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Bount Reiniger auf der Todesliste: N.Y.D. – New York Detectives

2018 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Bount Reiniger auf der Todesliste: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Bount Reiniger auf der Todesliste: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Er hatte seinem Bruder Jerome Mallon nicht besonders nahegestanden, aber er hätte keinen Grund gehabt, ihn zu töten – auch nicht wegen eines möglichen Erbes. Aber Toby Rogers, Leiter der Mordkommission Manhattan, glaubt Carlo Mallon seine Unschuldsbeteuerungen nicht. Deshalb engagiert der Verdächtige den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger, um den wahren Mörder seines Bruders zu finden. Der Detektiv ist kniffelige Aufträge gewöhnt und setzt dabei hin und wieder sein Leben aufs Spiel, deshalb lässt er sich auch in diesem verworrenen Fall nicht daran hindern, die Wahrheit aufzudecken ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

In der Villa brannte noch Licht. Cordy Nash störte sich nicht daran.

Damit hatte er gerechnet. Er wusste es ja von seinem Freund, dass Mallon oft bist spät in die Nacht über seinen Büchern saß und ein neues gewinnabwerfendes Geschäft ausbrütete.

Cordy grinste.

Vielleicht hätte er sich auch besser beizeiten für die Ölbranche interessieren sollen, anstatt zu lernen, wie man möglichst schnell und geräuschlos fremder Leute Geldschränke ausräumte.

Aber er wollte nicht unzufrieden sein. Solange er solche blendenden Tipps erhielt, brauchte er sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen.

Der Einbrecher verharrte nun im Schatten einer weit ausladenden Akazie, von denen in dem parkähnlichen Garten eine Menge standen. Er hatte keine Eile. Zuerst musste er absolut sicher sein, dass er nicht überrascht wurde.

Das Grundstück war groß und wurde zudem von einer hohen Hecke begrenzt, die einen stabilen Zaun kaschierte. Es war daher ausgeschlossen, dass man ihn von der Straße aus entdeckte. Er konnte seine ganze Aufmerksamkeit der Villa zuwenden.

Alles blieb still. Zum Glück hielt sich Mallon keine Hunde. Mit Hunden hatte Cordy erst kürzlich schlechte Erfahrungen gemacht. Die konnte man nicht ausschalten wie ein elektronisches Alarmsystem. Zu seinem Pech liebte er nämlich Tiere. Es wäre ihm nie eingefallen, eins zu töten, nur um an einen Safe heranzukommen. Lieber verzichtete er auf die Beute. Gewalt war nicht sein Metier. Aus diesem Grunde hatte er auch der Gang von Blue vulture einen Korb gegeben, die seine Mitarbeit glänzend honoriert hätte. Aber diese Burschen waren nicht zimperlich, wenn sich ihnen bei ihren Raubzügen einer in den Weg stellte.

Cordy Nash holte tief Luft. Dann setzte er sich in Bewegung. Er ähnelte einer Schlange, als er das mit Efeu bewachsene Gebäude umrundete.

Mit geübtem Blick entdeckte er jenes Fenster, das ihm einen unproblematischen Einstieg verhieß. Es befand sich in der oberen Etage, und er hatte erfahren, dass dieses Fenster zurzeit nicht durch das Alarmsystem gesichert war. Ein Defekt, der erst nächste Woche behoben werden sollte. Normalerweise kam man an solche Informationen gar nicht heran.

Die Rückseite der Villa lag im Dunkeln. Er konnte ungestört arbeiten. Er kletterte an der Fassade empor, wobei er die Efeuranken als Halt mied. Das Haus besaß genügend Vorsprünge, die einem Profi wie ihm genügten, das Fenster zu erreichen.

Es war zwar geschlossen, doch das stellte für Cordy kein Hindernis dar. Wer innerhalb weniger Minuten jeden Safe eines gängigen Typs zu öffnen vermochte, der kapitulierte auch nicht vor einer windigen Fensterscheibe.

Er hatte sein Werkzeug griffbereit. Der Diamant verursachte ein hochfrequentes Singen, als er die kreisrunde Spur ins Glas grub. Ein energischer Schlag gegen den Lappen, den Cordy entsprechend präpariert hatte, und der Weg zum Fensterriegel war frei.

Sekunden später stand er in einem Raum, den er als Schlafzimmer erkannte. In dem breiten Bett lag niemand. Es war noch unberührt.

Auch sonst rührte sich nichts. Er konnte nun das Zimmer aufsuchen, in dem man normalerweise keinen Safe erwartete. Jerome Mallon war eben ein Fuchs.

Er öffnete die Tür, lauschte und huschte über den Flur.

Er wusste, wo sich das Bad befand. Er hatte sich die Raumaufteilung der Villa genau erklären lassen.

Kaum hatte er die Klinke heruntergedrückt, als er erschrocken innehielt. Vom Ende des Ganges klang eine wütende Stimme. War er entdeckt worden.

Erleichtert stellte er fest, dass Mallon nicht ihn meinte. Offensichtlich befand er sich nicht allein in seinem Arbeitszimmer.

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Pittury!“, hörte er den Mann sagen, von dem er vermutete, dass es sich um den Hausherrn handelte. „Sie können mich nicht umstimmen. So viel Geld haben Sie nicht.“

„Ich habe meine Geschäftspartner bis jetzt immer überzeugen können“, erklärte ein anderer heftig. „Es muss ja nicht mit Geld sein.“

Cordy Nash wandte sich wieder der Badezimmertür zu. Die beiden stritten hoffentlich noch eine Weile. Ihm konnte das nur recht sein. Je lauter sie waren, umso ungestörter konnte er arbeiten.

„Nehmen Sie das Ding weg!“ Das war wieder Jerome Mallon. „Damit können Sie mich auch nicht einschüchtern. Mein Entschluss steht fest, und dabei bleibt es.“

Ein Schuss krachte.

Cordy Nash begann zu zittern. Er musste sich an der Wand abstützen. Voller Angst lauschte er, dass einer der Männer etwas sagte.

Aber alles blieb ruhig. Da war er sicher, dass er unfreiwilliger Zeuge eines Mordes geworden war.

Was sollte er tun? Wie verhielt man sich in einer derartigen Situation?

Am liebsten wäre er Hals über Kopf davongelaufen. Aber da war noch der Safe, den er ausräumen wollte. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass außer ihm noch jemand den Schuss gehört hatte und das Haus beobachtete. Wenn er ihn dann aus dem Fenster klettern sah, geriet er noch in den Verdacht, ein Killer zu sein. Immerhin war er vorbestraft. Bei solchen Leuten nahm man es nicht so genau.

Cordy öffnete leise die Badezimmertür und schlüpfte in den dunklen Raum. Er musste in Ruhe überlegen.

Es kam nichts Erfreuliches dabei heraus.

Der Mörder befand sich noch im Haus. Er würde möglicherweise die ganze Villa durchsuchen. Was geschah, wenn er einen Zeugen für seine Bluttat entdeckte, konnte sich Cordy lebhaft vorstellen. Zweifellos befanden sich auch für ihn noch genügend Patronen in der Waffe.

Und selbst, wenn er mit heiler Haut davonkam, würde früher oder später die Polizei hier aufkreuzen. Dann war er auf alle Fälle geliefert.

Nein, er musste fort. So schnell wie möglich.

Cordy stieß die Tür auf und sprintete los. Er hatte das Gefühl, als wäre der Killer hinter ihm her. Unbeabsichtigt laut fiel die Schlafzimmertür ins Schloss. Da verlor er restlos die Nerven.

Er rannte zum Fenster, schwang sich hinaus und hangelte nach unten. Das letzte Stück ließ er sich einfach fallen und landete in einem Blumenbeet.

Er hetzte weiter und atmete erst auf, als er den Schatten der Akazien erreicht hatte.

Hier gönnte er sich eine kurze Verschnaufpause und vergewisserte sich, dass er nicht verfolgt wurde.

Er hatte Glück. Vermutlich suchte der Mörder jetzt nach Geld. Vielleicht räumte er sogar den Safe aus. Schöner Mist! Aber immer noch besser, als unter Mordanklage zu stehen.

Cordy Nash überwand die Hecke an der gleichen Stelle, die er schon vor einigen Minuten benutzt hatte. Wie ein Schatten jagte er über die Straße, bog um die nächste Ecke und lief eine Weile im Zickzack, bis er auf Umwegen zu seinem Wagen zurückkehrte und zu seiner Stammkneipe fuhr. Ihm war unterwegs eingefallen, dass es nie verkehrt war, für ein Alibi zu sorgen. Die paar Minuten würden nicht viel ausmachen. Wer konnte sich schon später genau an die Zeit erinnern?

Nach dem vierten Bier und ein paar Gesprächen mit Bekannten wurde er merklich ruhiger. Als er endlich nach Hause fuhr, war er überzeugt, dass man ihm nichts mehr anhaben konnte.

Doch da sollte er sich getäuscht haben.

 

 

2

Guy Rüster musterte den Burschen an der Tür wütend.

„Verschwinde!“, sagte er. „Und lass dich hier nie wieder blicken. Sonst ...“

Der Jüngere kniff die Augen zusammen. „Sonst?“, äffte er nach. „Sollte das eine Drohung sein, Rüster? Ich weiß mich zu wehren. Ein Mann in Ihrem Alter macht mir keine Angst. Ich habe Ihnen meinen Vorschlag unterbreitet. Lassen Sie ihn sich durch den Kopf gehen. Es wäre auch zu Ihrem Vorteil. Vor allem aber würden Sie Blair damit helfen. Bei mir hätte sie es gut.“

„Lass deine dreckigen Pfoten von dem Mädchen!“, warnte der Mann mit den grauen Haaren und den eingefallenen Wangen und sprang zornig auf. „Blair braucht keinen wie dich. Sie führt eine gute Ehe.“

„Da habe ich aber etwas anderes läuten hören, Rüster.“

Guy Rüster war mit drei Schritten bei dem Jüngeren und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht.

„Du Mistkerl!“, schrie er. „Du willst mich erpressen. Lass Blair in Ruhe! Sonst kriegst du solche Prügel, dass dir Hören und Sehen vergeht.“

Die Hände des Burschen zuckten vor. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er zurückschlagen. In seinen dunklen Augen glühte ein gefährliches Feuer.

Doch dann entspannte er sich und stieß die Tür hinter sich auf.

„Das bereust du, Rüster“, versicherte er keuchend. „Irgendwann wirst du an diesen Tag denken, aber dann wird es zu spät sein.“

Guy Rüster hob die Faust, aber der andere schlug die Tür bereits hinter sich zu.

Kaum war der Sechzigjährige allein, als er zusehends grau im Gesicht wurde. Die ganze zur Schau getragene Überlegenheit fiel von ihm ab. Er begann am ganzen Körper zu zittern und griff in die Seitentasche seines Sakkos. Einem Glasröhrchen entnahm er eine Tablette und schluckte sie. Danach setzte er sich auf seinen Ledersessel und wartete die Wirkung ab.

Allmählich wurde er wieder ruhiger, wenn sich auch sein Brustkorb noch heftig hob und senkte. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.

Als sich der Teilnehmer meldete, flüsterte er: „Hör zu, Jenky! Ich möchte, dass du mir einen Kerl vom Halse schaffst, der mir lästig wird. Du hast ja deine Methoden. Natürlich darf keiner merken, dass ich dahinterstecke. Haben wir uns verstanden?“

Er lauschte in den Hörer hinein und atmete auf. Dieses Problem konnte er vergessen.

 

 

3

Bount Reiniger war auf den Mann gespannt, der ihn zu sich gebeten hatte. Am Telefon hatte er sich kein klares Bild über ihn machen können. Die hölzerne, herablassende Stimme hatte jedenfalls wenig Sympathien in ihm geweckt.

Als er seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL vor dem prächtigen Bungalow stoppte, wurde sein Unwillen eher noch größer. Das war die typische Behausung eines erfolgs- und vor allem befehlsgewohnten Mannes, der mit Geld alles kaufte. In erster Linie Menschen. Im Augenblick war er offensichtlich dabei, einen Privatdetektiv zu erstehen.

Bount hatte nichts gegen Leute, die in der Lage waren, einen Detektiv zu bezahlen. Schließlich lebte er davon. Aber er machte Unterschiede. Er ließ sich nicht vor einen Karren spannen, in dem Mist transportiert wurde. Und der Fall, den ihm Carlo Mallon am Apparat flüchtig geschildert hatte, stank für seine Begriffe ziemlich aufdringlich.

Bount drückte kurz auf die Hupe und wartete, dass jemand erschien, um das schmiedeeiserne Tor zu öffnen. Auf einem so weiträumigen Grundstück würde wohl Platz für seinen Wagen sein.

Aber er wartete vergebens. Nichts rührte sich. Weder ein Bediensteter, von denen Mallon zweifellos ein ganzes Regiment beschäftigte, noch der Hausherr selbst hielt es für nötig, den Besucher hereinzubitten.

Bount spielte mit dem Gedanken, einfach Gas zu geben und wieder nach Manhattan zurückzukehren. Er war doch kein Hanswurst, den man warten ließ, um seine Wichtigkeit zu unterstreichen.

Doch dann sagte er sich, dass es immerhin um einen Mord ging. Er war nicht hier, weil man Mallon eine diamantene Krawattennadel stibitzt hatte. Verbrechen unterlagen besonderen Gesetzen. Allzu leicht folgten weitere Gewalttaten. Vielleicht war Carlo Mallon etwas zugestoßen.

Bount Reiniger stellte den Motor ab und öffnete den Schlag. Unwillkürlich tastete er zu jener Stelle unter seinem Sakko, an der er seine Automatic wusste. Die Stille vor dem Bungalow wirkte bedrohlich auf ihn. Seine Nerven spannten sich.

Blitzschnell sah er sich nach allen Seiten um. Seine Augen suchten nach verdächtigen Bewegungen. Er war darin geübt, aus flüchtigsten Wahrnehmungen reaktionsschnelle Schlüsse zu ziehen.

Aber diesmal blieb alles unverändert. Kein Laut, kein Schatten, nichts.

Bount Reiniger steuerte auf das Tor zu und streckte seinen Finger nach dem Klingelknopf aus.

Er zögerte. Ein unerklärliches Gefühl hielt ihn davon ab, zu läuten und damit möglicherweise einen Gangster auf sich aufmerksam zu machen.

Warum wurde er diesen Gedanken nicht los? Ein Haus, dessen Tür nicht geöffnet wurde, war kein ausreichender Grund für den Verdacht einer strafbaren Handlung.

Er behielt den Bungalow, der in abenteuerlichen Popfarben leuchtete, im Auge und begann, am Zaun entlangzuschreiten.

Bereits nach zehn Yards biss er die Zähne grimmig aufeinander. Das flüchtige Rascheln in dem dichten Gehölz unmittelbar hinter dem Zaun war weder vom Wind noch von einem Tier verursacht worden. Da lauerte jemand und beobachtete ihn. Den Kerl wollte er sich kaufen.

Ohne zu stocken, ging er weiter, merkte sich aber genau die Stelle, zu der er zurückkehren würde.

Er rechnete damit, dass der Zaun des Nachts durch ein Alarmsystem gesichert war. Jetzt aber war heller Nachmittag. Er konnte einen Versuch wagen.

Als er sich weit genug von dem Unbekannten entfernt hatte, peilte er einen Kastanienbaum an, dessen starke Äste über ihm hingen. Zu hoch, um sie ohne Hilfsmittel zu erreichen. Aber ein solches Hilfsmittel stand ja zur Verfügung. Der Zaun.

Bount Reiniger benutzte die geschmiedeten Eisenrosen als Steighilfe. Keine Sirene ertönte. Im Haus regte sich nichts.

Als er den untersten Ast erreichen konnte, wechselte er in den Kastanienbaum und vermied so die lanzenartigen Zaunspitzen, die seinem Anzug wahrscheinlich ein neues Aussehen gegeben hätten.

Jenseits des Zaunes glitt er geräuschlos zu Boden, nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Mann im Gehölz nicht auf ihn aufmerksam geworden war.

In unmittelbarer Nähe gab es genügend Gewächse, die Bount Reiniger als Deckung dienen konnten. Er benutzte sie, um sich in weitem Bogen an den Burschen heranzuschleichen. Er war schon auf dessen Gesicht gespannt.

Der andere hörte ihn zu spät. Er zuckte herum und starrte den Eindringling entgeistert an. Seine behaarte Rechte fuhr in die Außentasche seiner Jacke, die sich hässlich beulte. Er trug vermutlich nicht seine Lesebrille darin.

Mit zwei weiten Sätzen war Bount Reiniger bei dem Halunken, dessen rotfleckiges Gesicht sich verfärbte.

„Lass dein Spielzeug stecken!“, warnte er mit kalter Stimme. „Wir unterhalten uns auf andere Weise.“

Der Vorschlag gefiel dem anderen nicht. Er dachte nicht daran, die begonnene Bewegung zu stoppen. Die Hand kam mit einer Luger zum Vorschein. Ihr Lauf glänzte, als ein Sonnenstrahl ihn traf.

Bount Reiniger hoffte, eine Schießerei vermeiden zu können. Sein Gegenüber konnte ihm zweifellos verraten, warum es in diesem Haus so gespenstisch ruhig war.

Bount warf sich schräg nach vorn und brachte sich damit einerseits aus der Schusslinie und andererseits dicht genug an seinen Widersacher heran, dass er ihm die Faust in die Armbeuge schlagen konnte.

Der Bursche heulte auf, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Die Faust mit der Luger ruckte in die Höhe. Das war aber lediglich der Reflex auf den Schlag.

Ein Schuss löste sich und bohrte sich steil in den Himmel. Ein paar Äste knackten. Rosafarbene Blüten rieselten auf die beiden Männer. Sie taten keinem weh.

Bount Reiniger raffte sich auf und schlug erneut zu. Diesmal nahm er die Kniekehle zum Ziel. Seine Handkante traf. Der Schrei des Überraschten war kläglich und ohne Widerstand.

Aber noch ließ er die Pistole nicht fallen. Er klammerte sich verzweifelt an sie und suchte damit seinen Gegner, der plötzlich als überlebensgroßer Schatten vor ihm hochwuchs und ihm die Waffe aus der Hand drosch.

„Manche lernen's nie“, bemängelte Bount Reiniger verächtlich. „Ich schätze, du guckst zu viel in die Röhre. Die ewigen Krimiserien haben dich total versaut. Lies mal wieder ein Buch. Das aktiviert deine Gehirnzellen und lässt dich deine Möglichkeiten besser abschätzen. Mit ’nem Schießeisen in der Hand bist du nicht automatisch ein Mann.“

Er steckte seine .38er in das Schulterholster zurück und packte sein zitterndes, Gegenüber an den Jackenaufschlägen.

„Nachdem ich jetzt genug geredet habe“, fuhr er gelassen fort, „überlasse ich nun dir das Wort. Ich denke, du hast mir einiges zu erzählen.“

„Das denken wir auch, du Filzlaus“, erklang eine rostige Stimme hinter dem Detektiv. „Nimm deine Dreckpfoten von Jimmys guten Anzug und pflück uns ein paar Blüten. Aber von dem höchsten Ast, wenn ich bitten darf.“

Verdammt! Er hatte nicht in Betracht gezogen, dass der Schlotternde Komplizen besaß. Offensichtlich handelte es sich um eine ganze Bande. Da hatte er sich in ein gefährliches Nest gehockt.

Bount Reiniger erwog in Sekundenschnelle sämtliche Möglichkeiten.

Alles wäre halb so tragisch gewesen, wenn er seine Automatic nicht vorzeitig aus der Hand gegeben hätte. Jetzt war es unmöglich, sie erneut zu ziehen. Bevor er das schaffte, hatte er ein hässliches Loch im Rückenteil seines Sakkos.

Aber auch wenn er der Aufforderung des Gangsters nachkam, schätzte er seine Aussichten nicht sehr rosig ein. Die Halunken hielten sich kaum in fremden Gärten auf, um hier zu campen. Dass Mallon ihm nicht geöffnet hatte, lag mit Sicherheit an dem ungebetenen Besuch.

Bount Reiniger entschied sich für die dritte Möglichkeit. Sie war am erfolgsversprechendsten, zumal die Ganoven wohl nicht ohne Not das Leben ihres Kumpans gefährden würden.

Er hob also gehorsam die Hände, ließ dabei den zappelnden Jimmy aber nicht los, sondern schleuderte ihn über sich hinweg,während er sich fallenließ.

Jimmy segelte durch die Luft und verursachte knackende Geräusche in dem Gehölz, als würde eine Elefantenherde hindurchwalzen.

Erst jetzt konnte Bount Reiniger die Flugbahn verfolgen und stellte mit Genugtuung fest, dass er den Standort seiner neuen Gegner recht gut eingeschätzt hatte.

Es waren zwei Typen, die hastig versuchten, sich vor dem lebenden Wurfgeschoss in Sicherheit zu bringen. Dabei entschieden sie sich zu ihrem Pech für entgegengesetzte Richtungen und prallten gegeneinander.

Jimmy machte die Verwirrung komplett. Er landete haarscharf auf ihren Köpfen und riss einen seiner Kumpane zu Boden.

Der andere konnte sich nicht mehr rechtzeitig stoppen und blieb mit den Füßen an dem Menschenknäuel hängen. Dadurch kam auch er zu Fall.

Bount Reiniger hechtete gekonnt vom Boden hoch, denn er sah, dass die Strolche ebenfalls bewaffnet waren. Einer hatte sein Schießeisen zwar in der Aufregung verloren, doch es lag fast genau neben seiner rechten Hand. Er brauchte es nur zu merken und zuzufassen. Der andere schoss wie wild in die Luft, was bei seinen Freunden die einzig mögliche Reaktion zur Folge hatte. Sie schlugen ihm den Revolver zu ihrer eigenen Sicherheit aus der Faust.

Im gleichen Moment landete Bount Reiniger auf ihnen. Er schnappte sich die beiden obersten und stieß ihre Köpfe zusammen.

Jimmy versuchte, seine Hände hochzunehmen. Das gelang ihm aber nicht, weil einer der Ganoven quer über seinen Armen lag und sich nicht mehr rührte.

Bount Reiniger erhob sich schwer atmend und sammelte die Waffen ein. Eine davon richtete er auf die drei Männer, die sich nicht zu bewegen wagten und ihm feindselig und voller Hass entgegenstarrten.

„Jetzt können wir unsere Unterhaltung fortsetzen, Jimmy“, schlug er vor. „Du wolltest mir gerade sagen, was du im Garten von Mister Mallon zu suchen hast. Oder machst du ohne deinen Anwalt den Mund nicht auf?“

Jimmys Augenlider flatterten. Er sah seine beiden Kumpane hilfesuchend an, doch von denen durfte er keine Unterstützung mehr erwarten. Sie waren genauso geschockt wie er selbst.

Trotzdem gewann er plötzlich an Sicherheit. Er wurde ruhiger. Bount Reiniger folgerte, dass es noch einen vierten Mann gab, mit dessen Eingreifen der Strolch rechnete.

Bount Reiniger spürte die Gefahr in seinem Rücken. Dieses unmissverständliche Kribbeln kannte er zur Genüge. Aber diesmal hatte es ihn zu spät gewarnt.

Als er herumschnellte und gleichzeitig mit einem Riesensatz über die drei am Boden Liegenden hinwegsprang, sah er den Mann mit der Schrotflinte und dem unbeweglichen Gesicht. Der Doppellauf des Gewehrs war genau auf seine Brust gerichtet. Er wusste, wie er aussehen würde, wenn ihn eines der Geschosse aus dieser geringen Distanz traf.

„Waffe fallen lassen!“, schnarrte der Unbekannte.

Diesmal blieben nur zwei Alternativen: gehorchen oder Selbstmord.

Die Entscheidung fiel nicht schwer, wenn sie auch bitter schmeckte. Der Revolver fiel ins Gras.

Der andere zeigte keine Spur von Genugtuung oder sonst einer Gefühlsregung.

„Name!“, zischte er.

„Reiniger“, antwortete Bount gepresst. Noch gab er sich nicht verloren. Solange er atmete, besaß er auch eine Chance. Die Gewehr und Revolvermündungen, die ihn in den letzten Jahren bedroht hatten, konnte er nicht mehr zählen. Auch Schrotflinten waren dabei gewesen. Warum sollte ausgerechnet diese die letzte sein?

„Durchsucht ihn!“, kam der Befehl an die Männer, die erst jetzt wagten, sich zu erheben. „Aber stellt euch nicht wieder so dämlich an, dass ihr mir womöglich die Schusslinie versperrt. Dieser Bursche wartet nur auf einen Fehler von euch.“

Wie recht du hast!, dachte Bount Reiniger grimmig. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn du selbst einen Fehler machst. Irgendwann machst du ihn sowieso. Warum nicht jetzt gleich?

Doch der brutal wirkende Mann mit dem Schrotgewehr tat ihm diesen Gefallen nicht, und auch dessen Leute gaben sich diesmal keine Blöße. Sie durchsuchten und entwaffneten ihn und förderten schließlich seine Papiere, ein paar Spezialwerkzeuge, die Zigaretten und sein Bargeld zutage.

Alles brachten sie dem Mann, der offensichtlich ihr Boss war.

Bount Reiniger wartete auf den Moment, an dem sich der Gangster in die Papiere vertiefen würde. Dieser Augenblick geteilter Aufmerksamkeit musste ihm genügen. Ein Sprung, der die tölpelhaften Strolche zwischen ihn und die schussbereite Waffe bringen würde, sollte das Blatt wenden.

Doch es kam anders.

„Lies vor!“, befahl der Gangster.

Jimmy gehorchte und las Wort für Wort den Text einer Kreditkarte, einer Restaurantrechnung und der Lizenzkopie.

Der Boss hörte aufmerksam zu.

„Soso!“, sagte er schließlich. „Ein Privatdetektiv, der über fremder Leute Zäune klettert. Hochinteressant! Geht mal ein Stück beiseite! Ich möchte mich mit unserem Freund unter vier Augen unterhalten.“

Dabei grinste er hinterhältig und korrigierte die Richtung des Gewehrs geringfügig.

 

 

4

Hoss Farrich ahnte nicht, dass ihm ein Schatten folgte. Sonst hätte er sich kaum so sorglos bewegt. Er fuhr mit seinem Fiat zu einer Adresse in Queens und stellte den Wagen ab.

Er wusste, dass Blair um diese Zeit allein in der Wohnung war. Er wusste überhaupt eine Menge über diese Frau. Schon seit einigen Jahren. Das war kein Wunder, denn er liebte sie. Bedauerlicherweise hatte sie ihn auch abgewiesen und einen anderen geheiratet.

Unzähligen Männern widerfuhr ein ähnliches Schicksal. Die meisten fanden sich mit dem Unabänderlichen ab. Sie waren eben anders als Hoss Farrich. Er war keinesfalls bereit, den Kampf um Blair aufzugeben.

Das hatte zwei schwerwiegende Gründe. Der eine war egoistischer Natur. Ein gemeinsames Leben mit dieser Frau stellte er sich herrlich vor. Blair sah fantastisch aus, war intelligent und sportlich. Außerdem wusste er aus einem leider zu kurzen Erlebnis, dass sie auch unwahrscheinlich zärtlich sein konnte.

Der zweite Grund besaß aber noch mehr Gewicht. Er war nämlich davon überzeugt, dass Blair in ihrer Ehe nicht das erwartete Glück gefunden hatte. Er glaubte, dass sie ihren Irrtum längst eingesehen hatte und sich demzufolge seinem Werben gegenüber wohlwollender zeigen würde.

Völlig unbegründet war diese Hoffnung nicht. Er hatte schon seit einiger Zeit telefonischen Kontakt mit Blair aufgenommen. Wenn sie auch ein Rendezvous mit ihm empört abgelehnt hatte, so war Hoss Farrich Kenner genug, um zu spüren, dass ihr Nein von der Furcht diktiert war. Von der Furcht vor ihrem Mann.

Den kannte Farrich ebenfalls, und er brachte ihm nicht die geringste Sympathie entgegen. Nicht nur, weil er ihm Blair weggeschnappt hatte. In seinen Augen war Reff Bücking ein Kerl, der allen Grund hatte, sein wahres Ich hinter einer geschniegelten Fassade zu verbergen. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn der Bursche in irgendeinem Bundesstaat in den Fahndungsbüchern der Polizei gestanden hätte.

Für so einen war Blair zu schade. Deshalb hatte Hoss Farrich gehofft, bei ihrem Vater Unterstützung zu finden.

Leider war diese Rechnung nicht aufgegangen. Guy Rüster war verblendet. Er sah die Gefahr nicht oder wollte sie nicht sehen. Er hatte ihn sogar geschlagen. Hoss spürte noch jetzt den Schlag auf seiner Wange.

Also gut! Dann muss ich es eben allein schaffen. Der knapp Dreißigjährige schob entschlossen sein Kinn vor. Auf dem Weg hierher hatte er seinen Entschluss gefasst. Diese Nacht sollte Blair nicht mehr in der Wohnung des verhassten Bücking verbringen. Später würde sie einsehen, dass die Entführung nur zu ihrem Besten geschah. Hoffentlich machte sie nicht zu große Schwierigkeiten!

Hoss Farrich verließ den Fiat und ging auf das Haus zu. Er schöpfte noch immer keinen Verdacht.

Es gab drei Aufzüge in dem Apartmenthaus. Blair wohnte im zehnten Stock. Er verschwendete keinen Gedanken darauf, den Weg zu Fuß zurückzulegen, obwohl er einige Zeit warten musste, ehe ein Lift für ihn frei war.

Die Tür schwang zu. Der Korb setzte sich in Bewegung. Sein Magen sackte nach unten und federte im nächsten Augenblick bis knapp unter seine Kehle. Die sausende Fahrt wurde urplötzlich unterbrochen. Der Fahrstuhl stand.

Hoss Farrich wartete darauf, dass sich die Tür öffnete, doch sie tat ihm den Gefallen nicht.

„Zum Teufel!“, murmelte er. „Muss das ausgerechnet jetzt passieren? Anscheinend hänge ich fest. Das kann ja heiter werden.“

Zu befürchten hatte er seiner Überzeugung nach nichts. Wer wollte ihm verbieten, in einem Haus, in dem keiner den anderen kannte, den Aufzug zu benutzen. Hoffentlich war die Störung bald behoben. Er hatte keine Lust, stundenlang zwischen Himmel und Erde zu hängen.

Während Hoss Farrich den Störungsknopf drückte, huschte sein Verfolger die Treppe hinauf. Es war für ihn kein Problem gewesen, den Fahrstuhl lahmzulegen. Technische Tricks kannte er jede Menge.

Als er in der fünften Etage ankam, legte er eine Verschnaufpause ein. Vom Erdgeschoss hörte er aufgeregte Stimmen. Der Kurzschluss war offensichtlich bemerkt worden.

Jetzt musste er sich beeilen. Sonst kam sein Opfer doch noch vor ihm an.

Keuchend erreichte er wenig später das zehnte Stockwerk. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Das passte glänzend in seinen Plan.

An der Leuchtanzeige sah er, dass sich der Aufzug mit Hoss Farrich der neunten Etage näherte.

Gleich kam sein Einsatz.

Als sich die Lifttür öffnete, brach er gekonnt zusammen und fiel dem Mann, der hastig die Kabine verließ, genau vor die Füße.

„Wasser!“, röchelte er mühsam und klammerte sich wie ein Ertrinkender an ihn.

Hoss Farrich stockte. Heute ging aber auch alles schief. Erst die Panne mit dem Fahrstuhl, die zum Glück nicht lange gedauert hatte, und nun wurde er erneut aufgehalten.

Aber er konnte den Mann nicht ohne Hilfe lassen. Was spielten ein paar Minuten für eine Rolle. Bücking würde erst Stunden später nach Hause kommen.

Er beugte sich zu dem Stöhnenden herab und sah dessen glühendes Gesicht. Ein Griff zum rasenden Puls beseitigte seine letzten Zweifel.

„Brauchen Sie eine Arznei?“, erkundigte er sich. „Soll ich einen Arzt verständigen?“

Jenky Dufter schlug die Augen auf und verdrehte sie gekonnt, sodass nur noch das Weiße zu sehen war.

„Können Sie mich zu meinem Wagen bringen?“, würgte er hervor.

„Aber Sie können doch in diesem Zustand nicht fahren“, widersprach Farrich. „Ich besorge ihnen ein Taxi.“

„Nicht nötig.“ Jenky Dufter richtete sich mit Unterstützung seines Helfers auf. „Meine Frau fährt; Sie ist beim Friseur, muss aber gleich fertig sein. Vielleicht sind Sie so freundlich und leisten mir ein paar Minuten Gesellschaft.“

Hoss Farrich zögerte. „Und das Wasser?“, erkundigte er sich.

Der andere lächelte gequält. „Es geht schon wieder. Im Handschuhfach habe ich meine Kapseln. Wenn ich eine schlucke, ist das Schlimmste überstanden.“

Hoss Farrich nickte. Er packte den Mann, den er für krank hielt, unter der Achsel und wuchtete ihn in die Höhe.

Die Fahrstuhltür stand noch immer offen. Sie betraten die Kabine und fuhren nach unten.

Farrich musste den Mann stützen, als sie das Haus verließen und auf den Ford zugingen, den der Hilfebedürftige als seinen Wagen bezeichnete.

„Die Schlüssel stecken in meiner rechten Jackentasche“, sagte Jenky Dufter.

Hoss Farrich öffnete die Beifahrertür und verfrachtete seinen Schützling im Wagen. Er selbst nahm hinter dem Steuer Platz, ohne jedoch den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Nervös blickte er auf die Uhr zwischen den Instrumenten. Hoffentlich tauchte die Frau bald vom Friseur auf!

„Fahr los!“, befahl Jenky Dufter plötzlich leise.

Hoss Farrich ruckte zu ihm herum. Der Mann hatte das Handschuhfach geöffnet, ihm jedoch statt einer Arzneischachtel eine matt glänzende Pistole entnommen. Die hielt er nun so, dass vorbeigehende Passanten sie nicht bemerken konnten, obwohl ihre Mündung genau auf Farrichs Bauch zeigte.

Der junge Mann hinter dem Lenkrad begann zu schwitzen. Teufel! Er hatte sich reinlegen lassen. Dass Rüster hinter dieser Schweinerei steckte, bezweifelte er keine Sekunde. Wer sonst?

Er hatte den Alten unterschätzt. Ein unverzeihlicher Fehler. Wie hätte er aber auch ahnen sollen, dass Rüster nicht einmal vor roher Gewalt zurückschreckte?

Ging es ihm wirklich nur um den guten Ruf seiner Tochter? Oder hatte er noch etwas anderes zu verbergen?

Die Klärung dieser Fragen war jetzt aber nicht vordringlich. Wenn man durch eine Pistole bedroht wurde, gab es Wichtigeres. Er musste sich darum kümmern, dass er am Leben blieb.

„Wird’s bald?“, drängte Jenky Dufter. Seine Stimme verhieß nichts Gutes.

Hoss Farrich fingerte den Schlüssel ins Schloss und startete den Motor. Er fragte sich besorgt, wohin diese Fahrt führen würde.

 

 

5

Bount musste alles riskieren. Der andere würde schießen. So oder so.

Eine Deckung gab es nicht. Jedenfalls nicht in unmittelbarer Nähe.

Bount fiel förmlich in sich zusammen und sprintete los. Er versuchte eine möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten. Aber immer noch zu groß für eine Ladung Schrot.

Während des Laufens riss er ein paar Grasnarben aus dem Boden und schleuderte sie nach seinem Gegner.

Der lachte plötzlich laut auf und ließ das Gewehr sinken.

„Sie geben wohl nie auf, Reiniger? Das gefällt mir. Ich schätze, Sie sind mein Mann.“

Bount Reiniger stoppte seinen Lauf nicht, sondern rannte voll in den Halunken hinein, der zu verblüfft war, um auszuweichen. Bounts Kopf prallte in eine Magengrube und entlockte dem Besitzer ein Stöhnen.

Im nächsten Moment sichelten seine Handkanten gegen den Ellbogen, der dicht vor seinen Augen auftauchte. Er griff nach der Schrotflinte und riss sie mit einem Ruck an sich.

Mit einem Schritt rückwärts brachte er sich in Sicherheit und die Waffe in Anschlag.

„Wie viele von euch hocken noch in dem Gebüsch?“, fragte Bount wütend. „Ein zweites Mal kriegt ihr mich nicht dran.“

„Wo bleibt Ihr Humor, Reiniger?“, war die Antwort. „Wenn ich abgedrückt hätte, wären Sie jetzt reif für Wiederbelebungsversuche.“

„Sie haben aber nicht geschossen. Manchmal versagen eben die Nerven. Das geht anderen auch so.“

„Ihnen wohl nie?“

„Würde ich sonst noch leben?“, konterte Bount.

„Genau das wollte ich in Erfahrung bringen. Und nun legen Sie den Prügel vorsichtig weg. Er ist nämlich tatsächlich geladen, aber ich hatte nie die Absicht, auf Sie zu schießen.“

„Ich glaube Ihnen jedes Wort, Mann. Erzählen Sie mir jetzt nur noch, dass Sie allesamt gute Freunde Mister Mallons sind, die sich gerade mit munteren Partyspielen die Zeit vertreiben.“

Der andere zog sein Gesicht in die Breite, obwohl es ohnehin schon breit genug war. „Sie sind ziemlich clever, Reiniger“, stellte er fest. „Aber hin und wieder scheinen sogar Sie ein Brett vor dem Kopf zu haben. Auf das Naheliegendste kommen Sie wohl nicht?“

„Und das wäre?“

„Ich bin Carlo Mallon und befinde mich auf meinem eigenen Grund. Hier habe ich das Recht, mich vor Eindringlingen zu schützen.“ Sekundenlang war Bount verblüfft. „Sie wollen Mallon sein? Dann müssen Sie ein verdammt schlechtes Gedächtnis besitzen.“

„Sie meinen, weil ich mich nicht an unser Telefonat erinnere, in dem ich Sie zu mir bat?“

„Oha! Zumindest scheinen Sie davon gehört zu haben. Was haben Sie mit Mallon angestellt?“

Sein Gegenüber winkte ab. Die anderen drei Galgenvögel grinsten.

„Hören wir endlich mit dem Theater auf, Reiniger. Sie haben den Test glänzend bestanden. Kommen wir zum Geschäftlichen!“

Der Detektiv blieb wachsam. „Von welchem Test faseln Sie?“, wollte er wissen.

Der andere lachte blechern. „Ich sehe mir meine Geschäftspartner vorher immer sehr genau an. Ich wollte wissen, wie leistungsfähig Sie tatsächlich sind. Auf Empfehlungen gebe ich nichts. Ich will mir mein eigenes Bild machen. Ich muss sagen, Sie rechtfertigen Ihren legendären Ruf. Sie sind mit meinen Leuten umgesprungen, als hätte es sich um eine lange geprobte Filmszene gehandelt. Sie haben noch nicht mal vor meiner Schrotlady kapituliert. Sie werden auch den wahren Mörder meines Bruders finden.“

Allmählich entspannte sich Bount Reiniger. „Ich muss sagen, Sie bedienen sich ziemlich ungewöhnlicher Methoden. Ihre Kugelspucker hätten mich umbringen können.“

„Sie leben“, stellte Carlo Mallon lakonisch fest. „Ein toter Detektiv in meinem Garten hätte mir sehr geschadet, zumal ich befürchte, dass man mir den Mord an meinem Bruder anhängen wird. Ich kenne doch unsere Polizei. Ein Ölbaron wird umgelegt. Er hinterlässt einen einzigen Erben. Wer ist also der einzig mögliche Täter? Dreimal dürfen Sie raten.“

„Ich bin sicher, dass Sie noch den Beweis Ihrer Identität antreten werden“, entgegnete Bount gedehnt. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie, dass der Tod Ihres Bruders gesühnt wird, und trauen das der Polizei nicht zu.“

Carlo Mallon stemmte die Fäuste gegen die Hüften. Er stand breitbeinig da. Seine Mundwinkel hingen nach unten.

„Das ist nur zum Teil richtig“, korrigierte er. „Es stimmt, dass ich unserer Ordnungsgewalt allenfalls die Befähigung zuspreche, Strafzettel für falsches Parken auszustellen. Das allerdings auch nur, wenn sie zu zweit sind, damit einer die Fahrzeugnummer vorlesen und der andere sie aufschreiben kann. Bei dem anderen Punkt sind Sie auf dem Holzweg. Ich habe mich mit Jerome nie besonders gut verstanden. Warum soll ich etwas anderes behaupten? Sie kriegen die Wahrheit ja doch heraus. Nicht dass ich ihn gehasst hätte, nicht dass ich ihm dieses Ende gewünscht hätte. Aber ich müsste lügen, wollte ich behaupten, dass mir sein Tod unter die Haut geht. Jerome war anders als ich. Wie soll ich mich ausdrücken. Er liebte die verschlungenen Wege, um zum Ziel zu gelangen. Verrückterweise hatte er Erfolg damit. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Als er zwanzig und ich achtzehn war, standen wir beide auf das gleiche Girl. Judy hieß es. Eine Puppe für die irrsten Ideen. Ich bestürmte sie bei jeder Gelegenheit, lud sie ein, stürzte mich mit Blumen und Geschenken in Unkosten und rackerte mich in einem Kraftstudio ab, um auf sie Eindruck zu machen. Was tat mein Herr Bruder? Er spielte den Uninteressierten, machte sie sogar auf mich aufmerksam, zufällig aber immer dann, wenn ich eine mäßige Figur abgab. Als ich sie endlich so weit hatte, dass sie sich mit uns beiden verabredete, ließ er sich gar nicht blicken und entschuldigte sich am nächsten Tag mit einer fadenscheinigen Ausrede. Was soll ich lange erzählen. Was glauben Sie, auf wen Judy schließlich abfuhr?“

„Auf Ihren Bruder vermutlich“, tippte Bount.

„Man sollte es nicht für möglich halten, aber genauso war es. Mit solchen raffinierten Tricks arbeitete er sein ganzes Leben lang. Diese Methoden haben mir nie gelegen. Ich steuere mein Ziel direkt an und haue lieber mit der Faust auf den Tisch, als ein chinesisches Lächeln aufzusetzen.“

„Oder Sie bohren Ihren Geschäftspartnern eine Schrotflinte in den Bauch“, ergänzte Bount.

Carlo Mallon lachte. „Warum nicht? Da weiß wenigstens jeder, wie er mit mir dran ist. Klar, dass man sich damit nicht gerade Scharen von Freunden schafft.“

„Besonders nicht bei der Polizei.“

„Ein wahres Wort, Reiniger. Deshalb arbeite ich auch lieber mit Ihnen. Mit Ihnen kann man reden. Jerome ist tot. Daran können wir beide nichts mehr ändern. Ich nehme an, dass er sich mit seinen linken Methoden genügend Feinde geschaffen hat, die ihm seine Erfolge neideten. Die Motive des Täters sind mir gleichgültig. Ich will nur in Ruhe meinen eigenen Geschäften weiter nachgehen können. Das ist nicht möglich, wenn sich die Polizei in mich verbeißt. Bringen Sie diesen Amateuren den wirklichen Mörder. Das ist Ihr Auftrag. Und hier ist Ihr erster Scheck.“

Er zog ein Blatt Papier aus der Sakkotasche und hielt es Bount hin.

Bount Reiniger griff nicht danach. Sein Gesicht war ernst. Er musterte seinen Gesprächspartner aufmerksam.

„Was erwarten Sie, sich damit zu erkaufen? Soll ich Sie aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen?“

„Das versteht sich wohl von selbst.“

„Für mich nicht, Mallon. In manchen Dingen bin ich so begriffsstutzig wie die Polizei. Ich streiche Sie erst, wenn ich von Ihrer Unschuld überzeugt bin.“

„Was soll das? Ich sagte Ihnen doch, dass ich nicht behindert werden will.“

„In diesem Punkt sind wir uns einig. Auch ich lasse mir bei meiner Arbeit nur ungern Fesseln anlegen. Also entweder sind Sie mit meinen Praktiken einverstanden, oder Sie nehmen Ihren Scheck und scheren sich zum Teufel.“

Carlo Mallons Gesicht verzerrte sich. „Sind Sie wahnsinnig, Reiniger? Wie reden Sie mit mir?“

„Es ist die Sprache, die Sie am besten verstehen. Sie lieben doch keine Umschweife. Ich lasse mich gerne gut bezahlen, aber ich bin nicht käuflich. Vielleicht erkennen Sie den feinen Unterschied. Sonst sollten Sie ihn sich von Ihren Leuten erklären lassen. War nett, Sie alle kennengelernt zu haben. Wenn ich mich mal wieder so richtig austoben möchte, rufe ich an. Dann können Sie wieder so eine Nummer inszenieren.“

Bount drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Tor. Die Schrotflinte nahm er vorsichtshalber mit.

Er hatte noch nicht die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, als Mallon heranschnaufte. Er stopfte dem Detektiv den Scheck in die Tasche und grinste gequält.

„Nichts für ungut, Reiniger“, brummte er. „Ich hätte wissen müssen, dass Sie sauer reagieren würden. Machen Sie also, was Sie wollen. Wühlen Sie in meiner Vergangenheit, in meinem Privatleben, in allem, was Ihnen Spaß macht. Ich bin ein bisschen durcheinander. Ich habe Jerome nicht vergöttert, aber schließlich verliert man nicht alle Tage seinen einzigen Bruder und nahen Verwandten.“

„Und was gewinnen Sie dadurch?“, fragte Bount kühl.

Mallon versteifte sich. „Sie meinen, wie groß Jeromes Vermögen ist?“

„Es genügt, wenn Sie mir die Millionen nennen. Das Kleingeld können wir uns sparen.“

Mallon hob die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, ehe Jeromes Vermögensverhältnisse restlos geklärt sind. Auch seine Buchführung war so verworren, wie alles, was er tat. Er war ein durchtriebener Fuchs und ließ keinen in seine Karten schauen.“

„Na schön“, meinte Bount seelenruhig, „dann lassen Sie mich wenigstens einen Blick in Ihr Blatt werfen.“ ’

 

 

6

Von Carlo Mallon erfuhr Bount Reiniger einige Details, die die Polizei am Tatort ermittelt hatte. Danach war sein Bruder im Arbeitszimmer an seinem Schreibtisch sitzend erschossen aufgefunden worden. Eine Kugel in die Stirn hatte ihn getötet. Er war am Morgen von seinem Chauffeur gefunden worden, der ihn ins Büro hatte fahren wollen.

Spuren eines Kampfes hatten nicht festgestellt werden können. Der Tod musste den Ölbaron völlig überraschend ereilt haben.

Ein konkreter Verdacht bezüglich des Täters bestand angeblich noch nicht, doch Carlo Mallon traute dieser offiziellen Darstellung nicht.

„Natürlich glauben Sie, dass ich es gewesen bin“, sagte er wütend. „Sie versuchen nur noch, mein Alibi zu erschüttern. Dann packen Sie zu.“

„Ist Ihr Alibi denn zu erschüttern?“, wollte Bount Reiniger wissen.

Sein Auftraggeber schnaubte verächtlich. „Können Sie jede Stunde der letzten Nacht belegen?“, fragte er zurück. „Des Nachts schläft ein braver Bürger, und wenn er besonders brav ist, schläft er sogar allein und im eigenen Bett. Es gibt also keine Zeugen.“

„Sie waren demnach brav?“

Details

Seiten
122
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921397
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434695
Schlagworte
bount reiniger todesliste york detectives

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Titel: Bount Reiniger auf der Todesliste: N.Y.D. – New York Detectives