindernisse zu umgehen, wären sie wohl nie nach Taschkent gekommen oder wären in einem russischen Gefängnis gelandet.

In Taschkent stießen abermals zwei Männer zu der Expedition. Jim Reattle kannte sie von früher und hatte seine Pläne auf ihre Mitarbeit aufgebaut. Der eine war ein Chinese und hieß Kiang-schan. Der zweite war ein Usbeke und hieß Kodscha. Stepano fand den Chinesen höchst unsympathisch, während Jim Reattle mit ihm geradezu befreundet war.

Hier in Taschkent gab es bereits den ersten Streit.

Kodscha hörte offenbar zum erstenmal von den Plänen Reattles, denn er wehrte sofort ab, als das Gespräch auf sie kam.

»Das ist ausgeschlossen. Timurs Grab ist heilig. Wer sich an ihm vergreift, wird sterben. Es ist glatter Selbstmord. Außerdem glaube ich nicht, daß dort Schätze liegen.«

Jim Reattle hielt ihm das Pergament unter die Nase.

»Hier steht das Gegenteil. Gut, es kann eine Pleite werden, aber versucht wird es auf jeden Fall.«

»Laßt die Finger davon«, warnte Kodscha. »Timurs Grab darf nicht geöffnet werden. Kehrt wieder um.«

Jim Reattle zog die Brauen zusammen.

»Ich denke nicht daran. Wir fahren nach Samarkand und damit basta. Und du wirst bestimmt nicht das Geld ausschlagen, das du dir bei dieser Gelegenheit verdienen kannst.«

Der Usbeke schwieg dazu.

Jim Reattle machte dem Chinesen später Vorwürfe, weil er Kodscha mitgebracht hatte, aber Kiang-schan verteidigte sich geschickt.

»Ich mußte ihn mitbringen. Kodscha bewacht das Grab Timurs. Ohne ihn können wir niemals ungestört arbeiten. Wir brauchen einen Mann, der uns an Ort und Stelle den Rücken deckt.«

Jim Reattle sah das ein, aber er gab auch unverblümt zu verstehen, daß er an dem einen Narren Stepano genug habe und daß man mit romantischen Träumereien keinen Schatz heben könne.

Der zweite Streit ergab sich, als das Gespräch auf die Teilung der Beute kam. Wieder war es der Usbeke, der sich auflehnte. Er sollte sich mit einem Zwanzigstel begnügen. Das war ihm zu wenig, und er machte ernstlich Anstalten, sich zurückzuziehen. Daraufhin billigte ihm Jim Reattle ein Zehntel zu.

Dann waren sie in Samarkand.

Kiang-schan besaß hier ein kleines Haus, in dem er mit wenigen Dienern wohnte, wenn ihn seine Geschäfte in die Stadt führten. Dieses Haus stellte er den anderen zur Verfügung. Es besaß genügend Räume, so daß alle untergebracht werden konnten. Das Mobiliar war allerdings behelfsmäßig.

Sie begannen gleich in der ersten Nacht mit ihrer Arbeit. Das Ziel war nahe, und sie wollten sich überzeugen, ob sich die Mühe gelohnt hatte.

Kodscha empfing sie an dem hohen, mit kostbaren Verzierungen geschmückten Tor. Seine Miene war finster. Er verneigte sich kurz und ging ihnen dann stumm voran zur Grabmoschee, zum Mausoleum des großen Eroberers. Es lag inmitten eines dichten Laubhaines, durch dessen seltene Lücken die Mondstrahlen ein geheimnisvolles Märchenlicht warfen.

Die Abenteurer hatten kein Auge für die herrlichen Formen des Doms, der sich über der Grabstätte Timurs wölbte. Sie sahen ebensowenig die riesigen steinernen Stalaktiten, die sich in den Ecken zusammendrängten, wie den Lapisfries mit den neunundneunzig Namen Allahs, der in Manneshöhe herumlief. Sie erfaßten nicht den Zauber, der über dem offenen Gitterwerk der Fenster, durch die der Mond schien, lag. Sie kümmerten sich nicht um die zahlreichen weißen Steine, unter denen die vielen Verwandten und Frauen Tamerlans ruhten.

Ihre Augen suchten nur den dunklen Marmorblock.

Einfach und schlicht lag er dort. Nichts verriet, daß unter ihm die Überreste eines der kühnsten und rücksichtslosesten aller Eroberer lagen.

Der Usbeke lehnte sich teilnahmslos an die Pforte. Die anderen gruppierten sich zunächst schweigend um den Block, bis Jim Reattle sagte: »Also los, das Herumstehen nützt uns nichts. Wir wollen mal sehen, ob wir das Ding anheben können.«

Sie versuchten, den Block anzuheben, aber sie gaben es bald auf. Er rührte sich nicht von der Stelle.

»Wir brauchen Brecheisen«, murrte Landers.

Sie drückten zunächst gegen die Breitseite, jedoch ohne Erfolg. Dann versuchten sie es an einer der Längsseiten, und diesmal schien der Block nachzugeben. Er wich nur eine Kleinigkeit, aber sicher wäre noch mehr daraus geworden, wenn sie nicht gestört worden wären.

Kodscha drehte sich zu ihnen um und zischte: »Verschwindet! Die Wachkontrolle kommt. Sie darf euch hier nicht sehen.«

Er eilte voraus. Den anderen blieb nichts übrig, als ihm zu folgen. An einer kleinen Pforte, die auf der anderen Seite des Hains ins Freie führte, drängte Kodscha noch einmal: »Verschwindet so schnell wie möglich für den Fall, daß ihnen doch etwas aufgefallen ist.

Kommt morgen wieder, da braucht ihr keine Störung zu befürchten.«

Sie gaben es für diese Nacht auf. Sie waren nicht zum Ziel gekommen, aber der Versuch barg doch schon einige Verheißungen.

Gegen Mittag des nächsten Tages betrat Kodscha das Haus des Chinesen. Niemand bemerkte sein Kommen. So geschah es, daß er plötzlich vor einer nur angelehnten Tür stand, hinter der sich Jim Reattle und Kiang-schan in gedämpftem, aber noch gut hörbaren Tonfall unterhielten.

»… traue dem Kerl nicht«, sagte Reattle eben. »Ich habe den Eindruck, daß er uns gestern nacht überlistet hat. Der Halunke bringt es fertig, den Stein allein beiseite zu schieben und uns um den Schatz zu prellen.«

»Er müßte die Kraft von fünf Männern haben«, beruhigte der Chinese. »Richtig ist allerdings, daß er nicht gern bei der Sache ist. Diese Usbeken sind alle abergläubisch.«

Jim Reattle lachte kurz auf.

»Wenn sie genügend Geld verdienen, verlieren sie ihren Aberglauben.«

Kiang-schan hüstelte.

»Kodscha glaubt nicht, daß er genug verdient. Er ist mit dem, was wir ihm zugebilligt haben, nicht zufrieden. Vielleicht fürchtet er auch, noch weniger zu erhalten, wenn es soweit ist.«

»Das kann leichter eintreten, als er denkt«, knurrte Reattle. »Unter uns gesagt – ich habe keine Lust, mit solchen Narren wie Kodscha oder Stepano zu teilen. Wenn es soweit ist, gibt es noch andere Möglichkeiten, eine Rechnung zu begleichen.«

»Kluge Worte«, murmelte der Chinese, »aber unvorsichtige Worte. Sie dürfen sich nichts anmerken lassen. Vorläufig brauchen wir Kodscha noch.«

Da öffnete der Usbeke die Tür und trat über die Schwelle.

Kiang-schan hatte sich schnell gefaßt und lächelte höflich. Jim Reattle jedoch konnte sich nicht so schnell zurechtfinden und wurde in seiner Verwirrung grob.

»Was fällt dir ein, hier hereinzukommen? Du hast gelauscht?«

»Sicher«, bestätigte der Usbeke verächtlich. »Ihr habt laut genug gesprochen. Und wenn ich euch richtig verstanden habe, soll ich erledigt werden, sobald der Schatz gefunden ist?«

Kiang-schan griff mit einer sanften, beschwichtigenden Handbewegung ein.

»Vollkommenes Mißverständnis, lieber Freund. Du legst bösen Sinn in unsere guten Worte. Nicht du wirst erledigt sein, wenn der Schatz gehoben ist, sondern deine Arbeit. Du wirst dich als reicher Mann zurückziehen können.«

Kodscha lachte bitter auf.

»Deine glatte Zunge ist bekannt, Kiang-schan. Ich weiß, was ich gehört habe. Ermorden wollt ihr mich, damit ihr euch die Beute allein teilen könnt. Und der junge Russe soll ebenfalls dran glauben. Aber ihr werdet euch täuschen. Ich verzichte auf meinen Anteil. Ich verzichte auf den Schatz. Aber ihr sollt auch nichts davon haben. Ich gehe zur Distriktverwaltung und melde die Sache.«

»Wage es nicht!« fuhr Reattle auf.

»Voreilige, törichte Worte«, murmelte der Chinese kummervoll, während in seinen Augen ein gefährliches Licht aufblitzte.

In diesem Augenblick bemerkte Kodscha auf dem Tisch das Pergament. Im nächsten Augenblick hatte er es in seiner Hand.

»Damit werde ich den Kommissar aufsuchen.«

Er rannte hinaus.

Er rannte, aber dabei fiel ihm ein, daß er denkbar töricht gehandelt hatte. Der Weg zum Distriktsgebäude war weit, und Kiang-schan gehörte nicht zu den Männern, die einen Feind ungehindert an sein Ziel kommen lassen. Und dieser Reattle war kaum weniger gefährlich. Diese beiden würden alles aufbieten, um ihn abzufangen, denn nicht nur der Schatz stand auf dem Spiel, sondern auch ihre Freiheit und ihr Leben.

So rannte er, so schnell er konnte. Er besaß zwar einen Vorsprung, aber Kiang-schan verfügte über einen Wagen. Und es hatte keinen Zweck, sich in einem der Häuser und Basare zu verstecken. Kiang-schan gehörte zu den geheimen Mächtigen und würde dank seiner Verbindung doch bald erfahren, wo er sich verborgen hielt.

Er rannte und rannte, bis matt und kaum hörbar die beiden Schüsse fielen, die ihm die Lunge zerrissen und ihn an den Wegrand warfen.

 

2.

In der Stunde, in der Kodscha starb, saß Sun Koh in einer umrankten Laube dem Perser Mehfed gegenüber. Mehfed war sehr alt. Sein Haar und sein dichter, langer Bart glänzten silberweiß. Er sah ehrwürdig aus, obgleich sein Kaftan bescheiden und fast ärmlich war.

Die beiden Männer unterhielten sich ernst und nachdenklich. Sie sprachen über Dinge, die fernab von allen greifbaren Ereignissen des Tages lagen. Sie sprachen über Gott und die Ewigkeit.

Die Zeit verging. Als Sun Koh wieder einmal nach der Uhr blickte, waren Nimba und Hal bereits eine halbe Stunde überfällig.

Dem Greis entging der feine Schimmer des Unmuts auf dem Gesicht Sun Kohs nicht.

»Drängt Sie die Zeit?« fragte er.

Sun Koh schüttelte den Kopf.

»Nein, aber meine Begleiter sollten bereits zurück sein. Ich bin in Sorge, daß sie in der Stadt ein Unheil anrichten könnten.«

Mehfed lächelte gütig.

»So schlägt die Welle des einen Menschen in den anderen über. Die beiden werden sich in den Basaren verzögert haben. Sicher kommen sie bald zurück. Wenn es Ihnen recht ist, zeige ich Ihnen inzwischen Timurs Grab, wie ich vorhin versprach.«

Sun Koh nickte. Sie gingen nebeneinander zu dem nicht weit entfernten Mausoleum, das in tiefem Frieden zwischen den schattenspendenden Bäumen lag.

Nach langem Betrachten standen sie vor dem dunklen Marmorblock.

»Das ist das Grab Timurs des Eisernen«, sagte Mehfed. »Er trägt viele Namen. Man nennt ihn auch Timur-Beng oder Tamerlan oder Timur-Leng, aber kein Name enthüllt das Geheimnis dieses Mannes so sehr wie der letzte. Timur-Leng – der lahme Timur! Er war lahm, und alles, was er tat, war im Grunde genommen weiter nichts als die Rache an einer Natur, die ihn verkrüppelt hatte und die Rache an den Menschen, die ihre gesunden Glieder besaßen.«

»Minderwertigkeitskomplexe und Rachsucht machen noch niemand groß, Mehfed«, mahnte Sun Koh sanft. »Und soviel ich weiß, war Timur einer der großen Herrscher Asiens.«

»Er war der größte neben Dschingis-Khan«, gab Mehfed zu. »Als er im Jahre 1336 in Sebz in der Provinz Kesch geboren wurde, ahnte niemand, daß er jahrzehntelang die Geschichte Asiens bestimmen sollte.

Aber bereits mit vierunddreißig Jahren hatte er sich ganz Zentralasien, Persien und Indien unterworfen und eines der größten Reiche gegründet. Später stieß er sogar gegen das Türkenreich vor und nahm beispielsweise im Jahre 1402 den Sultan Bajazet I. bei Angora gefangen. Aber 1405 starb er. Er war ein großer Feldherr, aber zugleich ein blutdürstiger Tiger. Niemals hat ein Herrscher grausamer regiert als er, niemals ist ein Eroberer rücksichtsloser vorgegangen. Allein in Ispáhan hat er siebzigtausend Perser auf einmal töten lassen. Und doch ist nichts weiter von ihm geblieben als etwas Asche.«

Sun Koh strich mit der Hand über den Marmorblock.

»Seine Ruhestätte ist jedenfalls eines großen Königs würdig.«

Mehfed nickte.

»Ja, und auch sein Leben wäre es wohl gewesen, wenn er nicht immer den Schimpfnamen Timur-Leng im Ohr gehört hätte. Der Eiserne war in Wahrheit schwach genug, den Spott seiner Feinde zu fürchten. Und das ist nicht der einzige Fall in der Weltgeschichte, in dem eine körperliche Mißbildung mitbestimmend auf die Geschicke der Völker einwirkt.«

Sun Koh antwortete nicht. Seine Gedanken waren abgelenkt. Der tiefe Frieden am Grab Timurs beruhigte ihn nicht, sondern ließ ihn die innere Unruhe noch stärker bewußt werden. Irgend etwas war mit Hal und Nimba nicht in Ordnung.

»Verzeihen Sie«, bat er schließlich. »Ich bin in Sorge um meine Leute. Sie sind immer noch nicht zurück. Ich muß nachforschen, was mit ihnen geschehen ist.«

Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Zwei Stunden lang suchte er vergeblich. Von Nimba und Hal war nichts zu sehen. In den Basaren waren sie nicht zu entdecken.

Er begann zu fragen, aber die Leute konnten ihm keine Auskunft geben, obgleich die beiden sicher nicht leicht zu übersehen waren.

Endlich traf er einen Mann, dem die beiden aufgefallen waren. Er konnte allerdings nur die Richtung zeigen, in der sich die beiden entfernt hatten.

Etwas später erhielt er endlich eine bessere Auskunft. Sie war niederschmetternd genug.

»Ein Neger mit einem jungen Mann?« vergewisserte sich der Tadschike, mit dem er sprach. »Ja, ich habe die beiden gesehen, aber…«

»Aber?«

»Sehr bös, sehr bös. Sie sind verhaftet worden.«

»Verhaftet?«

»Ja. Sie gingen zwischen vielen Polizisten zum Distriktsgebäude.«

»Warum? Was ist geschehen?«

Der Tadschike hob die Schultern und zog ein verlegenes Gesicht.

»Ein toter Usbeke lag auf der Straße. Die beiden gingen an ihn heran und beugten sich über ihn. Dann kam der Kommissar. Man wird sagen, daß sie ihn getötet haben.«

»Ich denke, der Usbeke lag schon tot auf der Straße?«

»Wenn der Kommissar sagt, daß ihn die beiden erschossen haben, dann haben sie ihn eben erschossen.«

»Und wenn du als Zeuge auftreten würdest?«

»Wie kann ein Tadschike gegen einen Kommissar als Zeuge auftreten?«

Sun Koh begriff, drückte dem Mann eine Münze in die Hand und ging in das Distriktsgebäude.

Es kostete ihn einige Mühe, bei dem zuständigen Kommissar vorgelassen zu werden, aber endlich stand er doch in dem Arbeitszimmer des Mannes, der in Samarkand kaum weniger gefürchtet wurde wie einst Timur in Marakanda.

»Sie wünschen?« erkundigte sich der Kommissar frostig, während Sun Koh an den Schreibtisch herantrat.

»Sie haben meine beiden Begleiter verhaftet. Warum?«

»Ihre beiden Begleiter? Nicht, daß ich wüßte.«

»Ein Neger und ein junger Engländer.«

»Ach so?« Der Kommissar stellte sich überrascht. »Diese beiden haben wir allerdings in Gewahrsam genommen. Das sind Ihre Begleiter? Nun, da haben Sie ja feine Vögel in Ihrer Gesellschaft.«

»Sie können sich derartige Bemerkungen sparen«, sagte Sun Koh kalt. »Warum haben Sie die beiden verhaftet?«

»Wegen Mordes!«

»Eine schwere Anklage. Auf welche Beweise stützt sich Ihr Verdacht?«

Der Kommissar lehnte sich in seinem Sessel zurück und spielte mit seinem Bleistift. Er fühlte sich jetzt offensichtlich überlegen.

»Verdacht ist nicht der richtige Ausdruck. Es handelt sich um eine Gewißheit. Dieser Neger hat sein Opfer aus geringer Entfernung niedergeschossen. Wir haben seine Pistole geprüft. Aus ihr wurden zwei Schüsse abgegeben, und der Usbeke wurde durch zwei Schüsse getötet.«

»Die beiden Schüsse wurden gestern in meiner Gegenwart abgefeuert«, parierte Sun Koh. »Ich kann das bezeugen. Der Neger hatte keine Zeit, seine Waffe zu reinigen. Auch das kann ich bezeugen.«

»Nichts ist leichter als ein Meineid.«

»Das sollten Sie berücksichtigen«, konterte Sun Koh scharf. »Darf ich die beiden sprechen?«

Der andere lächelte hämisch.

»Das kann ich Ihnen leider nicht erlauben. Mir scheint die Gefahr der Verdunkelung gegeben.«

»Sie halten meine Leute zu Unrecht fest.«

»Die Entscheidung über Recht oder Unrecht wollen Sie mir überlassen. Es steht Ihnen frei, nach Taschkent zu fahren und sich dort zu beschweren.«

»Wie lange wollen Sie die beiden festhalten?«

»Auf Mord stehen bei uns mindestens fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeit.«

Sun Koh sah ein, daß im Augenblick alle weiteren Bemühungen scheitern mußten.

Er verließ das Distriktsgebäude mit unangenehmen Gedanken. Nimba und Hal saßen in einer Patsche, aus der man sie nicht so leicht wieder herausholen konnte. Wenn es zu einem gerichtlichen Verfahren kam, so mußte man klipp und klar ihre Unschuld beweisen, wenn man sie vor einer langen Freiheitsstrafe bewahren wollte. Und das würde schwerfallen oder ganz unmöglich sein.

Offenbar gab es nur eine Möglichkeit, nämlich die beiden gewaltsam aus der Zelle herauszuholen und schnellstens das Land zu verlassen.

An der Stelle, an der das Blut des Usbeken in die Erde gesickert war, blieb er stehen. Zwei Schüsse aus dem Hinterhalt… Irgendwer mußte sie abgefeuert haben. Aber wer?

Sein forschender Blick blieb an der Steinkante hängen, unter die Hal das Pergament geschoben hatte. Gleich darauf hielt er es in der Hand und überflog es.

Er kannte die Schriftzeichen nicht, aber sein ungewöhnlich fein entwickeltes Einführungsvermögen ließ ihn Bruchstücke erfassen. Er nahm das Blatt mit.

Später saß er wieder dem greisen Perser gegenüber und beobachtete dessen Miene. Mehfed nahm sich Zeit.

Er prüfte lange, bevor er zögernd die Übersetzung des Geschriebenen gab.

Sun Koh fühlte sich erleichtert.

»Jetzt habe ich wenigstens das Motiv zu diesem Mord. Man fahndet nach den Schätzen Timurs. Deshalb mußte der Usbeke sterben.«

»Das Pergament kann schon längere Zeit unter jenem Stein gelegen haben«, warnte der Greis.

»Kaum möglich. Die Erde war frisch zusammengeschoben. Das Papier lag nicht länger als einige Stunden dort. Wahrscheinlich hat es der Sterbende darunter verborgen, damit es nicht in die Hände seines Mörders fällt.«

Mehfed wiegte bedächtig sein Haupt.

»Mag sein, aber was nützt Ihnen das?«

»Nun, vielleicht viel oder gar alles. Ich werde den Mann, der den Mord beging, an Timurs Grab oder in seiner Nähe wiederfinden. Wenn ich ihn fange, wird er bezeugen müssen, daß meine Begleiter unschuldig sind.«

»Und wenn er schweigt?«

Sun Koh lächelte schwach.

»Er wird sprechen.«

Mehfed seufzte.

»Jugend ist gewaltsam. Hoffentlich nützt es Ihnen etwas. Die Behörden lassen niemand gern frei, den sie einmal haben.«

»Das war auch mein Eindruck«, bestätigte Sun Koh. »Der Kommissar war reichlich unfreundlich. Aber wenn es nicht anders geht, werde ich meine Freunde auch mit List oder Gewalt herausholen.«

Der Greis schüttelte den Kopf.

»Hüten Sie Ihre eigene Freiheit.«

»Gewiß. Übrigens, ist an diesem Bericht über die Schätze in Timurs Grab etwas Wahres?«

Mehfed strich sich bedächtig den Bart.

»Seit Jahrhunderten wird gemunkelt, daß unter dem Marmorblock die Schätze Timurs liegen sollen, aber es ist wohl mehr die geschäftige, blühende Phantasie des Volkes, die solche Geschichten erfindet. Niemand weiß Genaues, und niemand hat gewagt, nachzuforschen. Nur ein respektloser Ausländer könnte das tun. Das Volk würde ihn dafür töten. Timur lebt zwar als der Schreckliche, aber auch als der Große fort. Es gibt eine alte Chronik des Baghinats, in dem die Verwunderung darüber ausgedrückt wird, daß die Juwelen und Schmuckstücke, die Timur aus Indien mitbrachte, nicht wieder aufgefunden wurden. Das ist meines Wissens der einzige Anhalt, der den Inhalt des Pergaments stützen könnte.«

»Drückt sich der Schreiber dieser Zeilen nicht recht merkwürdig aus?«

»Wieso?« wunderte sich der Greis.

»Nun, der Text der Überlieferung widerspricht sich gewissermaßen. Da heißt es klipp und klar, daß die Schätze unter dem Grabstein liegen und daß der Weg zu ihnen in die Erde hineinführt. Vor allem wird nachdrücklich verboten, das Siegel aufzubrechen und den Grabstein zu heben. Ich finde das merkwürdig. Entweder soll das Schreiben einen Weg zu den Schätzen zeigen oder es soll das Grab vor Entweihung schützen. Hier geschieht jedoch beides, wenn nicht…«

»Wenn nicht…?«

»Ich weiß nicht«, sagte Sun Koh. »Es ist ja auch nicht so wichtig. Mir würde es genügen, wenn ich bei Timurs Grab die Leute finden würde, für die meine beiden Begleiter in Haft sitzen. Ich werde aber wohl oder übel auf sie warten müssen. Bei Tag werden sie ja wohl kaum etwas unternehmen, dafür um so sicherer bei Nacht.«

»Das Grab wird bewacht.«

»Das braucht kein Hindernis zu sein.«

»Nein«, räumte Mehfed ein. »Ich will Ihnen einen Plan zeigen, von dem aus Sie die Grabstätte beobachten können.«

So gingen sie zum zweitenmal an diesem Tag zu Timurs Grab hinüber.

 

*

 

Zwei Uhr nachts.

Fünf Männer schlichen sich an das Mausoleum heran. Vorsichtig drückten sie sich an dem Pfeiler vorbei, an dem Kodscha sie in der vergangenen Nacht empfangen hatte.

Nun standen sie um den dunklen Blick herum.

Mit einer Stimme, die in der Stille unnatürlich laut klang, munterte Jim Reattle auf: »Also los, wir wollen ihn alle zusammen von dieser Seite aus wegschieben. Stemmt euch richtig ein. Los!«

Der Atem der Männer wurde hörbar. Sie hatten Erfolg. Der mächtige Marmorblock glitt langsam, aber zusehends in seiner Längsachse weg.

Das war im Grunde genommen recht merkwürdig. Man hatte den Eindruck, daß der Grabstein in die Betonplatten eingebettet war, so daß er sie eigentlich erst hätte wegschieben müssen. Nun ließ er sich jedoch glatt über sie hinwegschieben, als ob es sich nur um eine aufgelegte Grabplatte handelte. Andererseits war jedoch die Öffnung, die sich jetzt zeigte, ungefähr einen Meter tief, und die gleiche Tiefe zeigte auch die jetzt sichtbare Schmalwand des Steins.

Sun Koh, der die Vorgänge aus einigem Abstand aufmerksam verfolgte, beschäftigte sich intensiv mit dieser Feststellung. Irgend etwas stimmte nicht. Es sah ganz so aus, als wäre der Block in der oberen Hälfte bis auf ein Reststück flach durchschnitten. Der Boden unter den Platten war hohl und nahm den unteren Teil des Blocks auf, die Steinplatten schoben sich in die Schnittfuge, und das obere Deckstück glitt nur scheinbar auf der Oberfläche entlang. Dann mußte der Block aber auf Rollen oder sehr glatter Unterlage ruhen, sonst wäre es diesen Männern nicht möglich gewesen, ihn wegzuschieben.

Oder war der Block etwa hohl?

Sun Koh hörte plötzlich wieder die Stimme Mehfeds: »Unter Timurs Grabstein liegen Timurs Schätze.«

Hm, das wäre immerhin eine mögliche Deutung.

Die fünf Männer an Timurs Grab dachten weniger nach als Sun Koh. Sie knieten am Rand der rechteckigen Öffnung. Ihre Lampen warfen helles Licht hinunter.

»Verdammt!« fluchte Reattle. »Das Grab ist leer.«

»Leer!« bestätigte Buck. »Teufel, dann war alles umsonst?«

»Leer?« murrten auch die anderen.

Serge Stepano sprang hinunter und leuchtete die Wände genau ab.

»Ha, sehen Sie hier, Reattle. Wir brauchen noch nicht alle Hoffnung aufzugeben.«

Reattle sprang ebenfalls hinunter. An der Schmalwand des Blocks befand sich eine knopfartige Erhöhung, die kunstvoll verziert war. Er versuchte, den Knopf zu drehen oder zu ziehen.

»Eine Art Griff vielleicht?«

Stepano hatte weiter mit Erfolg herumgeleuchtet.

»Hier ist ein anderer«, meldete er und wies auf einen ähnlich geformten Knopf, der vertieft in der Seitenwand lag. Er versuchte, ihn zu bewegen.

»Rührt sich nicht.«

In diesem Augenblick zuckte Reattle zurück.

»Nanu, was ist denn…?«

Er vollendete seinen Satz nicht. Stepano konnte ihn noch nicht einmal auffangen, so schnell brach er zusammen.

»Ist ihm schlecht geworden?« fragte Landers arglos.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Stepano. »Möglich, daß er – barmherziger Himmel…«

Er brach ebenfalls zusammen.

Die drei Männer am Rand der Grube waren so bestürzt, daß sie eine ganze Weile stumm auf die leblosen Körper starrten. Endlich räusperte sich Landers und murmelte heiser: »Verflucht, hier scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. Die beiden hat es erwischt.«

»Holt sie heraus!« befahl Kiang-schan gleichgültig und trat einen Schritt zurück.

Details

Seiten
157
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921526
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435055
Schlagworte
taschenbuch rache tibets

Autor

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Titel: Sun Koh Taschenbuch #15: Die Rache Tibets