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2 Minuten 30 Sekunden - vor der Zeit!

2018 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

2 Minuten 30 Sekunden - vor der Zeit!

Copyright

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2 Minuten 30 Sekunden - vor der Zeit!

Science Fiction-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

 

David Vincent erfährt von seinem Psychiater, dass er nicht nur mit einer hellsichtigen Begabung ausgestattet ist, sondern dass sein Selbst zweimal existiert: einmal in der Realität und einmal zwei Minuten und dreißig Sekunden vor der Zeit. Es ist nötig, dass David seine Zukunftsexistenz auflöst, weil er damit eine zu große Macht besitzt, die Realität aller zu manipulieren. Zu seiner Unterstützung erhält er seine geistige Mutter zur Seite gestellt. Die Begegnung ist für David sehr emotional – auch für die Mutter, die sein weibliches Ich darstellt und in Gestalt einer hübschen jungen Frau erscheint … Davids Aufgabe ist es, durch verschiedene Zeittore zu gehen, um durch die Erfahrungen in den jeweiligen Zeitebenen in seiner Realität anzukommen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Der zweiundzwanzigjährige David Vincent erfährt von dem ihn behandelnden Psychiater, dass er unter einem nahezu unbegreiflichen Zustand leidet. Der Seelenarzt hat große Schwierigkeiten, seinem Patienten klarzumachen, worum es sich handelt, nämlich um das Phänomen, dass Vincent vor seiner eigenen Zeit lebt.

Vincent erlebt alles 2,5 Minuten früher als andere Menschen. Diesen Umstand — oder vielleicht diese Fähigkeit — könnte er vielleicht zu Manipulationen ausnutzen, aber er kann auch schwer unter dieser Hellsichtigkeit leiden. Es ist nämlich eine Krankheit und Belastung. Was David Vincent alles während seiner seelenmedizinischen Behandlung erwartet, ahnt der junge Mann zu seinem Glück nicht. Ihm ist jedoch reichlich unheimlich zumute, als der Seelendoktor zu den ersten Maßnahmen schreitet.

Trotzdem bleibt ihm nichts anderes übrig, als alles über sich ergehen zu lassen. So wird er hineingerissen in einen Strudel von Ereignissen, die ihn Zeit und Raum überbrücken lassen. Wohin wird er getrieben?

David Vincent war zweiundzwanzig Jahre alt, als er davon erfuhr, dass es ihn zweimal gab. Doch damit nicht genug. Der behandelnde Psychiater erklärte ihm auch, dass er in der Zukunft lebe, und, wie der alte Mann es händeringend ausdrückte, seiner Zeit voraus sei.

David Vincent wirkte weniger betroffen, als es zu erwarten gewesen wäre. Ruhig und gefasst, mit einem völlig unbewegten Gesicht, bat er um weitere Auskünfte.

Der Psychiater warf seinem Patienten einen durchdringenden Blick zu, der zu sagen schien: Nun wundern Sie sich doch ein wenig, Mr. Vincent. Der Ausdruck seiner Augen wechselte und wurde wieder streng und ernst, als der behandelnde Arzt weitersprach.

„In zwei, drei Worten lässt sich Ihre Geschichte nicht erklären, Mr. Vincent. Sie ist nämlich sehr kompliziert und vielschichtig.“

„Ich höre Ihnen gerne zu“, sagte der junge Mann höflich.

Der Psychiater lächelte dankbar zurück. „Nun“, sagte er, sich seine randlose Brille auf dem höckerigen Nasenrücken zurechtsetzend, „vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, Mr. Vincent, dass Sie einige besondere Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, über die zwar auch andere Menschen verfügen, die aber bei Ihnen besonders stark ausgeprägt sind.“

„Äußern Sie sich bitte bestimmter!“

„Nun, ich denke da speziell an Ihre Hellsicht.“

„Hellsicht?“, wiederholte David Vincent stirnrunzelnd. „Meinen Sie etwa die Gabe, in die Zukunft vorauszusehen und Ereignisse und Entwicklungen vorauszuahnen, sie sozusagen plastisch vor dem geistigen Auge vorbeilaufen zu sehen, während sie sich später bei vollem Bewusstsein genau so abspielen, wie man es in seinen Träumen bereits erlebt hat?“

„Ihre Definition beweist, Mr. Vincent, dass Sie bereits mit dieser Fähigkeit vertraut sind“, nickte der Psychiater zufrieden. „Wir Wissenschaftler würden es folgendermaßen ausdrücken: Hellsehen zählt zu den parapsychologischen, d. h. okkulten Erscheinungen, die die Fähigkeit vermitteln, Wahrnehmungen ohne die Hilfe von Sinnesorganen zu erhalten. Eine ähnliche Auslegung des Begriffes werden Sie in jedem Lexikon finden.“

„Ich hatte bereits einige parapsychische Erlebnisse“, wandte David Vincent ein. „Ich will Sie mit genaueren Details nicht langweilen, doch ich habe auch in die Zukunft gesehen.“

„Das wissen wir“, nickte der Psychiater gleichmütig. „Doch wir beide, Sie und auch ich, haben nur altbekannte Definitionen des Begriffes Hellsehen geliefert. Sie werden im Laufe unseres Gespräches nicht umhin können, Ihre Vorstellungswelt ein wenig zu revidieren. Natürlich dürfte es einem Mann von Ihren geistigen Qualitäten schon klar geworden sein, dass ich auf ein bestimmtes Ziel hinaus will. Und zwar will ich Folgendes sagen: Ich habe vorhin angedeutet, dass Sie in der Zukunft leben, Mr. Vincent. Was ist Ihnen dabei in den Sinn gekommen?“

„Nun“, David Vincent überlegte eine Weile, „ich dachte dabei an Zeitströme, an das Raum-Zeit-Kontinuum und Parallelwelten. Vielleicht kennt die gegenwärtige menschliche Zivilisation bereits die Zeitreisen, und ich bin vermittels einer Zeitmaschine in die Vergangenheit oder Zukunft — ganz wie Sie wollen — gebracht worden? Mehr kann ich mir dazu leider nicht denken“, schloss der junge Mann achselzuckend.

Der Psychiater wehrte ab.

„Ihre Gedanken zu diesem Thema sind nicht unintelligent, Mr. Vincent, das kann ich Ihnen als Spezialist versichern. Nur leider“, der alte Mann machte eine vage Geste, die Bedauern ausdrückte, „nur leider treffen sie ganz und gar nicht den Kern unseres Problems. Es gibt noch eine andere Form des In-der-Zukunft-Lebens, eine, wie Sie gleich feststellen werden, sehr viel realistischere und naheliegendere Form.“

Zum ersten Mal schien David Vincents Interesse zu erwachen. In seinen Augen begann ein merkwürdiges, heimliches Feuer zu brennen, das die Heftigkeit der Gedanken ausdrückte, die den jungen Mann wie in einen Mahlstrom davonrissen.

„Bitte erklären Sie sich deutlicher!“, bat er atemlos.

Der alte Arzt mit dem welken, eingefallenen Gesicht und den klugen blauen Augen, die in tiefen, schattigen Höhlen lagen, schwieg eine Weile lang, bevor sein Gesicht einen sehr nachdenklichen, ernsten Zug annahm.

„Sie selbst, Mr. Vincent, leben in einer nur gedachten Welt. Alles was Sie sehen, spüren, fühlen, schmecken, sagen, denken und tun, das alles, Mr. Vincent, ist nur eine Vision, wenn auch eine, zugegeben, sehr plastische und realistische. Um es ganz genau zu sagen: Sie leben in der Hellsicht, sich selbst um genau zwei Minuten und dreißig Sekunden voraus. Ich will versuchen, es noch deutlicher und verständlicher auszudrücken. Stellen Sie sich bitte vor, Mr. Vincent, dass es einen Menschen gäbe, dessen Hellsichtigkeitsbegabung so immens ist, dass seine Visionen, also Zukunftsvisionen, kein Ende mehr finden, und er nur noch in einer vorausschauenden Welt lebt, die genau zwei Minuten und dreißig Sekunden von der eigentlichen Realität entfernt liegt. Können Sie sich das vorstellen?

Der Psychiater sah ihn mit intensivem Blick an. Er schien sehr gespannt auf die Antwort seines Schützlings zu sein.

David Vincents Gesichtsfarbe hatte während dieser Erklärung gewechselt. Die sanfte, hektische Röte war einer Leichenblasse gewichen, und in dem fahlen Gesicht standen die Augen unbewegt und starr. Langsam, schwerfällig und träge, wie es schien, nickte er zweimal nachdrücklich mit dem Kopf. Dann, nachdem seine Gedanken den ersten Schrecken überwunden hatten, gewann er sein altes Selbstvertrauen zurück.

„Ich kann es mir sehr gut vorstellen, Herr Doktor! Das, was Sie behaupten, ist ungeheuerlich und in meinen Augen monströs und ohne Beispiel. Jetzt verstehe ich auch Ihre Anspielung, dass es mich zweimal geben soll. Sie meinen damit wohl nichts anderes, als dass es mich in der realen Welt ein zweites Mal gibt, mich, einen Menschen, der zwei Minuten und dreißig Sekunden zurück lebt und alles das tut und denkt und so handelt, wie ich es ihm vorschreibe.“

Der Psychiater lächelte zufrieden.

„Ich glaube“, flüsterte er stark beeindruckt, „Sie haben die Sache erfasst. — In Wahrheit gibt es Sie natürlich nur einmal. Mr. Vincent, das möchte ich betonen. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Sie schizophren wären. Das ist nicht der Fall. Sie verfügen, um es einmal so auszudrücken, über die vorausgeeilten Gedanken Ihres wahren Selbst, in der Zukunft lebend. Und da man Ihre Existenz als spiegelverkehrt betrachten kann, würde ich sagen, dass Sie in der Realität immer wieder in Ihre eigenen Gedankenströme hineinlaufen und somit auch in der Realität genau das gleiche denken oder tun, wie in Ihrer Hellsicht.“

David Vincent kam ein furchtbarer Gedanke, der so erschreckend war, dass er unter der Last dieser Vorstellung zusammenzuckte. Eine Weile war er sprachlos und zu keinem Wort fähig. Schließlich, nachdem er den ersten Schock überwunden hatte und sich sein Puls und Atem beruhigt hatten, wagte er mit zögernder Stimme seine Frage zu stellen.

„Wenn ich mir die Welt nur vorstelle, Herr Doktor, wie sie in zwei Minuten dreißig Sekunden sein wird, ist es dann vielleicht möglich, dass ich mit meinem Vorausdenken nicht auch das Schicksal der Welt lenken und bestimmen kann? Ich denke mir zum Beispiel unser Gespräch um die genannte Zeitspanne voraus, und selbst Sie werden nach diesem Zeitraum jedes Wort wiederholen, jede Geste tun und jeden Gedanken denken, den ich mir in meiner Hellsicht vorausgedacht hatte.“

Der Blick des Psychiaters wurde mit einem Mal kalt, bitter und abweisend. Seine Gesichtszüge wurden von einer merkwürdigen Starre überzogen und verwandelten sich in eine hässliche Grimasse.

Alles loyale und großväterliche Gehabe war von ihm abgefallen. Er war nur noch ein feindseliger, verbitterter alter Mann, der David Vincent mit der ganzen Kraft seiner alten Seele hasste. Hass, Verachtung und Geringschätzung sprühte aus seinen schiefergrauen Augen, und David Vincent zuckte unter diesen Blicken zusammen.

„Wissen Sie eigentlich, Mr. Vincent, wie sehr wir Sie in Wirklichkeit hassen — he? Haben Sie überhaupt eine Ahnung davon, was sie kleiner, dummer, rotznäsiger Bengel angerichtet haben — he? Natürlich nicht! Sie erdreisten sich, sich die Welt so vorzustellen, sie Sie sie gerne haben möchten, und alle Menschen, alle Dinge in der Realität müssen Ihnen gehorchen. Sie spielen Schicksal, Mr. Vincent, Gott und Usurpator, ohne Rücksicht auf uns Menschen und ohne zu bedenken, dass wir gerne unser eigenes Leben führen und unsere eigenen Gedanken denken möchten. Doch Sie bestimmen alles im Voraus — zwei Minuten und dreißig Sekunden in der Zukunft!“

David Vincent lachte verächtlich auf. — Kühl gelassen kam seine Antwort.

„Sie sagen doch nur das, was ich Ihnen in den Mund gelegt habe, deshalb kann ich Ihren Ausbruch nicht ernst nehmen. Es ist interessant zu wissen, dass alle Menschen nur meine Popanze sind und ich sie wie an Stricken bewegen kann.“

„Das ist Blasphemie, Mr. Vincent!“, keuchte der alte Mann mit zorngerötetem Gesicht, seine Selbstbeherrschung verlierend.

„Aber Sie haben mir doch gerade selbst bestätigt, dass ich mir die Welt vorausdenke, und zwar so, wie ich sie gerne haben möchte? “

„Ja, ja.“ Der alte Mann winkte nervös ab. „Allerdings haben wir Sie das nicht wissen lassen, damit Sie sich nun als Herrgott aufspielen, Vincent. Glauben Sie nun bloß nicht, dass Sie sich alles erlauben können! Ihre Hellsicht verfährt da nach ganz anderen Gesichtspunkten und ist in erster Linie darauf ausgerichtet, Sie von dieser schrecklichen Krankheit zu befreien, die Sie in der Zukunft leben lässt.“

„Ich bin zufrieden!“, lächelte Vincent.

Der alte Mann grunzte verächtlich auf. „Die Welt ist nicht ganz so, wie Sie sie sich denken, alter Freund. Ich will damit sagen, dass die Menschen und ihre geistigen Fähigkeiten anders geartet sind, so anders, dass Sie es sich trotz Ihrer immensen Vorstellungsgabe, die Sie ja erst dazu befähigt, diesen ganzen Weltenzauber und Spuk zu inszenieren, nicht denken können. Wenn Sie in die Wirklichkeit zurückkehrten, dann würden Ihnen die Augen aus dem Kopf vor lauter Überraschungen herausquellen. Doch Sie, was haben Sie mit dem wunderbaren Geschlecht der Menschen angestellt? Sie haben Sie dazu missbraucht, als Halbaffen, sozusagen als weiter entwickelte Neandertaler zu leben, die sich in Ihre kindische Vorstellungswelt einfügen müssen, weil Ihre parapsychischen Talente das Geheimnis der Zeitströme gelöst haben.“

Der Psychiater unterbrach sich eine Weile, in der er Vincent lange und verächtlich musterte. Dann sprach er weiter.

„Wissen Sie eigentlich, was für ein wunderbarer Mensch Sie in Wahrheit sind — heh? Nicht so psychopathisch und neurotisch veranlagt, im Gegenteil, kein kleinlich denkender, verklemmter Bauer, sondern das Bild einer strahlenden, reinen Seele, voller Verklärtheit und Läuterung. Sie, Vincent, sind nur der Ausschuss, der Schrott Ihrer Selbst, ein fehlgeleitetes Ich. Und Folgendes sage ich Ihnen ganz im Ernst: Es gibt noch mehrere von Ihrer Sorte, die glauben, die Zukunft gestalten zu können. Doch von ihnen allen denken Sie am schwerfälligsten und langsamsten. Diese Behandlung wird nur ganz wenigen zuteil und Ihnen nur wegen Ihrer Hellsicht, für die wir in der Realität einen besseren Verwendungszweck haben, als dass Sie mit der Zukunft des gesamten Menschengeschlechts spielen.“

David Vincent wusste nicht mehr, was er denken sollte. Die Offenbarungen und Eröffnungen, die ihm hier und jetzt an den Kopf geschmissen wurden, waren einesteils so gigantisch, dann auch wieder so widersprüchlich, dass ihm der Kopf schwirrte. Nur so viel schien festzustehen: David Vincent schien in der Zukunft zu leben und kannte sich selbst und die wahre Menschheit nicht. Die Frage, auf welche Weise er die Geschicke der Menschheit mittels seiner Hellsicht bestimmte, diese Antwort konnte er nur erahnen, aber nicht präzise beantworten.

Er war auf einen Dschungel von Vermutungen und Widersprüchen angewiesen, von denen eins wüster und monströser war als das andere. David Vincent gestand sich ganz offen ein, dass er ratlos war. Was geschah, was würde geschehen — was hatte man mit ihm vor?

Der Psychiater bemerkte die Ratlosigkeit und Unsicherheit seines Patienten und wurde dadurch milder gestimmt. Seine Stimme klang durchaus herzlich und war voll ehrlicher Wärme.

„Im Grunde, Mr. Vincent, wollen wir aus der Realität Ihnen ja nur helfen, dass Sie zu sich selbst zurückfinden. Sie sind ein Hellsichtigkeitssucher. Und glauben Sie mir, Sie haben eine sehr dankbare und lohnende Aufgabe vor sich, wenn Sie sich daran machen, diese verhängnisvolle Zeitdifferenz auszulöschen. Wir versprechen Ihnen, dass Sie in der Realität, in dem wahren Leben, einer der glücklichsten und fähigsten jungen Männer sein werden. Was Sie tun müssen, ist nur zu wollen. Und wenn ich mich vorhin vielleicht etwas negativ über Sie geäußert haben sollte, so geschah das in der Hitze des Gefechtes und war nicht einmal zu einem Bruchteil so gemeint. Doch, Sie müssen verstehen, kein Mensch sieht es gerne, wenn ein Seher in sein Schicksal eingreift und es zu manipulieren versucht. Nicht einmal wir Parapsychologen, die wir von Berufs wegen darauf spezialisiert und getrimmt worden sind.“

Der junge Mann presste die Lippen fest aufeinander und versuchte ein Fazit aus den Erklärungen zu ziehen. Heraus kam allerdings nur ein wirres Gedankengebilde und wüste, verwirrende Vorstellungen, scheinbar ohne Sinn und Vernunft. War er wirklich ein Kranker, ein Weltflüchtiger, der aus der Realität, wie der alte Mann seine 'wahre Welt' nannte, geflohen war? Und wenn ja, warum?

David Vincent stellte eine dementsprechende Frage.

Der Psychiater lehnte sich zurück und machte ein besorgtes Gesicht, um dessen Lippen allerdings ein leichtes Lächeln spielte.

„Sie wollen wissen, Vincent, weshalb Sie sich in die Zukunft geflüchtet haben?“, begann er. „Nun, das können wir Ihnen sagen. Es geschah, wie so viele Dinge im Leben, wegen einer Frau. Um es Ihnen verständlich zu machen, muss ich weiter ausholen. In der Realität besitzt jeder Mensch ein weibliches Ich, sozusagen eine geistige Mutter, über deren Funktion wir uns jetzt nicht weiter unterhalten wollen. Nur sei noch gesagt, dass es einige ganz begnadete Menschen gibt, bei denen dieses weibliche Ich zu einem materiellen, realisierten Wesen wird, also ein anderer, ganz normaler Mensch, ein Gegenüber und nicht nur eine geistige Fiktion. Sie gehören zu Ihnen. Und — kurz gesagt — die Zukunft und die Realität in Ihnen haben sich um dieses Mädchen gestritten, und da Sie, Vincent, zu unterliegen schienen, haben Sie sich in Ihre Zukunftsvisionen hineingeflüchtet, in denen Sie so beharrlich fortlebten.“

„Also gibt es mich doch zweimal!“, bemerkte Vincent.

„Habe ich je etwas anderes behauptet? Nur sind Sie keine, wie Sie vermutlich andeuten wollten, gespaltene Persönlichkeit, sondern zwei völlig gleichwertige Geschöpfe, die auf unterschiedlichen Zeitebenen leben. Ihre Aufgabe besteht nun darin, Ihre Zeitebene zu verlassen und in die Realität zurückzukehren, dort werden Sie dann zu einem Wesen verschmelzen. Ihre beiden Persönlichkeiten werden sozusagen eine Symbiose eingehen, und das wäre für beide Parteien wohl das Beste.“

Aus irgendeinem Grund traute Vincent dem alten Mann nicht völlig. Er hatte das deutliche Gefühl, wenn er es auch nicht beweisen konnte, dass er hereingelegt werden sollte. Doch andererseits, überlegte er sich, führe ich dm Grunde ja nur ein Zwiegespräch mit mir selbst, in der Zukunft, sind es nur meine eigenen Gedanken, die hier geäußert werden und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir selbst schaden will. Natürlich immer vorausgesetzt, dachte Vincent weiter, dass ihn der Psychiater nicht anlog und ihm aus welchem Grund es auch sein mochte, diese haarsträubende Geschichte auftischte.

David Vincent begriff, dass er viel Muße und Zeit brauchen würde, um alle Mosaiksteinchen zu einem deutlichen, logischen Gebilde zusammenzufügen. Noch war vieles unklar und nebelhaft, schien unglaubwürdig und fantastisch, wenn nicht sogar absurd.

Doch David Vincent zwang sich dazu, sachlich und nüchtern zu bleiben. Seine nächste Frage war dementsprechend.

„Was bleibt mir also zu tun übrig, um aus der Zukunft in die Realität zurückzukehren?“

Der alte Mann stand von seinem Stuhl auf und wanderte, die Hände auf dem Rücken verschränkend, nervös in dem kahlen Raum auf und ab.

„Wir haben bestimmte theoretische Grundlagen ausgearbeitet, deren Details viel zu kompliziert sind, um sie in einem Atemzug zu erläutern. Diese Theorie stützt sich hauptsächlich auf psychologische Momente, die für den Erfolg ausschlaggebend sind. In diesen Grundlagen wenden wir die Raum-Zeit-Theorie Coopers an, sodass wir es Ihnen ermöglichen können, sich aus dem Bannkreis Ihrer Hellsichtigkeit zu lösen und zu Ihrem wahren Wesen zurückzukehren — allerdings zuerst nur in die Zukunft hinein, die nicht von Ihrer vorausschauenden Hellsicht bestimmt ist. Um es anders zu erklären: Wenn Sie die Zeitbarriere überschreiten, werden Sie nicht mehr fähig sein, anderen Geschöpfen Ihren Willen aufzuzwingen, sondern müssen mit den wenigen Fähigkeiten auskommen, die auch jedem anderen Menschen zur Verfügung stehen. Sie werden dann in der Realität und nicht in einem Traumland leben und sich dort als richtiger Mensch zu bewähren haben, das bedeutet natürlich auch, dass Sie andere Geschöpfe und Ereignisse nicht mehr manipulieren können, sondern ... na ja, das habe ich Ihnen ja erklärt.“

Der junge Mann schien nachdenklich und besorgt. Er erfasste tatsächlich die tiefere Bedeutung der Äußerung seines Gegenübers. Demnach, sollte er auf dieses Angebot eingehen, würde er zum ersten Mal allen Gefahren und Komplikationen des eigentlichen Lebens ausgesetzt sein und nicht mehr über die Chance verfügen, sie nach eigenem Ermessen zu deformieren. Und das eigentliche Leben brachte zahlreiche lauernde Gefahren mit sich, die er bisher nur im Spiel erprobt hatte.

„Das ist der Weg, den Sie beschreiten werden, Mr. Vincent. Gehen Sie ihn, und Sie werden die Last der Hellsicht los sein. Damit Sie nicht im letzten Augenblick zurückschrecken, haben wir Ihnen sozusagen einen geistigen Anreiz gegeben— nämlich Ihre Mutter!“

„Sie meinen mein weibliches Ich, das mich von mir gespalten hat?“

„Ausgezeichnet! Es ist das höchste erklärte Ziel eines jeden Hellsichtigkeitssuchers, einen Weg zu finden, um mit seiner geistigen Mutter zusammenzuleben. Ich darf Ihnen schon an dieser Stelle versichern, dass ein solches Zusammenleben nicht nur in rein physischer Hinsicht pikant und reizvoll sein dürfte. Es tauchen da verschiedene Varianten auf, die ihren endgültigen Niederschlag auch in einer Art platonischen, rein geistigen Liebe und ebensolchem Zusammenleben finden werden. Glauben Sie mir, der Kampf um dieses weibliche, Ihnen so nahestehende Wesen lohnt sich mehr, als Sie vielleicht jetzt noch vermuten.“

„Ja ja“, nickte David Vincent.

Er hatte einen Blick unter den Schleier geworfen, der über der Wahrheit und den Geheimnissen des Universums lag, ohne im Wesentlichen mehr zu begreifen, als dass sein Leben eine reichlich komplizierte Angelegenheit war, und dass er noch einen endlos schwierigen, dornenreichen Pfad vor sich hatte, um zu der endgültigen Wahrheit vorzudringen, die offenbar in der sogenannten Realität zu finden war. Was stimmte, und was war hier Täuschung? David Vincent konnte sich diese Frage nicht schlüssig beantworten.

 

 

2

Lebte er tatsächlich in der Zukunft, zwei Minuten und dreißig Sekunden der Realität voraus, sich in der Zukunft seine eigene Welt zusammenträumend, die eine magische Gewalt auf die Realität ausübte? Und wenn ja, wie groß war dann seine Macht? Wie weit mussten sich die Menschen in der wahren Welt seinen Gedanken beugen?

Das schien, in wenigen Worten zusammengefasst, das Fazit der ganzen Unterhaltung mit dem kleinen, mickrigen Doktor mit der krankhaft fahlen Hautfarbe zu sein.

David Vincents Umwelt hatte sich in einem entscheidenden Maße verändert, sodass keinerlei Zweifel mehr daran auftauchen konnten, dass tatsächlich mit ihm und seiner Umwelt manches nicht stimmen konnte.

Er war nach Hause in seine Wohnung zurückgefahren, durch eine friedliche, grünende und sonnenbeschienende Landschaft, die sich in der ganzen Fülle eines üppigen Spätsommers zeigte. Dann hatte er sich schlafen gelegt. Als er wieder erwachte, hatte sich seine Behausung in einem solch drastischen Maße verändert, dass David Vincents letzte Zweifel darüber schwanden, dass er tatsächlich einer großen Sache auf die Fährte gekommen war.

Sein kleines, beengtes Zimmer mit der spärlichen Möblierung war zwar geblieben, auf diesen wenigen Quadratmetern hatte sich nichts verändert. Doch wo vorher eine tapetenbedeckte Ziegelwand die rechte Raumseite begrenzt hatte, war jetzt eine große Glasfläche, die einen Blick in einen dahinterliegenden Raum freigab, der seinem Zimmer bis aufs Haar ähnelte.

Zuerst hatte Vincent an ein Spiegelbild geglaubt, an eine Reflexion. Doch dann hatte er feststellen müssen, dass es tatsächlich zwei verschiedene Räume waren.

Vincent starrte durch die Spiegelwand in den anderen Raum. Erst jetzt fiel ihm das Mädchen auf, das auf der flaschengrünen Couch lag, wie sie auch in seinem Zimmerteil stand.

Das Mädchen lag auf der Seite und hatte ihm das Gesicht zugewandt. Es war ein schmales, dunkelhäutiges, mit einem schimmernden Bronzeton überzogenes Gesicht von einer fremdartig faszinierenden Schönheit. Sie hatte große, fast violett schimmernde Augen, einen hübschen schmalen Mund und eine zierliche Nase. Die Augen hielt sie jetzt noch geschlossen, denn sie schien zu schlafen. Pechschwarzes, langes Haar, das ihr bis auf die Schultern hinabwallte, bildete einen aufregenden Kontrast zu ihrem hübschen Gesicht.

David Vincent war zunächst ratlos und verwirrt.

Wieso, fragte er sich, konnte es in kurzer Zeit gelungen sein — wer auch immer die Urheber waren — seine Räumlichkeiten in einem so verblüffenden Maße zu verändern? Eine solche architektonische Umwälzung würde normalerweise Tage oder gar Wochen brauchen. Doch er hatte nur zwei Stunden die Augen geschlossen und geschlafen, und schon hatte sich seine Umwelt so frappierend gewandelt!

David Vincent unterdrückte zunächst alle weiteren Vermutungen und Spekulationen und machte sich daran, sein Zimmer genauer in Augenschein zu nehmen. Die Zimmertür und das Fenster mit dem Ausblick in die freie, herrliche Natur waren geblieben. Doch die Tür führte nicht in den Korridor hinaus, der quer durch eine vierzimmerige Wohnung lief, sondern in eine Art Vorraum, von dem verschiedene Türen abzweigten. Nur die Tür zu den Toiletten und Duschgelegenheiten war geöffnet — die anderen verschlossen.

David Vincent untersuchte sehr sorgfältig die verschlossenen Türen. Sie bestanden aus einer eigenartigen, matt glänzenden Masse, weder Metall noch Plastik, und sie schienen auf keinen Angriff zu reagieren. Nicht einmal Feuer oder schwere Schläge ließen ihre Spuren auf der glänzenden Fläche zurück. Ihre Struktur veränderte sich nach der gewaltsamen Behandlung auf keine Weise.

Allein dieser Umstand war dazu angetan, Vincents Verwirrung noch zu steigern.

Dann verließ er den halbdunklen Vorraum und ging in sein Zimmer zurück. Mit ebensolcher Gründlichkeit und Sorgfalt machte er sich nun daran, das Fenster zu untersuchen — das Ergebnis war genauso deprimierend. Vincent gewann den Eindruck, dass es sich bei dem Fenster um kein richtiges Guckloch ins Freie handelte, sondern lediglich um eine bloße Projektion der Außenwelt. Und selbst diese Vermutung war noch vage und stand auf wackligen Füßen, denn die hübsche Landschaftsszenerie, die das Fenster wiedergab, war starr und unbewegt und veränderte sich in keiner Weise. Die normale Natur war vielfältigen Einflüssen und Veränderungen unterworfen, wie Regen, Sturm, Wind, Unwettern, Bewölkung, Sonnenschein, herabfallende Blätter, sich wiegende Gräser, fliegenden Insekten. Doch diese Landschaft blieb einförmig und bewegungslos. Außerdem gewann er mit der Zeit, je mehr er das Fenster betrachtete, den immer deutlicher werdenden Eindruck, dass die Wiedergabe unnatürlich und gekünstelt war. Vielleicht, vermutete er, eine dreidimensionale Projektion der Landschaft vor meinem Fenster? Diese Erklärung erschien ihm jedenfalls am glaubwürdigsten und einleuchtendsten.

Nachdem diese Probleme, wenn auch nur sehr unzureichend, geklärt worden waren, machte sich Vincent daran, so gut er es im Augenblick vermochte, sich um das Mädchen zu kümmern.

Schon bald stellte es sich heraus, dass sein Kontakt mit der jungen Frau auf bloße Sichtweite beschränkt war. Die gläserne Trennwand war offenbar schalldicht; Worte und Geräusche drangen nicht von einem zum anderen Raum. Vergebens hämmerte und klopfte Vincent wie wild gegen diese Trennscheibe, ohne wesentlich mehr dadurch zu erreichen, als dass ihm die Faust schmerzte.

Vincent ließ sich mach diesen vergeblichen Bemühungen dm einen Sessel sinken, ziemlich mut- und hoffnungslos, und starrte apathisch vor sich hin.

Allmählich begannen seine wirbelndem Gedanken Form anzunehmen. Er glaubte zu erkennen, dass es sich bei der jungen Frau um seine, wie der Arzt sie bezeichnet hatte, geistige Mutter handelte.

Doch was hatte das ganze Theater für einen Sinn, wenn er nicht einmal die Möglichkeit besaß, mit diesem weiblichen Wesen auf Tuchfühlung zu kommen oder sich mit ihr zu unterhalten? Vincent wusste es nicht bestimmt, doch vielleicht meinten die Ärzte, dass es ausreichen würde, wenn er das Mädchen, das es zu erobern galt, zunächst einmal nur sah.

David Vincent steckte sich eine Zigarette an und genoss den blauen aromatischen Rauch in tiefen Zügen. Das Nikotin regte seine Gedanken an und zahlreiche wilde Vermutungen und Spekulationen wirbelten durch sein strapaziertes Gehirn, ohne jedoch auf einen brauchbaren Nenner gebracht zu werden.

Schließlich bemerkte Vincent aus den Augenwinkeln, nachdem er eine Zeit lang vor sich hin gestarrt hatte, dass sich das wunderhübsche Geschöpf in dem angrenzenden Raum auf der Couch zu regen begann. Ihre Bewegungen waren träge und schlaftrunken. Dann öffnete sie die Augen. Aus engen Lidern und mit zwinkernden Blicken starrte sie durch die gläserne Trennwand. Dann überzog ihr Gesicht ein Aufleuchten, als hätte sie eine freudige Überraschung erlebt.

Rasch und leichtfüßig sprang sie auf die Beine, reckte sich und huschte durch das halbe Zimmer auf die durchsichtige Mauer zu. Sie presste sich gegen die Wand und starrte Vincent mit hell leuchtenden Augen ins Gesicht. Ihre vollen, rosigen Lippen formten ein Wort, das 'komm' zu heißen schien.

Aus irgendeinem Grunde fühlte sich Vincent tief beschämt. Er fühlte, dass eine flammende Röte sein Gesicht überzog. Augenscheinlich — und er registrierte es mit einer leichten Überraschung — hatte er dem Mädchen gegenüber Beklemmungen. Seine inneren Hemmungen wuchsen zu einem riesigen, schier unüberwindbaren Berg an, als das Mädchen ihm mit allerlei Zeichen zu verstehen gab, dass sie offensichtlich Gefallen an ihm fand. Vincent hatte sogar den Eindruck, als sei sie außer Rand und Band darüber geraten, ihn zu sehen und zu erleben, so wie er in seiner Welt wirklich war.

Er machte sich darüber eifrig Gedanken und kam dabei zu einem Entschluss, der ihn selbst verblüffte.

Seinen eigenen logischen Überlegungen zufolge musste das Mädchen aus der Realität in seine Zukunftswelt vorgestoßen sein, und 'ihren Mann' zum ersten Mal wirklich sehen und erleben. Vielleicht bestand zwischen seiner Welt und der Welt des Mädchens, die zweifellos in ihrem Glaskasten in der Realität lebte, eine geringfügige Zeitdifferenz, die jedoch so unerheblich zu sein schien, dass beide relativ auf einer Zeitebene zu existieren schienen. Demzufolge war auch die Überlegung richtig, dass Vincent und seine Mutter sich zum ersten Mal gegenseitig erlebten — wenn auch mit starken Einschränkungen. Immerhin wurde David Vincent noch von Zweifel bedrängt, ob das junge Mädchen nicht auch wie alle seine anderen erlebten Erscheinungswelten eine bloße, fiktive Vision seines hellsichtigkeitskrankan Hirns war. Endgültige Klarheit über diesen Punkt ließ sich jetzt noch nicht gewinnen; die Zukunft würde vermutlich die letzten Geheimnisse enträtseln.

Nachdem David Vincent seine gewisse Scheu und Zurückhaltung abgelegt hatte, war er dazu fähig, sich mühsam von seiner Sitzgelegenheit zu erheben und sich dem Mädchen zu nähern, soweit es die hinderliche Trennwand zuließ.

Das Mädchen strahlte. Es war offensichtlich überglücklich. Der Ausdruck in Gesicht und Augen war sehr intensiv und lebendig. Sie machte für David Vincent eine Reihe unverständlicher Gesten, bediente sich auch der Mimik und schien mit Zeichensprache und Gebärde einige ganz bestimmte Dinge ausdrücken zu wollen.

Als David Vincent schließlich nicht verstehend den Kopf schüttelte und sie zu begreifen schien, dass er aus ihrer Ausdrucksweise sehr wenig schlau wurde, wählte sie eine andere, die einzig zweckmäßige Methode der Verständigung.

Sie eilte zum Schreibtisch im anderen Raum und kritzelte eine kurze Notiz auf einen Schmierzettel, den sie gegen das kühle Glas presste. David Vincent las: Ich bin deine Mutter und sehr glücklich ...

David Vincent lächelte unwillkürlich. — Zum ersten Mal seit der Begegnung erschien ihm der Gedanke grotesk und absurd, dass ein so blutjunges Ding sich als seine Mutter ausgab, wenn diese Vorstellung — zugegeben — auch etwas sehr Reizvolles und Anziehendes besaß, das nicht nur in rein erotischer Hinsicht zu erwähnen war.

Vincent überdachte kurz, welche Erwiderung er der jungen Schönheit geben konnte. Sicher, er hatte eine Menge Fragen auf dem Herzen, doch es würde Tage gebraucht haben, bis er sie auf diese umständliche Verständigungsweise gestellt hätte. Viel klüger wäre es, überlegte Vincent, wenn man eine gezielte; komprimierte Frage stellen würde, die eine wesentliche Aufhellung seiner Situation bringen würde.

Zwei, drei Minuten dachte er insgeheim nach und versuchte eine Frage zu formulieren, die alles Wesentliche enthielt und präzise und verständlich war.

Schließlich notierte sich Vincent eine kurze Zeile auf einem Papierfetzen, in der er fragte, was das Wesentlichste seiner Aufgabe sei.

Das Mädchen schien von Vincents Frage überrascht und brauchte wohl einige Zeit, bis sie den eigentlichen Sinn herausgefunden hatte. Dann nickte sie eifrig mit dem Kopf und murmelte eine Antwort, die Vincent natürlich nicht verstehen konnte.

Auf einem Papierstück wurde ihm dann die Antwort entgegengehalten, die lautete: Die Zeittore.

David Vincent schluckte. Er wusste mit dieser Antwort zunächst nichts Rechtes anzufangen, bis ihm dann, nach gründlicher Überlegung, die verschlossenen Türen in dem halbdunklen Vorraum entfielen, die auf ihn so eigenartig beklemmend gewirkt hatten. Zeittore? War es denkbar, dass die Türöffnungen Transmitter waren oder Zeitmaschinen, mit denen er in die Vergangenheit, Zukunft und auf verschiedene Welten teleportieren konnte? Vincent fühlte, dass die Antwort auf diese Frage drängte. Er hatte das deutliche Gefühl, nicht mehr allzu viel Zeit verschwenden zu dürfen. Die Situation schien eine ganz bestimmte Zuspitzung zu erfahren.

Vincent nickte dem Mädchen zu und vergaß auch nicht, ihr ein breites freundliches Lächeln zu schenken, das besagen sollte, dass alles gut werden und er mit jeder, wie auch immer gearteten Situation, fertigwerden würde. Dennoch war der Gesichtsausdruck traurig, und es schien, als hingen kleine silberne Tränen in ihren Augen. Vincent nahm an, dass das Mädchen wisse, was ihn dort draußen erwartete. Gewaltsam und mit einem inneren Ruck löste er sich von den schmachtenden Blicken der jungen Frau und wandte sich der Zimmertür zu, die in einen halbdunklen Vorraum führte, und von dort aus ... von dort aus mochte es wer weiß wohin gehen.

David Vincents Haltung war innerlich abwartend und verkrampft, als er mit zögernden Schritten in den Vorraum trat und einen Überblick zu gewinnen suchte. Noch war ihm nicht klar, wonach er im Grunde Ausschau halten sollte, doch er hatte im Stillen das Gefühl, dass er auf etwas Großes und Sensationelles hoffte.

Mit angespanntem Atem überprüfte David Vincent die verschiedenen Türen, die aus diesem unbekannten Material bestanden. Die ersten beiden waren nach wie vor verschlossen. Die dritte dagegen ließ sich jetzt öffnen.

David Vincents Erwartungen wurden enttäuscht. Die Tür führte nicht in einen anderen Raum oder in eine äußere Landschaft hinein, sondern ihre Öffnung war ausgefüllt von einem mattsilber flimmernden Vorhang, der, wie Vincent zu erkennen glaubte, aus geballten Energien bestand. Vincent überlegte, welche Bedeutung diesem silbrig glänzenden Energieschleier wohl zukommen mochte. Vielleicht konnte ihm das Mädchen darüber Aufklärung verschaffen? Doch er verwarf diese Möglichkeit, da er bereits die Erklärung gefunden zu haben glaubte.

Hatte das Mädchen nicht von Zeittoren gesprochen? Also mussten, folgerichtig gedacht, die Türen eine Art Transmitter in die verschiedenen Zeiten sein. David Vincent erinnerte sich, dass er diesen Gedanken bereits einmal gedacht hatte, und seine Vermutung erlebte dadurch nur eine Bekräftigung.

David Vincents nächster Schritt schien durchaus klar vorgezeichnet zu sein. Sicher war es kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Zeittor ihm offen stand. Man wollte offenbar — wer auch immer sein Schicksal lenken mochte —, dass er durch den Transmitter ging und irgendwo in einer fremden, andersartigen Welt seine Aufgabe erfüllte.

David Vincent war eine knappe Weile mutlos und unentschlossen, bevor sich sein Körper straffte, er tief und gepresst ausatmete und auf den Energievorhang zutrat. Er spürte, dass sich in seinem Inneren eine Menge Widerstände aufbauten, die verhindern wollten, dass er diesen risikoreichen Schnitt unternahm. Doch Vincent missachtete sie und tat den durchaus folgenschweren Schritt.

Als er sich in den Energieschleier hineinwarf, spürte er eine unbeschreibliche, endlose Leere in sich aufsteigen, ein Nirwana von ungeahnten Ausmaßen, scheinbar ohne Sinn und Ziel und Vernunft. Alle seine Gedanken schienen mit einem Mal verloren zu gehen und wie elektrische Strahlen von ihm fortzustreben. Schließlich fühlte er nur eine brennende, tief empfundene Einsamkeit ohne Anfang und Ende und irgendwo, ganz undeutlich, sein verlassenes Selbst.

Dieser Eindruck der Verlorenheit und Selbstvergessenheit schien endlos anzudauern. Als David Vincent sein volles Bewusstsein wiedererlangte, begriff er jedoch, dass dieser verlorene Zustand höchstens Bruchteile von Augenblicke angehalten haben konnte. Und wenn man die Zeitlosigkeit in Betracht zog, die zweifellos während seiner Transmitterreise geherrscht hatte, so ließ sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit feststellen, dass die Reise außerhalb des normalen Raum-Zeit-Kontinuums überhaupt nicht mit irgendwelchen Zeitmaßstäben gemessen werden konnte.

Der erste Eindruck, den David Vincent in sich aufnahm, war ein greller und stechender Schmerz, der in seinem Schädel tobte und wütete. Es pochte und hämmerte unter seiner Schädeldecke wie rasend, und die Schläfen drohten ihm zu zerspringen. Dann machte sich eine anhaltende Übelkeit bemerkbar, die sein körperliches Wohlbefinden erheblich einschränkte. Erst nachdem er seinen Körper wieder halbwegs unter Kontrolle gebracht hatte, war er dazu in der Lage, von seiner näheren und weiteren Umgebung Notiz zu nehmen.

David Vincent blickte um sich.

Auf den ersten Blick wirkte seine Umgebung zunächst blass und farblos und uninteressant. Um ihn herum erstreckten sich die zahllosen, ausgedehnten Ausläufer eines felsigen Gebirgsmassivs mit steilen Hängen und abfallenden Geröllhalden. Davor dehnte sich weites, grünliches Ödland aus, das mit einigen wenigen Büschen und baumartigen Gewächsen bestanden war, die in vollster Blüte standen und Blüten in allen Farben des Regenbogens trugen.

David Vincent blickte empor.

Das Himmelsgewölbe über ihm war unbewölkt und von einem strahlenden Azurblau. Mattgelb funkelte die Sonne wie ein prächtiger Edelstein. Es war drückend heiß. Die Luft war unbewegt und durchsichtig wie Glas und war angefüllt mit fremdartigen Gerüchen von wohltuender Würze, die wie Balsam in die Nase zog.

Alles in allem war David Vincents erster Eindruck, dass er in eine Welt geraten war, in der es sich durchaus leben ließ. Doch was hieß leben? Vincents Gedanken wurden ernster und besorgter. Er erkannte, dass ihm jedes Hilfsmittel fehlte, um in dieser Welt und in ihrer freien Natur zu überleben. Er verfügte weder über Ausrüstungsgegenstände noch über Verpflegung noch über eine Waffe, mit der er sich hätte ein Stück Wild erlegen können. Bei genauerer Betrachtung erschien ihm seine Lage gar nicht mehr so rosig und viel weniger interessant, wenn er an die geringen Möglichkeiten dachte, die ihm geblieben waren.

David Vincent blickte zurück.

Hinter ihm nur schroffes und graues Felsgestein. Er machte sich allmählich Sorgen um seinen Rückzug, denn so viel stand fest: Welche Überraschungen diese Welt auch für ihn aufgespart haben mochte, er wollte wieder heimkehren! Doch er entdeckte zwischen dem Geröll nichts einem Transmitter Ähnliches, und diese Feststellung vergrößerte seine Besorgnis.

Endlich glaubte Vincent zu begreifen, dass er nur an die Stelle zu treten brauchte, wo er materialisiert war, um wieder in dem Zeitstrom mit fortgerissen zu werden. Denn so viel schien festzustehen: irgendeinen Rückzugsweg musste man ihm ja offen gelassen haben.

Vincent hob einen kantigen Felsbrocken auf und stieß ihn in den Kreis hinein, in dem er vor wenigen Minuten gelandet war. Wie erwartet verschwand der Stein vor seinen Augen und bewies damit, dass an dieser Stelle tatsächlich ein unsichtbarer Transmitter angebracht war, vermutlich in Form eines unsichtbaren Zeitfeldes.

Diese Tatsache trug dazu bei, Vincents Nerven zu beruhigen und sein Blut abzukühlen. Seine Selbstsicherheit wuchs, und er schaute zuversichtlicher um sich.

Doch was für eine Aufgabe war ihm in dieser Welt gestellt? Diese Frage beunruhigte Vincent dermaßen, dass er nervös um sich blickte. Und in welcher Welt war er überhaupt gelandet? Auf einem Planeten jenseits des irdischen Sonnensystemes oder auf seinem Heimatplaneten zum Zeitpunkt des vorgeschichtlichen Beginns? Oder ... diese Frage blieb im Dunkeln, bis David Vincent einen etwa dreihundert Meter entfernten hügeligen Berg erklommen hatte, von dessen grasbewachsener Kuppe er einen guten Überblick über die ihn umgebende Landschaft hatte.

Dann sah er klarer.

Er war keineswegs in einer unzivilisierten Gegend gelandet, sondern, wie es schien, in einer hochtechnisierten Welt! Über dem dunstigen Horizont ragte eine Monsterstadt aus Glas und Beton auf, die ein architektonisches Meisterwerk zu sein schien. Die Bauten der Stadt waren alle merkwürdig und fremdartig geformt wie Gebilde aus der Hand eines surrealistischen Künstlers. Manche der Bauwerke waren schlank und schmal und erhoben sich wie lange dünne Spindeln in den Himmel. Andere wiederum waren kugelförmig, eckig, hoch oder niedrig, doch immer bildeten sie Meisterwerke der Symmetrie und des Gleichmaßes. Keine der weißlich schimmernden Konstruktionen wirkte fehl am Platz oder fügte sich nicht in das Gesamtbild des Komplexes ein.

David Vincent war von der Stadt tief beeindruckt. Sie schien ihm die Schöpfung eines gigantischen Gehirns zu sein.

Über der Stadt schwebten zahlreiche Flugboote, Pinassen und Helikopter in einer solchen Fülle, dass sie beinahe den strahlenden Himmel mit ihren glänzenden Leibern verdunkelten.

Um in den tiefen anscheinend weitläufigen Straßenschluchten Näheres auszumachen oder gar Menschen zu erkennen, dazu war Vincent noch zu weit entfernt. Dennoch vermutete er, dass die Stadt voll und prall mit menschlichem Leben angefüllt war.

David Vincent zögerte nicht länger. Automatisch setzte er seine Beine in Bewegung und marschierte auf die Superstadt los. Der Abstand zwischen ihm und dem Supergebilde verringerte sich nur allmählich. Vincent hatte Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen und Vermutungen sowie Spekulationen anzustellen. Noch hatte er keine Ahnung, was ihn in dieser fremdartigen Welt erwartete, und es war ihm noch nicht einmal klar, in welchem Teil der Galaxis er sich überhaupt befand. War er in einer vorgerückten Zeit auf der Erde oder auf eine Welt außerirdischer Lebewesen geraten? David Vincent brannte darauf, diese Frage befriedigend zu klären.

Er hatte sich bereits Blasen gelaufen, und seine Füße schmerzten brennend, als er die Peripherie der Stadt erreichte.

David Vincent war über die Menge der fremdartigen Eindrücke, die wie tosende, brausende Flutwellen auf sein Gehirn einströmten, zunächst ebenso verblüfft wie verwundert.

Unwillkürlich wurde er in den Sog des Stadtverkehrs hineingezogen. Er sah Menschen und Fahrzeuge, hektisches Leben und Bewegung. Die Menschen unterschieden sich von denen auf der Erde nur in rein äußerlichen Dingen. Ihre Kleidung war andersartig; sie hatte einen ungewohnten schwerfälligeren Zuschnitt, beschränkte sich zumeist auf dunkle und glanzlose Farben und wurde knielang getragen.

Die Menschen wirkten auf ihn erschreckend.

Sie hatten, wenn David Vincents erster Eindruck nicht täuschte, eigenartig vergrämte und verschlossene Gesichter mit tief liegenden Augen und stumpfem Blick. Vincents Gesamteindruck war, dass diese Menschen teilnahmslos und gleichgültig erschienen. Ihr krankhaftes Übermaß an Gleichgültigkeit drückte sich in allen ihren Bewegungen, in ihrem ganzen Verhalten und Treiben aus, das irgendwie unbeteiligt und uninteressiert gegenüber dem Geschehen der Umwelt war.

Diese Stupidität mochte vielleicht auch der Grund dafür sein, dass man David Vincent keinerlei Beachtung schenkte, obwohl er allein schon vom rein äußerlichen her als Fremdling und Eindringling in dieser modernen Zivilisation erscheinen musste. Die Blicke, die Vincent trafen, waren — gleichgültig.

David Vincent schüttelte müde das Haupt.

Zwischen zwei wuchtigen Betonklötzen, die sich weit in den Himmel emporreckten, befand sich eine kleine Grünanlage mit Parkbänken und Kinderspielplätzen. Der Park war gepflegt und stand in voller Blüte. David Vincent erkannte weiße Holunderbüsche, daneben dornige Rosensträucher mit Blüten von dunkelroter Farbe. Schlanke, hochgewachsene Bäume mit schweren, üppigen Kronen, die weit überhingen, standen vereinzelt. David Vincent überquerte eine weitläufige Rasenfläche, deren Bewuchs von einer heißen Sonne rotbraun gebrannt war, und ließ sich auf eine der gelben Parkbänke niedergleiten. Behaglich streckte er sich in der warmen Abendsonne und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

Die Spielplätze waren von einem halben Dutzend Kleinkindern bevölkert, die sich ohne jede Aufsicht zwischen den Spielgeräten tummelten. Doch auch das Spielen der Kinder wirkte nicht so frisch-fröhlich, so unbekümmert, wie das Spielen der Kinder zu seiner Zeit auf der Erde. David Vincent vermisste das übliche Kindergeplapper, das Springen, Herumhopsen und die lauten Entzückensrufe kindlicher Begeisterung. Die Kleinen wirkten hohl, leer und verkrampft, ohne den Odem des unverbrauchten, beginnenden Lebens, das erst am Anfang stand.

Die Kinder schienen sich insgeheim zu langweilen. Etwas Unerklärliches in ihrem ganzen Verhalten deutete darauf hin, dass sie ihre Umwelt mit den Augen von Greisen sahen und nicht mit denen junger, unerfahrener Menschen.

Dann bemerkte David Vincent aus den Augenwinkeln eine merkwürdig geformte, klobige Maschine, die offenbar die Aufgabe zu erfüllen hatte, den Rasen des Parks zu beschneiden. Die große Maschine arbeitete geräuschlos und ließ hin und wieder scharf gezackte und geschliffene Messer sehen, die die Grashalme kürzten.

Ein komfortabler und auf technischen Höchststand gebrachter Rasenmäher — nicht mehr. Und dennoch war auch diese Maschine ein Zeichen für den technischen Höchststand dieser Zivilisation, mit der, wie es schien, ihre Schaffer und Bewohner nicht so recht fertigwurden.

David Vincents Interesse an der Arbeit der Maschine wurde lebhafter, als er bemerkte, dass sich einer der kleinen Jungen aus der spielenden Gruppe löste und sich der Maschine näherte. Der Junge war klein und stämmig und hatte ein mit Sommersprossen besprenkeltes Lausbubengesicht. Seine Augen waren hell und wachsam, und der Blick aus ihnen besonders lebendig und aufmerksam. Diese geistige Beweglichkeit war ein nicht zu übersehender Umstand, durch den sich der kleine Bengel von seinen übrigen Spielkameraden unterschied. Er schien sich als Einziger ein natürliches, lebhaftes Interesse an seiner Umwelt bewahrt zu haben.

Aufmerksam verfolgte David Vincent, wie sich der Junge dem vollautomatisch arbeitenden Rasenmäher näherte, der, wie David Vincent zu erkennen glaubte, mittels eines eigenen Positronenhirns gesteuert wurde.

Der Junge umrundete den Rasenmäher misstrauisch und berührte das Metallgehäuse schließlich zögernd mit seiner flachen Hand. In diesem Augenblick geschah etwas völlig Unerwartetes. Die klobige Maschine machte eine kurze Kehrtwendung auf den Jungen zu und schnappte mit ihren scharfen Reißzähnen nach dem Arm des kleinen Bengels. David Vincent hörte ihn aufschreien. Es war ein markerschütternder, gellender Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging. Dann sah er, dass der rechte Arm des Jungen zwischen den zwei Reihen von Schnittmessern steckte, die allmählich, aber stetig, den Arm des Jungen zu zermalmen begann.

David Vincent sprang auf und stellte überrascht fest, dass keiner der vorbeihastenden Passanten, die den Schrei gehört hatten, stehen blieb oder auch nur im Ansatz den Versuch unternahm, dem kleinen Kerl beizuspringen. Die Gleichgültigkeit erreichte ihren Höhepunkt. Niemand machte auch nur die geringsten Anstalten, dem Kind zu helfen! Der Verkehr und das Leben auf der nahen Straße brauste weiter. Der kleine Junge war rettungslos seinem grausamen Schicksal überlassen, und die Maschine würde seinen Körper bald in Fetzen zerstückelt haben, wenn ihm nicht jemand beisprang.

David Vincent war aufgesprungen und raste mit langen Schritten über den Rasen.

Er trat an die geräuschlos arbeitende Maschine heran und sah in die schreckgeweiteten Augen des Knaben, die vor Schmerz und Verzweiflung feucht schimmerten. Der Knabe stieß leise, wimmernde Schmerzenslaute aus, die sich mit dem leichten Wind vermischten. David Vincent sah auf den Arm des Jungen hinunter. Rubinfarbenes Blut strömte aus der Schnittwunde und die scharfen Messerklingen arbeiteten sich immer höher an dem Arm des Jungen empor. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis ihn die Reißzähne ganz zerrissen haben würden.

David Vincent suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, dem kleinen hilflosen Kerl beizustehen. Es war ausgeschlossen — und deshalb verwarf er diesen Gedanken auch sofort — den Arm des Jungen mit Gewalt aus den Klingen zu befreien. Das würde unmöglich sein. Es gab nur eine sichere Methode, dem Jungen das furchtbare Schicksal zu ersparen, nämlich die Funktionen des Mähers einzustellen. David Vincent untersuchte hastig und mit schweißüberströmten Gesicht die Maschine nach einer Automatik, mit der er den Arbeitsroboter hätte zum Stehen bringen können. Nach langem vergeblichem Suchen entdeckte er schließlich an der chromblitzenden Unterleiste des Mähers einen schwarzen Knopf, den er sofort eindrückte. Augenblicklich hörte die Funktionstätigkeit des Roboters auf.

David Vincent sprang um die Maschine herum.

Behutsam half er dem Jungen dabei, seinen Arm aus den Klingen zu ziehen. Der Unterarm wies große scheußliche Fleischwunden auf und war bis auf die Knochen durchgebissen. Haut und Fleischfetzen hingen herab. Die Wunde blutete stark. Der Knabe wimmerte leise und kläglich. Er musste unerträgliche Schmerzen empfinden.

David Vincent wollte gerade den Arm des Kindes abbinden und damit die starke Blutung teilweise zum Stillstand bringen, als plötzlich eine unerwartete Veränderung der Situation eintrat.

Eine Pinasse donnerte mit ohrenbetäubendem Fluglärm heran und setzte mit Antischwerkraftfeldern auf der Rasenfläche zur Landung auf. Die gläsernen Bugkanzeln öffneten sich und aus der Pinasse quollen silbrig schimmernde Leiber heraus. Die silbernen Gestalten wirkten auf den ersten Blick plump und behäbig, obwohl ihre Bewegungen blitzschnell und elegant waren. David Vincent begriff sofort. Roboter ...! Stählerne Maschinenmenschen mit eigenständigen Positronengehirnen und furchteinflößenden Gebilden in den Stahlfäusten, die David Vincent sofort, trotz ihrer Fremdartigkeit, als Waffen identifizierte.

Obwohl David Vincent ähnliche Waffen noch niemals gesehen hatte, begriff er doch sofort, dass es sich um todbringende Strahler handeln musste. Vielleicht waren es Laserstrahler, aber womöglich arbeiteten sie auch nach einem Schockprinzip, das imstande war, das Nervensystem des Getroffenen zu lähmen. Wie dem auch sei, David Vincent empfand jedenfalls ein sehr ungutes Gefühl, als er in die glitzernden Laufmündungen hineinblickte.

Dann waren die vier Roboter heran und umzingelten ihn. Ihre Optiken waren starr und leblos, als einer der Roboter schnarrte:

„Machen Sie sich bereit. Sie sind verhaftet!“

Die Stimme klang blechern und metallisch, als der Roboter eine lange Verhaftungsformel herunterbetete und den Grund der Verhaftung erläuterte. Demnach war David Vincent in die Gewalt der Roboter geraten, weil er sich unterstanden hatte, einem Menschen zu helfen und ihm seinen Beistand zu schenken.

Diese Erklärung erschütterte David Vincent.

 

 

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921434
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434707
Schlagworte
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