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Schwester Claudia und das verlorene Lächeln

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Obwohl sich die Krankenschwester Claudia über die Faulheit ihres Freundes ärgert, ist sie doch sehr glücklich mit ihm. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Ihr Vater wird ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat einen schweren Leberschaden und Claudia weiß, dass nicht jeder diese Krankheit übersteht. Als es ihrem Vater ein wenig besser geht, erfährt sie, dass sie ein Kind erwartet. Ihr Freund ist überhaupt nicht von dieser Nachricht begeistert. Er lebt sein Leben lieber unbeschwert und ohne Verantwortung.

Leseprobe

Table of Contents

Schwester Claudia und das verlorene Lächeln

Copyright

Prolog

1

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Schwester Claudia und das verlorene Lächeln

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Obwohl sich die Krankenschwester Claudia über die Faulheit ihres Freundes ärgert, ist sie doch sehr glücklich mit ihm. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Ihr Vater wird ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat einen schweren Leberschaden und Claudia weiß, dass nicht jeder diese Krankheit übersteht. Als es ihrem Vater ein wenig besser geht, erfährt sie, dass sie ein Kind erwartet. Ihr Freund ist überhaupt nicht von dieser Nachricht begeistert. Er lebt sein Leben lieber unbeschwert und ohne Verantwortung.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Prolog

Einige Wochen ist es jetzt schon her, dass Sven Kayser seine Freundin Solveig Abel verloren hat. Die aparte Hotelchefin wurde das Opfer eines Verbrechers, der sie in ihrem eleganten Hotel erschossen hat. Lange hat der Grünwalder Arzt um die geliebte Frau getrauert, hat sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um wieder zu sich selbst zu finden. Aber noch hat er das Lachen nicht wiedergewonnen, noch flüchtet er sich in die Arbeit, um zu vergessen.

Auch die schöne Claudia, die seit einiger Zeit an der Seeberg-KIinik arbeitet, ist unglücklich, sieht die Zukunft grau und trist vor sich. Der Mann, den sie zu lieben glaubte, hat sie im Stich gelassen, als sie ihn am meisten gebraucht hätte. Jetzt sieht sie keinen Ausweg mehr, glaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Sven Kayser ist es, der ihr klarmacht, dass am Ende eines jeden Tunnels ein Licht brennt...

 

1

„Trink deinen Tee, Hubert“, sagte Gunda Riehs zu ihrem Lebensgefährten.

Hubert Wollmann seufzte. „Ach, Gunda...“

„Tu mir den Gefallen, ich bitte dich.“ Sie schob die Tasse näher an Hubert heran. Der Mann lag auf dem Sofa. Es ging ihm nicht gut. Deshalb hatte Gunda Riehs auch in der Praxis ihres Hausarztes angerufen, und Schwester Gudrun, die Sprechstundenhilfe, eine gebürtige Berlinerin, hatte gesagt: „Is jut, Frau Riehs, der Herr Doktor is in längstens eener Stunde bei Ihnen.“

Ächzend setzte Hubert Wollmann sich auf, griff nach der Teetasse und trank einen kleinen Schluck. Seit Gunda den präparierten grünen Hafertee im Reformhaus entdeckt hatte, trank sie ihn regelmäßig, und sie bildete sich nicht ein, dass sie sich seither besser fühlte, sondern es war eine Tatsache. Das Getränk förderte die Ausscheidung von Harnsäure und anderer Stoffwechselabbauprodukte durch Anregung des Gesamtstoffwechsels, unterstützte die Entwässerung des Gewebes, verminderte damit die Möglichkeit der Wasseransammlung im Körper und förderte die Verdauung.

An und für sich trank Hubert Wollmann den Tee auch sehr gern, aber heute musste er sich dazu zwingen. Nicht, weil er ihm nicht schmeckte, sondern weil er einen heftigen Widerwillen gegen alles verspürte. Er hätte am liebsten überhaupt nichts zu sich genommen. Langsam trank der Zweiundfünfzigjährige Schluck um Schluck.

„So ist es brav“, lobte ihn seine Lebensgefährtin. Sie lächelte und streichelte zärtlich und liebevoll seine Wange. Nie hätte sie geglaubt, dass sie nach ihrer Scheidung wieder etwas für einen Mann empfinden könnte, denn ihre Ehe war die Hölle gewesen.

Ja, Gunda war mit einem Teufel verheiratet gewesen. Ihr Mann hatte sie beschimpft, drangsaliert, schikaniert, gequält, gedemütigt und sogar geschlagen. Er hatte in ihr so viel kaputtgemacht, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass all die vielen Wunden jemals wieder heilen würden. Aber Hubert hatte dieses Wunder mit sehr, sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen zustande gebracht, und sie war heute mit ihm so glücklich, wie sie es nie zuvor gewesen war.

Nachdem Hubert seine Tasse geleert hatte, legte er sich wieder hin und schloss die Augen. Seine Hände ruhten auf dem Bauch, dort, wo sich das Zentrum seiner Beschwerden befand. Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und allgemeine körperliche Schwäche machten ihm zu schaffen. Hinzu kam, dass die Schläfrigkeit am Tag zu nächtlicher Schlaflosigkeit führte. Sein Kreislauf hatte sich verändert, und sein Blutdruck war zu niedrig.

Es war die Leber, die ihm Sorgen machte, ihm, seiner Lebensgefährtin und auch seinem Hausarzt. Dr. Sven Kayser hatte ihm eine strenge Diät verordnet, an die er sich sehr genau hielt. Er nahm täglich zweitausend Kalorien mit einem Proteingehalt von mindestens einem Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zu sich, führte seinem Organismus ausreichend Vitamine zu und verzichtete völlig auf Alkohol. Dennoch ging es mit ihm stetig bergab, das spürte er nur allzu deutlich.

Es läutete.

„Das ist bestimmt Dr. Kayser“, sagte Gunda Riehs und stand auf.

Hubert Wollmann schaute ihr nach, als sie das Wohnzimmer verließ, um den Hausarzt einzulassen. Was für eine wunderbare Frau, dachte er. Ach, Gunda, wenn ich dich nicht hätte...

Draußen öffnete seine Lebensgefährtin die Tür. „Guten Abend, Frau Riehs“, sagte der Grünwalder Arzt.

„Guten Abend, Herr Doktor. Danke, dass Sie gekommen sind.“

„Hausbesuche gehören zu meiner Arbeit.“

„Hubert geht es nicht sehr gut. Wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Er versucht vor mir zu verbergen, wie schlecht es ihm geht, und ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir große Sorgen um ihn mache.“

Dr. Kayser begab sich mit Gunda Riehs ins Wohnzimmer. Sie war eine kleine Frau, reichte ihm nur bis an die Schulter. Sie trug einen Hausanzug aus mitternachtsblauem Samt, und da sie sehr schlank war, sah sie darin überaus schick aus.

Als der Arzt das Wohnzimmer betrat, setzte Hubert Wollmann sich wieder auf. Er zwang sich zu einem unbekümmerten Lächeln und meinte: „Ich wollte nicht, dass Gunda Sie anruft. Ich wäre morgen in Ihre Praxis gekommen.“

Sven Kayser schmunzelte. „Wo ich schon mal hier bin, erlauben Sie mir, Sie zu untersuchen, Herr Wollmann?“

Der Allgemeinmediziner bat den Patienten, sich freizumachen. Hubert Wollmann öffnete seinen Schlafrock. Er trug darunter einen braunen Pyjama. Langsam knöpfte er die Jacke auf. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn Gunda hinausgegangen wäre, aber hinausschicken wollte er sie nicht. Nicht, dass er sich vor ihr genierte. Er wollte nur nicht, dass Gunda das Untersuchungsergebnis hautnah mitbekam. Dumm, aber... Nun ja, jeder hat eben so seine Flausen.

Dr. Kayser tastete die Leber ab, maß Puls und Blutdruck des Patienten und injizierte ihm ein Sedativum in geringer Dosierung. Wollmanns Leber war vergrößert. Dr. Kayser hatte ein Hervorragen von zwei Querfingern aus dem Rippenbogen festgestellt. Bei manchen Menschen mit einer besonderen Anatomie des Brustkorbs und Bauches konnte dies absolut normal sein, aber nicht bei Hubert Wollmann, deshalb sagte Dr. Kayser: „Sie sollten sich in der Seeberg-Klinik mal gründlich durchchecken lassen, Herr Wollmann.“

Der Patient zog sich wieder an und rümpfte die Nase. „Ich kann Krankenhäuser nicht ausstehen.“

Gunda Riehs lachte. „Das sagt einer, dessen Tochter von Beruf Krankenschwester ist. Ist das nicht witzig?“

Sie selbst hatte keine Kinder, aber auch Hubert war schon einmal verheiratet gewesen, und aus dieser Ehe stammte Claudia. Claudia, die Gunda so innig in ihr Herz geschlossen hatte, als wäre sie ihr eigen Fleisch und Blut.

Sechsundzwanzig Jahre alt war Claudia, und sie stand mit beiden Beinen fest im Leben, war eine der tüchtigsten Krankenschwestern, die in der Seeberg-Klinik arbeiteten, war lebensfroh und lachte gern.

Ihre Mutter, Huberts Frau, war vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Auf der Autobahn München-Salzburg war es passiert. Trude Wollmann war zu schnell gefahren, auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen, gegen einen Brückenpfeiler geprallt und in ihrem Wagen verbrannt.

Hubert hatte viele Jahre um seine tote Frau getrauert. Eines Tages hatte bei einer Adventveranstaltung in der Kirche Gunda neben ihm gesessen. Er war allein gewesen, sie war allein gewesen. Sie hatten sich in der Pause angeregt unterhalten und waren hinterher zusammen essen gegangen und dabei hatte sich ganz langsam und fast unbemerkt für sie beide ein neues Glück angebahnt.

Hubert atmete tief ein. „In die Seeberg-Klinik schicken Sie mich also.“ Er hatte befürchtet, dass es dazu kommen würde.

Dr. Kayser sagte: „Es wäre ein Fehler, die Angelegenheit zu bagatellisieren, Herr Wollmann. In der Klinik kann man sehr viel mehr für Sie tun. Sie müssen medizinisch intensiver betreut werden. Was für eine Therapie in Ihrem Fall angebracht ist, werden Dr. Seeberg und ich uns überlegen, sobald uns sämtliche Untersuchungsergebnisse vorliegen.“

„Was steht mir bevor?“

„Das kann ich im Moment noch nicht sagen.“

„Operation, hm?“

„Vielleicht.“

„Was hat meine Leber so krank gemacht? Ich habe zweiundfünfzig Jahre lang vernünftig gelebt, habe kaum Alkohol getrunken, habe nie geraucht, selten fett gegessen...“

„Sie können sich irgendwo eine Infektion eingefangen haben“, meinte der Grünwalder Arzt.

„Gleich eine so schlimme, dass meine Leber nahe daran ist, zu streiken?“

„Machen Sie sich keine allzu großen Sorgen, Herr Wollmann“, sagte Dr. Kayser beruhigend, „wir kriegen Sie schon wieder hin.“

 

 

2

Claudia Wollmann war eine echte Frohnatur. Sie lachte oft und gern und war bestrebt, dem Leben so viele schöne Seiten wie nur irgend möglich abzugewinnen.

Die hübsche blonde Krankenschwester war eine wahre Augenweide und in der Seeberg-Klinik bei Patienten und Kollegen gleichermaßen beliebt.

Sie lebte seit einem Jahr mit Ralf Suppan zusammen. Niemand konnte das recht verstehen, denn Ralf passte eigentlich gar nicht zu ihr.

Er war ein Lebenskünstler, ging keiner geregelten Arbeit nach. Mal hatte er Geld, mal war er total abgebrannt. Er war faul, und ein seriöses Verantwortungsbewusstsein war bei ihm so gut wie nicht vorhanden.

Dennoch liebte Claudia ihn, und sie gab die Hoffnung nicht auf, dass er sich eines Tages von ihr „bekehren“ ließ. Steter Tropfen höhlt den Stein...

Ralf sah gut aus, und sein Foto befand sich in der Kartei einer kleinen Münchner Modellagentur, aber er nahm nicht jeden Auftrag an, der ihm angeboten wurde. Wenn er nämlich keine Lust hatte zu arbeiten, schlug er selbst die lukrativste Offerte bedenkenlos aus, lag lieber zu Hause auf der faulen Haut, sah fern und ließ es sich so richtig schön gutgehen.

Es war neun Uhr morgens, und Claudia und Ralf lieferten sich im Schlafzimmer eine wilde Kissenschlacht. Sie waren übermütig wie Kinder, und Claudia tat vor lauter Lachen schon der Bauch weh. „Aus!“, japste sie. „Aus!“

Tränen glänzten auf ihren Wangen. „Ich kann nicht mehr!“

„Ergibst du dich?“, fragte Ralf.

Das dichte schwarze Haar hing ihm wirr in die Stirn.

„Ja, ich ergebe mich!“ Claudia hob die Arme, atmete mit offenem Mund. „Ich ergebe mich!“

„Bedingungslos?“

„Bedingungslos!“, keuchte Claudia.

Ralf strich sich das Haar aus der Stirn. „Habe ich dich besiegt?“

„Ja, das hast du. Ich hisse die weiße Fahne, strecke die Waffen und unterwerfe mich dir total.“

Ralf zeigte auf sie. „Du weißt, der Sieger darf verlangen, was immer er will.“

„Du bist mein Gebieter“, sagte Claudia.

„Ich darf befehlen.“

Claudia nickte. „Und ich muss gehorchen.“

Ralf legte sich auf den Rücken und sagte: „Okay, ich befehle dir, mich zu küssen.“

„Ja, mein Gebieter. Mit dem größten Vergnügen, mein Gebieter.“ Claudia beugte sich über ihn. Ihr langes blondes Haar fiel auf sein ebenmäßiges Gesicht. Sie klemmte es sich hinter die Ohren und küsste Ralf mit weichen, warmen Lippen.

Er schlang die Arme um sie und flüsterte: „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch“, hauchte sie gegen seinen Hals, „und ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn du aufhören würdest, einfach nur so in den Tag hineinzuleben.“

Er nahm ihr ebenmäßiges Gesicht zwischen seine Hände, die noch nie schwere Arbeit verrichtet

hatten. „Du möchtest, dass ich mich ändere?“

„Es wäre schön.“

„Das kann ich nicht.“

„Mir zuliebe.“

„Ich bin, wie ich bin“, erklärte Ralf. „Du würdest mich nicht mehr mögen, wenn ich anders wäre.“

„Lassen wir es auf einen Versuch ankommen“, schlug sie vor. „Wir könnten so glücklich sein...“

„Wir sind glücklich“, behauptete er.

„Ich würde gern eine gemeinsame Zukunft mit dir planen“, sagte Claudia.

Ralf lachte. „Kindchen, das Leben lässt sich nicht planen. Wenn wir das könnten, würden wir uns ganz schrecklich langweilen.“ Er ließ sie los, und sie richtete sich auf. „Ich fände es furchtbar schade, wenn auf mich keine Überraschungen mehr zukämen. Ich will nicht wissen, was morgen ist. Ich will mein Dasein nicht mit der präzisen Strategie eines stocksteifen Heerführers festlegen, weil dadurch die ganze prickelnde Spannung, die jede Ungewissheit in sich birgt, zum Teufel ginge.“

Es war eine der vielen fruchtlosen Diskussionen. Würde Ralf sich jemals ändern? Claudia bemühte sich um positives Denken. Irgendwann wird Ralf mehr Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen, ging es ihr durch den Kopf. Er ist wahrscheinlich trotz seiner neunundzwanzig Jahre noch nicht soweit. Manche Menschen sind eben Spätentwickler.

Das Telefon schlug an. Claudia wollte aus dem Bett springen. Ralf griff nach ihr und hielt sie fest. „Lass es läuten.“

„Der Anruf könnte wichtig sein“, wandte sie ein.

„Nichts ist wichtiger als wir beide, Liebling“, behauptete Ralf.

Sie entwand sich seinem Griff und stand auf. Es war ein Anruf aus der Seeberg-Klinik. Schwester Simone war im Kasino ausgerutscht und hatte sich den Arm gebrochen, und Claudia wurde gebeten, für die Kollegin kurzfristig einzuspringen. „Ich komme sofort“, sagte Claudia Wollmann und legte auf.

„Was ist passiert?“, wollte Ralf wissen.

Claudia sagte es ihm.

Er zog die Mundwinkel nach unten. „Mir könnten sie den Buckel runterrutschen, wenn ich an deiner Stelle wäre.“

„Bist du aber nicht.“

„Die nutzen dich aus, merkst du das nicht?“, stichelte Ralf. „Ich bin sicher, die hätten auch eine andere Schwester anrufen können, aber sie haben sich an dich gewandt, weil du ehrgeizig bist und als absolut pflichtbewusst und zuverlässig giltst. Bei denen bist du die erste Wahl, weil sie sich darauf verlassen können, dass sie von dir niemals ein Nein zu hören kriegen.“

„Ich gelte lieber als pflichtbewusst und zuverlässig denn als faul und ungefällig“, gab Claudia schnippisch zurück.

Sie zog ihr Nachthemd aus und warf es aufs Bett. Ihre Nacktheit erregte Ralf. „Ich bin dein Herr und Gebieter, du musst mir gehorchen“, rief er mit belegter Stimme, „und ich sage: Komm sofort wieder ins Bett!“

Sie ignorierte seinen Befehl. Vor wenigen Minuten hatten sie noch gespielt, doch nun hatte der Ernst des Lebens sie eingeholt, was Ralf jedoch nicht wahrhaben wollte, weil für ihn das ganze Leben nur ein Spiel war.

Wenn ich ihn nicht so sehr lieben würde, wenn ich die Vernunft entscheiden ließe, dachte Claudia Wollmann, müsste ich mich von ihm trennen. Sie holte frische Unterwäsche aus der Kommode und zog sie an.

„Die machen dich kaputt in dieser Klinik“, brummte Ralf. „Das sind Sklaventreiber. Die pressen dich aus wie eine Zitrone. Bis zum letzten Tropfen. Und wenn du leer bist, kommst du in den Biokübel, und ab mit dir auf den Komposthaufen.“

„Es würde dir auch nicht schaden, zur Abwechslung mal wieder zu arbeiten.“ Claudia schlüpfte in einen Pulli und zog Jeans an. „Wie lange willst du hier noch faul und nutzlos herumliegen?“

Er saß im Bett, sah zu, wie sie hin und her lief, zuckte mit den Schultern und erwiderte: „Mal sehen, vielleicht rufe ich später die Agentur an und frage nach, ob sie was für mich haben.“

Sie war sicher, er würde es nicht tun, und sie ärgerte sich wieder einmal über seine zum Himmel stinkende Trägheit. Jedes Faultier hatte mehr Elan als er. Hatte eine Frau mit einem solchen Mann eine Zukunft? Eine Familie mit einem solchen Oberhaupt, nein, danke...

Ein wenig missgestimmt verließ sie die Wohnung. Während der Fahrt zur Seeberg-Klinik im Englischen Garten überlegte sie, wie sie auf Ralf etwas Druck ausüben konnte. So durfte das nicht weitergehen.

Es muss eine Möglichkeit geben, Ralf aus seiner Lethargie zu reißen und endlich ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft aus ihm zu machen, dachte Claudia, sonst sehe ich schwarz für unsere gemeinsame Zukunft.

Kurz nachdem sie ihren Dienst angetreten hatte, erfuhr sie, dass ihr Vater von Dr. Kayser in die Seeberg-Klinik eingewiesen worden war.

Sie begab sich zu ihm, sobald sie Zeit hatte. Als sie das Krankenzimmer betrat, in dem er lag, lächelte er. „Hallo, Töchterchen, so sieht man sich wieder.“

Claudia hatte ihn vor zwei Wochen zum letzten Mal gesehen. Damals hatte er nicht gesund ausgesehen, doch heute sah er richtig krank aus. Seine Haut war matt und wächsern, seine Augäpfel hatten sich leicht gelblich verfärbt, er wirkte müde und war kurzatmig.

„Papa!“ Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf die Wange.

„Du siehst blendend aus, Kleines“, stellte ihr Vater fest.

„Du leider nicht“, gab sie zurück.

„Wie geht es dir?“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht allzu rosig, deshalb hat Dr. Kayser mich hierher geschickt. Man wird mich gründlich untersuchen und anschließend eine Therapie festlegen, mit der ich wieder auf die Beine komme.“

„Macht dir deine Leber denn so sehr zu schaffen?“ Claudia spürte, wie ihre Kehle eng wurde. Sie hatte tagaus, tagein mit mehr oder weniger kranken Menschen zu tun, aber das waren Fremde. Am Krankenbett des eigenen Vaters zu stehen, war etwas anderes.

Hubert Wollmann seufzte. „Wenn ich zu viel getrunken hätte, wenn ich mich unvernünftig ernährt hätte, könnte ich das vielleicht noch irgendwo verstehen, aber ich habe keine Ernährungssünden begangen, die so gravierend gewesen wären, dass eine so hohe Rechnung gerechtfertigt wäre.“

„Wie geht es Gunda?“

„Na ja, sie ist froh, dass ich in der Seeberg-Klinik bin, damit dieses zwecklose Herumdoktern zu Hause, wie es bei kleinen Wehwehchen durchaus angebracht ist, ein Ende hat und man hier endlich Nägel mit Köpfen macht.“

„Du bist in der besten Klinik, die ich kenne. Das sage ich nicht, weil ich zufällig hier arbeite, sondern weil ich davon felsenfest überzeugt bin.“ Claudia streichelte die bleiche Wange ihres Vaters. „Halt die Ohren steif, Paps, und lass dich nicht unterkriegen. Wir machen dich hier mit vereinten Kräften ganz schnell wieder gesund.“ Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Ich werde mich ein wenig um Gunda kümmern, während du hier bist.“

Er betrachtete sie stolz und flüsterte: „Ich bin der Vater eines Engels.“

Claudia suchte gleich danach das Büro des Klinikchefs auf. Dr. Ulrich Seeberg saß an seinem großen Schreibtisch und sah sie ernst an.

„Ich war soeben bei meinem Vater“, sagte sie heiser. „Er sieht nicht gut aus.“

Dr. Seeberg nickte langsam. „Er macht mir Sorgen.“

Claudia spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich. „Ist sein Zustand sehr ernst?“

„Seine Leber will nicht mehr arbeiten. Die ersten Untersuchungsergebnisse sind nicht besonders ermutigend. In ein paar Tagen werden wir wissen, ob wir sie retten können oder nicht.“

„Und wenn nicht?“

Dr. Ulrich Seeberg hob die Schultern. „Sie kennen unsere Möglichkeiten, Schwester Claudia.“

Natürlich wusste Claudia Wollmann in diesen Dingen Bescheid. Ihr Vater war nicht der erste Patient in der Seeberg-Klinik, dessen Leber nicht mehr richtig arbeiten wollte. Vielen hatten Dr. Seeberg und seine tüchtigen Kollegen helfen können, aber nicht allen. Einige waren gestorben. Auf welcher Seite der nüchternen Statistik würde demnächst ihr Vater stehen?

„Ich werde für Ihren Vater tun, was ich kann, Schwester Claudia“, versicherte der Klinikchef.

Die blonde Pflegerin sah ihn an und nickte. „Das weiß ich, Herr Chefarzt. Das tun Sie für alle Patienten. Mir ist klar, dass mein Vater nirgendwo besser aufgehoben wäre als bei Ihnen.“

„Wenn die ersten Untersuchungsergebnisse auch nicht sehr ermutigend sind, schon morgen können uns Werte vorliegen, die uns Hoffnung machen.“

Claudia Wollmann sah geistesabwesend auf ihre schlanken Hände. Sie erinnerte sich an Namen: Senta Ziegler, Raffael Heinemann, Horst Forstegger. Diese Patienten waren, wie ihr Vater, von ihren Hausärzten in die Seeberg-Klinik eingewiesen worden. Auch ihre Leber hatte nicht mehr richtig funktioniert und sie hatten die Klinik nicht lebend verlassen.

Senta Ziegler war drei Tage nach ihrer Einlieferung gestorben. Raffael Heinemann hatte noch eine Woche gelebt. Horst Forstegger hatte es drei Wochen geschafft, und dann war er ebenfalls gestorben.

Dabei hatte es bei Senta Ziegler so ausgesehen, als hätte sie die besten Aussichten, durchzukommen, aber am dritten Tag war sie plötzlich in ein tiefes Koma gefallen und nicht mehr aufgewacht.

Das Telefon auf Dr. Seebergs Schreibtisch läutete. „Ich bin schon weg“, sagte Schwester Claudia. „Danke für das Gespräch, Herr Chefarzt.“

Sie drehte sich um und verließ das Büro des Klinikleiters. Dr. Ulrich Seeberg griff nach dem Hörer und meldete sich.

 

 

3

Dr. Sven Kayser lächelte die hochschwangere Patientin zufrieden an. „Alles in bester Ordnung, Frau Leah. Ihrem Baby geht es nicht nur ausgezeichnet, es hält sich auch haargenau an den ‘Fahrplan’.“

Schwerfällig ließ sich die junge Frau auf den Patientenstuhl nieder. „Wenn die Ultraschalluntersuchung nicht zweifelsfrei gezeigt hätte, dass sich in meinem riesigen Bauch nur ein Kind befindet, würde ich mit Zwillingen rechnen.“ Margit Leah legte die Hände auf ihren unförmigen Leib und seufzte. „Was werde ich froh sein, wenn ich das hinter mir habe! Ich kann nicht mehr richtig stehen, sitzen, liegen, habe Schwierigkeiten beim Bücken... Mein Mann sagt, das wird ein Riesenbaby.“

„Ihr Mann irrt sich“, erwiderte Dr. Kayser. „Abgesehen davon, dass das Kleine für Sie beide etwas Besonderes sein wird, werden Sie ein ganz normales Durchschnittsbaby auf die Welt bringen.“

Margit betrachtete sich. „Ich war einmal so herrlich schlank, und heute sehe ich aus wie ein Fesselballon.“

„Sie werden bald wieder schlank sein, Frau Leah“, tröstete Dr. Kayser sie. „Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Hat es sich Ihr Mann inzwischen anders überlegt?“

„Anders überlegt?“

„Möchte er bei der Geburt seines Söhnchens noch immer nicht dabei sein?“

„Es ist nicht so, dass er nicht möchte“, sagte Margit Leah. Sie war vierundzwanzig, seit zwei Jahren verheiratet und Frisörin von Beruf. „Wenn ich ihn bitten würde, bei der Niederkunft neben mir zu stehen und meine Hand zu halten, würde er die Zähne zusammenbeißen und mitkommen, aber ich, ich möchte ihn nicht dabei haben. Ich liebe meinen Mann, doch im Kreißsaal würde er mich ganz schrecklich nervös machen. Ich könnte mich nicht auf die Geburt konzentrieren. Er würde ununterbrochen auf mich einreden. Wenn er aufgeregt ist, redet er wie ein Wasserfall. Das würde mich verrückt machen.“ Die Patientin schüttelte ernst den Kopf. „Nein, Herr Doktor, ich möchte ihn lieber nicht dabei haben. Es genügt mir, wenn Sie bei mir sind. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Sie wissen genau, was zu tun ist. Die Ruhe, die Sie ausstrahlen, wird mir guttun. Meinen geliebten Ehemann möchte ich erst sehen, wenn alles vorbei ist, wenn ich das Ganze hinter mir habe. Bin ich eine schlechte Ehefrau? Bin ich die einzige Frau, die so denkt, Herr Dr. Kayser?“

Sven Kayser schüttelte den Kopf. „Es kommt immer wieder vor, dass eine Mutter das Gebären als ihre eigene, ganz persönliche Angelegenheit betrachtet und den Kindesvater nicht an ihrer Seite haben will.“

„Dann ist mein Wunsch, es allein hinter mich zu bringen, also nicht ungewöhnlich.“

„Absolut nicht.“

„Das beruhigt mich“, lächelte Margit Leah und erhob sich.

Dr. Kayser stand ebenfalls auf, geleitete die schwerfällige Patientin zur Tür und gab ihr die Hand. Nachdem die Schwangere draußen war, kam Schwester Gudrun herein.

„Tut sich schon ziemlich schwer, die Ärmste“, sagte die korpulente Arzthelferin.

„Sie wird es bald hinter sich haben.“ Gudrun Giesecke musterte Sven Kayser. „Wie fühlen Se sich, Chef?“

„Gut. Warum? Sehe ich nicht so aus?“

„Oh, an Ihrem Aussehen hab ick nix auszusetzen“, sagte die grauhaarige Sprechstundenhilfe. „Es is nur... Na ja, draußen sitzt Frau Brix. Sie is die letzte jewissermaßen die Krönung der heutigen Vormittagssprechstunde, det Sahnehäubchen des Tages, wenn Se so wollen...“

„Und was fehlt dem Sahnehäubchen diesmal, Icke?“, erkundigte sich der Grünwalder Arzt.

„Die Krankheit, wie immer, Chef.“ Schwester Gudrun grinste. „Wenn alle Patienten so jesund wären wie Hannelore Brix, könnten wir die Praxis dichtmachen und in Grünwald Werbematerial verteilen.“

„Na schön, bringen wir es hinter uns. Schicken Sie Frau Brix herein. Ich muss nachher in die Seeberg-Klinik.“ Gudrun Giesecke ging hinaus. Im Wartezimmer saß nur noch eine Patientin: Hannelore Brix. Sie sah aus wie das blühende Leben, und glaubte sich stets sterbenskrank.

„Frau Brix“, sagte die vierundsechzigjährige Arzthelferin.

Hannelore Brix, zwanzig Jahre jünger, sprang viel zu schnell und gelenkig auf. „Ja, Schwester?“

„Der Herr Doktor erwartet Sie.“

„Danke Schwester.“

In Sven Kaysers Sprechzimmer zählte die Patientin dann all die schrecklichen Beschwerden auf, die sie plagten und ihr das Leben zur Hölle machten.

Das ging vom heftigen Stechen beim Harnlassen über ätzendes Sodbrennen bis hin zu eingeschlafenen Füßen, lästigen Rheumaschüben, beängstigenden Herzrhythmusstörungen und kaum auszuhaltenden Magenkoliken.

Diese bemitleidenswerte Frau hatte immer all jene Krankheiten, die gerade auf den sogenannten „Gesundheitsseiten“ der von ihr abonnierten Illustrierten behandelt wurden.

Dr. Kayser vermittelte ihr das Gefühl, dass er sie ernst nahm, und sie ging nie ohne ein Rezept aus seiner Praxis, ohne zu ahnen, dass sie von ihm immer nur das Harmloseste vom Harmlosen verschrieben bekam.

Was immer er ihr verordnete, es half, weil sie sich auch das ganz fest einbildete. So heilte er sie von Krankheiten, die sie nicht hatte, mit Medikamenten, die ihr nicht schadeten, und sie war zufrieden, bis die nächsten Beschwerden (ausgelöst von neuen „Gesundheitsrubriken“) bei ihr ausbrachen.

Nachdem er ein Rezept für sie ausgestellt und sich von ihr verabschiedet hatte, zog er seinen weißen Kittel aus und hängte ihn an den Haken.

„Jetzt in die Seeberg-Klinik?, fragte Schwester Gudrun.

„Ja.“ Dr. Kayser war in diesem Krankenhaus Belegarzt.

Marie-Luise Flanitzer, seine zweite Sprechstundenhilfe, etwa halb so alt und halb so schwer wie Gudrun Giesecke, fragte: „Würden Sie mich ein Stück mitnehmen, Chef?“

„Selbstverständlich“, sagte Sven Kayser.

„Ich möchte ein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann abholen“, sagte Schwester Marie-Luise.

Schwester Gudrun spitzte sogleich neugierig die Ohren. „Wat kriegt et denn, det liebe Männlein?“

Ihre Kollegin schmunzelte. „Wird nicht verraten.“

„Na, hör mal, mir kannste es doch sagen“, meinte die Berlinerin.

„Könnte ich.“ Marie-Luise Flanitzer nickte. „Da ich aber weiß, dass es Ihnen furchtbar schwerfällt, den Mund zu halten, behalte ich es lieber für mich.“

Gudrun wiegte ein wenig eingeschnappt den Kopf. „Na, du bist mir vielleicht een Herzchen. Wann hab ick schon mal wat ausjeplaudert?“ Marie-Luise Flanitzer hob den Zeigefinger. „Wer hat meinem Mann verraten, was ich ihm zum Hochzeitstag schenken werde?“

„Dat is mir rausjerutscht, dat zählt nich“, brummelte Gudrun Giesecke.

„Mir war die Überraschungsfreude auf jeden Fall verdorben.“

„Ick habe mir entschuldigt“, sagte Gudrun.

„Und wer hat meinem Mann gesagt, was er von mir zum Geburtstag bekommt?“

„Da wusste ick nich, dat ick es für mich behalten sollte“, rechtfertigte sich Schwester Gudrun.

„Wie auch immer“, sagte Marie-Luise. „Aus Schaden wird man klug, und schweigsam.“

Dr. Kayser verließ mit seiner jungen Sprechstundenhilfe die Praxis. Schwester Gudrun blieb schmollend im Haus.

Nachdem der Grünwalder Arzt Marie-Luise Flanitzer unterwegs abgesetzt hatte, erreichte er wenige Minuten später die Klinik seines Freundes Dr. Ulrich Seeberg. Bevor Sven Kayser seine Patienten besuchte, sprach er mit dem Klinikchef über Hubert Wollmann. Inzwischen lagen weitere Untersuchungsergebnisse vor, aber auch die waren nicht gerade ermutigend.

„Sieht danach aus, als käme er um eine Lebertransplantation nicht herum“, sagte Dr. Seeberg.

„Hast du ihn schon bei der Organspendezentrale in Leiden für eine Spenderleber angemeldet?“, wollte Dr. Kayser wissen.

Sein Freund schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Noch hoffen wir auf ein Wunder, aber...“

Dr. Kaysers besorgter Blick erforschte das Gesicht des Freundes. „Was befürchtest du, Uli?“

„Dass es zu einer Gallengang Atresie kommt.“

„Du meinst, die Gallengänge könnten verschließen“, sagte Sven Kayser. „Ja.“ Ulrich Seeberg nickte. „Dann würde sich die Leber selbst zerstören, ähnlich, wie es bei schwerem Alkoholismus zur Zirrhose kommt“, sagte Dr. Kayser gepresst.

„Du weißt“, sagte Dr. Seeberg, „kein Arzt will ein menschliches Organ durch ein fremdes ersetzen, wenn auch nur die geringste Aussicht besteht, dass es sich wieder erholt, wenn es durch einen kleineren Eingriff kuriert werden kann oder wenn es noch so viele Funktionen erfüllt, dass der Patient ein einigermaßen normales Leben führen kann.“

Dr. Kayser wusste nur zu gut, warum diese ungeliebten Organverpflanzungen selbst von anerkannten Experten als allerletzter Ausweg angesehen wurden. Das Problem war die Abstoßung des Spenderorgans. Sie bedrohte den Patienten am meisten, und solange es keine Mittel gegeben hatte, die diesem Prozess mit einiger Zuverlässigkeit entgegenwirkten, war an eine Organverpflanzung überhaupt nicht zu denken gewesen.

Der Grünwalder Arzt begab sich zu Hubert Wollmann. Auf dem Flur begegnete ihm Schwester Claudia. „Ich bin gerade auf dem Weg zu Ihrem Vater“, sagte Sven Kayser.

„Ich habe mit Dr. Seeberg gesprochen“, bemerkte die schöne Pflegerin. „Er klingt nicht sehr optimistisch.“

„Noch sind nicht alle Tests abgeschlossen. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass Ihr Vater sich wieder erholt.“

„Herr Dr. Kayser, ich bin Krankenschwester.“ Claudia Wollmann schüttelte mit vorwurfsvoller Miene den Kopf. „Sie haben keinen Laien vor sich. Ich weiß, was los ist. Ich weiß, wie es um meinen Vater steht.“

„Ich glaube, es besteht noch Hoffnung für ihn“, erklärte der Grünwalder Arzt. „Ich würde das nicht sagen, wenn ich davon nicht überzeugt wäre.“

Als er kurz darauf den Patienten sah, geriet seine Überzeugung etwas ins Wanken. Er dachte an Hannelore Brix, die mit so großer Leidenschaft krank war. Wenn sie nur einen Tag in Wollmanns Lage gewesen wäre, hätte sie sich garantiert nie mehr gewünscht, krank zu sein.

„Dr. Kayser, schön, Sie zu sehen.“ Hubert Wollmann versuchte zu lächeln, es misslang aber.

„Wie geht es Ihnen, Herr Wollmann?“, erkundigte sich Sven Kayser.

„Naja...“ Wollmann verzog das Gesicht. „Möchten Sie die Wahrheit hören oder soll ich lügen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921519
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
schwester claudia lächeln

Autor

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Titel: Schwester Claudia und das verlorene Lächeln